Oliver weigerte sich, o nein, so weit war er gegangen, weiter ging er nicht. Der Doktor stand allerdings in hohem Ansehen in der Stadt, aber die Geschichte mit dem schwedischen Matrosen hatte es nicht gerade erhöht, im Gegenteil. Immerhin würde ihm wohl Oliver nachgegeben und sich ausgekleidet haben; aber er schien sich davor zu fürchten, er mußte einen besondern Grund haben, es nicht zu tun. Was hatte er nur? Sein Gesicht trug jetzt den bösen, verschlagenen Ausdruck, er sah den Doktor langsam an und sagte: „Nein, das tu' ich nicht.”
„Du bist ein Dummkopf,” sagt der Doktor. „Du hast auch keinen Bartwuchs mehr, woher kommt denn das? Und du wirst fett und glatt wie ein Frauenzimmer.”
„Mir fehlt nichts,” sagt Oliver.
„Gerade das wollte ich ja untersuchen. Du solltest nicht dabei verlieren, ich wollte etwas ins reine bringen, den Unterleib, es ist in einer einzigen Minute geschehen.”
„Nein, ich tu' es nicht.”
Der Doktor gab es noch nicht auf: „Wie bist du denn damals zu Schaden gekommen?”
„Eine Trantonne kam auf mich zugestürzt.”
„Das versteh' ich nicht.”
„Sie zerschmetterte mir das Bein, das dann abgenommen werden mußte.”
„Laß mich sehen, wie hoch es abgenommen ist!”
Oliver deutete mit der Hand.
„Ich meine, du solltest die Hose ausziehen.”
„Nein,” erwidert Oliver zum drittenmal, „ich tu' es nicht.”
Der Doktor sagte — und er legte einen tiefen, würdigen Sinn in seine Worte: „Wie du willst. Ich dachte übrigens nur daran, dir zu helfen.”
Oliver wandert heimwärts; es ist spät geworden, und er hört die Tanzmusik vom Tanzsaal her, es ist ja Samstagabend. Da fällt ihm ein, er sei am Ende nicht gut genug angezogen, um an den Burschen und Mädchen in ihren Staatskleidern vorüberzugehen, und er macht deshalb einen Umweg. Welch ein Zufall — da steht ja Petra und spricht mit niemand anders als mit dem Schreiner Mattis. Die beiden sind sehr eifrig, der Schreiner siehtsogar höchst leidenschaftlich aus; und wieder spürt Oliver, wie ihm ein scharfer Stich durchs Herz fährt, er knirscht mit den Zähnen, während er näher tritt. Nun erblickt Mattis den herankommenden Oliver, da zieht er sich zurück und tritt in seine Werkstatt. Er tut auch klug daran, sich zurückzuziehen, zu verschwinden, denn in diesem Augenblick tritt Oliver zähneknirschend auf ihn zu. Und Petra tut auch klug daran, auf ihren Mann zu warten, hätte sie einen Augenblick daran gedacht, wie eine Hündin zu entfliehen, dann hätte dieser Mann, ihr Ehemann, sie mit einer Donnerstimme zurückgerufen.
Sie gehen nebeneinander. Oliver schweigt und knirscht mit den Zähnen.
Petra fühlt wohl, daß ein Gewitter im Anzug ist, sie ergreift die Offensive und murmelt: „Hm! Ist das ein Zustand!”
„Ja,” sagt auch Oliver, „es ist ein Zustand.” Und jetzt dreht er die Augen nach ihr hin.
„Bei Mattis, mein' ich. Du hast es wohl gehört?” fragt sie.
„Gehört? Was?” Er hat nichts gehört, ist nur von seinem Eigenen erfüllt und erwidert: „Du, du sollst etwas zu hören bekommen!”
„Was brummst du denn da?” sagt sie unschuldig und sorglos. „Na, dann hast du es also nicht gehört?”
Es muß etwas Besonderes sein, die Neugierde bekommt die Oberhand bei ihm, die Stiche in seinem Herzen sind nicht mehr so heftig. „Was willst du mir denn da weismachen?” fragt er.
Das ist nun Petras günstigster Augenblick, sich ein wenig kostbar zu machen, sie tut sogar etwas gekränkt und sagt: „Ich will dir gewiß nichts weismachen, ich werde schweigen.”
Oliver mußte einen ganz andern Ton anschlagen, bitten, ehe Petra nachgab. O, aber die Neuigkeit ist doch zu gut, um nicht die erste zu sein, die sie erzählt; Petra kann sie nicht länger für sich behalten. „Es ist Maren,” sagt sie.
„Was ist mit ihr?”
„Maren Salt.”
„Ja, hörst du —”
„Ja, sie liegt zu Bett; sie hat ein Kind bekommen.”
Oliver wußte wohl nicht recht, wie er diese Neuigkeit aufnehmen sollte, jedenfalls war er nun wieder um eine kräftige Auseinandersetzung mit seiner Frau betrogen. Halb ärgerlich sagt er: „Dann hast du also darüber mit ihm lange Reden gehalten?”
„Lange Reden gehalten? Er kam zu seiner Tür heraus und sagte es mir. Er ist ganz verstört.”
„Das geschieht ihm gerade recht.”
„Ach, du glaubst doch wohl nicht, daß der Mattis der Vater sei?”
„Na, das weißt du wohl?”
Sie stritten sich darüber, bekamen ernstlich Streit. Wenn Mattis nicht der Vater war, dann wußte Oliver noch weniger, wie er es aufnehmen sollte. Aber jedenfalls war es Samstagabend und spät, Oliver war hungrig und ungnädig, er wollte so rasch wie möglich heim. Als er endlich zu essen bekommen und überdies viel bekommen hatte, lag das Leben wieder heller vor ihm, er lachte und fragte Petra genauer über Mattis aus, was er gesagt und wie er es aufgenommen habe.
Petra erzählte. Sie war sehr zufrieden, daß das Gewitter vorübergezogen war, nun war auch sie wieder in guter Laune, o nein, das fehlte nicht, sie machte Mattis nach und machte sich über ihn lustig: Mattis habe sofort verlangt, daß Maren aus dem Hause solle, ehe sie sich legen müsse, aber Maren habe eine spätere Zeit angegeben und ihn tüchtig angelogen, o, es sei noch lange bis dahin. Dann hört er in der Nacht plötzlich ein Kind schreien, Mattis fährt aus dem Bett und läuft nach der Hebamme, läuft auch zum Doktor. Der Doktor sagt ungläubig: „Maren Salt, ist sie nicht vierzig bis fünfzig Jahre alt? Das ist doch wohl nicht möglich?” — Mattis hatte geantwortet: „Glauben Sie vielleicht dann, ich hätt' ein Kind bekommen?” — „Bist du sicher, daß ein Kind da ist?” fragt der Doktor. — „Es schreit jedenfalls, es liegt drinnen. Kommen Sie und sehen Sie selbst nach!”
Petra lacht, und Oliver lacht, und die Großmutter lacht, selbst die beiden kleinen Mädel merken gut, wie lächerlich der Schreiner Mattis sich benommen hat, und können nicht ernst bleiben.
„Ihr hättet den Mattis sehen sollen,” sagt Petra. „Dastand er, trat von einem Fuß auf den andern und schnaubte mit der Nase, er war ganz verzweifelt, weil er die alte Person nicht bei Zeit aus dem Hause hinausgebracht hatte. ‚Es heißt, sie sei zwischen vierzig und fünfzig, aber sie ist wenigstens sechzig,’ rief er, ‚und ist das menschlich? Hingehen und mit den Nüstern wedeln genau wie mit Kaninchenohren, wenn sie schon in einem Alter ist, wo man zu Asche wird.’”
Dann war Petra verschmitzt gewesen und hatte gesagt: „Ja, du wirst am besten tun, wenn du sie nimmst, Mattis.” — „Sie nehmen!” schrie er. „Ich? Warum sollte ich sie denn nehmen? Beim Satan werde ich! Und wenn je der Tag kommt, wo ich mich verändere, dann, das weißt du, ist es sicher nicht mit so einer Dirne! Das ist todsicher.”
Das ganze Haus lachte.
Aber wie um wieder etwas Würde zu zeigen, faßt sich Oliver und sagt: „Aber war nun all das etwas, um mit einem fremden Mannsbild zu schwatzen und dazu mitten auf der Straße?”
Doch Petra ist jetzt sicher. „Nein, ich hätt' zu ihm hineingehen können, aber das wollt' ich nicht.”
„Das hättest du nur probieren sollen!”
„Warum nicht? Er ist so gut und einfältig, es gibt keinen bessern Menschen als Mattis. Das weiß ich gewiß, wer mit dem Mattis verheiratet wäre, der könnte ein Kind nach dem andern ohne ihn bekommen; er würde gar nichts davon verstehen.”
„Das würde dir gefallen ... Geht zu Bett, Kinder!” schreit Oliver plötzlich die zwei kleinen Mädchen an, die sofort verschwinden. Selbst die Großmutter verläßt die Stube. „Ja, das würde dir gefallen,” wiederholt Oliver.
„Mir?” versetzt Petra. „Ist es der Mühe wert, mich zu nennen?”
„Du denkst wohl, du habest zu wenig Vergnügen, du darfst dich am Hafen nicht weit genug herumtreiben?”
„Ich?” fragt Petra lachend. „Hehehe!” lacht sie. „Nein, ich hab' einen Mann, der auf mich aufpaßt. Das weiß ich ganz gewiß.”
Oliver sieht sie mißtraurisch an, ob sie vielleicht ihren Spaß mit ihm treibt, er setzt eine düstere Miene auf.
