„Nein, dem Kinde fehlt auch heute nichts,” sagt er. „Sie bekommt nur noch ein paar Zähne mehr, um ihrer schönen Mutter auch darin zu gleichen.”
Die junge Frau sagt mit tiefem Erröten: „Nun, das ist ja gut. Wir haben uns wieder so um sie gesorgt. Das komischste dabei aber ist, daß nicht ich am ängstlichsten gewesen bin.”
Konsul Olsen fragt: „Wer war denn am ängstlichsten?”
„Du, Vater! Das mußt du doch zugeben.”
Der Konsul entschuldigt sich: „Ich war nicht ängstlich, aber ich sah nicht ein, warum das Kind Schmerzen haben sollte, wenn doch zu helfen war. Sie ist nach mir genannt, Herr Doktor.”
„Das erklärt viel!” sagt der Doktor.
Hier war der Doktor ein anderer Mann, er hatte nicht nötig, immer auf der Hut zu sein und Nadelstiche auszuteilen, hier hatte man die nötige Hochachtung vor ihm, auch ohne das. Hier trat er freundlich und herablassend auf, er machte sich's sozusagen bequem. Im Bewußtsein, daß er der Überlegene war, vertiefte er die Kluft zwischen sich und diesen Menschen nicht noch mehr. Hier im Hause herrschte außerdem gute Laune, es schmeckte zur Abwechslung nicht armselig. Der Doktor war in dieser Beziehung von Hause nicht verwöhnt, hier war Lachen und Gesundheit, und natürlich war hier auch einige kindische Vornehmheit.
Fortwährend gingen Leute aus und ein. Außer dem Schwiegersohn mit seiner Familie hatten sie auch noch Besuch von dem andern Kunstmaler, dem Tünchersohn; o sie hatten ihn mitgenommen, er war allerdings nicht in die Familie eingeheiratet wie sein Kollege, aber auch er war willkommen und bewohnte ein Mansardenzimmer mit Teppichen und Vorhängen, die bis auf den Fußboden herunterhingen.
Und nun wollte dieser Tüncher das Bildnis des Doktors malen.
„Was wollen Sie denn damit?” fragte der Doktor aufrichtig. „Ich kann es nicht kaufen, und jemand anders wird es Ihnen auch nicht abkaufen.”
„Ich will Sie um Ihres Gesichtes willen malen,” antwortete der Maler. „Auf Lohn wird nicht gesehen!” fügt er munter hinzu. Dieser Tünchersohn war gar nicht so übel, er konnte zuweilen recht schlagfertig sein, er war leicht entzündlich und immer verliebt, hatte auch ein ehrliches Gesicht, aber seine Hände waren groß und ungeschlacht, der Doktor betrachtete diese Hände mit Widerwillen.
„Ja, malen Sie nur!” sagte der Doktor und tat gleichgültig.
„Danke! Aber ich will Sie in Ihrem Studierzimmer malen, umgeben von Arzneikolben und dicken Büchern, versunken in Ihre Wissenschaft.”
Der Doktor zuckte sichtlich zusammen. Das war einmal ein merkwürdiger Künstler, welches Verständnis für einen Gelehrten und dessen Tätigkeit! Der Doktor war augenscheinlich gerührt, eine schwache Röte stieg ihm in die Wangen, und er trank sein Glas aus, um das zu verbergen.
Ja, hier in Grütze-Olsens Haus hatte er es gut!
Ursprünglich hatte er da gar nicht so viel erwartet. Er hatte dieses Haus adeln wollen, wie er schon andere Häuser geadelt hatte, Henriksens von der Werft, Heibergs, Davidsens Kramladen, Johnsens am Landungsplatz, jetzt fühlte er sich hier wohl, solange es währte. Er hatte außerdem noch einen andern Gedanken: Er konnte Konsul Olsens wegen Johnsens am Landungsplatz geradezu eine Weile auf die Seite setzen — bitte, versuchen Sie einmal,wie das schmeckt! Er wollte gerne ein gewisses Gleichgewicht in die Dinge bringen, eine gleichstarke Macht jenseits der Grenzscheide herstellen. Er konnte die Stadt regieren mit Uneinigkeit, mit zwei Kampfhähnen.
Das hätte sehr schön gehen können, allein alles strandete an der Gutmütigkeit und Trägheit der Familie Olsen. Nein, die Familie Olsen war nicht lernbegierig und hatte keinen Verstand für Ränke und Kniffe. Sie verstanden sich auf gutes Essen und Geld und die eines Großhändlers würdigen Möbel; aber sie hatten keine Kultur, keine illustrierten Zeitschriften und keine von der Tochter des Hauses gemalten Teller. Die Familie Olsen klebte an der Erde.
„Johnsen am Landungsplatz ist Ritter geworden,” sagt der Doktor. „Jetzt sind Sie an der Reihe.”
Grütze-Olsen schüttelt wieder wehmütig den Kopf und sagt: „Dazu ist keine Aussicht.”
„Das ist gar nicht unerreichbar. Es gehört nur ein wenig Arbeit dazu.”
Grütze-Olsen schüttelte noch einmal wehmütig den Kopf und erwidert: „Ich bin Konsularagent für ein Land ohne Orden.”
„So. Aber jetzt hören Sie einmal, Herr Konsul. Jedenfalls könnten Sie ein Landhaus haben.”
„Ein Landhaus? O ja, allerdings!”
„Nicht wahr? Warum soll hier nureinerein Landhaus haben? Und warum soll gerade er es haben? Sie sind sicherlich ein reicherer Mann als er.”
Grütze-Olsen schüttelt lächelnd den Kopf: „Na, übertreiben Sie nicht!”
„Also ein Landhaus. Und dann fahren Sie mit zwei Pferden hinaus.”
„Mit zwei Pferden? Nein!”
„Das können Sie sich doch leisten!”
„Ja, allerdings,” erwidert der Konsul und wirft sich in die Brust. „Aber zwei Pferde. — Nein, entschuldigen Sie — ich kann nicht einmal mit einem Pferde fahren.”
„Dazu nehmen Sie sich doch einen Kutscher! Sie sind doch ein Mann, der weiß, was sich gehört. Einen Kutscher mit blanken Knöpfen und einer goldenen Borte um die Mütze.”
„Nein, nein, nein, da müßte der Kutscher ja selbst lachen, daß es ihn schüttelt,” erklärt Grütze-Olsen. „Und ich mag nicht drinsitzen hinter zwei Pferden.”
Der Doktor schlägt vor: „Dann sitz' ich die ersten Male drin, das heißt, Frau Olsen und ich. Nicht wahr, Frau Olsen?”
Frau Olsen ruft ganz überwältigt: „Ich? Nein, Gott bewahre mich! Die Frau Doktor kann — die Frau Doktor kann selbst —”
Es war durchaus nichts zu machen.
So ging es denn nun im alten Trab weiter in der Stadt — nur der Postmeister war und blieb gebrochen. Er hatte mit einer dürftigen Pension seinen Abschied erhalten, die Familie war in ein kleines Haus bei der Werft übergesiedelt, und ein neuer Postmeister hielt seinen Einzug im Posthaus.
Der Sommer war vergangen, und die beiden Leuchten der Stadt reisten zurück zu ihrem Studium. Sie waren ja nicht gerade Busenfreunde, aber sie fuhren mit demselben Schiff. Busenfreunde? Frank hatte doch die ganzen Ferien hindurch gearbeitet und war Reinert wieder um eine Nasenlänge vorausgekommen, wie hätte daraus ein zartes und harmonisches Verhältnis entstehen können?
O, was hatte Frank nicht alles in diesen Wochen gelernt! Aber man sah es ihm auch an. Er hatte in sein Bewußtsein hinein soviel verschiedene Sprachwissenschaft verwoben, ein Stückchen ums andere, ohne Drängen, ohne Gewalt, nur indem er Zeit und Lebenskraft dransetzte, jetzt stand er auf dem Schiff ein bißchen gelb und mager, ganz ohne Fett und also wie dazu geschaffen, immer noch mehr zu lernen. Selbst dem Leben um ihn her widmete er nicht mehr Gedanken, als es wert war, mit seinen Händen wußte er nichts anzufangen, der Arbeit der Matrosen an Bord schaute er stumpfsinnig zu, die Maschinenleute fand er entsetzlich schmierig. Frank konnte keine Fässer und Kisten in den Schiffsraum verladen, nein, dazu war er nicht da; aber er konnte in Wörterbüchern nachschlagen; aber er saß voll zarter und heiliger Sprachwerte, ein Vergleich war gar nicht möglich. Feinheit wird durch Schulfleiß errungen und geht durch Arbeit verloren.
Auf dem Schiff traf er einen Bekannten von der Schulbankher, den Zeichenstift; als bleicher Neger tauchte er aus dem Maschinenraum empor, nur halb bekleidet, mit verschwitztem Gesicht und weitoffener Hemdbrust.
„Guten Tag!” sagte er und nickte Frank zu.
„Guten Tag!” sagte auch Frank und suchte sich den Neger in seine Erinnerung zurückzurufen. „Bist du hier?”
„Ja, hast du das nicht gewußt?”
„Nein,” erwiderte Frank etwas zurückhaltend.
„Ich bin Heizer. Wie geht es Abel? Gut?”
„Abel? Ja, ich weiß nichts anderes.”
Der Zeichenstift wollte Schulerinnerungen auffrischen. „Weißt du noch? Denkst du noch daran?” Er lachte, daß seine weißen Zähne blitzten, und dachte nicht daran, wie schmierig er war, da stand er mitten im Zug und machte sich nichts daraus. Frank stellte sich mehrere Male auf einen andern Platz und sagte: „Es zieht hier sehr!”
„Geht es bei dir zu Hause und deinen Schwestern gut?”
„Ja, ich hab' nichts anderes gehört.”
„Hahaha, man könnte gerade meinen, du kämest nicht von daheim,” sagt der Zeichenstift. „Und wie komisch, daß du nicht gewußt hast, daß ich hier bin. Deine Schwestern wissen das doch.”
