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Olaus vom Wiesenrain wird dieses Geschwätz in einer ihm unverständlichen Sprache langweilig, er geht an Land. Der Engländer ist geduldiger, und es zeigt sich zum Schluß, daß er der Steuermann ist, der zweite Steuermann, er ist nicht fein und geleckt, sondern im Gegenteil ein Kernmensch, er zeigt sogar ein wenig Teilnahme für das winzige Städtchen, in dem er jetzt eine Weile liegen muß, um zu löschen. Oliver bekommt den besten Eindruck von ihm.

Als er wieder an Land geht, ist er vollgestopft mit Wissen und kann seine Bekannten um sich versammeln und Bericht erstatten. Der Fischer Jörgen ist ein getreuer Zuhörer, alt und steif steht er da und hört zu, sagt wenig, hängt am Munde des Erzählers und geht nicht seines Weges, er ist kein Läufer, nein. Es liegt ein Zug von Gehorsam über dem alten, verbrauchten Fischer, seine Frau hat ihn wohl im Lauf des halben Jahrhunderts gebeugt. Ach, und er ist zu solid, um zu den Schwätzern zu gehören. Seht, Mutter Lydia war heftig und tüchtig noch heutigen Tages, der Stadt beste Wäscherin, noch heutigen Tages ein Reibeisen, aber sie hatte den Mann nicht dazu gebracht, sich aufzurappeln, er war schwerfällig und treuherzig, er beugte sich. Gott weiß, vielleicht hatteer zu viele Haustöchter um sich her, die alle Stühle im Hause besetzten. Der Sohn Eduard war auf See.

Obgleich das fremde Schiff nur ein gewöhnliches Frachtschiff war, spielt sich Oliver doch auf, wie wenn er der Eigentümer wäre: er sei überall herumgegangen und habe alles angesehen, der Salon sei Mahagoni mit Vergoldung —

„Du bist nicht im Salon gewesen,” unterbricht ihn Olaus.

„So, ich soll nicht im Salon gewesen sein?”

Olaus schreit auf: „Willst du uns vielleicht weismachen, du seist im Salon gewesen? Der Schiffer ist ja am Land.”

Oliver gibt nach: „Ich bin aber am Salon vorbeigegangen und hab' alles gesehen. Ich begreife nicht, daß du nie das Maul halten kannst.” Er wendet sich den andern zu und fährt fort: „Der Kapitän muß reich sein.”

„Hat er das selbst gesagt?” fragt Olaus.

Jetzt tut sich Oliver wieder dick, spielt sich als den Lagerhausvorsteher auf und ist sich zu gut dazu, mit jemand, der so tief unter ihm steht, zu streiten. Der Krüppel hat seinen Stolz.

Aber Olaus hat auch den seinen. Auch er bleibt auf seinem Platz. Hat ihn schon jemand je weichen sehen? Als Oliver und die andern das Bollwerk verlassen, bleibt Olaus allein zurück, aus keinem andern Grund auf der Welt, als nur, um nicht der zu sein, der geht. Ein steifnackiger und verdrehter Mensch, ohne Bosheit, aber er hat ein zu ungewaschenes Maul. Er war ein unverbesserlicher Trunkenbold, übernahm sich aber nicht und bettelte niemals um etwas anderes als um Tabak. Unhöflich war er, und er grüßte die Honoratioren des Städtchens nicht. Seine Bombengesundheit erlaubte ihm, zu schlafen, wo er wollte, im Freien oder unter Dach.

Kein Schiffer, kein Doktor, kein Konsul, keiner von den gewöhnlichen Leuten des Städtchens war er, aber ein Hafenarbeiter mit einer Tabakspfeife, ein Wrack mit noch wertvollem Eisen darin, jawohl, der Ärmste war doch noch ein Stück von einem Mann!

Auch er hätte wohl den einen und den andern Grund zum Jammern gehabt, auch er war ein Krüppel, von einem Unglück getroffen, verschimpfiert im Gesicht, ein Mann mit nur einer Hand, aber gottlob doch noch miteinerHand; er vergoß indes keine Tränen, er setzte sich auf die Hinterbeine, hoho, er verdünnte seine Sorgen mit Branntwein und ertrug sie. Ein Sonderling auf seine Art: es fiel ihm nicht im Schlaf ein, geradezu zu stehlen, man konnte ihm die Waren am Landungsplatz anvertrauen, aber er ließ sich seine Arbeit tüchtig bezahlen, und wenn sich die Gelegenheit bot, dann hieb er die Leute übers Ohr. Seine Frechheit war im Grunde klar und offenkundig, er schlich sich nicht weg und versteckte sich, sondern trat auf als der, der er war, grob und unverantwortlich, von vollkommener Sicherheit. Alles in allem ein Mensch mit guten und schlechten Eigenschaften durcheinander. Machte er kleine Reisen in die Nachbarstädtchen, nur um sich zu raufen? Keine Rede, Olaus machte diese Ausflüge, um sich einmal ordentlich zu betrinken, das stärkte ihm wieder den Mut. Daß ihm die eine Hand fehlte, war ihm weiter nicht lästig, er konnte nicht damit zufassen, aber er konnte mit seiner einen Hand heben und tragen. Wer einhändig ist, hat immer noch das Glück, nicht ganz ohne Hände zu sein. Dieses Glück hatte er. Olaus verzweifelte nicht, er hatte doch noch eine Hand. Er sah gehörig herunter auf den fetten Oliver, der übers Bollwerk hinkte und nicht einmal zwei Beine hatte, der arme Tropf!

Die beiden Krüppel verachteten einander gegenseitig, und ganz zweifellos war Olaus der Überlegenere. Oliver wußte das und wußte sich vor Neid nicht zu lassen; das zeigte sich in einem zudringlichen Mitleid mit seinem Unglücksbruder; er bedauerte ihn, weil ihn das Unglück zu einem Trinker gemacht hatte, der in seiner Raserei sein Weib prügelte. — „Ich prügle sie nicht!” rief Olaus. „Das geschah nur, als sie anfing, es mit andern zu halten. Paß du auf deine eigene Frau auf!”

Da wurde Oliver so teilnehmend, daß es ganz herzbewegend war, und er sagte: „Du tust einem herzlich leid, wenn man dir ins Gesicht sieht, aber noch schlimmer ist es mit deinen Händen. Du kannst dir ja gar nicht in allem selbst helfen, nicht einmal eine Nadel kannst du einfädeln. Ja, du tust mir herzlich leid!”

Naja, Olaus konnte wirklich keine Nadel einfädeln, das war eines von den Dingen, die er nicht tun konnte. Und er war auch nicht glatt und bartlos und weibisch im Gesicht,im Gegenteil, sein Gesicht war knochig und scharf, Bart und Gesichtsfarbe waren dunkel, die Pulverkörner, die in seine Wangen eingesprengt waren, saßen für immer drin und wurden nicht heller. Olivers Gesicht war glatt und rund, wie das Hinterteilchen eines Kindes, mit hängenden Wangen und feuchtem Munde. Das Gesicht war wenig anziehend bei Olaus, bei Oliver hatte es etwas Abstoßendes. Aber dieser hatte dennoch das große Übergewicht, hatte den verschlageneren Kopf, einen hurtigeren Gedankengang. Geht er nicht jetzt eben in der Dämmerung nach Hause und hat einen guten Gedanken? Hier war vielleicht die Gelegenheit, seine Eiderdaunen loszuwerden, sie in aller Stille aus der Stadt und aus dem Lande zu schaffen.

Seht, er hatte nun einmal diese Eiderdaunen auf seinem Bodenraum, ein gebundenes Kapital, es konnte niemand schaden, wenn er es freimachte, im Gegenteil, das war ein Gewinn für eine ganze Familie, Olivers Familie, die mit Hinauswerfung bedroht war. Als Schuld und Verfehlung löste sich die ganze Geschichte in nichts auf, da verteilte sie sich auf Hunderte von kleinen Mausereien von einem Klümpchen Eiderdaunen im Verlauf eines Menschenalters. Ob wohl die Honoratioren der Stadt im gleichen Zeitraum eine reinlichere Rechnung aufzuweisen hatten? Und kurzum: die Diebereien waren einmal geschehen, und daß er das gestohlene Gut verkaufte und vor Motten und Rost schützte, konnte seine Schuld doch nicht vermehren! Konnten denn nicht die Eiderdaunen darunter leiden, wenn sie zu lange in einem Bodenraum liegen blieben?

Andere Leute waren kein Haar besser als er, entweder sie hatten keine Gelegenheit, einen Streich auszuführen, oder sie hatten es nicht nötig. Sie hätten wohl auch manches Mal Lust dazu gehabt, es war ihnen sehr unangenehm, es bleiben lassen zu müssen, aber sie trugen die Kette am Bein, waren die Gefangenen ihrer eigenen Ehrbarkeit und ärgerten sich darüber, daß sie sich keinen Verstoß erlauben konnten. So war es. Was konnte man dann von einem Mann wie Oliver erwarten, einem Krüppel und armen Kerl mit einer großen Familie? Hätte nicht auch er vornehm und redlich in seinem Wandel sein können, wenn es ihm seine Mittel erlaubt hätten? Aberwann hätte er Geld gehabt? Er lebte sein Leben wie ein Pilz im Dunkeln, als Aufseher eines Lagerhauses mit Versuchungen in jeder Ecke, im Winter in einer Kälte, daß er Frostbeulen an die Hände bekam, im Sommer in einem Leber- und Trangeruch, der ihm den Atem nahm, ein durchdringender Geruch, vor dem er zurückprallte, wenn er morgens die Lagerhaustür aufmachte. Was Wunder, daß er dabei nicht völlig unschuldig und seine Seele nicht weich wie Samt blieb. Vieles, was er tat, wurde von einem Schatten verdunkelt, das Dunkel und er schienen in einer Art von Einverständnis miteinander zu stehen — jawohl, das Merkwürdige war, daß er den Doppelkonsul nicht ermordete und ihm sein Lagerhaus stahl.

