ChloroformtropfenAbb. 21. Der schellackfressende Chloroformtropfen (nach Rhumbler).
Abb. 21. Der schellackfressende Chloroformtropfen (nach Rhumbler).
Kein ernster Naturforscher wird glauben, durch solche Versuche die Lebensrätsel und Zellgeheimnisse unmittelbar lösen zu können, aber sie führen uns immer weiter auf dem Wege, die Lebensvorgänge als Mechanismen zu begreifen, sie enthüllen uns, daß selbst so verwickelt und scheinbar „vernünftig” laufende Prozesse wie die Zellteilung rein chemisch-physikalischer Natur sein können, und kräftigen uns so in der Auffassung, daß das Leben keine übernatürliche, von besonderen Lebenskräften beherrschte Erscheinung ist, sondern nur die höchste Form all jener mechanischen Vorgänge, die wir unterehernen Gesetzen im ganzen Weltall in gleicher Weise als das eine große, unergründliche Weltgeschehen laufen sehen und — leben.
Außer der Teilung kennen wir bis heute fast nichts aus dem inneren Leben der Zelle. Wie in einer Fabrikstadt, deren Schlote wir von einem Berge aus im Nebel nur angedeutet ragen sehen, ohne erkennen zu können, was dort in Dampf und Rauch gewonnen wird, vollzieht sich grau in grau vor uns das Wirken in der geheimen Werkstatt des Lebens. Man sieht nichts, und es geschieht alles. Wir stehen wie bei einem Zauberkünstler da vor lauter Tatsachen und begreifen kein Geschehnis. Und wie lockt die Begierde, das Geschehen zu begreifen, da das Geschehene doch so wunderbar! Man stelle sich doch vor: eine Zelle, so klein, daß in diesem Pünktchen auf dem i ihrer zwanzig Platz hätten, setzt sich aus 20 000 Plasmawaben zusammen. Diese bestehen aus Wasser, Salzen, Alkoholen, Glyzerin, Fetten, Phosphorfetten, Zuckern, Stärke, Leim, Aminosäuren, einfachen und zusammengesetzten, festen und flüssigen Eiweißkörpern, aus aromatischen Stoffen, Farbstoffen, Pigmenten und noch hundert anderen chemischen Verbindungen. Diese sind in dem Pünktchen kunstvoll organisiert, jede genau an ihrem Platz und nicht einen Deut daneben. In der Mitte dieses Pünktchens liegt der Kern, zusammengesetzt aus Kernhaut, Kernsaft, Kernkörperchen, Kernnetz und den planvoll geordneten Körnchen der Farbsubstanz. Neben dem Kern liegt der Zentralkörper, der weit hinein ins Plasma strahlt, in dem wir wieder Fäden und Netze, Körner,Kanäle, Wände, Waben und Kammern in ungezählten Zahlen finden. All dies in dem einen kleinen Pünktchen, das kleiner ist als der zwanzigste Teil dieses i-Punkts. Und dieses Wundergebilde lebt! Es bewegt sich infolge einer Reihe eigenartiger chemischer Umwandlungen an einer Oberfläche. Es atmet, indem es Sauerstoff aus der Luft aufnimmt, in seinen Atemkörnern sammelt, das Sauerstoffmolekül in seine beiden Atome spaltet und in die Verbindungen seines Plasmas leitet. Es nährt sich: es nimmt Wasser und Salze, Zucker und Säuren, Alkohole und Fette und Eiweißkörper auf. Es besitzt eigene Stoffe für die Spaltung des Zuckermoleküls, eigene für die verschiedenen Eiweißkörper. Mit Hilfe dieser Stoffe zerlegt es Eiweiß in Aminosäureketten und diese Ketten wieder in die einzelnen Glieder, die Aminosäuren; Stärke in Dextrin, Dextrin in Malzzucker, Malzzucker in Traubenzucker und diesen in Kohlensäure und Wasser. Die Fette spaltet es in Glyzerin und Säuren, und diese zerlegt es weiter. Aus den gewonnenen Bruchstücken dieser Verbindungen vermag es wieder mit Hilfe ganz bestimmter Chemikalien Hunderte von verschiedenen Stoffen aufzubauen. Aus Aminosäuren baut das Pünktchen wieder Aminosäureketten und aus diesen wieder Eiweißmoleküle aller Art, die es mit allen möglichen Nebenstoffen verkuppelt, wie es deren gerade für seine Eigenzwecke bedarf. Aus Säuren und Glyzerin setzt es besondere ganz eigenartige Zellfette zusammen; an diese bindet es Phosphorsäure und andere Körper und baut so die verschiedenen Arten der Lezithine und andere Phosphorfette. Aus den niederen Zuckern stellt es die höheren zusammen, aus diesen Dextrin und Stärke. Alles dieses tut es nebeneinander und zu einer Zeit, ohne daß sich diese Vorgänge gegenseitig stören, und tut es ununterbrochen, um die Masse seines stets sich zersetzenden Plasmas zu erhalten und zu wachsen. Einen Teil der geschaffenen Verbindungen sammelt es an bestimmten Stellen als Vorratsstoff, um sie zu geeigneter Zeit zu verbrennen oder zu besonderen Leistungen zu verwerten, die die bisher genannten allgemeinen und allen Zellen zukommenden Lebenstätigkeiten noch weit übertreffen.
Das Leberzellenpünktchen beispielsweise, das so klein ist, daß man es als Sonnenstäubchen in der Mittagssonne nicht sähe (s. Abb. 11,TafelIV), verrichtet außer diesen aufgezählten allgemeinen Lebenstätigkeiten noch mindestens zwanzig höchst verwickelte besondere Leberarbeiten, für deren jede der Mensch mit seinen heutigenMitteln ein ganzes Laboratorium mit Assistenten, Kolben und Kochern, Filtrier- und Destillierapparaten und einen ganzen Schrank voll Chemikalien nötig hätte. Er brauchte Streichholz und Fließpapier, Atomtabellen und ein dickes Handbuch der Chemie, Geduld und Geist und tagelangen Fleiß, um auch nur eine von den zwanzig Leistungen nachzuahmen, die die Leberzelle in dem Viertelstündchen verrichtet, da wir im Mittagsschläfchen ruhen und in unserem satten Schlummer uns alles andere träumen lassen als die Wunder, die in unserem Innern vor sich gehen . . .