Frank sagt ausweichend: „Ich hab' soviel anderes zu denken.”
„Aber dann weißt du doch wohl noch, wie wir die Fenster eingeschlagen haben? Und wie der Vorsteher dazukam?”
Immer ferner, beinahe schon am Horizont, sagt Frank: „Nein, das ist schon lange her.”
Der Zeichenstift merkt, daß sein Kamerad sehr gelehrt ist, und macht nun den Versuch, ihn nach seinen eigenen Angelegenheiten zu fragen: „Du willst wohl wieder auf die Universität?”
„Selbstverständlich.”
„Ach du liebe Zeit, wie weit hast du es denn schon gebracht? Bist du jetzt bald Pfarrer?”
„Pfarrer?” grinst Frank. „Nein, gewiß nicht.”
„Na!”
„Ich studiere Sprachen.”
„Na, aller Welt Sprachen! Ja, das ist auch keine Kleinigkeit. Aller Welt Sprachen, wie der Vorsteher. Reinert wird aber doch Pfarrer?”
„Nein, das weiß ich nicht.”
„Das weißt du nicht?”
Frank sagt unwillig: „Nein, ich weiß nicht, was er werden will.”
„Ich hab' Reinert heut morgen an Bord kommen sehen, aber er kannte mich augenscheinlich nicht.”
„Nein, das kann gut sein. Du bist ja so schwarz.”
„Allerdings, ich hab' ihn aber doch gegrüßt,” sagte der Zeichenstift und fing an, Asche aus dem Feuerraum heraufzuziehen und über Bord zu werfen.
„Hier staubt es so!” sagte Frank.
Nein, Reinert kannte nur, wen er kennen wollte; er kannte kaum Frank, der doch sein Kollege und ihm voraus war. Frank sah ihn an Bord kaum, Reinert fuhr auf dem zweiten Platz und trieb sich meist auf dem ersten herum. Aber Frank stand auf seinem dritten Platz und hatte das Bewußtsein, mehrere Sprachen zu verstehen.
Reinert hatte in den Ferien nichts Nennenswertes gearbeitet, ein wenig hatte er ja studiert, um seinem Vater, dem Küster, eine Freude zu machen, aber sonst hatte er sich meist im Freien aufgehalten. Reinert hatte kein Gras unter seinen Füßen wachsen lassen, er hatte Klein-Lydia und die kleinen Mädchen von der Werft vollständig erobert und auch bei Heibergs Alice große Fortschritte gemacht. Der Junge sah ja auch verflucht gut aus mit seinen Locken und seinen schönen Kleidern, dazu trat er so keck auf, daß er gut für erwachsen gelten konnte. Das ging sogar so weit, daß er sich bemüht hatte, den Assistenten beim Hardesvogt bei den Damen auszustechen, obgleich er es bei ihm mit einem ausstudierten Manne zu tun hatte.
Frank trieb sich blaugefroren auf Deck herum und suchte immer wieder ein warmes Plätzchen, wenn sich das Schiff drehte. Das erste, was er nach Ankunft in Christiania tun wollte, war, sich einen Überzieher mit einem Samtkragen zu kaufen.
Er kam am Rauchsalon vorbei, die Tür stand weit offen, er schaute hinein und blieb stehen. Dann grüßte er und wollte weitergehen, aber er war ein wenig zu lange stehen geblieben, außerdem waren es ja Bekannte, die da vor ihm saßen, Rechtsanwalt Fredriksen aus seiner eigenenStadt, ein großer Mann, aber er plauderte da mit einem geringeren, mit Reinert, sie saßen beieinander und schwatzten, der Rechtsanwalt putzte sich die Nägel mit einem Perlmuttermesser, und beide rauchten.
Frank trat nicht näher, aber er sah auch nicht ein, warum er sich davonschleichen sollte, so weit bekannt und anerkannt war er doch auch, darum redete er durch die offene Tür Reinert an und sagte: „Ich hab' den Zeichenstift getroffen, er fragte nach dir.”
Reinert gab keine Antwort, er saß da und tat, als ob er nachdenke.
„Er ist Heizer hier auf dem Schiff.”
„So!” sagte Reinert geistesabwesend.
„Wer ist der Zeichenstift?” fragte der Rechtsanwalt, als ob er das nicht recht gut wüßte.
„Ein Schulkamerad von uns,” erwiderte Reinert. „Ja, ich freu' mich sehr darauf,die Glocken von Cornevillewieder einmal zu sehen.”
„Ich hab' sie nicht gesehen.”
„Klausen ist großartig; das sagt jedermann.”
„Ich hab' so wenig Zeit für Theater und Zirkus,” donnert Rechtsanwalt Fredriksen. „Ich hab' doch meine Arbeit für den Landtag, und außerdem bin ich Vorsitzender einer parlamentarischen Kommission —”
Frank begriff, daß er hier nichts mehr zu suchen hatte, und ging weiter. Er begab sich wieder an ein warmes Plätzchen und lächelte vor sich hin. O, er verstand mehr Sprachen als die beiden zusammen. Fredriksen verstand wohl nichts, als einen kleinen Rest Deutsch — das war alles!
Aber konnte nicht auch der Rechtsanwalt Fredriksen lächeln? Es ging ihm mit seinen Sprachen wie mit seiner Anatomie: er verstand soviel davon, als er zu wissen brauchte. Jetzt war er wieder auf dem Wege zu seiner Kommission, vollkommen ausgeruht und bereit, die Arbeit da wieder aufzunehmen, wo er sie hatte liegen lassen. Diese Zusammenkünfte in den Kommissionen waren nicht so übel, es stand in der Zeitung, wenn er ankam; er konnte wieder Fahrt- und Kostgelder aus der Staatskasse erheben, abends traf er mit Kollegen und Gleichgestellten bei Punsch und langen Pfeifen zusammen. Das gab Ansehen,ein kleines Winkelblättchen hatte unter anderen auch ihn als künftigen Staatsrat genannt: „Haben wir denn keine Männer? Da ist doch der Oberstaatsanwalt Fredriksen!” Das tat dem Herrn Rechtsanwalt keinen Eintrag, wenn auf ihn hingewiesen wurde, dabei konnte er nur gewinnen, er hatte die Zukunft vor sich, er war nun schon ein Mann, der bei einer Unterredung das Taschenmesser herausziehen und damit in seinen Nägeln herumstochern konnte.
So reisten also diese drei Stadtkinder nach Christiania, Frank, Reinert und der Rechtsanwalt, jeder mit seinem Vorhaben, seinem Ehrgeiz, seiner Zukunft. Der Zeichenstift heizte die Maschine.
Und die Küstenstadt lag wieder hinter ihnen.
Sie wurden daheim vermißt, jeder auf seine Weise. Frank vielleicht am wenigsten. Seine Kammer stand leer, aber die Großmutter hatte nicht mehr nötig, auf den Zehen zu schleichen und konnte am Herde rasseln, soviel sie wollte. Das war keine kleine Änderung zum Besseren. Abel erbte die Kammer von seinem Bruder; aber das war einerlei, hin oder her, er war nur bei Nacht darin, und außerdem war Abel kein Mann der Wissenschaft.
Da hinterließ doch der Rechtsanwalt eine größere Lücke bei seiner Abreise. Nicht als ob sein Kontor durch seine Abwesenheit stark gelitten hätte, sein Geschäft war nicht so groß, daß es ihm nicht mit der Post nachgeschickt und von ihm auf der Bank im Landtag erledigt werden konnte. Aber der Rechtsanwalt hatte doch eine gewisse vorläufige Abrede getroffen, Fräulein Olsen vermißte ihn vielleicht, jedenfalls mußte es ihr sehr still vorkommen, als seine Stimme fehlte. Was war sonst noch erfolgt? Nur abgewartet, die Zeit war noch nicht gekommen, aber sie näherte sich, ein Winkelblättchen hatte schon die kommenden Männer genannt, darunter auch ihn, den mit der Abrede. Fräulein Olsen mußte jedenfalls gewisse schwere Tritte auf der Treppe vermissen, wenn nicht mehr, einen schwer schnaufenden Herrn, der hereintrat, einen Nacken mit einem Speckwulst, eine tastende Hand: „Guten Abend, guten Abend!” Wenn sie nicht sehr vergeßlich war, so mußte sie sich auch an die Zigarrenstummel im Aschenbecher erinnern, an das Zwiegespräch, an die sachliche Art, seineLiebe und norwegische Politik zu betreiben: „Was haben wir im Grunde in diesem Dasein zu erstreben? Es gut zu haben, was denn sonst? Wir steigen von Stellung zu Stellung, und es geht uns besser und immer besser, wir speisen gut, kleiden uns gut, legen zurück, werden vermöglich, besitzen Häuser in der Stadt und Anteile an Schiffen auf dem Meere, bewohnen eine Sommervilla, segeln oder fahren in der Kutsche, wann es uns gefällt. Wir tun nichts, was uns nicht paßt, wir wollen das Unebene nicht eben machen, das sollen die andern tun, jeder nach seinem Geschmack! Nachher — nachher können wir Geschäfte in Gang bringen und den Leuten Arbeit geben, wir können rund um uns herum wohltun, eine helfende Hand reichen. Wir hören von einer obdachlosen Familie und lassen sie in einem von unsern Häusern wohnen: Bitte, nur hier eingezogen mit den Deinen! Wir hören von Unglücksfällen und nehmen Anteil, wir sind alles andere als hartherzig, Matrosen werden zu Krüppeln in ihrem gefahrvollen Berufe, wir greifen ein und verschaffen ihnen ihr Recht. Auf diese Weise werden wir solidarisch, wir wollen Fortschritt und Demokratie, laßt nur uns alles in Ordnung bringen mit dem Dienst, der Fahne und dem Vaterland —”
„Jawohl,” sagte Fräulein Olsen darauf.
