21

Na ja, man redet ja oft vom Verstummen, aber eine so ohrenbetäubende Stummheit hatte er noch nie gehört. Dann schreit sie, Klein-Lydia schreit, brüllt, ihre Empörung macht sie ganz fremd und häßlich. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr den Schleifstein wieder abzunehmen und ihn an seinen Platz zu tun.

„Du Schwein!” zischte sie. „Wie kannst du dir herausnehmen —”

„Hehehe!” lachte er verlegen und unglücklich. „Hast du je gesehen, daß ich so etwas getan habe?” Übrigens war es merkwürdig, wieviel Klein-Lydia zuweilen ertragen konnte, ohne wild zu werden. Er selbst war nicht so. Das hatte er vielleicht von seiner Mutter.

„Da sieh her, wie du meine Näharbeit eingeschmutzt hast!” sagt sie. „Ein frischgewaschenes Kleid!”

„Ich nehm's an den Brunnen,” bot er an.

„Dummkopf!”

Dann wollte er sie wieder beruhigen, deutete von weitem auf seine Gefühle für sie hin, sagte, daß er sie liebe, er könne ihr zuliebe an alle Brunnen der Stadt gehen, sie solle ihm seinen Narrenstreich mit dem Schleifstein verzeihen —

Sie stand auf und schüttelte ihren Rock zurecht, schlug sich den Sand ab und ließ sich wieder auf die Treppenstufe niederfallen, daß diese krachte, und schwieg.

„Und im übrigen hab' ich es gar nicht tun wollen,” sagte er. „Und es ist nichts, um es sich zu Herzen zu nehmen.”

„So!” erwidert sie und schaut ihn wütend an; sie spießte ihn beinahe auf mit ihren Blicken.

„Ich möchte nur wissen, wo sich dein Bruder Eduard herumtreibt?” sagte er.

„Schweig!”

„Wann kommt er denn heim, weißt du es?”

„Schweig, hörst du nicht, halt doch den Mund!”

„Sehr wohl!” sagte er und nickte dazu. „Du brauchst nur zu befehlen, wie du es haben willst,” sagte er, und damit zog er sich in sich selbst zurück.

Allein so konnte es doch nicht bleiben. Nach einer Weile stand sie plötzlich auf und fing wieder an, sich den Sand abzuklopfen, als ob sie noch nicht sauber genug wäre. Aber sie war beinahe wieder freundlich geworden und lächelte sogar ein wenig.

Sie waren ja doch auch keine so sehr alten Menschen. Wenn er neunzehn Jahr alt war, so war sie ungefähr siebzehn; oder wenn man die Wahrheit sagte, daß er nämlich erst sechzehn war, so war sie noch jünger. Das ist doch kein Alter! Und da standen sie also.

„Was hast du denn damit gemeint, du Narr?” fragte sie lachend.

„Gemeint? Das weiß ich nicht.”

„Warum setzt du dich denn nicht, hörst du!” sagte sie dann und nahm selbst Platz.

Jetzt war er an der Reihe, zu schweigen, er stand nurda und lehnte sich ans Geländer. Aber als sie ihm wieder eine Falte ihres Kleides hinhielt, die er festhalten sollte, während sie nähte, griff er zu. Da deutete sie auf seine Hand und sagte: „Was du doch für einen sonderbaren Haarwuchs auf den Händen hast!”

„Sonderbar? Der ist ganz recht!”

Dieser Haarwuchs! Der war in der Hitze der Schmiedeesse hervorgesproßt, ein schwarzes Fell, er war stolz darauf gewesen, seine Altersgenossen hatten das nicht, er war über sie hinausgewachsen, hatte sie hinter sich gelassen. Und was für Manneshände er im ganzen genommen bekommen hatte!

„Ich überlege mir, ob ich nicht am besten daran täte, meine Lehrzeit bei Carlsen auszuhalten,” sagte er. „Was meinst du dazu?”

„Das weiß ich nicht. Wie lange dauert sie denn?”

„O, sie dauert nicht lang. Und nachher soll ich die Schmiede um einen billigen Preis bekommen, sagt Carlsen. Er will mir dazu verhelfen.”

„Die Schmiede? Was willst du denn damit? Na ja, darin schmieden. Ja, willst du denn für immer dableiben?”

„Etwas anderes ist auch nicht viel besser. Andere Leute kommen mir auch nicht netter vor.”

„Aber du wirst so schwarz,” sagte Klein-Lydia.

„Und wenn die Zeit kommt und wir einander heiraten —”

Sie wurde nicht mehr wütend, nein, das wurde sie nicht, aber sie unterbrach ihn bestimmt: „Nein, daraus wird nichts.”

„Dann wird es auch noch zu einem Haus reichen.”

„Niemals!”

„Wie?” fragte er verständnislos.

„Ich liebe dich nicht,” erwiderte sie.

Er schaute ihre Hände an, schaute ihr Gesicht an und überlegte. „O, das gibt sich schon,” sagte er in einem Tone, als ob die Sache damit für sie abgetan sein müsse. Aber wieder war Klein-Lydia die Tochter ihrer rasch besonnenen Mutter, und sie wollte das nicht auf sich sitzen lassen. „Laß los!” kommandierte sie und zerrte an ihrem Kleide.

Aber natürlich ließen solche Hände nicht los.

„Hörst du nicht? Ich hab' gesagt, laß los!”

„Na, du brauchst ja nur zu sagen, wie du es haben willst.”

Dann ließ er los, und nun war das Wasser wieder zwischen ihnen verschüttet.

„Du solltest dich schämen!” sagte Klein-Lydia.

Er erwiderte in sehr erwachsenem Tone: „Ich bin also nicht älter als zwanzig, wenn du das meinst. Oder vielleicht noch nicht einmal ganz zwanzig.”

„Gott, wie du übertreibst!” rief sie. „Du bist ja der reine Garnichts, du bist nicht im letzten, du bist im vorletzten Jahr konfirmiert worden. Meinst du, ich wisse nicht, wann du geboren bist?”

Da lachte Abel: „Nein, Klein-Lydia, entschuldige. Als ich geboren wurde, hat man an dich noch nicht einmal gedacht. Ich bin nicht mehr weit von zwanzig, was die Leute auch sagen mögen. Ich muß es doch selbst am besten wissen.”

„Na —” Klein-Lydia winkte ungeduldig ab und sagte: „Ich werd' im Frühjahr konfirmiert.”

„Das ist ja gut.”

„Das ist gut, was soll das heißen?”

Schweigen. Er meinte wohl, es sei gut, wenn das erledigt sei, dann sei sie frei und fertig, aber er wagte es nicht, sie noch mehr zu ärgern.

„So, jetzt hab' ich fertig genäht,” sagte sie und stand auf.

„Dann guten Abend!” versetzte er. Aber gleich darauf war er dreist genug, sie um ein wenig Wasser zu bitten.

„Gewiß, wenn nur Wasser da ist,” sagte sie und schaute sich um. „Du kannst ja hineingehen und trinken.”

Darauf erwiderte Abel: „Nein, ich kann heimgehen und da trinken. Es ist ja ganz einerlei.”

„Durchaus nicht!” rief Klein-Lydia. „Ich will hineingehen und dir Wasser holen,” sagte sie, als ob er ihr ein und alles auf der Welt wäre.

Nachdem er getrunken hatte, redeten sie noch eine Weile miteinander, und ehe er ging, hatte er sie dennoch die verschiedensten Male umarmen und küssen dürfen. Was doch dieser Schmiedknecht für schrecklich geschmeidige und gefährliche Arme hatte!

Er schlenkerte mit den Armen, als er nach Hause ging, ein Herr der Welt, der Auserwählte der Mädchen, derzukünftige Besitzer einer Schmiede. Ja, es gab sich alles. Am liebsten wäre er jetzt allein gewesen, aber als er heimkam, war Besuch da, Maren Salt saß in der Stube.

Außer dem Studenten waren alle anwesend, und es wurde in kurzer Zeit viel gesprochen. Maren Salt hatte es eilig, sie habe nur eine Besorgung in der Stadt zu machen gehabt und habe Lust bekommen, bei den alten Bekannten eben einmal einen Blick hineinzuwerfen. Oliver selbst ließ das eine und andere gewichtige Wort fallen, während der Gast einige Tassen Kaffee trank und Bäckerwaren dazu aß.

„Kannst du denn von Hause weg sein?” fragt Petra. „Schläft der Junge?”

„Nein, das weiß ich nicht. Mattis ist bei ihm.”

„Mattis?”

„Ich kann Mattis den Jungen ruhig anvertrauen.”

„Du willst doch nicht sagen, daß dir Mattis deinen Jungen hütet?”

„Nun, warum denn nicht? Wie sollte es denn sonst gehen?” fragte Maren Salt. „Ich mußte heut abend ausgehen und für den Haushalt einkaufen, und Mattis bleibt zu Hause. Das tut er immer, anders geht es doch nicht.”

Oliver spricht mit großer Würde: „Meine Meinung ist, daß Mattis dich nimmt, Maren, wenn der Tag kommt, an dem er sich verändert.”

Maren Salt hatte durchaus nichts dagegen, das zu hören, aber es war beinahe, als ob Petra etwas eifersüchtig würde. „Das glaub' ich nun doch nicht,” sagte sie. „Na ja, mir kann es ja einerlei sein.”

„Es wär' noch nicht das dümmste, was er tun könnte,” meinte Oliver, der neben Maren stand. „Dann hätt' er den Jungen und könnte ihn anlernen, wenn die Zeit dazu gekommen ist, und ihm die Werkstatt übergeben.”