Durch die Leber fließen nach der Mahlzeit mit dem Blut aus dem Darm die Säfte der verdauten Speisen. Aus diesem durchfließenden Blut nimmt die Leberzelle die chemischen Verbindungen der eingeführten Nahrung auf. Sie reißt den Zucker an sich und setzt die Zuckermoleküle zusammen zu Stärke und bricht sie später wieder auseinander zu Zucker; sie nimmt die Aminosäuren der abgebauten Eiweißmoleküle auf und vereinigt sie mit Ammoniak zu Harnstoff und Harnsäure; diese verkuppelt sie mit den Metallen des Körpers, dem Kalium und Natrium, zu den Harnsalzen. Den Blutfarbstoff der täglich sterbenden Billion Blutzellen fängt sie aus dem Blute auf und verwandelt ihn in den grünlichen Gallenfarbstoff. Aus uns noch unbekannten Grundverbindungen baut sie die Gallensäure auf; diese verkuppelt sie mit Aminosäuren. Die Giftstoffe, die bei der Eiweißverdauung im Darm frei werden, wie die Karbolsäure, speichert sie in sich auf und macht sie durch Verkuppelung mit Schwefelsäure unschädlich. Karbol- und Schwefelsäure! Mit solchen Giften operiert die Leberzelle Tag für Tag und verbrennt sich nicht und vergiftet sich nicht! Und viele andere Gifte hält sie fest, die der Mensch in seiner Unnatur in seinen Körper hineingießt und hineinbläst, so das Koffein des Kaffees und das Nikotin des Tabaks, das Morphium, das Opium und das Veronal, und verwandelt sie durch Abbau und Verkuppelung in harmlose Stoffe. Aus dem großen Reichtum der ihr zufließenden Chemikalien braut sie die Galle, ein Elixier von über dreißig verschiedenen Tinkturen und Essenzen, gegen das alle Benediktiner und Karthäuser Stümperware sind. Und bei alledem hat sie noch Zeit, ihr eigenes Leben zu führen, sie nährt sich, atmet, wächst, empfindet und, höchste aller Unbegreiflichkeiten, dieses Wunder stirbt nicht: eines Tages wandert in dem Mikropünktchen das tausendmal kleinere Ultrapünktchen,der Zentralkörper, spaltet sich und durchstrahlt das Plasma, der Kern schwillt, das Chromatin in ihm windet sich wie eine erwachende Schlange, bildet Rand, Knäuel, Schleifen, den Teilungsstern, spaltet sich und wandert zu den Polen, und all dies, davon ein Menschenmund nicht aufhören kann zu erzählen, vollzieht sich ohne Lärm und Laufen, ohne Rad und Rauch, ja ohne daß wir mit den stärksten Mikroskopen überhaupt sehen, daß etwas vorgeht, und dies alles in dem einen winzigen Pünktchen, davon zwanzig auf dem i-Punkt Platz finden, ohne sich zu drängen!
Und wie in der Leberzelle ist’s in allen anderen der 30 Billionen Zellenpünktchen unseres Leibes. Was die Leberzelle vermag, das kann in ihrer Art die Nierenzelle, die aus Blut den Harn bereitet, das schafft die Darmzelle, die die Nahrungsstoffe aufnimmt oder die Magenzelle, die Salzsäure und Pepsin fabriziert, die Herzzelle, die täglich 100 000 Male zusammenzuckt, die Hirnzelle, die Gefühle empfindet und Gedanken erdenkt und, größtes aller Wunder, in diesem Augenblick über ihr eigenes und das Zauberleben ihrer Geschwister in Schwingung und Bewunderung gerät. 30 Billionen solcher lebender und webender Zellenpünktchen sind ununterbrochen in deinem Leibe geschäftig, sie hüpfen und halten, fließen und kriechen, bauen und brauen, sehen und hören, fühlen, denken, wollen und wissen, und all ihr Leben zusammen, das ist dein Leben, das bist du!
Wir und die Zellen, aus denen wir bestehen, sind eins. Ich bin sie, und sie sind ich. Ist das Haar, das ausfällt, nicht ich? Ist der Nagelreif, der sich am Scherenrande abrollt und nun am Boden liegt und fortgefegt wird mit dem Kehricht, nicht ein Stück von mir? Bin ich etwas anderes als meine Hand, als mein Hirn? Und sind sie etwas anderes als ihre Zellen? Nehmt sie auseinander, Stück für Stück und Faser für Faser, daß ihr auch nicht das kleinste Stäubchen übergeht, sie sind nichts als ihre Zellen. Mensch ist ein Sammelname für eine Summe zusammenlebender Zellen. Ihr Wohlsein ist unsere Gesundheit, ihre Krankheit unser Leiden, ihr Sterben unser Tod. Wie es in Wirklichkeit kein Leben eines Volkes gibt, sondern nur das Leben seiner Bürger, so gibt es im Grunde kein Leben eines Menschen, sondern nur das Leben seiner Zellen. Wenn Staaten Kriege führen, so sind es Menschen, die gegeneinander kämpfen, und nicht Länder; wenn der Mensch Bewegungen ausführt,Säfte erzeugt, Schmerzen empfindet, Gedanken denkt, so sind es Zellen, die sich bewegen, fühlen, Säfte brauen, und nicht der Mensch. Der Mensch als solcher kann gar nichts. Heiß dein Herz stille stehen! Befiehl deinem Darm, sich nicht zu schlängeln! Halt den Umlauf deines Blutes ein! Erröte! Erröte nicht! O, was gäbst du manchmal darum, wenn du nicht errötenmüßtest! Werde einmal nicht müde, wenn deine Zellen schlafen wollen! Schlafe einmal, wenn deine Hirnzellen munter sind und du dich nächtens qualvoll auf dem Lager wälzst, vor Ohnmachtswut dem Weinen nahe! Stottere nicht, Stammler! Steh auf, Gelähmter! Unmusikalischer, singe diese Melodie mir nach! Erhebe dich auf den Flügeln des beschwingten Geistes, Phlegmatiker! Ihr könnt nicht? Ach, nicht ihr seid es ja, die leben und leiden, kraftvoll oder schwach sind, es sind eure Zellen, und den Zellen könnt ihr nicht befehlen. „L’état c’est moi!” rief einst der König von Frankreich, „Der Staat, das bin ich!”, und stolz wiederholt es heute ein jeder von uns, da wir in Staaten leben, darinnen jedes Bürgers Stimme gilt. Aber „l’état c’est moi!” hallt es nach in unserem Innern und klingt das Echo durch die Reihen der 30 Billionen Zellenbürger unseres Körpers, und jede Zelle wiederholt es stolz: „Der Mensch, das bin ich!”