„Nicht wahr, so geht es, und so muß es auch gehen! Aber es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, sowohl die Person als die Stellung verlangen eine Gehilfin, Fräulein Olsen —”
„Wollen Sie sich nicht noch eine Zigarre anstecken?”
„Doch, danke. Eine Gehilfin also. Sie ist notwendig aus mehreren Gründen: Dem Haus muß eine Hausfrau vorstehen, sie soll die Zimmer in Ordnung halten, die Einkäufe für den Haushalt gehen durch ihre Hände. Jemand kommt und will den Mann sprechen, er arbeitet, er ist im Staatsrat, aber die Frau repräsentiert. Der Verwaltungsrat eines Altersheims oder einer Anstalt für Geistesschwache wünscht ihre wertvolle Unterstützung, nun gut, die Frau setzt ihren Namen unter einen Aufruf. Sie ist jetzt auf eine höhere Warte gehoben, zu neuen Ehren gelangt, aber auch zu neuen Pflichten. Sie kann sich diesen nicht entziehen, die Öffentlichkeit hält die Augen auf siegerichtet, die Gesellschaft stellt ihre Forderungen. Könnten Sie diese Forderungen erfüllen, mein Fräulein?”
„Ich?” sagt wohl Fräulein Olsen lachend. „Ach, das weiß ich nicht. Nun, wenn es sein müßte, könnte ich es wohl. Was meinen Sie?”
„Das setze ich voraus. Und nun bleibt nur noch übrig, darüber ins reine zu kommen, ob auch Sie wollen. Seit unserer ersten Abrede sind nun mehrere Monate verflossen, Sie haben Zeit gehabt, oftmals darüber nachzudenken. Aber ich warte auf gewisse Veränderungen, die eintreten sollen, es eilt nicht, ich lasse Ihnen noch mehr Zeit.”
Da fragt wohl Fräulein Olsen etwas verwundert: „Unsere erste Abrede, sagen Sie? Was für eine Abrede?”
„Liebes Fräulein, unsere vorläufige Abrede. Erinnern Sie sich denn nicht mehr, bei der Hochzeit Ihrer Schwester? Ich meine doch, wir seien darüber einig geworden —”
„Ja, wir waren nicht uneinig.”
„Na, sehen Sie!”
„AberSietrafen die Abrede.”
„Na ja, darüber wollen wir nicht streiten, ich hab' am meisten geredet, darin haben Sie recht. Ich gab Ihnen mein Versprechen —”
„Sie stellt sich nur ein wenig an!” mag der Rechtsanwalt Fredriksen denken. Aber um sicher zu gehen, will er etwas zur Sprache bringen, etwas verlauten lassen, das ihm eingefallen ist. Diese Maler und Künstler, die ins Haus gekommen sind, könnten ihm das Mädchen wegschnappen, es wäre unglaublich, wenn so etwas geschehen würde, aber jetzt wollte er es andeuten: „Ich hab' Ihnen also meinen Antrag zu Füßen gelegt, und da liegt er. Hm. Wer singt denn da droben auf dem Boden?”
„Das sind die Maler. Sie haben droben ihr Atelier.”
Der Rechtsanwalt lächelt: „Ach, diese Gesellen! Sorglose Seelen, singen und bemalen die Leinwand! Von dem andern rede ich nicht, aber Ihr Schwager ist doch aus gebildetem Hause, ich bin mit seinem Vater auf der Universität gewesen. Wie geht es dem Sohn? So ein junger Mann hat nichts, worauf er zurückgreifen könnte, er hat nichts Rechtes gelernt, hat nicht studiert. Von dem andern will ich gar nicht reden, aber Ihr Schwager hatte doch von Geburt an Aussicht auf eine Zukunft.Na, es kann ja gut gehen, er kann ja hie und da einmal ein Bild verkaufen, ich selbst will ihm später eines abkaufen, und ich werde es Ihnen übertragen, die Auswahl zu treffen.”
„Was —”
„Ja, das will ich,” nickt Herr Fredriksen wie von oben herab, von seiner Höhe. „Ein Bild kaufen und Sie bitten, die Wahl zu treffen. Wollen Sie?”
„Würden Sie mir das anvertrauen?”
„Ich würde Ihnen natürlich noch viel wichtigere Dinge anvertrauen. Und was die Bilder betrifft, so wollen wir ihm nicht eins, sondern zwei abkaufen, das wollen wir. Ich reise jetzt wieder nach Christiania im Dienste meines Vaterlandes. Unsere Abrede soll inzwischen ruhen, wenn die Zeit gekommen ist, werden wir gleicher Meinung sein, das hoff' ich ...”
So hing es also zusammen mit der vorläufigen Abrede! Der Rechtsanwalt war beinahe allein dabei beteiligt. Seht, er hatte vor einigen Monaten diese Sache in Ordnung gebracht, und zwar zu seiner eigenen Zufriedenheit, aber heute war es ihm eingefallen, er wolle doch nicht so ganz allein sein mit dieser Abrede, er wolle auch den andern Teil dabei haben. Selbstverständlich würde Fräulein Olsen einschlagen, er mußte sie nur fragen, sie ein wenig ausforschen. Dann ging es, wie es ging, sie zierte sich ein wenig, aber das hatte nichts zu bedeuten, die Sache endete damit, daß sie versprach, die Bilder für ihre Wohnung zu kaufen.
Damit ging Rechtsanwalt Fredriksen an Bord.
Aber nun saß also Fräulein Olsen wieder einsam und allein in der Stadt und überlegte. Was hatte sie diesem Manne versprochen? Nichts! Nicht das allermindeste. Aber hatte sie ihn von der ersten Stunde an entschieden abgewiesen? Manche Frauen weisen keinen ab, keinen einzigen. Selbst der Unmöglichste läßt sich dazu gebrauchen, die Gedanken zu beschäftigen. Fräulein Olsen gehörte gewiß nicht zu den Berechnenden, den Abgefeimten, aber da war nun einmal dieser Mann, sie hatte ihn im Rückhalt, er war immer besser als gar keiner, sie wurde älter, die Schwester war verheiratet, weiß Gott, eine Zukunft war eine Zukunft, ein Staatsrat ist etwas Rechtes, wenn erwirklich Staatsrat wird. Man konnte immerhin daran denken! Aber berechnend? Sie steckte bis über die Ohren in Berechnungen, war aber doch ein natürliches Mädchen und wie alle andern, die Natur selbst lenkte ihre Politik. Sie hatte noch an nichts Mangel gelitten, sollte sie Mangel an einem Verehrer leiden? Von allem andern hatte sie vollauf, und hier hatte sie nun einen Staatsrat, wenn er es wurde! Daran war nichts Unverständliches, ein Huhn im Gartenbeet ist auch nichts Unverständliches.
Natürlich mußte Fräulein Olsen den Rechtsanwalt vermissen, wenn er abgereist war.
Vermißten ihn noch andere? Vielleicht das Haus Oliver? Das ist nicht wahrscheinlich. Oliver war wohl mehr als froh, als sein draufgängerischer Gläubiger die Stadt wieder verließ, und Petra mußte wohl das ewige Gerenne zu dem Rechtsanwalt satt haben. Endlich waren ihre Verhandlungen erledigt. Sie konnte doch unmöglich etwas übrig haben für diesen Mann, der sie so geplagt hatte, hier konnte sicherlich von Anhänglichkeit keine Rede sein, das fehlte auch gerade noch! Hörte man von einem Wunder und einer schonungslosen Liebe, war am Brunnen die Rede davon, daß beide in Flammen stünden, war das Wort „Kurzschluß” gefallen? Dem Rechtsanwalt gehörte das Dach über Petras Haupt, sie sprach mit diesem Manne, damit sie dieses Dach behalten durfte, das war alles. Gewiß, sie mußte öfter hingehen und über diese Sache mit ihm reden, auch Oliver, ihr Mann, konnte gelegentlich darüber murren, daß sie nie damit fertig wurde. Aber zog sie sich zu diesen Besuchen irgendwie auffallend oder aufreizend an, außer mit einem neuen Hemd unter dem Kleid? Nein, durchaus nicht, soviel Oliver wußte. Sie hatte ja nun einmal diese neuen Hemden bekommen und mochte sie wohl gerne tragen, Petra war eine verheiratete Frau, keines Mannes Annäherungsversuche würden Eindruck auf sie machen. Sie hatte vor vielen Jahren, als sie noch jung war, Scheldrup Johnsen für ein zärtliches Wort eine Backpfeife gegeben, was würde sie dann jetzt wohl tun, wo ihre Haare anfingen an den Schläfen grau zu werden und sie beinahe erwachsene Kinder hatte?
Oliver hatte also keinen Grund zum Mißtrauen. Er sagte: „Jetzt ist er also fort?”
„Ja,” antwortete Petra. „Und mir ist's recht, wenn er nie wiederkommt.”
„Wieso? Meinst du, er bleibe für immer weg?”
„Das weiß ich nicht. Mir wär's recht, wenn er nicht wiederkäme.”
Oliver sah seiner Frau an, daß es ihr ernst war mit dem, was sie sagte; sie machte eine Gebärde des Abscheus und spuckte zur Seite aus. Deutlicher konnte sie nicht reden, sie verabscheute den Rechtsanwalt.
„Ja, er ist kein Mann Gottes,” sagte er. „Aber die Rechtsanwälte! Sind die jemals anders gewesen!”
„Und das sag' ich dir,” beharrte Petra. „Das nächstemal kannst du selbst zu ihm gehen. Ich tu' keinen Schritt mehr.”
Hätte jemand deutlicher reden können! Oliver nahm das nicht übel auf, im Gegenteil; ja und das nächstemal werde er selbst zu Rechtsanwalt Fredriksen gehen, sagte er, nur ein einziges Mal, kurz und gut, sagte er und nickte dazu. Und er werde die Sache ein für allemal abmachen, er werde ihm sagen, wie er heiße, Oliver Andersen, und er werde eine Quittung verlangen für eine gewisse Summe Geldes, die er dem Blutsauger auf den Tisch werfen werde. Der Krüppel und Hasenfuß malte sich aus, wie er auftreten werde.