„Ach, der Junge ist ja kaum geboren,” wendet Maren ein. „Bis dorthin fließt noch viel Wasser den Bach hinunter.”

„Ich hätt' ihn gerne einmal gesehen. Er ist wohl recht groß,” sagt Petra.

„Ja, das fehlt nicht. Der Doktor sagt, er sei einer von der Rasse.”

Petra wird aufmerksam. „Hat das der Doktor gesagt?”

„Ja. Ist das so etwas Besonderes?”

Schweigen. Petra denkt nach. „Nein,” sagt sie dann. „Das ist etwas, was der Doktor zuweilen sagt; von meinen hat er das auch gesagt, sie seien von der Rasse. Ich weiß nicht, was er damit meint.”

Oliver spricht wieder. „Soviel ich verstehe, will er damit sagen zum Exempel, das Kind sei groß und stark und frisch. Ja, Gott sei Dank, unsere sind alle kräftig gewesen.”

Petra fragt: „Was für Augen hat er denn?”

„Braune Augen,” erwidert Maren.

Da wurde Petra wieder ganz wie eifersüchtig und wunderlich und konnte sich nicht halten, sondern rief: „Wo hast du denn braune Augen für ihn hergenommen?”

„Hehe, das möchtest du wissen!” erwiderte Maren Salt und lachte kokett.

„Ich kann es mir schon denken,” sagt Petra scharf und bitter. „Er ist überall!”

Maren sieht sie an. „Wie du redest! Wen meinst du denn?”

„Ach, niemand. Ich meine niemand.”

„Und du sollst auch gar nicht raten, du bringst es doch nicht heraus!” Sie sieht pfiffig und geheimnisvoll aus und schweigt. Verwünschtes altes Frauenzimmer, wer ist nur der Vater des Kindes? Sie sah aus, als ob sie sich das selbst erst überlegte, ja, als ob sie die Wahl hätte und schwanke.

„Ist nichts mehr in der Kaffeekanne für Maren?” fragt Oliver.

Eine vierte Tasse wird eingeschenkt und ausgetrunken, und unterdessen wird von dem und jenem geplaudert. Petra hätte ihre gute Laune so ziemlich wiedererlangt haben sollen, denn es zeigte sich, daß Maren selbst braune Augen hatte — war es da ein Wunder, wenn ihr Kind auch solche mit auf die Welt brachte? Aber es schien, als ob Petra nun einmal einen bestimmten Verdacht hätte und diesen Verdacht nicht mehr loswerden könnte. „Er ist es doch,” behauptete sie. „Er ist so schlau gewesen, diesmal eine mit braunen Augen zu nehmen, um sicher zu sein.”

„Ich versteh' dein dummes Geschwätz nicht, Petra! Ja,ich muß es gerade heraus sagen, daß das ein dummes Geschwätz ist,” erklärt Maren immer noch mit freundlichem Lachen.

Petra ist erbost und wahrt den Anstand ihrem Gaste gegenüber nicht. „Meinst du vielleicht, er hab' dich aus irgendeinem andern Grunde genommen, als deiner braunen Augen wegen? Nein, Maren, mach dir nur klar, daß du nicht mehr die Jüngste bist.”

Als man auf diesem Punkt angelangt war, meinte Oliver wohl, es sei Zeit für ihn einzugreifen, und er tat dies, indem er seinen Hut nahm und hinaushumpelte. Abel nahm er auch mit, und nun saßen fünf Frauenzimmer, alt und jung zusammengerechnet, beieinander. Aber die sehr erregte Petra war kein großer Genuß für ihren Gast, und Maren hätte am liebsten die Kaffeetasse zerschmettert, hielt sich aber im Zaum und sagte nur bis ins Innerste gekränkt: „Ich bin allerdings nicht mehr die Jüngste, nein. Aber du bist auch kein heuriges Häschen mehr, Petra, vergiß das nicht! Und was das betrifft, so hast du jetzt wohl mehr als genug bekommen von dem Mann, mit dem du mich jetzt im Verdacht hast.”

Nun wurde Petra aufmerksam darauf, daß die kleinen Mädchen die Ohren spitzten, und sie fing an zu lachen, um damit über die Sache wegzukommen. „Ich, bekommen? Keinen Öre hab ich bekommen von irgendeinem andern Mann als meinem eigenen, das kannst du glauben. Wofür sollten mir andere Männer Geld geben? Und wir kommen auch Gott sei Dank mit dem aus, was Oliver verdient.”

Dies war nur gesagt, um das Gespräch in eine andere Bahn zu lenken; es wurde eine Brücke geschlagen, über die alle gingen, und auch die beiden streitenden Mütter schlossen etwas später Frieden. Sie gingen zu den Stadtneuigkeiten über, und die fünfte Tasse Kaffee wurde eingeschenkt, alle die Frauenzimmer beugten sich weit über den Tisch vor und schauten einander ins Gesicht. Da war wieder ein Skandal gewesen, draußen bei dem Kaspar, der auf der Werft arbeitete, jetzt hatte er seine Frau geschlagen. Maren hatte es gestern abend gehört.

Petra wurde ganz wütend auf Kaspar. „Was hatte denn die Frau getan?”

„Ach, es war wohl etwas mit einem andern Werftarbeiter.”

„Er hätte es wagen sollen, Hand an mich zu legen!” drohte Petra.

„Allerdings, aber was hat er auch für eine Frau!” sagt die Großmutter, die alt und ausgebrannt ist. „Was hat sie damals getan, in dem Jahr, wo ihr Mann zur See war? Sie ging an Bord einer fremden Schute und war lange Zeit im Ausland Kellnerin.”

Maren Salt äußert: „Es ist sonderbar, daß sie kein Kind bekommen hat.”

„Was weißt denn du, was sie bekommen hat?”

„Dann hätte sie doch seither auch wieder ein Kind gehabt.”

„Nein,” sagt Petra. „Sie ist keine von denen, die Kinder kriegen, sie kann tun und lassen, was sie will.”

Die Großmutter versinkt in Gedanken über jenes alte Ereignis; über die Reise der jungen Matrosenfrau ins Ausland war seinerzeit sehr viel geklatscht worden. Und sie hat doch so einen vorzüglichen Vater, den Schmied Carlsen, eine gute und ehrenwerte Heimat, und dennoch!

„So geht's auf der Welt!” sagt Maren Salt. Und sie weiß noch andere Stadtneuigkeiten. „Grütze-Olsens jüngste Tochter hat Mitte letzten Monats in Christiania Hochzeit gehabt.”

„In Christiania? Warum denn dort?”

Es hatte in der Zeitung gestanden, Maren hatte mit angehört, wie es im Laden bei Davidsen vorgelesen wurde.

„Wen hat sie denn gekriegt?”

„Einen Maler, stand in der Zeitung.”

Die kleinen Mädchen waren sofort auf dem Laufenden. „Das ist der Maler, der bei Johnsens am Landungsplatz und bei Grütze-Olsens Bilder gemalt hat,” sagen sie, das war ihnen ganz klar, das wußten sie ganz genau, diese Kiek-in-die-Welt, o, sie waren Schlauköpfchen!

„Er muß aus einer reichen und vornehmen Familie stammen, nach dem, was Davidsen gesagt hat.”

„Sonderbar, das ist alles so still vor sich gegangen, kein Mensch hat ein Wort davon gehört.”

Darauf erwidert Maren: „Man sagt, für die Braut sei es höchste Zeit gewesen.”

„Na also!” flüstert die ganze Stube verständnisvoll; und dann denken alle eine Weile darüber nach.

„Ja, alles heiratet und rackert sich ab, ohne Ende,” sagt Petra. Und dann wagt sie sich wieder auf gefährlichen Grund hinaus. „Du kannst froh sein, Maren, daß du dich darauf nicht eingelassen hast.”

„Es ist noch gar nicht zu spät dazu,” sagt die Großmutter.

„Petra meint das doch,” sagt Maren von neuem beleidigt.

Petra lenkt nicht ein: „Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so hast du dir doch wohl derartiges ganz aus dem Kopf geschlagen. Wie alt bist du denn eigentlich?”

„So alt, daß ich es selbst nicht mehr weiß,” sagt Maren und steht auf. „Aber ich bleib' ja beinahe den ganzen Abend hier sitzen! Vielen Dank für die Aufwartung und alles Gute! Vergiß nicht, zu mir hereinzusehen, wenn du am Haus vorbeigehst, Petra!”

Nein, die Jüngste war Maren Salt nicht mehr, aber als sie nun nach Hause ging und schwere Pakete aus den Läden so leicht trug, als seien sie gar nichts, und die Füße regte wie zum Tanz, da konnte sie niemand alt schelten. Sie sah auch gar nicht so aus, die braunen Augen waren klar und kein bißchen feurig, aber man wußte ja, wie dieses Menschenkind war, wenn sie in ihrem Alter noch ein Kind bekommen hatte. Schweigt nur ganz von Maren Salt, an der ist nichts auszusetzen. Waren die Töchter von Jörgen und Lydia vielleicht besser, die zu Hause saßen und etwas Besseres sein wollten? — Waren sie besser? War etwa Fia Johnsen so viel besser, die blauen Flieder malte und einen Mann und einen Wegzeiger mit ganz denselben Augen anschaute?

„Ich bin lang ausgeblieben,” sagte Maren, als sie daheim eintrat. Mattis gab keine Antwort und war im ganzen genommen nicht gut auf sie zu sprechen. Übrigens sang er eben dem Kinde vor und war mitten in einem Vers.