Aber er hatte zu guten Verstand, um so etwas zu tun, er machte keine Dummheiten, die ans Licht kamen. Seine Art, zu wägen und zu messen, war nicht übersichtlich und wechselte je nach den Kunden, seine sonntäglichen Ausfahrten mit dem Boot waren immer gleich geheimnisvoll; er kam nachts nach Hause und hatte dies oder das bei sich, unter anderem trug er diese Eiderdaunen in der Achselhöhle versteckt. Im Lauf der Jahre war es eine prächtige Menge Eiderdaunen geworden, sie hatten Platz in einem Sack, wenn er sie aber herausschüttelte, würden sie eine ganze Kammer füllen. Der englische Dampfer konnte der Markt dafür sein.

Oliver übereilt sich nicht, seine Klugheit rät ihm Vorsicht an. Er fragt seinen gelehrten Sohn Frank nur zum Spaß und wie um ihn zu prüfen, was Eiderdaunen auf englisch heißt, und Frank blättert ein wenig in einem Wörterbuch und findet es, das war für ihn die Sache eines Augenblicks. Am Abend, wenn er mit seinem Packhaus fertig ist, geht Oliver häufig hinunter ans Bollwerk, läßt sich dort sehen, spricht mit den Engländern, wandert hin und her. Allmählich läßt er durchsickern, daß er etwas Eiderdaunen habe —eider down— ob sie sie brauchen könnten? — Ja, das denke er schon, sagt der Steuermann, der zweite Steuermann. „So, Sie habeneider down, wieviel denn?” — „Nur ein wenig, zu einem Bett oder so.” — „Also nicht noch zu einem zweiten Bett?” fragt der Matrose, der daneben steht. — Doch, das könne gut sein; Oliver sagt, er habe seit mehreren Jahren kleine Posten gekauft, es reiche sicherlich zu zwei Betten oder so. —

Sie besprechen sich darüber. Oliver ist nicht gerade berechtigt, mit Eiderdaunen zu handeln, er hat kein offenes Geschäft, aber in der Nacht kann er eine Probe bringen. Und es wird so verabredet.

Die Probe ist fein und tadellos, ist überirdisch, ein Flöckchen löst sich und schwebt zu den Sternen empor, in Eiderdaunen zu liegen, das ist wie aufzusteigen, wie in der Luft zu schweben. Eine neue Abrede wird getroffen über Preis und Lieferzeit, die Herren feilschen nicht. Sie rechnen nach Pfund, aber Oliver kann keine englischen Pfund annehmen, dieses Geld wäre zu verdächtig in seiner Hand.All right, sie überlegen unter sich, er soll norwegisches Geld bekommen, wenn nicht vorher, dann im letzten Augenblick, er könne ganz sicher sein! Oliver hat das flotte Seemannsherz, er kann die Herren gut leiden und traut ihnen, er will immer ein wenig auf einmal bringen, und den Handel dann zuletzt abschließen. „Ich hab' keine Angst um die Bezahlung, Gentlemen!”

Sie nehmen ihn in Ecken und Winkel, um ihn für sich allein zu haben, stecken ihm alles mögliche Eßbare zu und sind wie Brüder gegen ihn. Das ist doch etwas anderes, als die Mannschaft auf derFia, die den Krüppel kaum betrachtet hatte. Ach, niemand ist wie die Engländer, Oliver wird in den Arm genommen, sie schwatzen mit ihm und fragen ihn aus, und er kann wohl mit einem und dem andern norwegischen Wort antworten, wenn er mit seinem Englisch einmal stecken bleibt, sie nehmen es nicht so genau, sie könnenmake it out. Nun haben sie bald alle Leute in der Stadt gesehen, aber den Postmeister haben sie noch nicht gesehen, sitzt denn der Mann Tag und Nacht in seinem Kontor und hütet seine Geldbriefe? Der Steuermann und der Matrose interessieren sich sogar für so gleichgültige Dinge, wie zum Beispiel, daß der Postmeister seine Familienwohnung im Posthause hat. Sie reden auch über Olivers persönliche Verhältnisse: So, er habe also einen Sohn, der Student sei? Das sei ja prächtig. Sie wissen auch, daß er eine schöne Frau habe, sehr gut gewachsen, sie haben sie am Bollwerk gesehen warum er sie denn nicht mit hierherbringe? Sie würden sie nicht fressen.

Sie bieten ihm zu trinken an, daraus macht sich Oliverjedoch nichts; aber sie haben gemerkt, daß er Wert aufs Essen legt, und luchsen dem Stewart den einen und den andern Leckerbissen für ihn ab, den er dann abseits verzehrt. Was sind das für Gentlemen!

Endlich hat das Schiff gelöscht, und Oliver bringt den letzten Rest der Eiderdaunen. An diesem Abend trifft er nur den Matrosen. Es stürmt und regnet, der Kapitän und der Steuermann sind zum Abschied bei Konsul Olsen eingeladen, der zweite Steuermann hatte Zahnweh und ließ sich entschuldigen, er wollte sich trotz des Wetters auf dem Gemeindeweg warmlaufen; die Mannschaft war an Land.

Alles ist in Ordnung, noch diesen Abend soll Oliver das Geld bekommen, norwegisches Geld, der zweite Steuermann ist eigentlich hauptsächlich darum fort, um das zu holen.

Da die beiden also allein auf dem Schiffe sind, brauchen sie sich nicht in Ecken und Winkeln herumzudrücken; der Matrose lädt seinen Gast zu Beefsteak und gebratenen Kartoffeln im Mannschaftslogis ein. Das wird eine denkwürdige Mahlzeit, Oliver bläht sich vor Sattheit und Wohlbehagen. Plötzlich fällt sein Blick auf eine Schiffskiste, die an der Wand steht, und es durchfährt ihn wie eine Erinnerung. Er sieht den Matrosen an, und ist im Begriff, Adolf zu rufen.

„Wie heißt du?” fragt er.

„Xander,” erwidert der Matrose.

Schweigen.

„Merkwürdig, wie diese Kiste der meinigen gleich sieht,” sagt Oliver.

Gleichgültig erwidert der Matrose: „So? Es ist nicht meine; sie gehört einem von den andern.”

„Dir gehört sie also nicht?”

„Nein. Wenn du mit Essen fertig bist, dann bring' ich den Teller wieder hinaus. Komm, wir gehen hinauf!”

„Genau wie meine eigene Schiffskiste. Dieselbe Art Henkel, grün, wir hatten Tabak darauf geschnitten, da sieht man noch die Spuren davon —”

„So.”

„Wie hast du gesagt, daß du heißt?”

„Xander. Komm, wir wollen hinaufgehen. Die andern können jetzt bald wieder an Bord sein.”

Sie gehen hinauf. Es stürmt und regnet, es dämmert stark, und überall ist es höchst unbehaglich. Sie stehen an der Reling und schauen ins Weite, sprechen vom Wetter und schütteln den Kopf. Alles ist klar an Bord, der Lotse ist im Hotel einquartiert und wartet auf die Abfahrt; aber man muß gewiß noch die Nacht über an Land liegen.

Dort, wo auf dem Bollwerk einige Kisten stehen, rührt sich etwas, ein Presenning hebt sich, ein Kopf kommt darunter hervor und horcht. Es ist Olaus vom Wiesenrain, der sich hier für die Nacht zur Ruhe gelegt hat.

Oliver ist vielleicht von dem so sehr kräftigen Essen wie ein wenig berauscht, er fragt plötzlich: „Wo hast du sie denn her?”

Der Matrose versteht nicht.

„Die Kiste. Ich hab' sie an einen Jungen, der Adolf hieß, verkauft.”

„Die Kiste gehört nicht mir, so hör doch!”

„Nein, entschuldige, sie gehört dir nicht, aber —”

Der Matrose sagt: „Wenn du jetzt heimgehst, so komm morgen beizeiten wieder her. Heut nacht fahren wir nicht ab.”

Es war jetzt ungefähr elf Uhr.

Oliver begibt sich halb betäubt nach Hause. Konnte er so wenig vertragen, daß ein gutes Essen und eine alte Schiffskiste seine Gedanken in Verwirrung brachten? Hatte denn er, Oliver, dann einen verschlageneren Kopf und bessere Überlegung, als der Mann dort unter der Presenning?

Er trifft einige von der Mannschaft des Engländers, die jetzt wieder an Bord gehen, sie kommen vom Gasthaus und sind recht fidel, Oliver kennt die Sache von früher her.

Vor Grütze-Olsens Haus sieht er Leute stehen mit Regenschirmen und Laternen, es sind die Herren, die bei der Abendgesellschaft gewesen sind und die jetzt Abschied voneinander nehmen und heimgehen. Der Doppelkonsul ist nicht dabei, auch nicht Konsul Heiberg, der auch etwas großartig tut und nicht mit Grütze-Olsen verkehrt. Oliver sieht den Rechtsanwalt Fredriksen und vernimmt auch dessen Donnerstimme, er erkennt die beiden Engländer, den Kapitän und den Steuermann, er erkennt Konsul Davidsen, den Postmeister, den Stadtingenieur, den Zollverwalter. Dies war die Gesellschaft. Es fällt ihm ein, er könnte sich sein Geld für die Daunen noch etwas mehr sichern, wenn er Genaueres über den Abgang des Schiffes erführe, darum will er hinter den beiden Seemännern hergehen. Olivers Überlegung ist zurückgekehrt.

„Gut Nacht, gut Nacht!”

Der Postmeister hat keinen Regenschirm zum Verleihen, aber er fragt ins allgemeine: „Darf ich nicht jemand meine Laterne anbieten? Ich hab' nicht weit nach Hause. Ihnen, Herr Kapitän?”

„Nein, vielen Dank, Sie sind sehr freundlich.”