Übrigens war Oliver in der letzten Zeit wirklich etwas dreister geworden. Das Bewußtsein, daß er Geld in der Tasche hatte, hob den Mann, sein Charakter wurde fester. In den ersten Tagen nach dem Postraub fühlte er sich noch unsicher und bat Petra, ihm eine Innentasche in seine Weste zu nähen. Petra spottete über ihn und hielt es für Großtuerei. „Eine starke Tasche!” verlangte Oliver. „Jawohl, von Segeltuch!” sagte Petra. Da mußte sich Oliver an seine Mutter wenden, damit die Arbeit gemacht wurde.
Und jetzt, wo er seine Innentasche hatte und seine Geldscheine darin, fühlte sich Oliver geborgen; niemand würde auf den Gedanken kommen, einen Krüppel zu untersuchen, der nichts Böses getan hatte. Das Eiderdaunengeld war sein rechtmäßiges Eigentum.
Ärgerlich war es, daß dieses Geld nicht so recht ans Tageslicht kommen durfte. Es hätte Oliver Freude gemacht,in die Kaufläden der Stadt zu gehen und dies und jenes zu verlangen, und dann all sein Geld aus der Tasche zu ziehen und davon zu bezahlen; diese Freude blieb ihm versagt, das Geld mußte mit einer gewissen Lichtscheu ausgegeben werden. Ein Gutes war allerdings dabei, es bestand zum größten Teil in kleinen Scheinen, in vorsichtigen Zwischenräumen konnte Oliver einen solchen dem Pack entnehmen und ihn in Waren umsetzen. Auf diese Weise verschaffte er sich jeden Tag etwas Gutes zum Lutschen, außerdem ein wenig Putz, einen neuen Schlips um den Hals und einen steifen Kragen; den kleinen Mädchen hatte er Schuhe mit Schleifen auf dem Spann gekauft. Niemand faßte Verdacht gegen ihn wegen allzu großer Ausgaben; ein paar größere Geldscheine steckten ausgebreitet in seiner Innentasche.
So ging alles gut, Oliver hatte weiter keine Gelüste, er war leicht zufriedengestellt. Ein Freßsack war er nicht, wenn er auch etwas naschhaft war. Petra war das genaue Gegenteil, ein habsüchtiges und gieriges Weib. Gerade in dieser Zeit hatte Oliver seinen neuen und besseren Charakter recht nötig, er mußte Petra andauernd entschuldigen und ihr milde Ermahnungen angedeihen lassen. Der Teufel mochte sie verstehen, sie war sehr verdreht und querköpfig geworden, es war ihr wie angeflogen, jetzt war ihr weder Essen noch Trinken mehr recht, sie konnte dies und jenes nicht ertragen, der letzte Kaffee hatte geradezu verdorben geschmeckt. „Was für Kaffee bringst du auch nach Hause!” sagte sie. Sie hatte bei Davidsen ein Stück Schweizerkäse gesehen, und wenn sie jetzt noch Stubenmädchen bei Konsul Johnsens gewesen wäre, dann hätte sie solchen Käse bekommen! Übrigens hatte sie im Schaufenster bei Barbier Holte ein Stück Goldseife gesehen, was mußte die gut riechen!
Und Oliver, der die Innentasche voll Geld hatte, konnte antworten: „Sei doch nicht so begehrlich nach allem, was du siehst, Petra! Denk lieber daran, was wir verdienen, du und ich. Es geht uns doch recht gut, wenn schon einmal die Rede davon ist.”
Hier offenbarte sich nun Petras ungebärdige Verdrehtheit, und sie fing an, mit dem Manne zu zanken. Statt sich vor seiner Krücke zu fürchten, die in erreichbarer Nähelag, verhöhnte sie nun diese und ihn selbst und sagte, sie lebe mit einer Krücke, spreche mit einer Krücke, liege im Bett bei einer Krücke und müsse sterben mit einer Krücke; das sei ein Leben! Und dabei spuckte sie wieder zur Seite aus, gerade als ob sie sich erbrechen müßte.
Oliver mit seinem kräftigen Oberkörper hätte den Tisch mit dem Beile spalten oder den Ofen einreißen oder sonst etwas als kleine Warnung vornehmen können, aber er tat etwas völlig Unerwartetes, er ging in die Stadt und kam zurück mit dem Käse und mit dem Stück Seife, bitte! Nein, so etwas! Petra war einen Augenblick wie gelähmt von dieser Unverständlichkeit, dann fing sie an zu weinen: sie wolle die Sachen nicht haben und besitzen! Wie er ein solcher Dummkopf sein könne, sich wegen dieser Narrheiten in Schulden zu stürzen! „Bring die Sachen sofort zurück!”
„Nein, jetzt hast du, was du haben wolltest,” sagte er.
Was sie haben wollte? Durfte sie jetzt nicht einmal mehr einen kleinen Spaß machen? Oder sollte sie zu allem hin auch noch ihr Leben lang stumm sein? Pfui!
Nun mußte es Oliver doch wirklich kränken, daß sie vor ihm ausspuckte wie vor dem Rechtsanwalt, aber er schwieg dazu. Ach, es geht eine große Veränderung vor mit einem Manne, der einen neuen Charakter bekommen hat. Oliver überredete seine Frau, den Käse doch wenigstens zu versuchen, nun ja, sie versuchte ihn und spuckte ihn wieder aus. „Was soll das heißen? Das ist ein anderer Käse, meinst du, du könnest mich anführen?” Petra wurde ganz blaß vor Erregung, sie war über die Maßen ungebärdig, die kleinen Mädchen bekamen heftige Schelte, nur weil sie gelächelt hatten. Als sie an der Seife roch, mußte sie sich die Nase zuhalten.
Es war unmöglich, ihr etwas recht zu machen.
Na ja, weder Oliver noch die kleinen Mädchen hatten etwas dagegen, die gekauften Leckerbissen für sich behalten zu dürfen.
So verging ein Tag nach dem andern, mit Gutem und Bösem, mit Reibereien, kleinen Tageserlebnissen, hie und da mit einem herrlichen Fischgericht, wenn Oliver einmal abends hinausruderte, zuweilen mit Backwaren zum Kaffee, wenn Oliver einen Schein hatte wechseln lassen. Es gingdurchaus nicht armselig zu, die Familie hatte es erträglicher als die meisten kleinen Leute in der Stadt; wie viele hatten denn eine feste Stellung und eine Innentasche voll Geld?
Da war nun der unglückliche Postmeister mit seiner Familie, denen ging es viel schlechter. Der Doktor konnte bei dem schwer heimgesuchten Kranken immer noch keine Besserung feststellen; der Postmeister saß, wo man ihn hinsetzte, stumm und geknickt, wie abgestorben. Man konnte auch nicht annehmen, er sei stillvergnügt über irgend etwas, er kichere und lache in der Einsamkeit und schlage sich vor Lustigkeit auf den Schenkel. Weit entfernt! Es war nichts davon zu merken, daß er sich mit seiner alten Philosophie tröste, mit der Freude über seine Kinder, darüber, daß die Kinder soviel mehr wurden, als er war, darüber, daß sie gottlob schon jetzt an einem besseren Erdenleben für das nächste Mal arbeiteten. Der Postmeister schien gar nichts mehr zu denken, zu sinnen, zu glauben. Er hatte viele Jahre lang gesucht und endlich einen kleinen Pfad mit etwas Licht darauf gefunden, den war er gegangen — bis ganz weit draußen das schreckliche Schicksal furchtbar und hoch aufgerichtet vor ihm stand und ihn aufhielt. Die Wogen seiner Überlegungen hatten ihn verschlungen.
Seine Frau und seine Töchter waren tüchtige Menschen; die eine Tochter sollte jetzt eine Stelle in Konsul Johnsens Laden bekommen, der Sohn, der Landwirt war, steuerte bei, soviel er konnte, und die dürftige Pension reichte eigentlich weiter, als man erwartet hatte, aber so viele erwachsene Menschen konnten doch nicht davon leben. Es hätte schlimm ausgesehen, wenn nicht der Sohn in England, der tüchtige zweite Steuermann, eingetreten wäre. Als er von dem Postraub und dem Unglück seines Vaters hörte, trat er ein wie ein Mann. In einem herrlichen Briefe forderte er seine Eltern und Geschwister auf, in der Stunde der Prüfung ihr Vertrauen auf Gott zu setzen, er erzählte, daß auch er Unannehmlichkeiten von der Sache gehabt habe, er sei verdächtigt und verhört worden, aber natürlich sei nichts auf ihm sitzen geblieben. Er vergab der Welt, daß er verdächtigt und angezeigt worden war, gottlob, das Recht habe gesiegt, in England siege jederzeit das Recht. Zum Schluß äußerte er die Ansicht, daßdarin eine Mahnung für die Stadt zur Umkehr und zum Nachdenken zu erkennen sei, ein so unerhörtes Ereignis gehe nicht nur ihn und seine Familie, sondern alle Leute an. Kurzum, er war fromm. Welch ein Sohn! Nicht mit einem Wort berührte er das Wichtigste, aber das Wichtigste war, daß er augenscheinlich jetzt mehr Geld hatte; ob er nun größere Heuer bezog oder in Englands Erde eine neue Kohlengrube entdeckt hatte, jedenfalls schickte er eine anständige Summe Geldes und versprach, noch mehr zu schicken. Das war Rettung, seine schöne Tat verschaffte der Mutter und den Schwestern ein unerwartetes Glück. Sie gingen zum Herrn des Hauses und erzählten ihm die Neuigkeit, sie hatten sich überlegt, daß sie ihn plötzlich damit überfallen wollten, um sein träges Hirn damit aufzurütteln, sie hofften, daß die Freude ihm mit einem Schlage den Verstand wiedergeben werde, bedenkt doch nur, wenn das geschähe! Aber es geschah nicht, sie wurden enttäuscht. Der Postmeister hörte ihnen zu, er schien sich sogar Mühe zu geben, zu verstehen, was sie ihm erzählten, wobei eines dem andern das Wort vom Munde wegnahm, aber er wurde nicht klüger davon. Es war gerade, als ob er die Neuigkeit schon gehört, oder als ob er sich das gedacht hätte, die einzige Veränderung in seinem Gesicht war, daß er noch etwas blasser wurde. Seine Frau brach in Tränen aus.