„Soll ich es mit Stadtneuigkeiten versuchen,” dachte Maren, „ein wenig von Kaspar und seiner Frau erzählen,oder von der Hochzeit in Christiania?” Aber Mattis war keiner von denen, die sich um Stadtneuigkeiten kümmerten. „Ist er wach gewesen?”

Mattis singt seinen Vers zu Ende und antwortet dann: „Nein, aber du weckst ihn auf mit deinem Geschwätz.”

„Das tut nichts, er soll jetzt die Brust bekommen,” sagt sie.

Ein sonderbarer Anblick: Der Schreiner Mattis, der an einem Kinderbettchen sitzt und singt!

Er hatte Wut geschnaubt und auf einem Bein getanzt. Das Schicksal hatte ihm einen fürchterlich albernen Streich gespielt, er hatte Maren Salt nicht aus dem Haus gebracht, bevor sie niederkam; das setzte ihm zu und verwirrte ihn vollständig. So etwas, zum Henker, in seinem Haus! Aber es sollte nicht lange währen, zwei, drei Tage, dann warf er sie auf die Straße. — „Und dann ein wenig plötzlich, vergiß auch nicht, deinen Balg mitzunehmen!” Aber es vergingen mehr als nur einige Tage, und dann verging ein Tag um den andern, er hätte einen Besen nehmen und sie aus dem Hause hinauskehren müssen, aber wo sollte sie hingehen? Und dazu ein ganz neugeborenes Kind, allerdings ein kräftiger kleiner Kerl mit fürchterlichen Lungen, aber trotzdem —

Der Schreiner Mattis war ein gutmütiger Mann; er ließ sich gutmütig zwei Stubentüren abspannen, er ließ gutmütig eine junge Frau laufen, die ihn um einen goldenen Ring gebracht hatte, und so weiter. Er fuhr zwar zuerst wutschnaubend auf, und dann ließ er sich gutmütig alles gefallen. Was sollte er auch machen?

Und Maren Salt war ja auch rasch wieder auf den Beinen und kam ihrer Arbeit nach. Das Kind machte nicht viel Last, zu essen brauchte es nichts, es bekam die Brust und schlief, es lag in Marens Kammer in deren eigenem Bett und nahm keinen Platz weg, Mattis fand allerlei Gründe, nicht gar so streng zu Werk zu gehen. Aber in einem halben Jahr etwa, mitten im Sommer, wo niemand mehr erfrieren konnte, da mußten sie zur Tür hinaus, da half alles nichts! Oder allerspätestens in zwei Jahren, wenn der Junge allein gehen konnte.

Er schwur hoch und teuer, er wolle das Kind niemals vor Augen sehen, aber das ließ sich nicht durchführen.Es kam vor, daß Maren Salt, die Mutter, an den Brunnen gelaufen war, aber das Kind richtete sein Schreien nicht danach ein, sondern brüllte rücksichtslos den Schreiner herbei. So ging das einige Male, Mattis knirschte mit den Zähnen und war rasend, aber von Stein war er nicht, er machte die Beobachtung, daß das Kind schwieg, wenn er mit ihm sprach, daß es sich beruhigte, wenn es eine Menschenstimme hörte, und das führte dazu, daß er mehr und mehr mit ihm sprach, und endete damit, daß er ihm vorsang. Als das Kind etwas ins Auge zu fassen vermochte und anfing, ihn zu kennen, nahm er es auch auf und trug es herum. Dieser kleine Unnutz, dieser kleine Kerl, der so nett und leicht in seinen Armen lag — „Sei doch still, nicht so schreien, daß es der Lehrling und der Gesell in der Werkstatt hören, Mund gehalten! Übrigens ist es gar kein Wunder, wenn du schreist, armer Kleiner; dich friert, und du kriegst die Brust nicht, ich muß ihr wahrhaftig einmal die Meinung sagen! Es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie dich in dem schmalen Bett in der Nacht einmal totdrückte. Da sieh her, jetzt nehmen wir das Kissen und tragen dich darin herum. Siehst du, so ist es schon wärmer, und ihr werde ich bei Gott die Meinung sagen.” —

„Er friert!” ruft er der Mutter zu.

„So, friert er?”

„Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen; das ist nicht meine Sache. Aber du sollst ihn nicht hungrig liegen lassen.”

„Er hat keinen Hunger.”

„Meinst du, er weine für nichts und wieder nichts? Und das will eine Mutter sein!”

Maren Salt hat herausgefunden, daß es sich lohnte, gefügig gegen den Schreiner zu sein. „Ich will ihm die Brust geben,” sagte sie.

„Und das ordentlich!” begehrte der Schreiner. „So hab' ich ihn noch nie schreien hören wie heute.”

Dann geht Mattis wieder hinaus in die Werkstatt zu Lehrling und Gesell. Er ist ärgerlich und schämt sich, in der Tür dreht er sich um und sagt zu Maren: „Du mußt ja nicht meinen, ich komme jedesmal zu ihm herein, mir ist es einerlei, wenn er sich totschreit. Aber wir wollenin der Werkstatt, in meinem eigenen Hause kein Kindergeschrei hören. Du kannst ihn da nicht liegen lassen, bis er sich totschreit.”

Damit geht Mattis in die Werkstatt, der Gesell und der Lehrling sind im Begriff zu gehen. Er schilt noch über Maren und das Kind: „He, was man nicht alles erleben muß! Aber nun dauert es auch nicht mehr lange. Ich weiß einen, der davon nichts mehr in seinem Haus wissen will. Wäre nur nicht eine Strafe aufs Hinauswerfen gesetzt, aber es steht eine schwere Strafe darauf, eine von den schwersten. Du weißt das doch auch?” fragt er den Gesellen.

Der Gesell hat keine Kunde davon, findet es aber nicht unwahrscheinlich.

„Eine fürchterliche Strafe, mehrere Jahre. Und dem will ich mich nicht aussetzen.”

Bei Tag arbeitet er jetzt an einer kleinen Bettstelle, einem Kinderbettchen für eine Familie in einer andern Stadt, sagt er; die Maße sind ihm angegeben, es ist also eine einfache Bestellung. Es wird ein schönes Gitterbettchen mit ein wenig Schnitzerei am Kopf- und Fußende, und er hat auch den Auftrag, es weiß anstreichen zu lassen, ehe er es abschickt. Er steht also da und arbeitet. Aber es ist eine verfluchte Geschichte mit dem Lied, mit diesem Kinderverschen, es kommt ihm tagelang nicht aus dem Kopf, er ertappt sich dabei, daß er es während der Arbeit vor sich hinsummt und sich lächerlich macht. Ein Mann mit so einer Nase beim Hobeln ein Kinderliedchen summen! Er hat den Gesellen im Verdacht, daß der sich das Lachen nicht recht verkneifen kann.

Er war recht froh, als er so weit war, daß er den Lehrling mit dem Bettchen zum Maler schicken konnte.

Noch froher hätte er sein können an dem Tage, da er es schneeweiß und blank wieder zurückerhielt und es einpacken und fortschicken konnte. Aber dem Mattis hatte das Schicksal wohl abermals einen Streich gespielt, jetzt war das Bettchen abbestellt worden, die Leute hatten ein fertiges gekauft, Mattis hatte einen Brief dieses Inhalts bekommen. Jawohl, ein neuer Streich vom Schicksal! Aber Mattis nahm es diesmal merkwürdig gelassen hin; er sagte: „Das tut nichts, das Bett kann ich immerwieder loswerden. Aber es ist, wie ich sage, was man nicht alles erleben muß! Nein, man sollte sich auf solche Bestellungen aus einer andern Stadt niemals einlassen!” sagte Mattis.

Kurz gesagt, er mußte das Bett behalten.

Und nun konnte der Junge, Maren Salts Kind, das Bettchen gerne leihweise benützen, eine Woche oder so, bis es verkauft wurde. Das schadete dem Bettchen nichts.

Gewiß ist es am besten, wenn eine Hochzeit im Hause der Braut gefeiert wird, aber Konsul Olsen feierte die Hochzeit seiner jüngsten Tochter in der Hauptstadt, im Palmensaal eines großen Hotels. Er hatte allerlei Pläne im Kopf, wer weiß, ob er nicht sogar daran gedacht hat, die Hochzeit in einem überseeischen Land, in Argentinien oder Australien zu feiern. Das gefiel diesem Mann mit dem weiten Gedankenkreis, etwas Derartiges recht flott und augenfällig zu machen, ein großes Hotel war gut, man hatte nichts nötig, als um fünf Lohndiener zu telephonieren. Das war nicht nur fein, sondern auch praktisch, denn seiner Frau blieb dadurch viel Mühe und Arbeit und Sorge mit der Bewirtung erspart.

Dann wird also der Maler, der Hardesvogtsohn, mit seinem Modell getraut. In der Heimatstadt der Braut wird ein wenig darüber gelästert; als man am Brunnen alles genau überlegte, so war das entschieden auffallend. Aber auf jeden Fall hatte die junge Dame den Kaufmannstand und Scheldrup Johnsen aufgegeben; jetzt sollte es nicht mehr am liebsten der Scheldrup sein, sondern am liebsten ein anderer.

Zu dieser Hochzeit ist der Rechtsanwalt Fredriksen eingeladen; er ist ja als Abgeordneter und Vorsitzender seiner Kommission schon in der Hauptstadt anwesend. Er konnte nicht gut umgangen werden, denn er war eine bedeutende Persönlichkeit, hatte gewissermaßen etwas Amtliches, beinahe den norwegischen Löwen auf der Brust. „Willkommen!” sagte Grütze-Olsen und führte seinen Gast zu einem Ehrensitz an der Tafel.

