Chapter 2

„Wie alles sich zum Ganzen webt,Eins in dem andern wirkt und lebt,Wie Himmelskräfte auf und nieder steigenUnd sich die goldenen Eimer reichen!”

„Wie alles sich zum Ganzen webt,Eins in dem andern wirkt und lebt,Wie Himmelskräfte auf und nieder steigenUnd sich die goldenen Eimer reichen!”

Über die Bedeutung der Körner herrscht noch große Unklarheit. Während man früher, ganz gefangen von der wunderbaren Gesamterscheinung der Zelle, ihnen geringe Beachtung schenkte, widmet man ihnen neuerdings größere Aufmerksamkeit und betrachtet sie, wenn auch nicht wie Altmann in seiner erwähnten Körnertheorie als die Elemente des Lebens, so doch als die Träger und Zentralpunkte der einzelnen Zellfähigkeiten und unterscheidet demgemäß mehrere Arten.

In allen Zellen verbreitet sind dieAtemkörner. Diese sollen einen Stoff in sich hegen, der ähnlich wie der eisenhaltige Blutfarbstoff der Blutzellen große Anziehungskraft auf den Sauerstoff der Atemluft ausübt, diesen aus der Zellumgebung begierig an sich reißt, das Sauerstoffmolekül spaltet und die einzelnen Sauerstoffatome den verschiedenen Bezirken der Zelle zuführt. Die Atemkörner spielen demnach für die Zelle dieselbe Rolle wie die Blutzellen für den Gesamtorganismus, sie sind die Atemgasbinder und -verbreiter.

Ebenso allgemein wie die Atemkörner findet man dieSpeicherkörner, die, wie jene die Atemgase, die aufgenommenen Nährstoffe der Zelle chemisch an sich binden, aufspeichern und zu gegebener Zeit wieder abspalten. Je nach ihrer Sondertätigkeit bezeichnet man sie als Fettkörner, wenn sie Fett speichern, als Muskelkörner, wenn sie in den Muskeln die Stärke als den Betriebsstoff der Muskelzellmotoren sammeln, als Nervenkörner in den Nervenzellen und als Dotterkörner in den Eizellen. In größter Zahl angehäuft finden sie sich in den Ausscheidungs- oder Drüsenzellen, wo sie alsDrüsenkörnerin engster Beziehung zu den Ausscheidungstätigkeiten der Zelle stehen. Zu Beginn der Drüsentätigkeit sieht man die Drüsenkörner anschwellen und dunkler werden, auf der Höhe der chemischen Fabrikation des Drüsensaftes sind sie so gequollen und saftgefüllt, daß einzelne von ihnen als kleine Bläschen erkennbar sind; nach der Ausscheidung schrumpfen sie und verschwinden zum größten Teil unter die Grenze der Sichtbarkeit (Abb. 11,TafelIV).

Die Körner, die man in so auffallender Zahl in den Nierenzellensieht, sollen die Gifte des Blutes an sich reißen und in Harnverbindungen überführen, die Talgkörner in den Talgzellen das Talgfett herstellen, die Hornkörner in den Hornzellen das Horn der Haut bereiten, die Leimkörner den Leim, die Knorpelkörner Knorpelstoff zusammensetzen.

Besonders auffallend wegen ihrer leichten Färbbarkeit und daher früh erkannt und benannt sind dieNervenkörnerin den Zellen des Rückenmarks und Hirns, die ganz offensichtlich die für die Maschinerie der Nervenzellen notwendigen Betriebsstoffe in sich sammeln. Denn in Ruhe und nach Schlaf, wenn die Tätigkeit der Nervenzellen eine geringe ist, sieht man sie sich mehren und schließlich die Zelle dicht und dick erfüllen. Unterwirft man nun das Versuchstier schwerer Arbeit oder starken seelischen Erregungen, so verblassen die Körnchen und schwinden schließlich ganz. Aus der Anzahl der Körner in den Nervenzellen kann man ohne Kenntnis des Vorlebens auf die Vergangenheit und den Nervenzustand ihrer Träger schließen. Die Nervenzellen eines gesunden Kindes oder kräftigen Mannes sind reich an Körnern; die des Erschöpften und Gealterten sind körnerleer, er hat, sagt ahnungsvoll treffend der Volksmund, seine Nervenkraft verbraucht (Abb. 12,TafelIV). Der Mensch, der hinausstürmt ins Leben, hoffnungsvoll, tatenfreudig, kraftgeschwellt, und der dann als Greis zurückkehrt in den Hafen seiner Träume, abgehetzt, des Jagens müde und zufrieden, sich selbst noch zu besitzen, er hat auf seiner Fahrt nicht nur Hoffnungen verloren und Heimat und Jahre, sondern auch den Inhalt seiner Nervenzellen:

Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,Waren Kisten und Kasten schwer,Als ich wiederkam, als ich wiederkam,War alles leer.

Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,Waren Kisten und Kasten schwer,Als ich wiederkam, als ich wiederkam,War alles leer.

Eine andere, eigenartige und noch durchaus nicht aufgeklärte Rolle spielen in den Zellen diePigmentkörner, die Träger jenes braunen Farbstoffs Pigment, dem der Körper seine dunklen Farben verdankt, den gelblichen Ton der Haut, das Negerschwarz, Indianerrot, Mongolengelb, ferner das Braun der Haare und das Dunkel der Augen. Die Pigmentkörner sind Schutzorgane der Zelle gegen die Einwirkungen des Lichtes, sie sind die Fensterläden an dem lebenerfüllten Glashaus der Zelle. Von höchster Wichtigkeit sindsie daher für die Sehzellen des Augenhintergrundes, die das Sonnenlicht unmittelbar und noch verstärkt durch die Brennglaswirkung der Augenlinse auffangen, weshalb man die Pigmentkörner in ihnen in sonst ungekannter Zahl und Geschäftigkeit am Werke sieht. In dichten Massen liegen sie an den Wänden der Stäbchen- und Zapfenzellen des Augenhintergrundes. Befindet sich das Auge in Schatten oder mildem Licht, so wandern die Pigmentkörner an den Grund der Zelle, um es ungehindert eintreten zu lassen: der Fensterladen der kleinen Lichtkammer ist aufgezogen. Läßt man nun grelles Sonnenlicht in das Auge fallen, so rollen die Körner längs der Zellwand herab wie die Leisten eines heruntergelassenen Fensterladens: das Zellfenster ist verhangen und das Glashaus geschützt gegen die sengende Glut. Sonnenschirme und Jalousien sind keine Erfindungen der Kultur, sie sind kein Luxus unserer Schönen, ihren zarten Teint zu schonen, und kein „Komfort” für die Terrasse des Hotels, damit die Gäste unbelastigt ihren Mokka schlürfen, — schon der Glaspalast im Mikrokosmos hat vor seinen Fenstern auf der Sonnenseite seine Jalousien, und vor den Plasmascheiben, durch die das Licht der Welt ins Zellenhaus des Menschen scheint, rollen die gelben Läden sinnvoll auf und nieder . . . (Abb. 13,TafelIV).

