„Meinen Sie?” erwidert der Doktor. „Ich meine, es sei ein schlechter Tag.”
Der Apotheker grüßt den Konsul mit einem Handschlag. Dann reicht er auch dem Doktor die Hand und sagt: „Darf ich auch Sie begrüßen?”
„Sie meinen, ob ich es mir gefallen lasse?”
Das war wohl dieses Mannes Art, zu scherzen, und die Hand des Apothekers ergriff er nicht.
„Eine Zigarre, Herr Apotheker!” bietet der Konsul an. Darauf nimmt er einige große Bogen Papier vom Tisch auf, liest ein wenig darin, ordnet sie nach der Seitenzahl und legt sie dann wieder aus der Hand.
„Sie sind beschäftigt, wie ich sehe,” sagt der Apotheker. „Ich gehe sofort wieder.”
„Es sind nur diese Konsulate, die ich auf dem Halse habe,” sagt der Konsul.
„Die sind wohl auch nicht nur ein reines Vergnügen?”
„Ich bin eben dabei, die Berichte an meine Regierungen auszuarbeiten, und das ist wahrhaftig keine kleine Arbeit.”
Es kann gut sein, daß der Konsul das halb im Scherz sagt, aber er sagt es doch mit Würde und macht den Eindruck, als ob seine Ehrenämter eine rechte Last wären.
„Ihre Regierungen?” fragt der Doktor. „Das ist ja sonderbar, haben Sie mehrere Regierungen? Ich habe nur eine einzige Regierung: die norwegische.”
So viel konnte der Konsul zur Not tun: er konnte überhören, was der Doktor sagte, und den Apotheker fragen, ob er nicht einen sehr guten Wein haben wolle, Madeira, den und den Jahrgang.
„Was kostet er denn? Nein, das ist für die Apotheke zu teuer. Aber ich kann fünfzig Flaschen für meinen eigenen Gebrauch nehmen.”
„Mir bietet er keinen an,” dachte der Doktor. „Der Krämer, der Jude!” dachte er nebenbei. „Wo ist Scheldrup gegenwärtig?” fragt er laut.
„In Havre. Warum fragen Sie?”
„Wann kommt er denn nach Haus?”
„Das weiß ich nicht. Er bleibt wohl noch eine Weile fort.”
„Es ist neun Monate her, seit er zum letzten Male hier war.”
Der Konsul besinnt sich und sagt: „Ja, das stimmt.”
„Ja, das stimmt,” sagt auch der Doktor. Dann gähnt er ungeniert, steht auf und streift seine Zigarrenasche auf die geputzte Ofenplatte.
„Bitte, hier ist ein Aschenbecher!” sagt der Konsul.
„Ach, entschuldigen Sie!”
Der Doktor tritt ans Fenster und sieht auf die Straße hinaus. Er zeigte sich wirklich im höchsten Grade überlegen, einem doppelten Konsul so einfach den Rücken zu kehren!
„Kann ich den Herren heute mit irgend etwas dienen?” fragt der Konsul.
Der Apotheker lehnt dankend ab und ruft: „Kommen Sie, Herr Doktor! Wir dürfen dem Herrn Konsul nicht länger zur Last fallen.”
„Ich sehe den Kindern da unten zu,” sagt der Doktor, ohne sich zu beeilen oder sich auch nur umzudrehen. „Ein kleines Mädchen, auch mit braunen Augen, das gehört gewiß Oliver.” Dann dreht er sich um und sagt zu dem Apotheker gewandt: „Meinen Sie nicht, es gebe allmählich viele Kinder mit braunen Augen hier in der Stadt?”
Der Apotheker sagt ausweichend: „So? Nein, davon weiß ich nichts.”
„Und gestern ist ein neues dazu gekommen.”
Der Apotheker sagt, noch immer ausweichend, aber nervös und verdutzt: „Ein neues? Ja, was soll man dazu sagen?”
„Bei Henriksen auf der Werft wieder einmal. Das heißt bei Frau Henriksen. Das ist jetzt das zweite braunäugige bei ihr.”
Um den Doktor zum Weiterreden zu veranlassen, sagt der Apotheker nun sehr eifrig: „Was Sie sagen! Das sind Jakobs Stäbe. War da nicht eine Geschichte mit schwarzen und weißen Stäben?”
Der Doktor knöpft sich den Überrock zu und macht sich in aller Gleichgültigkeit zum Gehen bereit. „Was mansagen soll, fragen Sie? Nun, man kann ja auch schweigen. Ein Wunder ist es nicht, weder in dem einen noch in dem andern Hause, es ist eine ganz natürliche Sache. Diese blauäugigen Eheleute haben braunäugige Kinder von einem braunäugigen Vater, wer er auch sein mag.”
„Was Sie sagen!”
„Soll ich das nicht sagen? Das ist kein atavistischer Zufall. Ich hab' ein wenig nachgeforscht, es gibt keine braunen Augen in der Familie, wenigstens nicht, wo die Verwandtschaft noch einen Einfluß haben könnte.”
„Das ist ja eine verfluchte Geschichte, entschuldigen Sie!”
Der Konsul nimmt an der Unterhaltung mit einem gelegentlichen Lachen teil oder sagt „Hm!” Sonst steht er gelassen da und wartet darauf, daß die Herren sich verabschieden.
„Na ja, entschuldigen Sie, Herr Konsul,” grüßt der Doktor endlich. „Es ist übrigens sehr schade, Herr Apotheker, daß Sie den Madeira noch nicht haben, sonst hätte ich mit Ihnen kommen und den Wein versuchen können.”
„Ich werde ihn heute nachmittag schicken,” verspricht der Konsul.
Schon unter der Tür sagt der Doktor: „Denken Sie über das nach, was ich von Fräulein Fia gesagt habe, Herr Konsul. Wir möchten sie doch gerne stark und gesund haben. Ich hab' ein ganz besonderes Herz für die reizende kleine Dame.”
Jetzt sitzt der Konsul allein in seinem Kontor und stiert in seine großen Kanzleibogen hinein; er ordnet sie nach der Seitenzahl und legt sie wieder aus der Hand. Was wollten die Herren bei ihm? Regte sich ein Verdacht bei ihm über dieses „zufällige” Zusammentreffen? Hatten sie das miteinander ausgemacht, um dem Doppelkonsul einen Duck zu tun?
Sein Gesicht wird immer ernster. Als der Apotheker anklopfte, hatte der Doktor sofort herein gerufen, damit sein würdiger Spießgeselle nicht wieder gehe. Komplott! Verschwörung!
Plötzlich macht der Konsul die Tür zum Laden auf und sagt zu Berntsen, seinem Geschäftsführer: „Schreiben Sie dem Herrn Doktor seine Rechnung heraus, er hat darum gebeten!”
Aber nachdem Konsul Johnsen diesen Befehl erteilt hat, ist er dennoch nicht fertig mit der Sache; er hat allerlei nicht hergehörige Gedanken im Kopf. Seht, er kann also nicht mehr wie in früheren Zeiten alles leicht nehmen, ein lästiger Hintergedanke kann sich jetzt einstellen und seine Arbeitslust lähmen. Die Berichte müssen warten, Berntsen kann sie übrigens auch schreiben.
Er tritt an den Spiegel, setzt den Hut auf, bemüht sich, sein sorgloses Gesicht von früher aufzusetzen, und wandert mit einigen fertigen Briefen auf die Post.
Der Konsul gibt wohl einer bedrängten Stimmung nach, wenn er mitten in der Arbeitszeit sein Kontor verläßt; er sucht Ablenkung. Es ist ein Vorwand, wenn er selbst seine Briefe auf die Post bringt, das tut sonst ein Laufjunge. Es ist ebenfalls ein Vorwand, wenn er auf der Post die Dampferlinien auf den Plänen an der Wand studiert, es geschieht nur, um dem Personal Zeit zu lassen, im inneren Kontor mitzuteilen, Konsul Johnsen selbst stehe draußen.
Mit verwunderten und fragenden Blicken kommt der Postmeister heraus und fragt, ob er dem Herrn Konsul mit irgend etwas dienen könne?
Nein, danke. Doch wenn er Zeit habe, möchte er in den Büchern nach einem eingeschriebenen Brief forschen, er habe einen Scheck enthalten, und der Konsul habe seither nichts mehr davon gehört.
Sie gehen ins innere Kontor, und die Sache wird sofort aufgeklärt; danach unterhalten sie sich. Hier ist es kühl, es riecht ein wenig nach Lack- und Stempelfarbe, und an den Wänden hängen farbige Zeichnungen von Gottes- und Menschenhäusern, von einzelnen Türmen, von einzelnen Portalen, von Friesen, Schnitzwerk, schönen Türen, Kaminen, alles Werke der freien Phantasie. Im Garten vor dem Fenster wiegen einige dichte Fliederbüsche ihre Dolden im Winde.
Hier sitzt nun der Konsul und horcht auf ein sonderbares Geplauder, so ganz anders, als was ihm tagtäglich in den Ohren tönt. War er darum hergekommen? Gewöhnlich langweilte der Postmeister ja die Menschen zu Tode, der Doktor lief ihm davon. „Gott hat mir nicht die Geduld verliehen, dieses Geschwätz mit anzuhören,” pflegte er zu sagen. Der Konsul hat sich auf einen Stuhl gesetzt, er muß müde sein oder ratlos.