Und hier bei dieser Gelegenheit will der Rechtsanwalt Fredriksen den Grundstein zu seinem Glück legen und eine vorläufige Abrede mit Grütze-Olsens anderer Tochter —der älteren — treffen. Es sollte noch geheimgehalten werden, sie wollten noch ein wenig warten, Gott weiß warum, allein das gehöre mit zu seinen Zukunftsplänen, sagte der Rechtsanwalt, er werde ja doch nicht immer nur Abgeordneter bleiben, und damit Punktum. Aber die vorläufige Abrede sollte bindend sein.

Also sollte auch Grütze-Olsens zweite Tochter den Kaufmannstand und die flotten Kaufleute aufgeben. Sie war groß und gesund, hatte eine schwere Menge aschblonder Haare, der Rechtsanwalt war schon bei Jahren, kein Turner mehr, ein bißchen unreinlich, ohne griechische Nase, aber ein Teufelskerl, ohne viel Haare, aber mit einer wulstigen Hautfalte im Nacken — es war also eine Schattierung Unterschied zwischen den beiden. Der Rechtsanwalt war schon recht.

Er kehrte wieder in die Stadt zurück. Gewiß, er war sofort Vorsitzender der Kommission wegen der mißhandelten Matrosen geworden, und er trug den Kopf hoch. Eine solche Karriere! O nein, er rannte niemand über den Haufen, aber es war, als ob er eine noch gewichtigere Stimme bekommen hätte, eine Donnerstimme. Das kam wohl von der Übung im Landtag, als er seine berühmte Interpellation einbrachte.

Da geht er nun gegen Abend in den Straßen spazieren, es könnte ja jemand Lust haben, mit ihm zu reden, der Doktor, der dem Doppelkonsul die Interpellationen gönnte, der Zollverwalter, der zur Linken gehörte, der junge Assistent beim Hardesvogt, der selbst Rechtsanwalt werden wollte, und noch mancher andere aus dem Volke. Und der Abgeordnete gönnt jedem im Vorbeigehen ein paar Worte. Aus irgendeinem Grunde war es ihm am wenigsten angenehm, daß sich der Doktor jetzt gerade an ihn hängte; aber er konnte dem nicht entgehen, die andern gingen ihres Weges, der Doktor jedoch ließ ihn nicht los, er war ganz wie früher.

Ganz derselbe Mann in der Stadt, ja. Der Doktor ändert sich nicht, er besucht Kranke, schreibt lateinische Rezepte, glaubt an seine eigene Gelehrsamkeit und an seine Wissenschaft und verdient sein Brot. Er hat genug an der Plage jedes Tages. Selten einmal trifft ihn ein kleiner Glückszufall, wie zum Beispiel, als ihn Henriksenvon der Werft nach dem Tode seiner Frau mit einem großen Geldschein bezahlte; aber im großen und ganzen hat der Doktor wenig Freuden. Er ging seinerzeit von dem einen Kaufmann, von Johnsen, mit dem er unzufrieden war, zu einem andern über, zu Davidsen, und wollte es einmal mit diesem versuchen; aber sie waren beide ganz gleich, auch Davidsen schickte eine Rechnung. Der Ärmste war zwar Konsul, allein er war nicht reich und mußte kleinlich sein, alle waren Krämer. So war der Doktor zuzeiten ohne einen festen Lieferanten.

Er war nicht zu beneiden, mit seinem Dasein war kein Staat zu machen. Natürlich grämte er sich niemals über sich selbst, darüber, daß er nicht die Gabe hatte, sich zu ändern, zu bessern, daß er nicht ins Leben paßte, ein Verirrter, ein sauertöpfischer Mensch, ein Narr, dummstolz inmitten der Zweifelhaftigkeit seines Charakters. An den Leuten, an der Stadt und zum Teil auch an der Vorsehung lag der Fehler. Sicherlich war es so, er selbst war ganz so, wie er sein sollte.

Ach, wie er sich hätte ärgern können!

Der Doktor hatte kein Herz für ein richtiges Wagnis, für Gefahren; aber einen Streit scheute er nicht, im Gegenteil, er bohrte und stichelte, wo er Gelegenheit dazu hatte, und machte sich seiner Zunge wegen überall gefürchtet, eine unverscheuchbare Bremse, eine Wespe mit einem Stachel. Es freut ihn, daß ihm nicht jedermann richtig zu antworten wagt. Das war ein Triumph im gegebenen Augenblick, er spottete und lachte darüber. Von Natur böse war er nicht, weit entfernt, seine Eigenschaften hatte er sich erst zugelegt, die Schule und die schematische Entwicklung nach Büchern hatten ihn zu dem gemacht, was er war. Nein, er brachte es auch nicht zu einer achtbaren Größe in der Bosheit, er hatte zu spät damit angefangen, erst als älterer, schiffbrüchig gewordener Mensch, er brachte es nur bis zu einer säuerlichen Unzufriedenheit, brachte es zu Bitterkeit, Groll, Eifersüchtelei, Klatsch. Wenn ein Mensch starb, sagte dieser Arzt mit der gefährlichen Zunge: „Jetzt ist wieder ein Paar Schuhe freigeworden!” und es freute ihn zu sehen, daß seine Zuhörer ein etwas sonderbares Gesicht machten.

Er konnte dies auch dem Abgeordneten gegenüber nichtlassen, sondern stichelte auf allerlei Weise drauf los. So mußte der Doktor mißbilligen, daß ein Mann wie der Rechtsanwalt Fredriksen auf Stiefeln mit hohen Absätzen daherwackle, wenn er auch Abgeordneter geworden sei. Er sei ja vordem schon mühselig genug gegangen. Der neue Überzieher gehe noch an, aber solche Stiefel für solche Füße!

Der Rechtsanwalt wußte nichts davon, daß mit seinen Füßen irgend etwas Besonderes los sei.

„Das kommt davon, weil Sie nichts von Anatomie verstehen!”

„Soviel Anatomie, als ich brauche, versteh ich schon.”

„Da haben wir's: man kommt in den Landtag und meint, man brauche dazu gar nicht mehr zu wissen, als man weiß.”

„Man kommt zuweilen zum Bezirksarzt in seinem Wahlkreis zurück und vervollständigt sein Wissen.”

„Hoho, das Vervollständigen tut's nicht, man muß am Anfang anfangen, lieber Freund.”

Der Rechtsanwalt wollte keinen Wortwechsel, andererseits wollte er aber auch dem respektlosen Kerl nicht den Triumph gönnen, daß er böse wurde und davonlief. Er blieb also und schwieg, o, aber er war sich die ganze Zeit über bewußt, wie klein der Doktor in seinen Augen war! „Da haben wir ja auch den Barbier Holte. Guten Abend, Holte!” sagt er und bleibt stehen, in der Hoffnung, der Doktor werde weitergehen. Nein, der ging nicht. „Um welche Tageszeit ist es am wenigsten voll bei Ihnen, Holte? Ich möchte mir die Haare schneiden lassen.”

„Was, mögen Sie in den Barbierladen gehen und dort warten, bis Sie an die Reihe kommen? Sie können ihn ja zu sich kommen lassen.”

„Wir Demokraten sind nicht so vornehm,” erwidert der Rechtsanwalt.

„Sagten Sie vornehm? Nein, das weiß Gott!”

Sie begegneten dem Schreiner Mattis und: „Guten Abend!” grüßte der Rechtsanwalt wieder, sprach einige Worte mit ihm und ließ ihn dann gehen.

Der Doktor sagte: „Ja, der gute Mattis, er hat wahrhaftig auch braunäugige Nachkommenschaft im Hause. Das ist ihm auch keine Freude gewesen.”

Aber nun kam der Doktor durch irgendeine Gedankenverbindung auf etwas anderes, er sagte plötzlich: „Ihre Interpellation war prächtig. So hat es ihm gehört, dem Schweinigel!”

Der Rechtsanwalt erwidert abweisend: „Nein, mit dieser Interpellation bin ich selbst von allem, was ich darin getan habe, am wenigsten zufrieden.”

Sofort stichelt der Doktor: „Was haben Sie denn sonst noch getan?”

„O, nichts,” sagte der Rechtsanwalt und will einen Wortwechsel vermeiden.

Da der Doktor jetzt den großen Mann klein genug hatte, so hatte er seinen Willen und konnte nun gerne auch sein Wohlwollen zeigen: „Natürlich tut man vielerlei im Landtag, wovon wir Außenstehenden keine Ahnung haben. Komiteearbeit zum Beispiel, von der Arbeit in den Kommission gar nicht zu reden. Es ist ganz gut, daß Sie einmal in das Verhältnis zwischen Matrosen und Reedern hineinleuchten, machen Sie nur ganze Arbeit, warum in aller Welt sollen diese Reeder so reich werden? Unwissende und ungebildete Kerle, die gelernt haben, hinter einem Ladentisch zu stehen, aber sie rauchen Zigarren mit goldener Bauchbinde, trinken Madeira von einem alten guten Jahrgang, und ihre Frauen und Töchter tragen Brillantringe, es ist zum Speien! Ei, zum Henker, da kommt ja der Postmeister! Da müssen Sie mich entschuldigen, ich drücke mich jetzt! Jetzt wird er wieder seine Überzeugung von den vielen Erdenleben lüften. Können Sie sich etwas Schrecklicheres denken, als diesen Mann? Schon allein, daß sein Leben bewußt und unablässig auf das Gute gerichtet ist, hehe! ‚Nachkommen!’ sagt er und freut sich über seine Kinder. Er ist ein Narr. Ich hoffe, Sie entschuldigen, daß ich mich davonmache, ich meine es besser mit mir, als daß ich ihn anhören möchte. — Guten Abend, Herr Postmeister! Sie sind wohl wieder auf der Suche nach Gott? Eben haben wir von Ihnen gesprochen.”

