15

Scheldrup Johnsen war unerwartet heimgekommen und mußte auch ebenso unerwartet wieder abreisen.

Er nahm des Vaters Geschäftsführer Berntsen mit sich und ging in des Doktors Sprechzimmer, grüßte kurz und tat folgende Fragen: „Was bedeuten die Briefe, die Sie mir geschickt haben? Ich bin hierhergekommen, um es zu erfahren.”

Der Doktor sagte überrumpelt und halb lächelnd: „Die Briefe? O die —”

„An einem Tage schreiben Sie mir, es sei ein neues braunäugiges Exemplar von einem Kind auf die Welt gekommen, ein paar Tage später, die Mutter sei tot.”

„Ja.”

„Ja. Ich will wissen, warum Sie mich von diesem Ereignis in Kenntnis gesetzt haben.”

„Können wir nicht allein sein?” fragte der Doktor in zahmem Tone.

„Nein, ich will einen Zeugen gegen Sie haben,” erwiderte Scheldrup.

„Aber was ich sagen will, eignet sich nicht für fremde Ohren.”

„Aber dann weiß ich, was sich für die Ihrigen eignet,” sagt Scheldrup und tritt ein paar Schritte näher. Der Doktor weicht zurück, sein Mund bebt, und er sagt: „Nein, warten Sie ein wenig, ich merke, daß ich mich getäuscht habe, und ich bitte um Entschuldigung. Ich tat es, ich täuschte mich also, in Ihnen und noch jemand, entschuldigen Sie! Eigentlich war es nicht so schlimm gemeint.”

„Eigentlich sollte ich Sie einfach durchprügeln,” sagt Scheldrup mit zornbebender Stimme. „Sie sind ein Verleumder, ein — —”

„Warten Sie ein wenig, lassen Sie mich — —”

„Ein Halunke, eine abscheuliche Klatschbase! Ja, ich sollte Ihnen den Kopf waschen.”

Der Doktor hat sich etwas gefaßt: „Warten Sie ein wenig, ich habe Fragezeichen gemacht, erinnern Sie sich? Eigentlich wollte ich Sie der Wissenschaft wegen etwas fragen, meiner eigenen Wissenschaft wegen. Haben Sie die Briefe bei sich?”

„Hätte ich sie bei mir, dann würde ich Sie zwingen, sie zu zerkauen und zu verschlucken.”

„Nein, nein, nein, wir wollen darüber reden, ruhig darüber reden, nicht wahr? Ich bitte Sie um Entschuldigung, es war der Wissenschaft wegen, ich glaubte, ich könnte es tun, wir kennen ja einander. Erinnern Sie sich nicht, daß ich gefragt habe, daß ich Fragezeichen setzte? Es ist nämlich ein unsicherer Punkt in der Wissenschaft —”

Scheldrup ist wütend, er wird immer ausfälliger, maßlos, sein Auftreten verliert dadurch und wird gewöhnlich. „Die Wissenschaft und Ihr Geschwätz! Sie sind überdies ein Kujon, ein Hasenfuß, jetzt wollen Sie Ihren Brief wegschwatzen, ich könnte Sie anspucken.”

Der Doktor hatte sich indessen noch mehr gefaßt: „Seien Sie nicht so wütend, das Ganze ist das gar nicht wert, durchaus nicht. Es ist auch nicht klug, ich bitte Sie um Entschuldigung.”

„Was meinen Sie damit, es sei nicht klug?”

„Wenn wir allein wären, würde ich es sagen. Es ist nicht klug, es kann sich rächen.”

„Ich kümmere mich den Teufel um Ihre Rache, verstehen Sie!” ruft Scheldrup.

„Ich bitte Sie um Entschuldigung!” wiederholt der Doktor.

Aber diese lauten Stimmen in dem sonst so stillen Zimmer erregen Aufmerksamkeit im Hause, sie rufen die Hausfrau herbei und zwingen Scheldrup, sich stumm zu verbeugen und mit seinem Begleiter fortzugehen.

Eine Entschuldigung war also das ganze Ergebnis einer Reise von Havre her, ein paar leere Worte! Am Abend dachte Scheldrup an einen neuen Besuch beim Doktor, und er sprach auch mit Berntsen darüber, bekam aber den Rat, beizeiten aufzuhören, der Doktor habe genug bekommen,habe übergenug bekommen. O Konsul Johnsens ausgezeichneter Geschäftsführer, er gab gute Ratschläge, er wußte, was er tat, und dachte an mehr, als nur an eine Seite einer Sache; es ist auch gar nicht unmöglich, daß er dort im Sprechzimmer recht gut verstand, worauf der Doktor jedesmal anspielte. Was war übrigens da zu verstehen? Nichts, Klatschereien. Scheldrup solle seiner selbst und seiner ganzen Familie wegen darüber schweigen.

„Nein, lassen Sie es nun gut sein, Sie haben ihm schon einen tödlichen Schrecken eingejagt, mehr kann er nicht ertragen,” sagte Berntsen.

Scheldrup beruhigte sich. Sein Zorn hatte sich gelegt, er wollte sich mit der Entschuldigung begnügen. Es war auch so eine Sache mit einer Backpfeife, er hatte selbst vor vielen Jahren eine bekommen, die ihm nicht zur Ehre gereichte, jene schändliche Backpfeife von Petra, er konnte nicht für ewige Zeiten Backpfeifen auf sich sitzen lassen.

Am nächsten Morgen in aller Frühe begab sich Scheldrup wieder an Bord und reiste zurück nach Havre.

Und da geriet der Doktor wieder in eine nette Klemme.

Da war er ja hinunter zum Postschiff gegangen, und zwar am frühen Morgen wie so viele andere, er hatte viel ausgestanden und wollte sich ein wenig erfrischen — aber das wurde eine verflixte Erfrischung! Hätte er sich denken können, daß Scheldrup so bald wieder abreisen würde, er, der sonst wochenlange Ferien daheim zubrachte! Da kam er gerade auf das Bollwerk zu in Begleitung von Vater, Mutter und Schwester und von zwei fremden Malern. Sollte der Doktor grüßen? Zuerst grüßen? Gewiß, es waren ja Damen dabei. Er stand peinlich weit zurück, aber grüßte also, und als er das getan hatte, ging er noch weiter abseits.

Aber plötzlich schien der Zorn in Scheldrup wieder aufzukochen, und er ging dem Doktor nach. Er hielt des Doktors Gegenwart hier für Trotz, für Frechheit. Und was nun? Er geht dem Doktor weiter nach und wie um ihm direkt unter die Augen zu treten, aber ohne ihn selbst anzusehen, o, nicht mit einem Blick! Will er ihn umrennen, ihn ins Wasser hineintreiben? Jetzt sind nur noch vier Schritt frei zwischen ihnen.

Doch da taucht plötzlich der merkwürdige GeschäftsführerBerntsen mitten zwischen den beiden Herren auf, und sagt zu Scheldrup: „Sehen Sie, das haben Sie wohl vergessen!” Damit zieht er Scheldrup ein paar Schritte mit sich fort und übergibt ihm etwas, Gott mag wissen, was es ist, vielleicht ein Plunder. Aber von da an ist Berntsen am Bollwerk sehr in Anspruch genommen, er ist überall und doch immer an Scheldrups Seite. „Ich sehe mich hier nach einem Teil Waren um,” sagt er, „wir erwarten gewisse Waren.” Ja, sogar als Scheldrup über den Landungssteg an Bord geht, folgt ihm Berntsen, um sich auf dem Schiff nach den Waren zu erkundigen.

Scheldrup steht an der Reling und spricht gedämpft mit seiner Familie auf dem Bollwerk. Und diese Familie steht nun da, über die Maßen verwundert, sowohl über sein Kommen als auch über die rasche Abreise. Der Vater war mit keinem Wort in ihn gedrungen, und für Mutter und Schwester hatte er nur die eine Antwort gehabt: „Geschäfte!” Aber alle waren im unklaren.

Während nun Scheldrup da an der Reling steht, deutet er plötzlich auf den Doktor drüben am Land und ruft Berntsen laut und deutlich zu: „Hören Sie, Berntsen, ich hätte nun doch eigentlich den Kerl dort durchwalken sollen! Er hat es gewagt, hierherzukommen!”

Stille. Nur eine einzelne Stimme wird am Bollwerk laut. „Was beim Satan — was hat er gemeint? —” Das war Olaus vom Wiesenrain, er witterte Hallo!

„Und wenn Sie wieder in Havre sind, vergessen Sie nicht, uns Stoffe zu senden,” erwiderte Berntsen sofort; „Baumwollstoffe in passenden Mustern, wohl einhalbhundert Stücke.”

„Ja.”

„Wollen Sie es nicht aufschreiben?”

Scheldrup kann nicht anders, als sein Buch herausziehen und es aufschreiben.

Dann fängt das Schiff an, sich zu bewegen, und Berntsen springt an Land.

Der Doktor stand da, wie wenn ihn der Schlag getroffen hätte, schwankend, mit ausdruckslosem Gesicht. Das dauerte einen Augenblick, dann richtete er sich auf, streckte die Brust heraus und ging davon. O, es war nicht wahrscheinlich,daß er sich in den Hohn des jungen Krämers auf dem öffentlichen Bollwerk finden würde!

Alles in allem hatte der Doktor in der letzten Zeit gar manchen Ärger gehabt, aber als er nun das Bollwerk verließ, sah er aus, als habe er sich vorgenommen, alles zu ertragen. Olaus vom Wiesenrain sah ihm nach und sprach sich über seine Hochnäsigkeit aus.

