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Dann fischten sie.

Das heißt, sie ließen Abels Schnur bis auf den Grund hinunter und zogen sie dann wohl einen Meter hoch wieder herauf; Eduard hielt das Boot auf derselben Stelle. Hoho, sie wußten alles, sie konnten das! Ab und zu ließ Abel das Lot wieder bis auf den Grund hinab und zoges wieder einen Meter herauf; dies geschah, damit sie jederzeit die richtige Tiefe hatten. Dann ließ er es wieder hinab, aber als er es hierauf wieder hochziehen wollte, saß es fest. Da saß es fest. Was — ruder gen Norden, ruder zurück! Versuch es nach Osten, nach Westen! Die Schnur saß auf dem Grunde fest. „Da, nimm die Ruder und laß mich danach sehen!” sagt Eduard, der der Größere von beiden ist. Sie fahren hin und zurück, endlich bewegt sich die Schnur: „Da hab' ich's!” sagt Eduard. Er holt ein, aber siehe, die Schnur ist leer, sie ist in der Mitte entzweigegangen, das Lot und der Angelhaken liegen auf dem Grunde des Meeres.

Sie sehen einander an, sie können es gar nicht verstehen; die Schnur ging entzwei. „Beim Satan!” sagt Eduard, der der Größere ist. Abel selbst fluchte nicht, aber als Eduard es tat, drückte er damit auch seine Herzensmeinung aus. Einander konnten sie keine Schuld an dem Unglück beimessen, aber der Olaus vom Wiesenrain, der hatte ihnen eine verfaulte Schnur verkauft! Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als nach Hause zu rudern.

„Du bekommst deine Krone gewiß wieder,” tröstete Eduard.

„Ich bekomme sie nicht wieder,” murmelt Abel mutlos.

„Nicht wiederbekommen? Ich geh' mit dir!”

„Ja, willst du das?” — O, Abel verließ sich auf seinen treuen Kameraden, seinen erprobten Kameraden, und er wurde beherzt. Da saß Eduard nun, kniff den Mund barsch zusammen und nickte Abel zu, daß er mitgehen und die Sache in Ordnung bringen werde. Morgen wollten sie Olaus auflauern, wenn er ans Bollwerk kam, er trieb sich ja immer da unten herum.

Jawohl, aber Olaus wollte den Handel nicht rückgängig machen. „Weg mit euch, ihr jungen Mäuse!” Abel begann zu weinen, aber das nützte nichts. „Es war keine Angelschnur zum Hinunterlassen,” sagte Olaus, „sie war zum Fischen. Fort mit euch, sag' ich.”

Aber der kleine Eduard war der größere von den beiden Jungen und in allen losen Streichen wohl erfahren. Die beiden Kameraden beratschlagten miteinander und kamen überein, in Olaus Pfeife Pulver hineinzuschmuggeln, so daß er noch einmal einen Schuß ins Gesicht bekäme. O,diese Gassenbuben, sie waren kaum eine Elle hoch, und schon hatten sie sieben Teufel im Leibe! Nun also, Eduard kaufte den Tabak, und Tabak mußte er ohnedies haben, er war also nicht verloren; einen netten Klumpen Minenpulver holte er sich draußen bei den Wegarbeitern. Nun war er ausgerüstet, die Kameraden setzten sich aufs Bollwerk und warteten.

Und es war ein hübsches Päckchen Tabak mit Silberpapier und Fabrikmarke, hundeteuer übrigens und einladend, geöffnet und zum Rauchen vollkommen bereit. Das Minenpulver lag dazwischen.

Nun kommt Olaus daher. „Was hast du da für einen Plunder?” fragt er.

„Meinst du meinen Tabak?”

„Ist das Tabak? Laß mich meine Pfeife mal stopfen!”

„Nein, du nimmst ihn mir nur,” versetzt Eduard und machte Miene, davonzulaufen.

„Dürft ihr kleinen Lausbuben Tabak haben?”

„Und übrigens kannst du deine Pfeife ja gar nicht stopfen, du hast doch nur eine Hand.”

Olaus sieht ein, daß er möglicherweise keinen Tabak bekommt und sagt: „Nein, dann stopf sie selbst, hier nimm sie! Was sind denn das für Narrenstreiche?”

Während Eduard den Pfeifenkopf in den Tabak steckt und den Tabak hineingräbt, schwatzt Olaus weiter: „Habt ihr Lausbuben Tabak? Woher hast du ihn?”

„Ich hab' ihn gekauft.”

„Gestohlen wirst du ihn haben. Du solltest mein Junge sein! So, stopf die Pfeife nun ordentlich voll und sei nicht geizig!”

Eduard gibt ihm die Pfeife zurück, und Olaus soll anzünden.

Jetzt gehen die Jungen zehn Schritt weit weg und betrachten ein Pferd, das dort an einem Pfahl angebunden ist. Es war etwas Besonderes an diesem Tier, es sah ganz genau aus wie ein Pferd, war braun, und im ganzen genommen war durchaus nichts an ihm auszusetzen, aber die Jungen redeten eifrig hin und her über das Pferd und gaben ihre Meinung darüber kund. Plötzlich erhebt sich ein Zischen, um Olaus steigt eine Lohe empor, und die Jungen sehen ihn einen Satz machen. Dann aberschien ihnen plötzlich etwas anderes höchst Merkwürdiges in einem anderen Teile der Stadt einzufallen, das sie eiligst betrachten mußten. Aber sie hörten hinter sich rasende Zurufe: werde euch „einholen” und „wartet nur!” Abel trug leider große Schaftstiefel und wäre im Anfang wirklich fast eingeholt worden.

Dies war nicht der letzte lose Streich der beiden Kameraden, und ebenso waren sie nicht zum letztenmal auf den Fischfang hinausgefahren; es dauerte nicht lange, da bekamen sie ordentliche Angelschnüre und durften mit Olivers voller Erlaubnis das Boot benützen. Die Sonntage waren gute Tage für die Jungen; da es zwischen ihnen keine religiösen Meinungsverschiedenheiten gab, waren sie ohne weiteres bereit, an den Sonntagen zu fischen, wo das Boot vom Morgen bis zum Abend unbenutzt war. Jeder von ihnen konnte mit einem kleinen Bündel Fische heimkommen, ja wahrhaftig! Die Fische loszuwerden, war keine Sache, ach nein, bei Doktors bekommen sie nicht nur den verlangten Preis, sondern auch noch ein wenig darüber, weil die Jungen den Doktor der Familie Johnsen am Landungsplatz, mit der sie unleugbar auf feindlichem Fuß standen, vorzogen. Bisweilen bekamen sie auch ein herrliches Butterbrot, das beste, was ihnen nach achtstündigem Fasten geboten werden konnte. In der Küche des Doktors wurden sie allerdings wohl auch gefragt, ob sie Erlaubnis hätten, zu fischen, während die Leute in der Kirche seien; aber sie schienen mit dem Leben der Gemeinde in der Stadt nicht genau bekannt zu sein.

Das waren frohe, reiche Tage! Unbändige Wildfänge und unverschämte Bengel in verschiedenartiger Tätigkeit! Den ganzen Tag hindurch hell wach und auch im Schlafe voller Erlebnisse. Hatte Abel etwas Träumerisches und zeigte er eine gewisse Würde? O, keine Spur! Ein Eichhörnchen, so klein und blitzschnell, o ein Wildfang, alle seine Glieder in beständiger Bewegung. Man sah ihn gleichzeitig droben bei der Kirche und drunten am Fjord, er ging nicht, wenn irgendeine Gelegenheit zum Laufen da war, er hatte es immer eilig, seine großen Stiefel dröhnten auf der Straße. So war er. Eduard war auch kein gebrechlicher Bursche, aber er war älter und hatte die Verantwortung, außerdem bekam er immer daheim genugzu essen und hatte deshalb einen runderen Körper. Seine Wohlgenährtheit war ihm aber durchaus nicht im Wege, er konnte merkwürdig beweglich sein, wenn der Apotheker in seinen Garten herausstürmte und schrie: „Beim Satan, was tust du da droben auf dem Apfelbaum?” Als Eduard im Ernst in eine Schule ging, nahm er etwas ab, aber doch nicht so, daß es etwas getan hatte; da war eher Abel der, der den Nachteil davon hatte; Abel war nun ein recht einsamer, magerer Bursche. Aus alter Gewohnheit trieb er sich noch immer bei dem Fischer Jörgen herum, und dort war vor ein paar Jahren ein drittes Mädelchen angekommen, mit dem er bisweilen spielte; aber den Eduard, seinen männlichen Freund, den konnte das kleine Ding doch nicht ersetzen, nein, weit entfernt! Sie hieß Lydia, wie ihre Mutter, Klein-Lydia also, war für ein Mädel ganz unterhaltend und schon recht, aber doch unangenehm mit ihrem Geschrei für nichts und wieder nichts.

Ja, Abel war einsam geworden, sein Bruder Frank ging auch in die Schule und war seiner Lebtage viel zu gelehrt und zu selbstbewußt für Abel gewesen, sie hatten nie so recht zusammengehalten. Sie stimmten in ihren Lebensanschauungen schlecht überein; was die Fischerei für den einen war, bedeutete für den andern Bücher und Zeitungen und feine Sachen; Frank ging schon vor dem schulpflichtigen Alter in die Schule und war ein großes Licht. Er sollte Telegraphist oder Bankbeamter werden; der Ehrgeiz der Mutter ging darauf aus, daß Frank unter bessere Kinder in die höhere Schule käme und alles mögliche lerne. Jedermann hat seinen Ehrgeiz; sollte also nicht auch Lydia, die Frau des Fischer Jörgen, den ihrigen haben? Jawohl, und was noch schlimmer war, ihr Ehrgeiz war Torheit, und die Stadt lachte darüber: sie meldete ihre Kinder für die Tanzstunde an. Natürlich wollte Lydia da weit über ihren Stand hinaus.