Aber Petra wickelt ihn um den Finger: „Übrigens,” sagt sie einschmeichelnd, „übrigens solltest du menschlich sein und mich etwas mehr dahin gehen lassen, wohin ich gerne wollte. Ja, das solltest du, Oliver. Denn du weißt, ich tu' nichts Böses, ich seh' mich nur um, seh' mich nur um, gucke in die Fenster und schlendere umher.”
„Es paßt sich nicht für eine verheiratete Frau, die zu den besseren Leuten gehören sollte,” erwiderte Oliver. „Wo wolltest du denn hingehen, auf den Tanzboden? Das will ich gern glauben.”
„Und wenn ich auf den Tanzboden ginge? Wenn ich nur einen Augenblick zusehen würde?”
„Ja, und wenn du die kleinen Mädel mitnähmst,” spottete Oliver. „Aber so lange ich Oliver Andersen heiße und so lange ich meine jetzige Stelle habe, wird das nicht geschehen. Da hast du meine Antwort.”
„Neinnein,” erwidert Petra nachgiebig. „Du hast hier zu befehlen, und wenn du nein sagst, dann ist es nein.”
„Ja, das ist es,” entgegnet Oliver selbstbewußt.
„Aber ich darf doch wohl einmal hingehen und nach Maren Salt sehen?”
Oliver fährt auf. „Es wäre mir sehr lieb, wenn du begreifen würdest, daß du nicht zu solchen Menschen gehen kannst, hörst du, und daß du nicht in dieses Haus gehen kannst. Denn wenn ein Mann Vorsteher geworden ist, dann kannst auch du nicht überall hingehen, sondern sollst dich nach deinem Stand benehmen. Ich leid' es nicht, und du mußt dir einfach klar machen, daß ich es nicht haben will.”
„Neinnein,” seufzt Petra, und sie läßt ihn das letzte Wort haben.
Aber Oliver fühlte sich eigentlich geschmeichelt, daß seine Frau ihn um etwas weiteren Spielraum bat, ja, das war er. Denn nicht alle Frauen baten darum, sondern viele machten schlechte Streiche, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Das eine Ereignis löst das andere ab. Frau Konsul Johnsen geht eines Tages mit ihrer Tochter auf der Straße; sie sind beide zufrieden mit sich selbst und mit andern, dann erblicken sie in einer Querstraße den Maler, der Frau Johnsen gemalt hat, den Hardesvogtsohn, sie sehen ihn mit einer von Konsul Olsens Töchtern am Arm. Frau Johnsen ist dick und schwerfällig, sie hätte sich am liebsten auf der Stelle niedergesetzt. Aber Fia sagt nur: „Ja, sie haben sich verlobt, wie ich höre.”
Das ist etwas vom Härtesten, was Frau Johnsen erlebt hat, wäre es wenigstens der andere Maler gewesen, der Tünchersohn. Doch so oder so, keiner von ihnen würde ihre Fia bekommen haben, das fehlte gerade noch! Aber ging man wirklich hin und tat so etwas — gerade vor Fia, vor ihrer Nase! Was sagte sie dazu? Sie nahm es ganz ruhig und äußerte: „Ja, sie haben sich verlobt, wie ich höre.” Wie war denn nur die Fia angelegt und beschaffen, war sie directement kalt? Jetzt fehlte nichts mehr, als daß der andere verhungerte Bursche, der Tünchersohn, daherkam und Fia anflehte; o, dann würde aber Frau Johnsen die Tür weit aufmachen, jawohl, sperrangelweit!
Ach, war das eine Welt, in der man lebte!
Konsul Johnsen nahm es viel weniger tief, es machte ihm fast gar keinen Eindruck, er sagte ungefähr wie Fräulein Fia: „Na, haben sie sich verlobt? Aber störe mich nicht!” Darauf wendete er sich wieder seiner Zeitung zu und las weiter.
„Bedenke, die jungen Burschen, für die wir alles Mögliche getan haben!” sagt Frau Johnsen.
„Jawohl. Aber stör' mich nicht, hörst du?”
Der Konsul hatte an anderes zu denken. Da hattenun der Rechtsanwalt und Abgeordnete Fredriksen die Regierung darüber interpelliert, was sie in bezug auf die verschiedenen Klagen von den Mannschaften an Bord unserer Schiffe zu tun gedenke. Er nannte zwar den Vorgang auf dem Dampfschiff Fia nicht ausdrücklich, verbarg aber doch nicht, daß sogar in seiner kleinen Stadt das Gerücht von ausgesprochener Unzufriedenheit mit den Reedern herrschte. Diese Verhältnisse müßten untersucht werden.
Wie ein Sturm fiel das über Konsul Johnsen her. Dieser Prokurator, dieser unrasierte Emporkömmling hatte Wein und Wohlwollen in seinem Hause genossen, und nun bezahlte er mit diesem Überfall! Man mußte wirklich viel ertragen, wenn man Doppelkonsul und ein großer Mann war!
Hätte Konsul Johnsen gewußt, was vorausgegangen war, dann würde er sich nicht so sehr verwundert haben; für diesen schlechten Streich des Abgeordneten konnte er sich bei seiner Tochter bedanken. Seht, da ging nun die junge Dame, Fräulein Fia, höchst bieder und freundlich und unschuldig dahin, aber ihretwegen gab es eine Interpellation im Landtag. So konnte es gehen. Es gehörte jetzt weniger als vorher dazu, um Herrn Fredriksen zu kränken.
Er war ja über ihre stehenden Fußes gegebene Abweisung seines Antrags etwas verwundert. Da hatte er nun endlich seine Wahl in den Landtag durchgesetzt, jetzt war er also nicht mehr bloß Rechtsanwalt; aber das schien keinen Eindruck auf sie zu machen, nicht einmal um Bedenkzeit hatte sie gebeten. „Nein,” sagte sie lächelnd und schüttelte den Kopf dabei.
Dies hatte er natürlich gut aufgenommen und gefragt: „Geben Sie mir gar keine Hoffnung, Fräulein Fia?”
Nein, es tue ihr leid.
Und er hatte es auch noch weiter gut aufgenommen und wie ein feiner Mann gefragt: „Dann sind Sie nicht mehr frei, Fräulein Fia?”
Doch, das sei sie.
„Na,” sagte er und schwieg.
Er verstand sie nicht, verstand das ganze Mädchen nicht, er dachte wohl, sie stehe sich selbst im Lichte. Er zog sich zurück.
In dieser seltenen Lage weiß sich die Komtesse nicht recht zu helfen, sie läßt sich verleiten, mehr zu sagen, Dummheiten, Beleidigungen. Sie tat es wohl, um nett zu sein, um die harte Entscheidung etwas zu mildern, aber sie sagte, sie stamme aus einem guten Heim und könne sich nicht denken, es zu verlassen.
„Sie könnten ja wieder ein gutes Heim bekommen!”
Es würde wohl nicht dasselbe sein. Alles fessle sie an ihre Heimat, sie habe gebildeten Umgang, sei umgeben von Vornehmheit, illustrierten Blättern, alter Kultur —
Der Rechtsanwalt sah sie an. Darauf nahm er es nicht mehr gut auf, sondern fing an zu lachen. Sie ließ ihn lachen, sie wurde gar nicht verlegen. Als er wieder ernst wurde, sagte er: „Aber liebes Fräulein Fia, was Sie da aufzählen, könnten Sie ja alles wiederbekommen. Nicht wahr?”
„Wo?” fragte sie.
„Na” — hier konnte er nicht vorbeikommen. Der Rechtsanwalt schwieg wieder, schwieg endgültig.
Eine Zeitlang war er dann selten auf den Straßen zu sehen, er ließ sich mit niemand in ein Gespräch ein, war verschlossen, saß daheim und grübelte, was es nun auch sein mochte, worüber er nachgrübelte, ob vielleicht über die prächtige Mitgift, um die er nun gekommen war. Das hätte es mit gutem Grund sein können.
Auch im Landtag war er in den ersten Wochen ein zurückhaltender Mann, er stimmte jedesmal richtig ab und tat nichts Verkehrtes, aber er war schweigsam. Bis er in der Matrosensache das Blatt vom Munde nahm und da endlich offenbarte, welche Glut in seinem Innern brannte.
O, er sprach ausgezeichnet und rührte den Landtag, rührte Land und Volk, seine Teilnahme an den Unterdrückten war sehr groß, seine Gesinnung sehr human: Es wurde hervorgehoben, daß diese Sache zwei Seiten habe, jawohl, das sei es gerade. Und nun schade es nichts, wenn die vornehmen Reeder, wenn sie von dem gebildeten Umgang und der vorgeblichen Kultur weg auch einmal nach der andern Seite sähen. Die Schiffe könnten reine Abenteuerfahrten machen und Geld scheffelweise einnehmen, während die Mannschaften mit derselben Kost und Verpflegung verkämen, die sie von alter Zeit her hatten, wo dieMenschen noch abgehärteter waren als jetzt. Und ob es eine gefahrlose Arbeit sei, in der sie stünden, ob das etwa ein Spiel sei? Die Regierung solle sich einmal an Bord unserer Kauffahrteischiffe begeben und nachsehen, in welchem Zustande die Mannschaften manchmal heimkämen; die, so nicht abgerackert seien, kämen auf einem Bein dahergehinkt oder hätten nur einen Arm, der Dienst habe sie verstümmelt. In einem solchen Zustand kehrten sie zurück zu den Ihrigen, der Redner kenne Beispiele von seiner eigenen Stadt. Aber wenn es sich darum handle, die ärmlichen Verhältnisse dieser Menschen zu verbessern, da stoße man bei ihren großen Herren auf Widerstand. Wie, wenn nun humane Rücksichten, wenn Recht und Gerechtigkeit ans Ruder kämen? „Und kann nicht die Regierung in diesen miserablen Verhältnissen Wandel schaffen, dann kann der Landtag die Änderung erzwingen — wenn er will.”