Menschenleben ist Zellenleben. Wenn wir atmen müssen, so sind es Zellen, die Luft begehren, und wenn wir Hunger haben, so hungert nicht uns, sondern eine Gruppe von Zellen in der Magenwand verlangt nach Nahrung, weil sie angefüllt ist mit Verdauungssaft. Nicht du bist es, der diese Worte sieht, und nicht deine Augen sind es, sondern einzig und allein ganz bestimmte Zellen des Augenhintergrundes, die die Fähigkeit erworben haben, die Billionenzahl der Ätherzellen zu registrieren, und nicht du bist es, der diese Wortbilder auffaßt und in Vorstellungen ummünzt, sondern nur eine ganz bestimmte Gruppe von Zellen der grauen Großhirnrinde besitzt die Fähigkeit, die Ätherwellen-Morsezeichen, die der Sehnerv ihnen übermittelt, in Begriffe umzusetzen. Jeder Mensch kann nur begreifen, denken und handeln, wozu die Zellen seines Hirnes ihn befähigen. Raubt einem Menschen jenes Säulchen feiner Zellen, das in seinen Ohren schwingt, und ihr machtet ihn, der eben noch entzückt den Symphonien der Musik gelauscht, nun taub für alle Schönheit atmosphärischer Rhythmen. Blättert die Tapete zarter Zellen seiner Netzhaut ab, die so dünn ist wie eine Spinnenwebe, und ihr blendet denlichtbegeisterten Genius zum ewig Blinden, der sich durch die Finsternisse seiner Nächte wie ein Schatten hintastet. Was ist der Mensch, der sich so groß und herrlich dünkt, so frei und niemand untertan? Daß er sich mit dem Purpur des Königs umkleidet, mit dem Hermelin des Kaisers umbrämt? Nicht einmal er selbst. Ein Zellensklave. Er mag über ein Reich gebieten, in dem die Sonne nicht untergeht, er kann nicht hundert Zellen seines Herzens befehlen; wenn sie erlahmen, muß er sterben. Den Aufstand von Nationen mag er unterdrücken, gegen ein Häuflein rebellischer Zellen in seinem Innern wird seine Königsmacht zuschanden. Heute künden ihrer tausend seines Hirnes ihm den Dienst, und dem Helden von gestern zittern die Knie; morgen fallen ihrer tausend ab, und das Wort erstirbt ihm auf der Zunge, und er vergißt den Namen seines Weibes; übermorgen werden abermals ihm tausend untreu, und er vergißt sich selbst, dahin sind Seele, Geist, Charakter und Gemüt, — ein lebender Leichnam, weniger als ein Hund, wälzt sich in seinem Unrat, und die gefeierte Persönlichkeit von gestern ist heut ein irrer Leib, ein Haufen Knochen und Gedärm ohne Halt und Herrschaft, der wunsch- und willenlos verkommt, wenn sich der Wärter seiner nicht erbarmt. . . . O Mensch, o Mensch, du Alles und du Nichts! Den Dingen gegenüber so groß und so mächtig, und dir selber so gar nichts und so nichtig, du Knechter der anderen und Knecht deiner selbst, du Herrscher der Welt und Sklave deines Ichs! Wasserfälle heißt du deine Räder treiben, Blitze deine Nacht erhellen und auf Flügeln schwingst du dich, der Urgesetze spottend, über Wolken, und doch:
„Setz dir Perücken auf von Millionen Locken,Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken,Du bleibst doch immer, was du bist”,
„Setz dir Perücken auf von Millionen Locken,Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken,Du bleibst doch immer, was du bist”,
— eine Kolonie punkthaft kleiner Tierchen, die nicht du sind und denen du nicht zu befehlen hast, sondern die dir befehlen und dich heißen, das zu tun und das zu sein, was sie sind. Sterne wiegst du in den Nächten, malst Madonnen, lockst aus Saiten Symphonien, den Adler stürzt du aus den Lüften und die Zeder neigt vor dir die Wipfel, — und in dir selber bist du eingekerkert in die Zelle eines Pünktchens, das zu klein ist, daß dein Aug es sähe, und zu fein, als daß dein Fuß es träte, und doch dein so wenig achtend, daß es nicht den flehendsten Wunsch dir ablauscht und nicht die bescheidenste Bitte dir erfüllt. Wie es lebt, so mußt du sein, und wenn es stirbt,so mußt du sterben, ob auch Locken deine Stirn noch schmücken und du noch mit offenem Munde nach den Wonnen dieses Lebens langst, denn das Pünktchen, dieses fremde, eigenlebende, dir nicht dienende und dein nicht achtende Pünktchen, die Zelle, das bist du! Du großer, kleiner Mensch! Du armer Reicher! Soll ich vor dir niederknien und dich preisen, daß du so groß bist, oder mein Haupt verhüllen und dich beweinen, daß du so elend, du wunderlicher Sohn des Chaos? Du wandelnder Widerspruch! Zellenherr und Zellenknecht!
Die Amöbe ist eine Einzelzelle. Sie ist ein Einsiedler, der allein gestellt seine Tage verbringt und alle Notwendigkeiten des Lebens selbst verrichtet. Weitaus die meisten Wesen der Welt sind Einzeller. In einem Wiesentümpel leben ihrer mehr und vielleicht ebenso verschiedene wie die ganze Nordsee an Vielzellen beherbergt. Trotz ihrer einzelligen Natur haben sie sich hoch über ihre Stammesmutter, die Amöbe, entwickelt und ihre eine Zelle in so wunderbarer und den großen Geschöpfen ähnlicher Weise ausgebildet, daß man sie früher nicht für Zellen, sondern für verkleinerte Tiere mit Augen, Gedärmen, Knochen und Gehirn gehalten hat. Sie haben sich Schutzdecken gebaut, Panzer von oft bezaubernder Schönheit, Füßchen, Wimpern, Fühler, Schwänze, Stacheln ausgestreckt, Hohlräume, Furchen, Kanäle, Säume, Muskelfasern, Stiele, Rippen, Augenflecke gebildet, so daß Fülle und Buntheit der Formen und des Lebens das Reich der Einzeller zu einem geradezu phantastischen Paradies gestalten, in das man durch jeden Tropfen Wassers aus Teich, Tümpel, Fluß, Aquarium, Blumenglas und Heuaufguß hineinschauen kann und zu dessen Studium ein ganzes Menschenleben nicht hinreicht. Die Bakterien, die jedes Winkelchen der Erdoberfläche in unaussprechlichen Scharen bevölkern, die Kieselalgen, die weite Strecken Landes überdecken, die Pilze der Hefe, die Aufgußtierchen (Infusorien), die herrlichen Strahlentiere (Radiolarien), die Haeckel aus der Tiefsee fischte, und die Kreidetiere, die den Jura aufbauen, sind Einzeller.
Neben dieser Einzelausbildung tritt schon frühzeitig eine andere Art der Vervollkommnung und Schutzwehr auf, die Zellvereinigung, so wie im Menschenreich neben den Einsiedlern und Raubrittern die Zünfte sich entwickelten. Als ein Urtrieb offenbart sich schon auf niederster Stufe die Sehnsucht nach Verkettung, Familienbildung, Gesellschaftsleben. Amöben einfachster Art fließen zusammenund bilden Amöbenverbände; die Lohblüte auf der Gerberlohe, an der Reinke seine Plasmauntersuchung vornahm, ist ein solcher Verband von Amöben (Abb. 22a,TafelVII).
Sobald die Zellen eine feste Gestalt angenommen haben, können sie nicht mehr einfach zusammenfließen wie die tropfenhaften Amöben. Sie können sich nur aneinanderlegen, zusammen hausen und Kolonien bilden wie nebeneinander wohnende Menschen. Das reizende Glockentierchen (Vorticella) wohnt in solchen Kolonien, wie sie Ehrenberg, der Altmeister der Infusorienforschung, in nebenstehendem Bilde gezeichnet hat (Abb. 22b).