In diesem Augenblick kamen die beiden Fräulein Olsen eiligen Laufes daher; sie waren sehr hübsch und jung und atemlos. „Ach, nun sind wir zu spät gekommen,” sagten sie. „War heute etwas Interessantes an Bord? Warum seid ihr denn alle hier, warum winkt ihr nach dem Boot hin, Fia?”

O, sie wußten es wohl; die Fräulein Olsen hatten es wohl am frühen Morgen im Bett gehört und waren eilends in ihre Kleider gefahren, waren aber doch zu spät gekommen.

„Scheldrup ist wieder abgereist,” sagt Fia.

„Scheldrup — was du nicht sagst! Schon? Ei, wirklich?”

Mehr wagten sie wohl nicht zu sagen, sie zogen sich mit den beiden Malern zurück und gingen heim zur Sitzung.

Sie holten den Doktor ein, der stehen geblieben war und mit dem Rechtsanwalt Fredriksen sprach. „Na,” rief der Doktor den jungen Mädchen zu, „sind Sie zum Abschied zu spät gekommen?” Ha, der Doktor war nun gerettet, er war nicht mehr in Gefahr, und so hatte er seine Überlegenheit wiedergefunden.

„Abschied? Welcher Abschied?” fragten die Fräulein Olsen, gingen aber gleich weiter.

Der Doktor sah ihnen spöttisch nach und wendete sich wieder dem Rechtsanwalt zu: „Wir wurden unterbrochen. Können Sie mir keine Auskunft auf meine Frage geben?”

„Nein, nicht ohne weiteres.”

„So?” sagt der Doktor. „Aber es ist doch eine Sache der bürgerlichen Gesellschaft.”

„O ja. Aber es ist auch eine sehr private Sache.”

Der Doktor lächelt anzüglich. „Ich glaubte, daß Sie als Gesetzeskundiger, der nun mit Gottes und guter Menschen Hilfe vielleicht Gesetzgeber wird, gegen ein soziales Übel Rat schaffen könnten.”

„Vermehrte Geburten in einem Lande werden nun eigentlich nicht zu sozialen Übeln gerechnet,” versetzt der Rechtsanwalt.

„Da haben wir es wieder! Das ist des Postmeisters Elegie über die Nachkommenschaft!”

„Nein, da tu' ich nicht mit.”

„Ich rechne sie zu den Übeln. Im übrigen aber ist hier die Rede davon, daß ein bestimmter Mann die Stadt mit seiner braunäugigen illegitimen Brut füllt.”

„Sagen Sie das?”

„Und ich weiß es.”

„Es ist sehr schwer, so etwas zu beweisen.”

„Allerdings, besonders wenn die Zeugen sterben. Aber dann kann vielleicht die Wissenschaft eintreten. Die sachkundige Wissenschaft ist ein unwiderlegbarer Zeuge.”

„Sagen Sie das auch?”

O, das war etwas zu keck gesagt vom Rechtsanwalt, er hätte den Löwen nicht reizen sollen. Überrascht fragt der Doktor: „Zweifeln Sie an der Wissenschaft? Legen Sie sich auf diesem Standpunkt fest?”

Der Rechtsanwalt, der Volksredner dachte wohl so: Er sagt absichtlich, ich lege mich auf meinen Standpunkt fest, das war schlau gesagt. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als etwas von dem schweren Ernst dieser Unterredung wegzunehmen. „Nein, Sie mißverstehen mich. Die Wissenschaft natürlich! Aber nun hören Sie, Herr Doktor: braunäugige Kinder sind ja hübsche Kinder. Wenn es so ist, wie Sie sagen, dann muß der Vater ein tüchtiger Mann sein und Übung darin haben, ein guter Stammvater also. Unsere liberale Zeit —”

„Wollen Sie Ihren Spaß mit mir treiben?” fragt der Doktor. „Guten Morgen, Herr Rechtsanwalt!”

O, er hätte laut hinausschreien, hätte platzen mögen! Alles und alle waren gegen ihn. So ein Rechtsanwalt auch, er war borstig und unrasiert, o, so demokratisch, und dann hatte er sich eine Feder auf den Hut gesteckt wie zu einer Alpenbesteigung. Schöner Jüngling das!

Alle diese Ärgerlichkeiten machten den Doktor allmählich ungeduldig, sollte er nicht aufstehen und sie lehren, ja, dieses Pack lehren! Natürlich war seine Stellung trotzdem fest, aber man war jetzt gerade nicht besonders ehrerbietiggegen ihn, ganz und gar nicht ehrerbietig. Hätte er nicht gegen die meisten Leute eine große Verachtung im Busen getragen, dann würde er sich ab und zu umgedreht und gefragt haben, was zum Kuckuck sie denn zu grinsen hätten, wenn er vorüberging?

Und da hatte ihm nun Konsul Johnsen in der letzten Woche eine lange Rechnung geschickt, der Johnsen am Landungsplatz, der Krämerpapa. Ja, er sollte sein Geld haben, sollte sobald wie möglich alle seine Groschen bekommen, bitte hier, in den allernächsten Tagen. Haha, der Doktor mußte lachen; er wollte das Geld durch die Post schicken, daß es alle sahen; wäre das nicht ein Streich! Und von diesem Tag und dieser Stunde an sollten alle Einkäufe in diesem Geschäft, in dieser Kneipe aufhören. Es war ja ein Ort, wo ein gewisser geachteter Bürger der Stadt nicht einmal sein ehrliches Gewicht beim Mehlkaufen bekam.

Plötzlich bekommt er eine Eingebung; er will mit dem Schreiner Mattis sprechen und etwas Näheres über den berühmten Mehleinkauf hören. Er sieht auf seine Uhr. Doch, es geht noch.

Einen so großen und vornehmen Besuch hatte der Schreiner Mattis nicht in seiner Werkstatt erwartet, und er führte den Doktor sofort in die Stube hinein. Sie ließen sich zwischen Sesseln und Schaukelstühlen und Etageren und Tischen mit dicken Plüschdecken nieder. Über dem Tisch in der Mitte hing die Hängelampe bis auf die Platte herunter, an den Wänden hingen Photographien von ausgewanderten Verwandten und ein Bild des Landtags vom Jahr 1884. Die Laubkränze auf dem Ofenkranz waren so trocken wie Papier. Es war eng und stickig in dem kleinen, überfüllten Raume, und eine Unterhaltung kam auch nicht recht in Gang. Mattis schien ganz anders geworden zu sein als früher, ganz und gar nicht aufgelegt.

Der Doktor sagte, er habe einen Wandschirm, der geleimt werden müsse.

Jawohl, der Schreiner würde ihn durch den Lehrjungen holen lassen.

„Der Wandschirm hat eines Tages bei offener Tür und offenen Fenstern im Zug gestanden, da warf ihn der Wind um, und da ging er natürlich entzwei.”

„Ja, das ist bald geschehen.”

„Aber es sollte nicht so sein, durchaus nicht. Es hätte kein Zug sein sollen. Die dummen Mägde sind schuld daran. Wie steht es bei Ihnen, Mattis? Ihr Haus wird vielleicht gut versorgt, aber Dienstmädchen sind eben Dienstmädchen.”

Mattis, plötzlich lebhaft, plötzlich hitzig, schüttelt mehrere Male heftig den Kopf, das konnte alles mögliche bedeuten, nur nicht ja. „Es ist alles gut versorgt worden, aber nun muß sie fort.”

„Muß sie fort? Warum denn?”

„Ich will nicht darüber reden. Die Frauenzimmer sind verrückt.”

„Wie heißt sie nur gleich?”

„Maren Salt. Schon recht alt, vielleicht fünfzig Jahre, aber trotzdem verrückt. Ach, was ist das jetzt für eine Zeit! Sie blasen die Nüstern auf wie junge Fohlen.”

„Es wird bei Ihnen schon wieder in Ordnung kommen.”

„In Ordnung kommen? Da soll der Teufel in Ordnung kommen!” gibt der Schreiner erregt kund. „Es ist verbrieft und versiegelt,” fügt er hinzu.

Der Doktor will wieder gehen. Diese häuslichen Verhältnisse in einem Arbeiterheim interessierten den Akademiker nicht, und er fühlte sich durch die Ungezwungenheit des Schreiners gekränkt, sie waren keine Gleichgestellten. Aber er hatte ein Anliegen.

„Hört, Mattis,” sagt er, „haben Sie nicht bei Johnsen am Landungsplatz einmal falsches Gewicht bekommen?”

„Was?”

„Ich frage, weil andere auch dort dieses und jenes erfahren haben können.”

„Nein,” antwortete Mattis kurz und schüttelte den Kopf.

„Nein, sagen Sie?”

„Es war nicht beim Konsul, es war im Lagerhaus.”

„Ist Ihnen wirklich im Lagerhaus Ihr Mehl nicht richtig gewogen worden?”

„Der Oliver hat's getan. Kein anderer als der Oliver ist's gewesen. Ich versteh' aber nicht, warum Sie danach fragen; Sie müssen entschuldigen, Herr Doktor.”

„Wann wollen Sie den Wandschirm holen?” fragt der Doktor, indem er aufsteht.

„Sogleich. Augenblicklich. Und er kann morgen schon trocken sein. Ja, ich mache ihn gern zurecht. Bitte, diesen Weg, Herr Doktor!”