Ach, dieser Schwätzer von Postmeister! Er war ja sehr wohlmeinend und seelengut, aber langweilig, gerade wie der Schmied Carlsen, mit dem einen Unterschied jedoch, daß der Schmied beinahe niemals redete und andere quälte, sondern nur immer ganz albern zufrieden war. Zufrieden in einer Welt wie dieser! Die beiden glichen den Weibern am Brunnen, ach, sie waren selber nichts anderes als zwei Weiber am Brunnen, nur daß ihr Geschwätz einen frommen Inhalt hatte, aber ihre Seelen waren erfüllt von derselben Weibereinfalt. Sie hatten sich zu einer Art von Lebensansicht durchgerungen und behalfen sich damit: der Postmeister war auf philosophischem Wege zu seinem Standpunkt gekommen. Zuweilen kamen allerdings die Ereignisse des Lebens und schlugen ihnen derb auf den Mund, allein das schien ihre Ansichten nicht zu beeinflussen. So hatte zum Beispiel Schmied Carlsen sehr mißratene Kinder, hielt aber dennoch an seinen frommen Ansichten fest und fuhr fort, Gott für Gut und Böse zu danken. War das nicht der Glaube von Israel? Die beiden Männer könnten ja vielleicht recht haben, dachten die Leute, sie waren vielleicht ein Beispiel und Vorbilder. Aber die Stadt wurde darum nicht anders, die Stadt war der kleine, krabbelnde Ameisenhaufen, und da war das wohl ein Beweis dafür, daß das Leben seinen Gang ging, trotz aller Theorien, vielleicht hauptsächlich trotz aller religiösen Theorien. Sah es denn da nicht ganz hoffnungslos aus für zwei Gerechte in der ganzen Stadt, was focht sie an, daß sie sich nicht allen den andern anschlossen?
Der Postmeister hat vielleicht heute irgend etwas Freudiges erlebt, Gott mag es wissen, aber es kann wohl sein; jedenfalls ist er in bester Laune. Es gehörte nicht viel dazu, ihn aufzumuntern, er war ein genügsamer Mann. Sein ältester Sohn hatte vor einiger Zeit seine Steuermannsprüfung bestanden und auch sofort eine Stelle bekommen, und schon darüber war der Vater außer sich vor Freude. War denn solch ein Steuermannsposten so etwas Großartiges? „Er ist ein tief angelegter Junge,” sagte der Postmeister. „Was der uns für Briefe schreibt! Ich weiß übrigens nicht, welches das beste von unsern Kindern ist. Da ist auch noch der von meinen Söhnen, der auf dem Lande arbeitet. Er spart seinen Lohn zusammen undschickt seinen Schwestern Geld zu schönen Stiefeln. Das ist ein Kerl! Ich darf ihm gar nicht mehr zum Gruße die Hand geben, er drückt sie mir zu Brei, haha, der ist ein Bär! Und Sie sollten nur einmal sehen, wie er einen Knoten in einem Strick auflöst! Er hat Nägel wie Zangen; zuweilen aber nimmt er auch die Zähne zu Hilfe. Solche Zähne hat nicht jeder. — Scheldrup ist also immer noch in Havre?”
„Ja,” antwortet der Konsul.
„Das seh' ich an seinen Briefen; gestern hat der Doktor an ihn geschrieben.”
„So?”
„Ja. Und was Fia schön und artig geworden ist! Meine Frau hat sie heute vom Fenster aus gesehen und mich auch herbeigerufen. Ich bitte um Verzeihung, wollten Sie etwas sagen?”
„Nein, nein.”
„Heute morgen hab' ich einen weiten Spaziergang gemacht, den Weg, den der Herr Konsul nach seinem Landhause fährt. Sie wissen ja, die Straße führt plötzlich in den Wald, es ist, als ob die Welt ein Ende hätte, drinnen im Wald fängt eine ganz andere Welt an, sie ist freundlich gesinnt und merkwürdig ganz in Stille getaucht, und doch voll feiner Laute. Ich ging vom Weg ab, um niemand zu begegnen, und wanderte in den Wald hinein. Tief drinnen saß ein Mann. Er hatte mich gesehen, ich konnte also nicht mehr umkehren, er saß da und spielte Mundharmonika. Ein sonderbarer Mann, ein Arbeiter, ein Landstreicher. Ich redete lange mit ihm. Er war besonders aufgeweckt, sein Gespräch drehte sich um Geld und Essen, und der arme Kerl saß da und spielte Mundharmonika. ‚Warum sitzest du hier?’ fragte ich. — ‚Darf ich das nicht?’ erwiderte er. — ‚Doch.’ — ‚Was geht es denn dich an?’ fragte er. — ‚Nichts. Aber spiel' doch weiter!’ — ‚Was krieg' ich dafür?’ fragte er. — ‚Ein paar Groschen. Ich bin Postmeister hier in der Stadt, und es geht mir das Jahr über viel Geld durch die Hand, aber das gehört nicht mir.’ — ‚Na, Sie werden schon den einen und den andern Geldbrief für sich behalten,’ sagte er. — ‚Wie könnte ich denn das? Da würde ich sofort gefaßt.’ — ‚Nein,’ meinte er, ‚die feinen Leute halten ja alle zusammen. Nur wir auf der Walze werden gefaßt.’Das war ein dummes Gerede, und ich erklärte ihm, daß ich meinen festen Gehalt hätte, und wenn der reiche, so hätte ich im Grunde, was ich bedürfe. Aber das begriff er nicht, ihm reiche es nie, verdiene er Geld zu Schuhen, so habe er keines für Hosen und umgekehrt. Bei den Bauern sei eine ewige Plackerei, sagte er. Wenn er irgendwo um etwas zu essen bitte, so müsse er zuerst dafür arbeiten, und zwar schwer arbeiten. Holz hacken, die schwerste Arbeit im Sommer. Abends bekomme er dann Milch und Grütze, ohne Butterbrot, und die Milchschüssel ohne Rahm darauf, ‚den sie doch im Überfluß haben, die Erdwühler.’ Ein unzufriedener Mensch also, einer von den faulen und finsteren Gesellen. Wenn wir davon ausgehen, daß wir Menschen unter einem Gesetz der Entwicklung stehen, so war dieser Mann noch nicht weit gelangt; vielleicht ist er schon unzählige Male auf der Erde gewesen, hat aber kaum den winzigsten Fortschritt gemacht. So kehrt er also immer wieder so gut wie unverändert ins Dunkel zurück, und dann tritt er wieder ins Leben und fängt von neuem an.”
„Glauben Sie, daß es so zugeht?” fragte der Konsul lächelnd.
„Was soll man glauben? Wir können doch nicht gut einen ungerechten Urheber annehmen, das stößt auf zu viele Schwierigkeiten, wir müssen einen gerechten annehmen. Und wir können nicht annehmen, daß ein gerechter Urheber diesen Landstreicher von Anbeginn der Zeiten an zum Elend verdammt hat. Wahrscheinlich stehen wir alle auf demselben Punkt und haben dieselben Möglichkeiten; die einen gebrauchen sie, die andern mißbrauchen sie. Was wir in diesem Erdenleben an uns arbeiten, das kommt uns im nächsten zugute, und arbeiten wir uns hinunter, so werden wir zurückversetzt. Das ist wohl der Grund, warum wir leider in historischer Zeit keine Veränderung an den Menschen wahrnehmen. Wir haben uns die Möglichkeiten selbst verdorben.”
„Sie glauben also, wir sterben, und kommen noch viele Male wieder auf die Erde?”
„Was soll man glauben? Es wird uns immer wieder eine Möglichkeit geboten. Zeit hat wohl der Urheber vor sich, er hat die Ewigkeit in sich, und da wir selbst ein Teildes Urhebers sind, so vergehen wir niemals. Aber wir kommen nicht jedesmal in demselben Zustand auf die Welt, wir haben es selbst in der Hand, unser Los für das nächste Mal zu verbessern.”
„So daß jeder Mensch seinen Rahm auf der Milch bekommt?”
Der Postmeister lächelt. „Solche Dinge haben nur in seinem jetzigen Zustand Bedeutung für ihn. Ich meine, seine Geistesverfassung, seinen Seelenzustand. Und jetzt kommen wir an etwas Bedeutungsvolles: Dieser Mensch saß also da im Walde und spielte Mundharmonika. Vielleicht hat er in seinen vorigen Verkörperungen doch auch an sich gearbeitet. Er spielte mir Lieder und Weisen vor, spielte großartig, ich hab' noch nie etwas Ähnliches gehört. Ich rede nicht von der Fertigkeit, ich meine die Tatsache, daß er überhaupt im Walde saß und spielte. Und nun hören Sie einmal: Er erzählte von einer Art Äolsharfe, die er bei einem Juden gesehen hatte, eine Äolsharfe mit Saiten von verschiedener Dicke und aus verschiedenem Metall, Kupfer, Messing und Silber, und es hingen kleine Kugeln herunter, die vom Wind gegen die Saiten geblasen wurden und diesen einen leichten Schlag versetzten. Dann spielte die Äolsharfe. Es war schön, dem Manne zuzuhören, als er dies sagte. Nein, er war während seiner verschiedenen Erdenleben nicht stehen geblieben, er hatte in sich einen kleinen Gartenfleck gepflegt, mit einer einzigen Blume darauf. Nun kommt es darauf an, ob er sich diesmal so führt, daß sein Fleckchen Garten in seinem nächsten Dasein größer wird.”