GlockentierchenAbb. 22b. 1. Stufe der Zellengemeinschaft: Offene Kolonie durch gemeinsamen Wohnsitz (Glockentierchen).
Abb. 22b. 1. Stufe der Zellengemeinschaft: Offene Kolonie durch gemeinsamen Wohnsitz (Glockentierchen).
Jedes dieser Glöckchen ist eine Zelle, die aus einer Plasmaglocke mit Wimpersaum und einem Stiel besteht, der sich wie eine Spiralfeder zusammenrollen kann. Am äußersten Rande der Kolonie sitzt eineinzelnes Tier. Wie eine Tulpe schwebt das Glöckchen auf dem Stiele, die Wimpern seines Saumes schlagen rhythmisch im Kreis und erzeugen einen Strudel, in den kleine Tierchen hineingewirbelt werden, um für immer in dem zwar schönen, aber gefräßigen Kelch zu verschwinden. Da kommt ein hungriger Feind, ein Kesseltier, herangerudert. Wie ein Raubtier stürzt es sich auf das einsame Glöckchen, und ehe wir recht erkennen, was geschieht, hat der Unhold wie ein Knabe eine Distel die Glocke von ihrem Stiel gerissen und verschlungen. Dicht daneben schlägt die zwanzigzellige Kolonie als ein wahrer Baum des Lebens mit tausend Wimpern. Das Kesseltier stürzt beutelustig auch auf seine Glocken, aber da packt es der Strom des strudelnden Baumes, und nur mit Mühe entrinnt es der Charybdis. So bewährt sich die Macht der Einigkeit. Der Strudel der zwanzig Glockentiere ist zwanzigmal stärker in der Herbeischaffung der Nahrung, zwanzigmal stärkere Tiere werden von jeder einzelnen Glocke gefangen, und naht ein Feind, so wehren zwanzigfache Kräfte seinen Angriff ab.
Norwegische FlimmerkugelAbb. 22c: 3. Stufe der Zellgemeinschaft. Geschlossene Kolonie durch auflösbare Kugelgemeinschaft von Wimpernzellen (Norwegische Flimmerkugel).
Abb. 22c: 3. Stufe der Zellgemeinschaft. Geschlossene Kolonie durch auflösbare Kugelgemeinschaft von Wimpernzellen (Norwegische Flimmerkugel).
Stiellose Zellen vereinigen sich zumeist durch einfaches Aneinanderlegen und Gruppieren um einen Mittelpunkt, wodurch sie Zellkugeln bilden. Haeckel fand in den nordischen Gewässern eine Zellenkolonie aus 32 Einzelzellen, die eine Kugel bilden und sich mit Flimmern im Meere tummeln. Nach einer gewissen Zeit zerfällt die Kugel, und die Einzelzellen werden wieder frei (Abb. 22c).
In dieser Freiheit der Einzelzelle liegt das Wesen der Kolonie im Gegensatz zum Organismus. Jede Koloniezelle ist ein freies Individuum, das sein eigenes Leben führt, aus dem Zellverband austreten und wieder ein Einzeltier werden kann. Aber das dauernde Zusammenleben führt bald zu Folgen, die für die Einzelzelle wie für den Zellverband von der tiefgehendsten Bedeutung werden. Eine kugelige Zellenkolonie steht der Außenwelt genau so gegenüber wiedie kugelige Einzelzelle. Wie in dieser müssen sich auch hier die Fähigkeiten der Bewegung und Empfindung in den Außenbezirken, die der Verdauung und Fortpflanzung im Innern der Kugel entwickeln. Die Außenzellen, in dauernder Bewegung begriffen und unter ständigem Einfluß der Reize der Umwelt, werden Spezialisten der Bewegung und Empfindung; in die abgeschlossenen Innenzellen wandern die Nahrungsstoffe und werden hier verdaut, wandern die wichtigen Erbmassen und werden hier in besonderen Zellen, den Keimzellen, aufgespeichert. Durch diese einseitige Ausbildung verlieren die äußeren Zellen die Fähigkeit der Verdauung und Vermehrung, verlernen die inneren die Bewegung und Reizaufnahme, jene können ohne diese, diese können ohne jene nicht mehr sein, sie müssen von nun an untrennbar verbunden miteinander leben und miteinander sterben, — die Kolonie ist zum Organismus geworden.
In unseren Teichen lebt eine Zellkugel, Volvox oder Kugeltier genannt. Die Botaniker nennen den Volvox eine Pflanze, die Zoologen ein Tier, in Wahrheit steht er am Scheideweg der großen Lebensstraße, die aus der gemeinsamen Urheimat der Einzeller in die beiden Schwesterreiche der Pflanzen und Tiere führt. Dieser Volvox ist keine Kolonie mehr. In der norwegischen Flimmerkugel sind alle Zellen gleich und alle im Besitze aller Lebensfähigkeiten. Die Zellen des Volvox dagegen haben sich durch Arbeitsteilung in zwei Klassen geschieden, die Körperzellen und die Keimzellen, die auf je eine Kugelhälfte verteilt sind. Die Kugelhälfte mit den Körperzellen ist bei der Bewegung nach vorn gerichtet; ihre Zellen ertasten den Pfad und suchen die Nahrung. Die Keimzellen der Gegenhälfte kümmern sich nicht um die Außenwelt, ihre Bestimmung sind innere Aufgaben, sie dienen einzig der Fortpflanzung, und aus ihrem Bezirk wachsen die Tochterkugeln, die sich später von der Mutterkugel lösen. Durch diese Arbeitsteilung haben die Körperzellen die Fähigkeit verloren sich fortzupflanzen, haben die Keimzellen verlernt, Nahrung zu suchen, sind sie untrennbar aufeinander angewiesen, ist die Volvoxkugel ein unteilbares Ganze geworden. Der Volvox ist der erste Zellverband mit Arbeitsteilung, der erste Organismus (Abb. 22d,Taf.VII).