Es führte auch nur dazu, daß Henriksens auf der Werft, die Zollinspektorfamilie und Frau Johnsen am Landungsplatz sich veranlaßt sahen, ihre Kinder von der Tanzstunde zurückzuziehen — nein, nicht wegen der Fischerskinder, o durchaus nicht, aber weil zum Beispiel Fia Johnsen Bleichsucht bekommen hatte und so mager und aufgeschossen war, daß sie einem ganz leid tat. Es war Politik in der Sache.Die arme, zugereiste Tanzlehrerin rang die Hände und grübelte über den Fall nach, hier stand sehr viel auf dem Spiel; endlich fand sie einen Ausweg. Der erste Kurs war ja vollzählig — daß sie das nicht begriffen hatte! — aber sie wollte noch einen halten, die Nachfrage war so unerwartet groß gewesen, ja, sie müsse vielleicht noch zwei Kurse einrichten. Da war doch wohl alles in Ordnung!

Und nun nahm das Tanzen im Ort einen bemerkenswerten Aufschwung; über Lydia lachte jetzt keine von den Frauen mehr, die Kinder strömten herbei. Wenn Lydias Kinder dabei waren, warum sollten dann nicht auch die Kinder des Böttchers und die des Barbiers Holte dabei sein? Noch niemals hatte die Tanzlehrerin so in die Hände geklatscht, sie hatte eine Freude fürs ganze Leben und hatte die Tanzpolitik gelernt. Auch Eduard war angemeldet, auch Frank war angemeldet, weil sein Vater Oliver zurzeit dem Fischfang oblag und Geld verdiente. „Jawohl, Frank,” sagte Oliver, „du sollst alles lernen, was gelernt werden kann!” Aber was Eduard betrifft, so ging er ein einziges Mal in die Tanzstunde, dann kam er zu Abel und bat ihn, doch hinzugehen und für ihn zu tanzen. O ja, Abel wollte dem Kameraden gerne den Gefallen tun; da er aber nicht danach angezogen war und sich auch nicht gewaschen hatte, wurde er glatt zurückgewiesen; auf diese Weise wurden alle beide frei.

Die Stadt erdröhnte vom Tanzen. Waren Zeiten großen Aufstiegs eingetreten, waren große in Netze eingefangene Heringsschwärme der Küste entlang zu verzeichnen, oder brauchte England ungeheuer viele Holzladungen und Tonnage für einen neuen englischen Krieg? Keines von beiden. Außerhalb der Stadt war alles ruhig.

Die zugereiste Tanzlehrerin war's, die hatte die ganze Gemeinde verdorben. Sie wurde mit christlichem Widerstand empfangen, es wurden im Betsaal Versammlungen gegen sie abgehalten, aber es war zu spät, die Seuche hatte sich schon zu weit ausgebreitet. Sie hatte nicht allein die Eltern im Hinblick auf die Kinder ergriffen, sie drohte auch die Eltern selbst anzugreifen. Solch eine ansteckende Seuche! Im Anfang umklammerte sie hauptsächlich die dienende Klasse, aber dann steckte sie nach oben an, steckte die bessern Leute im Ort an, sie walzte in die Eßstube beim Konsul Grütze-Olsen und bei Henriksen auf der Werft hinein, die Honoratioren der Stadt trällerten Tanzmelodien auf der Straße.

Vor dem Tanzlokal sah man immer Leute, die zuhörten und sich nach der Musik unziemlich in den Hüften wiegten und träumten, sie seien da drinnen mit dabei. Der Polizei-Carlsen tat nichts, er arretierte niemand. Petra wurde oben auf der dunkeln Treppe zum Saal angetroffen, da saß sie wehmütig und schamlos und träumte bei den Geigentönen und dem Fußgetrampel drinnen. Ach, aber Petra träumte ganz und gar aussichtslos, sie war verheiratet und verloren. Zu allem andern kam auch noch hinzu, daß sie wieder sehr schwerfällig geworden war und nächstens nicht mehr stehen, sondern nur noch sitzen konnte. Viele Jahre lang war es ihr gelungen, nicht dicker zu werden, sie war wie ein Mädchen und hübsch gebaut, abernun war auch das vorbei. Sie hätte daheimbleiben und sich nicht vor den Leuten sehen lassen sollen, aber dann wurde sie auf der Treppe angetroffen, und Scheldrup Johnsen, der fand sie da.

„Sitzt du hier, Petra?” fragt er und ist teilnehmend.

„Ja,” antwortet sie. „Nun geh fort, Scheldrup!”

Aber Scheldrup wird nur noch teilnehmender, und da kommt Petra auch auf die Füße und versetzt ihm eine echte und gerechte Backpfeife, obgleich er der Scheldrup Johnsen ist. Und gleich war jemand weiter unten auf der Treppe, der den Knall hörte und heraufkam und das übrige mit ansah: Daß Scheldrup in den Saal hineinschlüpfte, und Petra weinend die Treppe hinunter und auf die Straße hinauswankte.

Daran war ganz allein die Tanzmadam schuld, sie hätte in der Nachbarstadt bleiben können. Und trotzdem hatte sich die Unruhe, die sie mitgebracht, nicht gelegt, im Gegenteil: mehr als eine Bosheit kam in den Familien des Orts zum Ausdruck an dem Abend, wo die Schüler ihren Abschiedstanz hatten; da kochte wilde Eifersucht über Tüll- und Seidenkleider, und die Eltern waren neidisch auf die Kinder der andern.

Doktors gingen mit Johnsens am Landungsplatz heimwärts; Fia hatte nun ihren vergnügten Abend gehabt und sollte zu Bett mit ihren müden Beinen, die Erwachsenen dagegen wollten gerne noch eine Weile beisammen sitzen. Es gingen übrigens noch mehrere mit, darunter der Rechtsanwalt Fredriksen, für den sich Frau Johnsen ein wenig interessierte, weil er sich mit ihr abgab. Auch Henriksens von der Werft wurden eingeladen, obgleich sie außerhalb des Rahmens waren. „Ja, holen Sie Ihre Frau und kommen Sie mit, Henriksen! Und Sie auch, Herr Postmeister!” Aber ganz besonders wurden Doktors höchst formell eingeladen, sie durften nicht umgangen werden, sie waren die Spitzen, das wußte der Konsul sehr gut.

O, die verborgene Feindschaft zwischen diesen Freunden, diesen Busenfreunden! Selten kam es zu einem ehrlichen Ausbruch, aber sie war da, sie glimmte unter der Asche! In lebhafter Unterhaltung wanderten sie heimwärts, sie gingen zu vier nebeneinander und fegten die Straße, ab und zu blieben sie stehen und versperrten allem Verkehrden Weg, wer an ihnen vorbei wollte, mußte zwischen ihnen hindurch schlüpfen. Es war ein gar herrlicher Sommerabend!

„Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Fia,” sagte die Frau des Doktors. O, ihr wurde es leicht, unparteiisch zu sein und es nicht mit einem Elternpaar ganz besonders zu halten, denn sie selbst hatte keine Kinder in der Tanzstunde, nein, Doktors hatten gar keine Kinder. — „Fia war so hübsch heut abend. Aber meinen Sie nicht, ein nettes durchsichtiges Kleid wäre passender gewesen?”

„Sie wollte ein seidenes Kleid haben,” antwortete Frau Johnsen, „und außerdem waren genug billige Kleider da. Haben Sie gesehen, wie Heibergs ihre Alice herausgeputzt hatten?”

Eine andere sagte: „Eine hatte eine schwere Uhrkette an.”

„Das war eine von Konsul Olsens Töchtern.”

„Ja ja, das arme Kind, Grütze-Olsens sind nun eben etwas für sich,” gab Frau Johnsen nachsichtig zu. Nein, niemals konnte sie Grütze-Olsens verzeihen, daß auch sie ein Konsulat hatten und reiche Leute waren. War denn das nicht erfreulich? Es hätte doch eine große Annehmlichkeit für Frau Johnsen sein müssen, daß sie mit immer mehr Damen von ihrem eigenen Rang zusammenkommen konnte, aber nein, das ertrug sie nicht. Und woher hatte sie denn ihre gelbe Gesichtsfarbe? Diese war sehr gelb, Frau Johnsen hatte wohl einen empfindlichen Magen.

„Um von einem aufs andere zu kommen,” sagte Rechtsanwalt Fredriksen, der Volksredner, und hielt die ganze Gesellschaft auf. Er redete so laut an dem stillen Abend, es war wie wenn ein Matrose in einer Weinstube proletet. — „Ja, um von einem aufs andere zu kommen. Sind Ihre Dampfschiffe jetzt auf dem Heimweg, Herr Konsul?”

Es war Konsul Johnsen nicht unlieb, hier antworten zu können: „Ja, jetzt kommt dieFiaheim. Sie ist lange nicht dagewesen.”

„Hätte ich jetzt das Geld, das sie verdient hat!” wünschte Henriksen auf der Werft. „Das waren keine Kleinigkeiten, o nein!” Wie das Konsul Johnsen wohltat! Aber er sagte: „Ich antworte darauf, weil Schweigen mißverstanden werden könnte. Fia hat in Wirklichkeit nicht so sehr viel verdient. Ich war sehr oft froh, daß ich's aushaltenund sie über Wasser halten konnte. Aber jetzt, in den letzten Jahren natürlich —”

„Oho!” rief Henriksen und schüttelte den Kopf.

„Die Gesellschaftsmoral hat ganz gewiß einen unverdient schlechten Ruf,” sagt der Doktor plötzlich.

„Wieso?”