„Nein,” sagte der Doktor, „Ihr Sohn, der zweite Steuermann, kann Ihren Mann nicht kurieren.”
Die Frau Postmeister pflegte nicht viel zu reden, sie fühlte sich aber verletzt von des Doktors beständiger geschäftsmäßiger Sicherheit und fragte: „Warum nicht?”
„Ja, warum nicht!” erwiderte der Doktor. „Ich glaube viel eher, daß es der Herr Postmeister schließlich selbst satt bekommen, nur so in seinem Stuhle zu sitzen und seinen Nabel zu betrachten.”
Welche Sprache einer vom Unglück getroffenen Familie, ja Gott gegenüber! Aber das war ganz so geredet, wie es der Doktor im Brauch hatte, da war nichts zu machen.
Der Doktor geht nach Hause in sein Studierzimmer. Er saß in dieser Zeit dem Maler, darum trug er seinen abgetragenen Überzieher und die gestreiften Hosen, die ersich zu Fia Johnsens Konfirmation angeschafft hatte. Das war schon eine Ewigkeit her.
Er geht an Johnsens Doppelkonsulat vorbei, und da er stets ein wachsames Auge auf dieses Geschäft hat, sieht er bald, daß wieder ein neues Schild ausgehängt ist: „Modewaren, Blusen, gestrickte Sachen. Hüte werden garniert.” — Das Schild muß während der Nacht über die Tür gekommen sein.
Der Doktor bleibt stehen und liest das Schild ganz genau, und um nicht völlig mit sich selbst reden zu müssen, sagt er zu einem knicksenden Dienstmädchen, das vorbeigeht: „Unser Herr Ritter schwärmt für neue Schilder.”
Jawohl, Konsul Johnsen hat den Anbau des Ladens, wo jahrelang Öfen und ein paar Eggen standen, ausräumen lassen und einfach ein Modengeschäft daraus gemacht.
Der Doktor geht weiter und lächelt vor sich hin, er kommt an eine Haustür und trifft da den Maler, der auf ihn wartet. „Eine Entdeckung, junger Mann!” ruft er schon von weitem. „Ein Erlebnis!” Und dann fängt er an loszulegen.
Für gewöhnlich pflegte der Doktor mit dem Sohn eines Tünchers keine Zwiesprache zu halten, aber mit diesem jungen Mann war es eine andere Sache, es war ein Künstler und kein unbedeutender Mensch, allerdings jämmerlich unwissend in Bücherweisheit, aber mit soviel Verstand, zu schweigen, wenn die Gelehrsamkeit redete. Während der Sitzungen wurde die ganze Stadt durchgenommen, von dem unglücklichen Postmeister an bis zu Johnsens am Landungsplatz und Grütze-Olsens, von Davidsen und Heiberg bis zum Rechtsanwalt Fredriksen und Oliver, dem Krüppel — mit all der braunäugigen Brut im Hause. Der Maler erhielt viele unterhaltende Aufklärungen über die Verhältnisse in der Stadt; der Doktor war witzig und boshaft, ihm fehlte die Übung im Schießen durchaus nicht, allein es kam doch vor, daß er zu schnell sein wollte, daß seine Pfeile zitternd gerade vorbeifuhren. Auch ein Doktor kann manchmal daneben schießen.
„Junger Mann, Sie sind fremd hier,” konnte er sagen. „Die ganze Stadt ist ein Nest, ein Loch, aber ohne mich wäre sie ein Sumpf. Ich gebe den Leuten etwas zumEinnehmen.” So saßen die beiden im Studierzimmer des Kleinstadtdoktors, der Maler malte, und der Doktor ließ sein Mundwerk laufen. Es war weiter nicht viel Wissenschaftliches in dem Zimmer, obgleich der Maler das gewünscht hatte und das Bild „Der Arzt” heißen sollte. Der Doktor hatte einige Bücher hervorgekramt und einige Arzneikolben aufgestellt, ein Hörrohr stand auf dem Tisch und an der Wand hing eine Tafel mit Buchstaben, nach der für augenschwache Leute die Brillen ausgesucht wurden, in einer Ecke stand auch noch ein wenig Sublimat in einer Tasse, das war alles. Wo war der Operationstisch und die Wandbretter von Glas mit den tausenderlei Instrumenten? Zwei Rohrstühle standen in dem Zimmer. Hier war kein Mikroskop, kein Skelett, nicht einmal ein Schädel zum Beweis des festen Mutes eines Mediziners im Verkehr mit den Toten.
In diesem Rahmen wurde der Doktor gemalt. Es waren behagliche Sitzungen, nur hier und da einmal unterbrochen durch einen Mann mit einem geschwollenen Finger oder eine neuverheiratete Frau mit merkwürdigem Zahnweh. Der Doktor war ein prächtiges Modell, voll Leben, voll treffender Bemerkungen, Bitterkeit, Unglauben und Kampflust, sein Gesicht wechselte beständig und behielt nur als stehenden Ausdruck eine unerschütterlich überlegene Miene bei. Ach, wie verstand er es, dem jungen Mann einleuchtend zu machen, daß die Stadt ein Nest und ein Loch sei!
Nun stößt er also hier an seiner Haustür mit ihm zusammen und läßt sich nicht einmal soviel Zeit, erst einzutreten, ehe er mit seinem Erlebnis anfängt: „Junger Mann, es ist nicht nur der Rechtsanwalt Fredriksen, der Vorteil und Vaterland miteinander zu verbinden versteht.” Wie er Pfeile schoß, abwechselnd traf und daneben schoß! „Johnsen am Landungsplatz hat heute nacht ein Modengeschäft aufgemacht. Das ist übrigens wohl seines Geschäftsführers Berntsen Werk, der ist ein Mann mit großen Gaben, er verdiente mit den Öfen und den Eggen zu wenig, sie standen zu lang herum, nein, Modewaren müssen her! Na ja, das stimmt ja gut zusammen mit allem andern in diesem Geschäft, Johnsen am Landungsplatz verkauft den Haushaltungen ihren täglichen Bedarf,warum sollte er den Dienstmädchen nicht auch ihren Staat verkaufen? Modehandel! Wer soll diesem neuen Zweig vorstehen? Der schiffbrüchige Postmeister hat ja zwei Töchter, die älteste von ihnen soll dem vorstehen. Es ist ein Glück für Johnsen am Landungsplatz, daß der Postmeister ganz gebrochen ist und eine seiner Töchter in dienende Stellung gehen muß. Sie ist ein gewandtes, anständiges Mädchen, jetzt muß sie also aus ihrer Wohnung an der Werft drunten heraustreten und einen Modehandel leiten. Sie hat das nicht gelernt, allein das schadet nichts, es gehört nicht viel dazu, Johnsen bekommt sie billig, ja, es fällt sogar noch ein Schein von Wohltätigkeit auf ihn, weil er ihr Arbeit gibt. Junger Mann, die Stadt ist ein Loch —”
Die Mühle lief, der Maler kam nicht zu Wort; endlich sagte der Doktor: „Na ja, wir wollen hineingehen und malen.”
„Ich möchte heute gerne schwänzen,” sagt der Maler.
„So, schwänzen? Meinethalben gerne. Haben Sie etwas anderes vor?”
Der Maler erwidert: „Ich bin nicht recht aufgelegt.”
„So? Na, meinetwegen gerne. Guten Morgen!”
Aber der Doktor sah dem Maler nach, und dieses Nichtaufgelegtsein war ihm verdächtig, der junge Mann hatte ja wie sonst seinen Malkasten bei sich; ob der nicht doch wo anders hin wollte!
Ganz richtig, der Maler wollte wo anders hin. Frau Konsul Johnsen hatte ihn aufgefordert, ins Konsulat zu kommen, um auf dem Bilde, das er vor einigen Jahren von ihrem Manne gemalt habe, das Dannebrogkreuz hinzuzufügen. Ach, diese Konsuln und deren Frauen in den Küstenstädten! Na ja, sie hatte in dem Briefchen, das sie dem Maler schickte, die Sache erklärt; das Bild sei ja auch vorher schon sehr ähnlich, schrieb Frau Konsul Johnsen, aber Fia, die eben erst von Paris nach Hause gekommen sei, habe gemeint, noch ein paar farbige Striche würden dem Bilde entschieden zum Vorteil gereichen. Pasteur habe auch die Ehrenlegion auf seinem schwarzem Rock.
Es wird Herbst, wird Winter, und die Tage sind sehr kurz. Gewissermaßen war es ganz behaglich, in der Schmiede zu stehen, ein Dach überm Kopf zu haben und glühendes Eisen zu hämmern, das von selbst leuchtete, auch gab es ordentlich zu essen und zu trinken im Hause des Schmieds, ja wahrlich, mancher andere hatte es schlimmer als Abel! Er selbst dachte auch, es gehe ihm gut. So zum Exempel, daß die Arbeit selbst ohne Fausthandschuhe und so ohne Mühe vollbracht werden konnte. Ein großes Schurzfell war Abels wichtigstes Kleidungsstück. Meister Carlsen war in den letzten Monaten sehr zusammengefallen, er sprach immer mutloser von seinen Kräften, machte Bemerkungen, daß er die Schmiede aufgeben wolle, murmelte über den Tod: daß der Tod eintrete oder bis zum nächsten Male vorübergehe, aber es müßten ja alle sterben. Der Herbst hatte ihm hart zugesetzt, hatte ihm das Haar gelichtet und es weiß gemacht, seine Gedanken waren kärglich und unweltlich geworden, er gönnte sich lange Ruhepausen, während Abel arbeitete. Natürlich hatte der Einbruch in der Post Eindruck auf ihn gemacht, sein Bruder, der Polizei-Carlsen, hatte es nicht lassen können, ihm von dem Verhör in England zu berichten und daß Adolf schweinische Malereien auf dem Körper trage. Der alte Schmied erwiderte: „Das ist nicht unser Adolf,” aber der Polizei-Carlsen fuhr fort: „Und denk' dir, die ganze lange Zeit über, während das Schiff gelöscht wurde, war er hier und hat dich nicht ein einziges Mal aufgesucht!” — „Doch,” antwortete der Schmied, „er hat gewiß die Schwester getroffen, als er hier war, es schwebt mir so vor. Die beiden Jungen besuchen ihre Schwester, warum sollen sie mich aufsuchen? Du darfst ihnen nicht unrecht tun!” — „Na, dann ist Adolf also hiergewesen?” fragt der Polizei-Carlsen. — „Nein,” antwortete der Schmied.