In gleicher, wenn auch nicht so augenfälliger Weise schützen sich die Zellen der übrigen Körperoberfläche gegen die Wirkungen des Lichtes und der Wärme, weshalb das dunkle Pigment in so reichlichem Maße bei den die Tropen bewohnenden Völkern als das Negerschwarz der Haut vorhanden ist.

Neben der Lichtschutzwirkung müssen die Pigmentkörner andere uns noch unbekannte Funktionen erfüllen. Irgendwelche geheime Beziehungen herrschen zwischen ihnen und der allgemeinen Lebenstüchtigkeit des Plasmas. Geschöpfe, deren Plasma verhältnismäßig reich an Pigmentkörnern ist, sind lebenskräftiger als ihre pigmentarmen Genossen. Pigmentmangel ist ein Zeichen der Lebensschwäche. Manchen Wesen fehlt das Pigment überhaupt, auch in Haaren und Augen. Sie sind daher nicht nur hellhäutig, sondern auch weißhaarig und infolge des aus dem Augenhintergrunde durchschimmernden Blutes rotäugig. Diese Albinos, Weißlinge oder Kakerlaken, diese weißen Raben stehen ihren dunklen Brüdern an Gesundheit, Widerstandskraft und Fortpflanzungsfähigkeit — bemerkenswerterweiseoft auch an Charakterbildung — wesentlich nach. So ist die Tuberkulose unter den blonden und hellhäutigen Menschen verbreiteter als unter den dunkelfarbigen der gleichen Rasse. Ein auffallendes Beispiel bieten die Schweine Virginiens. Die hellen unter ihnen gehen nach dem Genuß der giftigen Wurzel Lachnanthes zugrunde, während die schwarzen Schweine sie ohne Schaden genießen. Die inneren Beziehungen zwischen Pigmentreichtum und Gesundheit sind noch unbekannt.

Neben den Atem-, Speicher- und Pigmentkörnern besitzen alle Zellen als eine weitere Art dieReizkörner, Körnchen, die im Gegensatz zu der allgemeinen Empfindungsfähigkeit des Plasmas eine erhöhte Reizbarkeit und vor allem die Fähigkeit besitzen, Reize aufzuhalten, zu sammeln, dadurch zu erhöhen und sie dann umzuschalten. Die Reizkörner sind die Sammler und Umschalter, die Akkumulatoren und Transformatoren der Zelle. Als solche liegen sie vornehmlich an jenen Punkten, wo Reizsammlung, -verstärkung und -umschaltung erforderlich sind, z. B. bei Wimperzellen an den Wurzeln der Flimmerhaare, die sich unter ihrem Einfluß rhythmisch bewegen. Zerstört man diese Reizkörner, so kann die Zelle ihren Wimperhaaren keine gesammelten und geordneten Reize mehr zusenden, und sie stellen ihre harmonischen Bewegungen ein, um nur noch ungeordnet durcheinander zu schlagen.

In den Wimperzellen mancher Tiere findet man nicht nur einzelne Reizkörner, sondern ein ganzes kunstvoll ausgebildetes Reizleitungssystem von größeren und kleineren Körnern, die durch Leitungsfäden miteinander verbunden sind (Abb. 14,TafelV). Solch eine Zelle mutet an wie ein elektrischer Apparat. Ob sie sich vielleicht dereinst als ein solcher enthüllt?

Als ein Reizkorn erster Ordnung ist derZentralkörperder Zelle aufzufassen. Er ist zwar größer als die übrigen Plasmakörner, aber noch immer unvorstellbar klein. Denkt man sich nach dem Vorschlag Reinkes eine Zelle eine Billion mal vergrößert, so wäre sie eine Kiste von1⁄2mKantenlänge. In dieser Kiste läge der Kern so groß wie eine Kokosnuß, neben ihm der Zentralkörper wie eine Erbse. In Wahrheit fänden also eine Billion Zentralkörper in einer Erbse Raum, so viele, daß man 20 000 Jahre zählen müßte, um den Inhalt der einen Erbse aufzuzählen. Dennoch besitzt der Zentralkörper, wie durch eingehende Forschungen festgestellt wurde, einenmathematisch abgezirkelten, man möchte sagen astronomischen Bau (Abb. 15,TafelV).

Er liegt fast immer dicht neben dem Kern der Zelle und steht zu ihm in so nahen Beziehungen, daß manche Forscher ihn als einen außerhalb des Kerns liegenden Kernteil auffassen.

Im Zentralkörper lauft das gesamte Faden- und Wabennetz des Zellplasmas zusammen. Wie eine Spinne in ihrem Netz liegt er im Knotenpunkt aller Fäden und beherrscht sie als das zentrale Reizkorn. Da die im Zentralkörper zusammenlaufenden Fäden sich in seiner Nähe aufs engste nähern müssen und wahrscheinlich auch gegenseitig abplatten, kann man sie in seiner Umgebung kaum mehr wahrnehmen, so daß der Zentralkörper von einem hellen faden- und wabenfreien Hof umgeben scheint wie die Sonne, deren Strahlen man in ihrer Umgebung der Fülle wegen nicht erkennen kann. Der Zentralkörper ist als Sammelpunkt und Schaltstelle der Bewegungsreize der Motor der Zellmaschine, in die Ausdrucksweise der Wissenschaft übersetzt, das motorische Zentrum der Zelle. Daher findet man ihn in den Zellen immer an jenen Punkten, an denen die lebhafteste Bewegung stattfindet. Bei Zellen mit peitschendem Schwanz sitzt er an der Ansatzstelle der Geißel, bei Wimperzellen an der Wurzel der bewegten Haare, bei den Drüsenzellen inmitten der ausfließenden Massen und bewirkt hier die feinen Zuckungen des Plasmas, durch die der Drüsenstoff ausgeschieden wird. Am prächtigsten jedoch tritt er bei dem gewaltigsten Bewegungsprozeß im Leben der Zelle hervor, bei ihrer Teilung.