Die älteste und wichtigste Arbeitsteilung im Organismus ist die Scheidung in Körper- und in Keimzellen. Bei höherer Entwicklung treten in beiden Gruppen weitere Arbeitsteilungen ein. Die Keimzellen sondern sich in männliche und weibliche. Die Körperzellenscheiden sich zuerst in Bewegungs- und Ernährungszellen; alsdann die Bewegungszellen wieder in solche, die den Weg ertasten, dadurch das Gefühl ausbilden und Sinneszellen werden, und in solche, die sich ausschließlich der Fortbewegung widmen und zu Muskelzellen umwandeln. An der Körperoberfläche bildet sich ein Teil der Zellen zu Schutzzellen, Panzer- und Deckzellen, aus, oder zu Kampfzellen, die Stacheln ausstrecken und Gifte ausscheiden. Unter den Sinneszellen werden die einen Spezialisten für die Aufnahme von Lichtreizen (Sehzellen), die anderen von Schallwellen (Hörzellen). Die Ernährungszellen teilen sich in solche, die die Nahrung aufnehmen, indem sie diese mit Wimpern in den Körper hineinstrudeln (Wimper- oder Flimmerzellen), und solche, die im Innern des Körpers die hineingestrudelte Nahrung durch Säfte chemisch zerlegen und verdauen (Drüsenzellen). Weitere Arbeitsteilungen unter ihnen führen zur Ausbildung von Lungenzellen für die Aufnahme der Atemgase, von Blutzellen für den Umlauf der Gase, von Nierenzellen für die Ausscheidung der Verdauungsschlacken, von Fettzellen für die Speicherung der Nährstoffe, Nervenzellen für die Leitung der Reize usw., so daß der Körper eine immer feinere Organisation erfährt, bis wir schließlich in den höchsten Geschöpfen Zellenstaaten mit hundert verschiedenen Zellspezialisten vor uns sehen, die, wie im Menschenstaat die verschiedenen Berufe, für einander arbeitend und auf einander angewiesen, harmonisch und festgefügt zusammenleben. Der Zellenstaat des menschlichen Körpers ist ein Staatswesen von einer Größe und Durchbildung der Organisation, daß selbst der genialste Staatsmann aus seinem Studium die fruchtbarsten Anregungen zu schöpfen vermöchte. Seine Übereinstimmung mit dem modernen Staatswesen ist so durchgreifend, daß sie sich weit über das Maß eines äußeren Vergleichs erhebt und im Lichte einer einheitlichen Naturauffassung den Menschenstaat als die natürliche Höherordnung des Zellenstaates erscheinen läßt.
Der menschliche Zellenstaat vereinigt 30 Billionen Bürger, also rund 500 000 mal soviel wie das Deutsche Reich. Seine Verfassung ist im Gegensatz zur Monarchie des Bienenstaats die einer Republik, in der die Bürger in Kasten eingeteilt sind, unter denen die gebildetsten, entsprechend ihren höheren Fähigkeiten, nach genau festgelegten Machtbefugnissen die Vorherrschaft führen. Man kann sagen, der Zellenstaat ist eine Republik unter der Vorherrschaft einer erblichenGeistesaristokratie. Diese Geistesaristokraten sind die Hirnzellen. Anarchie und Tyrannei sind in der Zellenrepublik unbekannt, Regierungsschwäche und Bürgerstreitigkeiten selten. Die persönliche Freiheit des einzelnen Bürgers ist sehr gering. Die Wirtschaftsform ist ein strenger Kommunismus mit genau vorgeschriebenen Arbeitspflichten und ebenso genau abgemessenem Arbeitslohn. Freie Arbeitswahl, Eigenwirtschaft, Privatbetriebe, eigennützige Gesellschaftsbildung, Anhäufung von Vermögen zuungunsten der Nachbarn und der Allgemeinheit, Selbstversorgung, Freizügigkeit, Luxus und freiwillige oder unfreiwillige Arbeitslosigkeit sowie Rentenwirtschaft und Zinsunwesen sind im Zellenstaat nicht gäbe.
Jede Kaste hat ihren vorgeschriebenen, angeborenen, wie bei den japanischen Meistern vom Vater auf den Sohn ererbten und dadurch zu höchster Blüte getriebenen Beruf, arbeitet für den Staat und wird dafür vom Staat mit allen Mitteln versorgt. Die Hauptkasten sind: die Bewegungszellen, die zu Muskelheeren vereinigt sind; die Drüsenzellen, die in den chemischen Staatsbetrieben der großen Körperdrüsen arbeiten, in den Speicheldrüsen des Mundes Speichel, in den Salzsäurefabriken des Magens Pepsin und Salzsäure, in den Zuckerraffinerien der Leber Zucker und Stärke, in den Molkereien der Brüste Milch, in den Gerbereien der Haut Leder, in den Hornfabriken der Haare Schildpatt und in den Ölmühlen der Gelenke Achsenschmiere bereiten. Der weitaus größte Teil der Zellen dient dem allgemeinen Verkehr, der den Fabriken die Betriebsstoffe zuleitet, die fertigen Erzeugnisse im Lande verbreitet, die Nahrungsmittel umherträgt und die Abfallstoffe ausführt. Diese Verkehrszellen sind die Blutkörper, die Goldmünzen des Reiches, die im Knochenmark geprägt werden und in dem Innern der panzerfesten Gebeine sicherer liegen als in den Wasserkellern und Stahlkammern unserer Banken. Der Zellenstaat hat seine Börsen, Banken, Münzen und Wechselkassen. Die Reichsmünze ist das Knochenmark. Hier wird das Gold des Blutes geprägt. In jeder Sekunde verlassen fünf Millionen Münzen die Prägeanstalt und laufen in den fließenden Geldstrom des Zellenstaates, das Blut. Die Reichsbank ist die Leber, die den Geldstrom dauernd kontrolliert, das abgenützte Geld einzieht, einschmilzt und das Rohmaterial zu neuer Prägung an das Mark zurückführt. Die Bankfilialen sind die kleinen Lymphdrüsen, die über das ganze Reich verteilt und an jeder Straßenecke und Wegkreuzungaufzufinden sind. Sie dienen zugleich als Zollstationen, in denen das vorbeifließende Blut auf staatsfeindliche Gifte und Fremdware untersucht wird. Eine Hauptfiliale ist die Milz, die daher bei allen Vergiftungskrankheiten mit den Lymphdrüsen anzuschwellen pflegt. Der im Umlauf befindliche Geldbestand des Reiches wird mit Beharrlichkeit auf 22 Billionen Einzelmünzen gehalten. Die Überschüsse, die der Staatshaushalt erzielt, werden nicht, wie unzweckmäßigerweise in unseren Menschenstaaten, in der unverwendbaren Form von Gold, sondern als brauchbarer Rohstoff in Gestalt von Fett durch eine besondere Zellkaste aufgespeichert und verwaltet. In den weitverbreiteten Fettspeichern der Unterhaut, in allen Lücken zwischen den Organen und längs der großen Aderstraßen werden die Fettvorräte gesammelt und bilden für die Zeit der Not und Kriege unerschöpfliche Lager von Munition und Proviant. Die regierende Kaste des Zellenstaates, die Nervenzellen, führen hoch oben in der palastartig ausgebauten Schädelkapsel, wahrhaft an der Spitze des Staates, als Gehirn ihr zwar sorgenfreies, aber verantwortungsvolles und inhaltschweres Leben. Milliarden von Zellbeamten sind hier als erste Diener ihres Staates tätig. Die einen arbeiten in den Handelsministerien des Nackenmarks, das die Kanäle und Schleusen der Blutbahn reguliert und durch Weiten der Adern das Blut je nach