Lauter Unsinn. Es war kein Verstand darin. Der Schmied Carlsen nahm es übrigens anders auf als der Postmeister, er war ungelehrt und von einfachem Gemüt, er betrachtete alles mehr gewohnheitsmäßig, es war keine Hysterie in seinem Gedankengang, sondern Handwerk, er war Schmied, er gehörte seinem Stand an. Es ist gut, wenn man seinem Stand angehört, sonst wird man ein Emporkömmling, und die Ursprünglichkeit geht verloren. Und war der Schmied nicht der Vater? Er wußte viel mehr Schlechtes als Gutes von Adolf und verzweifelte nicht. Vor wenigen Jahren noch kroch ja der Junge hier in der Schmiede umher, stellte Fragen, hämmerte auf kleinen Eisenstücken herum und schlug sich dabei auf seine Fingerchen, weinte und wurde wieder getröstet, war es nicht so? Der Adolf in England mußte ein ganz anderer Adolf sein — und selbst der hatte sich wohl die Finger verbrannt, er war vielleicht sogar noch jung. „Die Menschen sind alle miteinander gut, ausgenommen die Halunken!” konnte der Schmied sagen. Jedenfalls aber hatte er es nun wohl aufgegeben, einen seiner Söhne als Nachfolger in der Schmiede zu sehen, wer aber sollte ihn dann ablösen?
Er sagte zu Abel: „In einem Jahr kannst du mehr, als ich konnte, da ich für mich selbst angefangen habe.”
Er meinte wohl etwas mit diesem Ausspruch, oder war es nur ein Lob und eine Anerkennung? Es hinterließ jedenfalls in Abels Herz einen langen goldenen Streifen, er dachte augenblicklich an Klein-Lydia und an die Zukunft. Der unglaubliche Junge! Er war, wenn man ihn so sah, kräftig und rechtschaffen, rußig, ohne Ziererei, übersprudelnd, mit den Jahren hatte er einen guten Brustkasten bekommen, und obgleich seine haarigen Hände ohne besondere Sorgfalt geschaffen zu sein schienen, saßen doch tüchtige Kräfte darin. Seine Schuhe hatte er in der Schmiede selbst ringsum beschlagen, und für den, der sich auf Schuhsohlen verstand, waren die Abels etwas ganz Besonderes.
Als er am Abend heimging, begegnete er seinem Vater, und da weihte er ihn gleich in die Sachlage ein. Oliver — obgleich er selbst seit mehreren Wochen über etwas,was daheim eingetroffen war, mit tiefen Überlegungen beschäftigt ist — gab nun gleich seine eigenen Gedanken auf und hörte dem Sohne aufmerksam zu. „Er muß denken, du sollst der sein, der die Schmiede übernimmt und ihr geradezu vorsteht!” sagte er.
„Soo,” sagt Abel.
„Ich halte es nicht für unmöglich. Was denkst du selbst?”
„Ich weiß es nicht.”
Der Vater nickt mit dem Kopfe, wie wenn die Sache schon entschieden wäre, und erklärt: „Ich kann es nicht anders ansehen.”
Jawohl, Oliver war der Freund der Kinder, zu ihm kamen sie mit ihren Zweifeln und ihren Sorgen, er hatte die richtige Teilnahme für sie, er war für einen Vater, der seine Kinder sich selbst erziehen ließ, wie geschaffen. Abel, der unglaubliche Unband, hatte einmal verlauten lassen, er wolle sich nun niederlassen und sich verheiraten, o, er habe seine Gründe dafür, er würde nie glücklich sein, bis er sie bekomme, sagte er. Der Vater war dann nicht in helles Gelächter ausgebrochen, sondern hatte im Gegenteil genickt und gesagt: das sei gar nicht so verkehrt, durchaus nicht, gewissermaßen, und es komme ihm nicht unerwartet. Denn wenn Abel in kurzem Schmied und Handwerker in der Stadt werde und er groß und breitschulterig geworden sei, dann könne er zum Exempel alles tun, was er nur wolle. Er brauche nur eine kleine Frist, um sich alles zu überlegen, sich Herd und Wohnung und derartiges zu verschaffen, aber er werde schon sehen, zwei Jahre vergingen schnell. — Abel wendete ein, daß er es auf diese Weise unmöglich zwei Jahre lang aushalten könne. — „Nein, das will ich dir gerne glauben,” antwortete der Vater nachgiebig. — Abel fuhr fort: „Denn in jeder Vakanz kommt dieser Reinert heim und verdirbt wieder alles für mich.” — „Reinert,” sagte der Vater mit einem Hohn, der Abel sehr tröstete, „ist ein kleiner Junge, er ist wohl nicht mehr als achtzehn Jahre!” — Abel, der noch nicht lange siebzehn geworden war, beeilte sich einzuwerfen: „Ich bin auch nicht mehr als achtzehn.” — „Ja, aber es ist ein Unterschied zwischen dir und ihm, du bist Handwerker und Fachmann; wenn du ausgelernt hast, dann bist du am ersten besten Tag Meister und Geselle zugleich. Das sag' ichgerade heraus: Gibt es etwas auf der weiten Welt, das rascher vergeht, als ein Jahr oder zwei! Sieh bloß, da verheiratet sich der eine und dort verheiratet sich der andere, und sie sind nicht einmal Handlanger bei einem Maurer. Aber was bist du?” Mit all seinem Gerede meinte wohl Oliver, daß die Zeit dem tollen Jungen über seine Grillen hinüberhelfen werde.
Und an diesem Tag wirkt er aufmunternd auf den Sohn, er entwickelt eine Auffassung der Sache mit vielen wohlgemeinten Redensarten: Der Schmied Carlsen werde Abel über seine ganze Schmiede setzen — gleich wie Pharao einst Joseph über seinen Hof gesetzt habe. „Ich will dir etwas sagen, Abel,” sagte er, „da du so besonders tüchtig in deinem Fach bist und das ausgeführt hast, was er dir aufgetragen, was Gott für dich bestimmt hat, so kann Carlsen nichts anderes meinen.”
„Nein,” stimmte Abel bei.
„Du wirst über sein ganzes Hab und Gut gesetzt, wir wollen jetzt heimgehen und es deinen Schwestern zu wissen tun, das sind große Dinge. Ein Jahr ist weniger, als man glaubt. Was ist ein Jahr? Gott zwinkert nur ein einziges Mal mit den Augen, dann ist es schon ein Jahr. Und wenn du einer Sache vorstehst, so ist das genau so, wie wenn sie dein eigen wäre. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen einem guten Vorsteher und einem schlechten Vorsteher, und wenn ich den Vorräten und dem großen Lagerraum des Konsuls vorstehe, so ist es ebenso —”
Hochtrabende Worte und Geschwätz, Rührseligkeit und Großtuerei. Aber dann sagt der Vater: „Ja, ihr Jungen, ihr kommt wahrhaftig vorwärts, du Abel und Frank auch! Wenn du jetzt auf Kaffee warten willst, so hab' ich Kuchen vom Bäcker hier,” sagte er, um es festlich zu machen. „Es ist heute Samstagabend, und du brauchst morgen nicht in die Schmiede zu gehen.”
O, aber Abel hat viel zu tun und ist nicht frei, er macht sich sauber und geht wieder aus. Er ist wie ein Fischer, der einen Fisch an der Angel hat, nun holt er die Leine ein. Dieser Reinert war also im Sommer wieder eine Ewigkeit dagewesen und hatte ihm das Leben vergällt; jetzt war er wieder abgereist, aber auch nachher war Klein-Lydia nicht so gegen ihn gewesen, wie sie sollte,an manchem Abend ist Abel schweren Herzens von ihr fortgegangen. An diesem Abend geht er bedeutend leichteren Herzens zu ihr.
Er trifft sie daheim, und sie kommt heraus, sie sieht ihm wohl an, daß sich etwas ereignet hat und geht mit ihm.
Zuerst streckt er ihr die Hand hin, und als sie etwas verwundert zögert, sie zu ergreifen, faßt er selbst kräftig zu.
Aber Klein-Lydia — seit sie für Konsul Johnsens neueingerichteten Modehandel Arbeit bekommen hat und Hemden und Blusen näht, hatte sie beständig eine Nadel in der Hand und Nadeln an der Brust stecken, man konnte ihr nicht nahe kommen.
„Ach, ich hab' dich gestochen, wie ich seh',” sagte sie ungerührt.
Ja, das schien für sie mindestens so deutlich zu sein, wie für ihn, er lächelte sauer und leckte das Blut ab.
Der kleine Vorfall war indes vielleicht doch nicht ganz ungünstig, er hielt ihn zurück, sonst hätte er am Ende gleich die ärgsten Unmöglichkeiten gesagt.
„Willst du etwas von mir?” fragte sie.
„Erstens,” sagte er, „soll ich in den nächsten Tagen die Schmiede übernehmen!” Und danach sprach er frisch von der Leber weg und übertrieb vieles, eine Menge Fragen, die Klein-Lydia stellte, beachtete er gar nicht. Jawohl, er sei jetzt Geselle, ein ausgelernter Geselle, ebensogut in diesem wie im nächsten Jahr und könne alles tun, was er wolle. Sein Vater habe ihm gesagt, er solle sich für Herd und Wohnung sorgen ... „Das ist doch nichts, um wie eine Gans darüber zu lachen!” sagte er gekränkt.