Die höheren Pflanzenzellen, in denen die Bewegung gegenüber den chemischen Vorgängen völlig in den Hintergrund getreten ist, haben keinen Zentralkörper mehr entwickelt. Das Fehlen des Zentralkörpers ist neben dem Besitz einer festen Wand das zweite Unterscheidungsmerkmal der Pflanzenzelle von der Tierzelle.

In engster Beziehung zum Zentralkörper steht der ihm benachbarteKern. Im Gegensatz zu den übrigen meist unfärbbaren und grau in grau verschwimmenden Teilen der Zelle besitzen die Kernsubstanzen große Verwandtschaft zu gewissen Farben, dem Karmin, dem aus dem Holz eines tropischen Baumes gewonnenen Hämatoxylin (= Holzrot) sowie den bei der Anilinfabrikation gewonnenen Anilinfarben Eosin (= Morgenröterosa), Safranin (= Safranrot), Gentianaviolett(= Enzianpurpur) und dem Bismarckbraun. Legt man Zellen nach bestimmten Vorschriften einige Minuten in diese Farben, so enthüllt der Kern in leuchtender Pracht die Feinheiten seines edel gegliederten Baues.

Seine eigentliche Grundmasse bleibt ungefärbt. Es taucht ein Netz von Fäden auf, das den Kern wie ein Spinnengewebe durchzieht und in dessen Knotenpunkten dunkelgefärbte Körner liegen. Dieses Netz besteht aus den feinsten Eiweißverbindungen, die unsere irdische Welt hervorgebracht hat, phosphorhaltigen Eiweißkörpern, die man wegen ihres einzigen Vorkommens in den Zellkernen als Kerneiweißkörper (Nukleoproteide) bezeichnet. Das aus ihnen zusammengesetzte Gefüge nennt man wegen seiner starken Färbbarkeit mit den angeführten Farben die Farbmasse des Kerns oder das Chromatin. Das Chromatin ist die wichtigste Substanz der Zelle. Es ist gewiß kein Stoff in chemischem Sinne, nicht einmal in der hohen Auffassung, die wir von den höchsten Eiweißverbindungen mit ihren tausendatomigen Molekülen haben, sondern eine äußerst feine und höchst verwickelte Maschinerie einer uns unvorstellbaren festflüssigen Konstruktion, die mit dem Bauplan unserer starren Maschinen nichts gemein hat. Neben dem Phosphor enthält der Zellkern immer noch Spuren von Eisen, vermöge deren der Kern genau wie die eisenhaltigen roten Blutzellen und Atemkörner begierig Sauerstoff aufnimmt. Die Anordnung des Chromatins ist sehr wechselnd und schwankt von regelloser Anhäufung einzelner Körner bis zu den kunstvollst geschlungenen Bändern (Abb. 16,TafelV).

Bei starker Vergrößerung tauchen noch weitere Feinheiten im Kerninnern auf. Die Fäden des Chromatinnetzes lösen sich in einzelne tonnenförmige Teile auf und beweisen so ihre Zusammensetzung aus einzelnen Bausteinen. An der Grenze des Kerns entdeckt man eine feine Haut, die wie eine Ballonhülle aus feinen, spiralig gewundenen Fäden gewoben ist, den Kern fest umspannt und durch die starke Füllung des Kerns mit Kernsaft prall gebläht ist. In diesem Kernsaft schwimmen die Kernteile wie das Kind im Fruchtwasser des Mutterleibes gegen Druck und Stoß wunderbar bewahrt.

Legt man eine solche mit Karmin rot gefärbte Zelle in eine säurehaltige Farbe wie das Eosin, so treten neben den bisher erschienenen Kernteilen infolge ihrer Verwandtschaft zu sauren Farben noch weitere Einzelheiten in zarten Rosatönen hervor. Im Innern desKerns taucht ein zweiter kleinerer Kern auf, der Kernkörper (s. Abb. 10,TafelIII). In diesem entdeckt man bei sehr starker Vergrößerung abermals ein kleines Körperchen, das Kernkörperchen. Nimmt das Wunder nie ein Ende? Schließlich entdeckt man noch bei feinem Zuschauen zwischen den Fäden des Chromatinnetzes als ein Untergewebe ein ganz zartes, schwachgefärbtes Netz, das Kernfadennetz (Abb. 10,Taf.III), aus dessen Grund sich das stark gefärbte Chromatinnetz wie eine Goldstickerei auf einem rosa Tüllgewebe heraushebt. So ist der Teppich des Lebens gewirkt aus Schönheit und Geheimnis, ein Schleier, hinter dessen Rätselornamenten in ewig strahlender Jugend die Göttin des Lebens lächelt. Wird je ein Jüngling zu Sais kommen, der ihn hebt und in ihr unverwelklich Antlitz schaut? Und wenn, wird er dann nicht hinter ihrem Mona-Lisa-Lächeln ein neues, tieferes Geheimnis seines menschlichen Aberwitzes spotten sehen?