Vergebliche Mühe. Da geht nun dieser Mann denselben Weg zurück, den er gekommen war, der Doktor des Städtchens, eine wichtige Persönlichkeit, eine Autorität, da geht er mit enttäuschter Miene wegen einer Kleinigkeit, wegen nichts. Auch er hatte wohl einstmals junge Träume gehabt, hatte viel vom Leben erhofft, hatte sich schon auf den höchsten Zinnen gedacht, damals war seine Haut zart, sein Blut rot gewesen, er war verliebt gewesen, konnte lächeln — wo war das alles jetzt? Das Leben — das Leben hatte sich darauf gestürzt und es verzehrt! Er war mehr und mehr in kleinen Ärgernissen und kleinen Interessen aufgegangen, Jahr um Jahr war er runzliger und boshafter geworden; allein mit seiner Frau bei allen Mahlzeiten, in einem leeren Hause, ohne Familie, ohne Kinder, allein mit seiner Gelehrsamkeit und seinem eigenen Mißerfolg, neugierig, klatschsüchtig und kleinlich. Auch er hatte wohl einmal junge Träume gehabt, das war nun lange her, jetzt war er gerupft, was ihm von früher noch geblieben war, war der Jargon seiner Studentenbude, deren Radikalismus, deren Freidenkerei, deren ungewaschene Schlagfertigkeit, aber ohne eine Spur mehr von der Schönheit und Innerlichkeit der Jugend, ja selbst nicht von deren Fehlern. Er war ausgeartet, sein Sinn war verändert, und es war ihm schlimm gegangen, er war niemand mehr. Seht, nun sollte er ordentlich sparen, um die Rechnung bei Johnsen zu bezahlen. Dann wollte er mit einem andern Kaufmann in Verbindung treten und dort anschreiben lassen, vielleicht bei Davidsen, ja gerade bei Davidsen, der ein neugebackener Konsul war und die Kundschaft besserer Leute brauchte. Ein Plan, ein Vorsatz, würdig einer Hausfrau in Verlegenheit!

Er geht und findet seine Frau nicht zu Hause, dann geht er ins Schlafzimmer und findet den Wandschirm ganz. Na, da hatte ihm also das Umwerfen nichts getan, warum hatte er dann gescholten? Eine recht traurige, bittere Enttäuschung überkommt ihn auch hier und zugleich ein so rasender Zorn, daß er den Wandschirm umwirft und darauf herumtrampelt. Nun mag der Schreinerlehrling kommen!Nein, nicht eine einzige Befriedigung hatte er in seinem Leben, nicht eine einzige goldene Freude. In zwanzig Jahren, in zehn Jahren war er tot, und in derselben Stunde war er vergessen.

Er geht wieder aus, das Sprechzimmer soll für sich selbst sorgen. Da kommt ihm natürlich der arme Postmeister entgegen, wie gewöhnlich leise mit sich selbst sprechend, der Doktor bringt es kaum fertig, den Hut zu lüften, und geht an ihm vorüber.

Und nun trifft er Henriksen von der Werft — seht nun bloß, wie klein die Stadt und wie klein auch die Menschen sind, sie haben so gut Platz hintereinander in derselben Straße, einer sieht dem andern schon von hinten an, was er denkt. Den Henriksen muß der Doktor grüßen, das geht nicht anders, der Witwer erwartet es sicher von ihm, und der Doktor hätte, wenn es anders gegangen wäre, seine Rechnung bei Henriksen erhöhen können. Um die Wahrheit zu sagen, so war es gerade dieses Honorar, das den größten Teil der Rechnung bei Johnsen hätte decken sollen. Aber jetzt war Frau Henriksen tot, der Patient war gestorben, das war ein schändliches Mißgeschick, ein Schlag.

„Geht es sonst gut bei Ihnen, ist das Neugeborene gesund?” fragt der Doktor.

„Ja, Gott sei Dank, er ist gesund, er ist großartig.”

Der Doktor versteht, daß der Besitz dieses Kindes Henriksens Schmerz etwas besänftigt; er ist Witwer geworden, jawohl, aber seine Frau hat ihm zu seinem Trost diesen prächtigen kleinen Jungen hinterlassen. Henriksen ist nicht ganz zu Boden geschlagen, nicht zerschmettert, und der Doktor kann doch noch Hoffnung auf sein Honorar haben.

„Ich gehe mit Ihnen und sehe nach dem Kinde,” sagt er.

„O ja, wenn Sie das wollten, Herr Doktor,” versetzt Henriksen froh und dankbar.

„Das tu' ich, ich stehle dem Sprechzimmer eine halbe Stunde und gehe mit Ihnen. Und Sie selbst, Henriksen, geht es Ihnen gut?”

„O ja, danke, Herr Doktor. Ja, es fehlt mir nichts.”

„Natürlich, wie ein Fels! Hat Ihre Frau nichts gesagt, bevor sie starb? Hatte sie nicht noch irgend etwas Intimes mit Ihnen zu besprechen? Das ist doch meist so.”

„Nein,” antwortet Henriksen und schüttelt den Kopf.„Sie meinen, ob sie mich gebeten habe, für die Kinder zu sorgen, für den Kleinen zu sorgen? Nein.”

„Wenn die Menschen sterben, haben sie einen Drang, für dies und jenes um Verzeihung zu bitten, sie können im geheimen etwas Unrechtes getan haben, einen Fehltritt oder so etwas. Sterbende haben mich bisweilen gebeten, ihre Bitten zu übermitteln.”

„Nein, o nein. Und außerdem hatte sie mich für nichts um Verzeihung zu bitten, o weit entfernt. Ich war auch leider nicht anwesend.”

„Ich habe gehört, sie habe nach dem Pfarrer verlangt.”

Ohne einen Schatten von Verdacht antwortet Henriksen: „Ja, sie hat wohl das Abendmahl nehmen wollen. Der Junge ist groß und prächtig, aus dem kann etwas werden; gewachsen ist er auch schon, obgleich er nur mit der Flasche aufgezogen wird, ein Schreihals und ein Zornickel ist er!”

„Aber er hat braune Augen,” sagt der Doktor.

„Ja, ist das nicht merkwürdig!” erwidert Henriksen. „Da hat sie nun alle die Monate hindurch diesem Kind braune Augen gewünscht, gerade wie dem vorhergehenden. ‚Wenn ihm nur Gott braune Augen schenken wollte, sie sind so sehr hübsch!’ sagte sie. Und da ist ihr dieser Wunsch erfüllt worden.”

„Nun, das war doch jedenfalls sehr gut,” sagt der Doktor mit einem erzwungenen Lächeln.

Aber Henriksen nahm es für echt: „Ja, nicht wahr? O, es war wohl so bestimmt! Ein Glas Wein, Herr Doktor? Vielleicht Sodawasser mit Whisky?”

Sie treten in die Stube und setzen sich, jeder mit einem Glas vor sich, und Henriksen trinkt gleich zwei. Er spricht von seiner Frau, von seiner Einsamkeit, die nicht zum Aushalten sei. Bei Tag und während der Arbeit, da gehe es noch an, aber wenn die Nacht komme, die Nacht —! Er ist äußerst freundlich und aufmerksam gegen seinen hochgeehrten Gast, allmählich sogar dankbar für dessen Hilfe — ja für alle Hilfe, die er geleistet hat.

„Es stand leider nicht in meiner Macht, Hilfe zu bringen,” erwidert der Doktor.

„Allerdings, aber Sie haben getan, was Sie konnten, das sag' ich gerade heraus. Sie sind ja auch oft hiergewesen, um nach ihr zu sehen, und haben Medizin verschrieben. Wir haben alles getan, was wir konnten, den Trost haben wir, daß es ihr von unserer Seite an nichts gefehlt hat. Aber nun war wohl ihre Zeit abgelaufen. Noch ein Glas, Herr Doktor?”

„Ich weiß nicht. — Ja, wenn Sie mir's anbieten.”

Henriksen strahlt. „Es ist mir eine Ehre, wirklich, es ist eine Ehre für mein Haus, das hätte meine Frau erleben sollen! Und nun möcht' ich gerne, daß Sie mir eine Rechnung schicken, Herr Doktor, eine ordentliche Rechnung. Doch, ich will es! Oder wenn Sie es mir jetzt gleich sagen wollten, nur die Summe, das genügt.”

„Das hat ja Zeit bis später.”

„Ach, alles, was getan werden konnte, ist getan worden, das ist mein Trost!” murmelt Henriksen, in tiefe Gedanken versunken. „Doch, ich will wirklich — lassen Sie mich lieber jetzt gleich —”

Henriksen steht auf und öffnet seine Schreibkommode, er kommt mit einem Geldschein zurück, einem großen roten Schein und reicht ihn dem Doktor hin: „Diesen hier, wenn es Ihnen so recht ist. Stimmt es einigermaßen, ist es genug?”

Der Doktor ist durchaus nicht geldgierig, nicht habsüchtig; was er verdient hat, ist verbraucht worden, ja, mehr als das, verbraucht für Essen und Trinken, für „Genüsse”, nein, er ist nicht so schlecht, daß er über den großen Schein in Verlegenheit geriete, diese Banknote, das ist ein Geschenk, und er erwidert: „Das ist zuviel, ich bekomme nicht soviel, die Hälfte genügt!”

Henriksen schüttelt den Kopf; er ist freigebig und gutherzig, und er will sich auch des Danks von des Doktors Seite würdig erweisen. „Nehmen Sie nur, Herr Doktor, es ist von ihr und von mir. Und dann reden wir nicht mehr darüber.”

„Ich bin jederzeit bereit, zu kommen, Henriksen. Zu dem Kleinen. Bei Nacht oder bei Tage, jederzeit!”

Der Doktor ging als ein junger Mann heimwärts. Was war geschehen? Seht, er hatte sich wehrlos gefühlt, und nun hatte er plötzlich eine Waffe in der Hand: „Bitte, Herr Konsul Johnsen, Sie haben mir eine Rechnung geschickt, ich hatte die Kleinigkeit vergessen, hierist eine Bescheinigung von der Post über einen Geldbrief für Sie.”