Bedarf der Nahrungseinfuhr in die Därme, bei Muskelarbeit in die Muskeln, bei Gedankentätigkeit ins Hirn und bei Kälte in die äußere Haut hinleitet, um so den frierenden Grenzbewohnern Wärme zu senden. Andere arbeiten in den Ministerien des Verkehrs, das den Lauf der Muskel leitet, die Finger führt, die Zunge zur Sprache und die Augen zum Lesen bewegt. Im Kultusministerium der grauen Großhirnrinde sitzen die Denkzellen, die Gedanken ersinnen, Erinnerungen in die Registratur des Gedächtnisses schreiben, Zahlen in ihren Rechnungsbüchern zusammenstellen, Eindrücke in die Wachsplatten des Gemütes prägen und die Begriffe in das Fachwerk der Logik reihen. Tausende sitzen an den Morseapparaten der Sehhügel und befördern nach dem Rhythmus der Ätherwellen, die in dieser Sekunde von den Buchstaben dieser Worte in dein Auge fallen, das Morsealphabet der Lichtsignale in die Ministerien der Erinnerungen und Wortbildungen, der Ideenverbindung und Gefühlsverkettung. Tausende sitzen an den Telephonen der Ohrleitung und verbinden die einzelnen Regierungsabteilungenmit den Anrufen der Außenstaaten, die durch die Luft drahtlos wie Funksprüche herüberklingen. Durch ein einzigartiges Telegraphennetz mit hunderttausend Haupt- und Nebenleitungen, Schaltungen und Umformern stehen die Regierungsabteilungen untereinander und mit allen Organen des Reiches in Verbindung und führen Tag und Nacht die diplomatischen Geschäfte des Zellenstaates. Ein Wille der Regierung, und das Staatspumpwerk des Herzens verdoppelt seine Schlagzahl, ein Befehl der obersten Zellbehörde, und der Magen entleert durch Brechen seinen Inhalt, der als staatsverderblich befunden wurde. Eine Beleidigung der Regierung, und flammende Röte des Angesichts kündet den Zorn des beleidigten Volkes, eine Bestürzung der Schwäche in dem Kabinett der obersten Leitung, und das Staatsgebäude erzittert in seinen Festen durch Mark und Bein.
Der Größe und inneren Organisation des Staatswesens sind seine technischen Einrichtungen würdig. Seine Hautgrenze ist mit Milliarden Panzerplatten aus Horn, den Hautzellen, befestigt. Ein dichter Wald von Haaren deckt sie. Unzählige selbsttätige Signalapparate melden als Tastkörper fremde Berührung, als Wärmeapparate das Nahen von Hitze, als Fühlhaare den kalten Luftzug, als Schmerzpunkte erlittenen Schaden. Gewaltige Sinnesorgane spähen als Festungen hinaus in Feindesland: die beiden Riesenleuchttürme der Augen, die die Ätherwellen des Weltalls auffangen und weiter reichen als alle Leuchttürme der Nordsee; die beiden gewaltigen Schallapparate der Ohren, die die Wetterstationen für die Wellenstürme der Atmosphäre sind, und der Gasalarmapparat der Nase, der giftige Dämpfe signalisiert.
Die Einfuhr überwacht der Mund, der große Einfahrtshafen des Zellenreiches, in dem die wachsamste und unbestechlichste Zollbehörde, die nur ein Staat sich wünschen kann, mit tausend Geschmacksapparaten auf Zunge und Gaumen alle einlaufenden Waren überprüft, mit Wollust alle labenden Speisen passieren läßt, mit Abscheu allen widerwärtigen Unrat zurückweist. Das diamantenscharfe Fallgatter der Zähne überwölbt als Festungstor die Einfahrt, fällt auf alle übermäßig große Frachten nieder, teilt sie in Postpakete und übergibt sie Wangen und Zunge, die sie zu Bissen formen, mit Speichel schlüpfrig machen und dann in der idealen Torpedoform genau wie unsere Rohrpostbüchsen in den großen Verkehrskanalder Speiseröhre hinuntertreiben. Die eingeführten Waren werden in der großen Zentralmarkthalle des Magens aufgespeichert, mit Salzsäure desinfiziert, geschichtet und gestapelt und wandern dann wieder in kleinen Paketen in den Canale grande des Körpers, den Darm. Hier werden sie durch Säfte, die aus tausend chemischen Fabriken in Röhren zuströmen, verflüssigt und zersetzt und wandern durch Aufsaugröhren nun nochmals einer großen Quarantänestation zu, um hier abermals geprüft zu werden, ehe sie in diesem idealen Land der Volkshygiene frei verhandelt werden dürfen. Diese große Quarantänestation des Zellenstaates ist die Leber. Erst aus dieser wandern sie zollfrei in das Leitungsnetz der Adern und damit in das eigentliche Innere des Landes. Dieses Adernetz ist das gewaltigste Leitungssystem, das je einen Staat versorgt hat. Was sind die Wasserleitungen von Rom und Babylon gegen das Adernetz des Zellenstaates? Eine gewaltige Zentralpumpe treibt Tag und Nacht durch Kolbenstöße das Blut über einen hochgewölbten Wasserbogen durch elastische Gummiröhren, die sich in immer feinerer Verzweigung über alle Provinzen des Reiches ausbreiten und schließlich in feinsten Leitungen an allen Zellhäusern vorüberführen. Diese Kanäle haben keine Schleusen und keine Wehre, diese Leitungen keine Hähne und Hebel, sie sind die ideale schrauben- und gewindelose, elastische, sich selbst regulierende, nach Bedarf verengernde und erweiternde Wasserleitung, die der Zukunftstraum aller Techniker ist. Diese Leitung führt nicht nur das Wasser, sie leitet Nahrung, Gas und Wärme, führt das Arbeitsmaterial für die Fabriken, sie führt den Unrat und die Abwässer, sie vermittelt allen Frachtverkehr und Warenumsatz, allen Straßenhandel und Personenverkehr, sie ist die erträumte Universalstraße des Zukunftsstaates, Wasserleitung und Gaskanal, Abflußrohr und Straßengosse, Warmwasserleitung und Dampfheizung, Bürgersteig,Trottoir roulantund Fahrdamm, Schiffahrtsweg und Schienenstrang, Fahrstuhl und Rohrpost zugleich. Aus dieser einen Röhre schöpft der Zellenbürger sein Wasser und sein Salz, sein Brot und sein Eiweiß, sein Fett und seinen Zucker, seinen Sauerstoff, seine Wärme und alle Rohmaterialien, die er für seinen Spezialberuf benötigt. In sie wirft er alles hinein, dessen er sich entledigen will, seinen Kot, seinen Kehricht, seine Abwässer und Speisereste, das ausgehauchte Atemgas und die Waren, die er in seiner Werkstatt verfertigt. Der Zellbürger brauchtnicht auszugehen, um einzukaufen, sich nicht zu sorgen, daß er ernährt wird, er braucht keine Frau zu nehmen, die ihm sein Mittag kocht, und keine Magd, die ihm seinen teuren Braten verbrennt; er braucht nicht zu heizen, keine Luft zu schöpfen im Stadtpark und auf seinen Nachbarn nicht neidisch zu sein. Er erhält durch die große Staatsleitung alles, was er zum Leben braucht, und alle Bürger erhalten das gleiche. O du Schlaraffenland des Lebens! An dessen Häusern der Quell der Nahrung immerwährend vorüberfließt, dessen Bürger nur zu schöpfen brauchen, um zu genießen, in dem die Not nicht bekannt und der Neid nicht zu Hause, in dem alles jedem und jedem alles gehört.