Durch seinen feingegliederten Bau erweist sich der Kern schon äußerlich als der Sammelpunkt der edelsten Teile des Plasmas, als das Hauptorgan in dem Elementarorganismus Zelle. Halbiert man eine kernhaltige Amöbe, so daß nur die eine Hälfte den Kern behält, so lebt dieser Teil fort und ergänzt sich bald wieder durch Wachstum zu einer vollständigen Zelle. Die kernlose Hälfte dagegen zeigt ein merkwürdiges Verhalten. Sie bewegt sich noch und empfindet noch, sie frißt auch, denn dies sind ja die Tätigkeiten der Außenteile der Zelle. Aber sie vermag die aufgenommene Nahrung nicht zu verdauen, kann sich folglich nicht mehr nähren, nicht wachsen und nicht fortpflanzen, sie verhungert und stirbt nach einigen Tagen, ein Opfer jener Arbeitsteilung, die die Fähigkeiten der Bewegung, Empfindung und Nahrungsaufnahme an die Grenze, die Fähigkeiten des Stoffwechsels und der Fortpflanzung in die Zellmitte, den Kern, verlegte. Außerdem zeigt die kernberaubte Hälfte noch „nervöse” Störungen. Verwundet man sie, so kann sie nicht mehr die übliche Wundhaut ausscheiden, ebenso wie kernberaubte Pflanzenzellen ihre Zellwand und Kieselzellen ihre zerbrochene Schale nicht mehr ergänzen können ohne Kern. Die kernhaltige Amöbe haftet an ihrer Unterfläche, die kernberaubte vermag dies nicht mehr und gleitet ab. Diese offenbare Beziehung des Kerns zu den Ausscheidungen der Zelle tritt in voller Deutlichkeit bei den Drüsenzellen in Erscheinung. In vielen Drüsenzellen niederer Tiere ergießt der Kern während der Absonderungseine Farbmasse in das Zellplasma, um ihm gewisse Drüsenstoffe zuzuführen. In den menschlichen Zellen schwillt er vor der Ausscheidung bis auf das Fünffache an, um danach erschöpft zusammenzuschrumpfen. Der Kern ist im Gegensatz zum Zentralkörper, dem motorischen Zentrum, das chemische Zentrum der Zelle. Da weitaus die meisten chemischen Umsetzungen im Plasma unter Sauerstoffbindung einhergehen — aus diesem Grunde müssen wir ja beständig Luft, Sauerstoff schöpfen —, besitzt der Kern eine hohe Aufnahmefähigkeit für Sauerstoff. Diese kann man an lebenden Zellen unmittelbar nachweisen. Führt man einer Zelle einen Stoff zu, der durch seine Verbindung mit dem Sauerstoff seine Farbe verändert, beispielsweise wie das schwarze Eisen durch Sauerstoffaufnahme rostrot wird, so tritt diese Verfärbung am ehesten und stärksten in der Umgebung des Zellkerns auf. Hat man den Zentralkörper wegen seiner Reizempfindlichkeit das zentrale Reizkorn genannt, so kann man den Kern wegen seiner Sauerstoffbegier als das zentrale Atemkorn bezeichnen. Der Kern ist die Lunge der Zelle. Organe, die infolge ihrer angestrengten Tätigkeit viel Sauerstoff verbrauchen wie die Leber, die Niere, das Gehirn, sind reich an großen kräftigen Kernen. Größe und Dunkelfarbigkeit sind die Zeichen der Kernkraft und Zellgesundheit, Schrumpfen und Blassen des Kerns die Merkmale der Zellerschöpfung und -erkrankung, und Kernlosigkeit das sichtbare Zeichen des Zelltodes. Schabt man sich von der Zunge Zellen ab, so reißt man lebende Zellen herunter, in denen man deutlich Kerne sieht. Reibt man sich dagegen von der Haut Zellen ab, so findet man unter dem Mikroskop verhornte kernlose Zellplatten, die Leichen jener längst gestorbenen Deckzellen, von denen unsere Körperhaut wie mit einer Schicht von Schutzschilden umpanzert ist.

In seiner höchsten Wesenheit offenbart sich der Zellkern in seiner letzten und bedeutendsten Eigenschaft als Fortpflanzungs- und Vererbungsorgan der Zelle bei der Teilung. Jede Zelle pflanzt sich fort durch Teilung. Eine andere Art von Zellentstehung als Zelle aus Zelle gibt es nicht, kann es nicht geben, sowenig Menschen anders als aus Menschen geboren werden können.Omnis cellula e cellulaist einer der klassischen Grundsätze der Lebenslehre.

Die einfachste Form der Zellteilung sehen wir bei der niederen Zellform, der Amöbe. Die Plasmamassen fließen nach rechts und links auseinander, der Kern, sofern er schon ausgebildet ist, ziehtsich in die Länge, zerfällt in zwei Hälften, das Plasma ebenfalls, und aus einer Zelle werden deren zwei (s. Abb. 6,TafelII).

Diese Teilungsart ist roh und nur möglich auf einer Stufe, auf der das Plasma noch nicht eine so feine Organisation angenommen hat wie in den höheren Tier- und Pflanzenzellen. Man kann sich vorstellen, daß eine Tonschüssel erweicht und sich nach Art einer Amöbe in zwei Schüsseln teilt, bei einer Taschenuhr ist eine solche Halbierung undenkbar. Um trotzdem eine genaue Teilung bis in die kleinsten Einheiten zu ermöglichen, hat sich die Fortpflanzung der Zelle im Lauf der Entwicklung zu einem Naturspiel herausgebildet, von dem man ohne Übertreibung sagen kann, daß es in der ganzen uns bekannten Welt nicht seinesgleichen hat. Vergebens wird man das All nach Raum und Zeit durchschweifen, um eine Naturerscheinung zu entdecken, die in ähnlicher Art Schönheit und Geheimnis, Gesetzmäßigkeit und bewegte Dramatik vereinigt. Der Astronom sucht ihresgleichen vergebens in den fernsten Sonnenzügen seiner Himmel, der Physiker findet sie nicht im Reich seiner strengen Gesetze, der Geologe gräbt nach ihr vergebens in Granit und Gneis und der Erforscher der Atmosphäre nimmt ihrer nicht wahr zwischen Kumulus und Zirrus. Mit ihren pompösesten Bühneneffekten, mit Wellenrauschen und Alpenglühen, Gewitter, Regenbogen und Vulkanen kann die leblose Natur ein Schauspiel ihrer Art nicht inszenieren. Die Teilung der Zelle ist das Mysterienspiel des Lebens, das nun vor unseren Augen anhebt. Das Meer glättet sich, und die Wellen kauern in den Ecken, der Mond steht still wie einst zu Gideon, der Regenbogen sinkt in sich zusammen, die Vögel kommen zwitschernd und sammeln sich im Rankenwerk der Säulen, und die Jahreszeiten treten in die Logen, — die Sterne am Deckengewölbe erlöschen, der Wolkenvorhang hebt sich, und unter Blitz und Donner beginnt auf der Bühne des Welttheaters vor dem Parterre der atemlos lauschenden Natur das Weihespiel des Lebens: die Teilung der Zelle (Abb. 17,TafelVI).