Ja, er war froh, aber es kam nicht zu einer Umkehr bei ihm, nicht zu einem hohen Wogengang und einer Krisis vor Dankbarkeit. Das Leben war unverändert, die Feinde dieselben wie vorher, ein Zufall hatte ihn instand gesetzt, sinnlos und dumm über sie zu triumphieren, und darauf wollte er nicht verzichten. Er hätte nun in Johnsens Laden gehen und seine Schuld bei Berntsen begleichen können, aber er tut es nicht, dagegen reibt er sich die Hände beim Gedanken an den boshaften Brief, in den er das Geld einwickeln will, wenn er es abschickt.

Er hätte darauf verzichten sollen! Seht, da ist schon wieder einer von den Braunäugigen, es wimmelt von ihnen in der Stadt. Er hält den Jungen an und fragt: „Lieferst du mir nicht öfters Fische?”

„Doch, früher.”

„Hast du das Fischen aufgegeben?”

„Ja.”

„Was tust du jetzt?”

„Ich — ich soll zur See.”

„Aber was tust du jetzt? Du siehst so ungewaschen aus.”

„Jetzt im Augenblick bin ich beim Schmied, aber —”

„Aber dazu hast du keine Lust. Nein, geh du lieber zur See! Wie war dein Name?”

„Abel.”

„Sag deinem Vater — deinem Vater daheim — er soll einmal in meine Sprechstunde kommen. Ich hätte etwas mit ihm zu reden.”

Na, ungewaschen ist Abel seiner Lebtage gewesen, aber natürlich ist er beim Schmied nicht sauberer geworden.

Eigentlich war es gerade für ihn etwas Unnatürliches, in einer Schmiede zu stehen, an einem Lehmboden verankert zu sein, um den Blasbalg zu bewegen und auf das Kommando eines kleinwinzigen Vorhammers Eisen zu schmieden. Aber etwas mußte Abel ja tun, er war nun längst konfirmiert und dazu ein großer, starker Bursche geworden. Und da rief ihn eines Tages der Schmied Carlsen in die Schmiede herein und sagte: „Sieh her, kannst du nicht den großen Hammer nehmen und ein paar Schläge für mich tun?” Abel schlug, es war eigentlich ganz unterhaltend, hier zu stehen und seine Kräfte dazu zu gebrauchen, Sterne aus dem glühenden Eisen herauszuhämmern.

Abel hämmerte bis zum Mittag darauf los, da zog ihn der Schmied mit sich hinein und gab ihm zu essen.

„Da hab' ich nun diese eilige Arbeit,” sagte der Schmied, „kannst du mir auch heute nachmittag helfen?”

„Das kann ich gut,” erwiderte Abel.

Als es Abend war, bekam er wieder zu essen, und als er gehen wollte, eine Krone. „Du bist ein tüchtiger Mann gewesen,” sagte der Schmied, „könntest du nicht vielleicht auch morgen kommen?”

„Doch,” sagte Abel.

Er entschied das auf eigene Faust. Die Entscheidung lag immer bei ihm selbst — entweder hatte er nun diesen Zug von seinem Vater, von Oliver, oder er hatte ihn sich selbst zugelegt, weil er doch während der ganzen Zeit des Heranwachsens alles allein hatte entscheiden müssen.

Eine ganze Woche lang blieb er beim Schmied.

„Wo bist du denn jetzt im Augenblick?” fragte der Vater.

„Beim Schmied. Ich bekomme dort Kost und eine Krone am Tag.”

„Du Abel, du Abel!” sagte der Vater, und es war nicht ausgeschlossen, daß sich etwas Stolz in dem Herzen des Krüppels regte. „Willst du ganz beim Schmied bleiben?”

„Ganz? Nein. Nur während er die viele Arbeit hat.”

Aber Schmied Carlsen hatte wochenlang viel Arbeit, ja monatelang, und er hatte soviel zu schmieden und instand zu setzen und aufzuarbeiten, Abel mußte dableiben. Nicht daß er richtig in die Lehre da gegangen wäre und das Meer vergessen hätte, o nein, aber er hatte es gut beim Schmied und verdiente sich ordentlich etwas für Essen und Kleider; er brauchte beides notwendig.

Zwischen dem Schmied und dem Schmiedejungen herrschte ein freundschaftliches Verhältnis, bisweilen setzten sie sich mitten in der Arbeit zusammen und rauchten eine Pfeife, indem der Schmied behauptete, er fühle sich elend und könne nicht mehr so hart schaffen. Im ganzen genommen hatte Abel den Eindruck, daß es mit der Arbeit, die jetzt noch übrig war, nicht so sehr eilte; allerdings kamen ab und zu neue Aufträge dazu, aber nicht mehr, als der Meister hätte allein bewältigen können. Eines Abends sagte Abel, ob er denn wiederkommen solle? Der Schmied meinte, er höre nicht recht, es habe ja noch nie so geeilt mit der Arbeit wie am morgigen Tage.

Der Meister war Witwer mit erwachsenen und verheirateten Kindern, er war der Bruder des Polizei-Carlsen, ein Mann, der unverdrossen arbeitete und von Tag zu Tag sein Tagewerk leistete, nach mehr trachtete er nicht, so hatte er seine kleine Schmiede seit anderthalb Menschenaltern betrieben. Er hatte eine verwitwete Tochter bei sich, die ihm das Hauswesen besorgte. Bisweilen erzählte er von seinen Erlebnissen, lauter Kleinigkeiten, alltägliche Ereignisse; aber da er seine Schmiede niemals verlassen hatte, bekam jede Kleinigkeit eine übertriebene Bedeutung für ihn. Warum er es nicht ins Große getrieben hatte mit Gesellen und Lehrjungen? Er hatte sich keine Mühe darum gegeben, hatte nicht die Mittel dazu gehabt, nicht das Haus dazu, nicht einmal die Schmiede dazu. Die große Kinderschar hatte ihn auch allmählich daran gehindert, es ins Große zu treiben.

„Denk dir, fünf Mädchen,” sagt er, „fünf Stück nur Mädchen, und außerdem noch zwei Jungen!” Dann war ja noch ein Schmied draußen auf dem Lande, grad am Weg nach der Stadt, der tat alle Bauernarbeit, Hufeisen, Pflüge und Sensen. Carlsen war der Stadtschmied, er schmiedete kleine häusliche Sachen für die Familien und bisweilen — wie jetzt, wo er sich Abel zur Hilfe genommen hatte — auch größere Sachen für die Schiffe.

„O ja, wonach soll der Mensch trachten?” sagt Carlsen. „Ich hab' mich die ganze Zeit durchgeschlagen, mit dem da!” fügt er lächelnd hinzu und deutet auf den Hammer. „Mehr brauch' ich nicht, und mehr bin ich auch nicht wert. Über kurz oder lang muß ich sterben, genau wie mein Vater gestorben ist und wie meine Kinder sterben werden. Dann muß ich ja doch alles verlassen und wenn ich auch noch so viel hätte. Adolf ist auf der See, er ist in England verheiratet, er verdient nur gerade genug für seine Familie und hat nichts übrig, um nach Hause zu schicken, ich schreib' ihm jedesmal, ich könnt' ihm eher etwas schicken, wenn er in Not sei. Dann fährt und fährt er auf der See, und über kurz oder lang muß auch er sterben. Ja ja, kleiner Abel, den Weg müssen wir alle gehen. Siehst du, Adolf war der jüngste, es ist achtzehn Jahre her, seit er mit dem Schiff fortfuhr, und seither ist er nicht mehr daheim gewesen. Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit, das ist vor deiner Zeit gewesen, er hat sogar seine Schiffskiste von deinem Vater gekauft. Er fährt und fährt auf dem Meere, und zum Schluß muß man sich hinlegen! Es ist sonderbar, wenn ich daran denke, er war so klein, als er hier in der Schmiede bei uns herumkrabbelte, es ist mir gar nicht, als sei es so lange her.”

Die Stimme des Schmieds versagt ein wenig, dann steht er auf, geht an die Bank am Fenster und starrt durch die undurchsichtigen Scheiben hinaus.

„Hm!” räuspert er sich und rafft sich zusammen. „Eigentlich sollte ich die Scheiben einmal abwaschen,” scherzt er. „Oder was meinst du, Abel? Es ist wohl vierzig Jahre her, seit sie das Tageslicht nicht mehr gesehen haben.”

Er lacht und setzt sich wieder zu Abel. „Ja, ja, ja, wahrhaftig. Und mein ältester Junge tat allerlei Arbeit ringsum im Lande. Er wollte nichts Festes betreiben,sondern von einem Ort zum andern wandern; auch das kann vielleicht ganz gut sein, aber ich weiß doch nicht. Er ist nie daheim, nein, er ist recht eigen, er hat sich in den Kopf gesetzt, er wolle nicht heimkommen, ehe er so viel Geld habe, um das Haus auszubauen, damit wir in die Höhe kämen; der Junge ist da draußen in der Fremde wohl immer noch verdrehter geworden. In die Höhe — meint er etwa, wir sollen fliegen? Ich möchte nur, ich könnte einmal nur eine Stunde lang mit ihm reden. Aber seine Schwester, sie, die bei mir ist, kommt ab und zu mit ihm zusammen, sie sind sehr gute Freunde, er spielt ihr auf der Mundharmonika vor. Als kleiner Bursche war er ein Meister auf der Mundharmonika, und jetzt soll er sogar noch besser spielen. Ist es nicht sonderbar, wenn ich so an uns alle denke! Erst kürzlich ist er mit seiner Schwester zusammen gewesen und hat ihr auf der Mundharmonika vorgespielt; aber er war so bärtig, daß sie ihn fast nicht erkannt hat, und er hatte auch schon einige graue Haare. Aber nein, er wollte nicht heimkommen; ehe er ein Geldmann geworden sei, würden wir ihn nicht zu sehen bekommen! Das ist doch eine Art Wahnsinn. Und dann kam er doch eines Tages in die Schmiede herein, schlug mit dem Hammer und trug Eisenstücke herbei und schwatzte mit sich selbst. Es ist noch nicht lange her, ich glaube erst einige Jahre. Und wo immer du ihn auf der Straße sahst, zog er seine Mundharmonika heraus und spielte ein wenig. Und seine Mutter steckte ihm ja, so lange sie lebte, oft eine besondere Portion Essen zu, weil er so in die Höhe schoß, und wenn er ein neues Kleidungsstück bekam, dann streckte er uns sein Händchen hin und bedankte sich. Hm!”

