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„Doch, sofort! Aber Jörgen hat sie bekommen.”

„Ach so, Jörgen hat sie bekommen?”

„Ja, eine nagelneue Pfeife. Ich hab' sie irgendwo im Ausland gekauft; doch was ich sagen wollte: Wann willst du dich verändern?”

„Ja, weißt du,” antwortete Mattis wie etwas verschämt, „schon in allernächster Zeit.”

„Ach so,” sagte Oliver und blieb ganz ruhig dabei. Oliver konnte sanftmütig und ungeheuer verständig sein, er fand sich in das Unvermeidliche. Der Schreiner empfand Mitleid mit ihm, er war doch eigentlich ein Napoleon. Da saß nun Oliver, schaute zu Boden und hatte wohl einen wehmütigen Augenblick, er hatte die Augen fast geschlossen. Aber plötzlich lief ein Kräuseln über die ruhige Oberfläche hin, er sah noch immer zu Boden, aber er deutete mit der Krücke hinaus und sagte:

„Die Türen dort sollt' ich wieder haben.”

Mattis riß die Augen auf und fragte: „Was?”

„Die Türen dort sollt' ich wieder haben.”

„Die Türen? Ach so!”

Oliver schlug langsam die Augen auf und sagte: „Du kannst sie mir wiedergeben.”

Sie sahen einander starr an, dann sagte Mattis:

„Ich will sehen, daß ich Zeit bekomme, dir zwei Türen zu machen.”

„Nein,” erwiderte Oliver sofort, „entweder diese Türen oder keine.”

War das eine Drohung? Oliver richtete sich auf und stand ganz steif da, ja, er gebrauchte die Krücke nur als Spazierstock, eine ganz überlegene Art war plötzlich über ihn gekommen. Seht, so etwas konnte die Auffassung des Schreiners über den Krüppel wohl etwas verwirren, Mattis sah eigentlich aus, als verstehe er die Sache gar nicht, es war, als sei seine große Nase länger geworden. Offenbar fühlte er sich unsicher.

„Nun, die Türen kannst du haben,” sagte er.

„Du tust mir einen großen Gefallen,” sagte Oliver jetzt. Er ließ Mattis in tiefe Gedanken versunken hinter sich und wanderte heimwärts.

Dann war er wieder wie zuvor. Er saß am Tisch, döste und schlief, versetzte der Katze ab und zu einen Fußtritt und ließ seine Blicke über die menschenleere Straße hinlaufen. Die Tage wurden ihm sehr lang. Die Türen waren eben eingetroffen und standen im Flur, sie waren noch nicht wieder eingehängt, aber sie standen ganz fertig da. Mattis hatte sie selbst auf dem Kopfe hergetragen, die eine Tür nach der andern. Der Schreiner war etwas wortkarg gewesen, das war nicht so ganz behaglich. Oliver sagte: „Du hast doch ungeheure Kräfte, Mattis.”

Kurz nachher kam auch die Mutter wieder heim. Sie trat ein, grüßte nicht und gab Oliver nicht die Hand, aber sie sah nicht unfreundlich aus. „Hast du die Türen wieder bekommen?” fragte sie, und sie fand es nun wohl schon etwas behaglicher daheim.

„Wo bist du gewesen?” fragte der Sohn.

„O, ich bin ein wenig umhergewandert.”

„Ja, siehst du,” sagte Oliver, „wenn du auch fort bist, so schaff' ich doch das eine und andere ins Haus. Jetzt hab' ich die Türen wieder bekommen.”

„Meinetwegen kannst du tun, was du willst, du kannstTüren im Haus haben oder nicht,” versetzte die Mutter und kniff die Lippen zusammen.

„Ach so, du kümmerst dich nicht darum, wie es hier bei uns ist! Dann kann der Satan Türen für dich herbeischaffen!”

Oliver richtete sich auf, ergriff seine Krücke und hinkte hinaus. O, er wollte die Gelegenheit benützen und sich ordentlich in Zorn versetzen! Er nahm den Weg wieder nach dem Hügel, nach dem Neubau. Während er fort war, hielt die Mutter eine Mahlzeit. Die Alte hatte, als sie heimkam, verschiedene Eßwaren unter ihrem Tuch verborgen: Waffeln, Blutpudding, geräucherte Heringe, Eier, Speck und Brot. Als sie fertig war, packte sie alles wieder gut ein und verbarg es zu unterst in ihrem Bett.

Als Oliver zurückkam, brachte er einen Mann mit. Der Mann lud sich ein Türe auf den Kopf und trug sie fort.

Mutter und Sohn sprachen nicht miteinander. Der Mann kam wieder, holte auch die andere Tür und trug sie fort, er schlug den Weg nach dem Neubau ein. Jetzt dachte Oliver vielleicht doch, er sei etwas weit gegangen, und er wollte die Mutter besänftigen. „Wenn du eine Tür kaufen willst, dann kostet es ein Blutgeld, wenn du sie aber wieder verkaufen willst, dann bekommst du nicht so viel, daß du eine ordentliche Mahlzeit damit bezahlen kannst.”

„Aber ich hoffe, du hast die Türen nicht wieder verkauft,” sagte die Mutter.

„Was soll ich mit ihnen?” rief Oliver. „Und zum Kuckuck, du hast dir ja auch gar nichts aus ihnen gemacht!”

„Ach, Gott bewahre mich vor dir!” rief die Mutter.

Zuerst hatte er wohl im Sinn, aufzufahren und ihr die ganze Schuld aufzuladen, er fuhr unnötig hastig in der Stube herum und stampfte mit dem Stelzfuß. Doch er mußte seinen Verstand gebrauchen, dazu hatte er ihn.

„Hier, das ist für die Türen!” sagte er und legte das Geld auf den Tisch. „Du kannst alles miteinander haben.”

Wieder schien die Mutter durchaus nicht überwältigt zu sein; sie schielte nach dem Geld hin und warf den Kopf zurück.

Oliver fragte gekränkt: „Was — du meinst vielleicht,ich hätte das übrige vertrunken? Ich hab' ein klein wenig für die weite Fahrt zurückbehalten.”

„Welche weite Fahrt?”

„Und wenn ich nun auf Langfahrt gehe, muß ich auch was haben, um mir einen Imbiß zu kaufen.”

„Ja, jetzt ist wohl das richtige Wetter zu einer Langfahrt!” sagte die Mutter ungläubig.

„Der Sturm läßt nach, der Wind hat sich gedreht. Übrigens,” murmelte er, und er war immer noch der, der seinen Verstand gebrauchen mußte, denn dazu hatte er ihn, „übrigens will ich nicht mit dir streiten.”

„Ach so,” versetzte die Mutter beleidigt.

„Nein, denn es ist doch falsch, wie ich's auch mache.”

Der Kuckuck sollte den Oliver holen, nun fühlte er sich wohl in der Sache mit den Türen noch gekränkt!

Und endlich brach wieder ein schöner Tag an; er hielt sich und noch einer dazu, es sah aus, als bliebe das Wetter nun beständig.

Oliver ging zum Fischer Jörgen und sagte: „Nun mußt du so gut sein und morgen dein Boot mit dem meinen tauschen.”

„Aber warum denn?”

„Ich sollte weit hinausrudern und wage die Fahrt nicht in meinem eigenen Boot. Ei sieh, du benützt die Pfeife! Wie ist sie denn?”

„Die Pfeife ist schon recht.”

„Ja, du mußt sie gebrauchen, denn dir gehört sie.”

Lydia wollte ihm Kaffee geben, aber er hatte selbst Geld in der Tasche und konnte es sich leisten, das Anerbieten auszuschlagen. „Ich hab' getrunken, eh' ich daheim wegging. Ja, was meinst du, Jörgen, willst du mir den Gefallen tun?”

Jörgen blieb keine andere Wahl. Er antwortete: „Ich werd' es wohl tun müssen. Aber du mußt ordentlich mit dem Boot umgehen.”

Dann fuhr Oliver auf eine Langfahrt hinaus.

An das, was nun geschah, erinnern sich die alten Leute im Städtchen noch heutigen Tages, es war keine Kleinigkeit. Oliver ging nicht unter, und er kam auch nicht abermals zu Schaden, nein, er kam mit einem Schiff heim, mit einem Havaristen, und verlangte seinen Bergelohn. Allerdings konnte er den Verdienst nicht allein einheimsen; als er das Schiff draußen vor den Scheren auf dem Wasser treibend fand, ausgestorben und ohne Mannschaft, mußte er ans nächste Ufer rudern, um Hilfe zu holen; aber Oliver war der Entdecker, und er war der kundige Seemann, der das Bergen des Schiffes in die Handnehmen konnte. Er setzte die Pumpen in Gang, er barg die Segelfetzen und herabhängenden Leinen, dann erteilte er den Männern die Befehle beim Bugsieren, und er selbst stellte sich ans Steuer. Jetzt konnte niemand sehen, daß er ein Krüppel war.

Wenn er nun eine Kaffeeladung an Land geführt hätte! So gut war es allerdings nicht, das Schiff hatte Backsteine an Bord, es führte sozusagen Backsteine als Ballast mit sich, ein dänisches Schiff war's, das vielleicht nur nach der nächsten Landstadt mit diesen Backsteinen sollte und dann von einem übermächtigen Sturm ins offene Meer getrieben worden war. Der alte Kasten war nicht viel wert; aber es war doch immerhin etwas, ein Fund und ein Geschenk, ramponiert, jawohl, ohne Rettungsboote, ohne Ansehen, ein stinkender alter Kasten, aber durchaus kein Wrack. Das Schiff mußte während des ganzen langen Sturmes im Wasser gelegen haben, es schien wegen Mangel an Proviant von der Mannschaft verlassen worden zu sein, denn es fand sich fast nichts Eßbares an Bord.