Groß, klar und gläsern steht sie da. In der Mitte der Kern, neben ihm der Zentralkörper, beide in der Gleichgewichtsachse, die durch den Mittelpunkt der Zelle geht. Mit einer Störung dieser Ruhelage beginnt das Schauspiel. Der Zentralkörper, der Motor der Zelle, läuft an. Er rückt aus der Gleichgewichtsachse heraus und bringt damit eine Kette von Veränderungen in Bewegung. Erselbst schwillt, breitet seine Streifenkrone aus und durchstrahlt sonnenhaft das Plasma, dessen Fäden und Waben sich um den strahlenden Punkt im Kreise ordnen. Unter zunehmender Strahlenstärke teilt sich der Zentralkörper in zwei Hälften, die, jede von ihrer Krone umgeben, aus der Äquatorgegend der Zelle den beiden Polen des kleinen Alls entgegeneilen. Währenddes begann auch der Kern zu quellen, sein Rand wird verwaschen, die Körner in ihm sammeln sich. Sind sie, wie in vielen Zellen, zweigförmig in ihm ausgebreitet, so wandern die Seitenäste der Blitzfigur in die Hauptäste, wodurch diese dunkler und dicker erscheinen, die Hauptäste verkürzen sich, trennen sich dadurch völlig voneinander und bilden nun einzelne haarnadelförmig sich biegende Schleifen. War das Chromatin dagegen in verstreuten Körnchen ausgebreitet, so reihen sich diese aneinander und bilden ein Band, das sich wie ein Knäuel durch den engen Raum des Kernes windet. Das Band verkürzt sich und zerfällt ebenfalls in einzelne sich haarnadelförmig biegende Stücke, die Chromatinschleifen. Das Kernkörperchen, der Kernkörper, das Fadennetz und alle übrigen Nebenteile des Kerns verschwinden in der allgemeinen Wirrnis. Wohin, wozu? hat noch kein sterblich Aug’ gesehen.

Dieweil sind die Zentralkörper so weit auseinandergerückt, daß sie sich nun an den beiden Zellenden wie Nord- und Südpol gegenüberstehen. Aber sie haben den Zusammenhang nicht verloren. Zwischen ihnen laufen wie die Längsgrade zwischen den Polen des Erdglobus die Plasmafäden in Form einer Spindel durch die Zelle. In der Mitte dieser Spindel, wo sie sich im Äquator am weitesten ausbaucht, liegt oder vielmehr lag der Kern. Denn alles ist an ihm verschwunden, nur die stark hervortretenden haarnadelförmigen Chromatinschleifen sind geblieben und ordnen sich nun wie unter dem Geheiß eines Künstlers zu einer harmonischen Figur. Sie treten alle in die Äquatorebene der Zelle und bilden hier einen Stern, indem sie sich im Kreise stellen, mit ihren Winkeln gegen den Mittelpunkt, mit ihren freien Enden gegen die Oberfläche der Zelle weisend. Man lege sechs Haarnadeln auf den Tisch kreisförmig um einen Punkt, so daß ihre Kurven alle gegen diesen Punkt gerichtet sind, und man erhält das genaue Abbild dieses Teilungssterns. Jeder Apfel, jede Apfelsine und Zitrone sind Kolossalmodelle der sich teilenden Zelle. Schneidet man eine dieser Früchte zwischen ihren Nadelpunkten durch, so trifft man die Obstkerne im Äquator sternförmig um den Mittelpunktgeordnet und im Fachwerk der Frucht liegend wie die Schleifen des Teilungssterns in den Spindelfasern der sich teilenden Zelle.

Aber das Wunder steht nicht still. Alle bisherigen Wandlungen sind nur die Vorbereitungen für die jetzt beginnende Teilung. Die Schleifen des Teilungssternes spalten sich der Länge nach, so daß aus je einer dicken Haarnadel zwei dünne werden und so sich ihre Zahl verdoppelt.

Mit dieser Spaltung der Schleifen beginnt die Teilung und ist sie vollendet. War alles Vorangegangene nur Vorspiel, so ist alles Folgende nur Nachspiel dieser Spaltung. Sie ist der große Höhe- und Wendepunkt, dem alles zustrebt in diesem Drama, und der das Geschick entscheidet; sie ist der große Augenblick der Offenbarung in diesem Mysterienspiel, in dem, umstrahlt vom Doppelglanz der Sonnen, die Krone des Lebens erscheint und sich teilt zur Verjüngung und zwiefachen Neugeburt des Daseins auf Erden.

Die beiden Hälften der längsgespaltenen Schleifen trennen sich. Während sie bisher alle in einer Ebene, der Mittelebene der Zelle, nebeneinander lagen, biegen sie sich nun wie Drähte in der Hitze des Feuers, die eine Hälfte jeder Schleife dem einen, die andere Hälfte dem andern Pol der Zelle zu und wandern, von den Zentralkörpern angezogen, längs der Spindelfasern den strahlenden Zentralkörpern zu, wie Kometen mit ihren spitzen Winkeln den Sonnen ihres Plasmaalls entgegenfliegend. Auf dieser Polfahrt nähern sie sich, werden wieder länger, senden wieder Äste aus, schlängeln und verwirren sich wieder und bilden bei ihrer Ankunft am Zentralkörper genau ein Netz wie vordem. Um sie verdichtet sich die Kernmasse zum Kern, Kernkörper und Kernhaut erscheinen wieder, das rosafarbene Unternetz schimmert aus der Tiefe hervor. Während dieser Trennungsfahrt der Schleifenhälften schnürt sich hinter ihnen das Plasma ein und ab, aus der einen Zelle sind zwei geworden, die Teilung ist vollendet.

Der Sinn dieses vielverschränkten Schauspiels liegt offen zutage. Im „Kernpunkt” aller Szenen steht die Längsspaltung der Schleifen, die sich aus der Farbmasse des Kerns, dem Chromatin, gebildet haben. Die Farbmasse Chromatin ist die wichtigste Substanz der Zelle. Sie ist durch die Sammlung aller edlen Stoffe des Plasmas in der geschützten Zellmitte entstanden, sie ist die Trägerin der höchsten Zelleigenschaften und Zellfähigkeiten, der Atmung und Verdauung, der Umwandlung der aufgenommenen Nahrungsstoffein Plasma, des Wachstums und der Fortpflanzung. Das Chromatin ist die Erbmasse des Zellorganismus. Dieses Chromatin genau zu halbieren und so die Eigenschaften und Fähigkeiten der Mutterzelle auf die beiden Tochterzellen gleichmäßig zu vererben, ist der Zweck des ganzen Teilungsmechanismus. Der verwickelte Ablauf der Zellteilung ist nichts anderes als ein Akt der Gerechtigkeit. Der Titel des Schauspiels, das sich zugetragen, heißt „Die gerechte Erbschaft”. Mit jener Umständlichkeit, die allen gerechten Teilungen einer reichen und vielgestaltigen Erbschaft anhaften muß, werden die Chromatinkörner gesammelt, aneinandergereiht, so daß ein langes Band aus ihnen entsteht, wird dieses Band zu einem Knäuel geschlungen, gleichsam gemischt, und dann in einzelne gleich lange Bandstücke geschnitten; diese sondern sich voneinander, indem sie sich umbiegen und Schleifen bilden, die sich in einem geordneten Kreis ausbreiten. Und nun, es könnte sich ja doch ein Fehler eingeschlichen haben, werden die einzelnen Bänder nochmals zerschnitten, aber diesesmal nicht wie das erste quer in zwei halb so lange Stücke, sondern der Länge nach in zwei halb so breite Streifen, so daß nun jede Tochterzelle nicht die Hälfte der Schleifen, sondern von jeder Schleife die Hälfte erhält, — kann eine Erbschaft gerechter unter zwei Kinder verteilt werden als das Chromatin der Mutter auf die beiden Töchter bei der Teilung der Zelle?