Der Postmeister teilt den Regenschirm mit Herrn Davidsen,der denselben Weg hat, und hält seine Laterne so, daß er selbst das wenigste Licht davon genießt; sie reden nicht viel bei dem starken Wind und über lauter gleichgültige Dinge. Davidsen, der Kleinkaufmann und Konsul ist, hat nun heut abend doch etwas gemerkt, und als sie vor seiner Tür stehen, fragt er geheimnisvoll: „Haben Sie gesehen, wie hingenommen der Rechtsanwalt in der Gesellschaft gewesen ist?”

„Hingenommen?”

„Von der Dame, von der Tochter, wie heißt sie gleich, Olsens Tochter, die älteste?”

Nein, der Postmeister hatte es nicht bemerkt.

„Das hat vielleicht etwas zu bedeuten,” meint Davidsen.

„Das ist wohl möglich, Konsul Olsen hat schöne Kinder, schöne Mädchen; die den Maler geheiratet hat und die noch zu haben ist, sind beide liebenswürdige Damen. Ich sinniere über das nach, was Sie gesagt haben, was sollte das wohl bedeuten? Sie ist so jung und hübsch, der Rechtsanwalt ist ja mindestens doppelt so alt.”

„Man hat schon mehr so Verrücktes erlebt.”

„Ach ja, wir arbeiten und mühen uns, freien und kämpfen und quälen uns ab und richten uns darauf ein, spät zu sterben. Entschuldigen Sie, Sie wollten etwas sagen?”

Der Kleinkaufmann und Konsul Davidsen hatte vielleicht gar nichts sagen wollen, aber er hatte vielleicht eine Bewegung gemacht, war wie ein wenig zusammengefahren, er hatte gewiß Angst, der Postmeister könnte wieder mit einer seiner langweiligen Auseinandersetzungen anfangen, und antwortete darum: „Ich wollte nur sagen, daß Sie meinen Regenschirm gerne mit nach Hause nehmen dürften.”

Der Postmeister lehnte ab, nein, danke, es seien ja nur noch wenige Schritte, er habe zu Hause einen Schirm. Doch was er habe sagen wollen: ach ja, zum Unterschied von dem Hasen im Wald und der Möwe auf der See —

„Der Rechtsanwalt denkt ja nur an die Mitgift,” fährt Davidsen fort.

Und der Postmeister seinerseits fährt auch fort: „Ach, was sind wir Menschen doch in endloser Unruhe, Tag und Nacht! Wir kommen nie zur Ruhe. Es gilt nicht, genug zu bekommen, man will mehr als genug bekommen.Unsere Seele steigt in die Höhe und fällt wieder herunter, kriecht auf allen vieren, versucht andere Aufstiege und fällt wieder zurück. Und eines Tages sterben wir. Der englische Kapitän will heut nacht die Anker lichten, das Wetter ist nicht dazu angetan, aber er will trotzdem die Anker lichten. In einer Stadt, zwölf Meilen von hier, soll er eine Ladung einnehmen, er will bereit sein, von morgen früh um sieben Uhr an Holz zu laden. Dann fährt er über die Nordsee und versucht einen neuen Aufstieg. Wenn er schon heut nacht abfährt, gewinnt er einen Tag. Aber gewinnt er einen Tag für sein Leben? O nein, er schindet sich ab, aber er gewinnt einen Tag Verdienst. Die Tiere und die Vögel schlafen bei Nacht.”

„Wollen Sie nicht meinen Schirm nehmen?”

„Nein, ich danke, es regnet ja kaum mehr. Ja, nun will ich Sie nicht länger aufhalten. Der englische Kapitän sprach von Gott —”

„Ja, er sei fromm, hab' ich gehört. Aber jetzt müssen wir zu Bett, Herr Postmeister.”

„Fromm, ja. Ich verstand vielleicht nicht alles, der Engländer hat seine eigene Religion hier auf der Welt und rechtfertigt sie auf ganz englische Weise. Er unterjocht Volk um Volk, nimmt ihnen die Selbständigkeit, kastriert sie und macht sie dick und still. Dann sagt der Engländer eines Tages: ‚Laßt uns nun der heiligen Schrift gemäß gerecht sein!’ Und dann gewährt er den Kastraten etwas, das er Selbstverwaltung nennt.”

„Es ist genau so, wie Sie sagen, Herr Postmeister. Gute Nacht!”

„Gute Nacht! So, Sie wollen zu Bett? Da war übrigens noch eine andere Sache. Ich frage mich, ob nicht vielleicht die Engländer ihren eigenen Gott haben, einen englischen Gott, wie sie auch ihr eigenes Gepräge haben. Könnten Sie sich sonst erklären, daß sie unablässig auf der ganzen Welt Eroberungskriege führen, und nachher, wenn sie gesiegt haben, meinen, sie hätten eine gute und hochherzige Tat vollbracht? Sie verlangen von allen Menschen, daß sie es so auffassen, sie danken ihrem englischen Gott dafür, daß die Untat gelungen ist, sie werden fromm davon. Und nun erlebt man den merkwürdigen Zug an den Engländern, daß sie voraussetzen, auch andere Völker werdensich dessen freuen, was sie getan haben: ‚Nunmüssen doch die Menschen gut werden,’ sagen sie, ‚laßt nun die Gerechtigkeit walten, werdet fromm!’ Andern Völkern kommt es merkwürdig vor, daß die Engländer nicht ihre Augen niederschlagen; sie müssen unbedingt ihren eigenen Gott haben, der mit ihnen zufrieden ist und ihnen Rechtfertigung erteilt. Sie schreiben in die Zeitungen, jetzt sei der Augenblick gekommen, jetzt müßte die Menschheit anders werden, sie machen es zu ihrem Programm: ‚Kommt jetzt, wir wollen uns hinsetzen und fromm werden,’ sagen sie, ‚was haben wir denn sonst zu tun? O, wie ganz anders müssen die Menschen nun werden, alle müssen anders werden als zuvor, andere Bilder müßten an die Wände, andere Bücher auf die Bücherbretter, andere Prediger in die Kirchen, wir müssen ein anderes Volksgewissen bekommen. Und ein anderes Zusammenleben unter den Menschen, andere Einrichtungen in den Häusern, eine andere Wissenschaft, eine andere Menschenliebe, eine andere Gottesfurcht — kurz gesagt, jetzt soll es ein anderes Paar Stiefel werden!’ Warum? Weil die Engländer selbst anders geworden sind? Die Engländer werden niemals anders. Weil die Menschheit sich plötzlich gegen früher verändert hat? Die Menschheit wird nur ungeheuer langsam und nach vielen, vielen Erdenleben anders, als sie gewesen ist” —

Der Postmeister schaut auf, es ist niemand bei ihm, Davidsen ist fort. Wahrscheinlich ist Davidsen so lange stehen geblieben, als er vermochte, und hat sich dann gerettet. Es ist nicht das erstemal, daß jemand diesem Prediger aus der Kirche gelaufen ist, seine Gemeinde läßt ihn oftmals im Stich. Eine Gemeinde zieht die Verkündigung vor, die sie erwartet; der Postmeister verkündigt das Unerwartete, er ist einer gegen die ganze Gemeinde. Gesenkten Hauptes geht der Postmeister nach Hause, die Hintertür steht offen wie gewöhnlich, und er tritt in den Gang. An der andern Wand bewegt sich etwas, er hebt die Laterne und sieht einen Mann.

Einen Mann. Einen Fremden in den dreißiger Jahren, einen Unbekannten mit dünnem dunkelm Vollbart, er hat einen Gummimantel an, der mit einem Lederriemen um den Leib zusammengehalten ist.

Einige Sekunden starren sie einander an, ihr Zusammentreffen überrascht wohl beide; dann greift der Mann zu dem Ausweg, nach einem Regenschirm zu schauen, der an der Wand hängt, sieht dann den Postmeister an und dann wieder den Regenschirm. Er macht einen ganz jämmerlich verwirrten Eindruck. Dieser Regenschirm — es ist gerade, als ob er sich nicht erinnern könne, wann er ihn hier aufgehängt habe.

Bekommt er denn nicht ein wenig Hilfe von dem Postmeister? Wieso denn? — Von dem Postmeister, der sich selbst nicht mehr helfen kann; er ist mit dem Rücken an die Wand gesunken und steht da und hält die Laterne in die Höhe.

Jetzt nimmt der Fremde den Regenschirm herab und fängt in einer Art von Verzweiflung eine Erklärung an, die sonderbar lautete, unheimlich lautete; war der Mensch rasend oder betrunken? Er spricht englisch, die Worte sind da, aber der Mann ist verrückt, er versucht, ob sich der Regenschirm aufspannen läßt und spricht mit ihm: „Zahnarzt!” sagt er. „Das mein' ich. Wie sagt man denn weiter? Haben Sie verstanden?”

Der Postmeister ist starr und blaß wie eine Leiche. Gleich zu Anfang war ein frohes Leuchten über sein Gesicht geglitten; es war, als ob er den Mann kennte und mit ihm sprechen wollte, dann hielt er inne und überlegte, er mußte wohl seinen Irrtum eingesehen haben und wurde wieder ganz starr.

Versteht er denn die Sprache nicht? Doch, gewiß, er hat an diesem Abend schon mit dem englischen Kapitän und mit dem Steuermann in deren Sprache geradebrecht. Hat er nichts zu sagen? Vielleicht hat er zu viel zu sagen! Als der Fremde der Tür zugleitet, flüstert der Postmeister: „Wart ein wenig!”

„Der Zahnarzt!” sagt der Mann. „Begreifen Sie nicht? Ich bin verrückt vor Zahnweh. Wohnt er nicht hier? Ich sah ein Schild —”

Der Postmeister flüstert: „Ich hatte einen Sohn —”

„Der bin ich nicht,” antwortet der Mann und will weiter.

„Wo sind Sie her?”

„Weg da!” befiehlt der Mann.