Die Abfallstoffe auszuscheiden, durchläuft das Blut die beiden großen Wasserwerke der Nieren, in denen es in vielgewundenen Filtern entgiftet und geklärt wird, und fließt dann von neuem um. Die ausfiltrierten giftigen Abwässer laufen durch lange Röhren in das große Sammelbecken der Blase und werden von hier in abgemessenen Mengen ausgeschieden. An diese große Zentralleitung des Blutes ist neben der Maschinenhalle des Herzens als Riesenventilator die Lunge angeschlossen, in der in 1800 Millionen einzelnen Luftkammern die 22 Billionen Sauerstoffballons der roten Blutkörper ihrer Kohlensäure entladen und frisch mit Sauerstoff gefüllt werden, in jeder Sekunde eine Billion, rasch und geräuschlos, um dann von neuem in behendem Lauf davon und in der unvorstellbaren Kürze einer halben Minute durch die ganzen Aderstraßen des Reiches hindurchzueilen.
So lebt der Zellenstaat in gigantischer Größe, Schönheit und Vollkommenheit ein ideales Leben des tätigen Friedens und der bürgerlichen Eintracht. Aber auch im Reich der Zellen gibt es Feinde und Gefahr, Kämpfe und Kriege, gegen die der Großstaat durch ein stets wehrbereites Heer sich wappnet. Die Kriegskaste des Zellenstaates sind die Wanderzellen (Leukozyten), die in der Milz, den Lymphdrüsen und den weitverbreiteten Lymphgeweben geboren werden. Aus diesen wandern sie, als einzige von allen Zellen frei beweglich, frühe aus und führen in allen Gängen, Gassen und Plätzen des Zellenlandes ein abenteuerreiches Amöbenleben. In den Tagen des Friedens sind die Wanderamöben die Polizei des Zellenstaates. Wie der Polizist in den Straßen unserer Städte auf und nieder geht und überschaut, ob alles Leben sich im Sinn der Staatsgesetze vollzieht,so wandern die Zellpolizisten Tag und Nacht in den Aderstraßen, den Lymphwegen, auf den Plätzen zwischen den großen Organen, in den Hohlwegen der Gelenke und in den Schächten der Drüsen wach- und regsam umher. Nicht als Müßiggänger; vielseitig sind ihre Aufgaben und Arbeiten. Sie sind Straßenreiniger: wo sie einen Abfall sehen, der nicht in die Gosse lief, packen sie ihn und tragen ihn fort. Ist ein Fremdkörper eingedrungen in den Zellenstaat, liegt ein Splitterchen unter der Haut, ein Krümchen in der Gurgel, ein Fäserchen zwischen den Zähnen, ein Sandkörnchen in einer Falte des Darms, so laufen sie von allen Seiten herbei, spritzen Laugen und Säuren über ihn, daß er sich löse, oder nagen an ihm und fressen ihn auf, oder brechen ihn, wenn dies nichts fruchtet, unter Hilfe ganz besonders athletenhafter Riesenzellen Stück für Stück ab und tragen die Bröckchen davon, oder sie bahnen schließlich, wenn auch dies nicht möglich, wie Schneeschaufler im Winter eine Gasse durch das Gewebe, indem sie dieses zerstören, und „eitern” ihn so heraus. Sitzt er aber zu fest oder tief, so mauern sie ihn mit Kalk und Mörtel als „Narbe” in das Gewebe ein. In den Zeiten starker Einfuhr unterstützen sie den Verkehr als Lastträger beim Transport der Waren aus dem Darm in die Gewebe. Zu Millionen eilen sie nach der Mahlzeit aus allen Provinzen des Reiches an das Ufer des Darmkanals, nehmen das Fett der Nahrung in feinsten Tröpfchen in sich auf, wandern damit in die Adern und Lymphgänge, stürzen sich in den fließenden Strom und schwimmen fettbeladen in die Gewebe, wo sie ihre Fracht wieder abgeben. Endlich sind sie noch die Totengräber des Zellenstaates. Wo eine Zelle stirbt, eilen sie hin. Menschliche Sentimentalitäten sind dem Zellenstaate fremd. Die Leichen werden nicht mit Pomp und Reden begraben und nicht verbrannt, sondern als wertvolles Wirtschaftsmaterial wie die Tierkadaver in unseren Abdeckereien verwertet. Die Totengräber fressen die Leichen, und so kommt diesem Idealstaat der praktischen Wirtschaftsführung das Material der toten Zelle, das er der lebenden vorher gespendet, wieder zugute als Kraft und Stoff für neue Zellen, neues Leben.
In den Tagen der Gefahr dienen die Wanderzellen ihrem Vaterland als ein erprobtes Kampfheer von gewaltiger Schlagkraft.
Durch eine Schnittwunde der Haut wurde die Grenze des Reiches durchbrochen. Feinde des Staates, Bakterien, sind durch dieBresche in den Festungsgürtel eingedrungen. Sie morden die Zellen der Grenzwacht, besetzen die Ufer der Adern und mästen sich an dem rot fließenden Gold des Blutes und den warmen Nahrungssäften der vielverzweigten Lymphkanäle. Die Signalstationen der Haut senden Schmerzdepeschen an das Ministerium der Empfindung. Die Wunde brennt und pocht wie das Tickwerk eines läutenden Alarmapparates. Das Ministerium verkündet die Mobilmachung, und eine in des Wortes wahrstem Sinne fieberhafte Tätigkeit bemächtigt sich des ganzen Staates. In allen Werkstätten beginnt die Herstellung des Kriegsmaterials. Alle Essen werden geschürt, in allen chemischen Drüsenfabriken werden Abwehrstoffe hergestellt, das Herz schlägt schneller, die Lunge atmet hastig, um die Sauerstoffzufuhr zu erhöhen, durch die gesteigerten Verbrennungen in allen Arsenalen und Hochöfen, durch die vermehrte Reibung des rascher strömenden Blutes steigt die Innenwärme über das gewöhnliche Maß, das flammende Signal des Krieges im Zellenstaat leuchtet empor: das Fieber. Dem Übermaß der Wärme zu steuern und die gewaltig anschwellenden Massen giftiger Schlacken aus allen Betrieben zu entfernen, pumpen die Drüsen der Haut wahre Ströme schlackenbeladenen Schweißes aus dem Organismus. Aller Außenhandel wird gesperrt. Die Einfuhr liegt lahm: es fehlt der Appetit. Die Ausfuhr ist unterbrochen: der Darm ist träge. Das Gehirn erhält nur wenig Blut: der Kranke ist schläfrig und matt, das geistige Leben muß ruhen.Inter arma silent artes.