Strenge Erbschaftsgesetze beherrschen die Teilung. Jede Tier- und Pflanzenart bildet in ihren Zellen eine bestimmte Zahl von Schleifen. Es bilden:

Sieht man eine Eizelle mit vier Schleifen, so kann man schwören, daß aus ihr ein Spulwurm wird und kein Regenwurm, und beobachten wir eine Zellteilung im Menschen, so kann man, sei es eine Hirn-, Haut- oder Nierenzelle, mit Bestimmtheit voraussagen, daß 24 Schleifen und nicht 36 erscheinen werden. Warum die Zahl derSchleifen bei den einzelnen Geschöpfen verschieden ist, ob und welchen Zusammenhang die Schleifenzahl mit der betreffenden Tierart besitzt, in welcher Weise die Eigenschaften auf die Schleifen verteilt sind, wie die Verknüpfung von Eigenschaften mit dem Stoff der Schleifen zu denken ist, was die Bildung der Schleifen, ihre Anordnung, ihre Quer- und Längsteilung veranlaßt, wie und warum sich dieser Mechanismus der Schleifenteilung in den Zellen im Lauf der Erdgeschichte entwickelt hat, diese und alle anderen Fragen, die sich sofort dem denkenden Betrachter aufdrängen, harren noch der Antwort. Die Teilung der Zelle — ein Mysterienspiel.

Die Dauer einer Zellteilung beträgt im Menschen ungefähr eine halbe Stunde und kann demgemäß bei reger Fortführung nach dem berühmten Muster der Weizenkörner auf dem Schachbrett zu ungeheuren Zahlen führen. Man lege abends eine Bohne in laues Wasser. Bis zum Morgen haben sich viele tausend Zellteilungen in ihr vollzogen. Die Teilung eines Bazillus währt 20 Minuten. Eine Milliarde von ihnen findet in dem millionstel Teil eines Litergefäßes Platz. Gäbe man den Nachkommen eines Bazillus Raum und Nahrung zu ungehemmter Fortpflanzung, so flösse in zwei Tagen das Gefäß über, und in fünf Tagen füllten die Bazillen den Atlantischen Ozean. Die Eier aus den Nachkommen eines sich ungehemmt entwickelnden Störweibchens füllten in vier Jahren die Erdkugel mit Kaviar. Solch schrankenloser Fortpflanzung wird durch den Mangel an Raum und Nährstoff und durch die brutale Vernichtung der weitaus meisten aller Keime eine natürliche Grenze gesetzt. Millionen sind berufen, einer wird auserwählt.

Die Zellteilung ist die Ursache des Wachstums. Wenn der abgeschnittene Nagel in Tagen wieder nachwächst, so geschieht es, weil sich die Zellen an seinem Boden in jeder Minute zu Hunderten teilen. Wächst das geschorene Barthaar in wenigen Stunden merklich nach, so haben an seinem Grunde in dieser Zeit zahllose Zellteilungen stattgefunden, wodurch es aus der Tiefe herausgedrängt wird. Wächst das Kind zum Mann oder zur Frau heran, so wird es hoch und breit durch die dauernde Teilung und Vermehrung der Zellen in allen Bezirken seines Leibes. Außerdem dienen die Zellteilungen dem Ersatz der abgebrauchten und ständig sterbenden Zellen in allen Organen. Die Zellen des Körpers leben zum allergrößten Teil nicht von der Geburt bis zum Tode des Menschen, sondern besitzen meisteine kurze Lebensdauer, sterben und werden durch ihre Nachkommen ersetzt — wie die Menschen im Leben der Völker. Hirn-, Muskel- und Knochenzellen teilen sich nur in der Jugend, solange der Mensch wächst, und leben dann das ganze Leben hindurch unverändert. Die übrigen Zellen dagegen leben nur wenige Jahre, ja nur Monate oder gar Wochen. Zwei Drittel aller Körperzellen, über 22 Billionen, sind Blutzellen, jene winzig kleinen Kügelchen, die im Blut des Menschen schwimmen, ihm seine rote Farbe verleihen und vermöge ihres eisenhaltigen Farbstoffes das Sauerstoffgas der Luft aus der Lunge in den Körper führen. Jede dieser Blutzellen lebt nur 20 Tage. Um in 20 Tagen 22 Billionen Blutzellen zu ersetzen, müssen also täglich eine Billion Blutzellen geboren werden und hierfür 500 Milliarden Zellteilungen stattfinden. Das sind in jeder Sekunde fünf Millionen. Da jede Zellteilung eine halbe Stunde währt, so sind allein für den Blutzellenersatz im Knochenmark beständig 10 Milliarden Zellteilungen im Gange. Für ein Menschenleben von 70 Jahren ergibt das die phantastische, selbst für astronomische Angaben ungeheuerliche Zahl von 10 000 Billionen Zellteilungen in einem einzigen Menschenleib allein für den Ersatz des Blutes. Hierzu kommen noch die ununterbrochenen Teilungen in allen übrigen Geweben. Zum Nachwuchs der ausfallenden Haare vollziehen sich täglich annähernd eine Million Zellteilungen in der Kopfhaut. Ein Vielfaches hiervon schuppt die übrige Haut ab, von der täglich unberechenbare Mengen Zellen abfallen, die man beispielsweise im Waschwasser nachweisen kann und für deren Ersatz dauernd Milliarden von Teilungen vor sich gehen. Die Geschlechtsdrüse des Mannes erzeugt jahrzehntelang täglich bis zu 100 Millionen Fortpflanzungszellen, — der Schöpfung ist kein Ende im Mikrokosmos des Lebens.