Ein Konservativer, ein Schatten der Vorzeit, sprach natürlich gegen die Rede, er wendete sich gegen die Übertreibungen; leider komme es ja vor, daß einmal ein Matrose verunglücke, aber es gebe fast keine Arbeit, die ganz gefahrlos sei; er sei in seiner Jugend selbst Matrose gewesen, das müßten ja alle jungen Burschen in seiner Stadt sein, er habe aber keine trüben Erinnerungen an die Kost und an die Verpflegung, die er gehabt habe.
Greisengerede, altes Geschwätz! Rechtsanwalt Fredriksen hörte wohl gar nicht auf ihn. Und er hörte wohl auch kaum auf den Staatsrat, der nachher redete. Dieser Mann wußte nichts Bestimmtes zu sagen, er schwebte über den Wassern, er werde seine Aufmerksamkeit auf diese Verhältnisse richten.
Das sei ja schon etwas! sagte Herr Fredriksen, und er wolle insofern dem Herrn Staatsrat für das Entgegenkommen danken. Mit diesem kühlen Vermerk schien er sich wieder gesetzt zu haben, er wollte vielleicht auch zu verstehen geben, wie wenig ihm das imponiert habe.
Das Referat berichtete:
Der Präsident wirft einen Blick auf die große Uhr und nimmt fälschlicherweise an, daß diese Sache nun erledigt sei. Der Vertreter von Telemarken erhebt sich, der Dauerredner, er widersetzt sich der Verabschiedung und sagt, jetzt wolle auch er das Wort dazu ergreifen.
„Ja, dann mache ich mir keine Hoffnung, daß wir bald fertig werden!” sagt der Konservative mit einem Lächeln.
Das traf. Aber es schien die Mehrzahl nur aufzureizen. Sollte der Vertreter vom Gebirge den Rechtsanwalt aus der Küstenstadt, einen neuen Mann, der in der Sache der unterdrückten Matrosen so ganz genau auf der rechten Seite stehe, nicht unterstützen dürfen?
Und am Nachmittag siegte denn auch Rechtsanwalt Fredriksen gründlich und bekam seine Untersuchungskommission bewilligt. Das konnte man einen vielversprechenden Anfang nennen, sein Wahlkreis legte Ehre mit ihm ein.
Konsul Johnsen liest die Zeitung, wirft sie hin und nimmt sie wieder auf. Seit lange ist er nicht so aufgeregt gewesen.
Schließlich gibt er die Zeitung Berntsen hinaus und sagt: „Lesen Sie das Geschwätz!” Er war sehr empört. Hier thronte er in seiner Stadt und half freigebig nach rechts und links, nahm Krüppel in seine Dienste, zahlte für ihre Kinder auf höheren Schulen, übte Barmherzigkeit, tat Gutes — was hatte er davon? Überfälle! Wenn nur Scheldrup daheim gewesen wäre, um die Verteidigung zu übernehmen, C. A. Johnsen war müde, dieser Kampf ums Leben mußte ja jeden Tag neu aufgenommen werden, er konnte nicht mehr.
Hätte er jetzt wenigstens einen einzigen Ort gehabt, wohin er sich wenden könnte! An den Postmeister wieder? Ja, wenn er durchaus wünscht, von religiösem Geschwätz übermannt zu werden! Nein, da macht er lieber einen Spaziergang in seinen Garten, bleibt eine Stunde weg, kehrt dann in sein Kontor zurück und geht mit frischen Kräften wieder an seine Arbeit. Wer weiß, es war vielleicht ein scharfsichtiger Einfall, eine Hilfe in der Not, eine plötzliche Eingebung, vielleicht kam sie vom Himmel, das konnte gut sein!
Und der Konsul holte sich wirklich etwas Beruhigung in seinem Garten; da saß seine Tochter in aller Unschuld, sie malte spanischen Flieder und plauderte mit ihm, es war ein Vergnügen ihr zuzusehen, wie ihr die Blüten so gut gelangen, ganz täuschend ähnlich, und es wirkte wohltuend auf den Vater, daß sie so zufrieden mit ihrem Dasein war.
„Da sitzt du und bist fleißig, Fia?”
„Ja. Dies ist für die große Ausstellung. Meinst du nicht, ich könne stolz auf dieses Bild sein, Papa?”
„Jawohl.”
„Das meine ich auch. Und doch ist es eben erst angefangen.”
O, Fräulein Fia war ein merkwürdiges Wesen, sie lebte ihr Leben mit großartigem Vorbehalt, laßt sie nur sein, wie sie ist, sie selbst hält es für das richtige! Das sind wohl ihre glücklichsten Stunden, wenn sie in der Nationalgalerie sitzt, Bilder kopiert und diese ähnlich werden. Wenn jemand sich für ihre Malerei interessieren und ein wenig darüber in den Zeitungen bringen würde, dann hätte sie nicht den Wunsch, noch glücklicher zu werden, als sie ist. Sie war gut veranlagt, ohne Bitterkeit, war voller Wohlwollen, ihr Ehrgeiz verursachte ihr keine Qualen.
Ja, ein merkwürdiges Wesen, es fehlt ihr wohl dies und jenes, aber die Mängel schienen nur zu ihrem eigenen vorteilhaften Besten zu sein. Hatte sie ein Schuldgefühl? Es sah nicht danach aus. Sie war in ruhiger Weise mit sich selbst zufrieden, tat nichts Böses, bereute nichts, kannte keine Traurigkeit. Was sollte sie anders wünschen? Sie malte und machte Reisen, weiter nichts, in den Städten hatte sie gute Freunde, sie hat vielerlei erlebt, aber nicht viel. Viele fanden, sie sei in Gelehrsamkeit und Unnatur erstickt. „Hör' einmal,” konnten sie sagen, „ist dir das Maßhalten angeboren, Kind? Aber es gibt erlaubte und zulässige Freiheiten, Komtesse, du kannst dich also ruhig verlieben, Mädchen!” — „Aber warum denn?” konnte sie erwidern.
Was sollte sie anders wünschen? Hätten nicht diese so viele im Streben nach der Malerei weggeworfenen Jahre auf andere Weise angewendet werden können? Warum denn? Es waren geliebte Jahre, war eine poetische Mission, ein Beruf, diese Jahre bewahrte sie gut auf, wie man Erbsilber aufbewahrt. Sie strebte, kam aber nicht vorwärts, o nein, aber sie blieb dabei, es war eine Art Trotz. Ein Aufhören, ein Umkehren auf dem Wege schien ihr unmöglich, sie brauchte keine Erlösung von ihrer fixen Idee, für diese war sie angelegt. Nein, sie hatte kein Schuldgefühl und empfand keine Traurigkeit.
Und wie nun ihr alternder Vater da neben ihr sitzt, ihr zuhört und sich in ihrer Freundlichkeit und ihrem Behagen sonnt, dann denkt er vielleicht: „Gott weiß, ob nicht die Fia die klügste von uns allen ist! Sie ist vom Schicksal ganz unverfolgt und ungestraft, während wir andern uns in ewigem Kampfe abmühen!”
„Im Landtag sind sie hinter uns Schiffsreedern hergewesen,” sagt er. „Sie berichten, wir ließen unsere Matrosen verhungern und sich zu Krüppeln schlagen.”
Sie fährt nicht auf, sondern nimmt es gelassen hin, läßt nur den Pinsel sinken und sagt: „Wirklich?”
„Ja, das versteht sich! So erscheint es also den Außenstehenden.”
„Tut es dir weh?”
„Nicht gerade weh. Aber es ist nicht angenehm für mich, ich werde älter und weniger leistungsfähig, und Scheldrup ist abwesend. Na, gottlob, daß ich dich habe, Fia,” schließt er.
„Wenn ich nur etwas leisten könnte! Papa, sie sind doch wohl nicht hinter dir hergewesen?”
„Sie nennen mich nicht mit Namen. Aber es ist doch mit Fingern auf mich gedeutet worden, und zwar von unserem eigenen Abgeordneten.”
„Von —?”
„Ja, von Fredriksen, dem Rechtsanwalt also.”
„Soo?” sagt sie und wird nachdenklich.
„Ich weiß nicht, was ich ihm getan habe, daß er nun so auf mich losgeht.”
„Es ist nur Mangel an Kultur.”
War es Enttäuschung oder Überlegung, was bei dieser Antwort über ihr Gesicht hinflog? Der Konsul war sich nicht ganz einig darüber; er sagte: „Kultur? Ich weiß nicht, wieviel Kultur er hat. Es ist, als hätte die jetzige Zeit keine Verwendung dafür. Wir sind jetzt alle Menschen.”
Sie schweigt. Ihr Gesicht bekommt einen hartnäckigen Ausdruck, und dann gibt sie nicht nach, das weiß er.
„Ich glaube, dies ist eines der hübschesten Bilder, die du je gemalt hast,” sagt er. „So, du meinst also, es sei Mangel an Kultur? Es kann wohl sein, daß du recht hast. Sag' mir übrigens — nicht wahr, du machst dir nichts aus dem Rechtsanwalt?”
„Ich?”