Der Postmeister sagt mit niedergeschlagenen Augen: „Haben Sie einen Regenschirm gehabt, als Sie herkamen?”

Der Mann scheint zu überlegen: „Hab' ich keinen gehabt? Dann —”

Aber plötzlich denkt nun wohl der Postmeister an die Tür zum innern Kontor, wo die Wertbriefe sind, das Wichtigste von allem; die Tür ist nicht mehr verschlossen, sie steht ein Spältchen auf. Der Postmeister eilt hinein, und gleich darauf ist ein Stöhnen zu hören.

Nachdem der Fremde in den Hof hinausgetreten war, blieb er plötzlich stehen, wartete einen Augenblick und kehrte dann zurück. Er trat wieder in den Gang und hängte den Regenschirm an seinen Platz. Durch die offene Tür sah er den Postmeister drinnen. Er lag zurückgelehnt in seinem Sessel. Die brennende Laterne stand neben ihm.

Da geht der Fremde wieder auf die Straße hinaus und fängt an zu laufen. Es stürmt und regnet. Oliver ist vom Bollwerk heraufgekommen und sieht diesen Mann an sich vorbeijagen. „Das ist ja der zweite Steuermann,” denkt er. „Der muß ja entsetzliches Zahnweh haben.” „Hallo!” ruft er und will ihn an sein Geld erinnern. Aber der Mann läuft nur immer weiter.

Was — das wird Oliver doch verdächtig. Was hatte der zweite Steuermann jetzt an Land zu schaffen? Zur Flutzeit heut nacht würde sich wahrscheinlich der Wind drehen und der Sturm sich legen, dann würde sein Schiff abfahren, wußte er das noch nicht? Oliver ruft ihm noch einmal nach, aber vergebens. Da läuft er wahrhaftig dem zweiten Steuermann auf der Landstraße nach, und es ist unglaublich, was für Sprünge er macht mit Hilfe seiner Krücke. Wenn es gilt, kann Oliver mehr als Schritt halten. Und jetzt gilt es sein Geld.

Er holt den Läufer ein und sieht, wie er stehen bleibt und eine Art von Signal gibt — es ist gerade da, wo das freie Feld aufhört und der Weg in den Wald hineinführt, in den dichten Wald hinein, und gerade daher ist ein Signal zu hören. Oliver hört auch eine Antwort darauf. „Für Schürzenjägerei ist jetzt nicht das richtige Wetter,” denkt Oliver; „es muß etwas anderes vorgehen, was kann es sein?” Er hüpft weiter bis zu den ersten Bäumen und versteckt sich dort.

Da sieht er ein paar Gestalten zu dem zweiten Steuermann auf den Weg heraustreten, nun bleiben sie stehen und stecken mit dem Steuermann die Köpfe zusammen. Das ist sehr geheimnisvoll, sehr merkwürdig. Da der Wind zu ihm hersteht, konnte er wohl den Ton ihres Gespräches hören, aber er versteht nichts, sie reden also nichts oder sie flüstern. Die dort sind wie Gespenster, sie bewegen sich, sehen einander vielleicht an, handeln und wandeln, aber sie schweigen. Oliver findet das Ganze recht unheimlich, er wäre gerne fortgegangen, wenn ihn nicht die Sorge um sein Geld festgehalten hätte.

Die Zeit vergeht, Mitternacht ist vorbei, die Flut ist da, der Wind schlägt um, und plötzlich macht sich Unruhe und Eile in dem Trüppchen dort bemerkbar, die Gespenster kommen auf Oliver zu, und er hört, daß sie dennoch sprechen. Zwei sind es außer dem zweiten Steuermann, ein Frauenzimmer und eine langbärtige Mannsperson. Als sie dicht bei ihm sind, macht Oliver einen Satz auf den Weg heraus. Aus der Gruppe schallt ihm ein Aufschrei entgegen. Der zweite Steuermann scheint weitereilen zu wollen, aber Oliver spricht ihn an und verlangt sein Geld.

„Komm an Bord!” antwortet ihm der zweite Steuermann, besinnt sich aber im nächsten Augenblick, greift ungeduldig in seinenwaterproofund zieht Geld heraus, Scheine, viele Banknoten. Weil es finster ist, streicht der Langbart ein Streichholz an und leuchtet ihm.

Da ertönen von der See her drei kurze Stöße in einer Sirene, das ist der Engländer, der seiner Mannschaft pfeift. Der zweite Steuermann fängt an zu laufen.

Merkwürdig, in diesem Augenblick ist Oliver weniger von seinen Geldscheinen hingenommen als von seiner Gesellschaft. Natürlich verliert er nicht den Kopf, er steckt das Geld in die Tasche und verwahrt es wohl, aber dann ist er aufs äußerste erstaunt über die Frau, die hier mit dabei ist. „Gehst du aus an solch einem Abend?” fragt er sie und nennt ihren Namen.

„Ja,” erwidert sie verwirrt.

Ach, sie hatte wohl in der Finsternis sicher zu sein gemeint, allein ein Streichholz hatte sie verraten; jetzt schwankt sie wie völlig ratlos und antwortet dieses Ja gezwungenermaßen.

Was folgt weiter? Oliver ist Oliver. Sein Kopf fängt an zu arbeiten, die Stunde ist gerade die richtige für einen Mann wie ihn: die finstere Nacht, das Geheimnis dieses vielen Geldes in einemwaterproof, diese geheime Zusammenkunft an einem abgelegenen Orte, endlich das Frauenzimmer — ja, sie war's, Schmied Carlsens Tochter, die Witfrau, die ihrem Vater haushält. Oliver hatte übrigens bis jetzt nie etwas Schlimmes von ihr gehört, aber sie schlug doch vielleicht ihrer Schwester und ihrem Bruder, dem Landstreicher, nach, Schmied Carlsen hatte Unglück mit seinen Kindern. Was hatte die Tochter an diesem Abend hier draußen zu suchen?

„Ich hab' dich gesehen,” sagt Oliver.

Er bekommt keine Antwort darauf. Und wenn Oliver gehofft hatte, es werde ein Vorteil für ihn sein, daß er an diesem Abend zum Mitwisser eines Geheimnisses geworden war, so hatte er sich getäuscht.

„Was wolltest du hier?” fragt er.

Doch nun greift der langbärtige Mann ein und sagt: „Wir haben Duette gesungen. Und was tust du selbst hier?”

„Ich? Du hast es ja gesehen; ich hab' mein Geld in Empfang genommen.”

„Dein Geld? Ja. War es nicht für Eiderdaunen?”

„Ach so, das weißt du?”

„Ja, das weiß ich.”

Oliver wandte sich an die Witwe. „Wen hast du da bei dir? Ist es dein Liebster?”

„Und wenn es so wäre?” versetzt der Mann auf eine sehr deutliche Art, indem er einen Schritt näher auf Oliver zutritt.

Oliver weicht zurück und sagt: „Ich wollte nur hören, wo du her bist. Ich kenn' dich wohl kaum, oder wie? Kenn' ich dich?”

„Wo ich her bin? Ich bin ungefähr daher, wo auch deine Daunen her sind, haha!”

Jetzt begreift Oliver wohl, daß er hier nichts ausrichten kann, und da wird er wie ein Lamm: „Ich hab' keine Daunennester. Diese Daunen hab' ich mir in mehr als zwanzig Jahren allmählich zusammengekauft, das kann ich dir sagen. Nein, leider bin ich kein Mann, der Daunennester haben kann, ich bin ein Krüppel, wie du siehst.”

Der langbärtige Mann muß sich sehr sicher fühlen, oder er tut wenigstens so, wenn er es nicht ist; er kümmert sich überhaupt nicht mehr um Oliver, sondern wendet sich an die Witwe und plaudert ganz gleichgültig mit ihr: „Es hätte gar nicht besser gehen können! Jetzt hat es aufgehört zu regnen! Er muß nun bald bei seinem Boot sein.”

„Ja.”

„Sie können ohne ihn nicht abfahren, sonst sind sie aufgeschmissen. Nein, es hätte wirklich kein Tüpfelchen besser gehen können. Jetzt wäre er schon an Bord, wenn er nicht aufgehalten worden wäre, das Geld abzuzählen. Hat man schon so etwas erlebt! Eiderdaunen! Gestohlenes Gut! Aber es hätte nicht besser gehen können. Friert dich?”

„Nein.”

„So sei doch nicht so verzagt, was fehlt dir denn? Er fährt ab, und wir bleiben zurück, das ist alles. Ein kecker Kerl!”

„Er hatte schlimmes Zahnweh heut abend,” bemerkte Oliver, um sich einzuschmeicheln.

Der Mann kümmert sich nicht um ihn und fährt fort: „Aber was wir für ein Schweinewetter gehabt haben, als wir in aller Unschuld hier draußen mit ihm zusammentreffen wollten! Warum hast du seinen Gummimantel nicht angenommen, als er ihn dir anbot?”

„Ich wollt' ihn nicht.”

„Nein, du wolltest ihn nicht. Aber von seiner Seite war es jedenfalls harmlos gemeint.”

„Ich nehm' nichts von ihm,” sagt sie.

Schweigen. Plötzlich sagt der Mann lachend: „Ist er denn nicht dein Liebster? Was redest du denn?”

„O schweig!”

„Ich denke, es steht dir frei, mit deinem Liebsten zusammenzutreffen! Übrigens hat keines von uns etwas dabei zu sagen, wir sind harmlos unseres Weges dahergekommen und haben ihn zufällig getroffen. Mehr ist nicht dabei. Aber wollen wir hier auf dem Wege stehen bleiben?”

„Wenn ich alles gewußt hätte —” sagt sie.