Da konnte man nun den seltenen Anblick genießen, und der ganze Ort starrte neugierig auf die spiegelblanke Bucht hinaus. Was war das? Eine Art Aufzug: Bugsierboot und Schiff, dahinter ein Boot im Schlepptau. Die Leute schlenderten allmählich zum Bollwerk hinunter, Jörgen kam herbei und erkannte sein Boot, das Schiff selbst war ihm unbekannt, aber Oliver stand darauf.

Ja, Oliver stand fest und steif an Bord und übertrieb nicht mit besonders starken Ausdrücken; aber er erteilte den beiden Fischern, die er sich zur Hilfe bei der Bergung geholt hatte, Befehle, dann schickte er einen Mann an Land nach dem Konsul. Jörgen rief Oliver eine sanftmütige Frage zu, was das für ein Schiff sei, aber er bekam keine Antwort, denn Oliver hatte viel zu viel zu tun. Olaus vom Wiesenrain, der sich immer am Bollwerk herumtrieb und ein ungewaschenes Maul hatte, sagte ganz laut: „Er hat die Schute gestohlen!”

Oliver war aufgebracht, weil der Konsul nicht selbst kam, sondern nur sein Sohn, der junge Scheldrup. „Wo ist dein Vater?” fragte Oliver.

„Mein Vater? Was ist das für ein Schiff?”

„Geh und hol' deinen Vater! Du kannst dich darauf verlassen, daß er ein Protokoll aufnehmen und alles an Bord versiegeln muß.”

„Ich frage, was das für ein Schiff ist!”

Oliver befahl ein paar kleinen Jungen am Bollwerk, den Konsul zu holen, und erst als dies getan war, wendete er sich an den jungen Scheldrup und erklärte: „Ja, denn dies ist ein Däne und ein Ausländer, soweit ich es nach verschiedenen Sachen beurteilen kann.”

Dann kam der Konsul, C. A. Johnsen kam selbst, und die Menge machte ihm Platz. Er kam ein wenig zögernd daher, wie ein Mann, den nicht jedermann holen lassen konnte; aber er hatte ja auch einen überlegenen Kopf und verstand schnell alles, ein paar Fragen genügten für ihn.

„Ich komme mit einem seltenen Gast!” äußert Oliver. Der Konsul heftete seine braunen Augen auf das Schiff, und es machte ihm keinen überwältigenden Eindruck, es war kein Dampfschiff, es war nicht seine eigene „Fia”. Er ließ sich durch den jungen Scheldrup Schreibgeräte kommen und nahm Erklärung und Protokoll auf.

Es dauerte eine Stunde, aber die Menge wartete. Die halbe Stadt war nun am Bollwerk versammelt, Petra war auch da, ebenso der Rechtsanwalt Fredriksen. Dieser sagte: „Wer ist der Held, der das Schiff geborgen hat?” Der junge Scheldrup erlaubte sich einen Scherz und sagte: „Oliver — falls Sie eine Rede halten wollen!” Der junge Scheldrup scherzte auch mit Petra, dieser Grünschnabel fing an, sich etwas zu erwachsen zu gebärden. — „In meinen Augen ist das nun eine Seemannstat,” sagte Rechtsanwalt Fredriksen.

Jawohl, eine Seemannstat! Oliver kam in die Zeitung dafür, und viele Leute sprachen davon. Oliver selbst machte keine große Sache aus dem Ereignis, er mußte den Landkrabben alle Einzelheiten erklären, überhob sich aber nicht, äffte nicht die Honoratioren der Stadt nach und machte sich nicht lächerlich. Natürlich war Oliver selbst außerordentlich befriedigt von seiner Mannestat, er ging gleich hin und verlangte einen neuen Anzug, den hatte er verdient. Samt und Seide waren nicht nach seinem Geschmack, aber einen blauen Seemannsanzug, den könne ihm niemand mißgönnen. „Wie es zuging?” sagte er zuden Landratten. „Ganz genau, wie wenn du auf einem Spaziergang bist und findest einen goldenen Ring und hebst ihn auf.” Ach, da lachten alle über seine Scherzhaftigkeit: so leicht war es nun doch nicht, eine Seemannstat auszuführen! Er war wie ein König, der zu seinem Volke niederstieg und sich leutselig erwies, und er übersah nicht die andern, die nur daheim saßen, während er das Schiff barg.

Aber schon nach einigen Tagen mußte er etwas mehr daraus machen; zum Fischer Jörgen sagte er: „Du weißt, ich wollte Treibholz fangen. Da war es, als ob jemand zu mir sagte, ich solle weiter hinausrudern, immer weiter hinaus. Es war genau, wie wenn es mir eingegeben worden wäre.”

Ja, Jörgen nickte nachdenklich bei diesen Worten, denn vieles sei verborgen in der Natur, meinte er.

„Ach, ich will es durchaus nicht größer machen, als es ist,” sagte Oliver; „ich hatte nie von einem Havaristen auf dem weiten Meere draußen geträumt. Aber wie ich da in meinem Boot saß und ruderte, kam es über mich: Weiter hinaus, weit hinaus! Es ist nun auch so, wie du weißt, ich bin weit in der Welt herumgekommen und bin von meinem vierzehnten Jahre an draußen gewesen. Die Weltkugel hab' ich auf der andern Seite gesehen, deshalb ist es nun fast, als sei ich gar nicht mehr aus dem Städtchen hier, das kann ich dir sagen. Aber jetzt muß ich hier leben und sterben, in Gottes Namen, das läßt sich nicht ändern!”

Es war auffallend, wie viel leichtlebiger Oliver wurde. Das zufällige Glück mit dem Havaristen änderte allmählich seine Ansichten, die Bitterkeit verließ ihn, er wurde freundlicher, wurde geduldiger. Nein, er nahm sich nicht zusammen und wurde nicht fleißig und arbeitsam, wanderte aber in seinem neuen Anzug umher, und die Hose blaffte recht leer um seinen Stelzfuß, aber er verfluchte sein Unglück nicht mehr. „Kauf' nur das für mich, was du selbst willst,” sagte er wohl zu seiner Mutter und war sehr nachgiebig. Eines Tages begegnete er einer alten Frau, die mit einer Tischdecke herumging und Lose darauf verkaufte. „Laß mich sehen! Ei, das ist eine feine Decke!” sagte Oliver und nahm Lose um des guten Zweckes willen.Es war fast eine Art Gottesfurcht, die über ihn gekommen war.

Es verging wohl eine Woche, dann ging es nicht mehr. Konsul Johnsen hatte ihm Vorschuß auf den Bergelohn gegeben, aber der Konsul konnte nicht ohne weiteres das Schiff und die Ladung verkaufen und Oliver die ganze Summe ausbezahlen. Hatte Oliver gemeint, er könne sich immer weiter Vorschuß holen? Jedenfalls hatte er wohl gedacht, es werde länger dauern, alles ging nun so gut, es war eine ausgezeichnete Zeit, Oliver konnte zum Havaristen hinunterschlendern, ihn jeden Tag auspumpen und ihn fast als sein Eigentum betrachten.

Aber dann tauchte die Mannschaft auf. O ja, die Mannschaft weit drunten vom Süden und sie kam gen Norden, der Schiffsführer und drei Mann, die Herren des Schiffes. O nein, es konnte keine Rede davon sein, das Schiff zu kassieren, sie fingen gleich an, es auszubessern. Da sie nun einmal nach Norwegen gekommen waren, wollten sie ihre Backsteine nicht wieder zurückfahren, sie verkauften sie an den Konsul und beluden dafür das Schiff mit Holzbalken. Dann machten sie über alles glatte Rechnung und fuhren ab.

Die goldenen Tage waren vorüber. Oliver saß wieder auf dem Trockenen. Wie war es eigentlich zugegangen? Jawohl, der Bergelohn, der war sicher, aber Oliver mußte ihn mit den beiden andern teilen, mit den beiden Fischern, es machte also für den einzelnen kein Vermögen aus. „Soll ich nicht einmal den Bruderteil haben?” fragte Oliver. Er bekam den Bruderteil und außerdem noch eine besondere Bezahlung für das Pumpen. Aber er hatte alles miteinander schon als Vorschuß bekommen; ei, wie war das zugegangen?

Diese kurze Zeit des Glücks hatte ihm unglaublich gut getan, aber jetzt war das vorbei. Er fühlte sich benachteiligt. Was dachte wohl Jörgen und was dachte Martin vom Hügel? Er ging hinüber zu Mattis, um dessen Ansicht zu hören.

Mattis war sonderbar an dem Tag, ein Rätsel. Er erwiderte Olivers Gruß nicht und machte dem Krüppel keinen Sitz zurecht. Eigentlich sah es aus, als ob er zornig sei; ja, wenn ein Mann mit den Zähnen knirschtund sich unruhig hin und her bewegt, kann beinahe kein Zweifel über seine Gemütsstimmung herrschen.

Oliver war von seinen eigenen Angelegenheiten erfüllt: daß er an der Nase herumgeführt worden, ja, daß er da in eine ordentliche Patsche geraten sei! „Sieh' nun zum Exempel, ich bin doch der gewesen, der das Schiff gefunden und geborgen hat, aber was hab' ich dafür bekommen? Es reut mich nur, daß ich einen einzigen Groschen dafür genommen hab', und ich werd' ihnen bei Gott das Geld wieder in den Rachen werfen!”

„So schweig doch mit deinem Geschwätz!” schrie der Schreiner plötzlich.