„Neinnein, nicht das geringste, das wußte ich. Er ist natürlich recht tüchtig und wird es zu etwas bringen ... Wenn nun aber weder du noch deine Mutter sich etwas aus ihm macht, dann braucht der Mann ja gar nicht bei uns zu verkehren. Wir laden ihn von jetzt an nicht mehr ein, rede mit deiner Mutter darüber, sie hat ihn früher recht geschätzt.”
So war dies erledigt, und eigentlich konnte der Konsul nun wieder gehen.
„Das ist wahr,” begann er wieder, „der Maler, wie heißt er doch nur, hat sich also verlobt. Ist es die ältere oder die jüngere von den Töchtern? Ja, du hast es doch wohl gehört, Fia?”
Sie lächelt. „Ich bin die erste gewesen, die es gehört hat. Unter uns gesagt, Papa, ich bin ja für beide Parteien der Vermittler gewesen.”
„Ei sieh! Du, Fia! Vermittler!”
So nahm sie es also auf.
Als der Konsul in sein Kontor zurückging, hatte er zwar keinen guten Rat betreffs des Rechtsanwalts bekommen und ebensowenig zehntausend bei einem Geschäft verdient, aber er machte sich selbst weis, er habe etwas erreicht, und er rieb sich die Hände, wie wenn er außerordentlich arbeitslustig wäre. Aber es war wohl nur ein wenig künstliche Energie. Er grüßt den einen und den andern unterwegs, grüßt auch die Damen freundlich; jawohl, sie grüßen den Konsul wieder, wie man einen großen Herrn grüßt, sie haben den Vorgang im Reichstag noch nicht gelesen. Und doch, die Damen erwidern seinen Gruß nicht wie in alten Tagen, sie schlagen die Augen nicht verlegen nieder wie früher, wenn er ihnen begegnete, er war gealtert, die jungen Damen von heute sehen auf unergrautes Haar, er mußte jetzt in tiefer stehenden Reihen suchen, er stand wohl schon auf dem Boden. Ach was! Er war der, der er war.
Der Konsul trat in sein Kontor, sah auf seine Uhr und ließ sich in seinem Sessel nieder. „Es ist wunderbar, welch eine Erfrischung so eine Viertelstunde ist!” hätte er sagen können, wie wenn er es selbst glaubte. O, sie hatte ihn aber nicht dauernd erfrischt, die Interpellation desRechtsanwalt Fredriksen spukte immer noch in seinem Kopf. Mangel an Kultur? Fia hatte vielleicht recht. Sie war wahrlich auch die klügste, wenn sie für Liebesgeschichten nur das Interesse eines Vermittlers hatte, ein verflixt kluges Mädel, die Fia! Er hatte auch gar nichts dagegen, wenn sie sich noch einige Zeit solcher Art Kameradschaft enthielt, er wußte, was für eine unbändige Macht die Liebe ist; das würde sie schon noch zeitig genug erfahren.
Verstümmelte Matrosen? Die man also versorgt, die man also geradezu auf seinen Schoß nimmt und ihnen den Schnuller gibt. Wenn nur Scheldrup daheim wäre! Aber Scheldrup war von der modernen harten Art, er dachte an niemand anders, als an sich selbst, jetzt redete er von einem Jahr Aufenthalt in Neu-Orleans.
Und da im Kontor liegt die ungetane Arbeit Berge hoch, auf dem Pult Briefe, Telegramme und Frachtbriefe holter di polter, Berntsen könnte wohl hereinkommen, eine Hand voll aus dem Haufen herausgreifen und einiges erledigen. Der Konsul alt? Etwas überschafft, etwas abgerackert; war es verwunderlich? Aber alt? Und selbst wenn er alt war, so war er doch der, der er war. Wenn sein Haar sich lichtete, so ließ er sich im Hut photographieren, ja, im hohen Hut —
Er steht auf und ruft Berntsen vom Kramladen herein.
„Was ist das für ein junger Mann in einer Studentenmütze, der da draußen steht?” fragt er.
„Frank,” antwortet Berntsen.
„Frank?”
„Für den der Herr Konsul bezahlt. Olivers Sohn.”
„Ach so, der!”
„Er holt sich eben seinen neuen Anzug bei uns. Seinen alljährlichen Anzug.”
„So. Hören Sie, Berntsen, könnten Sie nicht einiges von hier übernehmen und mir ein wenig helfen? Sehen Sie, wie es sich anhäuft und mir über den Kopf wächst. Ihnen geht es so leicht von der Hand.”
Berntsen verspricht, am Abend Zeit dafür zu haben.
„Ich danke Ihnen. Schicken Sie vor allem die Versicherung für dieFiaab. Hier ist das reine Chaos, und ich habe soviel zu überlegen. Haben Sie die Zeitung gelesen? Was sollen wir mit dem Rechtsanwalt tun?”
„Sollen wir etwas tun?” fragt Berntsen.
„Ich weiß es nicht. Nein, Sie haben vielleicht recht, wir sollten einfach gar nichts darauf tun. Aber es kommt vielleicht eine Kommission und stellt allerlei Fragen.”
„Dann werden wir ihr darauf antworten.”
„Richtig! Punkt für Punkt. Und Berntsen, könnten Sie das nicht übernehmen, ich meine, der Kommission antworten?”
„Doch.”
Damit ist die Sache in den besten Händen, und der Konsul fühlt sich von einer schweren Last befreit. Er ist so erleichtert, daß er sich wieder als Herr fühlt, er will wieder etwas auftreten und sagt: „Den Studenten schicken Sie mir einen Augenblick herein, Berntsen!”
Frank tritt ein und steht vor dem großen Mann.
„Das gefällt mir, daß Sie nicht so oft zu Hause sind,” sagt der Konsul, und er sagt Sie zu Frank. „Denn dann sind Sie wohl fleißig beim Studieren. Ich erkannte Sie gar nicht wieder, sondern mußte Berntsen nach Ihnen fragen. Sie sind ja in den letzten Jahren riesig in die Höhe geschossen. Und nun sind Sie also Student. Geht es Ihnen gut?”
„Ja, danke.”
„Das freut mich. Wir sollen alle etwas werden, Sie in Ihrem Fach und ich in dem meinigen. Was ich sagen wollte: Sie nehmen sich doch wohl als junger Mensch vor Ausschweifungen in acht?” sagt der Konsul plötzlich.
„Vor jeder Art von Leichtsinn?” sagt er. O, dieser Konsul Johnsen, er hätte ja einen Grabstein zum Lächeln bringen können, und er fährt fort: „Ja, das sollen Sie wirklich, Sie sollen ein verständiger junger Mann sein und an den Versuchungen vorübergehen. Das erwarte ich von Ihnen.”
Frank lächelt nicht. Groß und mager und tief vorgeneigt wie in einer Kirche stand er da, antwortete gut und richtig ja oder nein am richtigen Platze, der Konsul bekam den besten Eindruck von ihm. War es seine Absicht, daß dieser junge Mann auch von ihm, seinem Wohltäter, eine vorteilhafte Erinnerung an diese Begegnung mitnehmen sollte? Wer weiß, es konnte vielleicht dem Wohltäter in der Zukunft von Nutzen sein, falls neueÜberfälle drohten! Jedenfalls schadete eine kleine Rede nichts.
Der Konsul konnte in durchaus gutem Glauben diese Gelegenheit benützen, um seine moralische Seite zu zeigen. „Es gibt edle Vergnügen und leere Vergnügen,” sagte er; „in meinen späteren Jahren bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß die Vergnügungen im eigenen Heim und in der Familie die richtigen sind. Man kann die andern Vergnügen entbehren, wenn man ernstlich will. Das ist meine Erfahrung.”
Dieser Konsul Johnsen! Er war jetzt wohl in der Zeit der Abkühlung, jetzt, wo ihn allmählich die Lüste verließen, wollte er sich den Vorteil, sie überwunden zu haben, nicht entgehen lassen. So weit war er Kaufmann.
Übrigens war ja der Konsul Johnsen nicht lauter Hohlheit und nichts anderes, er hatte auch Gemüt; so dachte er einen Augenblick daran, dem jungen Studenten einen Stuhl anzubieten, gab es aber wieder auf, tat indes das dafür, was besser war: er trat an seinen Geldschrank und kam mit einem Geldschein zurück, mit einer großen roten Banknote, die er mit den Worten: „Bitte, hier ist ein kleines Taschengeld!” Frank schenkte.
Und Frank verneigte sich mit der tiefen Verbeugung, die ihm seinerzeit von der Tanzlehrerin beigebracht worden war.
„Es ist nicht der Mühe wert, es auszuposaunen,” sagt der Konsul; „es steht ja geschrieben, du sollst deine linke Hand nicht wissen lassen, was die rechte tut; ist es nicht so?”
„Doch.”
„O ja, wir Menschen! Aber wir müssen versuchen, es so gut zu machen, als wir können. Sie wollen wohl Pfarrer werden?”
„Nein, ich weiß es nicht —”
„Wissen Sie es nicht?”
„Ich habe mehr Talent für Sprachen.”
„Sprachen?”
„Philologie.”
„So. Haben Sie da Aussichten? Ja?”
Aber etwas fremd schien es dem Konsul in den Ohren zu klingen; ob er nun dachte, er hätte sich seine moralische Rede sparen können, oder ob er fürchtete, ein Sprachgelehrterkönne ihm in Zukunft nicht ebenso nützlich sein wie ein Pfarrer.