Jetzt tut der langbärtige Mann etwas Unerwartetes und Lustiges, er zieht eine Mundharmonika aus der Tascheund fängt an, eine Weise zu spielen. Er tut das vielleicht, um sie aufzumuntern, vielleicht auch, um seine eigene Sorglosigkeit anzudeuten, die Harmlosigkeit seiner Gegenwart auf der Straße mitten in der Nacht ins Licht zu rücken. Es ist unglaublich, daß er jetzt spielt, aber es ist kein Irrtum möglich, Oliver hört die Musik mit seinen eigenen Ohren. Und wieder, um sich einzuschmeicheln und mit dem Mann gut Freund zu werden, ruft Oliver: „Das ist großartig, Gott steh mir bei!” Er schleicht sich hinüber zu der Witwe und spricht: „Ich bin zu meiner Zeit in der ganzen Welt herumgekommen, aber so etwas wie dieses Spiel —”

Der Mann hält inne, wendet sich an Oliver und fragt: „Worauf wartest du?”

Der Krüppel merkt deutlich, daß er von diesem Manne nicht geliebt wird, und erwidert darum: „Auf nichts. Ich glaub', ich geh' jetzt hinunter und seh' zu, wie das Schiff die Anker lichtet.”

Der Mann fängt wieder an zu spielen.

Aber damit hatte er einen Fehler gemacht, er war zu dreist gewesen, sein Spiel weckt in Oliver einen Verdacht. Natürlich kannte er jetzt diesen Landstreicher; wenn er es sich näher überlegte, erinnerte er sich an dieses Spiel von seinen Jugendtagen her, außerdem erinnerte er sich an die Legenden über diesen Spielmann; er war ein Kind der Stadt, Schmied Carlsens Sohn, der Künstler auf der Mundharmonika, der Landstreicher, der bei allen Weg- und Eisenbahnarbeiten im Lande zu finden war. Was führte er nur jetzt im Schilde? Er hatte seine Schwester bei sich, sein Bruder Adolf war an Bord des Engländers, der mit der Schiffskiste — o, eine Bande von Geschwistern, alle beieinander! Es ärgerte Oliver, daß er ihnen nicht ins Gesicht hatte sagen können, was er von ihnen wußte.

In tiefen Gedanken ging er nach Hause. Da hatte er einen großen Wirrwarr aufzulösen, und Gott mochte wissen, ob er, im ganzen genommen, einen Vorteil davon hatte, sich noch weiter um die Sache zu kümmern. Den zweiten Steuermann kannte er durchaus nicht, und vielleicht war dieser überhaupt die wichtigste Person von allen. Außerdem hatte sich Oliver über sein eigenes Geschäft zu freuen; seine Tasche strotzte von Geld, es war der Lohn für seinfleißiges Hinausrudern zu den Vogelnestern Jahr um Jahr.

Er war beinahe zu Hause, als der Engländer eine lange Weile in die Sirene blies und vom Bollwerk abfuhr.

Alles in allem ein Tag reich an Erlebnissen; beinahe konnte er sich mit jenem denkwürdigen Tage messen, wo Oliver mit dem Wrack vom Meere hereinkam. Oliver hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn er jetzt nach Hause kam, etwas großsprecherisch und verdienstvoll aufzutreten. Hier war also der Mann für seinen Hut, der Spürhund mit dem verteufelt guten Kopf. Er kam mit Geld, Geheimnissen, Wissen. Aber es war nichts zu machen, das Haus schlief, Petra schlief. Na ja, gewöhnlich war sie doch auch nicht seine Vertraute, das sollte ihm einfallen! Aber in diesem Augenblick hätte er sich gern ihr gegenüber mit seinen Geheimnissen dick getan und ihr ein bißchen etwas zugeflüstert, worüber sie hätte nachsinnen können, bis sie blau wurde. Jawohl, aber Petra schlief. Sie war wohl müde, die arme Haut, es war einer von den Abenden, wo sie wieder zu Rechtsanwalt Fredriksen hatte gehen müssen, um wegen des Hauses zu verhandeln, sie war wohl noch gar nicht lange heimgekommen und eben erst sanft und selig eingeschlafen.

Oliver weckt sie, indem er absichtlich seine Krücke auf den Boden fallen läßt. Und im Gedanken daran, was er in dieser Stunde alles zu bedeuten habe, sagt er in unzufriedenem Tone: „Du hättest wohl etwas Warmes für mich in Bereitschaft haben können, wenn ich nach einem wichtigen Geschäft nach Hause komme; ich bin ganz durchfroren.”

Petra ist wohl seiner Aufschneiderei und Prahlerei über wichtige Geschäfte herzlich überdrüssig, sie erwidert ärgerlich: „Etwas Warmes? Ich hab' auch nichts Warmes vorgefunden, als ich nach Hause kam.”

„So, du bist aus gewesen?”

„Ich hab' doch wieder zum Rechtsanwalt gehen müssen!”

„Wirst du denn niemals fertig mit dem Rechtsanwalt?” ruft er hitzig.

Keine Antwort.

„Und was, um Himmels willen, habt ihr denn noch immer zu besprechen? Eine Woche um die andere vergeht, und es kommt nichts zustande. Zum Henker nocheinmal! Aber jetzt soll er nur zusehen! Wenn er mich einmal fuchtig macht, dann stopf' ich sein Maul mit Geld! Das glaubst du nicht? Es ist mir wurst, was du glaubst, du kennst mich noch lange nicht, und so kahl, wie ihr beide meint, bin ich auch nicht —”

Keine Antwort.

Da war nichts zu machen. Aber Oliver will es nun auch noch mit etwas mehr Freundlichkeit versuchen und sagt als Einleitung: „Ja, ja, jetzt ist also der Engländer abgefahren!”

Petra schläft.

Nein, die Stunde war völlig verdorben, ihre Größe und die Feierlichkeit zunichte gemacht. Na, das war ja eine Freude, auf diese Weise mit einem Vermögen in der Tasche zu seiner Familie nach Hause zu kommen!

Er zog seine nassen Kleider aus, schnallte den Stelzfuß ab und legte sich neben seine Frau — wie eine Insel neben einer Insel. Anders ist das gar nicht zu sagen. Sie ist ohne jede Schwachheit, und ihr in Ruhe befindlicher Körper atmet schwer und ruhig, es ist finster, und er kann sie nicht sehen, aber sie ist warm und riecht behaglich, sie liegt freundlich an der Seite, um ihm Platz zu lassen. Seine nächtlichen Abenteuer beschäftigen Oliver andauernd, die Stunden vergehen, und als es soweit Tag geworden ist, daß er zur Not sehen kann, greift er nach seinem Geld und zählt, den Rücken nach dem Bett gewendet, heimlich seine Scheine.

Am Morgen will er vor lauter Kränkung gegen Petra keinen Ton verlauten lassen; eine Frau, die die große Gelegenheit, etwas zu erfahren, verschlafen hat, ist nichts Besseres wert. Aber er hatte gar nichts davon, denn es ging wahrhaftig so, daß Petra selbst von einem unerhörten Ereignis Kunde brachte: sie kam vom Brunnen und hatte den Eimer noch nicht abgestellt, als sie schon erzählte, das Posthaus sei heute nacht ausgeraubt worden; den Postmeister habe man auf einer Haustreppe weit draußen in der Stadt gefunden. Er habe da ohne Hut gesessen und sei nicht recht bei Verstand.

Zu jeder andern Zeit hätte Oliver da augenblicklich zu seiner Krücke gegriffen und wäre in die Stadt gehumpelt; aber der Ärger darüber, daß ihn Petra in der Nacht umseinen Triumph gebracht hatte, hielt ihn zurück. Er wollte jetzt lieber auch keine Spur von Überraschung über ihre Erzählung, über ihre Räubergeschichte an den Tag legen, nein, nein, weit entfernt! Er frühstückt weiter, und Petra ist in tausend Qualen, weil er sie nicht ausfragt. Wie sie rasend und immer rasender wird! Es scheint, daß sie sich selbst gelobt hat, ihm keinen Kaffee mehr einzuschenken, obgleich seine Tasse leer ist; mag er doch für sich selbst sorgen! Endlich sagt sie: „Na, hast du heut nacht die Sprache verloren?”

„Die Sprache verloren?” erwidert er sehr verwundert.

„Mach, was du willst!”

„Wovon sollt' ich denn reden?” fragt er. „Was meinst du denn?”

„Dann hast du wohl nicht gehört, was ich erzählt habe?”

„Was — der Dreck? Ich weiß viel mehr als das!”

Sie schaut ihn an, und es kommt ihr ein Gedanke: „Du bist doch wohl nicht selbst dabei gewesen und bist mit darein verwickelt?”

Das war ja nett, hier saß er und sah so unschuldig aus wie ein Kind, und hatte reine Hände, und dennoch sollte sich ein solcher Verdacht an ihn heften! Er räusperte sich mit Würde und sagte: „Willst du wohl das Maul halten?”

„Ich hab' ja nur gefragt. Es war nicht schlimm gemeint.”

„Du, nimm dein Maul in acht!” wiederholt er und steht auf.

Allerdings, Petra war sehr ergrimmt darüber, daß er ihre große Neuigkeit so gar nicht anschlug, ihre gewaltige Neuigkeit; aber da er seine Krücke in greifbarer Nähe hat, findet sie es geratener, zu gehen, als zu bleiben; sie wirft den Kopf in den Nacken und begibt sich mit ihrer Neuigkeit in die Stube zur Großmutter.

Oliver ißt sich satt und geht dann von Hause fort.

Da die ganze Stadt wegen der Ereignisse der letzten Stunden vollständig verstört ist, kommt im Lagerhaus kein Betrieb in Gang, und Oliver hat die beste Gelegenheit, seinen Gedanken nachzuhängen. Das war ein Glück, daß er in der Nacht nicht dazugekommen war, etwas zu offenbaren, eine Fügung Gottes, Petra hätte es wichtig gehabt,jedes Wort weiterzutragen, und hätte ihn in den Postraub mit hineinverwickelt. Und es hätte vielleicht wegen des Eiderdaunengeldes trotz seiner Unschuld gespukt. Jetzt hieß es vorsichtig sein, vorerst keine großen Ausgaben zu machen, keine allzuschönen Kleider anzuschaffen, gar keinen Putz, der hellrote Schlips im Schaufenster des Stickereigeschäfts durfte also nicht seinen Hals zieren.