Der Schmied springt auf und macht sich zu schaffen: „Nein, das geht nicht an! Bist du bereit, Abel? Hehe, ja wir sind tüchtige Gesellen! So, nun zieh den Blasbalgen!”

Er scherzt und tut ganz lustig, aber er ist wohl eher alles andere, alt und müde, rührselig, verbraucht. Er hatte keine Kräfte mehr; Abel, der junge Kerl, konnte das doppelte Gewicht heben und den ganzen Tag aushalten. Was dem Alten half, war sein Handgeschick, die Übung, die Arbeit ging ihm leicht von der Hand; aber oft starrteer mit seinen matten Augen auf ein schweres Stück und scheute sich, es in Angriff zu nehmen.

O nein, er war sicher nicht lustig. Er hatte auch nicht die große Freude an seinen Kindern, nicht an allen. Über eine seiner Töchter war einstens viel geredet worden, jetzt war sie mit dem Kaspar verheiratet, der wegen ihrer „Weitschweifigkeit” den Dienst als Matrose aufgeben und auf der Werft Arbeit nehmen mußte. Jetzt war die Frau und das Gerede über sie verstummt, aber vor vielen Jahren, während der Mann draußen war, verließ sie ihr Haus und fuhr auch auf der See, fuhr frech dahin, fuhr lustig fort. O, sie war eine leichte Haut — der Mann und vielleicht noch mehr der Vater wurden damals allgemein bemitleidet.

Und doch — der Schmied Carlsen ist weit davon entfernt, ein trostloses Leben zu führen, er ist zufrieden mit seinem Los. Am Abend dankt er Gott für den vergangenen Tag, er ist verwundert, daß er so gut vorübergegangen und nichts Schlimmes geschehen ist. Wie leicht hätte ein Unglück passieren können! Nachher spaßt er wohl behaglich und schnurrig mit seiner Tochter: „Ja, wir zwei Männer haben heute wahrhaftig außerordentlich viel geleistet, aber was hast du getan? Ich seh' nichts davon, daß du dich hier gerührt hättest, die Stühle stehen noch ebenso heil, wie vorher.”

Sie lachen beide, und die Tochter sagt: „Aber ich hab' leider heute zwei Teller zerbrochen.”

„Ist das etwas?” sagt der Vater. „Wär' ich's gewesen, na, da hätt' ich ein Dutzend zusammengeschlagen.”

Wenn sie nun in so guter Laune sind, wagt es Abel aufs neue, zu fragen, ob er wohl morgen wegbleiben könne, ob er überhaupt noch zu kommen brauche? Aber da wird der alte Schmied ernst; er sieht den Jungen an und meint fast, das sei das Schlimmste, was er je von ihm gehört habe: ob er solche Eile habe, mitten in der strengsten Arbeit fortzugehen, und wohin er denn wolle?

Abel wollte sich verheuern.

Verheuern? Jetzt, so spät im Sommer, wo es dem Winter zugehe? Im Frühjahr sei die beste Zeit. Ob er nicht wenigstens noch einen Monat bleiben könne? Denn jetzt hätten sie ja die vielen großen Arbeiten; sie müßtenHauen und Minenbohrer für den Stadtingenieur machen, für Konsul Heiberg zwei Türschlösser instand setzen, für Henriksens auf der Werft eine neue Stahlfeder in den Kinderwagen einsetzen, für die Buttermaschine in Konsul Johnsens Landhaus eine neue Achse drehen, und für den Maler, der die Kirche malen sollte, alle möglichen Kloben schmieden. Das sei für lange Zeit die Arbeit von vielen Gesellen.

Abel blieb.

O, aber die See, es fehlte nur noch, daß er sie vergaß! Sein Kamerad Eduard, der nach den letzten Nachrichten in Südamerika war, der war nun schon zwei Jahre auf der See, und hier war Abel noch auf dem Festlande und stand in einer Schmiede! Nein, danke! Allerdings, ganz ohne Reiz war es nicht; er wurde tüchtig und ordentlich rußig dabei, die Leute konnten sehen, was er leistete, und es gab ihm ein gewisses Ansehen bei den andern Jungen von seinem Alter, wenn er mit klirrenden Eisenstangen auf der Schulter wie ein Erwachsener durch die Straßen schritt. Und mußten nicht die kleinen Jungen sich vor seinen Eisenstangen in acht nehmen und auf die Seite treten, um nicht aufgespießt zu werden?

Es war also gar nicht so schlimm. Dazu kam, daß Abel zu regelmäßigen Zeiten nahrhaftes Essen bekam, er schlief regelmäßig, er wuchs fest in einer besseren Lebensweise. War es nicht auch äußerst behaglich in diesem Handwerkerheim, wo alles an seinem Platz war, der Fußboden sauber, blühende Fuchsien am Fenster! Am Sonntag zog der Schmied einen guten Anzug an und wanderte langsam in der Stadt und in Feld und Wald umher. In die Kirche pflegte er nicht zu gehen, aber er war ein redlicher, frommer Mann mit tausend Sünden, die er bereute, und tausend Wohltaten Gottes, über die er sich freute. Alles war unverdient gut.

Eines Sonntags trifft ihn Abel auf der Straße. „Komm ein Stück mit!” sagt der Meister. „Wohin willst du?”

O, Abel wollte nirgends hin, er trieb sich nur herum, er war einsam, Klein-Lydia war ihm ganz aus dem Gesicht gekommen. Na, Glück auf die Reise! Und jetzt hätte sie es so gut haben können, er wendete den Kopf nicht mehr nach ihr um! Ihr Bruder Eduard war einmalsein guter Freund gewesen, aber nun war wohl auch er hochmütig geworden, er schrieb niemals ein Wort an Abel, und jetzt war er in Südamerika. Aber wo sollte Abel dann an einem Sonntag hingehen? Daheim konnte er jedenfalls nicht sitzen bleiben, sauber gewaschen, in seinem neuen Anzug und mit einem blanken Messer in glänzender Scheide, das er sich gekauft hatte; sein Bruder Frank war auf der höheren Schule und nie daheim, und Oliver, sein Vater, war zwischen die Scheren hinausgerudert, was er ohne Ausnahme an allen Sonntagen tat; er ließ nicht davon ab, auf Abenteuer auszugehen. Nein, Abel wollte nirgends hin. Aber er kannte im Ödland einen guten Platz, wo es Kreuzottern gab, und nun war er wohl auf dem Wege dahin, um einige zu erlegen. Älter war er nicht, ein Junge war er noch immer.

Oder hatte er auf den Schmied gewartet? Es müßte denn sein, damit ihn gewisse Leute in geachteter Gesellschaft sehen sollten. Wenn sie am Stubenfenster saß, und er ging mit dem Meister vorbei, so schadete das gar nichts. Aber sie konnte es dabei genau so halten, wie sie selbst wollte — wie heißt sie nur gleich? Klein-Lydia — na, jedenfalls ging er ganz wie ein Schmiedsgeselle und unentbehrlich für Carlsen vorüber ...

Als sie Fischer Jörgens Haus hinter sich haben, merkt der Schmied allmählich, daß er ganz allein spricht und Abel ihm nicht antwortet. Der Schmied hatte zwar nicht mit einem blitzschnellen Seitenblick nach einem gewissen Fenster etwas entdeckt und dadurch heftiges Herzklopfen bekommen, aber er fühlt, daß er für Abel ein zu alter Gefährte ist. Lächelnd sagt er: „Ja, jetzt danke ich dir für die Begleitung, Abel, ich muß diesen Weg hier einschlagen.”

Abel geht nach den Kreuzottern. Auf einem steinigen Abhang pflegten viele zu sein; sie lagen da auf dem Geröll und sonnten sich in aller Behaglichkeit, Abel und andere Jungen hatten im Lauf der Jahre gar oft Jagd auf sie gemacht. Mit dieser Jagd war Gefahr und Ehre verbunden; in den Schultagen stand man in großem Ansehen dafür.

Als er in die Nähe des Abhangs kommt, hört er lautes Rufen und Geschrei von anderen Jungen, die schon vorihm dort sind; da geht er nicht weiter. Nein, denn das sind natürlich noch Kinder, achtjährige, und die sind so dumm. Verständige Leute schreien nicht auf der Kreuzotterjagd, sondern halten den Atem an und treten so sachte auf wie auf Rosenblätter.

Was jetzt? Jenseits des Hügels weiß er einen Platz, wo ein gutes Echo ist, dorthin lenkt er seine Schritte; ein Junge ist er eben doch noch.

Hier ist es still und abgelegen und keine Menschenseele weit und breit. Er ruft — ja, das Echo ist da. Aber eigentlich ist er mit viel wichtigeren Dingen beschäftigt, als ein Echo zu probieren, er wirft sich ins Heidekraut und lebt in Gedanken den Vorgang bei einem gewissen Fenster noch einmal durch. Na, was hatte er im großen und ganzen mit diesem Einfall erreicht? Das Messer mit der neusilbernen Scheide hing auf der richtigen Seite und glänzte sehr schön, aber hatte sie es auch gesehen? Und außerdem hätte die Gestalt hinter den Scheiben gut eine von ihren Schwestern und nicht sie selbst sein können. Nichts war entschieden.