Er entläßt den jungen Menschen in netter Weise: „Ja, jetzt muß ich an die Arbeit!” Aber er jagt ihn nicht fort, sondern spricht noch weiter freundlich mit ihm: „Überlegen Sie sich nun, ob Sie nicht doch lieber Pfarrer werden wollen. Ich habe mich ja eigentlich Ihrem Vater und Ihnen gegenüber nicht schlecht benommen, ich benehme mich niemand gegenüber schlecht. Aber was Sie schließlich werden wollen, das müssen Sie selbst entscheiden, ich kann Ihnen nur einen kleinen Rat geben. Adieu, junger Mann!”
Der junge Mann ging wieder in den Kramladen und wählte wieder zwischen den fertigen Anzügen. Da er mager und schmalschulterig war, hatte er keine Mühe, eine Joppe zu finden, die ihm paßte, da er aber auch sehr aufgeschossen war, paßte ihm die dazugehörige Hose nicht, sie war zu kurz. Ein Rockanzug war allerdings da, der in jeder Beziehung paßte, aber Berntsen meinte, er sei zu teuer.
Der gute Berntsen war nicht immer ganz so, wie er aussah, er war zwar freundlich und wohlwollend gegen alle Menschen, aber durchaus kein Lamm. Er war außerordentlich zuverlässig, und das Geschäft ging ihm über alles, aber gerade durch diese Eigenschaften wurde er sogar oftmals für den Chef unbequem. Selbst Frau Johnsen ging nicht gerne zu Berntsen, allerdings auch ebensowenig zu einem der andern Angestellten, wenn sie irgend etwas aus dem Laden verlangte. Sie fand kein Vergnügen dabei, Kleiderstoffe und Putz mit Berntsen zusammen aussuchen zu müssen. Aber er war ein verflixt tüchtiger Geschäftsmann.
„Meiner Ansicht nach bist du zu jung für einen Herrenrock,” sagte er zu Frank. „In ein paar Jahren ist es immer noch Zeit dafür.”
Reinert trage auch schon einen Herrenrock, obgleich er jünger sei, wendete Frank ein.
Es half aber nichts. Was Reinert, der Küstersohn, trage, sei keine Vorschrift für alle andern, er sei ja auch früher schon in Kniehosen herumstolziert. „Und im übrigen,” sagte Berntsen sehr freundlich, „so ist das etwas anderes bei Reinert, sein Vater bezahlt dafür.”
Der junge Frank war frühzeitig daran gewöhnt, Zurückweisungen zu verstehen und zu deuten; sie kränkten ihn nicht sehr, sie hatten ihn nur auf seinem Platz zurückgehalten,so daß er nur äußerst selten zu weit ging; geschah dies, so zog er sich sofort wieder zurück. Er wußte ja, daß doch Rat geschafft wurde. Jetzt nahm er den Anzug, der für ihn ausgesucht worden war, und bedankte sich dafür. Was waren außerdem Anzüge für ihn? Andere höhere Dinge lagen ihm im Sinn.
Reinert hatte draußen auf ihn gewartet, die beiden Studenten wanderten nun miteinander durch die Straßen, nicht weil sie Busenfreunde gewesen wären, sondern weil sie Studenten waren. Nein, sie waren keine Busenfreunde. Begabt waren beide, glänzende Sprachtalente, aber Frank stand in dem Rufe, ein gutes Stück voraus zu sein. Dieses Stück war es, was Reinert nicht ertragen und auch trotz aller Mühe nicht einholen konnte, das machte ihn oft bitter und gewissermaßen rachgierig. Aber auf einem Gebiet war er überlegen, obgleich er Frank an Jahren nachstand: bei den jungen Mädchen, den Damen. Konnte ihm Klein-Lydia widerstehen, konnten es die kleinen Mädel auf der Werft? Hier kam es ihm zu gut, daß er für Staat und schöne Kleider, für gestärkte Leibwäsche und spitzige Schuhe Sinn hatte, dazu kam, daß er Mut in der Brust trug und nicht schüchtern war; seht, er war ja nie durch Zurückweisungen niedergedrückt worden. Deshalb fiel es Reinert auch gar nicht ein, in eine Seitengasse auszuweichen, als den beiden nun Heibergs Alice begegnete, er begrüßte sie und blieb stehen; ja, das tat er.
Und jetzt war Frank an der Reihe, sich unterlegen zu fühlen, die Dame gönnte ihm kein Wort, kaum einen Blick. O, aber er würde sich wohl hüten, seine Augen auf den Kirchturm zu richten, um zu sehen, wieviel Uhr es sei, denn Reinert hatte die Gewohnheit angenommen, seine Uhr herauszuziehen und mit einem neuen Medaillon, in dem eine Haarlocke lag, zu glänzen, natürlich baten die Damen dann sofort, die Haarlocke sehen zu dürfen, sie waren so albern. Frank trug einen neuen Anzug unter dem Arm und eine große Banknote in der Brusttasche, er fühlte sich ausnahmsweise einmal obenauf und fragte die Dame: „Wie ist es Ihnen ergangen, seit wir uns zuletzt sahen?” — „Danke, gut,” antwortete sie zu Reinert gewandt. — O, Heibergs Alice war nicht so albern wie die andern!
„Ich trage nur rasch meinen Pack nach Hause und komme gleich wieder,” sagt Frank schlauerweise.
Da konnte Reinert doch unmöglich sagen: „Willst du schon nach Hause? Es ist noch nicht spät, laß mich einmal sehen!” Aber Reinert ist weder eine feine noch eine merkwürdig zart besaitete Seele, durchaus nicht; er antwortet: „Ich gebe dir eine halbe Stunde Zeit,” und zieht dabei seine Uhr heraus.
O, Frank würde wohl in einer halben Stunde wieder da sein, jawohl!
Daheim kam er viel mehr zu seinem Recht, er wurde der Herr des Hauses, alle gingen auf den Zehenspitzen um ihn herum. „Laß mich sehen, was für einen Anzug du diesmal bekommen hast!” sagt die Mutter. „Zieh ihn nur gleich an!”
Frank erzählt, daß er zum Konsul hineingerufen worden sei, die Mutter und Großmutter sind voller Neugier und stellen eifrig Fragen. Was wollte er? O, der Konsul! Frank stellt sich gleichgültig, bisweilen antwortet er, bisweilen auch nicht, nein, denn bisweilen ist Schweigen die beste Antwort. Sie sind sehr enttäuscht, weil er nicht Pfarrer werden will, die Großmutter versteht es überhaupt nicht, denn sein Kopf sei doch gut genug dafür. Da lächelt Frank; sein Lächeln ist betrübt und schwach, es ist eigentlich gar kein Lächeln, nur ein Anlauf dazu. Die Schwesterchen streichen über den neuen Anzug, „schöne Knöpfe,” sagen sie. Ein kleines Dreieck von rotem Seidenstoff guckt aus der äußeren Brusttasche heraus, es ist da ein für allemal festgenäht und ist das Taschentuch. Die Beinkleider sind zu kurz, und die Mutter will sie durch herunterlassen verbessern; sie macht sich auch gleich daran, denn Frank soll noch einen Besuch beim Schulvorsteher machen. Die Großmutter aber sitzt in tiefe Gedanken versunken da, sie schüttelt den Kopf, murmelt vor sich hin und ist unzufrieden.
„Dann werden sie darüber reden können,” murmelt sie.
„Was sagst du?”
„Daß du nicht Pfarrer werden könntest!” Sie dachte wohl an die Weiber am Brunnen.
Da schweigt Frank, und das ist eine gute Antwort.
„Das muß sich Frank erst noch überlegen,” sagt Petra, die noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hat.
O, aber Frank ließ sich wohl nicht herumbringen, sein Vorsatz stand fest, war Stein und Bein geworden, unerschütterlich, tage- und nächtelang hatte er die Sache überlegt und schweigt; er kennt seinen Beruf.
Er geht zum Schulvorsteher. Die Beinkleider sind und bleiben trotz allem zu kurz, die Joppe hängt an ihm herunter so von ungefähr wie nach einer Grammatik mit wahlfreien Formen herausgeschnitten. Er ist sehr aufrecht, sieht sonderbar aus, er trägt eine Mütze, die ihn als zur Chineserei gehörig bezeichnet, zur Kaste. Da der Weg zur Schule seit seinem letzten Aufenthalt im Ort verlegt worden ist, verirrt er sich etwas und steht dann plötzlich vor einem Haus. Er sagt zu sich selbst und zu einer Frau, die unter der Tür steht:
„Ich war ganz in Gedanken versunken —”
„Wohin willst du?” fragt die Frau.
„Nach der Schule,” antwortet er kurz und biegt nach einer Seite ab.
„Dann mußt du dort hinaufgehen!” ruft ihm die Frau nach.
Ja, das war sonderbar, daß sie nicht wußte, wer er war. Oder wußte sie es? Jedenfalls kannte sie ihn aber nicht genügend, um so vertraut zu werden, ihn zu duzen und ihm ungefragt den Weg zu zeigen.
Der Schulvorsteher ist vom Examen mitgenommen, er sitzt in Schlafrock und Pantoffeln in seinem Sessel, er macht es sich mit der Grammatik, insbesondere der Satzlehre, behaglich, er erfrischt sich daran. Es gibt doch nichts Besseres auf der Welt, als so eine ruhige, gelassene Satzlehre einer fremden Sprache, so rein, so ohne Aufregung, ohne Erdichtungen!