Oliver sah ihn an: er arbeitete wie verrückt, und seine Hände zitterten vor Aufregung. War er betrunken? Wenn es ihn gelüstete, in Feindschaft zu geraten, so konnte er das haben. Oliver richtete seinen gewaltig aussehenden Oberkörper auf.

„Meine Türen will ich wieder haben!” sagte Mattis.

„Wie?” versetzte Oliver. „Was hast du gesagt? Die Türen?”

„Ich will sie wieder haben!” zischte der Schreiner. „Ich hab' dich dafür bezahlt. Sie gehörten mir, die Türen! Verstehst du mich nicht?”

Bei einer solchen Unvernunft wurde Oliver eine Weile ganz stumm, und dann antwortete er nur: „Du hast mir die Türen geschenkt. Und das konntest du schon tun, nach all dem, was wir zusammen gehabt haben.”

Mattis warf das Handwerkszeug weg und richtete sich gerade auf: „Zusammen gehabt? Ich will nicht das allerkleinste Bißchen mit dir zusammen haben. Nein. Nicht so viel, als unter den Nagel geht. Was hab' ich denn davon? Nein, es ist, wie ich gesagt habe: wenn es so ist, daß die Nasenflügel bei den Menschen heraus- und hineingehen, dann sollst du nichts mit ihnen zu tun haben. Und zum Kuckuck, ich will nicht mehr, daß du dich hier bei mir herumtreibst, und meine Türen will ich auch wieder haben!”

Was für eine Unvernunft! Oliver war in ganz friedlicher Weise hergekommen und wollte ein wenig Mitgefühl haben, und nun wurde er im Gegenteil hinausgejagt. „Es muß irgend etwas mit Petra nicht in Ordnung sein,” dachte Oliver. Er sagte: „Wenn du irgendeine Widerwärtigkeit und Schändlichkeit von seiten des Weibervolks erfahren hast, so ist es erst, nachdem ich sie hätte haben sollen. Ich hab' nichts dabei zu tun.”

Der Schreiner nahm seine Arbeit wieder auf und lachte wütend vor sich hin. „Sie meinten wohl, sie könnten mich jetzt dazu kriegen!” murmelte er.

„Wovon redest du da?” fragte Oliver.

„O, es ist so fuchsschlau von euch allen miteinander ausgedacht!” fuhr der Schreiner fort und lachte noch bitterer vor sich hin. „Aber der Mattis hat sich vorgesehen! Der Mattis will nicht,” sagte er.

Oliver wartete eine Weile mit der Hand auf der Türklinke, ob noch mehr kommen würde. Zu seiner Verwunderung sah er, daß der Schreiner nun weinte, sein Körper zitterte. Als Oliver die Tür öffnete, hörte er hinter sich eine undeutliche Stimme sagen: „Nun kannst du sie haben! Und ich komm' und hol' mir meine Türen wieder.”

Aber in der langen Zeit hatte sich Oliver nun daran gewöhnt, daß ein Krüppel mit Rücksicht behandelt wurde, und hier war mit ihm gesprochen worden, wie wenn er keinen Stelzfuß gehabt hätte! Des Schreiners Benehmen kränkte ihn, und er mußte sich großen Zwang auferlegen, aber er überwand sich und sagte: „Du kannst mir den Buckel runter rutschen, wenn du willst! Meinst du, ich hätte Angst vor dir?”

Der Schreiner ermannte sich, er nahm seine Jacke von der Wand und sagte: „Ich geh' sofort mit dir und nehm' sie mit.”

Diesem Ernst gegenüber wurde Oliver wieder klein, er riß die Tür weit auf und ging schnell hinaus. „Ich hab' die Türen gar nicht mehr,” gestand er, „ich hab' sie auf dem Hügel verkauft.”

Danach wurde es ganz still hinter ihm, der Schreiner war wohl wortlos stehen geblieben. Mag er dort stehen, mag er da in seinem Türloch stehen bleiben und keine Worte mehr finden!

Aber Oliver fühlte sich vielleicht nicht ganz sicher; er trieb sich eine gute Weile in den Straßen herum, ehe er sich heimwärts wendete, dem Schreiner könnte es ja dochnoch einfallen, ihn aufzusuchen. Wahrlich ein schönes Benehmen einem Krüppel gegenüber!

Da ging Petra über die Straße. Sie sah ihn an und nickte ihm zu. Ja, es war also etwas mit Petra, was es nun auch sein mochte, sie hatte wohl den Schreiner nicht haben wollen, nein, nicht den Mattis mit der Nase. Und hatte er nicht mitten vor den Augen anderer geweint, anstatt sich als ein richtiger Mann zu zeigen! Oliver fiel es plötzlich ein, er müßte doch wirklich der Mann dazu sein, jetzt die Langfahrt zu unternehmen, die auf so merkwürdige Weise abgebrochen worden war. Aber Jörgen würde sich wohl wieder sperren, ihm sein Boot zu leihen, die Leute konnten doch recht sonderbar sein! Es war jetzt freilich vollständig zu spät, Eier zu sammeln, aber er konnte Treibholz finden. Und man konnte ja nicht wissen, was ihm alles noch widerfahren mochte. Das Glück konnte auf der Lauer liegen.

Am Nachmittag sah er Petra wieder auf der Straße, und sie nickte ihm abermals zu. Wie merkwürdig, in den nächsten Tagen sah er sie immer öfter ganz zufällig, sie, die wochen- und monatelang unsichtbar gewesen war! Er selbst tat durchaus nichts dazu, ihr zu begegnen, es war der reine Zufall. Ja, er war wieder mehr ein Mann geworden, hatte ein Schiff geborgen und war in die Zeitung gekommen. Er trug einen neuen Anzug und grüßte mit einem gelben Strohhut; aber er lief den Mädchen durchaus nicht in den Weg und stellte sich nicht zur Schau. Nein, jetzt war er im Gegenteil darauf versessen, weit hinaus auf Langfahrt zu ziehen.

Allmählich gab es wieder Zwistigkeiten zwischen ihm und der Mutter, und eines Tages wurde es geradezu ernst, als die Mutter fragte: „Na, jetzt soll ich wohl wieder um Unterstützung einkommen?”

„Was geht das mich an?” fuhr er sie an.

„Das sollte dein Vater hören, wenn er am Leben wäre!” versetzte sie, dem Weinen nahe.

„Wieso?”

„Ja, er war nicht der Mann, der in der Stube saß und faulenzte. Er schaffte früh und spät und war überdies umgänglich.”

Oliver lächelte spöttisch. Der Vater umgänglich! Jawohl!Das war so recht frauenmäßig: wenn man tot und begraben war, dann jammerten sie um den, den sie verloren hatten. Oliver erinnerte sich von seiner Kindheit her wohl noch an alle die Prügeleien zwischen Vater und Mutter; oho, das waren keine Kleinigkeiten gewesen!

„Ja, jetzt sitzt du da und pfeifst dir eins,” sagte die Mutter, „und hast den Schäferhut schief auf dem Kopf und scherst dich um nichts. Ich möcht' wohl wissen, wie du dir denkst, daß es weitergehen soll.”

„Für mich selbst hab' ich keine Angst,” entgegnete er. „Gott bewahre! Jetzt fahr' ich wieder aufs Meer hinaus. Im übrigen hab' ich daran gedacht, mich um eine Stelle beim Leuchtturm zu bewerben.”

Einen großen Eßkober gab es diesmal nicht, aber Jörgen lieh ihm sein Boot, er nahm Fischgeräte mit, sowie einen Kochtopf, und dann ruderte er hinaus. Er hatte wohl im Sinn, zum Lebensunterhalt zu fischen. In den drei Tagen, die er draußen zubrachte, war auch die Mutter abwesend; sie war einfach fortgegangen; als Oliver heimkam, war das Haus leer.

Er hatte diesmal kein besonderes Glück gehabt, nicht einmal einen ordentlichen Vorrat für sich hatte er gefangen. Da setzte er einen Topf mit Kartoffeln auf den Kochofen.

Nun, er war immerhin nicht nur so ins Blaue hineingefahren, sondern hatte eine tüchtige Ladung Treibholz im Boot und außerdem ganz im geheimen eine gute Prise Eiderdaunen in der einen Achselhöhle, jawohl, und es waren träge, sorglose Tage gewesen, die er draußen vor den Inseln zugebracht hatte.

Nachdem er die Kartoffeln verzehrt hatte, war er ganz befriedigt; er ging wieder hinunter an das Boot und verkaufte den größten Teil seiner Holzladung an Leute, die mit einem Krüppel nicht feilschen wollten. Da hatte er nun wieder bares Geld in der Tasche.

Ein Tag um den andern verging.

Eines Abends erschien Petra. Oliver meinte zuerst, er sehe nicht recht, sie hatte einen neuen grauen Mantel an, und außerdem konnte doch wohl Petra nicht zu ihm kommen, ihrem früheren Bräutigam, den sie aufgegeben hatte. „Ei, was für ein Besuch!” sagte er etwas verlegen.

„Ich wollte nur einmal ein wenig hereinsehen. Wo ist deine Mutter?”

„Du fragst mich, und ich frag' dich.”

„So. Wer kocht denn für dich?”

„Wer sollte kochen!” antwortete er ausweichend. „Was geht das dich an?” dachte er vielleicht. Da saß sie in einem feinen Mantel, jawohl, aber er schwänzelte nicht vor ihr. „Was ist das zwischen dir und Mattis?” fragte er, um sie zurückzuweisen.

„Mit dem Mattis? Wieso?”

„Er hat deinetwegen geweint,” sagte Oliver mit höhnischem Lächeln.

„Meinetwegen? Du scherzest. Um mich weint niemand.”