Während so in allen Werken mit Hochdruck die Waffen geschmiedet werden, gehen Mobilisation und Aufmarsch der Armeen vonstatten. In allen Landesteilen werden die Zellsoldaten ausgehoben. Die Riesenkaserne Milz schwillt an, ruft Seitenstechen des Fiebernden hervor. In den Rekrutendepots des Knochenmarks werden die neuen Soldaten ausgehoben, das Mark wird zellenreich und füllt die Knochen, daß der Kranke eine bleierne Schwere in allen Gliedern verspürt. Die Zellbesatzungen der Lymphdrüsen in der Umgebung des angegriffenen Platzes verstärken sich: die Drüsen schwellen an und schmerzen. Um die Heere der Wanderzellen aus dem Innern des Landes an den Kriegsschauplatz zu befördern, öffnen sich die Blutkanäle und Lymphstraßen, die zum Kampfplatz führen: das verletzte Glied wird blutvoll, rot und heiß: es entzündet sich.
Am Kampfplatz angekommen, wandern die Zellsoldaten durchdie feinen Lücken der Adern aus dem Blute heraus und eilen dem Feinde entgegen. Von ihren Legionen erfüllt, schwillt das Gewebe. Und nun entspinnt sich unter dem Bilde der Entzündung ein Kampf, der an Strategie der allgemeinen Führung wie an spannungsreichen Einzelheiten den Völkerschlachten der Menschenkriege nicht nachsteht.
Mit allen Mitteln und Waffen vollzieht sich der Kampf Masse gegen Masse und Mann gegen Mann. Infanteristen greifen die Feinde an. Die einen gehen gegen ihre Gegner los, überfließen sie wie Amöben die Algen und fressen sie. Andere opfern heldenhaft ihr Leben dem Wohl des Vaterlandes, indem sie sich mit den Leibern ihrer Feinde füllen und dann von ihnen und ihren Giften vernichtet mit ihnen sterben. Wieder andere erzeugen Gifte in sich und spritzen sie aus über ihre Gegner, die ihm zu Haufen erliegen wie die Menschen den Dämpfen giftiger Gase (Abb. 23,TafelVIII).
Währenddes sind die Pioniere in den rückwärtigen Linien beschäftigt Stellungen zu bauen, Dämme, Barrikaden aufzuschichten, daß der Feind nicht durchbreche, wenn er die Übermacht gewinnen sollte im Kampf, Anmarschstraßen zu bahnen für die aufmarschierenden Armeen und eine freie Bahn zu schaffen, durch die man den geschlagenen Feind aus dem Reiche vertreiben könne. Wie im Menschenkriege fallen auch hier die vom Unglück betroffenen Bewohner des Kriegsgebietes den rauhen Notwendigkeiten der Strategie zum Opfer. Ihre Häuser werden zerstört, sie selbst getötet oder vertrieben. Unbarmherzig für sie, aber wohltätig für die Gesamtheit ebnen die Pioniere unermüdlich das Gelände, indem sie es durch ätzende Verdauungssäfte zerstören, bis die ganze Wundgegend flüssig wird, und eines Tages bricht die Gasse nach außen durch, und der große strategische Zweck ist erreicht: als Eiter werden die Leichen der erlegenen Zellsoldaten und mit ihnen Myriaden lebender und toter Bazillen, werden alle zersetzenden Säfte und Leichengifte, wird das ganze Schlachtfeld mit seinen Trümmern und Fetzen ausgestoßen — eine Erlösung für den von den Giften und Fiebern, den Schmerzen und Schrecken des Zellenkampfes gepeinigten Kranken. Wie ein Land nach einer großen Vertreibungsschlacht des eingefallenen Feindes atmet er auf.
Aber noch ist der Krieg nicht entschieden; nur eine Schlacht ist gewonnen. Noch wochenlang kann sich der Kampf auf der Walstattder eiternden Wunde hinziehen. Wie im Völkerleben gibt es ungestüm geführte, kurze Schlachtenkriege mit rasch erweichenden Wunden, brennendem Fieber, rasenden Schmerzen und baldiger Erlösung; gibt es langsam und schleichend sich hinziehende Dauerkriege ohne stürmische Kämpfe, die mit den Mitteln der Blockade durch Unterbindung der Nahrungseinfuhr und Handelsausfuhr, durch Appetitlosigkeit und Darmverhaltung, durch langsamen Knochenfraß an den Markfinanzen des Reiches, durch Verbrauch der Fettbestände des Reichshaushaltes, durch Auszehrung und schließlich durch Erschöpfung der Nervenregierung unter dem Einfluß der schleichenden Gifte bis zur Entscheidung ausgefochten werden. Siegen die Heere und Kräfte des Zellenstaates, so endet der Kampf mit der Vertreibung der Bakterien. Das verwüstete Schlachtfeld wird von den Pionieren durch Aufbau von Narbengewebe wiederhergestellt. Siegen aber die eingedrungenen Bakterien, so geht entweder dem Zellenstaat die vom Feind besetzte Provinz verloren: das Glied stirbt ab; oder die Heere der Gegner brechen siegreich in die verteidigten Dämme der Blutbahn ein und überschwemmen das Reich wie einst die Hunnenheere Europa, und der Zellenstaat findet unter der Fremdherrschaft der Bakterien durch Blutvergiftung einen vorzeitigen Tod.
So lebt der Zellenstaat der 30 Billionen unseres Leibes. Wie im Menschenstaat gibt es in ihm Volk und Regierung, Kasten und Berufe, Rechte und Pflichten, Handel und Industrie, Wirtschafts- und Geistesleben, Wehrmacht, Krieg und Frieden, Sieg und Niederlage. Wie im Menschenstaat werden in ihm täglich Tausende geboren, sterben in ihm täglich Tausende von Bürgern. Jeder einzelne lebt in ihm sein kleines Einzelschicksal, ein schaffendes Glied in der Kette der Gesamtheit, der Staat als Ganzes aber geht unbekümmert und erbarmungslos über ihn seinen großen historischen Gang, der wie die Geschichte jeder Nation dieser Erde nach allem Werden, Sein und Siegen zuletzt einmündet in das unabwendbare allgemeine Endschicksal des Todes. Und die große Geschichte dieses 30-Billionen-Staates von Zellen ist unser Leben.
Ordentliche Veröffentlichungen des Kosmos (12 Hefte und 4 Buchbeilagen jährlich M 9.60, in Österreich-Ungarn nach Kurs) 1919, BandIV.Für Österreich-Ungarn für Herausg. u. Red. verantwortlich Th. Reiß, WienIII.