Der Doktor fährt fort, als habe er die Frage nicht gehört: „Denn wenn ein Mann wie Konsul Johnsen sich ihrer bedient, dann muß sie sehr brauchbar sein.”

„Die Gesellschaftsmoral? Wieso?”

Ein langes, gewichtiges Schweigen entsteht; der Doktor hat keine Lust, etwas zu sagen, über das man verächtlich lächeln könnte. Und er will sich auch nicht in eine Erörterung mit Henriksen einlassen, deshalb äußert er nur im allgemeinen über die Versammlung hin: „Es ist eine Verleumdung, daß Geschäft und Ausbeutung miteinander verwandt seien.”

„Aber nun hab' ich doch noch nie —!” ruft Henriksen verwundert, und er zieht die Augenbrauen in die Höhe, ganz genau so, als ob das eben Gehörte großartig wäre.

Aber nun war ja Konsul C. A. Johnsen unantastbar, vielleicht nicht in jeder Hinsicht ein Muster, aber ein tüchtiger, großer Mann. Der Volksmund nannte ihn den Ersten Konsul, zum Unterschied von den Konsuln, die später gekommen waren und nicht viel bedeuteten.

Konsul Johnsen antwortete: „Geschäft ist Arbeit, die ihres Lohnes wert ist.”

„Das meine ich auch. Deshalb ist es auch nicht richtig, daß Geschäft Spekulation genannt wird.”

„Doch, gewissermaßen. Wir spekulieren alle. Ehe ein Doktor Doktor wird, spekuliert er auch, er denkt sich aus, daß dies sein Lebenswerk sein soll und strebt danach. Schütteln Sie den Kopf?”

„Jawohl, den ganzen Kopf.”

„Haha!” lacht die Frau des Doktors.

„Medizin, das ist eine Wissenschaft,” erklärt der Doktor. „Aber ob dieFiawenig verdient oder ob dieFiaviel verdient, das —”

„Wollen Sie nicht weiter sprechen?”

„Doch, das ist nicht mehr als billig. Das ist ungefähr so etwas, wie das Geschäftsverfahren derFia, das dieLeute — Spekulation nennen. Nach meiner Ansicht mit Unrecht.”

„Dann sind ja alle einig,” versuchte der Postmeister, der immer gute Mann, einzulenken.

„Ich werde ihm das eintränken für sein ungewaschenes Maul,” unterließ der Konsul zu äußern. Er gesellte sich unauffällig zu Frau Henriksen und sprach mit ihr; sie war eine junge hübsche Frau, aus der Tiefe des Volkes hervorgegangen wie ihr Mann auch, Mutter von zwei kleinen Mädchen in der Tanzstunde, aber doch noch nicht dreißig Jahr alt. Konsul Johnsen war ritterlich gegen sie und recht unterhaltend, ja bisweilen sprach er überaus leise, damit die andern es nicht hören sollten. Seht, der Konsul hatte es wohl im täglichen Leben nicht so sehr angenehm und herzerfreuend, er mußte die Gelegenheit benutzen. War er nicht eine Kraftnatur, etwas ergraut zwar, aber noch ein Mann? Es ärgerte ihn, daß sein großer Sohn Scheldrup hier dabei war und zuhörte: „Geh voraus und laß alles herrichten!” sagte er zu Scheldrup.

Ei, und Frau Henriksen? So ungeheuer geehrt durch die Begleitung, die sie an diesem Abend bekommen hatte und durch all das Schöne, das sie zu sehen bekommen würde, wenn sie zum Ersten Konsul kam, das war ein Erlebnis, ein Übererlebnis!

„Wollen Sie mir etwas versprechen?” fragte sie.

Da ritt ihn der Teufel, er wurde keck gegen die Dame und antwortete: „Ich wage Ihnen kein Versprechen zu geben.”

„Aber — warum nicht?”

„Ein Versprechen? Ihnen? Ich würde es ja nur halten müssen.”

Da lachte die Dame, und sie dachte nichts weiter, als er sei reizend, der Erste Konsul sei reizend. Und dann rückte sie mit ihrer Bitte heraus, ob der Herr Konsul einmal zu ihnen hereinsehen wolle, zu ihnen, Henriksens auf der Werft, er und seine Frau Gemahlin?

„Kommt ihr nicht?” rief Frau Johnsen, indem sie stehen blieb.

Da war nichts anderes zu machen, sie mußten vorgehen zu den andern. Aber der Konsul gelobte sich selbst, er wolle mit Frau Henriksen noch mehr reden, später, wennihr Mann von dem Punschbrauen ganz in Anspruch genommen sei. Dann wolle er der gute Gastgeber sein und sagen: „Ja, bitte Henriksen, tun Sie ganz, als ob Sie zu Hause wären,” und sich dann mit Frau Henriksen unterhalten.

Der Postmeister sprach von Nachkommenschaft. Er war ein magerer, unbedeutender Mann, und man hielt ihn eigentlich für eine recht verfehlte Existenz. Man hielt ihn auch für fromm, und er pflegte mit einer recht gedankenvollen Miene zu sagen. „Ja, was soll man glauben!” Als junger Student hatte er meist von der Kunst geträumt, von Schlössern und Domen, von Architektur, er kam indes nie soweit, sich für einen bestimmten Beruf zu entschließen, und landete schließlich beim Postfach. Jetzt zeichnete er Gotteshäuser und Menschenhäuser in seinen Freistunden; er hatte den Plan für die höhere Schule im Ort gezeichnet, das hübsche Haus mit Säulen, das man schon weit draußen im Fjord am Ufer sehen konnte; er nahm nichts für seine Arbeit, aber die Stadtverwaltung hatte ihm viel Lobenswertes darüber gesagt. Seine Frau war in keiner Weise verfehlt, aber keine Schönheit, nur gut und ein Segen für ihr Heim. Sie war älter als ihr Mann, aber nicht so viel, daß es etwas ausgemacht hätte. Unter Fremden war sie schweigsam, auch jetzt zog sie sich zurück und redete nicht von sich selbst.

„Nachkommenschaft,” sagte der Postmeister. Seine Theorie war, daß den Eltern im allgemeinen weniger Bedeutung zugemessen werden sollte, als den Kindern. Ja durchaus. Alles sollte sich um die Nachkommen drehen. „An dem heutigen Abend haben die Eltern leere Wände entlang auf schlechten Bänken gesessen und doch einen Genuß und eine Festfreude an ihren Kindern gehabt. Die Mütter sind nicht im Staat gewesen, die Kinder dagegen sehr fein angezogen. So fein angezogen waren auch einst die Mütter, als sie kleine Töchter gewesen waren, damals vor dreißig Jahren, als die Damen ungeheuer weite Kleiderröcke trugen. Du lieber Gott! dachte ich und erinnerte mich an alte Zeiten.”

„Elegie!” sagte der Rechtsanwalt, der Junggeselle Fredriksen.

„Jawohl, ganz richtig!” erwiderte der kinderlose Doktor. Und da es sich um den unschädlichen Postmeister handelte,der im Grunde genommen ein feiner Mann war, wollte er ihm ein paar Worte sagen. „Nachkommen,” sagte er, „was wollen Sie damit? Ist dies eine Welt, um Nachkommen hineinzusetzen? Wie lange halten wir uns hier im Leben auf und zu welchem Zweck, außer für uns selbst? Lassen Sie uns die Zeit ausnützen, Herr Postmeister, der Tod ist uns auf den Fersen und wird uns gleich ergreifen. Wir liegen zwischen dem untersten und dem obersten Mühlstein. Die einen sind weich und nachgiebig, sie werden ohne Murren zermahlen, andere winden sich, wie Sie, Herr Postmeister, sie drehen den Kopf zurück und haben Angst für ihr Gesicht — o, aber in der nächsten Sekunde sind auch sie schon zermahlen. Es muß ein sonderbares Gefühl sein, und wir werden dieses Gefühl alle einmal kennen lernen; wenn es von unten beginnt, muß man ja fühlen, wie die Beine und der Leib allmählich —”

Als der Doktor nun Beifall erntete, scherzte er weiter, der witzige Kerl, und brachte alle zum Schaudern: „Schließlich liegt wohl nur noch ein Stückchen von einem da, das sich vielleicht ganz unabhängig vom andern bewegt. Alles ist geradezu herrlich, alles ist vollendet.”

Schweigen.

„Es ist so trostlos, dergleichen zu denken,” sagt der Postmeister. „Aber selbst unter diesen Voraussetzungen ist es gut, man hinterläßt —”

„Nachkommen! Die auch zermahlen werden sollen! O trostlos! Ich weiß nicht. Was mich betrifft, so hab' ich guten Mut, ich ertappe mich gelegentlich darauf, mir das Haar über die kahlen Stellen zu streichen und also meinen Ruin so gut ich kann wieder herzustellen. Dann pfeife ich drauf.”

„Ja ja,” sagte der Postmeister, der nicht weiter darauf eingehen wollte.

Aber Konsul Johnsen griff nach dem Knochen, wahrhaftig, er wollte bei soviel Überlegenheit nicht im Rückstand bleiben. „Wenn es keine Nachkommen mehr gibt, müssen ja die Menschen aussterben.”

„Bitte, das geht mich nichts an.”

„Aber Sie sind ja gerade darauf aus, die Menschen vom Tode zu erretten, nicht wahr?”

„Herr Konsul, Herr Erster Konsul, wollen Sie Menschen,die sich zwischen den Mühlsteinen befinden, mit Logik kommen? Wo ist da die Logik des Lebens, wo die Logik des Weltregiments?”

Da sagte der Konsul: „Ich stelle fest, daß Sie, Herr Doktor, persönlich für die Ausrottung der Menschen sind, aber Ihr Handwerk, Ihr Lebensberuf ist es, die Ausrottung zu verhindern.”