„Diese ganze Theorie hängt von der Frage ab, ob es überhaupt einen persönlichen Urheber gibt.”
„Sagen Sie, wo wollen Sie überhaupt anfangen? Gibt es nicht auch einen Urheber des Urhebers? Wir wollen hier stehenbleiben und einen persönlichen Urheber annehmen. Es ist noch unmöglicher, sich ohne einen solchen zu behelfen. Diese Frage entzieht sich ja unserer Fassungskraft, aber wir haben den Trieb nach einer Macht, einer Notwendigkeit, die hinter allem steht, wir wissen zwar nichts Gewisses davon, aber sie ist für uns da, kraft unseres Triebs, und dieser Trieb ist selbst ein Teil des Urhebers, dem wir angehören. Er ist uns von Anfangan eingepflanzt, wäre er nicht für etwas da, so hätten wir ihn nicht. Kommen Ihnen diese Schlußfolgerungen ungereimt vor?”
„Ich weiß nicht, darauf versteh' ich mich nicht.”
„Ich weiß auch nichts, niemand weiß etwas. Aber wir haben ein Licht, das nie erlischt. Sonst wär alles Finsternis.”
„Was ist das für ein Licht?”
„Das sind dieMenschengedanken. Sie fehlen und gehen irre, aber wir sind gewiß, daß sie da sind. Und sie gehören mit zu unserer Ausrüstung, sind uns von der Gottheit gegeben.”
Schweigen. Beide Herren sitzen nachdenklich da.
Der Konsul fragt: „Die Gottheit? Welche denn? Wenn unsere Menschengedanken zu etwas taugten, so könnten sie doch endlich die wahre Gottheit finden.”
„Die ist gefunden: durch und in unserem Trieb zu ihr.”
„Aber die Menschen wechseln ja mit ihrer Gottheit und nehmen wieder eine andere. Die Griechen haben gewechselt, die Ägypter haben gewechselt, wir Nordländer haben gewechselt. Jetzt schreiben wir die alten Götternamen an unsere Fischerboote.”
„Ich bitt' um Entschuldigung,” sagte der Postmeister. „Sie reden von Göttern, ich von der Gottheit. Sie reden von Theologie.”
Neues Schweigen.
Im Grunde war dies ja eine langweilige Unterhaltung, und der Konsul wäre wohl seines Weges gegangen; aber er wußte im Augenblick nicht, wo er hingehen sollte, und nach Hause mochte er am allerwenigsten. Und dann war es ja eine wunderbare Sache mit dem Postmeister, der alle Tage seines Lebens Jahr um Jahr gleich zufrieden war. Wer außer ihm war denn zufrieden? Alte und Junge, Kleine und Große, alle waren in Angst und in der Hetze, alle trugen eine Last, ein mißglückter Akademiker und Kleinstadtpostmeister fast allein ausgenommen. Aber damit war man noch nicht mit ihm fertig, ach nein! Er war zum Beispiel durchaus nicht immer bescheiden und demütig, der Konsul hatte schon gehört, wie er sich mit Sicherheit verteidigt hatte. Er wollte gerne Friedenhaben, und bekam er den nicht, so nahm er sich ihn. Ach nein, er ließ nicht auf sich herumtrampeln! Das peinliche bei ihm waren seine philosophischen Grübeleien, mit denen er die andern endlos überschüttete, und für Leute, die sich darauf verstanden, war er ein Schrecken.
Warum hielt er denn seinen Mund nicht? Gewiß, weil er meinte, er habe tatsächlich etwas zu sagen. Aber er war nur eine einzelne Stimme in seiner Stadt. In seinem Hause war es sehr still, seine Frau sprach nicht viel von selbst, sie antwortete, wenn sie gefragt wurde, und besorgte ihren Haushalt; aber im Gehirn des Postmeisters dämmerten allerlei Grübeleien auf, er murmelte vor sich hin und sprach mit sich selbst; doch das genügte nicht immer, zuweilen mußte es ein unschuldiger Stadtbürger entgelten und seine Auseinandersetzungen anhören, die sich so weit außerhalb der Holzpreise und Schiffsfrachten bewegten.
Wenn Konsul Johnsen nicht von etwas beunruhigt gewesen wäre, wenn er seinen gewohnten Tätigkeitsdrang gefühlt, wenn er Lust gehabt hätte, wo anders seine Ruhe und seinen Frieden zu finden, dann wäre er seines Weges gegangen, jawohl. Aber nun blieb er sitzen. Er tat, als habe er eigentlich gar keine Zeit dazu und tue es nur aus Höflichkeit gegen einen verbindlichen Herrn, er sah nach der Uhr, machte plötzlich seine Tasche auf und sah nach, ob vielleicht ein Brief vergessen sei. Dann warf er so hin: „Ach, die Menschengedanken! Sie suchen und suchen und finden nicht. Es ist wohl nicht viel damit los, Herr Postmeister, wie?”
„Sie sind das einzige, dessen wir sicher sind, jawohl. Das brennende Licht, das erst mit dem Erdenleben erlischt. Das hat für uns in Wirklichkeit viel zu bedeuten. Was dieses Licht wirkt, welche Finsternis es erhellt, ist eine andere Frage. Wenn wir uns in endlosen Kreisen des Irrtums herumdrehen, so ist dies vielleicht gerade die Bewegung, das Leben. Der glatte Lauf geradeaus wäre ohne Reibung und würde die Bewegung lähmen. Wenn es etwas nützte, so müßten wir vor den Menschengedanken niederknien, vor dem Licht, ja, wenn wir fromm wären, wenn wir Barmherzigkeit mit uns selbst hätten, so würden wir die Menschengedanken mit Ehrfurcht anerkennen. Aberwir sind zu gescheit, wir beugen das Haupt nicht. Wir lernen zu viel irdische Mechanik; Sie sagen wohl, wir suchen und suchen und finden nicht, aber darin bin ich nicht mit Ihnen einig, nein! Darin bin ich einig, daß wir nicht finden, aber daß wir suchen — nein! Und warum sollten wir suchen, wenn wir doch nicht finden? Ja, wenn das Suchen selbst Bewegung dem Ziele zu wäre! Aber wir suchen nicht viel, wenige unter uns suchen überhaupt, statt dessen gehen wir hin und lernen, wir üben unseren Verstand. Wie ist das ärmlich und unfruchtbar! Sehen Sie diese verständigen Menschen an, sie haben das ihrige gelernt, das können sie, das ist der Erfolg der Schule, des Studiums, es ist Gedächtnissache.”
Der Konsul lächelt. „Ich für meine Person bin gänzlich ungelehrt. Das heißt, ich habe anderes zu lernen gehabt und bin nicht einmal darin gelehrt,” sagte er.
„So? Sind wir nicht tüchtig genug, irdisch brauchbar genug? O ja. Darin stehen die Menschen nicht zurück. In derartigem haben wir in der historischen Zeit Gewinn erzielt und es zu einer gefährlichen Höhe gebracht. Aber wir haben versäumt, das Haupt zu beugen. Jetzt haben wir uns festgefahren, und die Rettung besteht nicht in noch mehr Wissen und äußerlichen Fertigkeiten, sondern im Nachdenken, in Verinnerlichung.”
„Aber wir können doch nicht alle Philosophen werden.”
„Ebensowenig als wir alle einseitig Mechaniker werden können. Aber doch haben alle Gewinn davon. Es ist und bleibt ein hohes Ziel. In den letzten Jahrhunderten hat nichts solche Achtung gewonnen, als die Pflege der Wissenschaft. Die obere Klasse hat die untere Klasse damit angesteckt, so daß es jedermanns Streben geworden ist, Anteil daran zu haben. Welche Bedeutung hat nicht die Lese- und Schreibmechanik in der Welt errungen! Es ist eine Schande, sich die nicht auch anzueignen, es ist ein Segen, sie ganz zu beherrschen. Kein großer Religionsstifter hat diese Künste getrieben, aber heutzutage sind sie für alt und jung unentbehrlich. Niemand will mehr das Haupt beugen und nachdenken, man schreibt und liest sich den Gedankeninhalt herbei, den man als heutiger Mensch braucht. ‚Es ist feiner, zu lesen und zu schreiben, als etwasmit den Händen zu arbeiten,’ sagt die obere Klasse. Die untere Klasse horcht auf. ‚Mein Sohn soll nicht die Erde bebauen, von der sich alles Geschmeiß der Welt nährt, mein Sohn soll von der Arbeit anderer leben,’ sagt die obere Klasse. Und die untere Klasse horcht auf. Dann erwacht eines Tages das Geschrei, das Geschrei der Masse, die nun auch genügend von den Künsten der oberen Klasse gelernt hat, sie kann schreiben und lesen: Nehmt hin die Güter der Welt, sie sind euer! Der Teufel hole die Arbeit an sich selbst für das nächste Dasein, diese Arbeit spart sich die obere Klasse auch.”