„Ich sage Dank für alles Gute, das die Herren von mir gesprochen haben.”

„Und was vielleicht Böses gesagt wurde?”

„Das haben Sie jedenfalls nicht angehört.”

„So. Auch ich bin mir selbst der Nächste.”

„Gerade darum,” sagt der Postmeister.

Der Doktor stutzt und sagt: „Sieh, sieh, Sie meinen also, ich diene mir selbst am besten, wenn ich Gutes von Ihnen rede?”

„Ja, das mein' ich, wenn Sie Gutes von allen Menschen reden. Herr Rechtsanwalt, ich heiße Sie willkommen in der Heimat!”

Der Doktor wollte ja eigentlich gehen, aber in der milden Zurechtweisung des Postmeisters lag etwas, das ihn veranlaßte, noch einen Augenblick zu bleiben und ihm jedenfalls die Spitze zu bieten: „Herr Postmeister, Sie gehören gar nicht in diese Welt hinein. Sie glauben an das Gute und sagen: ‚Was soll man glauben?’ Diese Welt will Logik und Realität, keine Gefühlsduselei.”

Bei solchen Streitigkeiten hatte der Postmeister den Vorteil, auf bekanntem Gebiet zu sein, wo ihn sein Nachdenken wenigstens auf einen festen Standpunkt geführt hatte. Darum war er auch oft dazu aufgelegt und vollkommen bereit, seine Meinung zu verteidigen, zuweilen sogar recht schlagfertig. Außerdem war der Postmeister durchaus kein Lamm, er konnte bisweilen recht verletzend sein mit niedergeschlagenen Augen und einem leichten Lächeln. Was er sagte, war eigentlich gar nicht viel, nur einige ganz höfliche Worte, aber sie waren nicht immer harmlos.

„Was diese Welt will, weiß ich nicht,” sagte er. „Es sollte übrigens nicht nur darauf ankommen, was sie will, sondern auch darauf, was sie wollen sollte. Da die Logik nun einmal so eine armselige Sache ist, so hätte die Welt vielleicht noch etwas außer ihr nötig. Ich weiß nicht, mit der Logik kommt man nicht weit.”

„Doch, in der Wissenschaft.”

„Meinen Sie?”

„Ob ich das meine? Die Wissenschaft hat keinen Gebrauch für Metaphysik und Aberglauben; das ist ihre Logik.”

Der Postmeister schüttelt den Kopf. „Die Wissenschaft tanzt mit ihrem Spieß um die Metaphysik herum und sticht und sticht nach ihr, ohne daß ihr das im geringsten schadet. Schadet es wirklich nicht? Nein. Denn diese fundamentale Lebensmacht ist unverletzlich und ewig. Mankann nicht mit dem Spieß in ein Meer stechen und es verletzen.”

„Sind Sie auf der Volkshochschule gewesen?” fragt der Doktor.

„Nein, ich bin nicht — wie Sie — auf einer hohen Schule gewesen.”

Durch diese Stichelei ließ sich der Doktor verleiten, grob zu werden. „Es hätte Ihnen gar nichts geschadet, wenn es der Fall gewesen wäre. Dann säßen Sie vielleicht nicht hier in dieser guten Stadt als Postmeister.”

„Sie meinen, das sei nichts Großes?”

„Was meinen denn Sie selbst?”

„Ich bin zufrieden. Einige können allerdings ihre Lust, für groß zu gelten, selbst wenn sie es sind, nicht verleugnen. Diesen Fehler haben manche.”

„Wir haben von der Wissenschaft gesprochen.”

Der Postmeister unterbricht ihn: „Nein, entschuldigen Sie! Ich bin nicht — wie Sie — ein Mann der Wissenschaft, wissenschaftliche Fragen kann ich nicht erörtern.”

„Das ist entschieden ein Fehler von Ihnen,” sagte der Doktor und fuhr dann fort: „Wissenschaftliche Wahrheiten sind entweder selbstverständlich oder logisch zu beweisen, oder beides. Nun, die Metaphysik ist keines von beiden.”

„Aber, Herr Doktor, ich sage weder, noch meine ich, die Metaphysik sei eine Wissenschaft, sie ist vielmehr gerade das Gegenteil.”

„Dann ist es leeres Geschwätz, Herr Postmeister, und nichts anderes. Wenn wir die Wissenschaft nicht hätten, was hätten wir denn dann? Moses und die Propheten — laßt sie diese hören!”

„Die Metaphysik setzt da ein, wo die Wissenschaft aufhört; jawohl, das tut sie.”

„Die Wissenschaft hört niemals auf. Sie tastet, sie reicht nicht immer völlig zu, aber sie strebt und strebt vorwärts und geht immer weiter.”

„Gewiß, so sagt man ja,” erwidert der Postmeister. „Ich habe mich auch unrichtig ausgedrückt, ich wollte sagen, die Metaphysik setze da ein, wo die Wissenschaft nicht völlig zureicht, an den wenigen Punkten, Kleinigkeiten, Einzelheiten, wo die Wissenschaft nicht bis auf die oberste Spitzegedrungen ist. Es handelt sich nur um Haaresbreite. So wollen wir sagen.”

„So, Sie wollen spotten! Sie glauben ja, um das Rätsel des Lebens zu erklären, an ein ganzes System von Erdenleben. Daher nehmen Sie das Licht auf Ihrem Wege.”

„Was soll man glauben!” erwiderte der Postmeister. „Zuweilen ist ein kleines Licht darin, das sind Sterne in der Nacht. Es ist kein starkes Licht, ist nicht Sonne und heller Tag, aber es sind doch Sterne in der Nacht. Man kann doch etwas dabei erkennen.”

„Wär' es nicht besser, das Licht der Wissenschaft zu haben, so weit es eben reicht?”

„Das hab' ich auch. Wo dieses aufhört, muß ich mich ohne es behelfen. Dann steht die Wissenschaft weit hinter mir — das heißt um Haaresbreite — und schaut mir nach, wo ich gehe.”

„Na, entschuldigen Sie, die Wissenschaft hat anderes zu tun, als Ihnen nachzuschauen. Und wenn sie zurückbleibt, so tut sie klug daran, denn sie will festen Grund unter den Füßen haben.”

„Einen Grund, der sich in jedem zweiten Menschenalter ändert.”

„Ja, so sagen die Toren, die nichts davon verstehen. Ändert zum Beispiel die Mathematik ihre Grundlagen?”

„Nicht, um Ihnen zu antworten, sondern um Ihnen noch weiter Spaß zu machen, sage ich: Die Mathematik muß zu Anfang etwas ‚setzen’. Sie suchte im Licht meiner Sterne und fand ein armseligesX, um darauf zu fußen. Ehre demX, es steht statt etwas Besserem.”

„Kurz und gut, die Mathematik hat also auch keinen Wert?”

„Meinen Sie? Sie ist gewiß viel wert für Leute, die reine, klare Gedankenarbeit lieben, um des Denkens willen. Die Mathematik steht für sich allein und ist, was sie ist. Aber für unser geistiges Leben ist sie vollkommen gleichgültig.”

Der Doktor fuhr sich mit beiden Händen nach den Ohren, als ob er sie zuhalten wollte, eine unwillkürliche Bewegung gänzlicher Ratlosigkeit. Warum hatte er sich auch auf diesen nutzlosen Wortwechsel eingelassen, der ihmlangweilig war und ihn ermüdete! Er ging nicht so weit, sich die Ohren wirklich zuzuhalten, er schwankte vielleicht einen Augenblick, ob er einen Schrei ausstoßen oder davonlaufen sollte, dann faßte er sich aber und trieb seine Festigkeit so weit, daß er den Hut zog und sagte: „Danke, jetzt hab' ich genug. Ich muß Krankenbesuche machen mit meiner armen Wissenschaft!” Damit bog er in eine Seitengasse ein.

Als auch der Postmeister gehen wollte, hielt ihn der Rechtsanwalt zurück; sie mußten jetzt am Geschäft von C. A. Johnsen, am Doppelkonsulat vorbei, und der Rechtsanwalt wollte jemand haben, mit dem er reden konnte, während er an den Fenstern vorbeiging. Ach, er wußte wohl, was er tat, wenn er diesen Weg wählte, er wollte bis hinaus an das Haus des Doppelkonsuls und daran vorbeigehen, hinauf in die Berge, zum Aussichtspunkt. Er hatte seine Gründe dafür.

Der Rechtsanwalt erhob seine Stimme bis zur Stärke der Stimme der Interpellation: „Alles, was Sie da gesagt haben, Herr Postmeister, ist ja sehr schön, und ich hab' viel Herz dafür. Aber wird uns nicht all diese Metaphysik und Geistigkeit untüchtig fürs Leben hienieden machen? Wird sie nicht unsere Tatkraft hemmen?”

„Ich will Sie nicht belehren, aber wenn Sie mich fragen: ich hoffe, daß sie uns ein wenig vorwärtsbringen wird. Wir werden davor zurückschrecken, uns ungerechte Vorteile zuwenden zu wollen, wir werden uns davor hüten, einander gar zu offenkundig auszusaugen. Das finden Sie doch nicht verkehrt?”

„Nein.”

„Wir sind jetzt sinnlos damit beschäftigt, einander auf die Seite zu stoßen, um selbst vorne hinzukommen, wir sollen konkurrieren, heißt es, ja mehr als konkurrieren. Wie wär's, wenn wir etwas mehr an uns selbst anstatt für uns selbst arbeiteten?”