Abel bleibt lange liegen und erlebt das Vorkommnis wieder und wieder; er überlegt alle Möglichkeiten, bisweilen droht sein Herz auszusetzen, so heftig klopft es vor lauter Glück, bald kriecht er zusammen vor Entzücken, bisweilen ist er hoffnungslos, und dann richtet er sich trotzig auf mit einem lauten: „Na, Glück auf die Reise!”

„Reise!” äfft das Echo nach.

Er ruft: „Jawohl, Glück auf die Reise!”

„Auf die Reise!” erwidert das Echo.

Er ruft deutlicher und lauter, er buchstabiert es dem Echo vor und bringt es dazu, jedes einzelne Wort zu sagen. Das beschäftigt ihn eine Weile; aber ins Endlose kann er sich ja nicht mit diesem Papagei in den Bergen unterhalten, dagegen versinkt er in Gedanken über das Echo selbst, dieser Sprache ohne Mund, diesem Laut ohne Stimmwerk, dieser Bauchrednerei aus einem Scheinbauch, der sich vielleicht jenseits der Grenzen des Lebens befindet. Abel hat sich daran gewöhnt, das, was ihm selbst begegnet, sowie auch das, was ihm auf seinem Wege begegnet, einer notdürftigen Untersuchung zu unterwerfen; niemand hat es ihn gelehrt, niemand seine Überlegung dazu entwickelt,nur er selbst. O, er verbrachte wahrlich manche behagliche Stunde in seiner eigenen Gesellschaft! Früher wandte er sich wohl an seinen Vater und fragte ihn nach den erstaunlichsten Dingen, und Oliver war nicht der Mann, der einer Untersuchung solcher Fragen aus dem Wege ging, denn er war ja weit in der Welt herumgekommen. Aber in der letzten Zeit, und besonders, seit seine unglückliche Neigung zu Klein-Lydia übermächtig in Abel geworden war, suchte er lieber die Einsamkeit auf und schlug sich mit den Fragen allein herum. Der Schmied Carlsen hatte auch auf ihn eingewirkt, des alten Mannes weise Einfalt und Milde tat ihm gut, und seine Fröhlichkeit ermunterte ihn.

„Bumm!” ruft Abel wie ein Schuß.

„Bumm!” antwortet das Echo.

Eine ganz kurze, dröhnende Antwort, es klang wie ein ferner Knall. Es ist merkwürdig, Abel plagt sich ordentlich mit der Aufgabe, ja, sie dreht sich tüchtig mit ihm im Kreise herum; das soll der Kuckuck verstehen! Abel ist von Rätseln und unbegreiflichen Vorgängen umgeben; da ist er ausgegangen, Kreuzottern aufzuspüren, und ganz richtig, dann hört er zum Beispiel ein Echo. Auch dieses Zurücktönen ist unbegreiflich und geheimnisvoll, auch darüber könnte er bis zum Abend nachgrübeln. O, er kann grübeln! Das ist nicht eine Art Eßlust oder ein Negersport oder ein Versuch, Geld zu verdienen, Gott bewahre! Aber was es nun auch sein mag, Klein-Lydia versteht jedenfalls nichts davon, sie sitzt jetzt wohl daheim und schaut durchs Fenster hinaus, aber sie sollte nur wissen, wie dumm sie ist! Er sieht große Ebenen mit Vieh darauf, sieht Berge, Wälder, Meere, Unendlichkeiten, Jahrhunderte. —

Hat er geschlafen?

Er richtet sich auf, räuspert sich, gähnt, schlägt mit den Armen um sich und reckt sich. In demselben Augenblick hängt etwas baumelnd zu seinem Jackenärmel heraus, ein dunkles Tauende mit einem aufgesperrten Maul, ein langes Tier, das sich blitzschnell ins Heidekraut hineinschlängelt. Ho — hier schreit man nicht und rafft die Kleider zusammen vor Mäusen, man ist in einer Sekunde auf den Beinen und hinter dem Ausreißer her, findet ihn, tritt ihn nieder, zerschmettert ihm den Kopf. Getan!

O, aber wer hat es gesehen? Der Himmel und die Erde, niemand. Die Tat ist umsonst getan.

Er hebt das Tier am Schwanz auf und nimmt es mit, er will es unterwegs einem Ameisenhaufen zum Geschenk machen. Es ist ein prachtvolles Exemplar, gestreift, auf dem Rücken gekreuzt, eine Schönheit, o, so ekelhaft! Er findet keinen Ameisenhaufen, und so schleift er das tote Biest weiter mit, es begegnen ihm auch keine Menschen, nicht einmal ein Kind.

Allmählich wird es Abel langweilig, es ist doch weit bis ins Städtchen. Plötzlich fühlt er einen Stich in der Hand, in der rechten Hand, die die Schlange trägt, und als er nachsieht, ist die Hand dunkel und geschwollen, er ist also vorhin doch gebissen worden. Und da war man wieder kein Jüngferchen, das aufschreit und in Tränen ausbricht; obgleich kein Mensch zusieht, führt man sich doch wie der Mann von Eisen auf, der man ist. Abel läßt die tote Schlange los, sucht nach der Wunde und fängt an sie auszusaugen. Er kann das, er hat es früher auch schon getan. Merkwürdig, daß er den Schlangenbiß selbst nicht gefühlt hat, jetzt hat er das Gift schon mehrere Minuten im Körper, und da wird es immer schwieriger, es durch Aussaugen allein herauszuholen. Als er weitergeht, nimmt er die tote Schlange mit.

Die Stiche in seiner Hand verstärken sich, na, dies ist jedenfalls ein Sonntag ohne Einförmigkeit. Ab und zu betrachtet er seine Hand, die nicht weißer werden will, betrachtet die Wunde — ein lächerlich kleiner Biß, kaum der Mühe wert. Aber allmählich, während er so dahinwandert und die Hand nicht besser wird, sieht er sie ungeduldig noch einmal an, gründlich, wie um zu untersuchen, ob es wirklich eine Wunde ist, und zwar seine Wunde. O ja, ein Irrtum ist ausgeschlossen, und es ist ihm nicht unwillkommen, daß eine kleine Strecke vor ihm ein Mensch sichtbar wird. Abel saugt im Weitergehen an der Wunde.

Er legt die Hand mit der Schlange auf den Rücken, um den Menschen nicht zu erschrecken. Der Schmied Carlsen sitzt da am Rain. Hierher ist er also gegangen, da sitzt er einsam auf einem Stein, die Hände um seine erloschene Pfeife gefaltet.

„Bist du wieder da, Abel?” sagt er. „Ich sitze hier ganz müßig, betrachte die Berge und Täler und muß mich verwundern, baß verwundern. Siehst du den Berggipfel dort, die Felsenkuppe? Hehe, ein gewaltiger Kerl, sieh nur alle die Steine, mit denen er sich behängt hat! O wie schön ist die Welt! Willst du nach Hause gehen?”

„Ja, nach Hause,” sagt Abel und nickt. Aber da habe er ja die Schlange, und er sei auch ein wenig gebissen worden —

Der Schmied springt auf, alt, verwirrt, zitternd.

„Neinneinnein —”

„O, es ist nicht gefährlich,” erklärt Abel.

Aber wie dieses Mitgefühl wohltut, älter ist man nicht, wenn man noch ein Junge ist; diese Verwirrung und dieses Entsetzen bei einem andern Menschen zum Vorteil für einen selbst ist geradezu köstlich, das Herz schwillt einem dabei, und man lacht, um sich als Mann zu zeigen, man sagt, ach was, es sei doch gar nichts, der Meister solle nur so gut sein und ihm das Handgelenk zuschnüren, etwas weiter oben, so, ja —

Sie gehen heimwärts. „Ich hab' noch keinen so kaltblütigen, standhaften Menschen gesehen wie dich,” sagte der Schmied. „Und tut es nicht weh?”

„Nein, keine Spur, nur ganz wenig.”

Abel macht einen Umweg, um einen Ameisenhaufen zu suchen, den er von seinen Streifereien her kennt; der Schmied schüttelt zwar den Kopf, geht aber mit. Von dem Ameisenhaufen begleitet er ihn nach Hause, der Alte ist wahrlich etwas stolz auf den Jungen, er zeigt ihn dem und jenem, der ihnen begegnet, und erregt großes Entsetzen.

Sie gelangen in die Stadt, und der Fischer Jörgen steht unter seiner Tür. „Da, sieh mal dem Jungen seine Hand!” sagt der Schmied eifrig. Aber Abel, von all der Ehre stolz geworden, hält vor dieser Tür nicht an, gerade vor dieser Tür nicht, er lächelt nur und geht vorbei. Und der Schmied ruft ihm nach, ihn zur Eile antreibend: „Ja, geh nur rasch! Und geradeswegs zum Doktor! Sofort!”

Abel ist eigentlich in kalten Schweiß gebadet und fühlt sich sehr elend, aber er ist überglücklich. Seht, nun bleiben die Menschen beieinander stehen und erzählen sich vonihm; gewisse Leute sollen nur erfahren, wie sich ein Mann von Eisen bei einem Schlangenbiß benimmt!

„Hab' ich nicht deinem Vater durch dich eine Aufforderung, hierherzukommen, geschickt?” fragt der Doktor.

„Ich weiß nicht.”

„Sag ihm, er soll sofort kommen! Sonst wird er geholt. Sag ihm das! Laß mich deine Hand sehen! Pfui, wie sieht sie aus!”

Der Doktor versteht sich auf seine Kunst; jeden Sommer hat er Kreuzotternbisse zu heilen, und noch nie ist jemand daran gestorben. „Aber dies ist ein besonders schlimmer Fall,” sagt er jedesmal; das macht den Kranken sehr stolz, er kann jedermann erzählen, daß er am Rande des Grabes gewesen sei. Hier jedoch sagt der Doktor mehrere Male, es sei ein sehr gefährlicher Fall.