Oliver überlegte sich alles ganz genau: einen Teil des geraubten Geldes hatte er in der Tasche, daran konnte er nicht zweifeln, aber er hatte es nicht geraubt, Gott war sein Zeuge. Schmied Carlsens Kinder konnten vielleicht einige Aufklärung in der Sache geben, wenn sie angezeigt wurden, aber Oliver hatte nicht im Sinn, sie anzuzeigen, das fehlte gerade noch! Alle Umstände sprachen dagegen, erstens schon der, daß Abel bei dem Schmied in der Lehre war und die Witwe dort dem Haushalt vorstand. Und war nicht der Schmied selbst sein Meister? Oliver hatte Vatergefühl genug, daß er seinen Sohn nicht ins Unglück stürzen wollte. Übrigens konnten die Schmiedskinder leicht auch unschuldig sein, wer konnte das sagen, vielleicht wußte der fremde zweite Steuermann am meisten von der Sache, und wer kannte den?

O, dieser zweite Steuermann und dieser Adolf mit der Schiffskiste waren vielleicht die schlimmsten Verbrecher! Hatten sie denn nicht auch Oliver gebeten, seine Frau mit auf den Engländer zu bringen, sie würden sie nicht fressen! Aber Oliver hatte glücklicherweise Petra nicht mitgenommen und sie, wer weiß was, ausgesetzt, er gehörte nicht zu denen, die ihre Frau zu einem andern mitnehmen. Und nun zeigte es sich, daß ihn sein Schicklichkeitsgefühl ganz richtig geleitet hatte, sie hätte in eine wahre Räuberhöhle geraten können. —

In der Stadt schwirrten die unglaublichsten Gerüchte durcheinander, die Zeitung brachte einen Artikel, der von einem Manne, dem das Wort zu Gebot stand, geschrieben sein mußte, der Polizei-Carlsen war an allen Ecken und Enden und untersuchte, denn aus dem Postmeister war keine richtige Aufklärung herauszubringen; er saß niedergeschlagen und völlig fassungslos da und starrte zu Boden. Zuerst gab er eine Art Beschreibung eines fremden Mannes, den er auf dem Flur des Postkontors gegen zwölf Uhrin der Nacht getroffen habe; der Mann sei alt gewesen, habe einen langen grauen Bart gehabt, vielleicht auch eine Maske getragen; er habe englisch gesprochen. Bei einem späteren Verhör änderte der Postmeister seine Aussage: Der Fremde sei vielleicht gar nicht alt gewesen, sondern im Gegenteil jung, er wäre nicht imstande gewesen, ihn zu überwältigen. Der Mann habe keinen Regenschirm gehabt. Kurzum, der Postmeister redete nur Unsinn und verwirrte alle. Er war blödsinnig geworden, vom Schlag getroffen, der Doktor war bei ihm und stellte eine Hirnblutung und geistigen Stumpfsinn fest. Herrgott, ein Mann, der vorher Türme und Häuser mit Säulen hatte zeichnen können!

Und in der Stadt schwirrten die Gerüchte umher. Es wäre Unrecht gewesen, zu behaupten, daß die Leute dem Polizei-Carlsen und den Behörden nicht mit Nachforschungen an die Hand gegangen wären, in den ersten Tagen ließen sie sogar so gut wie alles liegen und stehen und opferten sich dieser Sache völlig auf. Und in diesem großen Aufruhr ertrank eine andere Neuigkeit vollständig, die sonst wohl die allgemeine Aufmerksamkeit verdient hätte, die nämlich, daß Konsul C. A. Johnsen das Ritterkreuz des Dannebrogs bekommen hatte. Wer war von dieser Ehre ganz hingenommen, wer erwähnte sie? Ein Bericht von ein paar Zeilen in der Zeitung, ein zufälliger Glückwunsch von dem einen und andern Stadtkind, das gerade daran dachte. Frau Konsul Johnsen aber, ja, sie legte mehr Wert auf die Auszeichnung, und sie telegraphierte sowohl an Scheldrup, der jetzt in Neu-Orleans war, als an Fia, die sich in Paris befand.

In den großen Städten geht man von der Ansicht aus, es gebe in kleinen Städten aber auch ganz und gar nichts von großen Ereignissen. Das ist eine verfehlte und kränkende Ansicht, denn es gibt da wahrhaftig Bankerott, Betrug, Mord und Skandal gerade so gut wie in der großen Welt. Allerdings schickt die Zeitung des Ortes keine Extrablätter darüber aus; aber jede Neuigkeit verbreitet sich sicher und rasch von den Brunnen her und dringt bis in das engste Kämmerlein. War in der ganzen Küstenstadt wohl noch irgendein Mensch vorhanden, der in der Frühe des nächsten Morgens noch nichts von dem Postraub gewußt hätte? Höchstens konnten es vielleicht Grütze-Olsens sein, denn das waren Leute, die lange liegen blieben und häufig im Bett frühstückten.

Und so wenig den Kleinstädten die aufregenden Ereignisse fehlen, ebensowenig fehlt es ihnen an Abwechslung darin. Kleinstädter haben die nötige Abwechslung in den Ereignissen vollauf. Sollten sie vielleicht darauf angewiesen sein, mit einem Postraub zu leben und zu sterben? Dann hätte diese Neuigkeit nicht so rasch aufgehört, eine berühmte Sache zu sein. Der Doktor erhielt sie noch am längsten am Leben, denn sie ließ ihn gewissermaßen dem vernichteten Postmeister gegenüber als Sieger dastehen, aber es dauerte nicht lange, bis es den Leuten überdrüssig wurde, sie zu erörtern.

Was war das Ende davon? Es gab überhaupt kein Ende, es kam gar kein Zug in die Sache. Der alte oder junge Mann, der Englisch sprach und vielleicht eine Maske trug, aber jedenfalls keinen Regenschirm hatte, dieser wahrscheinliche Verbrecher war nicht zu finden. Es wurde an das englische Schiff telegraphiert, allein das hatte in Norwegen bereits geladen und war auf dem Weg nach irgendeinemheimatlichen Hafen. Auch dorthin wurde telegraphiert, und als das Schiff ankam, ward auch eine Art Verhör abgehalten, aber das führte zu nichts. Natürlich kam es an den Tag, daß Adolf Adolf war, ein Schmiedsohn, norwegischer Matrose; aber er war in England verheiratet und dort ansässig, so war er auf einer englischen Schute von der englischen Flagge vollständig geschützt. Außerdem war sein Kapitän ein frommer Mann.

Auch der zweite Steuermann entpuppte sich als Norweger, Sohn eines Postmeisters in einer näher bezeichneten kleinen Stadt, unverheiratet, mit ausgezeichneten Zeugnissen über vorzügliches Betragen, auf ihm ruhte kein Verdacht — der Vater hätte betreffendenfalls in dem Fremden auf dem Gange doch auch seinen Sohn erkennen müssen, was er ja aber nicht getan hatte. Außerdem war es bei ihm dieselbe Sache mit der englischen Flagge, und daß die englische Flagge keinen Tag, ja keinen Augenblick einen Verbrecher geschützt hätte, das wußte alle Welt. Der zweite Steuermann und Adolf waren also zurzeit im englischen Dienst bei einem frommen englischen Kapitän, und von Auslieferung konnte keine Rede sein.

Warum hatten diese zwei Männer nicht ihre Eltern besucht, wenn doch ihr Schiff in ihrer Heimatstadt gelöscht wurde? Ja seht, das war eine von den zarteren Fragen, die ihnen vorgelegt wurden, aber sie wußten auch darauf eine ganz befriedigende Antwort zu geben: sie wollten sich Vater, Mutter und Geschwistern nicht mit leeren Händen vorstellen, und es war ihnen noch nicht gelungen, etwas Ordentliches von ihrer Heuer zurückzulegen. Das war der Grund. Aber Gott sei sein Zeuge — gab der zweite Steuermann an — er sei manchen Abend an Land gewesen und habe sein Vaterhaus umkreist, habe zu den Fenstern hinaufgeschaut und gezittert, wenn er eine Tür habe gehen hören, und die Hände gefaltet, wenn der Schatten seiner Mutter auf die Vorhänge gefallen sei. Das war ergreifend, das Gericht selbst war gerührt, und das will etwas heißen, wenn ein Gericht gerührt ist.

Von dem Matrosen Adolf kam eine eigentümliche Sache an den Tag: Als er und seine Sachen untersucht wurden, stellte es sich heraus, daß er über den ganzen Körper mit liederlichen Zeichnungen tätowiert war. Die Zeichnungenwaren auffallend unanständig, und auf die Frage, wo das gemacht worden sei, antwortete er: „In Japan.” Diese Zeichnungen schadeten Adolf in den Augen des Untersuchungsrichters ganz ungemein, konnten ihn aber nicht des Postraubes überführen. Der zweite Steuermann war ohne Tätowierung und ganz schön und rein am Körper, so daß er viel besser aus der Sache hervorging; ja, das kam beiden Verdächtigen zugute.

So verlief nun also die Sache mit dem Postraub im Sande, und der Dieb oder die Diebe hatten auch nicht so besonders viel in die Finger gekriegt: Sieben- bis achttausend Kronen in Wertsendungen. Wenn sich mehrere in diese Beute teilten, kam auf jeden nicht sehr viel, und man konnte sich versucht fühlen, zu sagen, es sei ihnen gegönnt!