„Aber wenn es nun gerade diese Arbeit an uns selbst ist, die unsern irdischen Tatendrang hemmt? So kommen wir in der Welt nicht vorwärts.”

„Aber wir kommen im Leben höher hinauf. Wie wäre es, wenn wir uns von Zeit zu Zeit vor Augen hielten, daß wir nicht Hunderte von Jahren in einem Zug hieniedenleben werden! Wir kommen auf die Welt, werfen auf alles einen Blick und gehen wieder. Gewiß, Herr Rechtsanwalt, wir kommen vorwärts, wenn wir auch nicht über die andern hinauskommen.”

„Wir sind verschieden fürs Leben ausgerüstet, haben vielleicht auch verschiedene Bestimmungen, Napoleons Tätigkeit war von dieser Welt, er wollte vorwärts, wenn es auch über die andern hinwegging.”

„Aber das war nicht die Seite von ihm, von der er selbst und die Welt den größten Segen hatte.”

„Das war wohl sein Schicksal. Er und andere — wir handeln alle, wie wir getrieben werden.”

„Wir stellen die Übermacht des Schicksals fest, ja. Damit haben wir eine süße Entschuldigung für unsere eigene Aufführung.”

Na, jetzt nahm sich der Postmeister doch etwas zu viel heraus, wurde vielleicht sogar persönlich ausfällig, das wollte sich der Rechtsanwalt nicht bieten lassen, dazu hatte er ihn nicht mitgenommen. „Ich will bis hinauf zum Aussichtspunkt. So weit wollen Sie doch vielleicht nicht mit gehen?”

„Nein,” erwiderte der Postmeister, und nun kehrte er um.

Rechtsanwalt Fredriksen atmete auf, alles ging, wie er berechnet hatte, er sah nach der Uhr. Am meisten freute ihn, daß er den Doktor losgeworden war, er kannte dessen gespanntes Verhältnis zu Konsul Johnsen und wollte jetzt nicht gern in seiner Begleitung gesehen werden. Er pfiff auf die Geistigkeit und Metaphysik, Dinge, die unserm Leben hienieden nur im Wege stehen, wir wollen doch weiterkommen in der Welt. Er wollte nicht gerade einen andern über den Haufen rennen, nein, das wollte Rechtsanwalt Fredriksen nicht, aber er wollte auch nicht gehemmt werden. Das war der gesunde Tätigkeitsdrang. Nein, jemand über den Haufen rennen, mit dem Messer zustoßen? Keine Spur! Berntsen, der Geschäftsführer bei Konsul Johnsen, wartete wohl auf Haussuchung und Verhör, aber es sollte nicht geschehen, der Herr Reeder sollte Frieden haben.

Das fehlte gerade noch, daß er noch unangenehmer gegen Konsul Johnsen wurde, als er gewesen war. Der Rechtsanwalt hatte die Zähne gezeigt, brauchen wollte er sie nicht, als Vorsitzender des Komitees hatte er humane, und als Rechtsanwalt Fredriksen intime Gründe, so aufzutreten.

Er geht am Hause des Doppelkonsuls vorbei, ein Haus mit Schnitzwerk, Altan und Veranda, ein großes Haus, Garten mit Flieder und Jasmin, ein Duft von Reichtum und Kultur, Springbrunnen, Zementurnen, Schmetterlinge, Flaggenstange, alles, was dazu gehörte. Er geht in die Berge, richtig, Fräulein Fia macht ihren Abendspaziergang, sie sucht Erholung nach der Arbeit des Tages. Er hat sie nicht vergessen und nicht aufgegeben, er schaut sie mit denselben Augen an wie zuvor, wie die Armut Millionen anschaut. So viel war sicher, jetzt hatte er bessere Aussichten bei ihr, vielleicht wollte die Dame nicht noch weiterhin sich selbst im Wege stehen und schlecht rechnen. Hatten sie und ihre Familie jetzt nicht Hochachtung vor seinem Abgeordnetentum bekommen?

Fia sah ihn hinterher kommen und ging rascher zu.

Ach, die Dame rechnete wohl gar nicht, hatte keine Übung im Rechnen, keinen Bedarf zu rechnen; wie sie geschaffen und angelegt war, mußte Gott wissen!

Sie geht immer rascher, aber das hilft nichts, er holt sie ein, und er bekommt auch in dieser rosenroten Abendstunde seinen endgültigen Bescheid von ihr. Wie rasch sie ging, wie eifrig sie ihm auszuweichen versuchte! Wie stark mußte ihr Verlangen nach Sonnenuntergang und Schönheit sein, wenn sie so lief! Aber Rechtsanwalt Fredriksen war nicht der Mann, der etwas gleich verloren gab.

Er rief ihr von hinten einen Gruß zu und sagte außer Atem: „Sie rennen mir beinahe die Seele aus dem Leibe, Fräulein Fia.”

Sie, fein und blaß, mit vielen Vollkommenheiten, wie gewöhnlich etwas geputzt, kühl wie gewöhnlich, wieder ganz die Komtesse, sprach: „Das tut mir leid. Ich war in Gedanken versunken, ich pflege hier spazieren zu gehen, um allein zu sein.”

„Ist es Ihnen angenehm, so allein zu gehen?” fragt er. „Woran denken Sie, wenn Sie hier oben sind?”

„An das da draußen,” erwidert sie und deutet auf die ganze Welt, Wolken, Meer, Nirwana. „Ja, das tut mir gut.” Und sie begriff wohl diesen Mann gar nicht, dieses Tier, das neben ihr stand und keinen edlen Naturgenuß kannte. Wie jemand nur dafür kein Gefühl haben konnte!

„Ich bin eben erst vom Landtag heimgekehrt,” sagte er; „und ich wollte Sie gerne begrüßen.”

„Sehr liebenswürdig.”

„Sie sind wohl auch eine Weile weggewesen?”

Sie erwiderte: „Sie wissen, ich komme und gehe. Jetzt will ich nach Paris.”

„Beim Satan!” dachte er wohl, groß, groß mußte es sein, Notre Dame, Eiffelturm, Rothschild. Und in diesem Augenblick überkam ihn wohl eine gewisse Angst, er stehe etwas unter ihr, denn er sagte: „Was sollen wir Abgeordneten und Rechtsanwälte sagen über das wirklich Große? Daß es unerreichbar ist. Aber auch wir verstehen das eine und das andere, Fräulein Fia.”

War das eine Unterhaltung für diese Dame!

„Ich meine, auch wir können steigen Stufe um Stufe, zu höheren und immer höheren Stellungen. Das ist das Gute bei der demokratischen Gesellschaftsordnung, daß jeder die höchsten Posten erreichen kann.”

Schweigen. Die Dame schien seine Aussichten nicht zu erwägen.

Nein, Rechtsanwalt Fredriksen ging also zu seinem Vorhaben über, er gab ihr zu verstehen, was sie für ihn war, daß sie einfach alles für ihn sei, und ob sie ihm ein wenig mehr Hoffnung machen könne, etwas mehr Hoffnung als das letztemal.

„Nein,” sagte die Dame.

Ob er recht gehört habe, ob sie es sich auch diesmal nicht noch überlegen wolle?

„Nein,” sagte sie und schüttelte den Kopf. „Betrachten Sie doch lieber den Sonnenuntergang,” sagte sie. „Sehen Sie doch nur diese Farben! Wie prachtvoll die Welt von hier aus ist!”

Nein, er gab sich nicht: „Ja, die Aussicht ist recht schön, aber die Aussichten?”

Fragend schaute sie ihn an.

„Meine Aussichten? Die Zukunft!”

Nun wurde sie wirklich ein wenig ärgerlich, er hätte doch etwas anderes sagen können, wenn sie ihn auf Farben aufmerksam machte. Hatte denn dieser Mensch gar keine Poesie und Kultur? „Nein, entschuldigen Sie, von Ihrer Zukunft müssen Sie mit andern reden,” sagte sie.

Über Oliver ging es aus, über einen Unschuldigen, der sich den Plänen des Rechtsanwalts Fredriksen nicht in den Weg gestellt hatte. Weshalb mußte er es entgelten?

Oliver hinkte vom Lagerhaus heim, als ihn der Rechtsanwalt einholte und sofort von Geschäften anfing: „Na, Oliver, du hast jetzt eine feste Stellung, es ist Zeit, daß du das Haus einlöst.”

Was auch schuld sein mochte, der Rechtsanwalt kam von dem Aussichtspunkt herunter, von einem Geschäft her, das ihm vorbeigelungen war, nun sollte ihm wohl ein anderes gelingen. Legte er keinen großen Wert auf die bindende Abrede mit Konsul Olsens Tochter? Oder mißtraute er der Mitgift? Jedenfalls sprach er jetzt kurz und gut, wie einer, der retten will, was noch zu retten ist, an seinen Worten war nichts Unsicheres und Unbestimmtes.

Oliver erwiderte nur, wie er denn das Haus einlösen solle, mit seinem Lohn im Lagerhaus, der gerade groß genug sei, daß er davon leben könne?

„Ja, was geht das eigentlich mich an?” fragte der Rechtsanwalt. „Verkaufe du das Haus und bezahle mir mein Geld, dann sind wir quitt.”

Wo Oliver mit seiner Familie hinsolle?

„Da haben wir es wieder einmal!” fährt der Rechtsanwalt los. „Was wäre denn das für eine Pflicht meinerseits, mit der du rechnest? Überleg' dir doch einmal, das Haus verliert von Jahr zu Jahr an Wert, du hältst es nicht einmal mit Anstrich gut im Stand, es vermodert ja.”