Nein, Oliver ist nicht der Mann, der gleich läuft, wenn ein Doktor ruft, er ist eine wichtigere Persönlichkeit. Seine Stellung als Lagerhausvorsteher stellt ihn in die Klasse der besseren Leute, auf die gleiche Stufe mit den Ladenangestellten von Johnsens am Landungsplatz, ja, mit dem Geschäftsführer Berntsen. Und Oliver ist sogar noch eine Spur vornehmer, er läuft nicht für die Kunden auf den Bodenraum und in den Keller, sondern er ist ortfest, und das ist gerade eine passende Stellung für einen Mann wie Oliver.

Er hat sein richtiges Fach gefunden, o, es ist ausgezeichnet, so einem Lagerhaus vorzustehen, beim Kommen und Gehen von den Leuten gegrüßt zu werden, Kost und Kleidung zu verdienen, Zeit zu haben, sich im Spiegel zu beschauen und hübsch auszusehen. Daneben kann er seine persönlichen Liebhabereien pflegen, Sonntags fährt er regelmäßig zwischen die Scheren hinaus, er schaut sich um und träumt und sehnt sich, Gott mag wissen, wonach, vielleicht nach einem besseren Leben, einem neuen Jerusalem, und er kehrt von diesen Ausflügen mit dem und jenem heim, was er gefunden hat: einen Relingbalken, einige unerlaubte Möweneier oder das kostbarste und unerlaubteste von allem, eine Hand voll Eiderdaunen. Nie ist er dabei ergriffen worden, niemand kleidet einen Krüppel bis auf die Haut aus, um eine Tüte Eiderdaunen auf seinem bloßen Körper zu suchen. Und Oliver hat nun im Laufe der Jahre wahrlich viel Eiderdaunen gesammelt, die Frage ist nur, wie er sie absetzen soll. Aber selbst wenn er sie nie in Geld umsetzen kann, will er doch weiter sammeln, diese Art Ware kann er nicht sehen, ohne sie besitzen zu wollen.

Daheim geht es auch besser, die Jahre müssen seine Frau zahmer gemacht haben, sie hat mehr Geschmack amhäuslichen Leben und Kaffeetrinken bekommen, und den Kaffee können sie ja verhältnismäßig billig haben; jetzt braucht Oliver nicht mehr so oft mit dem Fischmesser im Ärmel hinter ihr herzuschleichen. Sie war zwar noch oft unverträglich, jawohl, das war sie, sie schnaubte noch oft höhnisch mit den leichtbeweglichen Nasenflügeln und witterte gleichsam in der Luft. Petra hatte es nie gut genug und hatte auch nie genug, sie war ein unglückliches Geschöpf, ungenügsam von Geburt an, habgierig von Geburt, im Unterschied von Oliver, der sich an dem weniger Guten genügen ließ, ja, sich sogar an ihr genügen ließ. Darüber konnte kein Zweifel herrschen, Petra war in ihrer Art ein Teufelsweib. O, aber solange sie nicht ausschweifend war — und sie war ja nie ausschweifend, sie übertrieb es nicht, die Unbeteiligten mochten sie anstarren, sie hatte nur einmal ein blauäugiges Kind bekommen. Alles in allem konnte Oliver zufrieden sein, sie war jeden Tag für ihn da, er wärmte sich bei ihr, aß seine Mahlzeiten an ihrer Seite und lag in ihrem Bett, ihr Atem ging im Schlaf über ihn hin. Seht, das war gar nicht so wenig! Und jedenfalls war sie seine Frau und nicht die eines andern, so weit man es wußte.

Ist sie nicht hübsch? Gewiß, gut gebaut, von anziehendem Wesen, von üppiger Fülle, mit etwas Schwelgerischem — sonst hätte er sie gar nicht genommen, wohlgemerkt! Aber sie ist nicht gegen alle Winde gefeit; wäre nur der Schreiner Mattis fort und aus dem Wege, dann hätte Oliver ruhig sein können! Gegen alle Winde, sie? Petra, die sogar dem Scheldrup Johnsen eine Ohrfeige geben konnte! Als ob sie jeden einladen und sagen würde: „Komm, wir wollen ein wenig üppig sein und lasterhaft und ausschweifend!” Nein, nein, keine Spur! Sie war eher wie ein Altarbild; ach du lieber Gott, am Sonntag trug sie ein goldenes Kreuz, das sie sich erhandelt hatte, an einem Samtband um den Hals. Und niemand wäre etwas so Unsinniges eingefallen, daß sie leichten Kaufes zu haben wäre. O keine Spur!

Petra war in ihrer Art die richtige Frau für ihn, Oliver, sehr oft wünschte er sich gar keine andere. Die braunäugigen Kinder? Allerdings, dieses Mädelchen war ihm ein Strich durch die Rechnung, und mehrere Monatelang hielt es seinen Verdacht in heller Lohe; aber weichlich und weibisch, wie er geworden war, konnte er dem Kinde nicht auf die Dauer widerstehen, das tägliche Leben führte das Mädelchen zu oft in seine nächste Nähe; wenn niemand anders anwesend war, mußte er es wiegen. Und dann wurde sein Verdacht sozusagen geprellt: er hatte eine Pferdenase in dem kleinen Gesichtchen erwartet, aber das Kind wuchs heran und bekam eine außergewöhnlich hübsche Nase. Das mochte der Kuckuck verstehen. In jener Zeit besprach Oliver die Sache mit dem und jenem: daß er plötzlich der Vater eines blauäugigen Kindes geworden sei, während die andern Kinder braune Augen hätten, wie denn das zu verstehen sei? Er bekam ausweichende Antworten, der Fischer Jörgen verwunderte sich überhaupt nicht darüber, o man könne sonderbarere Sachen sehen, und im übrigen sei in der Natur vieles verborgen.

Oliver ist also den Umständen angemessen ein ganz glücklicher Vater. Aus solchen Kindern wurde gewiß etwas. Es gab nicht viele, die es besser hatten, und wenn er alt und von der Arbeit im Lagerhaus abgearbeitet war, würden seine Kinder erwachsen sein und ihm helfen. Von Abel erwartete er vielleicht nicht sehr viel, aber von Frank — o, Frank ging in die höheren Schulen und wurde gelehrt, und mit der Zeit würde er eine hohe Stelle bekommen. Er war jetzt schon Student und studierte immer weiter.

Und schließlich noch eins: es war gar nicht so ohne, daß Johnsen am Landungsplatz Doppelkonsul war, Oliver rechnete sich das zur Ehre. Es hieß, Grütze-Olsen wolle jetzt auch einen Lagerhausvorsteher halten, nur um groß zu tun, und Martin auf dem Hügel, der alte Fischer, lauere auf die Stellung. O, bitte, nimm sie nur, auch Grütze-Olsen ist Konsul und ein reicher Mann, vielleicht hat man es bei ihm auch gut. Aber ist er zweimal Konsul? Hehe! Martin auf dem Hügel, du erreichst gerade die Hälfte, aber bitte!

So vergehen die Tage, und so vergehen die Jahre, und Oliver lebt so gut er kann und wandert auf seinem Wege dahin, wie wenn er gar nicht ein Krüppel mit nur einem Bein wäre. Nun hat er achtzehn Jahre lang den Menschen gespielt so gut wie irgend sonst jemand, ja besser als sonst irgendeiner.

An einem Samstagabend bürstet Oliver seinen Rock und seine Schuhe und macht sich zum Heimgehen bereit. In der letzten Zeit zeigt er eine wahrhaft rätselhafte Vorsichtigkeit. Warum er das nur tut? Er guckt auf die Straße hinaus, und da er den Doktor erblickt, zieht er sich zurück und wartet. Warum meidet er den Doktor, während alle andern es für eine Ehre halten, wenn sie auf der Straße von ihm angehalten werden?

Der Doktor geht mit dem Postmeister, dem er sonst immer eilig ausweicht, hin und her, sie gehen bis zu Davidsens Kramladen und wieder zurück, mehrere Male, Oliver ist eingesperrt. Lauert der Doktor dem Krüppel geradezu auf? Denn er kann ihn doch wohl nicht persönlich in einem Lagerhaus aufsuchen. Oliver hört Bruchstücke von des Postmeisters Worten, versteht aber keine Silbe; der Doktor versteht wohl alles, aber er scheint nicht aufmerksam zuzuhören, nein, er scheint viel eher den Postmeister als Vorwand zu gebrauchen, um hier lauern zu können. Das ist nicht fein.

Oliver ist also das Merkwürdige begegnet, daß der Doktor zweimal nach ihm geschickt hat, und er versteht vielleicht nicht, was es bedeuten soll. Oder wie? Oliver hat die Neugier und Verschlagenheit eines Frauenzimmers, und er fragt sich, ob diese Aufforderung wohl irgendwie in Verbindung mit Konsul Johnsen stehen könne? Er hat es sich überlegt, in aller Untertänigkeit ein Wort darüber beim Konsul fallen zu lassen: er sei ein geringer, ungelehrter Mann, der Doktor habe ihn aufgefordert, zu ihm zu kommen, was das denn zu bedeuten habe?

Der Konsul weist es sofort mit verwundertem Lachen zurück und sagt: „Was weiß ich davon?” Aber plötzlich wird er nachdenklich und fragt: „Hat er dich auffordern lassen?”

„Ja, zweimal.”

„So. Was will er von dir?”

„Ich weiß es nicht.”

„Kümmere dich nicht darum!”

Danach hat Oliver gehandelt und sich bis jetzt nicht darum gekümmert.

Aber nun geht der Doktor da draußen auf und ab und scheint ihm aufzulauern.