Da hatte er sie nun ordentlich in die Klemme gebracht, das zeigte ihr Gesicht; und er sah sie und ihren neuen Mantel noch abweisender an.

„Warum bist du so?” fragte sie, indem sie aufstand.

„Ja ja, das ist nun etwas, das mich nichts angeht,” sagte er, um ihr zu zeigen, wie fern sie und ihre Angelegenheiten ihm lagen.

„Ich hab' gelesen, was von dir in der Zeitung stand,” fing sie wieder an.

Nun hätte er wohl dankbar dafür sein sollen, daß sie von ihm in der Zeitung gelesen hatte, aber nein. Was war nur in Oliver gefahren? Ganz verändert, ganz wie ausgewechselt, fast ein anderer Mensch war er geworden. Sie verstand ihn gar nicht mehr und versuchte es auf verschiedene Weise mit ihm, schließlich fragte sie, ob sie nicht die Zeitung entlehnen könnte; sie möchte den Artikel gern noch einmal lesen.

Es zeigte sich, daß er das Blatt bei sich trug, er zog es wohl in einer Tüte eingepackt aus der Tasche und sagte: „Du kannst es mitnehmen, aber ich will es wieder haben.”

Ein paar Tage später gegen Abend kam Petra wieder in Olivers Haus, und es war ein Sonntag, da war sie noch feiner angetan. Er hatte sie vielleicht erwartet, darum hatte er einige treuherzige Vorbereitungen getroffen: zuerst fegte er den Fußboden und wusch die Ofenplatte, dann trug er die ungewaschenen Tassen und Töpfe in den Anbau hinüber. Der Zufall kam ihm auch zu Hilfe. Er hatte wahrhaftig ein paar kleine italienische Münzen inder Tasche seiner alten Weste gefunden, die warf er nun auf den Tisch, da konnten sie Staat machen. Dann setzte er sich an den Tisch, um zu duseln. Als Petra kam, streckte und reckte er sich gleichgültig.

„Ich bring' dir das Blatt wieder,” sagte sie. Sie konnte das Stück auswendig und sagte es her; ja, da höre er, was das Blatt sage, es sei ein ausgezeichnetes Stück, er könne weit in der Welt damit herumrennen.

„Ich bin schon weit in der Welt herum gewesen,” erwiderte er, und der Kamm schwoll ihm.

„O ja, das fehlt nicht. Wer hat den Fußboden aufgewaschen?”

Was ging das Petra an? Kam sie, um sich über ihn zu erheben? Er antwortete lauernd: „Die Mädchen.”

„Was für Mädchen?”

„Warum fragst du?” erwiderte er zurechtweisend.

„Ich hätt' es tun können,” sagte Petra. — Sie sah übrigens nicht frisch und gesund aus, eher ein wenig unpäßlich, nein wahrlich, sie strahlte nicht. — „Wenn es dir recht wär', könnt' ich dir Kaffee kochen,” sagte sie demütig. „Ich hab' aufs Geratewohl Kaffee mitgebracht.”

Das erweckte jedenfalls kein Mißfallen bei ihm, aber ... „Nein, du darfst dir keine Mühe machen,” sagte er.

„Du lieber Himmel! Als ob ich das nicht könnte!” erwiderte sie und machte sich gleich an die Ausführung.

Es fiel ihm auf, daß sie sich auf einen Stuhl stützte, sich ein paarmal wegwendete und ausspuckte. „Warum hast du den Mantel an, kannst du den Mantel nicht ausziehen?” fragte er.

„Es ist nur ein dünner Frühjahrsmantel. Was hast du da für wunderbare Münzen? Was ist denn das für Geld?”

„Sie sind vom Ausland.”

„Überall bist du doch gewesen!” versetzte sie.

„Sie sind aus Italien. Solches Geld haben sie dort, Soldi. Möchtest du sie haben?”

„Nein, nein, du sollst dich nicht berauben.”

Er sammelte die Münzen zusammen und warf sie ihr in die Manteltasche.

Dann sprachen sie von seiner Mutter: sie werde wohl bald wieder heimkommen; von seiner letzten Fahrt vor denInseln draußen: es sei gewagt, in einem offenen Boot so weit hinauszurudern. Er holte die Tassen vom Anbau herein, sie schenkte ihm Kaffee ein, sie selbst habe eben Kaffee getrunken, sagte sie lachend, und nun könne sie nicht noch mehr trinken. Sie setzte sich auf einen Stuhl, der helle Schweiß stand ihr auf der Stirn.

Oliver dagegen fühlte sich allmählich wohl und behaglich; er neckte sie sogar ein wenig mit dem Schreiner, aber ohne Bosheit, zeigte keinen Groll, weder gegen sie, noch gegen ihn. „Ja, es ist wohl etwas zwischen dir und Mattis gewesen?”

„Du schwatzest Unsinn. Zwischen mir und Mattis?”

„Ja, solltest du ihn denn nicht haben?”

„Den Mattis?” Petra schlug die Hände zusammen. Sie verschwor jegliches Techtelmechtel mit Mattis, sie habe ganz und gar nichts mit ihm zu tun, ja, sie machte sich sogar über seine große Nase lustig.

„Das ist doch merkwürdig!” sagte Oliver; aber es war ihm gar nicht zuwider, ihre Versicherungen anzuhören. „Ich hatt' es aber so verstanden,” fuhr er fort.

Petra sah an ihrem Mantel herunter und murmelte: „Es gibt nur einen, den ich jemals in meinem Leben gern gehabt hätte.”

Oliver versank in Gedanken, und plötzlich fragte er: „Bist du noch bei Johnsens in Dienst? Wie ist denn der Scheldrup?”

„Der Scheldrup? Wieso?”

„Ich hab' nur gefragt. Er betrug sich wie ein junger Bengel, als ich mit dem Havaristen ankam und über alles ein Protokoll aufgenommen werden mußte.”

„So,” bemerkte Petra nur. Sie füllte ihm seine Kaffeetasse wieder, setzte sich dann aufs neue und begann: „Ach du, Oliver, was meinst du, wenn —”

„Was denn, wenn?”

Schweigen.

„Nein, ich weiß doch nicht,” sagte sie und schüttelte den Kopf. Dann klimperte sie ein wenig mit den italienischen Münzen in ihrer Manteltasche. „Aber meinst du nicht, es könnte wieder so werden, wie es früher zwischen uns gewesen ist?”

Die Frage schien keinen besonderen Eindruck auf Oliverzu machen, er hatte sie wohl erwartet und dachte sich das seinige dabei. „Wie kommst du darauf?” fragte er.

„Ich hab' es die ganze Zeit gedacht,” antwortete sie.

„Ich bin für niemand mehr etwas nütze,” sagte er.

„Sag' das nicht, du könntest irgendeine Beschäftigung beim Konsul bekommen.”

„Beim Konsul!” höhnte er. „O nein, aber ich hab' mir schon überlegt, mich um einen Posten beim Leuchtturm umzutun.”

„Ja, oder auch das. Etwas wird sich schon finden.”

Schweigen.

„Es ist nicht daran zu denken,” begann er wieder. „Ein maroder Mann und ein leeres Haus. Allerdings zwei Türen zum Einsetzen könnt' ich schon bekommen, aber ...”

Sie hörte, daß es nicht unmöglich war, und drängte nun nicht weiter in ihn, aber sie ließ eine Anspielung fallen, sie habe zwei Türen daheim. Und dann zeigte sie ihm, daß sie seinen Ring noch trug, es sei alles wie vorher. Unleugbar, Oliver sah sie an und riß die Augen etwas auf, als sie von dem Ring zu reden anfing, etwas verlegen fühlte er sich wohl auch, hätte er etwas sagen sollen, so hätte es ein Fluch sein müssen.

„Haha, ja nun steht wohl ein anderer Name drin!”

„Nein, ich hab' ihn herauskratzen lassen. Willst du' sehen?”

Diese Petra, in manchem und vielem war sie ein Teufelsmädel, tüchtig und überlegen. Aber das war denn doch fast zu viel. „Solltest du ihm den Ring nicht zurückgeben?” fragte er.

„Den Ring? Das fehlte gerade noch!”

Da lachte Oliver hellauf, um sich selbst und auch sie aus der Verlegenheit zu ziehen.

„Den Ring zurückgeben?” sagte Petra. „Da fühl, wie schwer er ist! Er ist das reine Gold.”

Oliver gekränkt: „Wie du redest! Meinst du, ich hätt' im Ausland einen Ring aus Messing für dich gekauft? Es ist echtes Karatgold.”

„Ja, das wußt' ich. Er soll nie wieder von meiner Hand wegkommen.”

Aber so leicht sollte es nun auch nicht gehen. Sie meinte wohl, nun sei sie also wieder mit ihm verlobt, abersie mußten sich's doch erst überlegen, erst etwas darüber nachdenken; der Schreiner würde allerdings nicht daran sterben, er hatte sich ja selbst zurückgezogen, außerdem war es wirklich ein Streich, den man dem Schreiner, der einen Krüppel schlecht behandelt hatte, spielen konnte. Aber trotzdem, zu überlegen war dabei noch vieles.

„Hier sitz' ich!” rief sie und sprang auf, um nach dem Kessel zu sehen. „Ich sah nicht, daß du ausgetrunken hattest.”

Und Oliver ließ sich einschenken; es war guter, starker Kaffee, überhaupt brachte Petra ein außerordentliches Wohlbehagen mit, schon dadurch, daß sie sich beim Einschenken auf seine Schulter stützte. „Wo dieser Kaffee herkommt, gibt es noch mehr!” sagte sie und setzte sich auf sein Knie. „Kannst du mich doch noch tragen?”