„Nein,” versetzte sie nachgiebig. Im übrigen aber sei er nicht recht klug, eben konfirmiert, ja, ob er auch wirklich konfirmiert sei?
„Darauf geb' ich dir nicht einmal eine Antwort,” versetzte er.
Ach, du lieber Gott, was er alles daherschwatzte! Und ihre Mutter lachte jedesmal über ihn, so oft sie ihn sah. Wie alt er denn sei?
„Dreiundzwanzig und drei Monate,” antwortete er, und er sah aus, als glaube er an seine eigene Genauigkeit.
Da lachte Klein-Lydia hellauf und fragte wieder: „Wie alt, sagst du? Gott bewahre mich vor dir, Abel!”
„Du lachst nur!” rief er beleidigt. „Wie alt bist du denn selbst? Daran denkst du nicht.”
Klein-Lydia wollte wahrlich auch nicht klein sein, ebensowenig wie er, sie wollte gerne für ein Nähfräulein gelten und trug schon längst lange Kleider. „Ich?” sagte sie, „wie alt ich bin? Warum fragst du? Ich will nicht länger hier stehen bleiben und dir zuhören.”
Abel schlug um. „Nein, du willst nur dem Reinert zuhören. Aber das muß nun ein Ende haben. Ich kann wirklich nicht glauben, daß du dir etwas aus ihm machst, Klein-Lydia.”
„Ich? Meine Mutter sagt, er sei ein flotter Herr.”
„Nein, er ist ein Gauner!” rief Abel unnatürlich erregt. „Ich werd' ihn zwischen meine Nägel nehmen, wenn er wiederkommt. Verstehst du das?”
„Jetzt muß ich hinein,” sagte sie.
„Zwischen diese meine Nägel!” rief er und streckte beide Fäuste in die Höhe. „Ich bin Manns genug dafür, du wirst es schon sehen!”
Es mußte ihr allmählich aufgegangen sein, daß er wie auf der Folter war, und als er nun erklärte, er müsse sie haben und könne nicht länger warten, zeigte sie sich nachgiebig und sagte, nein, das könne er wohl nicht, er redete immer weiter, mit einer ganz fremden Stimme, die zitterte, er meinte jedes Wort, und sie sagte endlich im Ernst, wenn auch etwas zu erwachsen für ihre jungen Kinderjahre: „Ja, aber ich kann nicht sagen, daß ich dich liebe.”
Er lächelte ungläubig: „Doch, doch,” sagte er. Und dann begann er wieder: „Sie könnten vielleicht oben beim Schmied wohnen, da sei eine Kammer, blau gemalt, mit hübschen Wandbrettern, der Schmied habe gewiß gemeint, er solle auch dieses Gelaß übernehmen, was hätte er anders mit dem Ganzen meinen sollen? Und da werde Abel sie aufheben, dann gebe es in den Ferien kein Scharmutzen mehr mit dem Buben, mit dem Zierbengel in den Kniehosen, dem Gauch!” sagte er. Es solle ein anderes Leben werden. Abel stellte mehrere solche Dinge fest und redete weiter noch zu deren Vorteil.
Klein-Lydia nahm es offenbar vernünftiger als er, sie nickte, als er von der Kammer sprach, und als er erklärte, er werde in Zukunft dem ganzen Getue ein Endemachen, da kam ihr das wohl sehr hart vor, sie hielt es aber doch vielleicht für natürlich, daß er so redete, jedenfalls erhob sie keinen Widerspruch. Aber ganz allmählich, während sie auf seine Rede lauschte, schloß sie langsam die Augen, es war, als verliere sie ihre eigenen Augen aus dem Gesicht, und plötzlich drehte sie sich um und ging hinein.
Ging hinein und kam nicht wieder!
Abel wartete eine Weile, sein ganzes Leben lang hatte er sich von Klein-Lydias Seite in eine weniger korrekte Behandlung finden müssen, und dieses ihr Weggehen war nicht schlimmer als vieles andere. Zum Beispiel damals, als sie ihm heißen Kaffee über die Hände goß, damit er den Bart wegrasieren könne. Oder als sie mit dem Bodenlumpen daherkam und ihm einen dunkeln Schatten unter den Augen wegwaschen wollte, obgleich der Schatten in der Haut saß und von Kummer herrührte.
Als er eben im Begriff war, seiner Wege zu gehen, öffnete Klein-Lydia einen Spalt in der Tür und lugte heraus. Sie konnte es wohl nicht länger drinnen aushalten.
„Ich seh' dich,” sagte er, „du kannst wohl wieder herauskommen.” Jetzt knöpfte er seine Jacke auf und warf sich in die Brust, ja, er gebrauchte also schließlich diesen unwürdigen Kniff mit vollem Bewußtsein, damit sie seine Uhrkette entdecken sollte — die Uhrkette, für die er keine Uhr hatte.
Als sie nun wieder heraustrat, fragte sie unschuldig: „Was, stehst du noch hier?”
„Jawohl,” antwortete er kaltblütig, „ich wartete auf dich.”
Sie holte einen Arm voll Brennholz im Schuppen, das war ein schlauer Vorwand, er konnte nicht mit ihr reden, wenn sie schwer mit Holz beladen war. Da sagte er in einem flotten Ton und mit einem Griff nach seiner Uhrkette: „Ja ja, da du es so willst, Klein-Lydia, dann komm' ich in einer halben Stunde wieder.”
Eigentlich hatte er nichts weiter mit ihr zu bereden, aber darum handelte es sich nicht, er wollte nur da sein, wo sie war, was denn sonst!
Jetzt machte er einen kleinen Gang nach dem Bollwerk und drehte wieder um, er wollte noch einmal zu Klein-Lydiahineinsehen. Wenn er freundlich und harmlos auftrat, schadete ihr eine neue Unterhaltung mit ihm nichts, und ihm würde sie gut tun.
Und — ob es nun wohl vorbedacht oder ein glücklicher Zufall war — er traf sie ganz allein in der Stube, die Eltern hatten sich in der Kammer schlafen gelegt, und die Schwestern waren ausgegangen, da es Samstagabend war. Klein-Lydia nähte und war übertrieben fleißig.
Jetzt sah er natürlich gleich, daß sie einen reizenden süßen Mund hatte, aber aus Höflichkeit und um nicht aufdringlich zu sein, wollte er sie doch nicht küssen, er wollte überhaupt nicht parteiisch und zu seinem eigenen Vorteil handeln. „Wir haben vorhin nicht so recht auf besonders gutem Fuß gestanden,” sagte er.
Doch, sie wisse nichts anderes. Wieso denn? „Aber laß die Finger von den weißen Bändern, Abel!”
Wenn sie abermals diesen Ton anschlug, nun, dann kam er wohl an diesem Abend auch nicht weiter, und wenn sie mit noch mehr Nadeln an der Brust als je vorher am Tisch saß, dann hatte sie sich wohl mit Absicht umgürtet. War es da zu verwundern, daß er böse und ärgerlich wurde, als sie ihn wegen der weißen Bänder ermahnte? „Ach, sei doch nicht so!” versetzte er. „Ich hab' auch schon früher Stoffe und Samt vom feinsten Gewebe in der Hand gehabt. Im übrigen haben allerdings meine Finger hier nichts zu schaffen,” fügte er hinzu und zog seine Hände zurück.
Selbst wenn sie keine größere Vorliebe für ihn hatte, so hätte sie jetzt doch gerührt sein müssen, die Tränen hätten ihr in die Augen treten müssen, und sie hätte die Arme um ihn schlagen sollen; aber nein, keine Zärtlichkeit!
Er hatte schon lange daran gedacht, sich ein Maß von ihrem Ringfinger zu verschaffen, es mußte aber ganz zufällig geschehen, denn er wollte das Maß zu einem gewissen Zweck; deshalb hatte er vorhin mit einem Stückchen Leinenband gespielt. „Du hast so dünne Fingerchen,” sagte er, „dein Ringfinger ist wohl nicht dicker als so? Laß mich einmal sehen!”
Wenn er meinte, sie hätte keine erwachsenen Finger, sondern nur Kinderfinger, dann war das eine Beleidigung: „Nein, laß mich!” sagte sie. „Ich hab' keine Zeit!”
Würde das nun ein Überfall sein, wenn er sie für diese Wichtigtuerei ganz einfach küßte? Sie sah allerdings so abweisend aus, als ob ihr dadurch ein Leid geschähe, aber er fuhr doch auf und tat es; küßte sie trotz aller Nadeln, küßte sie eine ganze Weile ab. Und sie ließ es geschehen, stöhnte zwar dazwischen: „Du bist verrückt! Laß sein! Was willst du denn?” aber sie ließ es geschehen. O, Klein-Lydia und er hatten das schon früher getan, es war nicht zum erstenmal.
Jetzt nachher war es eigentlich unangenehm, er versuchte allerdings, es fortzulachen und darüber wegzugehen, aber ein wenig mißglückt war es doch. Sie strich sich hastig das Haar glatt und zog ihren Halskragen gerade, der schief gezogen worden war; nachher wurde sie stumm, und es schien, als sei es ein reiner Vorwand, daß sie wieder nach ihrem Nähzeug griff. Ja, ja, er hatte ihr offenbar ein ernstliches Leid zugefügt, sie war tiefgekränkt, sie schien sowohl diese letzten Küsse, als auch alle die vorigen als verschleudert zu bereuen.
Da saß nun Klein-Lydia, von Stoffen, Spitzen, Nähseide, Knöpfen und Bändern umgeben, sie hatte auch die feinen Handarbeiten der Schwestern herausgelegt, um damit zu prahlen, sie selbst nähte ja meist Futtersachen. Es hatte also auf Abel keine Wirkung ausgeübt, daß sie diese Vorbereitungen getroffen hatte, er hatte gar kein Verständnis dafür, was ein Nähfräulein war.