„Ich wollte es in diesem Sommer anstreichen lassen.”

„Nein, das kann nicht länger so weitergehen. Du weißt, wo mein Kontor ist — entweder du kommst selbst oder deine Frau kommt.” Damit ging der Herr Rechtsanwalt weiter.

Natürlich mußte Oliver seine Frau schicken. Sie hatte die Sache schon einmal gedeichselt und paßte am besten dazu. Es traf sich auch, daß Petra jetzt gerade sehr gut und munter aussah, schöne neue Leibwäsche hatte sie auch bekommen, und die ganze Person war demgemäß voller Selbstgefühl. Das konnte ihr niemand verdenken. Und sie wollte sofort gehen, diesen Abend noch. „Aber das Kontor ist jetzt geschlossen,” wendete Oliver ein. — „Dann klopf' ich an seinem Zimmer an,” erwiderte Petra. Da konnte Oliver nicht anders, er mußte ihren Eifer bewundern und sagte ermahnend: „Ja, aber das will ich hoffen, daß du ihm nun auch recht klar machst, was er einem Krüppel anzutun gedenkt.”

Nachdem Petra gegangen war, zog Oliver Zuckerwaren und Bäckerbrot aus der Tasche, die er für sich und die kleinen Mädchen mitgebracht hatte. Er machte keinen Unterschied zwischen den beiden, sondern teilte gleich, und die mit den blauen Augen, die Blaumeise, bekam eher noch mehr, weil sie die freundlichste und im Grunde genommen die herzigste war. Merkwürdig, daß das so endete! Der Vater hatte lange auf eine Pferdenase in diesem blauäugigen Gesicht gewartet, sah sich aber angenehm enttäuscht. Vor lauter Freude darüber hatte er das blauäugige Kind ebenso lieb, wie das mit den „Familienaugen”. Einmal hatte er die Blaumeise geschlagen, als sie von seinem eigenen Landungssteg aus ins Wasser gefallen war. Da hinkte er nicht, da flog er herbei, um sie zu retten, und zog sie mit der Krücke aus der Tiefe. Als sie die Augen aufschlug, stieß er einen Schrei aus und schlug sie ein paarmal mit der Faust auf ihr kleines nasses Hinterteil, seine Freude hatte sich im Augenblick in Raserei verwandelt. Sonst schlug er seine Kinder niemals, das war die Sache der Mutter. Oliver verstand es am besten mit den Kleinen, und deren ganzes Herz gehörte auch ihm.

Jetzt tun sich die drei in allem Behagen gütlich und freuen sich über die Heimlichkeit ihrer Schleckerei. Es ist gerade, als ob sie gestohlenes Gut teilten und verzehrten, sie erschrecken einander zum Spaß mit dem Ruf: „Mutter kommt! Großmutter kommt!” Sie tun etwas auf die Seite für die Brüder, den Studenten und den Schmiedknecht. O, solch einen Vater, um den Kindern einen Festschmauszu bereiten, gab es nicht wieder! Dann erzählt er ihnen von seinen Seereisen, er ist in der Welt draußen gewesen, er hat Feuerfresser gesehen, Menschen, die brennendes Werg verschlangen, und Hunde, die Milchwagen zogen. „Du große Welt!” sagen die kleinen Mädchen. Ho, was war das gegen alles, was er sonst noch gesehen hatte: Affen, Pfauen, Kameele, wie Abraham, Isaak und Jakob sie hatten. Wilde, mit Ringen in der Nase, Wolkenkratzer, feuerspeiende Berge, einmal ein Seeräuberschiff, einen Klipper, einen Dreimaster mit einunddreißig gesetzten Segeln, einmal einen Mord in einem Kaffee am hellichten Tag. „O Gott!” schauderten die kleinen Mädchen, „bist du selbst niemals von bösen Leuten überfallen worden?” Dazu hätte etwas gehört, ihn zu überfallen, sagt er. Leider sei es sein Schicksal gewesen, krank und lahmgeschlagen zu werden. Die kleinen Mädchen bedauern ihn, und die drei sitzen zusammen wie drei Weibsleute.

Da meinen sie plötzlich, jemand kommen zu hören, der Vater beeilt sich, den Tisch abzuleeren, er schiebt im letzten Augenblick zwei ganze süße Brötchen in den Mund und sitzt mit unbeweglichen Kinnladen da. Ach, er ist so ausgestopft und so unsäglich komisch mit seinem ernsten Gesicht und seinem vollen Mund.

Es war ein blinder Lärm, niemand kommt, die Verschworenen sind wie erlöst. Da werden die kleinen Mädchen von einer tollen Freude erfaßt, sie fragen den Vater allerlei, um ihn zum Sprechen zu bringen, sie kitzeln ihn in der Seite, drücken auf seine Wangen, kichern und lachen. Der Vater muß auf einen Stuhl steigen, um fertig kauen zu können; drei Kinder!

Nach einer Weile kommt Frank herein, der Student, erschöpft und blaß von seinem Tagewerk, wie einer, der von Ausschweifungen geschwächt ist. Er bekommt sein Essen und seine Kuchen und schweigt, auch in diesem Augenblick noch beschäftigt er sich mit der mageren Gedächtnisarbeit, von der er herkommt. Es ist etwas Trauriges um den Jungen, in geschenkten Kleidern und mit Händen, die nicht zuzufassen verstehen. Ach, er ist so sprachenkundig, und er ist so unreif!

Oliver, sein Vater, meint wohl, es könne ihm nicht schaden, wenn er ihm einige väterliche Worte gönne: „Dusolltest nicht so übermäßig viel studieren, Frank, du wirst ganz krank davon. Und soviel ich merke und verstehe, so weißt du mehr als sonst irgend jemand in der Stadt, was das betrifft.”

Frank schweigt.

„Erzähl' uns ein wenig von dem, was du heut gelesen und erforscht hast.”

Ach, davon verstehen sie doch nichts; allein Frank läßt das eine und das andere verlauten, damit sie einen Einblick in die Dinge bekommen, nennt Verbalformen, Suffixe, dissimilatorische Ausrufe; er gibt sich weit, weit herunter und erklärt Kasus und Geschlecht. Der Wilde spricht, er hat es im Kopf, es geht ihm zum Munde heraus, Laute, ein mühselig angelerntes Hirngespinst, das ihn Tag und Nacht beschäftigt, eine Vogelsprache, ein fürchterliches Durcheinander. Er behandelt das als etwas Köstliches und Feines; wenn die kleinen Mädchen ein Wort verkehrt wiederholen, verbessert er sie, und der kleine Mann fühlt sich überaus groß darüber, mitten in seiner gelehrten Unwissenheit hat er es zu der eingelernten Sicherheit eines Schuljungen gebracht. Kein Mensch hat ihn denken gelehrt, unter dem Druck seiner Aufgabe hat er nur immer weitergestrebt, davon konnte keine Rede sein, daß er seine Zeit und Kraft vertrödelt hätte, er hat das Leben zur Sprachwissenschaft gemacht und fühlt sich nicht betrogen. So schreitet er weiter durch seine Öde, eine leere, törichte Wanderung, nicht um irgendwo hinzugelangen, sondern nur, um auch einer von denen zu sein, die durch die Öde schreiten. Das ist seine Aufgabe sein ganzes Leben lang.

Er langweilt seine Zuhörer, und der Vater gähnt, geht aber nicht so weit wie die kleinen Mädchen, die vom Tisch aufstehen. Frank merkt, daß sie abtrünnig werden, das beleidigt ihn ein wenig, und er sagt grinsend: „Jawohl, ich soll wohl hier schön sitzen bleiben und euch etwas beibringen!”

Die kleinen Mädchen setzen sich vorsichtig wieder auf die Stühle, und der Vater entschuldigt sie: „Sie lernen es doch nicht, das ist ihnen zu hoch. Aber wir meinen alle, es gehöre dies zu dem Merkwürdigsten, was wir je gehört haben. Und doch hab' ich draußen in der weiten Welt die Neger sprechen hören.”

Aber Frank hat seine gute Laune eingebüßt, er ist abgeschafft und verträgt wenig, deshalb macht er sich jetzt zum Ausgehen fertig, er will jetzt gleich fortgehen.

„Willst du ausgehen?” fragt der Vater.

„Ja.”

„Na, dann danken wir dir für das, was wir diesmal gehört haben. Aber daß die deutschen Wörter ein Geschlecht haben sollen — ich hab' ja viel mehr Deutsche sprechen hören, als die meisten von uns — aber wenn du es sagst —”

„Du, dein Schlips ist elend verdreht!” macht ihn die Blaumeise aufmerksam.

Da Frank auf Genauigkeit aus ist wie ein Heftelmacher, verbessert er diese Sprache, er zerpflückt sie und zeigt, wie schlecht sie ist. Ach, aber es ist eine hoffnungslose Sache, sich Mühe mit ihnen zu geben, die haben nicht mit acht Jahren angefangen, Sprachen zu lernen. Er geht also und vergißt den Schlips.

Jetzt sind die drei wieder allein. Auch ihre gute Laune ist dahin, sie kommen nicht mehr in Zug mit der Lustigkeit, und die Braunäugige ist böse auf Frank. Der Vater entschuldigt ihn. — „Ja, aber er wird doch nicht Pfarrer, wozu braucht er dann so viel zu lernen?” — „Ach schweig! Der Schulvorsteher ist auch nicht Pfarrer und doch ein gelehrter Herr. Was schwatzst du denn da!”