Der Doktor unterhält sich gewiß nicht gut, er wirft nur ab und zu ein Wort ein, hauptsächlich wenn ihnen jemand begegnet, wo er sich wichtig machen will, da richtet er eine richtige Frage an den Postmeister. Wenn Oliver etwas davon verstanden hätte, wäre folgendes Gespräch gewiß nützlich für ihn gewesen.

„Ja, es war wegen der Nachkommenschaft. Sie haben nicht darauf geantwortet.”

„Ich bin wohl nicht ganz verständlich gewesen,” sagt der Postmeister. „Ist es nicht so, daß sich die Eltern, wenn ihre Kinder groß geworden sind, weiter nicht mehr besonders um sie kümmern, sondern wieder mehr um deren Kinder, die Enkel? Dies würde auf einen in den Menschen niedergelegten Keim deuten, auf die endlose Fortsetzung.”

„Andererseits, ist es nicht ein wenig sorglos von diesem in den Menschen niedergelegten Keim, unaufhörlich Kinder gebären zu lassen, zum ärmlichsten Dasein, zu Schande und Untergang? Wenn sie wenigstens alle in guten Heimstätten geboren würden!”

„Ich weiß nicht, ob die Frage so gestellt werden kann,” erwidert der Postmeister. „Es kann ja sein, daß man zu dem Schicksal geboren wird, das man sich in früheren Erdenleben verdient hat. Es gibt etwas, was auch darauf hinweist: manche Kinder werden in den besten Häusern erzogen und mißraten, andere Kinder kommen in verkommenen Heimstätten zur Welt und werden prächtige Menschen, sie erziehen sich selbst. Auch hier in der Stadt ist wohl kein Mangel an solchen Beispielen. Das Leben ist eine Vermengung, ein einziger Wirrwarr von solchen Fällen, unsere Logik reicht nicht hin, sie zu erklären.”

„Doch lassen wir die Logik walten, sonst wird ja alles leeres Geschwätz, entschuldigen Sie! Jetzt eben haben Sie gesagt, daß Kinder aus den besten Familien mißraten können. Ganz richtig. Und zugleich sollen sie sich in früheren Erdenleben ihr Schicksal verdient haben. Dann hätten sie sich doch hinaufgedient und verdient, in besseren Familien geboren zu werden. So meinen Sie es doch wohl?”

„Warum nicht? Es ist ja nicht gesagt, daß eine gute Familie und zeitliches Wohlergehen das beste, daß einLeben ohne Qualen das beste sei. Sehen wir nach der andern Seite; manche können durch Leiden geradezu aufrecht erhalten und ernährt werden, sie können ihr Glück im Leiden finden.”

Der Doktor konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken, es war schwer, hier auf und ab zu gehen und höflich zu sein, seinem eigenen Besten gerade entgegen. Er sah auf seine Uhr, drehte jäh wieder nach Davidsens Haus um und machte ein paar rasende Schritte; aber der Postmeister ging mit. Als sie wieder zurückkamen, hatte das Gespräch eine andere Wendung genommen, der Postmeister hält jetzt eine soziale Rede.

„Natürlich ist es der arbeitende Mittelstand, der das Leben am Aussterben verhindert, ich begreife nicht, wie da jemand widersprechen kann. Es ist nicht nur die Masse, obgleich sie es ist, die sagt: wir Arbeiter! O, die Masse, sie hat die Kunstgriffe gelernt, sie kann ihr Radaublatt lesen und hat den Gedankeninhalt bekommen, den sie braucht. Wir Arbeiter! Ist damit der Bauer, der Fischer gemeint? Nicht wahr, damit ist niemand anders gemeint, als der Industriearbeiter? Er ist der, der so laut schreit. Erinnern Sie sich, Herr Doktor, daß Sie und ich eine Zeit erlebt haben, wo es keine Industriearbeiter bei uns gegeben hat, wo aber jedes Haus seine Industrie hatte? Das Leben war damals nicht so ausgefüllt, daß wir nicht noch Zeit hatten, den Sonntag zu feiern, die Lebensweise war einfacher, die Zufriedenheit größer. Dann bekam die Mechanik die Herrschaft, die Massenproduktion nahm ihren Anfang, der Industriearbeiter erstand — zum Vorteil und zur Freude von wem? Für den Fabrikanten, für den Arbeitsherrn, für niemand anders. Er wollte mehr Geld verdienen, er und sein Haus wollten größeren irdischen Luxus genießen, er glaubte nicht, daß er sterben müsse —”

„Nein, hören Sie,” sagt der Doktor lächelnd, „setzte er nicht viele Leute in Tätigkeit, schaffte er nicht Brot für hungernde Magen?”

„Brot? Sie meinen Geld zu Brot. Er verschaffte ihnen Fabrikarbeit — aber der Boden des Landes liegt unbebaut da. Ja, das tat er. Er lockte die Jugend von ihrem natürlichen Platz im Leben weg und nützte ihre Kräfte zu seinem eigenen Vorteil aus. Das tat er. Erstiftete einen vierten Stand in eine Welt hinein, die schon vorher zu viele Stände hatte, eine ganze Klasse Industrieleute, die unnötigsten Arbeiter des Lebens. Und dann sieht man, was für ein menschliches Zerrbild so ein Industriearbeiter wird, wenn er die Kunstgriffe der oberen Klasse gelernt hat: er verläßt das Boot, verläßt den Acker, verläßt Heimat, Eltern, Geschwister, verläßt das Vieh, die Bäume, die Blumen, das Meer, den hohen Gotteshimmel — dafür bekommt er Tivoli, Vereinshaus, Kneipen, Brot und Zirkus. Dieser guten Dinge wegen wählt er das Proletarierleben. Und dann brüllt er: Wir Arbeiter!”

„Also keinerlei Industrie?”

„Wie? Gab es denn vorher keine Industrie?”

„Aber also keinerlei Fabrikbetrieb?”

„Was soll man darauf sagen? Wir können uns einige wenige Ausnahmen denken.”

„Also doch!”

„Zum Beispiel die Fabrikation von Fensterglas.”

„Hahaha!”

„In heißen Gegenden ist diese Ware unnötig, aber in unserem Klima brauchen wir sie. Das hab' ich gemeint.”

„O, dafür brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, daß wir Menschen unter anderem auch Fensterglas brauchen.”

Der Postmeister war bisweilen recht hilflos, sehr wenig gewandt, er kam dadurch öfters in die Klemme. Bei einer Gelegenheit gebrauchte er die Redensart: „Die Letzten werden die Ersten sein!” Ein junger Rechtsbeflissener, der beim Hardesvogt angestellt war, kam gerade vorüber, und da fragte der Doktor eben boshaft, ja, wie wenn es ihm ein Rätsel wäre: „Aber was in aller Welt sollen dann die Ersten werden?” Der Postmeister antwortete wieder ganz treuherzig: „Die Ersten werden die Letzten sein.”

„Hahaha!” lachte der Doktor wieder. „Ei, zum Henker! Aber sagen Sie mir, Herr Postmeister, wie können Sie nur immer bei allem so glücklich sein?”

Der Postmeister versteht jetzt wohl, daß er zum besten gehalten wird, und er erwidert: „Ich bin es nicht immer und nicht bei allem.” Dann schwieg er.

„Es muß Angewohnheit sein,” sagt der Doktor. „Sie können das Glück nicht entbehren. Wir andern aber vondieser Welt, wir müssen ohne es leben. Natürlich ist es eine Angewohnheit.”

Der Postmeister war schweigsam. Der Doktor mußte seine Zuflucht wieder zu der Frage über die Nachkommenschaft nehmen, um ihn zum Sprechen zu bringen. Und hier wollte der Postmeister nicht auf sich herumtreten lassen, er machte unerwartet Halt. „Waren nicht Sie es, Herr Doktor, der damals die Liebe nannte? Was verstehen Sie darunter? Sie hätten Triebleben, tierische Funktion sagen sollen, sie hätten Liederlichkeit sagen sollen, o, aber auch diese so klug, so vorbeugend, so kinderlos wie nur möglich.”

„Ei du große Zeit!” rief der Doktor verwundert aus. Dann wurde er wieder der überlegene Mann und zeigte keine Lust zum Disputieren. Er sah auf seine Uhr. Plötzlich war der Postmeister nicht mehr für ihn da, er rief nur ins Lagerhaus hinein: „Komm heraus, Oliver, ich will mit dir reden!”

Als ob Oliver gleich käme, wenn ein Doktor rief! Er blieb in seinem Versteck im Lagerhaus sitzen, bis der Doktor fort war, dann schloß er ab und ging.

Aber er sollte diesem Zusammentreffen doch nicht entgehen; der Doktor paßte ihn in der ersten Querstraße ab, griff sogar mit einem Finger nach seinem Hut und sagte in ganz verändertem Tone: „Guten Abend, Oliver, gut, daß ich dich treffe, kannst du mit mir in mein Sprechzimmer kommen?”

Oliver ging mit; ob er nun seiner Neugier nachgab, oder ob er sich die Sache vom Hals schaffen wollte?

„Hast du etwas dagegen, wenn ich deine Hüfte untersuche?” fragt der Doktor.

„Wie —?”

„Es ist der Wissenschaft wegen. Du bist ein gutes Objekt. Zieh dich aus!”

Oliver zögert.

„Es wird bald geschehen sein, fünf Minuten genügen, ja, zwei Minuten. Ich will mir nur deine Hüfte ansehen. Tut sie dir nie weh?”

„Nein.”

„Nun laß mich einmal sehen!”

Nein, Oliver wollte nicht. Es sei Samstagabend, er müsse jetzt nach Hause.

„Was ist das für ein Geschwätz, zwei Minuten!”


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