Und der Doktor will sich am liebsten einem wenig gebildeten Menschen gegenüber nicht zu gewandt zeigen, aber der Erste Konsul war ein so großer Herr geworden, er war zu hoch hinaufgekommen, der Doktor war gezwungen, ihm zu antworten: „Dies steht wohl etwas über dem Begriff Geschäft, nicht wahr? Hier handelt es sich um eine Frage der Lebensanschauung. Wenn ein Arzt über einen Kranken gebeugt steht, dann tut er es wohl hauptsächlich aus Mitgefühl mit der armen Menschheit.”

„Ach ja!”

„Ja, seufzen Sie nur. Er spekuliert jedenfalls nicht.”

Der Konsul sagte rücksichtslos: „Er verdient seine fünf Kronen. Der Arzt ist wie wir andern: er spekuliert in fünf Kronen, wenn ich in Tausenden spekuliere, das ist der Unterschied.” — Darauf sah sich der Konsul lächelnd im Kreise um und machte die Sache dadurch noch peinlicher für die andern.

Der Doktor war gezwungen, mitzulachen; er sagte: „Sie haben uns ordentlich erhitzt, Herr Postmeister.”

„Ich?”

„Mit Ihrer Nachkommenschaft.”

Da mußte der Postmeister wieder eingreifen. „Ja, aber lieber Doktor, Nachkommen müssen wir doch haben. Man kann über die Mühlsteine sagen, was man will, die können nicht unser Ziel sein.”

„Unser Ziel tragen wir in uns selbst. Wenn ich sterbe, ist alles, was mich angeht, tot. Glauben Sie an Gott, Herr Postmeister?”

„Was sollen wir glauben? Tun Sie es nicht?”

Der Doktor schüttelte den Kopf: „Bin ihm nicht begegnet. Glauben Sie, er sei von hier?”

„Haha!” lachte die Frau Doktor.

Der Postmeister fragte: „Was für ein Ziel kann das sein, das einer in sich selbst trägt?”

„Man gestaltet sein Dasein so gut wie möglich. Genießt zum Beispiel.”

„Armes Ziel, kurzes Ziel. Dann ist allerdings sehr richtig alles mit einem selbst aus. Aber man kann sich ein weiter gestecktes Ziel denken: Unsere ewige Fortsetzung durch die Nachkommen. Wie denken Sie nun im Ernst darüber? Ich nehme an, daß Sie bis jetzt mit uns gescherzt haben.”

„Durchaus nicht.”

„Nehmen Sie zum Beispiel mich: Ich bin Postmeister hier in der Stadt. Die eine Stellung kann dabei so gut wie die andere sein. Aber mit welcher Hoffnung kann dann der Kinderlose, der selbst nichts Besonderes geworden ist, sterben? Für mich ist es nun keine Befriedigung, selbst noch mehr zu werden, im Gegenteil, jetzt freut es mich, wenn ich selbst nichts Besonderes geworden bin, dann hab' ich meine Gaben für meine Kinder nicht verbraucht. Sehe ich, ehe ich sterbe, Zeichen davon, daß meine Kinder mich in allen Dingen überstrahlen werden, dann werde ich, was ganz natürlich ist, der Allmacht gegenüber von tiefer Dankbarkeit erfüllt sein. Etwas vom Traurigsten, was ich erleben kann, das sind demgemäß die Söhne und Töchter großer Männer, die Kinder berühmter Eltern. Das ist ein traurigerer Anblick, als Kinder ohne Eltern. Von mir kann man gottlob annehmen, daß meine Kinder, selbst wenn ich noch einmal so viel geworden wäre, als ich tatsächlich geworden bin, daß meine Kinder mehr werden als ich. Jawohl, und gerade das wird meine Hoffnung sein, wenn ich sterbe; daß ich also durch das Emporkommen meiner Kinder selbst emporgekommen bin. Daß ich nicht Göttersöhne gehabt habe.”

Die Theorie des Postmeisters sagte niemand zu, es war eine Theorie und ein Trost für Leute ohne Erfolg, Leute, die wenig im Leben erreicht hatten, es war nicht für Leute in hohen Stellungen, oho!

„Sie sind ein guter Mann!” sagte der Doktor freundschaftlich. Und der Konsul war ja wahrlich selbst sehr viel und nicht nur der Vater seiner Kinder, ja, er konnte sogar noch mehr werden, als er jetzt war, er stand aufrecht auf freier Bahn, und er hatte etwas im Auge. Aber Konsul Johnsen wollte auch freundschaftlich gegen denPostmeister sein und nicht einmal herablassend, er nickte ihm zu und sagte: „Nach meiner unmaßgeblichen Meinung ist vieles an dem, was Sie sagen, Herr Postmeister.”

„Nach Ihrer Meinung!” wies der Doktor zurück.

Rechtsanwalt Fredriksen, der bis jetzt mit Henriksen von der Werft geplagt worden war, warf ein: „Jawohl, Meinung. Wir Junggesellen und Kinderlose haben doch auch eine Meinung in der Sache.”

Und in demselben Augenblick fürchteten wohl alle, jetzt sei es aus, niemand werde mehr ein Wort vorbringen können. Der Konsul beschleunigte seine Schritte, machte seine Haustür auf und forderte die Gäste auf, einzutreten. „Jedenfalls wollen wir jetzt versuchen, ob wir bei einem Glas Wein einig werden können,” sagte er lächelnd.

In demselben Augenblick, wo die Gesellschaft hineinging, trat der junge Scheldrup durch den Küchenausgang auf die Straße. Er machte sich wohl nichts aus solchen ergebnislosen Diskussionen, wie sie der Postmeister zuwege brachte. Das konnte ihm niemand verdenken, in seinem Alter ist das Leben kein Rätsel, die Sommernacht gehört der Jugend.

Ältere Leute erinnern sich deutlich an Tage und Daten aus der Vergangenheit; sie finden es so herrlich, allerlei Kleinigkeiten im Kopfe zu behalten, als sei das etwas Wertvolles, etwas, das ihnen einmal nützlich sein könnte. Sie heben auch Zeitungsausschnitte auf.

Jetzt hören die Leute eine fremde Dampfpfeife in der Bucht ertönen. Das ist keiner der Postdampfer, und es ist auch nicht das kleine Frachtboot, das jede Woche einmal zu jeder Haustür kommt, deshalb steigen die Leute auf ihre Hausdächer und halten Ausschau.

„Es ist dieFia!” sagen sie. „Seht, wie sie geflaggt hat!”

Und in demselben Augenblick denken sie unwillkürlich an die große Volksmenge, die an jenem längstvergangenen Sonntag ans Bollwerk hinuntergewandert war; sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und wissen am Alter ihrer Kinder, in welchem Jahr das gewesen ist. Es war eine wahre Völkerwanderung, dessen entsinnen sie sich wohl, und damals sollte dieFianach dem Mittelmeer fahren. Nun kehrt sie zurück nach den langen Fahrten auf den weiten Meeren, an Bord ist alles festlich geschmückt, und die Herzen sind wohl von Stolz geschwellt. Auch der Matrose Oliver Andersen war damals an Bord gewesen.

Jetzt humpelt Oliver ans Bollwerk hinunter, er wirft sich mit dem Stelzfuß vorwärts, strengt sich an; er ist so unschuldig, zu glauben, die Kameraden werden nach ihm ausschauen, sie würden ihn als den ersten am Bollwerk erwarten. Nein, sie erwarten ihn nicht, er ist vergessen. Sie betrachten von der Reling aus diesen Krüppel und erkennen ihn; aber sie bezeugen keine Freude, er muß sie zuerst grüßen und zu den alten Freunden hintreten. Da steht nun Oliver; er ist etwas ergraut, und sein Haar ist dünn, obgleich er noch ein junger Mann ist, dagegen ist er merkwürdigdick geworden, mit wahren Hängebacken. Hat er es auf der lieben Gotteserde so gut bekommen? Ist sein Unglück ein verkapptes Glück gewesen?

Von der Reling aus werden einige teilnehmende Worte mit ihm gewechselt, weil er ein Krüppel geworden ist, aber die Matrosen halten sich nicht mit ihm auf; sie haben wohl keine Zeit, ihre Augen laufen suchend den Weg hinauf — gerade jetzt kommt ihr Mädchen, ihre Mutter oder ihre Frau mit den Kindern, sie müssen sich nun in aller Eile noch ein wenig putzen, ehe sie da sind.

Natürlich ist auch Olaus vom Wiesenrain mit seiner Pfeife da, und er ist so, wie er immer war, betrunken und großsprecherisch. Wenn die Mannschaft derFiabeabsichtigt hatte, sich bei ihrer Heimkehr aus unglaublich fernen Landen etwas aufzuspielen, so verdarb ihnen Olaus das gründlich, er bewies ihnen auch nicht das kleinste bißchen Hochachtung.

„Woher kommt ihr?” fragte er.

„Von einem Lande, das China heißt.”

Das bedeutete für Olaus gar nichts. „Ach so, von China. Ja, die Welt ist nicht mehr groß,” sagte er, „in alten Tagen, da konnte ein Seemann sagen, er komme von weit her. In der vorigen Woche liefen hier im Ort zwei Männer herum und bettelten um Geld und Essen. Ich fragte sie, woher sie kämen. ‚Von Persien,’ sagten sie. Ja, aus Persien, von dem wir in der biblischen Geschichte gehört haben und von dem niemand weiß, wo es liegt. Hast du Tabak für meine Pfeife?”

Man reicht ihm eine Pfeife voll; er bedankt sich nicht, aber er anerkennt den Tabak, indem er äußert: „Ich hab' schon schlechteren geraucht.” Und während er eine Landungstreppe mit seinen anderthalb Armen aufs Schiff wirft, kommandiert er: „Da, faßt an und vertäut sie!”