Nun kommt auch Abel heim, und da er bei dem Schmied schon zu Abend gegessen hat, bekommt er jetzt nur zwei kleine Kuchen. Aber Abel ist auf seine Weise auch ein netter Kerl, und nachdem er die Leckereien verzehrt hat, zieht er aus seiner Tasche neue leckere Dinge, die er selbst für die andern mitgebracht hat. Seht, Abel bekommt ja jeden Tag bei dem Schmied seine ordentlichen Mahlzeiten, aber zu Hause ist es sehr ungleich mit den Lebensmitteln, die Schwesterchen sind durchaus nicht jeden Abend satt, wenn sie zu Bett gehen, und der Vater vielleicht auch nicht. Als Abel die zwei kleinen Tüten auf den Tisch legt, ruft er zugleich, daß sie die Süßigkeiten nicht anrühren dürften — er habe sie für sich selbst gekauft, sagt er, sie sollten sich nicht unterstehen, etwas davon zu versuchen, er wolle sich selbst im Bett damit gütlich tun. Darauf fallen die Schwestern und der Vater über dieSüßigkeiten her und verzehren sie. „Ihr Raubtiere!” poltert Abel. — „Hast du noch mehr?” — fragt das Braunchen. „Ich will dir noch mehr geben!” — „Haha!” — Aber plötzlich flüstert der Vater: „Und Frank?” — Und siehe, da stellt sich heraus, daß Abel für Frank zwei Stücke Kuchen besonders in der Tasche behalten hat.

Sie essen und lassen sich's wohl sein. Mutter und Großmutter werden nicht mitgerechnet, die trinken viel Kaffee und lassen sich's auch wohl sein, sie halten oft einen Schmaus auf eigene Faust. Oliver, der Vater, selbst ist es gewesen, der diese heimlichen Feste eingeführt hat, das kam wohl von seinem Drange her, den Kleinen etwas Gutes anzutun; aber mit der Zeit war das ausgeartet, es wurde diesem Manne immer weniger Bedürfnis, offen zu handeln; er fand es am bequemsten, die Kinder im Flur zu treffen und ihnen einen guten Bissen zuzustecken, den sie auf der Stelle hinunterschlucken konnten. O, die Erinnerungen an alle diese herrlichen Durchstechereien, wo ihnen dieser Vater Gutes getan hatte! „Weißt du noch damals, und weißt du noch damals?” sagen sie zueinander. Genau genommen gab es doch keinen wie ihren Vater.

Da sitzen sie.

„Seht doch nur Abels Hände und Handgelenke an!” sagt der Vater. „Genau wie ich sie hatte, als ich noch heil und gesund war.”

„Laß mich sehen, Abel!” sagt das Braunchen und reißt an den Haaren auf seiner Hand. Er schreit und klagt seinem Vater. „Du bist doch der älteste, kannst du ihr das nicht untersagen?”

Der Abend vergeht, in der Stube herrscht Familienleben. Die Welt draußen geht sie nichts an. Sie streben nicht nach etwas Besserem, was sollte das auch sein? Die Blaumeise hat von dem Kuchen wahrhaftig etwas Farbe im Gesicht bekommen. Hier sitzt ein Vater, umgeben von seinen Kindern. Er ist freundlich und fett, und wenn er nicht untersucht wird, ist er harmlos anzuschauen. Was er für Kinder hat! Die kleinen Mädchen sind aufgeweckt, sogar sehr aufgeweckt, verteufelt klug; die sind schlau, die merken viel. Frank ist jetzt schon gelehrt, und Abel schon ein Mann. Nichts könnte besser sein, mit Süßigkeiten noch dazu ist es ein Paradies.

Jetzt muß Abel in die Kammer zur Großmutter, dort hat er seine Schlafstelle. Sein Lager ist eine Schlafbank, die des Nachts zum Bett wird. Das ist wundervoll, Abel ist müde und schläft wie ein Stein. Und jetzt geht er, denn er muß ja morgen beizeiten wieder in der Schmiede sein.

Bald darauf sind auch die kleinen Mädchen zur Ruhe gegangen und Frank in seine Kammer zurückgekehrt; Oliver sitzt allein am Tisch. Er meint, Petra bleibe recht lange aus. Weiß Gott, was sie macht; er gähnt, er zieht seinen Taschenspiegel hervor und betrachtet sich genau. Wenn Petra heimkommt, will er sie fragen, was sie in der langen Zeit ausgerichtet habe, unweigerlich will er diese Frage an sie richten, jawohl, das soll nicht fehlen.

Als Petra endlich kommt, hat sie ihm eine Neuigkeit mitzuteilen. Schon durch ihre ersten Worte wendet sie jede Mißbilligung ab: „Es ist ein fremder Dampfer eingelaufen.”

Der frühere Matrose beißt sofort an und fragt: „Wo?”

„Er hat am Bollwerk angelegt.”

Über diese Neuigkeit vergißt Oliver alles andere; er hinkt hinaus, um selbst nachzusehen. Eine gute Weile blieb er draußen, und als er wieder hereinkam, brüstete er sich mit seinem Wissen. „Der Flagge nach ist es ein Engländer.”

„Ein Engländer!” ruft Petra.

„Er hat dieselbe Art Luken wie die Kornschiffe, also wird er wohl für den Grütze-Olsen bestimmt sein.”

Um ihm entgegenzukommen, heuchelt sie noch weiter übertriebene Teilnahme und ruft: „Zu Grütze-Olsen! Das konntest doch auch nur du herausbringen!”

„Ja,” sagt er. „Ich bin doch wohl nicht umsonst in der Welt draußen gewesen.”

Jetzt ergreift sie die Gelegenheit und wirft ein: „Ich bin wohl sehr lange beim Rechtsanwalt geblieben. Aber ich mußte doch ordentlich mit ihm reden.”

„Allerdings,” sagt Oliver und fragt dann: „Was hat er gesagt?”

„Er hat geknurrt.”

„Der Leuteschinder! Ich sollte nur noch meine volle Kraft und Gesundheit haben! Was habt ihr denn ausgemacht?”

„Er hat ein wenig nachgegeben. Vorerst will er noch zuwarten. Aber mit einem einzigen Mal war er nicht dazu zu bringen,” sagt Petra.

„Nicht?”

„Ich soll in der nächsten Woche wieder hinkommen,” sagt sie.

„Nun, es ist jedenfalls ein Aufschub,” sagt Oliver. „Ich will doch hoffen, daß du die Sache in Ordnung bringst. Daß du ihm auf alles ordentlich dienst, was er zu dir sagt, das Untier.”

Dann geht er wieder zum Haus hinaus. Dieser Engländer beschäftigt ihn vollständig, sein Seemannsherz sehnt sich hinunter ans Bollwerk zu dem fremden Dampfer, er will ihn in der Nähe sehen, will ihn riechen, ein Seeschiff vom Ausland, englische Sprache, halbnackte Heizer, der Schiffer hoch oben auf der Kommandobrücke. Am Bollwerk trifft er viele neugierige Stadtkinder, er trifft den Fischer Jörgen und den unvermeidlichen Olaus vom Wiesenrain mit der Pfeife im Mund.

„Schön, daß du kommst!” sagt Olaus. „Du kannst mir dazu verhelfen, daß ich Tabak in meine Pfeife bekomme. Sie verstehen nicht, was ich ihnen zurufe.”

Oliver hat nichts dagegen, den Mann zu spielen, der Englisch kann, und als jetzt ein Gangbrett ausgelegt wird, geht er an Bord. Aber Olaus ist so unbedingt der alte Olaus, er spottet über den Tabak, den sie bekommen, es sei ja nicht mehr, als was auf einen Fingernagel gehe, und besseren habe er auch schon kennen gelernt. „Pfui Teufel! Ist denn niemand da, der einen guten, starken Tabak hat? Wo ist der Steuermann?”

Da ist es gerade, als ob der englische Matrose die norwegischen Worte verstünde; aber er liest den Sinn doch wohl nur von Olaus unzufriedenem Gesicht ab, er steckt kurz und gut seine Pfeife ein und geht fort. Oliver sieht ihm nach, und eine unbestimmte Erinnerung fährt ihm durch den Sinn. Diesen fremden Seemann hat er früher schon einmal getroffen, oder jedenfalls einen, der ihm ähnlich sieht. Er konnte ihn in einer Hafenstadt, auf der Straße, irgendwo oder in einem Heuerkontor gesehen haben; aber wo? Die Welt ist so groß und weit, und Oliver ist überall gewesen.

Er trifft einen andern von der Mannschaft und spricht sein beinahe vergessenes Englisch mit ihm, erfährt, wo das Schiff herkommt und für wen in der Stadt es bestimmt ist, alles ist ihm wichtig und versetzt ihn in sein früheres Leben auf der See zurück. Er erfährt, wieviel das Schiff laden kann, wieviel Mann Besatzung es hat, wie alt der Kapitän ist und wie lange sie von der Ostsee bis hierher gebraucht haben. Dafür berichtet Oliver, was er selbst ist, ein alter Seemann, er fing schon an, als er erst eine Spanne lang war, war aber Vollmatrose gewesen, als das Unglück ihn traf, als die Trantonne kam und ihm die Knochen zerschmetterte. Na, das sei schon eine Weile her, und vor einigen Jahren habe er, er so gut wie ganz allein, ein großes Wrack geborgen, das sei zum Exempel nicht so wenig für einen Krüppel, er sei darum auch in die Zeitung gekommen. Seit vielen Jahren sei er jetzt Aufseher in Konsul Johnsens Lagerhaus dort drüben, er sei verheiratet und habe mit seiner Frau vier Kinder gehabt, einer von den Jungen sei Student.


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