„Meinen Sie, es wäre besser, wenn nur wenige lesen und schreiben könnten?”
„Dieser Gedanke ist nicht neu. Aber am besten wäre es, wenn man diese Hochachtung für alle diese Äußerlichkeiten ausrotten könnte, wenn alle Menschenklassen den Glauben und den Aberglauben an das mechanische Wissen verlören. Es wird behauptet, das Geschrei würde aufhören, wenn die Gelehrsamkeit noch größer und allgemeiner würde, und so werden noch mehr Künste getrieben und noch größere Fertigkeit in diesen Künsten angestrebt. Und die Köpfe heben sich immer leerer in die Luft, und kein tiefes Nachdenken beugt sie. Nein, auf diesem Wege kommen wir nicht weiter, selbst nach dem irdischen Begriff führt er in die Irre. Ich habe zuweilen die Schulbücher meiner Kinder in die Hand genommen, als sie noch klein waren — ich muß gestehen, ich verstand nur einen Teil von diesen Künsten. Gebt ihnen nur noch mehr davon, spart ja nicht daran, nudelt sie ordentlich damit, bitte schön! Aber das Geschrei wird bleiben und wird nur noch lauter werden. Milch mit Rahm darauf! Mehrere Milchsatten mit Rahm, viele, euer sollen sie sein! Das künftige Dasein? Wir lesen ja überall, das künftige Dasein sei nur ein Traum für fromme Weiber, uns gehe das nichts an. — Ach, wie wenig Barmherzigkeit haben die Leute mit sich selbst!” sagt der Postmeister und schüttelt den Kopf. „Sie haben wohl das kleine Gartenfleckchen mit Blumen, aber in ihrem nächsten irdischen Leben kommen sie vielleicht in ganz andere äußere Lebensumstände hinein, jedoch in gänzlich unveränderter Seelenverfassung.”
Der Konsul versucht jetzt, noch gelangweilter auszusehen,und treibt das so weit, daß er seine Blicke über die Zeichnungen an den Wänden hingleiten läßt. Plötzlich wird er auf eine darunter aufmerksam, er steht auf, setzt den Nasenklemmer auf und betrachtet ein schönes Tor. Jawohl, denn Konsul Johnsen wünscht, daß die Leute auch Achtung für sein — des Konsuls — Urteil haben, und er kann sich nicht in einem Nu zu mehreren Erdenleben bekehren — obwohl dies eine verflucht süße und wohlschmeckende Lehre wäre. Wenn er wiederkommen und es so weitertreiben könnte, seine Feinde besiegen, die ihm in den Weg getreten waren, Gesellschaften geben, mit den jungen Mädchen allerlei Kurzweil treiben, Dampfschiffe dirigieren, Geld verdienen, noch mehrere Male Küstenmatador sein, er würde nichts Besseres verlangen. Dann erinnert er sich aber an den verdrießlichen Zusatz in des Postmeisters Darlegungen, daß man nämlich in ganz anderen irdischen Verhältnissen wiederkommen könne, und der Konsul wird wieder ein ratloser Mann, der nicht aus und ein weiß. Wenn er als Matrose, als Landstreicher wiederkäme; wenn er nichts wäre, er, der so viel gewesen war! Er setzt sich wieder auf seinen Stuhl und beeilt sich, sich wegen seiner Unaufmerksamkeit zu entschuldigen: „Das ist ein prächtiges Portal, eine Paradiesespforte. Was ich sagen wollte: Wir suchen nicht, sagen Sie? Aber viele meinen doch, die Lösung gefunden zu haben. Einige finden es wahrscheinlich, daß nichts zurückbleibt, wenn der Mensch gestorben ist.”
Der Postmeister, immer aufgelegt, immer fertig und bereit, sagt: „Ausgenommen sein letzter Schrei, der Aufschrei vor dem Dunkel, das vor ihm steht. Wozu sind wir denn auf der Erde gewesen? Nur der ziellosen Bewegung wegen. Wozu?”
Der Konsul, der eine lange Unterweisung auch in dieser Lehre fürchtet, die ihm noch dazu durchaus nicht zusagt, ruft eilig: „Die Christen glauben an eine Seligkeit nach dem Tode!”
„Jawohl,” erwidert der Postmeister, „an und für sich ist die Seligkeit gar kein schlechter Gedanke, er ist schon vielen Erdbewohnern in der Nacht ein Trost gewesen. Aber auch diese Seligkeit bekommt man nicht, wenn man sie nicht verdient hat, nicht wahr? Es sollen ja doch nurwenige dazu gelangen, und was soll dann aus uns andern werden? Das Christentum befreit niemand von der Arbeit an sich selbst, im Gegenteil, es ist sehr streng in seinen Forderungen. Umsonst und ohne Verdienst geht niemand zur Seligkeit ein, heißt es. Das ist die Forderung des Gesetzes. Und das Evangelium ist auf seine Weise noch strenger: Man muß an die blutige Versöhnungspolitik der Vorsehung glauben, blind daran glauben, sinnlos daran glauben. ‚Halleluja, denn uns ist heut ein göttlich Kind geboren!’ wird an Weihnachten gesungen. Nicht alle können singen, aber alle können an sich arbeiten nach ihren Gaben und Kräften. Dabei ist nichts Widersinniges.”
Jetzt sagt der Konsul: „Ich denke eben darüber nach, daß ich also Ihrer Meinung nach nichts Gutes damit getan habe, wenn ich einem Jungen dazu verhalf, sich Gelehrsamkeit zu erwerben.”
„Das kommt darauf an,” erwidert der Postmeister. „Der Junge war vielleicht für dieses Leben nicht besser ausgerüstet und konnte auf keine höhere Stufe gelangen. Das wissen wir nicht. Aber es ist ihm durch Ihren Eingriff nicht leichter gemacht worden, sein Haupt zu beugen. Das glauben Sie doch wohl selbst nicht? Es war ja gerade Ihre Absicht, dieses Kind der Menge zu befähigen, sein Haupt zu erheben. Jetzt sitzt er da auf seiner Bank und läßt sich unterrichten, bis er ausgelernt hat, dann steht er ethisch strahlend dumm auf, tritt hinaus ins Leben und lehrt andern dieselbe Leerheit. Wer um alles in der Welt kann uns in dem unterweisen, um das es sich hier handelt? Wir selbst — niemand anders. Was uns andere lehren können, ist Mechanik ohne irgendeinen Wert für anderes als für die irdische Geschicklichkeit. Gerade das sieht man an der großen Menge: Sie hat nun ungefähr so viel von der Mechanik gelernt, wie die oberen Klassen in alten Tagen — jawohl, aber deren Gemütsleben ist stille gestanden. Das Geschrei? Als ob das der Ausdruck für etwas anderes als für irdische Habgier wäre! Die große Menge tut nichts für das innere Wohl der andern, sie hat kein ethisches Gemeinschaftsgefühl in sich geschaffen. Sie schützt sozialen Instinkt vor und hat nicht einmal den. Sie will schreien und umstürzen, und wennes zum Klappen kommt, sind ihre eigenen Führer sogar außer Stand, sie zu zügeln. Das Ganze stürzt ein, laßt es einstürzen!”
Konsul Johnsen nickt. Er ist jetzt besser bei der Sache, nun handelt es sich nicht mehr um Ethik und höheren Quatsch, die letzten Worte sind Politik der Rechten, Geschäft, der Postmeister ist nicht so dumm! Um sich zu entschuldigen, sagt der Konsul: „Der Junge wurde mir vom Schulvorsteher und anderen außerordentlich warm empfohlen.”
„Jawohl,” sagt der Postmeister, „nehmen Sie nur den Jungen, schicken Sie ihn von einer höheren Schule in die andere und machen Sie ihn in äußeren Fertigkeiten vollkommen. Er wird wiederkommen und seine Gegend erfreuen und den Leuten noch tiefere geistige Abmagerung einüben. Dagegen wird er das Geschrei bei ihnen nicht dämpfen, o keine Spur, und er wird sie noch weiter von aller Innerlichkeit wegbringen. Aber vielleicht war es nun gerade das und nichts anderes, zu dem er taugte, das weiß niemand. Er hat vielleicht in einer Reihe früherer Erdenleben sich so geführt, daß er in seinem jetzigen nicht höher steigen kann. Da muß denn der Urheber auf ihn und die Seinigen warten, bis eine Änderung eintritt, der geduldige Urheber, der genug Zeit, genug Ewigkeit vor sich hat.”
Der Postmeister haut also wieder über die Stränge, und der Konsul will Schluß machen. Warum war der Mann überhaupt hergekommen? Einer zufälligen Sorge wegen, nicht fürs nächste Leben, sondern für dieses. Etwas mehr Politik würde ihn gefesselt haben; er war eine große Stütze der Gesellschaft, die der Neid umstürzen wollte, die die Emporkömmlinge nachäfften, dem die Matrosen auf derFianun wieder Ärger und Arbeit verursacht hatten — welche Hilfsmittel sollte er nun dagegen anwenden? An sich selbst arbeiten? Der Postmeister war ein Narr!