Die Sache war nun nicht mehr sehr wichtig, der Polizei-Carlsen zeigte keinen großen Eifer in den Nachforschungen, was ihm auch gar nicht zu verdenken war, da sein Neffe und damit auch er selbst Ungelegenheiten davon gehabt hätten. Aber auch der Vorgesetzte des Polizei-Carlsens legte wenig Wert darauf, in dieser Sache bis aufs äußerste zu gehen; es wäre eine Dummheit gewesen, um einer Kleinigkeit willen mit England Händel anzufangen, und außerdem war es der allgemeine Wunsch der Stadt, den Schmied Carlsen zu schonen, der bessere Kinder verdient hätte, als ihm zuteil geworden waren.

Aber nun der Postmeister? Er hatte sich das Ereignis so zu Herzen genommen, daß er nicht mehr zu kennen war: eine gebeugte und gebrochene Gestalt mit irren Augen und einem beständig mummelnden Munde. Der ehrgeizige Mann konnte den Schaden und die Schande, die ihn in seinem Beruf getroffen hatten, nicht überwinden, über etwas anderes brauchte er sich ja nicht zu grämen, da sein Sohn nichts Böses getan hatte. Der Postmeister war der Gegenstand allgemeinen Mitleids. Er hatte ja wohl während seines ganzen Aufenthaltes in der Stadt vernünftige Leute mit seiner ewigen Frömmigkeit und seinem metaphysischen Geschwätz auf allen Straßen und Gassen zum Sterben gelangweilt, aber jetzt, wo ihn das Schicksal geschlagen hatte, erinnerte man sich mehr der Tugenden als der Laster dieser heimgesuchten Seele. Hattenicht er die Zeichnung zu dem großen Schulhaus gemacht, zu diesem Säulenhaus, das die Reisenden schon von der See aus sahen und darum bis an ihr Lebensende nicht vergaßen? Jetzt saß er da mit umnachtetem Verstand und war weniger denn ein Kind.

„Er ist selig und verwirrt und tot,” sagte der Doktor. „Es ist mir schon in der letzten Zeit aufgefallen, er hatte so einen stechenden Blick, er war morsch geworden, und es brauchte nur noch eines kleinen Anstoßes, um ihn zu zerbrechen. Der Glaube hat ihn zu Fall gebracht.”

Im Gegensatz zu allen andern fiel es dem Doktor schwer, den Postraub zu vergessen, er ließ den Verdacht nicht fahren, das Geld sei auf dem englischen Schiff davongefahren. Was hätte den lokalkundigen zweiten Steuermann hindern sollen, sich in sein Vaterhaus zu schleichen und die Wertsendungen zu stehlen? „Nachkommen!” pflegte der Postmeister zu sagen. Ach, ein Nachkomme, der zu allem fähig war! Der Nachkomme Adolf war von derselben Sorte, die entsetzlichen Zeichnungen auf seinem Körper legten Zeugnis ab von seinem Charakter. Wahrhaftig, die beiden Väter konnten sich ihrer Nachkommen freuen!

Der Doktor konnte es wirklich nicht lassen, ein wenig zu frohlocken. Noch niemals hatte er die sandigen Gassen der Stadt mit geringerer Überwindung durchschritten als jetzt, und noch nie war ihm die Richtigkeit seiner Lebensanschauungen so klar bestätigt worden. Zu dem frommen und gläubigen Wrack, dem Postmeister, ging er sehr oft, betrachtete ihn eine Weile und verließ ihn dann wieder; er konnte keine Anzeichen feststellen, daß seinem Patienten Licht und Klarheit wiederkehrte, und schloß daraus auf dauernde Finsternis bei ihm. Waren es nicht dieMenschengedanken, mit denen dieser Kindermund großzutun pflegte? Daß die Menschengedanken niemals aufhörten, daß die Menschengedanken ein Licht seien, das niemals erlösche? Nun, für ihn selbst waren sie jetzt jedenfalls erloschen und hatten nur einen schwarzen Docht zurückgelassen. Solche schwache Köpfe sollten sich nie darauf einlassen, auf eigene Faust nachzugrübeln, die sollten Kirchen und Schulhäuser zeichnen und ihrem Katechismus treu bleiben.

Der Doktor hatte ja gerade keinen Grund, sich zu überheben und närrisch zu freuen, er empfand aber auf seineArt eine gewisse Befriedigung. Sein Materialismus behielt recht, der Zufall, daß der Postmeister zum Blödsinnigen geworden war, stärkte die Stellung des Doktors unter den Menschen; es war ja, als ob er das Unglück richtig vorausgesagt hätte, niemand kam ihm gleich an Autorität, seine Behauptungen mußten zu Recht bestehen bleiben. Wenn er nun also vom Postmeister behauptete, daß der Glaube ihn zu Fall gebracht habe, so konnte ihn der eine und der andere fragen: „Der Glaube?” Dann erwiderte der Doktor: „Jawohl, der Aberglaube.” Und das mußte bestehen bleiben.

Aber eine richtige Herzensfreude hatte der Doktor jetzt so wenig als vorher, das Leben war und blieb ein Elend, eine Gemeinheit. Wenn er nicht von Zeit zu Zeit den Genuß gehabt hätte, einen Menschen zu ärgern, so wäre es nicht auszuhalten gewesen. Meint man zum Beispiel, er hätte sich etwas daraus gemacht, den Kaufmann zu wechseln? Er hatte ja seine vieljährige Verbindung mit Konsul Johnsen aufgegeben und war zu Konsul Davidsen übergegangen, und wohlgemerkt, das war nicht geschehen, um Davidsen zu schaden, sondern im Gegenteil, um seinem kleinen Kramladen aufzuhelfen. Und was wurde daraus? Es wurde weiter gar nicht anerkannt, auch Davidsen schickte eine Rechnung. Sie waren doch alle gleich, Davidsen war nur ein neuer Konsul. Und überdies war Konsul Davidsen nicht einmal ein Mann, mit dem sich der Doktor ordentlich unterhalten konnte, er gab ja keine Antwort, sondern staunte nur, die Schlafmütze, und fand sich lächelnd darein, ordentlich verhöhnt zu werden.

Da war der Doppelkonsul doch besser, obgleich auch er nur ein Kaufmann und Schiffsreeder war.

Man munkelte, es müsse köstlich zugegangen sein, als der Doktor kam und dem Doppelkonsul zum Dannebrog Glück wünschte. Er hatte zu diesem Besuch den Apotheker mitgenommen, und beide waren sehr untertänig gewesen. Sie waren durch den Laden ins Konsulat gegangen, was sonst nicht ihre Gewohnheit war, hatten durch einen von den Ladenschwengeln ihre Besuchskarten hineingeschickt, dann Hut, Stock und Galoschen abgelegt und sich Haar und Bart mit einem Taschenkamm zurechtgemacht. Beide Herren hatten Handschuhe an.

Der Konsul trat ihnen etwas verwundert mit den Karten in der Hand an der Tür entgegen und fragte scherzend, ob sie Audienz haben wollten? Bejahend verbeugten sie sich. „Na ja, dann bitte!” sagte der Konsul und nahm die Sache immer noch leicht.

Aber als sie im Kontor angelangt waren und immer noch mit derselben Feierlichkeit ihren Glückwunsch aussprachen, da fing der Konsul an, selbst etwas an seinem Orden zu finden und zu denken, es sei vielleicht dies die einzige richtige Art, wie einem Glückwunsch zur Ritterschaft Ausdruck verliehen werden müsse, was konnte er wissen! Er wehrte sich allerdings ein wenig und sagte: „Na ja, das ist doch nun nicht der Mühe wert, um so formell zu sein!” Aber die beiden Besucher waren standhaft und ließen sich nicht zu einem leichteren Tone verleiten.

Der Konsul bot den Herren Zigarren an, und sie erhoben sich und nahmen mit tiefer Verbeugung jeder eine Zigarre, steckten sie aber nicht an. Der Konsul wollte sich nun wohlwollend zeigen und fing von dem Postraub an, der sich eben erst ereignet hatte. Die Herren verbeugten sich zu allem, was er sagte, und legten großes Gewicht auf seine Worte. Noch ging alles gut, Konsul Johnsen war ausgesucht höflich, als der größte Mann der Stadt durfte er dem guten Ton nicht fremd gegenüberstehen. Einer von den Ladenjünglingen trat herein und legte die Post in die eigenen Hände des Konsuls, und der legte sie auf das Pult, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. Der Geschäftsführer Berntsen trat ein und fragte etwas, und der Konsul erwiderte über die Achsel weg: „Später, ich bin jetzt beschäftigt!”

Unterdessen saßen die beiden Herren mäuschenstill, es war, als ob sie auf noch einen feineren Ton warteten. Aber da nichts mehr zu kommen schien, fuhr wohl der Teufel in den Doktor, er wollte sich selbst auf eine handfestere Weise eine Befriedigung verschaffen. Darum wendete er sich nun an den Apotheker und sagte einige Worte; aus Hochachtung vor dem Ritter sprach er leise, aber er sagte: „Wir hätten wohl eigentlich auch unsere Schuhe draußen ausziehen sollen!”

Da begriff der Konsul; innerlich schnitt er vielleicht eineGrimasse, aber seinem Gesicht war nichts anzusehen, als er dem Doktor antwortete: „Sie fürchteten wohl, Sie hätten keine heilen Strümpfe an?”

Na, hatte Konsul Johnsen keine Schneid? Sein Hieb saß, der Doktor war einen Augenblick geschlagen, dann lächelte er und sagte: „Vielleicht, das kann wohl sein.” Aber gleich darauf ging sein Pulver los, und er sagte: „Ich hab' übrigens meine Strümpfe und alles, was ich sonst aus Ihrem Kramladen bezogen habe, bezahlt!”

„Wirklich?” erwiderte der Konsul in zweifelndem Ton.

„Ich kann die Quittungen vorlegen.”

„So?” erwidert der Konsul, und da der Doktor schweigt, fährt er fort: „Ich weiß nicht, wo Sie hinauswollen.”

„Ich will nirgends hinaus,” antwortete der Doktor. „Das ist alles.”