Das war Olaus. Das Schicksal hatte auch ihn verfolgt, den Einhändigen mit dem ewig blauen Gesicht, aber ob er dabei dick und ruhig geworden wäre? Zum Kuckuck nein! Er war nicht dick und tot wie ein Tier, und ebensowenig hatte er ein blasses Gesicht wie ein Adliger, sondern er war betrunken und großsprecherisch. Er zehrte von seinen Reserven. Ja, wozu hat man denn sonst Reserven, als um von ihnen zu zehren?

Oliver steigt an Bord. Das hätte er nicht tun sollen, nein, sie begrüßten ihn nicht mit Jubel, sie nahmen nur seine ausgestreckte Hand und sagten das Notwendigste. Alle waren von ihrem Eigenen in Anspruch genommen. Sollte sich Oliver über Menschen verwundern, die es möglich machten, aus China zurückzukommen? Der weitgereiste Matrose war ja selbst dort gewesen, für ihn war nichts neu. Nein, Oliver hätte nicht an Bord gehen sollen, jetzt hatte er überdies sein Englisch vergessen und konnte nicht mehr so recht in der Matrosensprache reden. Das Mannschaftslogis war genau wie früher, ein dunkler, übelriechender Schacht, obgleich da gespült worden war wie zum Sonntag. Er setzte sich an den wohlbekannten Tisch und schwatzte und schwatzte da immerfort von sich; im Anfang hörte man ihm zu, aber sie wollten ihn lieber nach den Ihrigen am Lande und nach den Honoratioren des Ortes fragen; so gingen sie wieder auf Deck und schauten nach ihren Angehörigen aus.

Oliver sagt: „Ja, nehmt nun an, daß ich ganz marode bin.”

„Ja du, dir ist wohl der Unterleib ordentlich kaputt geschlagen worden?”

„Was, mir, der Unterleib? Ich bin ein verheirateter Mann mit vielen Kindern. Eine Trantonne kann einem Mann nicht den Leib zerschlagen.”

„Was für eine Trantonne?” fragt Kaspar.

Oliver denkt nach und wird verwirrt.

„Bist du nicht heruntergefallen und hast einen Querbalken zwischen die Beine bekommen?”

„Nein.”

So lange hatte Oliver nun von dieser Trantonne geredet, daß er vielleicht selbst an sie glaubte, aber dann war es also keine Trantonne gewesen. Was hatte er mit dieser Lüge erreichen wollen? Wollte er etwas verbergen? Oliver faßt sich und schwatzt weiter. Vom Kapitän sah er gar nichts, und die Matrosen waren zurückhaltend, o, sie hatten wohl in den Briefen von Hause von seinem ganzen späteren Lebenslauf Kunde bekommen; er hatte sich schlecht gemacht, es war genug Klatsch über ihn und sein Haus im Umlauf. Armer Oliver jetzt, selbst als er aus der Tasche die Zeitung mit der Seemannstat herauszog undvorzeigte, machte das keinen größeren Eindruck. Nein, denn jetzt kamen die Angehörigen heran.

In Olivers Augen glimmte es auf. Jawohl, er war dick und wie etwas geistesschwach, aber bisweilen brach eine rohe Verschlagenheit bei ihm durch. Er trat zu Kaspar, seinem Freund und früheren Altersgenossen, und sagte: „Kommt deine Frau nicht, Kaspar?”

„Doch, das wird sie schon,” sagt Kaspar.

„Ja, denn sie ist wohl wieder daheim.”

„Wo ist sie gewesen?”

„Das weiß ich nicht. Sie ist ein Jahr lang fort gewesen. Es hieß, sie sei im Ausland.”

„Was erzählst du da?” fragt Kaspar unbehaglich berührt.

„Ich? Ach, es ist einerlei, was so ein armer Tropf wie ich sagt. Aber für dich und die andern kann es doch ganz einerlei sein, ob eine Trantonne oder ein Balken mich kaputt gemacht hat.”

„Ja, das ist wahrhaftig einerlei,” sagt jetzt auch Kaspar. „Was hat sie denn im Ausland getan?”

„Es heißt, sie sei Kajütjungfer auf einem Schiff gewesen.”

„Nein, denn ich hab' jedes Jahr von hier aus Briefe von ihr bekommen.”

„Ja ja,” sagt Oliver.

Auf dem Heimwege begegnet er Kaspars Frau; sie ist im Staatsgewand, sieht unschuldig aus und ist auf dem Wege, ihren Mann abzuholen. Im Vorbeigehen sagt Oliver zu ihr, daß ihr Mann auf sie warte; aber ob die Frau nun zu geputzt und zu unschuldig war, um Oliver etwas zu erwidern — sie eilt nur an ihm vorüber.

Oliver geht heim in sein Haus und zu seiner Familie. Der Besuch an Bord derFiawar entschieden ein Mißgriff gewesen. O, Glück auf die Reise, er würde nicht öfters hingehen. Und was Kaspar und seine Frau betraf, so erwartete er nicht viel von dieser Seite: hier war ein ganzer Ort Mitwisser. Überdies war ein Krüppel durch seine eigene Elendigkeit geschützt, selbst wenn er ein paar Eheleute aufeinanderhetzte.

Er setzt sich an den Tisch und fängt an, über die Mannschaft auf derFiazu schimpfen, sie sei lauter Pack, erhätte jeden einzelnen durchprügeln sollen, damals, als er noch seine volle Körperkraft hatte.

Petra erwidert nichts, sieht nicht nach der Seite, wo er sitzt, so überdrüssig ist sie seines Geschwätzes und seiner Person. O, dieser Fettklumpen auf dem Stuhl dort, er schnauft, er hat einen regelrechten Anzug an, er hat Knöpfe am Anzug, auf dem oberen Ende sitzt ein Hut schräg auf dem Ohr. Sie kannte alles in- und auswendig, seinen Stelzfuß, der absteht und das kleine Zimmer versperrt, seine Reden, seine Lügen, seine Großmäuligkeit, seine Stimme, die einer Frauenstimme immer ähnlicher wird, die matten wasserblauen Augen, den allzeit feuchten Mund! Mit jedem Jahr verfiel er sozusagen mehr, nur sein Appetit war immer derselbe. Und es gab nicht immer Essen genug.

Merkwürdig! Das Leben in der Stadt ging seinen Gang, und es war sogar stark im Aufschwung begriffen. Als die Tanzlehrerin ihre Arbeit getan hatte und abgereist war, wurde jeden Samstagabend im Rathaussaal getanzt, und ebenso deutlich zeigte sich der Aufschwung in den Kleidern und in der Lebensweise der Leute. Aber bei Oliver und Petra ging nichts aufwärts, nein, nur abwärts ging's, ganz herunter ging's. Hatte nicht der verrückte Mann die Zieraten auf der Kommode verkaufen wollen, den weißen Engel und das Sparschweinchen vom Ausland? Dann eines Tages im Winter ging Oliver in die Stadt und verkaufte das Haus, in dem er wohnte. Es war ein gewissenloses Tun.

Schon mehr als einmal hatte er das Haus verkaufen wollen, der Rechtsanwalt Fredriksen, dem es gehörte, würde einem Krüppel gegenüber doch wohl ein Mensch sein. Aber Rechtsanwalt Fredriksen dachte wohl, er habe Oliver schon genug geholfen, als er ihn mit seiner Bemerkung über die Seemannstat berühmt gemacht hatte; warum tat er nicht noch mehr Großtaten? Das Haus verkaufen, das Haus eines andern —

Oliver wurde einfach verklagt.

Seht, dieser Oliver Andersen hätte ja von Rechts wegen längst hinausgeworfen werden müssen, aber die Stadt beschützte den Krüppel. Jetzt hatte er sich endlich selbst durch ein Verbrechen jegliches Schutzes verlustig gemacht.

Oliver stapfte zum Rechtsanwalt und bat um Gnade,der Handel solle rückgängig gemacht werden, das Ganze sei also fast ungeschehen. Es half aber nichts, der Rechtsanwalt wollte die Gelegenheit benützen, das Haus leer zu bekommen. Nein, es half nichts, bis Petra zum Rechtsanwalt ging und recht hübsch bat; aber auch Petra gelang es nicht gleich beim ersten Male.

Das war ein Zustand, die Heimat dicht vor dem Abgrund. Was war dabei, wenn sich Petra da von Hause fortschlich und sich auf die Treppe des Tanzsaales setzte, um in einer Abendstunde ein wenig selig zu träumen! Oliver, der Mann, krepierte nicht vor Scham und Not, im Gegenteil, er tat noch groß und schimpfte über den Rechtsanwalt, über den Leuteschinder, der sich einem Krüppel gegenüber nicht als Mensch zeige. Na, einerlei, wenn Oliver um das Geld für das Haus betrogen werde, dann sei er dadurch nicht mehr ruiniert als vorher; es fehlte ihm durchaus nicht an Auswegen, wenn er daheim saß und mit seiner Familie redete. Den Platz beim Leuchtturm, nein, den hatte er aufgegeben, aber wer könne ihn daran hindern, sich einen Rollwagen anzuschaffen und in den Gemeinden herumzufahren? Oder wie, wenn er in eine große Stadt führe und auf der Drehorgel spielte?

„Ja,” sagte Petra, „das solltest du nur tun!”

„So. Und wovon solltest dann du und die Familie leben?”

Ja, wovon sollten sie leben? Vielleicht konnte er so viel verdienen, daß er etwas Geld heimschickte. Aber da hatte Petra ihre Zweifel. Auch die Großmutter zweifelte daran, ja, sie sagte gerade heraus, Oliver werde wohl den ganzen Verdienst aufessen.