„Herein! Bist du's, Frank? Nett, daß du kommst! Kennst du diese hier, Freund Frank? Ich hab' sie eben bekommen, ausgezeichnet! Diese Satzlehre hätte ich vor dem Examen haben sollen, aber da hab' ich mich abgeschunden und mich in der alten vorbereitet. Meine Tochter hat nämlich fast das ganze Jahr hindurch für mich französisch gegeben, und da mußte ich mich aufs Examen wieder vorbereiten. Es ist eben so in unserem Fach, sind wir eine Zeitlang außer Übung; was wir gekonnt haben, ist dann vergessen. Na, dann ist es Gott sei Dank rechtangenehm, sich wieder hinein zu versenken, nicht wahr? In dem heiligen Tempel zu knien und mit der göttlichen Weisheit gelabt zu werden!”
Der Schulvorsteher war in diesen Jahren alt geworden, ein ergrautes Kind mit verblaßten Augen hinter der Brille. Er war zufrieden mit Frank, hatte nur Gutes von ihm gehört, wünschte ihm auch ferner alles Gute, setzte die größten Hoffnungen auf ihn. O, mit dem Fleiß, den er zeigte, gehe er einer ehrenvollen Zukunft entgegen, es sei nicht unmöglich, daß er einmal der Vorsteher dieser selben Schule hier, aus der er hervorgegangen war, werden könne. —
Der alte Philologe war demütig, das Leben selbst und auch seine ganze Laufbahn hatten ihn drunten gehalten und dazu gebracht, bescheiden zu denken, niemand konnte sich weniger mit seiner Philologie brüsten, als er es tat. Er nannte niemals die großen Forscher, die großen Sprachgenies, verstand wohl auch nicht viel davon, kannte wohl kaum ihre Namen, was sollte er mit den Genies? Sein Beruf war es nicht, Funde zu machen, er sollte nur lehren, nur lehren: ganz genau soviel lehren, um leben zu können, ganz genau soviel lehren, um andere durch die „Pensa” fürs Examen zu bringen. Der Schulvorsteher hatte also das Seinige getan. Ein mageres, trauriges Dasein, Armut und Geistesdunkelheit, Niedergang, aufreibende Arbeit und Blindheit. War das noch Geisteskrankheit, war es noch Schicksal, eine Torheit des Himmels? Nein, es war die des Menschen, des Affen.
Jetzt sprach der Schulvorsteher übrigens von andern lobenswerten Schülern, von zwei andern, auch sie glänzende gewaltige Lernköpfe; Frank war jetzt so weit gekommen, daß der Schulvorsteher seine Aufmerksamkeit neuen Fällen von begabten Kindern zuwenden konnte. „Leb' wohl, Freund Frank, Gott sei mit dir!”
Frank geht heim, auch er zufrieden und erhoben. Er hat keine Gelegenheit gehabt, sich für ein bestimmtes Brotstudium auszusprechen, der alte Sprachlehrer nahm wohl für selbstverständlich an, daß es Philologie sein werde, was denn sonst? Und im Grunde war es ja auch gleichgültig, wenn er nur viel las und lernte: das war sein eigentliches Ziel. Frank verläßt den Vorsteher der Schule, den Vorsteher des großen Steinhauses und geht heim.
Am Abend kommt der Vater aus dem Lagerhaus und Abel aus der Schmiede; das ändert für Frank nichts, er hat die Kammer im alten Hause als Heim und Bude. Die Absicht war, daß er auch in den Ferien studieren und lernen sollte, studieren, sein Gedächtnis vollstopfen, in Sprachen untertauchen, und das tat er auch. Wenn er zum Essen gerufen wurde, hatte er irgend etwas ausgeklügelt, war noch gelehrter und unirdischer geworden. Aber alle diese Mahlzeiten nahmen ihn sehr in Anspruch.
Er konnte mit einer leeren Konservendose hereinkommen, die er von draußen mitgebracht hatte, und fragen: „Was meint ihr wohl, daß auf dieser Büchse steht?” Ach, das wußte niemand. Aber die Mutter kannte das Zeichen von ihrer Dienstzeit bei Konsul Johnsens her und riet „Lachs vielleicht?” — „Jawohl, aber das ist doch nicht Englisch,” sagte Frank gekränkt, die Mutter machte ja mit ihrem praktischen Wissen seine ganze Weisheit zuschanden. „Hier stehtAlaska Salmon.” Nun griff der Vater ein. Er war Matrose gewesen und wußte viel: „Alaska ist ein Land, ich werde doch wohl wissen, was Alaska ist.”
Die Konservendose brachte Frank keinen Triumph.
Sie kamen zu ihm mit andern Dingen, die sie nicht verstanden. Die Mutter kam mit einer Fadenrolle, bitte „Brook Brothers, fünfzig Yards.” Wieder griff der Vater ein, ohne Rücksicht auf seinen Sohn, und sagte mit geschwellter Brust, was es bedeutete. „Seemannsenglisch!” sagte Frank. Im ganzen war Oliver, der Hausvater, ungenau mit seinen englischen Erklärungen, er schwächte die Größe und das Geheimnisvolle dieses Augenblicks ab, indem er den Nadelbrief seiner Frau erklärte: „Silver Eye, Cast Steel.” — „Das gehört mit kleinen Buchstaben geschrieben,” erklärte Frank. — Dies begriff der Vater nicht. „Warum sollten die Buchstaben kleiner sein?” fragte er. Da gab Frank die einzig richtige Antwort: er schwieg. Und plötzlich ward ihm eine wohlverdiente Erhöhung. Die Mutter brachte eine Schachtel, die sie in einem Laden bekommen hatte, darauf stand: „Toilet Soap. Superior.” Nein, jetzt war Olivers Weisheit zu Ende, jedes Wort war ihm fremd, Frank mußte feierlich nachhelfen.
Da saß nun sein Bruder Abel, er verstand nichts von der Vorstellung und schwieg. Welch ein Unterschied zwischenden Brüdern! Einen Augenblick schien sich im Herzen des gelehrten Bruders ein wenig Mitleid mit Abel regen zu wollen, er war ja eben erst heimgekommen und wollte sich nicht über ihn erheben. „Jaja, Abel,” sagte er. „Das ist gar keine Hexerei, du wüßtest gewiß ebensoviel wie ich, wenn du studiert hättest.” Abel lächelte etwas verlegen und schüttelte den Kopf.
In vielen Fällen hatten die Betreffenden Nutzen von Franks Sprachenkunde; die Gelehrsamkeit hatte in Olivers Haus ihren Einzug gehalten. Sonderbar, daß niemand von den Nachbarn sich einstellte, um sich rätselhafte und ausländische Worte in der Zeitung oder auf einem Paket Tee erklären zu lassen! Sie hatten keinen Sinn für Bildung und geistige Fragen, sie waren dumm und faul. Derartig war Franks Umgebung.
Eines Abends kam Oliver nach Haus und sagte: „Wenn du nachher gegessen hast, Frank, und ganz satt bist, dann will ich dich etwas fragen.” Sie aßen unter einer gewissen Spannung, Frank allein war gelassen, er zweifelte nicht daran, daß er antworten könnte.
Dann kam der große Augenblick. Oliver legte etwas auf den Tisch. Der alte Sünder legte ein Spiel Karten auf den Tisch und fragte Frank, was auf dem Futteral stehe. Ein Spiel Karten also! Die Frauen fielen über ihn her, aber er stillte den Sturm. „Maul halten!” rief er. „Was ihr sagt, das weiß ich schon im voraus, ich würde auch nicht die Hand dazu bieten und so etwas heimbringen, aber Olaus auf dem Hügel hat mich darum gebeten.”
Frank nahm das nicht übel, im Gegenteil, er nahm das gut auf. Er hatte in der letzten Zeit nicht viele Sprachkenntnisse entfalten können und hatte nichts dagegen, sich wieder einmal zu zeigen. „Whist à 52 Blatt. Verzierte Asse. — Ja, Abel, was meinst du, daß das bedeutet?” fragte Frank immer noch gutwillig. Abel lächelte wieder verlegen und mußte die Frage unbeantwortet lassen. Frank fing an: „Eigentlich sind das drei verschiedene Sprachen.” Und dann erklärte er den Sinn vom ersten bis zum letzten Buchstaben, keinen Augenblick war er im Zweifel. Fabelhaft! Indessen hatte Abel das schmutzige Kartenspiel in die Hand genommen und zeigte, daß es ganz gewöhnlicheAsse waren; wie war das zu verstehen? Darauf wurde Frank nachdenklich und ließ sich auf nichts Weiteres ein. „Aber ich kann für den Grundtext einstehen,” sagte er.
Oliver hatte ihm schweigend zugehört, jetzt rief er: „Ausgezeichnet!”
Alle sahen ihn an, und er hatte wohl auch etwas getrunken, Frank schien nicht zu strahlen. Aber Oliver hatte ja sonst schon den Sohn geduckt und war ihm mit seinem Englisch auf den Leib gerückt, jetzt wollte er ihn wieder aufrichten, er verstand sich auf Kinder. Er stellte sich an und tat ganz entzückt: nein, so ein Kopf, wie ihn sein Sohn Frank auf den Schultern trüge, großartig!
Wurde Petra eifersüchtig? Sie fuhr bei Olivers Ausspruch auf und warf den Kopf in den Nacken: „Dein Sohn!”
Oliver ist wie vom Schlag getroffen, sein Gesichtsausdruck wird ganz leer, er läßt den Mund hängen, und seine fetten Finger liegen leblos auf dem Tisch.
Petra gibt eine nähere Erklärung. „Er ist doch nicht dein Sohn allein, er ist doch auch meiner!”