In diesem ewigen Sterben und Neugeborenwerden der Zellen liegt das Geheimnis unsrer steten Jugend. Das Alte, Abgenutzte stirbt in uns, und neues, frisches Leben wird von Tag zu Tag geboren. Die Todesstunde einer Milliarde verbrauchter Zellen ist die Geburtsstunde von zwei Milliarden neuer. Mit hunderttausend alten, lebensmüden Zellen legen wir uns schlafen und wachen des Morgens „neugeboren” mit zehnmalhunderttausend jungen auf. Wir sterben täglich, um täglich neugeboren zu werden, und leben so durch Tod undAuferstehung wie der Phönix in ewiger Verjüngung, ein durch die Jahre wandelndes Stirb und Werde!

Man überdenke rasch noch einmal das Schauspiel der Zellteilung. Der Zentralkörper erscheint, teilt sich und wird zum Doppelgestirn, das auseinander strebt und sonnenhaft das Plasma-All durchstrahlt. Die Sonnen ziehen geheimnisvolle Sphären durch die Welt der Eiweißmoleküle und ordnen sie zwischen zwei Polen. Der Zellkern schmilzt, sein Chromatin verdunkelt sich, ballt sich zusammen, bildet ein Band, das sich in Bänder teilt, diese krümmen sich zu Schleifen und ordnen sich unter dem Bann der geheimen Macht, die das Ganze durchwebt, im Äquator der kleinen Plasmawelt zu einem prächtigen Stern. Stern und Schleifen spalten sich, streben in sanften Bögen wie Kometen aufwärts und abwärts den beiden Polen zu, und hinter ihnen, indes sie sich wieder zum Kern verflechten, furcht sich wie das Wasser hinter dem Kiel des fahrenden Schiffes das Plasma der Zelle und schnürt sich durch, — dieses entzückende Schauspiel, das mit dem bunten Wechsel seiner Szenen, der sinnvollen Verteilung der Rollen, dem bewegten und doch innerlich so folgerichtigen Ablauf seiner Handlung, der Schürzung und Lösung des Knotens und seinem befreienden Ende ein echtes Schauspiel ist, spielt sich auf einer Bühne ab, die kleiner ist als ein Staubkorn im Sonnenlicht, deren 100 Millionen in einem Stückchen Zucker Unterkommen fänden, spielt sich stündlich, in jeder Minute und jeder Sekunde, ohne daß wir es wollen oder wissen, ohne daß wir es fühlen oder sehen, in unserem Innern ab, ist unser Wachsen, ist unser Sein. Man zähle mit der Uhr die Sekunden 1, 2, 3, 4, 60 die Minute, über 3000 die Stunde, fast 100 000 den Tag, mit jeder Zahl, die man spricht, begleitet man über fünf Millionen Bühnenspiele dieser Teilung in dem Riesenzelltheater seines Leibes.

Und nun wende man seine Blicke auf zum Himmel und sehe über sich die Unzahl der Sterne glühen, jeder eine Sonne, umgeben von Planeten und Monden, zahllos wie der Sand am Meer, dicht gedrängt wie der Staub in Wolken und doch in Wahrheit geschieden durch Räume, die selbst das Licht nur in Jahrtausenden durcheilt, ohne Anfang diesseits, ohne Ende jenseits, ohne Grund unter uns, ohne Grenze über uns. Uns selber aber finden wir auf einer grünen Kugel lebend, die im freien Raume schwebt und um eine dieser Sonnen kreist, nach Menschenmaß so weit von ihr entfernt, daß keinGedanke diese Strecke durchmißt, nach den wahren Maßen dieser Welt jedoch ihr so nahe und so winzig, daß sie mit ihr wie zu eins verschmilzt und nicht einmal, vom nächsten Stern gesehen, als Punkt im schärfsten Glas gefunden werden könnte; auf diesem in des Wortes wahrsten Sinne so genannten Sonnenstäubchen finden wir uns, auf ihm selber wieder so klein, als wären wir gar nicht da, so nichtig und so flüchtig für sie wie für unsere Sinne die Bazillen, die auf der Schale eines irgendwo in einem Keller faulenden Apfels einige Stunden umherzucken, so wahrhaft nichts, daß, wenn uns heut ein Eishauch aus dem Weltraum dahinwehte, diesem Kügelchen Erde ebensowenig fehlte, wie dem Apfel, wenn die Bazillen in den Ritzen seiner Haut erfrören, — Mikroben auf einem im Sonnenlicht kurze Zeit hinwehenden Kugelstäubchen! Und nun schauen wir, überwältigt von der Größe des Weltalls, niedergebeugt von der Kleinheit unseres Ichs, beschämt in unser Bazilleninneres und entdecken nun hier nicht Leere und nicht Stille, nicht Ungestalt und nicht Wirrnis, sondern sehen wieder wie droben außer und über uns so nun in und unter uns einen Himmel, in dessen Räumen sich der Blick verliert, sehen wieder Myriaden kosmisch geordneter Zellsysteme, wieder zahllos wie der Sand am Meer, dicht gedrängt wie der Staub in Wolken, und jedes dieser Pünktchen ist wieder wie droben jeder Lichtpunkt ein kleines All für sich, in dem Welten aus dem Unsichtbaren tauchen und in Sphären kreisen, Sonnen strahlen und sich teilen, Pole ihre magnetischen Felder ziehen und Kometen ihre Bahnen wandeln, Bahnen, die an Schönheit und Gesetz die Milchstraßen des Himmels und die Kometenläufe des Firmamentes überbieten, — und dieses Universum, das sind wir! Der Mensch, ein Bazillus im Weltall, ein Weltall in einem Bazillus! Zu klein, sich in den Makrokosmos der Welten aufzuschwingen, zu groß, sich in den Mikrokosmos seines Wesens zu versenken, denn es ist nicht seine Macht, die Sonnen in die Räume streut und Zellen in ein Pünktchen drängt, tastet er vergebens mit seinen Zwergenfingern an den Planeten, sie zu umklammern, greift er vergeblich mit seinen Riesenhänden nach den Zellenwelten, sie zu fassen, als staubgeborener Sohn der Erde zum Menschlichen und Mittelmaß verdammt, kann er, zwischen Sternen und Zellen wandelnd, nur das Geheimnis ihres Daseins verehren, doch zu begreifen, ist ihm versagt . . . .