So wurde nichts aus der Reise des Versorgers, und der Fuß, auf dem die Familie lebte, blieb derselbe wie vorher. Aber sie lebten von einem Tag zum andern, sie lebten es auch durch, sie überlebten es.

Warum sollte es auch so schlecht gehen? Der Versorger war körperlich unvollkommen, was dann? Hannibal war einäugig, Alexander hinkte. Oliver war von guten Eigenschaften nicht ganz entblößt, was wollte man denn? Er war eigentlich friedlich von Natur, er ging nicht mit blutunterlaufenen Augen und furchtbar gebleckten Zähnen umher und wartete darauf, bis die kleinen Kinder fürsSchlachten reif wären, nein, er war freundlich gegen Kinder. Mißgestaltet? Jawohl, da war das leere Hosenbein, das so jämmerlich hin und her schlug, wenn er ging. Aber er war zum Beispiel nicht wie die Buckligen, die, wenn sie gehen, aussehen, als trügen sie sich selbst auf dem Rücken. Entblößt von guten Eigenschaften? Er trank nicht, o nein, niemals, er rauchte nicht einmal mehr Tabak, nein, in dieser Beziehung war er wie ein Frauenzimmer geworden.

Natürlich wurde es nicht ein bißchen besser, sondern eher schlimmer, als das dritte Kind kam, ein Mädelchen, das bei Nacht schrie und den müden Versorger aufweckte. Nun konnte Oliver seiner Lust zum Umherschweifen wieder nachgehen, von Hause verschwinden, in seinem Boot weit hinausfahren und tage- und nächtelang fortbleiben. Gott mochte wissen, was er da suchte und was er fand. Besonders nach einem Sturm auf dem Meere machte er diese Ausflüge, er war vielleicht so kindlich, auf ein neues, havariertes Schiff zu hoffen. Einmal fand er übrigens einen umhertreibenden Handkoffer; er enthielt nur etwas Leibwäsche, etwas weiblichen Staat, aber Oliver trug ihn heim und tat groß damit, und es fiel ihm nicht ein, an diesem Tag noch irgendwie Hand an eine Arbeit zu legen. Ein andermal fand er eine leere, aber verkorkte Paraffinkanne, ab und zu kam er mit einem Häufchen Eiderdaunen an, das er von den Nestern auf den Brutinseln geraubt hatte. Er wußte, daß dieser Flaum sehr wertvoll war, aber er wagte nicht, ihn in der Stadt zu verkaufen, er mußte ihn aufheben.

Das Ärgerliche war, daß Petra seine Fundstücke so wenig schätzte, o, sie pfiff darauf. Er konnte sich vom Bollwerk aus heimschleichen, um von niemand gesehen zu werden, mit geschwellter Brust in die Stube treten und seine Beute auf den Tisch legen. „Hier, da ist etwas zum Verwundern, bitte!” Aber Petra murrte dann: „Das ist der Verdienst von drei Tagen! Was sollen wir mit Eiderdaunen! Und was sollen wir mit einer leeren Paraffinkanne?”

Da fiel Oliver kopfüber wieder auf die Erde herunter, und er antwortete wohl: „Jetzt hast du mal wieder deinen Koller!”

Doch Petra entgegnete auffahrend. „Was hab' ich, einen Koller? Sieh die Kleine dort in der Wiege an, liegt sie etwa auf Eiderdaunen?”

Oliver richtet seine Augen auf das Kind; es liegt in Lumpen, aber es fehlt ihm nichts, es schreit nur, weil es zahnt. Doch plötzlich steht Oliver auf und sieht näher hin, zum erstenmal betrachtet er das Kind genau.

„Was zum Kuckuck, hat sie blaue Augen?” fragt er.

Petra zuckt zusammen und antwortet: „Das siehst du doch!”

„Woher kommt das?”

„Woher es kommt? Kann ich das wissen? Wie du nur fragen kannst!”

Oliver bleibt wie angewurzelt stehen und starrt und starrt. Wie verwirrt er ist und wie dumm: sollte ein Kind von blauäugigen Eltern nicht blaue Augen haben? Aber die andern, die Jungen, sie hatten braune Augen. Da steckte etwas Neues dahinter. O, Oliver hatte wohl in all diesen Jahren seine eigenen Gedanken gehabt und sie in stumpfer Gleichgültigkeit mit sich herumgetragen; jetzt stand er vor einem Rätsel. Wo war Petra gewesen? Daheim. Daheim. Eine Frau, die Scheldrup Johnsen Backpfeifen gab, war nicht auf dem Strich.

War sie nicht auf dem Strich — war sie nicht?

Eine ungeheuere, unnatürliche Eifersucht lodert in dem Krüppel auf, zum erstenmal kennt er diesen fremden, brennenden Schmerz, er ist so heftig, daß sich sein Gesicht verzerrt, so daß Petra Angst bekommt; sie deckt das Kind zu. Oliver schwankt ans Fenster hin und sieht hinaus. Wenn nun braune Augen die richtigen Familienaugen waren, wie konnten dann blaue Augen dasselbe sein? Er kennt all den Klatsch über sich und sein Haus recht wohl, der ist nicht so zart und unschuldig gewesen, daß er ihn nicht verstanden hätte, das letzte, was er gehört hatte, war: Petra werde wohl Scheldrup Johnsen nicht immer Backpfeifen versetzt haben! Und wenn auch — Scheldrup Johnsen hatte braune Augen, die Kleine in der Wiege aber blaue.

Eine Schlange fraß sich in sein Herz hinein. Bis jetzt war es ihm gut gegangen, nun würde es ihm nicht mehr beschieden sein, sich die Unruhe fernzuhalten. Unruhe?Not drang auf ihn ein, sie wurde zur Qual. Er fing an, an den Straßenecken aufzulauern, dann sprang er plötzlich vor, packte Petra an der Brust und fragte, wohin sie wolle. Nacht und Tag war er auf der Wacht, und er fand nie mehr Ruhe, sein Haar ergraute. Der einzige Ort, wohin Petra ungehindert gehen konnte, war auch jetzt noch das Haus Johnsen am Landungsplatz, dahin, ins Haus und in den Laden, durfte sie jedesmal ohne Einwand gehen. Aber er ging ihr nach und gab acht, daß sie auch wirklich dahin ging.

Seine Verrücktheit dauerte an; er versäumte das Meer, um im Hinterhalt zu stehen und Petra aufzulauern, er bettelte Fische bei den andern Fischern, um etwas nach Hause bringen zu können. Und Petra, die dumme Person, verstand es nicht, seine Eifersucht zu dämpfen, sie stachelte sie eher noch auf. Als diese eine Zeitlang gedauert hatte und sie merkte, daß sie ihr für Leib und Leben ungefährlich war, stachelte sie Oliver bis zur Raserei auf. Die blauen Augen können von dem Schreiner Mattis stammen, dachte er wohl, und er fand keine Worte, die für diesen Mann verächtlich genug waren, dieses Nashorn, diesen Schürzenjäger!

Petra verteidigte ihn.

„Na, hat er jetzt nicht einmal mehr eine schreckliche Nase?”

„Nein. Diese Nase steht ihm gerade.”

„Schweig! Er ist ja Schreiner, da sollte er sich einen Stall für seine Nase bauen.”

Und sonderbar: es war, als gebe es noch andere, die der blauen Augen wegen, sozusagen, eifersüchtig wurden; aber Konsul Johnsen scherzte ja und tat nur so, wie wenn er eifersüchtig wäre, als er mit Petra darüber sprach.

„Du hast ein Mädelchen bekommen, Petra, wie ich höre?”

„Ja.”

„Und mit himmelblauen Augen diesmal.”

Petra sah zu Boden und schwieg.

„Nicht alle können himmelblaue Augen haben,” sagte der spaßhafte Mann. „Nein!” tat er dann plötzlich kund, „ich habe keinen Platz für deinen Mann, hörst du? Probier' es beim Grütze-Olsen!”

Wieder mußte Petra unverrichteter Sache heimgehen,heim zu ihrer Familie und dem Elend. Es war ein Zustand, niemand wurde so hart geprüft. Ab und zu weinte sie und hatte aufrichtig Mitleid mit sich selbst; aber sie war zu jung und zu gesund, um ganz mutlos zu werden, nicht so sehr selten stand sie unter ihrer Tür, lachte und schwatzte mit den auf der Straße Vorübergehenden — tiefer war sie nicht getroffen.

Die Jahreszeiten wechselten, und die Zeit verging, Olivers Buben waren nun beide in der Schule; Frank hatte die besten Gaben, er hatte einen Freiplatz und glänzende Zeugnisse, aber das Eichhörnchen Abel war auch nicht dumm, nur ein unglaublicher Bandit war er, mit ganz anderen Neigungen. Es ging und ging, die Gewohnheit half dazu, und Gott verlieh der Familie zur Stärkung einen gewissen zähen Willen, nicht unterzugehen. Der kleine Abel zum Beispiel kleidete und ernährte sich meist selbst ringsum in der Stadt. Übrigens war es für ihn selbst oft am schmählichsten, so ein kleines Eichhörnchen zu sein: als er eines Tages draußen auf dem Lande war, plagte ihn der Hunger über die Maßen. Da er aber weder etwas zu essen noch ein Wams, das er auf einem Waschseil „fand”, geschenkt bekommen konnte, fragte er ganz einfach, ob er nicht eine Tasse Kaffee kaufen könnte. Aber da wurden die Leute auf dem Hofe schändlich gegen das Eichhörnchen, sie erwiderten, ob er denn überhaupt Kaffee trinken dürfe. Was, dürfe? Diesem Hof wollte er nie mehr nahe kommen, ehe er erwachsen war!