Hier hätte der Konsul haltmachen und nicht weitergehen sollen; aber er war wohl gekränkt, daß er auf solche Weise geuzt wurde, und so konnte er es nicht lassen, ein wenig überlegen zu tun: „Von Ihren und anderer Leute kleinen Einkäufen im Laden draußen weiß ich wirklich recht wenig, das besorgt Berntsen. Ich sitze hier innen im Kontor und habe etwas größere Entscheidungen zu treffen.”

„O, das bezweifle ich durchaus nicht,” gibt nun auch der Apotheker zu; er wird feig und möchte gerne vermitteln.

Aber der Doktor grinst nur, kühl wie eine Hundeschnauze: „Selbstverständlich!” sagt er. „Wir sind groß, wir sitzen hier und disponieren, sage und schreibe, über ein kleines Frachtschiff, wir stehen nicht selbst hinter dem Ladentisch und verkaufen Schmierseife und Fingerhüte.” Da der Doktor hier die Luft durch die Zähne einzieht, macht es den Eindruck, als friere er — oder vielleicht noch mehr den, als sei er rasend.

Der Konsul erwidert: „Es ist genau so, wie Sie sich das denken, in die Kleinigkeiten mische ich mich nicht ein.”

„Ach, wie groß sind wir!” ruft der Doktor. „Herrgott, wie groß sind wir, Sie und ich!”

Der Apotheker greift ein: „Nein, so war es nicht gemeint. Entschuldigen Sie, daß ich die Sache so ansehe; was fällt Ihnen denn ein, Herr Doktor?”

Der Doktor steht auf: „Nein, wissen Sie was, Sie Apothekerseele, Herr ...”

„Still! Die Sache ist die, Herr Konsul, wir wollten heute herkommen, um — wir meinten, der Doktor und ich, wir als gute Bekannte dürften uns schon einen kleinen Scherz erlauben mit — es ist uns natürlich nicht eingefallen, Sie persönlich lächerlich machen zu wollen, wir wollten nur ein wenig spaßen mit dem Orden, mit der Ritterschaft, die wohl weder Sie noch wir sehr hoch anschlagen. Wir haben uns vielleicht etwas verkehrt benommen, aber wir setzten voraus, wir dürften schon kommen und sowohl Ihnen wie uns ein wenig Spaß machen.”

„Das haben Sie auch ganz richtig vorausgesetzt,” erwidert der Konsul. „Wie Sie sehen, bin ich ja auch vom ersten Augenblick an auf den Scherz eingegangen.”

„Daß Sie etwas so Selbstverständliches noch lange erklären mögen! Ich bin erstaunt, Herr Apotheker!” ruft der Doktor. „Kommen Sie, wir gehen! Adieu!”

Der Apotheker stand nun allerdings auf, aber er ließ den Doktor gehen und fing von neuem an, dem Konsul Erklärungen zu geben, und gebrauchte dabei äußerst höfliche Worte. Er hoffe, daß es keine Mißstimmung zwischen guten alten Bekannten geben werde, der Doktor gehe zu weit, das habe doch keinen Sinn, die Schuhe auszuziehen, und ein großes Dampfschiff von einem Hafen in den andern zu dirigieren, von Genesien den einen Tag, nach Zürich den andern — das gehe doch beinahe über Menschenverstand —

„Zürich ist nun eigentlich kein Seehafen,” sagt der Konsul und lächelt überlegen.

„Na, dann nicht. Ich verstehe leider nicht viel vom Seewesen, ich weiß nur, daß ich aus Zürich Pillen bekomme. Aber was ich sagen wollte. Jedenfalls ist es eine Riesenarbeit, hier zu sitzen und der Direktor von Schiffen auf dem Ozean zu sein und zugleich das größte kaufmännische Geschäft der Stadt zu leiten. Dafür hätten der Doktor und ich eigentlich wohl die Schuhe draußen ausziehen dürfen, das sag' ich gerade heraus, aber wenn ich Sie recht kenne, so wäre Ihnen das nicht angenehm gewesen. Der Doktor kann ja schon im voraus vieles verkehrt gemacht haben, und ich möchte den Herrn Konsul bitten, es uns beiden nicht nachzutragen.”

„Das hab' ich längst vergessen, reden Sie doch nichtso, das sollte mir gerade fehlen, dem Doktor etwas übel zu nehmen, ich habe wirklich anderes zu tun,” erwiderte der gutmütige Konsul Johnsen. „Da machen Sie sich keine Gedanken darüber!”

„Was schließlich den Orden betrifft, so sind Sie ja der erste Ritter, den die Stadt aufzuweisen hat, und es ist gewiß niemand da, der Ihnen die wohlverdiente Ehre mißgönnt. Es ist wohl die Anerkennung dafür, daß Sie das mit dem Wrack vor zwanzig Jahren so gut gemacht haben?”

Lächelnd sagt der Konsul: „Nun, es ist seither noch die eine und die andere Kleinigkeit dazugekommen.”

„Natürlich. Eine ganze Menge wichtiger Dinge, nicht zum mindesten Ihre wertvollen Berichte. Nun wird wohl auch die andere Regierung nachfolgen — war es nicht Bolivia?”

„Wieso? Ich bin nicht Konsul für Bolivia.”

„Verzeihen Sie.”

„Entweder Olsen oder Heiberg muß Konsul für Bolivia sein.”

„Aber sind Sie denn nicht Doppel —”

„— konsul? Doch,” antwortet Konsul Johnsen und lacht laut über die Verlegenheit des andern. „Ja, das versteht sich, Doppelkonsul, hahaha! Aber es muß wirklich einer von den andern sein, der Doppelkonsul von Bolivia ist, hahaha!”

„Ach, ich hab' ja Holland gemeint,” sagt der Apotheker ganz geknickt. „Ich bin sehr unglücklich. Auf jeden Fall ist Ihr Ritterkreuz eine Ehre, nicht allein für Sie, sondern auch für die ganze Stadt, wir alle sind dadurch geehrt. Die holländische Regierung wird nun wohl auch nicht mehr lange zaudern, Ihre Verdienste anzuerkennen.”

„Wieso? Nein, dazu liegt gar kein Grund vor. Wollen Sie nicht Ihre Zigarre anstecken, ehe Sie gehen? Na, wie Sie wollen!”

„Die werden sich jetzt ordentlich schämen!” denkt der Konsul vielleicht von den eben weggegangenen Herren. Und er denkt gewiß auch, daß bei diesem ganzen dummen Besuch der Doktor jedenfalls nicht auf seine Kosten gekommen sei. Die Herren selbst dachten vielleicht etwas ganz anderes, Gott weiß, der Apotheker ging vielleicht aus der Tür und grinste inwendig, und als er nachherdem Doktor von seinem „Sortie” aus dem Doppelkonsulat berichtete, grinsten vielleicht beide Herren gemeinsam. O, dieses Dirigieren der Schiffe auf allen Weltmeeren — es war ja eine bekannte Sache, daß Konsul Johnsen dazu gar nicht ganz befähigt war und daß über das FrachtschiffFiameist durch den Sohn Scheldrup disponiert wurde.

Der Doktor schien trotzdem höchst befriedigt zu sein. Er sagte: „Bei Licht betrachtet hat er den Hohn gar nicht begriffen. Wahrscheinlich sitzt er in diesem Augenblick zu Hause und versucht, wie ihm der Dannebrog steht.”

Der Apotheker meint, er habe doch begriffen.

„Begriffen? Was begreift denn der! Haben Sie Riesenarbeit gesagt?”

„Ja, ich sagte Riesenarbeit.”

„Und Bolivia und Zürich? Und er hat Sie nicht hinausgeworfen?”

„Die Weisheit kommt ihm hinterher. Er merkt es zum Schluß doch noch.”

„Keine Spur. Nein, das war ein verunglückter Einfall von uns.”

Der Doktor geht zu Grütze-Olsens. Er geht oft zu ihnen, in der letzten Zeit beinahe jeden Tag, er hat dort etwas zu besorgen. Der Schwiegersohn des Hauses, der Kunstmaler, war mit Frau und Kind zu einem Sommerbesuch angekommen. Dem Kinde fehlte nichts, aber die junge Mutter war ängstlich wie alle jungen Mütter und verlangte einen Arzt.

Der Doktor hatte nichts dagegen, in Grütze-Olsens Haus zu kommen, er verdiente extra gut dabei und hatte angefangen, der Sache Geschmack abzugewinnen. Hier war nicht alles gar so vornehm und abgemessen, aber es war auch nichts zugemessen, alles war Breite und Überfluß, es war etwas protzig und verschwenderisch. Einzelne Damenhandschuhe trieben sich schon im Vorplatz herum, teuere Regenschirme standen mit geknicktem Stock da. In den Zimmern herrschte keine Unordnung, aber alles sprach von etwas zu viel Geld, die Bilderrahmen, die Teppiche, die Möbelbezüge. Die Vorhänge hingen bis auf den Boden herunter und breiteten sich da noch aus. Nein, hier herrschte keine Knauserei, aber die Art der Einrichtung lenkte dieGedanken unwillkürlich aufselfmade, auf neuerworbenes Geld.

„Ach was!” dachte wohl der Doktor und trank den teuern Wein und rauchte die guten Zigarren. Hier herrschte jedenfalls gute Gesinnung und Gastfreundschaft, und dazu der redlichste Wille, ihn anzuerkennen. Er hatte ein weiches Plätzchen in der Sofaecke, und alles hing an seinem Munde. Was tat's, wenn das Geld neuerworben war! Geld ist Geld, eine Million ist nicht schlimmer als ein Tausend. Und da saß der Doktor. Er war ja nicht der Mann, der sich imponieren ließ, aber er sah in dieser Umgebung doch etwas kahl aus, sein gestärktes Vorhemd knarrte etwas aufreizend auf seiner Brust, und die Manschetten mußte er mit den kleinen Fingern zurückhalten, sonst rutschten sie ihm vor auf die Knöchel.


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