Neben der geradezu an Ehrfurcht grenzenden Achtung vor denErscheinungen des Zellebens hat die Gesetzmäßigkeit der Vorgänge die Forscher ermutigt, nicht in stummer Bewunderung vor ihnen zu verharren, sondern diesen Gesetzen nachzuspüren, die Bedingungen ihres Ablaufs zu ergründen, im praktischen Versuch zu verwirklichen und so die Mechanik des Zellebens nachzuahmen. Trotz ihrer geringen Zahl und Anspruchslosigkeit sind diese Versuche ebenso interessant wie vielverheißend ausgefallen.

Als erster Versuch berühmt geworden ist die „künstliche Zelle” von Traube. Leim und Gerbsäure verbinden sich zum festen gerbsauren Leim. Träufelt man in eine Gerbstoff(Tannin-)lösung, wie man sie in jeder Drogerie erhält, einen Tropfen Leim, so bildet sich auf der Oberfläche des Leimtropfens eine feste Haut gerbsauren Leims, während das Innere des Tropfens flüssig bleibt. Zwischen dem flüssigen Leim innerhalb und der Gerbstofflösung außerhalb der Tropfenhaut beginnt nun auf dem Weg der Osmose ein Stoffaustausch. Der Leim nimmt durch die Hülle hindurch Wasser auf, quillt, sprengt die Haut und tritt aus. Sobald er aber hierbei mit der Gerbstofflösung in Berührung kommt, verwandelt er sich in festen gerbsauren Leim und schlägt sich als Haut über den Riß nieder. Nun beginnt das Spiel von neuem, bis der ganze Leim ausgetreten ist. Durch das beständige Austreten und Niederschlagen des Leimes wird die Kugel immer dicker und bietet so das anziehende Spiel des Wachstums.

Unvergleichlich weiter führten die Versuche, die der französische Arzt Stephan Leduc angestellt hat. Auch diese stützen sich fast ausschließlich auf den Austausch von Stoffen zwischen Lösungen verschiedener Stärke (Diffusion und Osmose). Er träufelt Tropfen einer 5-10%igen Ferrozyankalilösung auf Glasplatten, die mit einer halbfesten Gelatine überzogen waren, und erhielt Figuren, die mit Kolonien von Zellen auffallende Ähnlichkeit besitzen. Die entstehenden zellförmigen Gebilde zeigen sogar in ihrer Mitte kernartige Verdichtungen wie echte Zellen.

Doch damit nicht genug. Leduc verrieb etwas Tusche in Salzwasser und ließ davon einen Tropfen auf eine Glasplatte fallen. Zu beiden Seiten des Tropfens legte er je einen Tropfen einer stärkeren Salzlösung. Wenn sich die drei Tropfen berühren, so beginnen die beiden äußeren infolge der größeren Stärke ihrer Lösung die Tusche aus dem mittleren in sich hineinzuziehen, und zwar — wiemerkwürdig! — zu genauen Hälften durch eben jenen komplizierten Halbierungsmechanismus, durch den die Farbmasse des Kerns bei der Zellteilung halbiert und auseinandergezogen wird. Es bildet sich eine Strahlungsfigur, die Tuschekörner sammeln sich zu einem Knäuel, bilden einzelne Stränge, die sich haarnadelförmig biegen und so den Chromatinschleifen täuschend ähneln, diese bilden eine sternförmige Figur, sollen sich sogar längs teilen wie die Kernschleifen und wandern dann zu den beiden Polen der Spindelfigur auseinander (Abb. 18,TafelV).

KristalleAbb. 19. Flüssige Kristalle (nach O. Lehmann) bewegen sich wie Lebewesen.

Abb. 19. Flüssige Kristalle (nach O. Lehmann) bewegen sich wie Lebewesen.

Diese Leducsche Figur ist nur eine Einzelheit aus einer ganzen Welt überraschendster Ähnlichkeiten, die in den letzten Jahren zwischen rein mechanischen Vorgängen und Lebensprozessen aufgefunden wurden. Neben Leducs osmotischen Versuchen, die in wunderbarer Naturtreue die Bildung von Zellen, Kieselschalen, Kalkgehäusen, das Wachstum von Bazillen, Algen, Pilzen und Farnen vorführen, ist es vor allem die nach 30jähriger Kolumbusfahrt durchs Meer des Mikrokosmos von Otto Lehmann entdeckte neue Welt der flüssigen Kristalle, die als das aufgefundene Zwischenreich zwischen der toten und lebendigen Natur die Gemüter der Gelehrten heute mit nicht geringerem Staunen füllt als seinerzeit die märchenhaften Tier- und Pflanzenwunder Amerikas die Geister Europas bewegte. Die flüssigen Kristalle sind im Gegensatz zu den bekannten starren flüssig und beweglich. Sie fließen dahin wie kriechende Amöben oder schlängeln sich wie Bakterien wurmförmig und korkzieherartig, sie fressen, wachsen, vereinigen und vermehren sich wie niedere Lebewesen. Abgebrochene Teile ergänzen sie durch Wachstum (Abb. 19u.20).

Teiling eines BakteriumsAbb. 20. Teilungaeines Bakteriums,beines flüssigen Kristalles (nach Verworn und Lehmann).

Abb. 20. Teilungaeines Bakteriums,beines flüssigen Kristalles (nach Verworn und Lehmann).

Osmotische Figuren und flüssige Kristalle sind nicht leicht darzustellen.Dagegen kann sich jeder Amöbenbewegungen eines toten Stoffes vorführen, wenn er einen Tropfen ranzigen Öles auf Wasser fallen läßt, das etwas Kalilauge enthält. Durch die Bildung löslicher Seife am Rande verliert der Tropfen seine Kugelgestalt und kriecht infolge der gestörten Oberflächenspannung über die Wasserfläche dahin wie eine Amöbe. Noch interessanter ist der Schellack fressende Chloroformtropfen. Bringt man ein mit Schellack überzogenes Glasstäbchen in die Nähe eines Chloroformtropfens, so saugt dieser den Stab in sich hinein, wie eine Amöbe oder menschliche Wanderzelle Algen- und Bazillenstäbchen frißt, befreit durch Lösung des Schellacks das Stäbchen von seinem „nahrhaften” Überzug und stößt den abgefressenen Glasstab wie die Amöbe eine leere Algenschale aus (Abb. 21). Auch auf die Ähnlichkeit der Strahlungsfigur im Plasma mit magnetischen Kraftfeldern ist oftmals hingewiesen worden.


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