Bruder Frank ging nicht auf Erlebnisse aus, dazu war er zu klug. Auch er bekam manche Mahlzeit und manches Kleidungsstück im Städtchen, ja, einmal im Jahre bekam er einen vollständigen Anzug in Konsul Johnsens Geschäft und kam vom Scheitel bis zur Sohle erneuert heim. Ein solcher Mann war Johnsen am Landungsplatz, herrlich dazu geeignet, zu leben und andere leben zu lassen.

Es ging und ging. Bisweilen zog auch die Großmutter wieder hinaus und kehrte dann mit guten Sachen heim, mit Kartoffeln, Speck, einer Tüte Mehl, einem Käslaib. O, die Großmutter war nicht zu verachten; wenn sie nur die Unterstützungskasse nicht in Anspruch zu nehmen brauchte und die andern Weiber am Brunnen sie nicht schmähten, dann konnte sie mehrere Kirchspiele durchwandern, undihre Vorräte aus den Dörfern waren eine gute Hilfe. Wahrlich, sehr oft war es nur der Großmutter zu verdanken, wenn die Familie etwas zum Beißen und in den Ofen zu legen hatte, so fleißig war die Großmutter geworden.

Oliver selbst ging es am schlechtesten. Seine Krankheit wollte nicht weichen. Jetzt war er wieder kurze Zeit auf dem Fischfang gewesen, und zwar nur, weil er ein neues Boot bekommen hatte, daher kam's. Seht, er hatte ja eine Fahrt aufs Meer hinaus gemacht, und da hatte er das Boot herrenlos umhertreibend gefunden; das war ausgezeichnet, das Boot hatte wohl irgendwo vertäut gelegen und war abgetrieben worden, es konnte von weit her sein, vielleicht vom Ausland. Nun hätte er allerdings das Boot anmelden sollen, wer zweifelte daran; aber wie es nun ging oder nicht ging, Oliver behielt das Boot und kam auch nicht in Verlegenheit dadurch. Niemand machte ihm einen Vorhalt, der Krüppel brauchte das Boot, er konnte in seinem eigenen elenden Fahrzeug sonst eines Tages untergehen. Zuerst hatte Oliver ja gedacht, er könnte das Boot verkaufen und Geld dafür bekommen, aber das verbot ihm die Stadt, das wäre zu weit gegangen. „Nein,” sagten die Leute im Ort, „wenn du es gefunden hast, dann sollst du es haben!” Also fischte Oliver in allen Freistunden und gebrauchte sein neues Boot.

In allen Freistunden.

Er hatte durchaus nicht oft frei, seine Krankheit fesselte ihn ans Land, fesselte ihn ans Haus. Petra zeigte ja wieder leichten Widerwillen gegen den Kaffee, und jetzt war Oliver beinahe ganz erschöpft von seiner Wachsamkeit. War er nicht monatelang in Winkeln und Gassen auf der Lauer gestanden, hatte spioniert und gehorcht! Er war schlecht gekleidet und schlecht ernährt, aber die Eifersucht hielt ihn stundenlang auf seinem Posten fest; er stand da mit klopfenden Pulsen und litt wahre Höllenqualen, der Wind zerrte an seinem Hosenbein wie an einer Flagge, die sich um eine Stange gewickelt hat. Er hatte ja eigentlich niemals frei, er war bei Nacht nicht sicherer als am Tage, er machte Überstunden, er schindete sich ab. Wenn ihn das wenigstens aufs Krankenlager gebracht und getötet hätte, aber nein! Ein Frauenzimmer ausspionieren!Warum sie nicht lieber laufen lassen und das Haus zuschließen! Was war bei dieser Frechheit zu tun, eine Frechheit, die ganz unschuldige Augen hat und des Lügens überdrüssig wird? Er konnte sie von der einen Seite her erwarten, und dann kam sie von einer andern, wo war sie da gewesen? Sie konnte, ein Liedchen trällernd, daherkommen, da war gar nichts, was sie bedrückte; was für Gedanken hatte sie wohl, warum schmunzelte sie vor sich hin und wiegte sich in den Hüften?

„Was stehst du hier und lauerst?” sagt Petra nur und versinkt durchaus nicht in den Boden.

„Woher kommst du? Jetzt ist es Nacht.”

„Bin ich nicht beim Konsul gewesen? Was hast du da in der Hand; das Messer?”

„Das siehst du wohl.”

„Das Fischmesser! Warum stehst du mit dem Messer da?”

„Ich hab' es am Bollwerk gebraucht.”

„Nein, aber du meinst, du könnest mir Angst machen.”

„Schweig!”

„Ach, gib dir keine Mühe!”

Nein, Petra war sicher; er war feig und widerlich, er war nichts, sie scherte sich den Kuckuck um ihn. Dann geht sie nur an ihm vorbei und hinein, der Mann kommt hinterher. Sie bleibt einen Augenblick im Flur stehen, um ihn zu beschämen, ja, um ihm zu zeigen, daß sie, die Nachtwandlerin, die ordentliche und zuverlässige ist: Seht jetzt nur, ist nicht sie es, die die Haustür hinter sich und ihm zuschließt!

„So, du willst zuschließen,” sagt Oliver. „Abel ist sicher noch nicht daheim.”

„Dann muß er draußen übernachten.”

„Er soll nicht draußen übernachten!” schreit Oliver erregt, er dreht rasch seinen schweren Oberkörper im Kreise herum und schiebt Petra auf die Seite. Sie fährt auf und sagt: „Warum schlägst du mich nicht lieber auf einmal tot!”

Ein heftiger Streit entspinnt sich; sie gehen hinein und werfen sich Schimpfworte an den Kopf. Die Großmutter liegt im Altenteil mit der Kleinen und Frank. Sie richtet sich auf den Ellbogen auf und lauscht, dann legt sie sich wieder nieder, das ist nichts Neues, sie kennt das. OliversEifersucht ist für den Augenblick vorbei, und er fühlt sich außerdem befriedigt von seinem Auftreten; leicht wie ein Kind war sie an die Wand geflogen, er ist der Mann, hoho, er wiegt den Oberkörper hin und her.

Das nächtliche Scharmützel zwischen den Eltern kommt dem Eichhörnchen Abel zugute: er schlüpft so leise wie möglich von der Straße herein und hört, als er zu Bett geht, von keiner Seite irgendein böses Wort.

Nichts konnte so wild und qualvoll sein, als in dieser Spannung leben zu müssen. Oliver hat seit Tagen ausgeruht, und er treibt sich in den Straßen herum, fühlt aber keine Spur von glücklicher Ruhe. Jetzt sind die Fenster seiner Stube mit Röcken und Schürzen verhangen, und er kann nichts erspähen, deshalb wandert er wie blödsinnig vor dem Hause hin und her.

Schließlich trifft er die Großmutter, und sie sagt zu ihm: „Es ist wieder ein Mädchen.”

Das interessiert ihn nicht, ach, wie gleichgültig ist das; aber er redet, um noch mehr zu hören. „Ach so, wieder ein Mädchen? Hat sie alle ihre geraden Glieder?” fragt er.

„Ja, ich hab' nichts anderes gesehen.”

„Sie hat wohl nicht nur einen Fuß?”

„Nein.”

„Nun, dann dürfen wir ja froh sein. Es ist nicht leicht, wenn man einen Stelzfuß hat. Doch was ich sagen wollte, hat sie aufgeschaut? Mit den Augen?”

„Wie? Was?”

„Ich frage nur. Warum schreit sie nicht? Sie ist doch nicht etwa totgeboren? Kann ich sie sehen?”

„Sie schläft jetzt.”

Wieder mußte Oliver warten, die Fischerei aussetzen, sich in der Straße herumtreiben und warten. Gegen Abend bekommt er die nun erwachte Kleine zu sehen, er trägt sie ans Fenster und überzeugt sich, was für Augen sie hat. Petra sieht vom Bett aus beruhigt zu, es ist nichts im Wege: das Kind hat braune Augen.

Es war merkwürdig, wie diese unbedeutende Tatsache den Vater beruhigt; er lobt das Kind und sagt sogar einen freundlichen Scherz zu Petra. „Du bist ein Hauptkerl, wenn du willst!” Obgleich es schon gegen Abend war,ruderte er doch noch hinaus auf den Fischfang. Die ganzen letzten Monate hatte er in seinem Herzen gegen Petra gewütet, sie hatte vielleicht abermals schlecht und niederträchtig gehandelt, jetzt dachte er anders, sie war doch nicht so ganz toll gewesen, sondern gerade großartig, Gott sei Dank! Und bitte, es soll Fische geben, so gewiß, als Fische zu fangen sind! Es sind wieder braune Augen, die echten Familienaugen, die Natur hatte gesiegt, alles kam wieder in Ordnung.

Ach, der geistesschwache Mann, Gott mochte wissen, wie er sich die Sache zusammenreimte!

Eines Tages trifft er Scheldrup Johnsen auf der Straße und sagt zu ihm: „Jetzt kommt der Winter, nun mußt du so gut sein und an mich denken.”

„Ich soll an dich denken?” fragt Scheldrup.

„Ja. Daß ich ein Krüppel bin.”

„Was geht das mich an?”

„Und daß ich viele Kinder habe.”

„Wie verrückt die Menschen doch reden können!” äußert Scheldrup unschlüssig.

Oliver lächelt ehrerbietig und schaut zu Boden. „Ja ja, das ist wohl möglich,” sagt er. „Aber jetzt mußt du so gut sein und mir Arbeit geben.”

„Ich? Was für Arbeit?”

„Im Lagerhaus.”

„Darüber mußt du mit meinem Vater reden.”

Oliver schlägt langsam die Augen auf, richtet den Blick fest auf Scheldrup und sagt: „Nein, das mußt du tun!”