„Ob ich dich tragen kann!” rief er mannhaft. „Ich kann ebensogut tragen wie vorher.”

„Da siehst du! Warum sollte es da nicht gehen?” — Sie schmiegte sich mit dem Mantel und allem an ihn an; küßte ihn und erinnerte eindringlich: „Ja, was meinst du, Oliver, willst du mich haben?”

Na, das war nun fast mehr als genug, aber einerlei, alles äußerst genau abgewogen, war es vielleicht gar nicht dumm. Wie sehr sie es doch wollte, wie sehr sie es doch wollte!

„Hm!” sagte er. „Wenn ich so hier sitze und mir's überlege, dann glaub' ich —” hier hielt er inne und ließ einen Augenblick Totenstille herrschen — „daß es sich vielleicht machen läßt.”

„Ja,” hauchte sie.

„Da du es willst.”

„Ja,” hauchte sie.

Und wieder verging ein Tag nach dem andern, es wurde keineswegs schlimmer als zuvor. Als Petra einzog, brachte sie das eine und andere mit ins Haus, und Oliver fischte mit größerem Fleiß als vorher. Eine gewisse Abenteuerlust verließ ihn nicht; an einem schönen Tage konnte er in seinem eigenen gebrechlichen Boot weit aufs Meer hinausrudern, volle vierundzwanzig Stunden fortbleiben und dann erst wieder heimkommen. In dieser Beziehung war er ein sonderbarer Kauz.

Nein, es ging nicht schlimmer als zuvor, und wenn nicht gerade wirkliche Not drohte, war Oliver zufrieden. Wie nun, als die Mutter wieder von ihrer Wanderung heimkehrte; sie kam auch nicht mit leeren Händen, sondern trug einen Sack auf dem Rücken, Lebensmittel, Kleidungsstücke. Vor kurzem noch wäre ein solcher Sack der Gegenstand eines rechten Streites geworden; jetzt aber waren drei im Hause, sie teilten miteinander, aus Schamgefühl, wenn nicht aus anderen Gründen. Oliver war als Verlobter tadellos.

Eines Tages kam eine alte Frau daher; Oliver kannte sie und würde ihr wohl wieder einige Lose abgekauft haben, aber jetzt hatte er im Gegenteil gewonnen. Die Frau kam mit einer Tischdecke an. „Da siehst du,” sagte Oliver lachend, „der liebe Gott hat mich nicht vergessen!”

Nun hatten sie eine Tischdecke, und Petra schaffte wahrhaftig Türen für die Stube und Kammer des Anbaus herbei. In den früheren Jahren, wenn Oliver von der Reise heimkam, hatte er seinem Mädchen verschiedene Geschenke mitgebracht. Diese Zieraten kamen nun auch mit, sie standen alle auf ihrer Kommode, von dem irdenen Hund und dem Spiegel an bis zu dem weißen Engel und dem mit verschiedenen Hölzern eingelegten Kaffeebrett.

Nach der Trauung genehmigte sich Oliver ein paar faule Tage und ließ sich die Reste der Festmahlzeit gut schmecken; dann begann die Mutter aus alter Gewohnheit, ihn zu ermahnen, auch wieder hinauszurudern.

Und er sagte, er hätte es auch ohne Ermahnung getan, denn er wisse wohl, was seine Pflicht sei. Wahrhaftig, das Leben war jetzt besser, als er sich gedacht hatte, Oliver klagte nicht, er war ein verheirateter Mann und alles, was dazu gehörte, alles war entschieden, nichts schwebend, nichts zweifelhaft. Es war ein Glück, daß er damals den Anbau nicht vermietet hatte, da er ihn nun selbst notwendig brauchte.

Doch siehe, eines Tages schickte Mattis einen kleinen Jungen zu Oliver und ließ ihm sagen, er habe mit ihm zu reden. Aber Oliver hatte nichts mehr mit diesem Manne zu reden, durchaus nicht: „Was will er von mir? Sag' ihm, er brauche sich gar nicht zu mir herzubemühen, sag' das dem Mann!”

Sie konnten den Schreiner vor ihrem Fenster hin und her wandern sehen, und er machte kecke Schritte, es sah aus, als ginge er nicht das erstemal Napoleon entgegen. „Es ist toll genug, auf einen Krüppel loszugehen,” sagte Oliver jetzt. „Die sollen mit ihm reden, die ein Hähnchen mit ihm zu pflücken haben,” sagte er in die Stube hinein. — Da strich sich Petra ein paarmal glättend übers Haar, sie machte sich hübsch und unwiderstehlich und trat dann auf die Straße hinaus.

Die in der Stube Zurückgebliebenen konnten sehen, daß der Schreiner zusammenzuckte. Wo war nun seine ganze Mannhaftigkeit? Die beiden draußen fragen und antworten einander, können sich aber nicht einigen; wenn sie von den Türen sprechen, dann bitte, aber sie sprechen wohl von dem Ring. Oliver sitzt am weitesten in der Stube drinnen, er streckt nur die Nase vor und beobachtet den Auftritt. Jetzt wird der Schreiner lebhaft, er ermannt sich und sieht Petra gerade ins Gesicht, er fängt an umherzulaufen, während er redet, er macht förmlich einen Kreis um sie. Und Petra — obgleich sie Finnen im Gesicht hat und nicht besonders hübsch aussieht, so zügelt sie den aufgeregten Mann doch mit leisen, betrübten Worten. Na, da steht sie vor ihm und lächelt ihn gar so nett undverführerisch an. Schließlich starrt Mattis mißmutig zu Boden, und als ihm Petra die Hand reicht, nimmt er sie auch, ohne aufzusehen; nachdem er sie einen Augenblick festgehalten hat, geht sie. Dann geht Mattis. Oliver sitzt in der Stube, Mattis tut ihm fast leid.

Und im übrigen tauchten keine andern Unannehmlichkeiten mehr auf.

Keine andern?

O, die Zeit verging ja, und vieles ereignete sich, schlechtes Wetter verhinderte tagelang jede Ausfahrt. Petra war ans Haus gebunden durch das Kind, durch den Jungen, den sie bekommen hatte; die alte Mutter hatte die Sorge fürs Haus aufgegeben; sie wanderte nicht mehr in die Welt hinaus und kam mit einem vollen Sack heim.

Doch das machte nichts, Oliver litt keine Not, er gedieh, er und die Katze. O, der alte Kater, er war nichts mehr nütze, er konnte nur daheim in der Stube herumliegen und sich von den vielen Fischen einen dicken Bauch anfressen; schließlich glaubten die beiden Frauen, es sei eine Katze. Und Oliver, saß nicht auch er daheim, war zufrieden und wiegte das Kind und beobachtete, was auf der Straße vorging. Seine Hände waren kleiner und seine Haut weißer geworden, auch sein Gesicht sah hübscher aus. Es ärgerte ihn, daß er keine Möglichkeit sah, sich eine Pelzmütze für den Winter anzuschaffen; konnte er denn an Wintertagen mit einem Strohhut hinausrudern? „Kannst du dir nicht einen Südwester anschaffen?” fragte die Mutter. Der einstmals so flotte blaue Schlips hatte den Glanz verloren, aber das mußte doch verdeckt werden können; wenn er nicht aufzufärben ging, konnte ihn Petra wohl wenden. Doch es zeigte sich, daß die linke Seite ebenso verschossen war. Da wurde Oliver wie ein wenig übellaunisch und meinte: „Ich denke, du sagtest damals, ich könnte bei Johnsen am Landungsplatz einen Verdienst bekommen, wie steht es denn damit?”

Die arme Petra, ja, sie wollte mit dem Konsul reden.

„Warum nennst du ihn immer den Konsul?”

„Wir nannten ihn den Konsul, als ich dort im Hause war.”

„Aber es sind doch noch andere Konsul geworden,” sagte Oliver. „Der Heiberg ist Konsul, der Grütze-Olsen ist Konsul.”

Ganz richtig, es gab allmählich mehrere Konsuln im Ort, o, so viele von diesen Vizekonsuln und Konsularagenten, so viele, die sich um die Knochen balgten, es wimmelte von ihnen in dem Küstenort. Nicht immer lief es ohne Streit und Mißgunst ab, es wurde im geheimen gearbeitet, der eine Handelsmann erlaubte dem andern nicht, hinter seinem Rücken zu florieren. Johnsen am Landungsplatz erlebte es, daß er viele Gleichgestellte hatte, und was erlebte nicht alles auch Frau Johnsen! Gott war ihr Zeuge.

Petra war vielleicht in einem besonders ungünstigen Augenblick zu C. A. Johnsen gekommen, er hatte keine Arbeit für ihren Mann. Oder hätte es sie vielleicht mehr genützt, wenn sie auch nur eine Spur niedlich und zart ausgesehen hätte? Die arme Petra, ihr Gesicht war fahl mit eingefallenen Wangen, und der Konsul sagte glatt weg nein, wahrhaftig, es sei nichts zu machen. Sie solle es bei einem von den neugebackenen Konsuln probieren, Gott mochte wissen, wofür die eigentlich Konsul geworden seien? Ob ihr Mann nicht bei Olsen ankommen und ihm die Grütze auswiegen könne? Aber es sei sehr richtig von ihr, daß sie zuerst zu ihm komme, zu C. A. Johnsen, er wolle versuchen, Oliver späterhin eine Unterstützung zu verschaffen, aber jetzt nicht. Sie solle doch nicht so niedergeschlagen aussehen, es gebe außer ihr noch andere, denen es in der letzten Zeit knapp gegangen sei, die Zeiten seien schwierig, das DampfschiffFiahabe auch nicht so besonders gute Geschäfte gemacht. Und warum Oliver denn nicht auf den Fischfang hinausrudere?