Langsam kommt Oliver wieder zu sich: „Ja, wer hat denn etwas anderes gesagt? Natürlich ist er auch dein Sohn!” Und jetzt wird Oliver wieder prachtvoll der Alte, er wird wieder gerecht und will keinen Unterschied zwischen seinen Söhnen machen, er zog Abel mit herein und sagte: „Ja, wenn ich nur euch Jungen gut ins Leben hinausstelle, euch in eine nützliche Lehre oder in die Gelehrsamkeit bringe, dann hab' ich das meinige getan. Mehr kann ich nicht leisten.”
Am nächsten Abend konnte Oliver erklären, wie das mit den Assen zusammenhing. Dieser Lump von Olaus auf dem Hügel hatte zum Scherz ein falsches Spiel Karten in das Futteral gesteckt und hatte gemeint, er könne Frank aufsitzen lassen. Aber Frank hatte recht gehabt. „Und du, Abel, hast auch recht gehabt, es waren keine andern Asse, als man sie in der ganzen Welt hat, so weit ich herumgekommen bin. Und es ist, wie ich sage: Gelehrsamkeit habt ihr, Gott sei Dank!”
Was auch der Grund sein mochte, Frank strahlte dennoch nicht; diese Sitzungen daheim brachten ihm wohl nicht genug ein. Oder wie, hatten sie denn überhaupteinen Umfang? Keine Länge und keine Breite, ein enger Rahmen, Vater, Mutter, drei Geschwister und die Großmutter. Er verfiel darauf, seine gelehrten Schulbücher herzunehmen. „Mathematik,” sagte er, „himmelhohe Rechnung.” Ja, er las laut vor über Geometrie, Algebra, Derivationsregeln, Integralrechnung — „ein Kreis, dessen Krümmung der Krümmung eines Bogens in einem gegebenen Punkt gleich ist, wird der Krümmungskreis des Bogens in dem gegebenen Punkt genannt, sein Radius heißt Krümmungsradius —”
Oliver sagt ganz geknickt: „Das klingt ja beinahe, als ob es gar kein Mensch mehr wäre, der das sagt. Müßt ihr das lernen?”
„Wir müssen alles lernen.”
Frank war weit über seinen Stand hinausgewachsen und sprach wie ein Verrückter. Er war nur noch sich selbst verständlich und konnte sich nicht einmal wie die Elster den Elstern verständlich machen. Wo will das noch hin? Er fragte Abel: „Es gibt wohl nicht eine einzige ausländische Zeitung hier in der Stadt?”
„Das weiß ich nicht,” erwidert Abel. „Aber der Stadtingenieur hält sich Zeitungen.”
„Ausländische? In ausländischen Sprachen?”
„Das weiß ich nicht. Aber die norwegischen.”
„Die norwegischen!” macht Frank verächtlich.
In dieser kleinen Küstenstadt konnte jedermann englisch; wer hätte nicht englisch gekonnt? Aber der Jüngling Frank konnte allzuviel, er mußte sich selbst mitteilen, mußte fragen und antworten, nicken, den Kopf schütteln, zweifeln und stumm glauben. Zuweilen drang ein Stöhnen zu der Großmutter in die Stube heraus, das kam aus der Kammer, es kam von dem Felsen, kam von einem, der in Ketten lag.
Abel war unglaublich einfältig; er konnte ein Buch in die Hand nehmen und fragen: „Was ist das für ein Buch?”
„Latein. Das verstehst du nicht.”
„So, dann ist es also lateinisch gedruckt.”
Frank schweigt.
„Willst du am Sonntag eine Bootfahrt mit uns machen?” fragt Abel.
Frank schüttelt zweifelnd den Kopf. „Wer geht mit?”
„Wir sind eine ganze Gesellschaft.”
„Einige von der Werft?”
„Was, von der Werft? Die sind ja so klein. Klein-Lydia kommt mit.”
„Klein-Lydia!” versetzt Frank spöttisch.
Unglaublich einfältig ist Abel. Er fühlte kein Entzücken, wenn er Bücher las, er dachte wie ein Schmied. „Klein-Lydia,” sagte er. Frank hatte sich nie etwas aus Bootfahrten gemacht, jetzt machte er sich noch weniger daraus, er war daran gewöhnt, für sich zu bleiben. Er ging nicht einmal mehr mit Reinert um, die beiden Studenten traten nun jeder für sich auf. Der gute Reinert trat ja allmählich auf der Straße allzu überlegen auf, er trug Überzieher und Medaillon und sprach sehr erwachsen, eines Tages begrüßte er Fia Johnsen und sagte ihr eine Schmeichelei über ihren Hut. Das war zu viel, Fräulein Fia ging stumm vorbei. Frank stand allerdings in der Nähe, als dies geschah, und Reinert zog ihn frech mit in den Skandal hinein, indem er laut lachte und sagte: „Hast du das gesehen, Frank?” Frank wählte einen Richtweg nach Hause.
Nein, er hatte anderes zu tun, als sich mit Reinert herumzutreiben, die Mädchen zu grüßen, die Damen, und sie heimzubegleiten. Leeres Vergnügen! Dagegen ging er hie und da auf die Werft hinaus, er hatte bei Henriksen, der Achtung vor dem studierten Mann empfand, Zutritt gefunden und machte nun zuweilen einen Spaziergang mit der ältesten der kleinen Töchter, mit Konstanze, und erzählte ihr einiges aus einer größeren Welt, als die ihrige war. Seht, Konstanze war noch ein kleines Mädchen und noch nicht ganz erwachsen, nein, aber wahrhaftig, sie war schon recht verständig und horchte dankbar auf seine Erzählungen aus einer großen Welt. Das waren angenehme Ausflüge. Frank betrug sich bei Henriksens sehr gebildet, er sagte „wie beliebt!” und „bitte um Entschuldigung!”; er erhielt eine Zigarette und nahm sie aus dem Munde, wenn er sprach, er trank Kaffee und spreizte dabei sehr gebildet den kleinen Finger. Von großer Verliebtheit war keine Rede, nur von einer kleinen Herzensregung, einem guten Geschmack im Munde. Man sah, wohin Reinerts Gewaltsamkeit führen konnte, sein Herzmachte am hellen Tage große Sprünge auf der Straße, es konnte ihn eine leichtsinnige Lust ankommen, laut zu pfeifen, zu singen. Frank hielt sich jede Verliebtheit auf Armeslänge vom Leibe.
Es wurde Sonntag, und Abel kam nach Hause, um seine Schwestern zu der Bootfahrt abzuholen; noch einmal fragte er Frank, ob er nicht mitkommen wolle.
„Nein.”
„Wir haben Mundvorrat mitgenommen, dann legen wir an und tanzen. Der Zeichenstift nimmt seine Ziehharmonika mit.”
„Nein.”
Trotzdem schaute ihnen Frank lange nach, als sie weggingen, er fühlte wohl ein schwaches Leuchten in sich, den Widerschein des Lebens draußen. Der Ärmste war von Anbeginn an irre gegangen. In der Tiefe seines Handgelenks sieht er einen blauen Puls schlagen, seine Brust weitet sich, in seinem achtzehnjährigen Kinderhirn brennt ein sonderbares Feuer.
Seiner Großmutter draußen in der Stube gefiel es, daß er abgelehnt hatte, an der Bootfahrt teilzunehmen; das war der künftige Pfarrer! Die Großmutter hat den Befehl, den Studenten nicht zu stören, jetzt macht sie aber doch furchtsam die Tür auf mit einer Tasse Kaffee in der Hand und bittet ihn, den Trank nicht zu verschmähen.
Das kam ihm gerade recht.
„Du hast sehr recht daran getan, daß du zu Hause geblieben bist,” sagt sie.
„Was sollte ich denn dabei?” erwidert er.
Er zweifelt nicht daran, daß er keinen Fehler gemacht hat, als er daheim blieb und sich so vernünftig auf der rechten Seite hielt. Er wußte nicht, daß nur die, die gar nichts tun, keinen Fehler machen.
Dann steckte er die Nase wieder in seine Bücher. Aber die Mahlzeiten kosteten ihn viel Zeit. Der Ruf zum Essen führte ihn ja in die Wirklichkeit hinein und machte ihm klar, daß er nicht hungrig war; aber das wußte er schon vorher.
Es kann gut sein, daß Abel einen Fehler machte, als er diese Bootfahrt ins Werk setzte. Klein-Lydia kam nicht mit, und der Tag war verdorben. Er hielt bis zum Abend auf einer grünen Insel aus, schrie und machte sich zum Hanswurst, aber als er wieder zu Hause war, wollte er sofort Klein-Lydia aufsuchen und Rechenschaft von ihr fordern. Er traf sie nicht; es war Sonntag, Klein-Lydia saß beim Polizei-Carlsen und übte Klavier.
Gut.
Am nächsten Abend suchte er sie wieder auf, traf sie aber wieder nicht; sie war ausgegangen. Ihre Schwestern waren zu Hause.
Nun mußte es Klein-Lydia erfahren haben, daß er sie sprechen wollte, aber sie kam ihm nicht entgegen, sie wich ihm aus. Na, dann war es wohl eine natürliche Sache, daß sie ausgegangen war, am dritten Abend würde sie gewiß zu Hause sein.
Nein.