Drohte Oliver? Der junge Scheldrup weicht etwas zurück, er sieht den Krüppel an. Aber sein Blick ist erloschen. Seht, zuerst hatte er einen so recht heftigen, rasenden Ausdruck, aber dann erlosch er. Scheldrup überlegte wohl ein bißchen, erinnerte sich an sein Benehmen, an die Backpfeife, an all den Klatsch, er hätte das Ganze nur sehr ungern noch einmal hervorgezogen, deshalb sagt er: „Na ja, ich kann ja meinen Vater fragen, wenn das dein Wunsch ist.”

„Das ist recht,” erwiderte Oliver darauf.

Einige Tage später trifft Oliver wieder mit Scheldrup zusammen, und da fragt dieser: „Meinst du, du könnest das Lagerhaus übernehmen?”

Das Lagerhaus übernehmen? Das war nun allerdings Großtuerei und Dünkelhaftigkeit von seiten Scheldrups; es war bis jetzt kein fester Angestellter in Johnsens Lagerraum gewesen, nur einer von den Ladenbediensteten lief manchmal hinunter, um das nötige zu tun, da sollte doch wohl der ganze Oliver diese Kleinigkeit leisten können!

„Mein Vater will mit dir reden,” sagt Scheldrup.

Oliver wandert schon als großer Lagerhausvorstand heimwärts. „Wie war es doch,” fragt er Petra, „hat dir Johnsen am Landungsplatz nicht abgeschlagen, mich anzustellen?”

„Doch. Und nun frag' ich ihn nicht noch einmal.”

Schweigen, o ein Schweigen, das Oliver gewichtig, ja verhängnisvoll macht. „Nein, ich werde selbst ein Wörtchen mit ihm reden,” sagt er und geht hinaus.

Die Frauen sehen einander an. Na, das würde nichts helfen, wenn Oliver ging, vielleicht ging er auch gar nicht. Und Petra warf plötzlich den Kopf in den Nacken.

Als Oliver zurückkam, schwieg er eine gute Weile vollkommen, o, ein gewichtiges, langes Schweigen! Die Frauen mochten nicht fragen, aber sie lächelten ein wenig, und Petra sagte sogar: „Ich möchte wohl wissen, wer nun zum Konsul gegangen ist und mit ihm gesprochen hat.”

Endlich bricht Oliver das Schweigen und sagt: „Mein Islandwams muß heut' abend noch gestopft werden. Es ist kalt im Lagerhaus.”

Petra schrie beinahe: „Sollstdu ins Lagerhaus?”

Und sogar die Großmutter blieb stehen und sperrte den Mund auf.

Aber Oliver sieht sich mit der größten Verwunderung um und versteht nicht, was sie meinen, wahrhaftig, die Frauen sind ihm das große Rätsel. „Ja, natürlich?” antwortet er in fragendem Ton.

Sie schlagen die Hände zusammen.

„Natürlich soll ich ins Lagerhaus,” sagt er. „Sobald es geht. Ich fang' schon morgen an.”

Sie besprachen es hin und her: das bedeutete Veränderung, festen Gehalt, Vorwärtskommen, o, das hatte sehr viel zu sagen! Und da sitzt er nun, er, der das zustande gebracht hat, der Herr, von Stolz geschwellt, stutzerhaft den Hut schief auf dem Kopf, Großsprecherei ist's.Er spricht wieder: „Ich hab' ja gesagt, daß ich zu ihm gehen und mit ihm reden werde.”

„Aber ich hab' den Konsul doch schon mehrere Male gebeten,” wendet Petra ein.

Oliver erwidert: „Das ist eben nicht so, wie wenn ein Mann kommt.”

Das bedeutete Veränderung, jawohl! Aber Oliver, der weiß, worauf er eingegangen ist, denkt wohl: ein buchstäbliches Sparkassenbuch und den Garten Eden bedeutet es nicht; der Johnsen am Landungsplatz ist nicht überflott gewesen; aber auf der andern Seite war er der Erste Konsul, für die Familie Oliver war er also eine Art Retter geworden.

Im Lagerhaus war keine schwere Arbeit zu verrichten; Oliver konnte da Tag um Tag hingehen, bloß um überhaupt da zu sein. Seine geschäftvollsten Tage hatte er, wenn ein Frachtschiff an dem kleinen Bollwerk anlegte, Mehl und Sirup, Kaffee, Paraffin und Leinöl auslud und Fisch und Tran dafür einnahm. Da mußte Oliver die empfangenen Waren im Lagerhaus und Keller unter Dach schaffen, und bei solchen Gelegenheiten erreichte er es, abends wirklich müde zu sein. Außerdem hatte er zu scheuern, aufzuräumen und alles in gehöriger Ordnung zu halten. Ein offener Kaffeesack durfte nicht mitten auf dem Boden stehen bleiben, daß nicht etwa kleine Jungen daherkommen und ihn als Fund erklären könnten. Wenn sich dann die Kunden mit einem Zettel vom Kramladen einfanden, las Oliver den Zettel und lieferte dem einen Sack Mehl, zwanzig Meter Tauwerk oder jenem ein Liespfund Fische aus. Dem Lagerhausvorsteher lag es ob, jeden Morgen die Schiebladen im Kramhandel mit Kolonialwaren vom Lagerhaus aufzufüllen; schließlich mußte er aufschreiben, welche Waren im Lagerhaus knapp wurden, damit das Kontor beizeiten neue Bestände bestellen konnte.

Alles in allem war es gar keine so geringe Stellung, die Konsul Johnsen für Oliver eingerichtet hatte, und die Leute hatten wieder einmal guten Grund, seine Handlungsweise zu loben. Allerdings war ja Oliver auf seinem Schiff ein Krüppel geworden; aber das verpflichtete den Konsul zu nichts, höchstens zu allgemeiner Barmherzigkeitund Gnade. Und von diesen hatte der Erste Konsul ein gut Teil, er war ein großer Mann und ein Wohltäter.

Was war also dagegen zu sagen? Nichts. Es konnte ja oft im Lagerhaus wohl ein häßlicher Geruch nach alten Fischen und verfaulten Lebern sein, besonders im Sommer war oft ein durchdringender Gestank darin — aber was war dabei! Im ganzen war Oliver auch jetzt ebenso wie früher eine genügsame Seele, er verdiente genug für Margarine aufs Brot, für faule Sonntage, für etwas Staat, einen herrlichen bunten Schlips, frischgebürstete Schuhe, einen neuen, schief auf den Kopf gesetzten Hut. Konsul Johnsens Wohltätigkeit gegen ihn wirkte auch noch auf weitere Kreise, Oliver merkte an Kleinigkeiten, daß die Stadt ihn nicht mehr übersah, und der Rechtsanwalt Fredriksen wollte auch nicht zurückstehen, sondern hielt Frieden wegen des Hauses.

O ja, das Glück war eingekehrt! Aber das beste war, daß Oliver der Vorstand seines Lagerhauses geworden war, seines eigenen kleinen Bereichs; er war nicht weit davon entfernt, ein Herrscher zu sein, sozusagen eine Person von Stande. Das gefiel ihm, es kitzelte ihn förmlich, wenn die Leute aus der Stadt als Kunden daherkamen und guten Tag sagten, ehe sie ihre Zettel vorwiesen. „Guten Tag!” grüßte er dann wohl wieder, so ein Mensch war er, auch er übersah niemand. Jetzt war es nicht so ohne, ja, es lohnte sich, gegen den Krüppel ein wenig höflich zu sein, er konnte bei mancher Gelegenheit allerlei davon oder dazu tun, durch volles oder geringes Maß, durch schlechtes oder gutes Gewicht.

Der Fischer Jörgen kam mit einem Zettel — Kaspar, der Matrose auf der Fia gewesen war und seine Frau jetzt nicht mehr zu verlassen wagte, damit sie nicht zu neuen Auslandsreisen verführt würde — ja, dieser Kaspar kam auch mit einem Zettel; Martin vom Hügel kam, der Schreiner Mattis und der Polizei-Carlsen kamen und später alle von nah und fern; und Oliver war der, der sie unter der Tür des Lagerhauses empfing und ihre Wünsche anhörte. Wahrlich, Josef war ein großer Herr bei Pharao in Ägypten geworden.

„Ja, jetzt bist du ja ordentlich hoch hinaufgekommen,” sagte Fischer Jörgen in all seiner Gutmütigkeit.

„Ich kann nicht klagen,” gab Oliver wohl zur Antwort. „Die Vorsehung hat mich hierhergestellt und mich nicht vergessen.”

Nun übergab er Jörgen für alle Zukunft seinen Platz drunten am Bollwerk, den Platz, den Oliver den Fischmarkt nannte. „Nimm nur alles miteinander, die Kisten und den Platz, und wohl bekomm's! Du hast mir manches Gericht Fische gegeben, wenn ich elend war und nicht auf die See hinaus konnte,” fügt er noch hinzu und tut dabei gerührt. „Was mich nun anbetrifft, so hab' ich mit den Meinigen jetzt das tägliche Brot, und was weiter brauchen wir Menschen denn zum Exempel? Und deine Kinder und meine Kinder, Jörgen, sie lassen sich gut an, und der Frank geht in die höhere Schule und wird immer gelehrter, es ist ein wahres Wunder, er kann das Deutsche lesen, sobald er es nur vor Augen hat.”

Jörgen bestätigt mit einem Kopfnicken, daß auch seine eigenen Jungen und Mädel mit hoher Achtung von Frank sprechen.

„Ja, es ist ganz außerordentlich, fast wie in einem Geschichtenbuch! Er kann jede Stelle bekommen, die er nur will, er kann geradeswegs auf eine Bank, auf ein Kontor; das fehlt gar nicht. Wenn du ein klein wenig wartest, Jörgen, dann gehen wir zusammen heimwärts.”


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