„Ja ja,” sagt der Konsul, indem er aufsteht, „das ist alles für uns sehr verborgen, sowohl für dieses wie fürs nächste Leben, besonders also fürs nächste. Wüßten wir etwas Sicheres über das Jenseits, dann würden wir uns jetzt schon danach richten.”
„Es ist verzeihlich,” erwidert der Postmeister lächelnd, „wenn wir etwas irdische Neugier in uns tragen. Aber das, was vorderhand unser voriges Dasein betrifft, so hat wohl die Weltregierung ihren Grund dafür, wenn sie es uns verborgen hält. Dieses Dasein wäre vielleicht durch Missetaten so finster, daß die Erinnerung daran uns überwältigen und erdrücken würde. Das kann gut sein. In der ungewissen Hoffnung, daß wir uns doch nicht zum Allerschlimmsten aufgeführt haben, liegt dann eine Aufmunterung für uns.”
„Aber war es in diesem Falle notwendig, uns ganz von Anfang an so gebrechlich auszurüsten?” fragt der Konsul.
„Wenn wir davon ausgehen, daß das Leben in dem einen besteht: in Bewegung um eines Zieles willen, dann ist es unlogisch, anzunehmen, wir hätten von Anfang an der Hoffnung ermangelt, seien demnach ohne sie ausgerüstet gewesen. Aber das sind wir nun also nicht. Immerhin — wie Sie sagen — gebrechlich ausgerüstet können wir gut sein, um sozusagen einen langen Lauf klein anzufangen. Aber daß wir so voller Gebrechlichkeit dastehen, wie die Leute es tatsächlich sind, das werden wir wohl uns selbst zu verdanken haben: weil wir unsere Aussichten mißachtet haben — —”
„Ja ja, ja ja!” unterbricht ihn der Konsul. „Was ich meine, ist, daß es nur zur Besserung in diesem Leben reizen würde, wenn wir gewiß wüßten, was wir im nächsten zu erwarten haben.”
„Wenn es uns dann nur nicht am Ende noch schlimmer macht, Herr Konsul, und es ist so schon schlimm genug. Meinen Sie, die Menschen würden sich einen Vorrat an Gutem erarbeiten, wenn sie die Gewißheit hätten, daß es nicht streng gefordert wird, und vor allem, daß es keine Eile hat? Der Mensch würde lieber darauf los leben, lieber auf Kredit sündigen, bis zum letzten Heller sündigen und sich viele Dasein zurückversetzen. Es würde noch schwerer sein, sich emporzuarbeiten, als es jetzt ist, noch leichter, sich hinunter sinken zu lassen. Im nächsten Dasein könnte er dann ganz vom Grund aus wieder neu anfangen. Alles wäre verloren, da wäre kein Garten, keine Blume, aber die Bewegung wäre noch da ...”
Als Konsul Johnsen danach in sein Kontor zurückkehrte, ging ihm alles wie ein Mühlrad im Kopfe herum; er mußte sich erst wieder fassen. „Theologie!” sagte der Postmeister mit einem spöttischen Lächeln, aber seine Reden waren doch wahrhaftig richtige Theologie! Der Konsul ärgerte sich über den ganzen Besuch, er war kein Nikodemus, der bei Nacht zu dem Meister kam, er war ausgegangen, um sich etwas zu zerstreuen, nicht um bekehrt zu werden. Das einzige Reelle, mit dem er zurückkam, war die Nachricht, daß der Doktor nach Havre an Scheldrup geschrieben hatte. Klatsch und Bosheit vielleicht, Intrigen, ein Fünfkronenbesuch bei einer Wöchnerin auf der Werft — zum Kuckuck mit dem Doktor!
Der Konsul vergaß nicht, seinem Geschäftsführer Berntsen Auftrag zu geben, dem Apotheker fünfzig Flaschen Madeira zu schicken. Und ganz plötzlich mußte er wieder an den Postmeister denken. Gott bewahre mich, was muß dieses Mannes Frau an Geschwätz ertragen! Wie, wenn er auch Postmeisters fünfzig Flaschen Madeira als Geschenk zuschickte? Aber sie würden wohl mit dem Boten gleich wieder zurückgebracht werden.
Kein Zweifel, der Wein würde mit dem Boten sofort wieder zurückgeschickt werden — der Konsul mußte über die fabelhaft genügsamen Menschen lächeln. An sich selbst arbeiten, wieso? Sah man jemals, daß man von der Vorsehung einen Dank dafür gehabt hätte? Wir haben einen Schmied Carlsen hier am Ort, einen gottesfürchtigen Mann, der strebt dem Guten nach und ist stille, tut niemand etwas Böses, schwatzt niemand halb zu Tode über die vielen Erdenleben — er wird vom Unglück verfolgt, von häuslichen Sorgen, hat mißratene Kinder, einer der Jungen soll ein Landstreicher sein. Ist das Gerechtigkeit? Der Schmied Carlsen hat einen Bruder, den Polizei-Carlsen, einen alten Gauner, einen Fuchs mit einer reichen Frau, die ein Klavier besitzt, mit einem Sohn im Kirchendepartement, mit einer Tochter in der Schreudermission — alles miteinander vielleicht, weil der Polizei-Carlsennichtan sich selbst gearbeitet hat?
Laßt uns fürunsselbst arbeiten!
Henriksen auf der Werft hoffte zu Gott, daß seine Frau es diesmal auch gut überstehen werde, obgleich sie sehr krank war. Es war eine vergebliche Hoffnung. Gerade ehe er zu Mittag nach Hause gehen wollte, bekam er die Nachricht. Er stand mitten unter seinen Arbeitern und vernietete einen Nagel; da ließ er Nagel Nagel sein, warf den Hammer weg und rief, indem er eilig davonging: „Geht es ihr viel schlimmer?” — „Ja, sie liegt jetzt ganz ruhig da.”
Sie lag jetzt ruhig da. Am Morgen war der Doktor sehr hoffnungsvoll fortgegangen, im Lauf des Vormittags hatte man nach dem Pfarrer geschickt, aber er war zu spät gekommen.
So konnte es gehen.
Nun handelte es sich um das Begräbnis, um den Leichenschmaus, die Blumen, schwarze Kleider, die Flagge auf Halbmast; Henriksen mußte nicht alles allein besorgen, Lydia, die Frau des Fischer Jörgen, und Petra halfen ihm, aber er mußte doch seine Zuflucht zu starken Getränken nehmen, um alles durchmachen zu können. Es war um so schwerer für Henriksen, als seine Frau den ganzen schrecklichen Vormittag hindurch, wo sie mit dem Tode rang, nicht erlaubt hatte, daß man ihn holte; sie hatte ihn schonen wollen, sie war immer so gut gewesen. „Aber holet den Pfarrer!” hatte sie geflüstert; der war indes nicht mehr recht gekommen.
Da lag sie nun, gefällt mitten in ihrem Lauf, mitten in ihrer Gesundheit und Jugend, einige dreißig Jahr alt. Es war zu traurig, und obgleich Henriksens nur gewöhnliche Leute waren, die sich heraufgeschafft hatten, wollten ihr alle Honoratioren der Stadt die letzte Ehre erweisen. Ja, das wollten sie. Frau Konsul Johnsen sträubte sichein wenig: „Wir sind nicht bei Kaufmann Davidsen gewesen, als er Konsul wurde,” sagte sie. — „Nein, er sollte aber auch nicht begraben werden,” erwiderte ihr Mann. — „Diese Henriksens,” sagte sie; „wir verkehren ja nicht mit ihnen, warum sollen wir sie da zu Grabe geleiten?” — „Dann wird darüber geredet,” versetzte der Konsul.
Frau Johnsen gab nach, aber sie behauptete, dann sei sie wirklich sehr liebenswürdig. Die arme Frau Konsul Johnsen, sie bewegte sich im allgemeinen so wenig wie möglich und war in den letzten zwei Jahren immer schwerfälliger geworden, sie war überhaupt nicht für Leibesübungen geschaffen, o nein. Der Konsul dagegen hielt sich immer mit derselben anständigen Rundung und dem langsam ergrauenden und lichter werdenden Haar, er ging im Leichenzug mit hohem Hut und leuchtend gestärkter Hemdbrust.
Dieses große Trauergefolge tröstete Henriksen in gewissem Sinne, er verbeugte sich vor Konsul Johnsens und Doktors, überhaupt vor allen, strahlender, als er eigentlich gesollt hätte, und seinen kleinen Mädchen hatte er eingelernt, dankbar zu knicksen. Die Werftarbeiter trugen den Sarg, aber hinter ihm ging die ganze Stadt im Zug; Flaggen trauerten von jeder Stange, die Kirchenglocken läuteten. Sogar Olaus vom Wiesenrain war mit im Gefolge, und er erklärte auch jedermann warum: allerdings sei ihm auf dieser verdammten Werft die Hand abgerissen worden; aber Frau Henriksen sei immer in jeder Beziehung ein guter Mensch gewesen. „Eine verflixt brave Frau, Ehre ihrem Andenken! Du hast wohl nicht eine Prise Tabak?”