Da wurde Abel zahm. Er hielt zwar die Welt immer noch für einen Ort, an dem es sich aushalten ließ, aber es war keine interessante Welt, und das Leben war abscheulich und unnötig. Heute hatte er Klein-Lydia und ein paar andere Mädchen mit Reinert zusammen gesehen — dieser Küstersohn, der sich immer mit den Mädchen herumtrieb — mit dem zusammen hatte Abel Klein-Lydia gesehen. Das war ja nett! Dem Reinert wollte er einen Riegel vorschieben vor sein ruchloses Betragen, und Klein-Lydia mußte gerettet werden. Das wollte Abel tun, er wollte sie retten. Allein so etwas läßt sich nicht mit dem Hammer machen, dazu gehört Geduld und große Feinheit. Kann man nicht in den Hafen flott hineinfahren, dann warpt man sich eben in den Hafen. Er nahm sich nichtvor, noch öfter zu dem Mädchen zu gehen, weit entfernt, er gedachte sie zufällig auf der Straße zu treffen. Als er sie aber nach ein paar Tagen noch nicht gesehen hatte, schlich er sich doch in den bekannten Hinterhof.
In dieser Zwischenzeit war er still geworden, war wieder aufgeflammt, wurde wieder still, flammte noch mehrere Male auf, jetzt im Augenblick war er rasend, als er aber das Mädchen traf, konnte er doch nicht weniger zu ihr sagen, als: „Na, wo hast du dich herumgetrieben? Wenn wir heiraten, wird das ein anderer Tanz. Warum bist du am Sonntag nicht zu der Bootfahrt gekommen?”
Klein-Lydia hatte ihn vielleicht an diesem Abend erwartet, hatte sich vielleicht aus sehr großer Freundlichkeit eingestellt, sie lächelte, nickte ihm als Erwiderung seines Grußes zu und sagte: „Bist du's, Abel?”
Dies entwaffnete ihn. Eigentlich hätte er nun mit einem Menschen Abrechnung halten müssen; aber als Führer dieses Unternehmens blieb er merkwürdig mutlos stehen und starrte gerade aus.
Lydia ihrerseits wich keineswegs davor zurück, zu den Tatsachen zu kommen: „Warum ich am Sonntag nicht mitgekommen bin? Ich mußte Klavier üben und beides konnte ich doch nicht zu gleicher Zeit.”
„Nein,” sagte er. Aber er wußte ganz gut, daß sie durchaus nicht den ganzen Tag Klavier gespielt hatte, sondern erst am Abend. Außerdem hatte sie seinen Schwestern versprochen gehabt, mitzukommen, diese aber dann im Stich gelassen. Da mochte der Henker drauskommen!
Klein-Lydia saß auf der ärmlichen, engen Holztreppe und nähte, sie flickte oder veränderte etwas an einem Kleid, sie war geschickt mit den Händen. Dann ging es, wie derartiges zu gehen pflegt. Allmählich dachte sie wohl, sie sei überfallen worden; und warum sollte sie sich das gefallen lassen? Dieser Schmiedknecht und seine Schwestern glaubten am Ende, sie seien ihresgleichen, aber sie wollte sie schon eines Besseren belehren. „Ich hab' etwas mehr zu lernen als du,” sagte sie. „Du meinst wohl, Klavierspielen sei leicht?”
„Nein,” sagte er.
„Schon allein die Noten sind entsetzlich schwer. Und dann alle die Übungen.”
„Aber wozu lernst du es denn?”
Ach, wie war er einfältig! Warum sie Klavier spielen lernte! Weil alle besseren Leute es lernten. Sie hatte Tanzen gelernt, sie mußte Klavier spielen lernen, und Sticken und Spitzen häkeln an ihre Hemden, ach, was sie alles lernen mußte! Es war ihr nicht einmal angeboren, mit einem Sonnenschirm in der Sonne zu gehen, sie mußte das erst üben, eine herrliche Sache war es. Auch ihre Schwestern hatten gelernt und gelernt, auch sie waren nicht die ersten besten und dachten nicht daran, sich wegzuwerfen, sie blieben zu Hause und warteten auf einen Steuermann, einen Kommis. So benehmen sich bessere Leute.
Klein-Lydia ärgerte sich nicht sehr über Abels Worte, aber sie schwieg dazu.
Da stand nun also Abel wieder.
Sie hatte einen Augenblick ihren Fingerhut neben sich gelegt; er nahm ihn in die Hand und fing an: „Was kann das sein, das so wie geädert ist?”
„Das? Elfenbein.”
Sein Sinn für Elfenbein war wenig entwickelt, das prächtigste, wovon er je gehört hatte, war der Tempel Salomonis, aber kein Fingerhut. Jetzt ritt ihn indes der Teufel, er legte den kostbaren Fingerhut aus der Hand, strich einmal über den blauen Waschstoff des Kleides, an dem sie nähte, und sagte: „Das ist Brokat, so weit ich es beurteilen kann.”
Sie faßte das augenblicklich als Anzüglichkeit auf, was es vielleicht auch war, und sagte: „Davon verstehst du nichts.”
Schweigen.
„Hast du nicht etwa noch eine Treppenstufe?” fragte er.
„Eine Treppenstufe? Willst du sitzen? Bitte schön!”
Sie stand auf und machte ihm Platz.
„Nein, so war es nicht gemeint,” wehrte er ab. „Wenn wir nicht beide auf der Treppe Platz haben, kann ich ja stehen.” Übrigens war er jetzt recht im Zug und fuhr fort: „Was ich sagen wollte — das ist doch ein Unsinn mit deinem Klavier spielen. Du hast doch keine Verwendung mehr dafür, wenn wir verheiratet sind.”
Sie sank wahrhaftig auf die Treppe nieder, sie wurdeklein wie ein Punkt, und es dauerte eine geraume Weile, bis sie die Sprache wiedergefunden hatte. „Verheiratet? Ich mit dir?”
Er sah sie forschend an, als wolle er unparteiisch sein. Er verstand nicht, daß dies war, als hätte sie ihn an der Nase herumgeführt, nur ein wenig, natürlich, aber doch an der Nase gefaßt, ihn dem Ausgang zugedreht und ihn hätte gehen lassen.
„Dich heirat' ich in meinem Leben nicht,” sagte Klein-Lydia.
Aus diesen Worten schließt Abel, daß sie ihm einen Korb gegeben habe; er blieb aber trotzdem stehen und schaute sie an, konnte es nicht lassen und blinzelte von Zeit zu Zeit. Das war ja eine nette Art zu reden, die sie an sich hatte, es war ja gerade, als ob sie ihn nicht haben wollte! Sie konnte das halten, wie sie wollte, Glück auf die Reise! Verdrießlich stand er eine Weile da.
Klein-Lydia sieht auf, nickt ihm lächelnd zu und sagt: „Es ist wahr, was ich sage!” — Ach, aber es war gar kein Zweifel, daß sie etwas sehr scharf gewesen war, und das war unnötig, sie konnte schon ein wenig freundlicher sein. „Du könntest mir wohl ein wenig helfen und hier festhalten,” sagt sie, und damit reicht sie ihm eine Falte ihres Kleides.
Nein, er regte sich nicht.
„Hörst du!” rief sie und stach ihm mit der Nadel in die Wade.
Er machte einen Satz, und, ist es zu glauben, wurde ärgerlich, wurde böse. Ohne mehr zu sagen, als ein einziges Mal „Au!” zu rufen, blieb er einen Augenblick stehen und biß sich auf die Lippen, wurde leichenblaß und war im Begriff, gehörig herauszulangen. Es machte ihn nicht sanfter im Gemüt, daß Klein-Lydia in lautes Lachen ausbrach. Was in aller Welt — er, der sich aus einer Kreuzotter nichts macht, der sich in der Schmiede oftmals Blutblasen an die Hände schlug, sollte jetzt eines Nadelstiches wegen einen Luftsprung machen! Aber das tat er. Und nun merkte sie wohl, daß sie etwas Ordentliches tun mußte: „Du, der Reinert ist einmal ein Affe!” sagte sie.
Das rief Abel wieder zurück und erinnerte ihn an seine Pflicht, Klein-Lydia zu retten. „Ja,” sagte auch er.
„Ein Wichtigtuer!”
„Ja. Hast du das bis jetzt noch nicht gewußt?”
„Aber er ist ein flotter Kerl. Und was er für hübsche Locken hat.”
„Na, dir gefällt er also doch?”
„Mir? Meine Mutter sagt, er habe sich herausgemacht. Und dann hat er doch auch eine Menge gelernt.”
„Hahaha!” sagt Abel. „Blech!” sagt er. „Der soll viel gelernt haben? Ich weiß hundertmal mehr als er, wenn du es wissen willst. Ich weiß nicht gerade dasselbe wie er, nicht das, was in den Büchern steht, aber von andern Dingen weiß ich hundertmal mehr als er.”
„Ja, von andern Dingen!” höhnte sie.
„Ja, wohlgemerkt, hundertmal mehr! Und du wirst schon sehen, daß er niemals Pfarrer wird. Das ist mit ihm genau so wie mit Frank, der wird auch niemals Pfarrer. So ein Küstersohn! Und wenn du dich auf einen verlassen willst, der nach so viel mehr aussieht, als wirklich hinter ihm ist, dann bist du recht dumm, das sag' ich dir.”
„Ich? Ich mach' mir nicht das geringste aus ihm.”
Das veränderte die Sache, und Abel fühlte sich wohl mit einem Male recht erleichtert, er hätte sie küssen können, wahrhaftig, sie auf den Mund küssen, da saß sie. Aber ein Mädchen mit Küssen zu überrumpeln, ist schwierig, das verlangt technische Fertigkeit, man muß treffen. Statt dessen nahm er den Schleifstein, der an der Wand stand, hob ihn aus Mutwillen oder aus unmenschlicher Kraft aus seinem Ständer und legte ihn ihr in die Arme.