Der Konsul betrachtete Petra und ihre Angelegenheit mit guten braunen Augen, und er wies sie nicht ohne Mitleid ab, aber sie mußte unverrichteter Sache fortgehen.

Was nun? Was sonst, als daß sich Oliver wieder zusammennahm und wieder männlich auf den Fischfang auszog, ja, jeden Tag, früh und spät. Er wollte es ihnen zeigen! Und nie kam er mit einem Fisch zu Johnsen am Landungsplatz, sondern er ging auffällig vorbei. Als er später mehr Fische fing, als er tragen konnte, stellte er sich leere Kisten am Bollwerk zurecht und richtete einen Fischmarkt ein, ein Abenteuer! Da stand er und war ein Großhändler. Einige Tage lang sträubten sich die Familien,den weiten Weg nach dem Bollwerk zu machen, da aber immer Fischnot herrschte, mußten sie sich fügen und zugreifen. Oliver hatte sehr matte Augen, und wenn man ihn sah, kam er einem fast etwas aufgedunsen und schwachsinnig vor; aber nicht immer, nicht, wenn es sich um einen Kniff, einen Streich handelte, da war er schlau genug. Da stand er nun mit seinen Fischen, er pries sie nicht an, schraubte im Gegenteil den Preis hinauf und machte ihn unerhört teuer. „Wollt ihr die Fische? Nicht, dann laßt es nur!” Oliver wußte, daß er die Fische an die regelmäßig verkehrenden Schiffe verkaufen konnte, und außerdem wußte er auch, daß anständige Leute mit einem Krüppel nicht so genau rechnen durften.

Den ganzen Herbst hindurch lebte Oliver mit seiner Familie besser als je, die Frauen schätzten ihren Versorger und ließen ihm das Beste zukommen, der Versorger bekam am Abend Sirup auf die Grütze, der Versorger bekam am Sonntag Waffeln zum Frühstück. Das war nicht mehr als recht und billig. Er verbesserte seine Stellung, er bezahlte den Kaufleuten etwas von seinen alten Schulden ab und strich sogar die beiden Türen des Anbaus an; auch stieg er in fachmännischem Ansehen bei den Fischern, bei Jörgen und Martin. Da hatten diese alle die Jahre her die Fische in die Häuser der Stadt geschleppt, ohne zu murren, bis Oliver daherkam und sie lehrte, hinter einem Tisch am Bollwerk zu stehen und die Fischpreise zu erhöhen. Sie bedankten sich bei ihm, weil er das erfunden hatte. „Ja ja, ich bin eben ein wenig in der Welt herumgekommen,” erwiderte Oliver.

Diese zunehmende Achtung von seinen Nächsten und den andern wirkte auf Oliver zurück und tat ihm gut. Wenn er von der Tagesarbeit heimkehrte und am Stubenfenster vorbeikam, konnte er hören, daß es drinnen sofort lebhaft wurde und daß Petra zu dem Kinde sagte: „Da kommt Vater!” Es war merkwürdig, wie diese ausgedachten Worte das Kind beruhigten, und Oliver behauptete sogar, der Junge in der Wiege verstehe sie. Es war auch gar nicht unmöglich, daß er sie verstand: Die Worte wurden jeden Tag zu einer bestimmten Zeit wiederholt, und ihnen folgte regelmäßig ein Knirschen der Tür, ein kalter Luftzug und ein eintretender Mann, der nach der Wiege hinnickte.Als der Junge ein paar Monate älter war und allein spielte, konnte kein Zweifel darüber herrschen, daß er den Ereignissen in der Stube mit vollen Sinnen folgte; seht nur das Würmchen, den kleinen Racker! Sobald die Mutter das Mieder aufknöpfte, fing er an zu schmatzen, und wenn die Mutter sagte: „Da kommt Vater!” richteten sich seine braunen Augen auf die Tür.

Zwischen dem Jungen und Oliver herrschte große Freundschaft. Und als das Kind die Ärmchen ausstreckte und zu Oliver wollte, da übermannte den Krüppel die Rührung. Dieses kleine Wesen — hat man je so etwas gesehen — dieses Nichts, dieser kleine Racker, he he, ein verflixter Kerl, zum Kuckuck! Es wurde vollends schlimm, als der Junge zu weinen anfing, wenn Vater fortging, das konnte Vater nicht ertragen, er hätte am liebsten selbst geweint und schrie Petra deshalb an: „Gib ihm die Brust, hab' ich dir gesagt!” Und darauf lief er mit seinem Stelzfuß zum Hause hinaus.

O ja, oftmals geriet er mit den Frauen im Hause in Streit über das, was das Kind verstand und nicht verstand. Er gab sich sehr viel mit ihm ab, zeigte ihm Bilder und Buchstaben und gab ihm alles mögliche in die Händchen, um damit zu spielen. Sie waren alle beide Kinder, blödsinnig und schnurrig. „Ich glaube, du bist verrückt!” schrien die Frauen. „Gibst du dem Kinde den Kaffeekessel in die Arme!” — „Ja, worauf soll er denn klopfen?” fragte Oliver. Er nahm die Zieraten von der Kommode und trug sie dem Jungen hin; als das Kind einen kleinen Spiegel auf den Boden schleuderte, sagte Oliver, er selbst habe den Spiegel fallen lassen und nahm die Schuld auf sich.

Das waren gute Tage! Petra wurde ja auch wieder hübsch und wollte an den Sonntagen gern ein wenig ausgehen. Ja, sie solle nur gehen, Oliver habe nichts dagegen, die Großmutter könne auch gehen, er verstehe nicht, wie gesunde, ruhige Menschen daheim sitzen bleiben möchten.

Er selbst hielt sich in der Stube auf, und wenn das Kind schlief, döste er am Tisch. Träumte er? Zogen die Erinnerungen aus der früheren Zeit durch sein schwerfälliges Gehirn? Er hätte wohl Ursache gehabt, über seinfurchtbares Schicksal nachzugrübeln, aber dieses hatte ihn vielleicht schon stumpfsinnig gemacht.

Dann kam Petra in der Abenddämmerung heim, und es war auch Zeit, denn nun schrie das Kind, wie wenn es am Spieße steckte. Die Sache aber war die: Oliver wollte ihn ja lesen lernen, mitten in dem Unterricht jedoch fing der Junge an zu brüllen, Vater wiegte ihn herrlich auf und ab und redete ihm gut zu. „So, so, so, es geht schon, du darfst den Mut nicht verlieren, du lernst es, so wahr ich Oliver Andersen heiße!” Doch der Junge wollte ja Milch haben, deshalb schrie er, sonst wegen nichts.

Wenn nun Petra nur ein wenig demütig und reuevoll gewesen wäre, weil sie so lange aufgehalten worden war, aber keine Rede davon! Es war wohl ein jäher Sturz für sie, da kam sie geradeswegs vom Leben auf der Straße und wurde daheim mit Kindergeschrei empfangen. So jung noch und schon so gebunden, so unterdrückt! „Ach, so schweig doch, jetzt bin ich ja da!” sagte sie zu dem Kinde. Aber sie ließ sich gut Zeit, den Sonntagsstaat auszuziehen, und dann stand sie vor dem Spiegel und besah sich von allen Seiten; das war recht widerlich, und Oliver war mehr als geduldig, daß er ihr nicht die Krücke zu schmecken gab.

Nachdem er ihr eine Weile zugesehen hat, ruft er rasend: „Warum, beim Satan, nimmst du den Jungen nicht?”

„Warum ich ihn nicht nehme? Jetzt nehm' ich ihn.”

„Ja, — nachdem er sich ganz blau geschrien hat.”

„Laß ihn schreien! Es handelt sich nicht ums Leben.”

O, es war kein Zweifel, Oliver hätte die Krücke benützen sollen. Handelte es sich nicht ums Leben? Was für eine Kuh! Aber es handelte sich ums Essen. Das konnte er gleich sehen: als das Kind das bekam, was es haben sollte, schwieg es sofort. „Du solltest deinen Verstand gebrauchen,” sagte Oliver und fühlte sich höchst ehrbar.

O ja, sie verstand es sehr wohl.

Aber Petra warf den Kopf zurück, Petra murrte. Was war das nur? Verstand sie vielleicht nicht, in was sie sich hineinbegeben hatte?

Sie war kein Mädchen mehr, sie war im Gegenteil verheiratet und verloren; laß jetzt jede Hoffnung schwinden! Arme Petra, sie hatte in einer Zwickmühle ordentlich nachgebenmüssen, o, was für ein Kreuz sie auf sich genommen hatte! Sie konnte es nicht tragen, nicht wie andere aus dem Volke, andere Mädchen trugen auch kein solches Kreuz, zum Kuckuck, nein! Bei Konsuls war ihr viel anvertraut gewesen, zweimal hatte man ihr den Lohn erhöht, und Scheldrup war in sie verliebt gewesen, war es wohl noch. Und da saß sie nun! Ja, auf diese Weise lehnte sich Petra auf.

„Es ist gerade, als dächtest du gar nicht an den Jungen,” sagte Oliver wie ein Richter.

„O, ich denke Tag und Nacht an ihn. Soll ich ihn auf den Rücken nehmen, wenn ich ausgeh'?”

Petra höhnte. Oliver sah sie immer aufmerksamer an, und als nun ihr Hauch seine Nase erreichte, begriff er besser: sie war da und dort gewesen und hatte getrunken. Ha, das war großartig, und jetzt hatte sie Mut und Beredsamkeit bekommen.

„Wo bist du gewesen?” fragte er.

„O, nicht in vielen Häusern.”