Und dort am Brunnen stehen jetzt ein paar Weiber mit den Händen unter der Schürze; sie sehen dem Zuge nach und besprechen leise all den Blumenschmuck und die ganze Festlichkeit. „Gott steh mir bei, da ist wahrhaftig auch Olaus vom Wiesenrain, der hat keine Scham im Leibe! Er weiß wohl, was er tut, die Getränke und Kuchen sind's, auf die er es abgesehen hat; seine blaue Nase hat das von weitem gewittert.” Und Henriksen würde ja ordentlich traktieren, das ist sicher; er war kein Geizhals, seine Arbeiter hatten frei, und alle Leute von der Stadt, die nur wollten, konnten sich an die langen Tische setzen, die in seinem Garten aufgestellt waren.
Oliver hinkte auch mit. Er trank nicht und brauchte sich nicht um einen Bissen Kuchen zu reißen; was er von Näschereien und Backwaren gerne aß, das kaufte er sich selbst. Aber Oliver ging mit, weil alle besseren Leute vom Ort mitgingen. An diesem Vormittag war ohnedies kein Umsatz im Lagerhaus, die Menschen waren wie weggeblasen. Oliver bürstete seinen Anzug aus, betrachtete sich genau im Spiegel, verschloß die Tür und ging mit.
Ein Gefolge von vier Konsuln und einer ganzen Stadt war nichts Alltägliches, ja selbst eine schwedische Brigg, die am Landungsplatz lag und Mehlwaren für Grütze-Olsen löschte, flaggte auf Halbmast.
Das konnte sie wohl tun, die Taglöhner waren fortgelaufen, das Bollwerk lag verlassen da. Diese Brigg hatte übrigens einen kranken Mann an Bord, und es wurde nach dem Doktor geschickt, der Doktor konnte indes erst nach dem Begräbnis kommen, dann aber würde er keinen Augenblick weiter verlieren.
Doch nun sieht der Doktor vom Kirchhof aus, daß die Brigg auf Trauer geflaggt hat, und ein Gedanke erfaßt ihn: der kranke Matrose ist vielleicht gestorben. Er hat Unglück mit Frau Henriksen gehabt, nun ist er ängstlich geworden; sobald es also einigermaßen geht, flüstert er Henriksen eine Entschuldigung zu und verläßt das Trauergeleite.
Er geht geradeswegs nach Grütze-Olsens Bollwerk und steigt an Bord der Brigg. Hier scheint alles ausgestorben zu sein, schließlich findet er einen Mann auf dem Mannschaftslogis, und er tritt auf ihn zu. „Ich bin der Doktor,” sagt er, „kann ich Ihren Puls fühlen?”
Der Schwede reicht seine Hand hin.
„Lassen Sie mich Ihre Zunge sehen!”
Der Schwede sperrt den Mund auf.
„Können Sie essen?”
„O ja, jawohl.”
„Schlafen?”
„O ja.”
Der Doktor behorcht ihm die Brust, beklopft sie, dreht den Mann um und beklopft ihm auch den Rücken. „Sie schwitzen stark. Wie steht es mit Ihrer Öffnung?”
„Nein, die sei nicht so ganz ausgezeichnet und habe ihnseit dem gestrigen Tage sehr geplagt, aber es würde schon vergehen, es sei schon besser.”
„Ja, das dürfen Sie nicht vernachlässigen,” sagt der Doktor.
„Wieso?”
„Sie dürfen nicht gleichgültig dagegen sein. Jetzt werde ich Ihnen etwas aufschreiben, das Sie in der Apotheke holen lassen können.”
„Warum denn?” fragt der Mann verwundert.
„Warum?” fragt auch der Doktor und sieht den Mann blödsinnig an.
O dieser verflixte Schwede, dieser Spaßmacher, trieb er seinen Spaß mit dem Doktor? Da erklärt nun der Mann mit einigen wenigen Worten, er sei gar nicht krank, sondern einer von seinen Kameraden.
„Was? Wo ist denn dann der Kranke?”
„Ja seht — aber er war eigentlich auch nicht krank, er hat sich an einer Flasche geschnitten, und das hat stark geblutet. Als da der Herr Doktor nicht gleich kam, hat er sich selbst verbunden.”
Der Doktor war gekränkt, das war deutlich zu merken. Er sagte scharf: „Wo ist also der Kranke, frage ich, der Mann, der sich geschnitten hat?”
Er sei zum Doktor ins Haus gegangen, dort sitze er wohl und warte auf ihn.
Ehe der Doktor das Deck verließ, konnte er sich nicht enthalten, die folgende, grimmige Frage zu stellen: „Aber beim Satan, warum haben Sie sich denn dann untersuchen lassen?”
Aber auch darauf hatte der Mann die glaubwürdigste Antwort bereit; er sagte das Wort Quarantäne, sagte, er habe gemeint, die Untersuchung gelte nur allein dem allgemeinen Gesundheitszustand an Bord, sonst nichts.
Na, dann war er wohl kein Gauner und Spaßvogel, sondern ein anständiger Mann. Wäre nun der Doktor in ein Gelächter ausgebrochen und hätte ein paar lustige Worte gesagt, dann hätte er seinem Mißgriff den Stachel genommen; aber er tat das, was weit schlimmer war, er zeigte seinen Ärger, er knurrte und war bitter, und dadurch bekam das Vorkommnis eine Bedeutung. Der Schwede gab dann auch Antworten, das war nicht verwunderlich,er lachte auch höchst respektswidrig, und plötzlich richtete er sich in seiner Koje auf. Da ging der Doktor.
Die Geschichte sickerte in die Stadt hinaus, in die kleine Stadt, und dem Doktor wurden boshafte Erweiterungen der Geschichte, die ohnedies lächerlich genug war, nicht erspart. Alle, die ihm eine Nase gönnten, waren obenauf, und Konsul Johnsen zum Beispiel lachte zum erstenmal seit mehreren Tagen wieder recht herzlich.
„So ein Mensch, dieser Doktor,” sagt der Konsul zum Rechtsanwalt Fredriksen. „Er sollte es wahrhaftig nicht nötig haben, einen Kranken auszufragen, wie es ihm geht, das müßte er als Arzt selber sehen, oho, mit einem einzigen Blick. Er ist ein Narr. Na, und da fand er heraus, daß auch der Schwede Kindbettfieber hatte?”
„Ja, Gott weiß, ob es nicht ungefähr so war!”
„Haha, das ist köstlich. Kommen Sie mit herein, Herr Rechtsanwalt, und lassen Sie uns ein Glas auf eine gute Wahl trinken!”
Die Herren gehen hinein.
Mit einer guten Wahl meinte wohl jeder von ihnen etwas anderes, aber Konsul Johnsen war kein Fanatiker und eigentlich auch kein Politiker. Er war nur Stütze der Gesellschaft. Fanatiker und Politiker, er? Ach nein, vor mehreren Jahren hätte er mit der größten Leichtigkeit in den Landtag gewählt werden können, aber er schlug es aus, er hatte keine Zeit, und außerdem war er ja vorher Doppelkonsul und ein großer Mann. Später schlug der Wind allmählich um, in diesem Jahre würde er kaum genug Stimmen für sich bekommen, wenn er es auch gewünscht hätte, so fleißig hatte Rechtsanwalt Fredriksen in dem Kreise gewirkt. Und es war auch so gleichgültig, wer gewählt wurde, für E. A. Johnsen, den Doppelkonsul, würde es keine Veränderung bringen. Dieser Fredriksen gehörte ganz und gar nicht zu seinen Leuten, aber mag er gewählt werden, meinethalben gerne! Und in diesem Falle war es nicht so ganz unklug, wenn er ihm ein privates Glas Wein gab, so einem Emporkömmling könnte es ja einfallen, aus der Meuterei an Bord derFiaeine große Sache zu machen. Na, meinethalben auch das gerne, bitte, der Doppelkonsul blieb deshalb doch der, der er war. „Aber warum nicht — bitte noch ein Glas Wein, HerrRechtsanwalt! Sie sind ein seltener Gast in meinem Hause.”
O, aber Rechtsanwalt Fredriksen wünschte gar nicht in diesem Hause ein seltener Gast zu sein, nein, das wünschte er nicht. Hatte er sich nicht in den letzten paar Jahren mit dem jugendlichen Gedanken getragen, in diesem Hause als Familienglied aus und ein zu gehen, als einer von den eigenen! Dies war gut verborgen vor der Welt, und es würde auch nicht ans Tageslicht kommen, solange er hier noch nichts war, nur ein Rechtsanwalt in einer kleinen Küstenstadt, aber die Wahlen — die Wahlen konnten ihn vielleicht zum Sprechen bringen. Es kam darauf an.
„Fräulein Fia ist mit Gästen heimgekommen, wie ich gesehen habe.”
„Ja, das versteht sich!” erwiderte der Konsul nachsichtig. „Es sind auch Maler, Kollegen, zwei Stück. Wären wir nicht mit Lebensmitteln so gut versehen und hätten wir nicht soviel Platz im Hause, dann wäre guter Rat teuer gewesen.”
„Es sind junge Leute, können sie etwas?”
„Das weiß ich nicht. Doch sicherlich. Man spricht viel von ihnen und schreibt auch über sie. Und sie bringen ordentlich Leben ins Haus.”
„So?”