„Ich will durchaus nicht, daß du mich je wieder küßt!” sagte sie plötzlich.
„Nicht?”
„Nein, durchaus nicht!”
„Wann hab' ich dich denn geküßt? Das könnte ich ja gar nicht!” Aber seine Keckheit half ihm gar nichts, er sah wohl ein, daß der Schein gegen ihn war. Und nun blieb ihm nichts anderes übrig, als nach dem alten Mittel zu greifen, bei dem sie vorhin eingeschlafen war: er versicherte ihr wieder, sie müsse ihn nehmen, ihn und keinen andern, und in den Ferien werde er sie gar nicht ausgehen lassen.
„So schweig' doch!” sagte sie.
„Gleich morgen geh' ich hin und kauf' den Herd,” entschied er. „Der Johnsen am Landungsplatz hat ein paarHerde weggetan, sie liegen draußen herum, aber ich hol' mir einen davon und werd' den Rost schon herunterkriegen. Jawohl, ich tu' es gleich morgen.”
„Ja, das solltest du nur wagen!” drohte sie.
Sie stritten ein wenig darüber; Klein-Lydia war hier die Verständigere und hatte die Oberhand. „Daß du dich auch nicht ein bißchen vor mir schämst!” sagte sie.
„Na, ich kann ja auch noch ein paar Tage warten,” meinte Abel, um sich so nachgiebig wie nur möglich zu zeigen.
„Ein paar Tage!” erwiderte sie mitleidig.
„Aber soll es mir denn niemals glücken?” versetzte er heftig. „Wenn das deine Meinung ist, dann will ich's wissen.”
Darauf erwiderte sie unendlich kühl und herablassend: „Ja, das ist meine Meinung.”
„Daß du mich überhaupt nicht willst?”
„Ja, das kannst du doch merken,” antwortete sie. Und nun raffte sie den ganzen Staat auf dem Tisch zusammen, wie um auf ihn hinzuweisen: „Sieh, was alles für mein ganzes Leben auf dem Spiel steht, wenn ich in diesem Augenblick eine andere Antwort gäbe!” Sie drehte sich um, ihre Mutter sprach in die Stube herein. Mutter Lydia sagte:
„Geh sofort zu Bett, Lydia! Und du, Abel, geh auch, augenblicklich! Ich will auch nicht, daß du dich hier spät und früh herumtreibst, nun hast du's gehört! Was ist das für eine erbärmliche Narretei von so einer Rotznase! Bist du nicht recht klug? Geh heim und werd' erst trocken hinter den Ohren!”
Die Kammertür wurde zugemacht, aber dann ging sie wieder auf, und Mutter Lydia sprach noch einmal, das Reibeisen sagte ein letztes Wort: „Sag' deinem Vater von mir, daß er dir Haue auf dein Hinterteil geben soll!”
Abel — da saß er! Dann stand er auf und blieb so sonderbar stehen, den Stuhl zwischen den Beinen. Dann faßte er sich endlich etwas, richtete den Blick zuerst auf die geschlossene Tür und dann auf Klein-Lydia. Sein Gesicht hat einen bläulichen Schein bekommen, aber er hielt sich einigermaßen stramm und sagte lächelnd: „Das war zum Satan!”
Von Klein-Lydia wurde ihm keine Hilfe zuteil, und sie anerkannte auch seine Mannhaftigkeit nicht. Sie jagte ihn nicht fort, nein, sie tat nichts in der Richtung, wo es heißt: „Nun, flugs, es gilt das Leben, bete ein Vaterunser!” Nein, Klein-Lydia war an die scharfe Zunge ihrer Mutter gewöhnt und fürchtete sich nicht davor. Aber als Abel nach der Tür ging, war es wirklich, als gefalle ihr seine Art zu verschwinden, sie hielt ihn mit keinem Wort zurück.
„Ja ja,” sagte er, um nicht ganz vernichtet zu sein. „Ja, ich werde schon aus dem Wege gehen, wenn es so beschaffen ist.” O, aber er hatte wohl zuviel versprochen, plötzlich fragte er Klein-Lydia: „Kannst du nicht mit mir hinausgehen, daß ich mit dir reden kann?”
„Nein, weit entfernt!” antwortete sie.
Da ging Abel heim. Die Eltern stritten sich um etwas; da er aber keine Lust hatte, zuzuhören, verschwand er in der Kammer.
Und doch war es kein uninteressanter Streit, der da im Anbau ausgefochten wurde. Olivers wochenlange Grübeleien über eine gewisse Sache hatten endlich ihre Entladung in einer Art Verhör seiner Frau gefunden. Petra war nämlich aufs neue guter Hoffnung; aber wie in aller Welt war das zugegangen?
Petra hatte merkwürdigerweise auch selbst versucht, ihren Zustand so lang wie möglich geheimzuhalten, akkurat, als ob eine verheiratete Frau nicht dick werden dürfte, ja, als ob sie etwas Unrechtes getan hätte; vielleicht war es das, was Oliver zuerst mißtrauisch gemacht hatte. Aber an diesem Abend, als er mit seiner direkten Anklage auf sie losgeht, da verbirgt sie nichts mehr und leugnet nichts.
„Petra,” sagte er, „ich glaube, du wirst wieder dick?”
„Du faselst!” erwiderte sie.
„Und beim Satan, wie hast du denn das angefangen?”
„Es nützt wohl nichts, es zu leugnen,” sagt sie schmeichlerisch, „denn du siehst alles.”
„Ja,” sagte er, „ich hab' es schon seit mehreren Wochen gesehen.”
Petra hatte Zeit, sich vorzubereiten, sie warf ihm nichts vor, sondern sagte: „Wie ich das angefangen hab', das weißt du wohl selbst!” Nein, sie fing den Stoß auf, wendeteihn aber ab, schob ihn auf die Seite. „Was ich getan hab'?” sagte sie. „Wenn ich Kinder bekomme, so ist es nicht schlimmer, als wenn Maren Salt Kinder bekommt.”
„Als Maren Salt?” Was wollte sie nun damit? Oliver hatte keine Worte dafür.
„Ja, das sag' ich gerade heraus,” fuhr Petra fort und sah ihren Mann beinahe streng und beleidigt an. „Sie war viel älter, als ich jetzt bin, und ich begreif' nicht, wie gewisse Leute sich so in Maren verguckt haben können.”
„Ich versteh' dein ganzes Geschwätz nicht.”
„Na,” sagte Petra. „Aber dann kann ich dir mitteilen, daß sie dich beschuldigen, der Vater von Maren Salts Kind zu sein.”
Oliver sperrte Nase und Mund auf. Waren die Menschen verrückt geworden? Er sagte. „Du — du hast den Verstand verloren.”
Petra murrte und sah noch beleidigter aus.
„Wenn ich so frei von aller Schuld wäre wie du!” sagte er.
„Du weißt selbst, was du bist,” versetzte sie unversöhnlich.
Jetzt aber stach Oliver der Hochmut, die Sache fing an, ihm zu gefallen. Wahrlich, alles in allem konnte er nichts gegen diese Beschuldigung haben, er hatte sicherlich nicht die Absicht, sie ehrenrührig zu finden, höchstens etwas beleidigend. „Wer ist's denn, der dir diese Lüge weisgemacht hat?” fragte er.
„Das kann dir einerlei sein, wer es ist. Aber wenn du es wissen willst, so ist es der Mattis.”
„Hat Mattis es gesagt?”
„Ja, und er hatte wohl auch seine Gründe dafür.”
Oliver überlegte ein Weilchen, setzte die Mütze schief und warf sich in die Brust. „Man muß doch allerlei erleben!” sagte er. „Im übrigen kümmer' ich mich nicht darum, was ihr, du und der Mattis, von mir glaubt. Aber er soll nicht allzu sicher sein, daß ich ihn nicht verklage.”
„Es würde dir nichts helfen, wenn du nur den Mattis verklagen würdest. Dann müßtest du die ganze Stadt verklagen.”
„Spricht die ganze Stadt davon?” fragte Oliver.
„Ja, soviel ich weiß.”
Wieder überlegte er und dachte darüber nach. Das war eine merkwürdige und höchst unerwartete Lage, in die er da hineingekommen war, Gott bewahre mich! Da mußte etwas daraus gemacht, sie mußte ausgenützt werden können. Er fing an, ein Liedchen vor sich hinzusummen, während er noch überlegte. Petra sah ihn forschend an und stand wohl dem Eigentümlichen, was jetzt in diesem Manne, diesem verpfuschten Manne vorging, verständnislos gegenüber, summte er ein Liedchen? Vielleicht war er in diesem Augenblick glücklicher, als er in den letzten zwanzig Jahren gewesen war, vielleicht hatte er das Gefühl, daß in ihm etwas wieder aufgerichtet worden sei, eine Würde, ein Wert, vielleicht sah er sich rehabilitiert durch einen Betrug, indem er mitten in einem falschen Licht stand, aber doch rehabilitiert. Warum sitzt er dort und sieht aus wie reich geworden, ja überreich? Hat er Wein und Brot erhalten und ist gesegnet worden? Hat der Himmel sich geöffnet, ist ein Wunder geschehen? Seht, der Ärmste ist nicht er selbst, er ist einmal in der Welt draußen gewesen, in diesem Augenblick war er wohl wieder draußen, er leckte sich die Lippen und tat sich etwas darauf zugute, ahmte sich selbst nach aus früheren Tagen, da er bei hübschen Liebchen in den Hafenstädten Glück gehabt hatte. Petra war daran gewöhnt, ihn fett und gleichgültig zu sehen, immer mit der Krücke umherhumpelnd oder sich auf einem Stuhl am Tisch herumfläzend. O, er gehörte zu den Quallen, die in tödlicher Dummheit und Nichtigkeit an dem Brückenrand lagen und nur atmeten; jetzt sitzt er dort, wundert sich und freut sich über etwas, aber über was denn?