„Du bist jedenfalls irgendwo gewesen, und man hat dir zu trinken gegeben.”

„Merkst du es? Jawohl, ich bin bei Konsuls gewesen. Sie hatten Gesellschaft, und ich hab' ein wenig geholfen. Frau Johnsen hat mir eingeschenkt.”

Petra war nicht dem Trunke verfallen, diese Erklärung genügte, wenn sie wahr war. Wenn sie wahr war! Sie scheute sich nicht vor einer Notlüge, einer falschen Aussage, im Gegenteil, da sie nicht besonders erfinderisch war, wurde sie dann liebenswürdig und lieb und frech, und damit kam sie weit. Oliver mochte es glauben oder nicht glauben, daß sie bei Konsuls gewesen sei, das änderte nichts an der Sache! Seht, da sitzt sie nun und stillt das Kind, etwas dumm, aber hübsch und jung, etwas toll vielleicht, leichtsinnig vielleicht, warum nicht? Nun, sie war gerade kein Licht, sondern gewöhnlich und unbedeutend, eine Dirne, aber auch mit guten Seiten, mit Körperwärme, mit einer verflixten Weiblichkeit. Da kam sie nun heim und war im Hause, sie gehörte Oliver, sie war etwas Ernährendes, sie hatte Milch in sich, er sah ihre geschwellten Brüste.

Aber jetzt hatte Petra zu trinken bekommen, vielleicht war sie hungrig gewesen, als sie trank, deshalb konnte sienicht mehr als ein Glas ertragen, dann wurde sie keck; dann wurde sie unfreundlich und gleichgültig. Seht, wie sie den Jungen wiegt, den kleinen Frank hin und her schaukelt!

Aber das konnte Oliver nicht leiden, o, das wußte sie sehr wohl. Sie stritten sich, und Petra blieb keine Antwort schuldig, sie kümmerte sich auch gar nicht darum, daß die alte Großmutter hereinkam und zuhörte. „Was,” dachte wohl die Großmutter, „streiten sie sich im Ernst?” Sie hörte die junge Frau zu ihrem Manne sagen: „Womit kannst denn du groß tun?”

„Ich?”

„Ja, du. Und daß du dich nicht schämst?”

„Ich bin eben so, wie du mich hier siehst,” versetzte er.

Da lachte sie und erwiderte: „Ja, wenn du wenigstens so wärest!”

Die Großmutter verstand diese Rede nicht, aber sie verwunderte sich über ihren Sohn, der gar nicht auffuhr. Petras Worte waren so sonderbar, was sollte das bedeuten? Und Oliver schwieg dazu.

„Was gibt es denn?” fragte die Alte.

Keines von beiden gab eine Antwort.

Plötzlich fragt Oliver unheilverkündend: „Warum bist du denn hergekommen und hast mich haben wollen? Das versteh' ich nicht.”

Darauf antwortete Petra: „Das müßtest du doch verstanden haben.”

„Ich verstanden haben?”

Schweigen.

Die Großmutter ging durchs Zimmer und zog auch ihren Sonntagsstaat aus, sie hängte ihn weg, aber sie war ganz Ohr. Was konnte denn Petra noch von ihrem Manne wissen, was ihm nicht alle Welt ansehen konnte? Was war das für ein Geheimnis? War er im Gefängnis gewesen oder sollte hineinkommen? Jetzt fiel der Großmutter auch ein, daß Petra schon seit längerer Zeit auf ihren Mann stichelte, halb im Scherz, aber doch halb höhnisch, sie lachte dann und machte unanständige Bemerkungen: er tauge genau so viel wie der Kater im Hause, er fresse Fische.

Wieder herrschte Schweigen im Zimmer. Das Kindschlief und die Menschen beruhigten sich. „Was gibt's Neues im Ort?” fragte Oliver, um Entgegenkommen zu zeigen.

Da Petra nicht antwortete, sagte die Mutter: „Was mich betrifft, so hab' ich nichts Neues gehört. Ja, jetzt soll eine höhere Schule hier eingerichtet werden.”

„Was, eine höhere Schule hier?”

„So heißt es. Und sie wollen ein mächtiges steinernes Haus dafür bauen.”

Da es indes Olivers Absicht war, seine Frau mit ins Gespräch zu ziehen, fragte er sie direkt: „Wer war denn in der Gesellschaft?”

„In welcher Gesellschaft?”

Aha, also das wußte sie nicht mehr. Dann war es wohl Schwindel gewesen. Er nahm sich vor, morgen darüber Auskunft zu erlangen.

„Ach, du meinst bei Konsuls. Da waren alle die Vornehmen.”

„Waren ihre Frauen auch da?”

„Nein, das heißt, ich weiß es nicht.”

„Dann hast du also nicht aufgewartet?”

„Warum fragst du denn die ganze Zeit?” unterbrach sie ihn lachend. „Glaubst du mir vielleicht nicht?” O, aber sie war nicht so ganz ruhig, ihr Lachen klang unecht. Sie balancierten beide, gingen auf des Messers Schneide. Plötzlich richtete sie sich entschlossen auf, strich sich übers Haar und scherzte: „Weißt du was, du hättest deine Krankenpflegerin in Italien nehmen sollen! Dann wärest du ein Mann geworden!”

Und Oliver erwiderte halb scherzhaft, halb ernst: „Allerdings, und ich denk' auch mit Reue an die Krankenpflegerin.”

Der Winter verging, ein Tag um den andern.

Aber natürlich hatte Oliver keine Ausdauer, sein Fleiß war Kunst, er wurde des Fischens überdrüssig, und da schob er das Kind vor.

Jawohl, ganz allmählich wurde das Kind vorgeschoben. Wenn er vom Fischmarkt heimkam, untersuchte er recht geflissentlich das Kind in der Wiege, überzeugte sich, ob es atmete, horchte eine Weile. Und er stellte beleidigende Fragen: „Sie haben dir wohl nichts zu essen gegeben, Frank, sie haben es wohl ganz vergessen?” Im Anfang lachten ja die Frauen darüber und hielten es für Scherz; aber Oliver erklärte, er habe im Ernst Angst. Später pflegte er offen das Kind als Vorwand zu benützen, wenn er nicht hinausrudern wollte: es schreie so herzzerreißend, wenn er fortgehe.

Seinen Platz am Bollwerk überließ er dem Fischer Jörgen, ja, er bot ihn diesem selbst an: „Es ist der beste Platz, und du sollst ihn haben. Du weißt: du und ich, Jörgen!”

Ob er denn nicht mehr fischen wolle?

Nicht, um zu verkaufen, er fische nur noch für sich selbst. Jörgen könne den Platz jedenfalls den Winter über haben, zum Frühjahr wolle ihn Oliver dann ja vielleicht selbst wieder. Jörgen bekam überdies noch eine deutlichere Erklärung: er habe das Herz nicht, seinen kleinen Frank allein zu lassen, es möge gehen, wie es wolle, das Kind wolle immerfort bei ihm sein. Es sei merkwürdig mit so einem kleinen Kerl, und ob Jörgen ihm wohl den Grund angeben könne, warum der Vater der Mutter und allen andern vorgezogen werde.

Das sei dem Kinde wohl angeboren?

Genau, was er selbst gedacht habe: der Vater sei derErzeuger des Kindes, und daran hänge das Kind fest; die Mutter sei nur die Erde, in die das Kind hineingepflanzt werde. Ob das nicht ganz klar sei? Das Gras wachse, die Schiffe führen auf dem Wasser dahin, der Himmel habe Sterne, das sei alles verständlich. Aber das sei nun etwas anderes, und natürlich könne ihm kein Mensch auf dem weiten Erdenrund erklären, daß Frank — daß ein Kind — „er ist kaum eine Spanne lang und hat schon Verstand!”

Leeres Gerede, Gedanken vom Backbord zu Schiff. Es war eine Weiberunterhaltung bei der Häkelarbeit. Aber Jörgen, der wortkarg war, mußte seine gewöhnliche Erklärung zu Hilfe nehmen: es sei vieles in der Natur verborgen.

In der Stadt beurteilte man Oliver anders, die Stadt war, wie nicht anders zu erwarten war, der Ansicht, Oliver müßte für seine Faulheit auf Wasser und Brot gesetzt werden. Ob das eine Art sei, eines kleinen Kindes wegen daheimzubleiben, anstatt hinauszurudern?

Aber es ist viel verborgen in der Natur, so auch in Oliver. Diesmal begründete er also seinen Abfall vom Fleiß auf eine ganz aparte Weise. Natürlich war er faul, aber hatte er etwa keinen Grund dazu?

Eines Morgens fällt ihm auf, daß Petra beim Kaffeekochen der helle Schweiß auf der Stirne steht. „Bist du unpäßlich?” fragt er. — „Ja,” antwortet sie. Er sagt nichts mehr, er ißt sein Frühstück, rudert zum Fischen hinaus und kommt erst gegen Abend zurück. Petra ist unleidlich; es ist, als habe sie Zahnschmerzen, Oliver sieht, wie vorsichtig sie kaut, sie will keinen Kaffee, kann ihn weder sehen noch riechen, sie geht umher und spuckt in den Ecken aus. „Ist dir noch so schlecht?” fragt er. — „Ja, du hast es ja gehört!” antwortet sie gereizt.

Darauf sieht er sie in höchst zweideutiger Art an, sieht langsam an ihr herunter, nicht heimlich, sondern ganz offen und gerade, er will, daß sie es merkt. Als er es getan hat, schlägt sie die Augen nieder und seufzt.

O, Petra hatte Augen im Kopf, sie hatte verstanden. „Willst du noch Kaffee haben?” fragt sie und schenkt ihm ein.