„O, sie verkünsteln sich am ganzen Hause; der eine malt meine Frau, der andere mich, wir sitzen ihnen; stocksteif sitzen wir. Das schlimmste ist, daß meine Frau in ihrem höchsten Staat ist, sie ist so eifrig dabei, daß sie jetzt vormittags und nachmittags sitzt, und so trägt sie jetzt immer ein ausgeschnittenes Seidengewand. Heiraten Sie niemals, Herr Rechtsanwalt!”
„Sagen Sie das?”
„Dann bekommen Sir Frau und Kinder, lauter Ausgaben, haha!”
Na, das war nun Großtuerei, und dem Rechtsanwalt gefiel dieser Ton nicht. Es war eine Unverschämtheit, anzudeuten, er, der Rechtsanwalt sollte von jetzt an unverheiratet bleiben. Warum denn? Nichts als Ausgaben? Der Rechtsanwalt dachte nun wohl im stillen, der Konsul zum Beispiel habe durch seine Heirat durchaus nicht verloren; Frau Johnsen hatte die solide Mitgift gehabtund hatte den Mann von Anfang an in Gang bringen können. Warum hätte er denn sonst Johanna Holm genommen? Sie war keine Schönheit und kein Licht. O nein, Herr Doppelkonsul, du wärest ohne deine Frau bis auf den heutigen Tag ein Kleinkramhändler und nie Johnsen am Landungsplatz, vergiß das nicht! Aber gerade an das erinnerte sich der Konsul sehr ungern; der Doktor hatte ihn in seiner gewohnten stichelnden Art einmal daran erinnert, und von diesem Augenblick her schrieb sich die Feindschaft zwischen den beiden. Dagegen vergaß es Frau Johnsen niemals, obgleich sie durchaus nicht immer darüber redete und ihren Mann damit quälte. In jüngeren Tagen, wo sie den Mann ein paarmal in unvorsichtigem Geschäker mit den Dienstmädchen ertappt hatte und sich von ihm scheiden lassen wollte, hatte sie das Ihrige zurückverlangt; da aber das Geschäft ihre Unterstützung nicht entbehren konnte, mußte ihr Mann lernen, vorsichtiger zu sein, einen andern Weg konnte er nicht einschlagen.
Der Rechtsanwalt hätte deshalb jetzt eine hinterlistige Antwort geben und den Konsul dadurch noch zahmer machen können; aber er wagte es nicht, es war auch gar kein Grund dazu da, wenn er im guten seinen Zweck erreichen konnte. Er zitierte deshalb: „Heirate und du wirst es bereuen! Aber es ist wohl dasselbe wie mit dem Tode, wir müssen alle diesen Weg gehen.”
„Sie auch, Herr Rechtsanwalt? Ja ja, es ist nicht zu spät. Ja ja, es ist natürlich auch für Sie noch nicht zu spät. Prosit!”
Der Rechtsanwalt trank und schwieg. Zu spät? Er war jedenfalls ein gut Teil jünger als der Konsul, der immer noch ringsum eifrig auf Eroberungen aus war. Der Konsul verstand vielleicht nicht, daß er hier einem Manne gegenüber saß, der in den Landtag gewählt werden konnte, sein Ton war ein wenig zu sehr von oben herab.
„Im gegebenen Falle hab' ich nicht im Sinn, zu warten, bis es zu spät ist,” sagte Fredriksen. „Wir müssen es ja alle vermeiden, unsere Altersgrenze zu überschreiten!” — So, da hatte er es dem Konsul gegeben!
Der Rechtsanwalt ging. O meinethalb, bitte auch das! So, er würde in den Landtag kommen, ein Mitglied desgroßen Haufens, vom Elternrat des Landes. Nein, da war der Konsul doch lieber der, der er war! Er hatte seinen Humor und seine Arbeitslust wiedergefunden, hatte den fremden Regierungen seine Rapporte geschickt, hatte sich seine Haltung in der Matrosenaffäre zurechtgelegt, sich auch dem Doktor gegenüber ein festes Auftreten vorgenommen; er wollte sich zornig anstatt ängstlich zeigen und schaffte sich in eine Art kriegerischen Willen hinein — jawohl, es komme, was da kommen will!
War das nicht recht viel?
Und während all diesem war er der liebenswürdigste Wirt den Gästen seiner Tochter gegenüber; er unterhielt sich mit ihnen und saß ihnen Modell, versah sie mit Wein für die Waldausflüge sowie mit Süßigkeiten vom Ladengeschäft, war sehr freundlich gegen sie und schickte jedem ein gelbseidenes Halstuch, wenn sie bis zum späten Abend im Garten draußen schwärmten.
Der Konsul sah sehr wohl ein, daß seine Fia, wenn sie Gäste von dieser Art mit heimbrachte, es nur tat, um ihnen auf eine andere Art zu helfen, als nur ihre Bilder geradezu zu kaufen. Sie war keine billige Dame. Er mußte ja die Porträte von sich und seiner Frau behalten, und er durfte nicht einmal nach dem Preis fragen, sondern mußte ihnen eine Summe überreichen. Hätte er es wohl anders machen können?
Das konnte übrigens einerlei sein, der Konsul rechnete nicht so genau, er war im Gegenteil ein wenig stolz darauf. Es war ja in der Stadt bekannt geworden, was diese jungen Herren taten, ja, es war nicht nur in seiner eigenen kleinen Stadt bekannt geworden, sondern auch in der Hauptstadt. In den Zeitungen hatte gestanden, daß die beiden jungen Künstler sich zurzeit bei Konsul Johnsen, dem Matador der Küste, aufhielten, um die Porträte der Familie zu malen.
„Warum setzen Sie mich in die Zeitung?” sagte er göttlich scherzhaft zu den Künstlern. „Ich will keinen Skandal haben,” sagte er. „Und im übrigen sind Sie im geheimen hier bei mir, vergessen Sie das nicht! Kommt es heraus, daß Sie mich und meine Frau malen, muß ich bloß mehr Steuern bezahlen!”
Ha, wie er mit den jungen Leuten reden und von obenherab dabei lächeln und sich ihre losen Streiche erzählen lassen konnte! Sie verfielen auf keine gefährlichen Dinge, es waren anständige Burschen, soweit er es beurteilen konnte, aber der Teufel mochte ihnen allzuviel trauen, hehe! Sie fuhren ja auch hinaus in das Sommerhaus und trieben dort allerlei Kurzweil, unter anderem malten sie in einer Nacht den Rappen grau an. Ob es nun echtes oder gut gespieltes Entsetzen war — der Hofjunge verlor am Morgen eine gute Weile den Verstand und fand ihn erst wieder, als er einen Fünfkronenschein bekam mit dem Auftrag, die Wasserfarbe von dem Pferde abzuwaschen.
Aber nun Fia, dachte sie an einen von den jungen Männern, war sie, sozusagen, verliebt in sie? Das müßte dann auf eine ruhige, ja eine gar zierliche Art sein. Sie war freundlich und kameradschaftlich gegen sie, aber immer mit etwas Vorbehalt, niemals vergaß sie, innerhalb der Schranken zu bleiben. Die Maler pflegten sie die Comtesse zu nennen. Gegen diesen Spitznamen hatte sie ihrerseits nichts, es war ein ganz passender Spitzname, sie kam sogar gut dabei weg; und verdiente sie ihn etwa nicht? Die Tochter ihres Vaters, aus einer annähernden Stadt, aus dem vornehmsten Hause, Künstlerin, eine poetische Dame, ein Talent — wie sollten andere bestehen, wenn man davon reden wollte! Alice Heiberg, auch eine Konsulstochter, aber ohne besondere Talente, nur in der Haushaltung und den täglichen Pflichten erzogen, Grütze-Olsens Töchter, die das Zeug hatten, tüchtige Mädchen zu werden, aber von törichten Eltern, die sie vornehm machen wollten, gründlich verzogen wurden! Wer war sonst noch da? Die zwei kleinen Henriksens auf der Werft waren noch zu neu, nur Kinder, und aus ihnen würde übrigens auch sicherlich nie etwas Rechtes werden.
Fia war die Comtesse, groß und gertenschlank, von feinem Wesen, vollkommen recht und richtig. In den letzten zwei Jahren hatte sie sich große Hüte und etwas lebhaftere Farben zugelegt, aber nichts Übertriebenes, nur so viel, als ihr gut stand. Wenn sie wie ein Maler angezogen auf der Straße ging, war es nicht verwunderlich, daß ein anderer Künstler, der Postmeister, an einem Schaufenster stehen blieb und sich über Fias Anblick freute.
Nein, der Konsul konnte sich nicht denken, daß seine Fia Absichten habe, in diesem Falle hätte er als Vater ernstlich mit ihr sprechen müssen. Diese jungen Leute waren nichts für sie, der eine war der Sohn eines Hardesvogts und insofern aus einer studierten, gebildeten Familie, der andere der Sohn eines Tünchers, und beide waren gleich arm. Der Konsul verachtete keine Klasse, nein, das tat Konsul Johnsen wahrhaftig nicht, aber er hatte nun eben diese einzige Tochter, sie war sein liebes Kind, und er wollte sie auf die beste Weise beschützen. Der Sohn eines Geschäftsmannes aus einem alten großen Hause würde ihm besser passen.
Deshalb war es dem Konsul gar nicht unangenehm, als die jungen Künstler eines Tages beim Mittagessen erzählten, sie hätten beide Bestellungen bekommen. „Und das haben wir Ihnen zu verdanken, Herr Konsul,” sagten sie.
„Ich gratuliere!” erwiderte der Konsul. „Was sind das für Aufträge?”
„Wir sollen die Bilder von Konsul Olsen und seiner Frau malen.”
„Vom Grütze-Olsen!” schreit Frau Johnsen. „Nein, wissen Sie was!”
Da lachen alle andern am Tisch, und der Konsul sagt freundlich: „Eine Bestellung ist eine Bestellung, das wirst du doch verstehen, Johanna!”
„Haben nicht auch Heiberg und Davidsen ihre Porträte bestellt?” fragt Frau Johnsen. „Die werden sicher noch kommen.”
Und wieder lachen alle miteinander.
Der Konsul wendet sich an die beiden Künstler und gibt eine kurze Erklärung: Es seien so viele Konsuln am Ort, und alle die jüngeren wollten die älteren nachahmen. „Daran kann man sich nur ergötzen, Johanna!” Nun sei allerdings andererseits eines recht ärgerlich, man könne sich hier im Hause fast nicht bewegen, ohne daß die andern sich ganz auf dieselbe Weise bewegten, sozusagen im Takt. „Aber es ist doch nicht der Mühe wert, so etwas ernsthaft zu nehmen, Johanna!”
Frau Johnsen sagte, sie nehme es durchaus nicht ernsthaft, das sei ein Mißverständnis. Wenn irgend jemand die andern Konsuln mit einem Lächeln betrachte, so sei siees. Ihr Ausruf vorhin sei als reiner Freudenschrei gemeint gewesen.
„Und was Davidsen betrifft,” fährt der Konsul fort, „so ist er von einem ganz anderen Schlage: ohne Ansprüche, ohne Bildung, aber auch ohne Narrheit. Er ist ein Mann der Arbeit, steht hinter seinem Ladentisch und verkauft grüne Seife. Ich habe Davidsen schätzen lernen.”
„Hehe,” lacht Frau Johnsen sehr nachdenklich. „Ich überlege mir eben etwas; wenn ich nun in einem Seidenkleid gemalt worden bin, was wird Frau Olsen anziehen, um noch großartiger auszusehen?”
Sie beredeten sich eine Weile über Farben, Kostüme, Schmucksachen, ob eine goldene Kette oder ein reicher Schmuck angebrachter sei. Die Standespersonen der früheren Jahrhunderte scheuten nicht davor zurück, sich mit Pracht abbilden zu lassen, mit Spitzen, Spangen, Ketten, Juwelen, jetzt saß man im Gehrock, den man auch Diplomatenrock nannte, wie der Konsul, und er konnte so ein gutes Diplomatenbild abgeben.
„Ja,” sagt der Konsul, indem er sein Glas erhebt. „Möge es nun den Herren ebensogut gelingen, mögen Sie ebenso genial inspiriert sein, wenn Sie den Konsul Olsen malen, wie Sie es bei mir und meiner Frau gewesen sind! Wir sind beide hochbefriedigt und Ihnen tief dankbar.”
Darauf tranken sie ihr Glas aus.
„Wann fangen Sie bei Olsens an?” fragte Fia.
„Sobald wir wollen, sofort!” Und sie erzählten, die beiden jungen Töchter des Hauses sollten wahrscheinlich auch gemalt werden.
„Da haben wir es, noch viel großartiger soll es sein!” ruft Frau Johnsen wieder. „Und jetzt weiß ich, was Frau Olsen anhaben wird: sie wird in zwei seidenen Kleidern sitzen.”
Wieder lautes Gelächter, daß es von der Decke widerhallte. Frau Johnsen machte so selten einen Witz; das hatte wohl seine Gründe, und niemand erwartete es von ihr. Der Konsul sagte nun sofort, sie sei großartig, sie sei brillant!
Aber Frau Johnsen kann Lobsprüche nicht gut vertragen, und so verdirbt sie das Vorhergehende, indem siefragt, was wohl Frau Olsen an den Füßen haben werde — zwei Paar Stiefel?
Darauf lachten alle wieder; aber wenn sie jetzt nur aufhören wollte, wünschten die Maler.
Bei Konsul Olsen zu sein und zu malen, erwies sich als ein schöner, guter Aufenthalt; die beiden Künstler hatten es noch nie besser gehabt mit Frühstückswein und Kuchen und Nachmittagskaffee mit Sahnewaffeln. Dazu waren die „Mädel”, die beiden jungen Töchter, überaus gesund und lustig, geradezu zum Anbeißen. Der Tünchersohn verliebte sich in alle beide, aber er richtete nichts aus, so leicht war es nun doch nicht, Eingang bei Konsul Olsen zu bekommen; wäre es wenigstens der Hardesvogtsohn gewesen! Die Mädchen waren schon recht, sie zierten sich vielleicht ein wenig und sprachen etwas feiner, als sie es gewohnt waren, aber sie waren verflixt hübsche Mädchen und junge Mädchen, nichts fehlte ihnen, es müßte denn sein, daß sie zuviel von allem hatten, sogar auch von Körpergröße, sogar von üppigem aschblondem Haar und etwas zu vollen Lippen. Ihre Mängel lagen im Übermaß; sie wackelten auch ein wenig, wenn sie gingen.
Frau Olsen mußte verleumdet worden sein, sie war eine liebenswürdige Dame, gutherzig bis zur Rührseligkeit, mütterlich, mit freundlichen Augen und einer zurückweichenden Stirne. Ihre ganze Fürsorge gehörte ihren Töchtern, sie sollten vornehm und glücklich werden. Wie sehr liebte sie diese Töchter, sie ließ sie tun, was sie wollten, ließ sie heranwachsen zu Unnützlichkeit und Ungezogenheit, als Zierpuppen und Hohlköpfe.
Nein, Frau Olsen war es sicher nicht gewesen, die verlangt hatte, gemalt zu werden, sie wehrte sich jeden Tag dagegen und wollte die Töchter statt ihrer gemalt haben, beide auf einem Bilde, ein Doppelporträt. Konsul Olsen mußte seine Frau jedesmal überreden, ruhig zu sitzen. — „Hörst du, Henriette, nachdem nun einmal angefangen ist. Das Doppelporträt kommt später dran!”
So saß denn das Opferlamm in Seide, mit vielen Ringen und der Uhrkette geschmückt, und war dem Manne willfährig.
Bei ihm selbst ging's mit mehr Prunk und Gepränge; er war vom Kleinstadtreichtum wohlbeleibt geworden, ein Emporkömmling, ein glücklicher Spekulant. Es machteihm Spaß, Gassenhauer zu singen und Fratzen zu schneiden und dann plötzlich wieder eine gute Weile ganz würdig und schweigsam dazusitzen und nur zu nicken oder den Kopf zu schütteln. Er gab sich das Aussehen, als hätte er große Geschäftsangelegenheiten zu überdenken. „Still,” sagte Frau Olsen, „laßt den Vater nun in Ruhe, Mädchen!”
Und der Vater war lieb und gutmütig und sehr eitel, er sah es gerne, daß es still um ihn her war, wenn er an große Geschäfte dachte.
„Richtig!” sagte der Maler, „da haben wir gerade den rechten Ausdruck, das ist großartig, der feste Mund, die Klugheit. Bleiben Sie nun so sitzen, Herr Konsul,” sagte er, wie wenn er photographieren sollte.
Und Konsul Olsen gab sich aus Eitelkeit Mühe, sich mit einem großen Kornhandel in Argentinien zu beschäftigen, anstatt zu singen und den festen Mund durch Grimassenschneiden zu verunstalten.
Das Porträt versprach ganz besonders gut zu werden, und der Maler, der Tünchersohn, bat, es in Christiania ausstellen zu dürfen. Bitte, ja, jawohl!
Der Konsul selbst verabscheute zwar, ausgestellt zu werden, aber wenn es für den Maler von Nutzen sein konnte, dann —! Er wollte sich gerne dem jungen Künstler entgegenkommend zeigen, alle in der Familie zeigten sich entgegenkommend, auch die Töchter, aber sie verliebten sich nicht in ihn. Da schien sein Kollege, der die Frau Konsul malte, bessere Aussichten zu haben, o, aber auch er wurde eines Tages ordentlich geprellt! Das mußten ein paar eigene Damen sein, sie waren aus einem Kaufmannshaus und wollten wohl am liebsten im Kaufmannsstande bleiben; sie nannten deshalb auch sehr oft Scheldrup Johnsen. Komische Mädchen also und vielleicht nicht besonders aufgeweckt. Oder wie? Eines Tages, als der Hardesvogtsohn ihr Porträt angefangen hatte, schwänzten sie einfach mir nix dir nix die Sitzung. Als Entschuldigung gaben sie an, daß sie ganz unerwartet Scheldrup Johnsen auf der Straße getroffen, bei ihm stehen geblieben seien und mit ihm geplaudert hätten; er sei zu kurzem Aufenthalt zu Hause.
Als ob das eine Entschuldigung wäre! Der Maler empfand es als einen Betrug — eine Beleidigung.