Er gibt keine Antwort, er scheint wirklich ganz in tiefeGedanken versunken zu sein, er sieht nicht, er hört nicht. Hat er sie mit seinem Seufzer gerührt? Sie gab sich jedenfalls Mühe, recht still zu sein, während sie im Zimmer aufräumt. „Trink nun deinen Kaffee, ehe er kalt wird,” sagt sie.

Da kommt Oliver wie aus weiter Ferne wieder zu sich, o, vielleicht aus dem Lande der Apfelsinen oder vielleicht aus der Unterwelt; er steht auf.

Nun hätte alles so ernst und tief verlaufen können, aber ein Zufall verdarb es wieder. „Ja ja, Frank, jetzt geh' ich,” sagte er zu dem schlafenden Kinde. Soweit ging alles gut. Doch nun fing er an, sich über die Hüften zu streichen, fand aber das Gesuchte nicht. „Und dann komm' ich heut abend wieder zu dir, Frank,” sagte er. Er sucht etwas auf einem Wandbrett, er öffnet eine Kommodenschublade und findet es nicht. Dann findet er es endlich in der Wiege — das Schnitzmesser, dieses Ungeheuer, dieses Schwert, das er immer auf den Fischmarkt am Bollwerk mitnahm. Er hatte es am vorhergehenden Abend dem Kinde zum Spielen gegeben und es dann vergessen. O, das war unglaublich; erst schlug Petra entsetzt die Hände zusammen, dann brach sie in lautes Gelächter aus. Olivers Seufzer ging vollständig verloren, wie ein geschlagener Mann schlich er hinaus an seine Arbeit.

Aber warum dieser ganze Auftritt? Ein gleichgültiges Spiel! Dürfte nicht eine verheiratete Frau einmal unpäßlich sein und den Kaffee verabscheuen? Ach, wie das Oliver auf einmal unüberwindlich vorkam, wie schwer und verzweifelt kam es ihm vor, Gott hatte ihn nicht verständiger gemacht. Er strich die Segel. Nicht, daß er von diesem Tag an jemand seine eigene Faulheit zur Last gelegt hätte, er beklagte sich auch nicht bei andern, nein, das tat er nicht, aber er schob das Kind vor. So hatte er einen Grund, sich von der Arbeit frei zu machen.

Der Winter verging.

Und es verging mehr als ein Winter — in Müßiggang und häuslichem Streit, mit schlechtem Essen, in Lumpen, in Dunkelheit.

Im Frühjahr pflegte Oliver aufzuwachen und bis zum Herbst fleißig zum Fischen hinauszurudern; dann lebtensie daheim wieder besser, er bezahlte bei den Kaufleuten für das im Winter geborgte Mehl und für die Margarine, und so schlugen sie sich durch. Auf diese Weise ging es auch. Die Achtung, die er sich einmal sozusagen erarbeitet hatte, ging allerdings flöten, er wurde von den Menschen einfach übersehen und gering geachtet, was er vielleicht auch verdiente, weiß Gott!

Diesmal bekam Frank ein kleines Brüderchen, ein braunäugiges Eichkätzchen lag in der Wiege, der Vater nahm das so auf, wie es seine Pflicht war, und verzweifelte nicht. Er war gegen beide Kinder gut, aber Frank, der Erstgeborene, war und blieb sein Junge, mit Abel, dem zweiten, gab er sich nicht viel ab. Sogar auch die Mutter zog Frank vor, vielleicht, weil er der hübschere war; wenn die Kleider für Frank zu klein wurden, mußte der Bruder sie weiter tragen, deshalb lief Abel Jahr um Jahr in zerschlissenen Hosen herum. Nicht, daß Abel sich darüber gekränkt gefühlt hätte, im Gegenteil, er fand meist noch etwas in den Taschen dieser abgelegten Anzüge, wenn er sie übernahm, ein Taschenmesser, eine Pfeife, einen Bleistiftstumpf, Knöpfe, Angeln, Nägel; diese Sachen tauschte er sofort um andere Dinge ein und ließ sie vorsichtshalber den Besitzer wechseln. Dies war einer von Abels Kunstgriffen, sich irdisches Gut zuzulegen. Er hatte übrigens auch noch andere Kunstgriffe; er tat sich eifrig mit Eduard, dem Sohn des Fischer Jörgen zusammen, der etwas älter war als Abel und von dem er deshalb außerordentlich viel lernte; die beiden verdienten sich ein paar Pfennige durch Besorgungen für andere, durch gelegentliche Handlangerdienste und durch den einen und andern glücklichen „Fund”. Einmal „fanden” sie wahrhaftig Kaffee im Lagerhaus des Grütze-Olsen; wie hätten sie das vermeiden können? Der Kaffee stand da mitten auf dem Boden und mußte deshalb von jemand vergessen worden sein, ein ganzer Sack, nur eben geöffnet, die Jungen meinten, er werde wohl etwas Ordentliches wert sein. Die Taschen reichten nun da eigentlich nicht aus, aber andererseits waren Taschen auch noch nie so nützlich gewesen. Auf dem Heimwege stiegen Eduard indes Zweifel auf, ob er mit seinem Warenanteil nach Hause gehen sollte, Abel aber ging mit dem seinen geradeswegs in die elterlicheWohnung. Die Mutter erhielt den Kaffee, sie versprach ihm auch etwas dafür, im übrigen aber verbot sie ihm, noch mehr Kaffee zu „finden”. Als sich Abel am nächsten Tag im Lagerraum einfand und etwas mitbrachte, in dem er den Kaffee forttragen wollte, mußte ihm sein Kamerad eine schändliche Geschichte mitteilen. Zuerst war Eduard gezwungen worden, sich mit dem Kaffee zu dem Sack hinzuschleichen, und als er von diesem Gang zurückkam, hatte er Schläge bekommen. Eduard war nun im Zweifel, ob er seine Eltern noch länger haben wollte.

Dieser Kaffee, der eine Quelle dauernden Wohlstandes hätte werden können, brachte übrigens auch Abel Ärger, die Mutter hielt ihr Versprechen nicht und gab ihm nichts dafür, er versuchte es im Guten und Bösen, aber nein. Dann ging er zu Oliver, zum Vater, und weinte.

„Wenn man einem Menschen etwas versprochen hat, so soll man es ihm auch geben,” sagte Oliver rechtlich gesinnt.

„Na,” sagte Petra, „so soll ich ihm also den Kaffee abkaufen, den er gestohlen hat? Du gibst ihm ja gute Lehren!”

Aber der Vater fühlte sich durch das Ersuchen des Sohnes geschmeichelt, und da er an diesem Tage reichlich Fische gefangen hatte, schenkte er Abel eine blanke Krone. „Man soll dir nicht unrecht tun,” sagte er in Gegenwart aller. Und dank dieser freigebigen Handlungsweise sah sich Abel instand gesetzt, sich am nächsten Tag eine gebrauchte Angelschnur zu verschaffen. Er kaufte sie von Olaus am Wiesenrain, von demselben Olaus, der einen Minenschuß bekommen, davon lauter blaue Flecken im Gesicht hatte und von dem Tag an keinerlei Schönheit mehr aufweisen konnte. Später hatte er auch eine Hand verloren. Er trank wie ein Loch und verkaufte alles, was er hatte, jetzt verkaufte er Abel seine Fischgeräte.

„Hast du Geld?” fragte Olaus.

„Jawohl,” antwortete Abel, „eine Krone.”

„Eine Krone? Ich verkaufe sie nicht für fünf.”

Sie betrachteten die Angelschnur. Olaus rauchte und spuckte aus.

„Sie ist doch wohl nicht verfault?” fragte Abel und probierte sie.

„Verfault? Eine nagelneue Schnur. Kannst dich daran aufhängen; aber eine Krone — nein, zum Kuckuck!”

„Ich hab' nicht mehr als eine.”

„Dann geh nur weiter. Was stehst du denn da mit deiner einen Krone?”

Abel ging.

Olaus rief ihm nach: „Du — wie heißt du denn — hast du nicht mehr?”

„Nein.”

„Na, so komm und nimm sie! Aber sie ist fünf wert.”

Jetzt war Abel obenauf. Denn es war ja eigentlich der Fischfang, wonach den beiden Kameraden, Abel und Eduard, der Sinn stand. Beide waren schon mit Eduards Vater hinausgefahren, sie kannten die Fischgründe, aber sie hatten keine Gerätschaften; ihre Väter aber wagten es nicht, ihnen ihre Schnüre zu leihen und die Kinder auf eigene Faust hinausfahren zu lassen. Jetzt waren sie, wie gesagt, obenauf. Gegen Abend ruderten sie in Olivers Boot hinaus.

Nein, wie gespannt sie waren! Geduckt und vorsichtig wie Diebe glitten sie am Ufer hin, um an der Landzunge vorbei und außer Sicht zu kommen; sie waren nicht groß, eine Elle hoch, Nichtse, aber sie waren von ihrer Sache erfüllt und schmiedeten Pläne. Sie wußten ja nicht, was sie beim erstenmal ergattern würden, aber was sie erlangten, sollte für Angelschnüre auch für Eduard ausgegeben werden, dann hatte jeder seine eigene. O, sie verstanden sich auf das Boot, sie konnten rudern und schaukeln und rückwärtsfahren schon fast solange, als sie gehen konnten; für das Eichhörnchen und Eduard brauchte man keine Angst zu haben. Was Abel betraf, so paßte es ganz besonders gut für ihn an diesem Tag; denn er hatte große Stiefel bekommen, Schaftstiefel. Er war sehr stolz auf sie, obgleich sie früher seinem Vater gehört hatten und dann von Frank vertragen worden waren.


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