The Project Gutenberg eBook ofDie Zelle

The Project Gutenberg eBook ofDie ZelleThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Die ZelleAuthor: Fritz KahnIllustrator: Georg HelbigRelease date: August 20, 2012 [eBook #40543]Most recently updated: October 23, 2024Language: GermanCredits: Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna, Harry Lamé and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ZELLE ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Die ZelleAuthor: Fritz KahnIllustrator: Georg HelbigRelease date: August 20, 2012 [eBook #40543]Most recently updated: October 23, 2024Language: GermanCredits: Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna, Harry Lamé and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net

Title: Die Zelle

Author: Fritz KahnIllustrator: Georg Helbig

Author: Fritz Kahn

Illustrator: Georg Helbig

Release date: August 20, 2012 [eBook #40543]Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna, Harry Lamé and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net

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Anmerkungen zur Transkription befinden sich amEndedieses Textes.

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Umschlagzeichnung

Dr. Fritz Kahn

Die Zelle

Die Zelle

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, StuttgartDie Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten. — Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen imKosmos, Handweiser für NaturfreundeJährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen. Preis halbjährl. M 4.80.Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1920 festgelegt (Änderungen und Reihenfolge vorbehalten):Dr. Fischer-Defoy, Gesundheitliche Gefahren im Hause.R. H. Francé, Biotechnik.Hanns Günther, Wellentelegraphie.Dr. Kurt Floericke, Schnecken und Muscheln.Jedes Bändchen reich illustriert.Geh. M 1.50.Gebd. M 2.50Diese Veröffentlichungen sind durchalle Buchhandlungenzu beziehen; daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 9.60) zumKosmos, Gesellschaft der Naturfreundeentgegengenommen. Auch die früher erschienenen Jahrgänge sind noch erhältlich. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke sowie Preise usw. siehe am Schluß.) Der Kosmos kann auchhalbjährlichzum Preise von M 4.80 mit Buchbeilagen bezogen werden.Geschäftsstelle des Kosmos:Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart.

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart

Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten. — Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im

Kosmos, Handweiser für Naturfreunde

Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen. Preis halbjährl. M 4.80.

Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1920 festgelegt (Änderungen und Reihenfolge vorbehalten):

Dr. Fischer-Defoy, Gesundheitliche Gefahren im Hause.

R. H. Francé, Biotechnik.

Hanns Günther, Wellentelegraphie.

Dr. Kurt Floericke, Schnecken und Muscheln.

Diese Veröffentlichungen sind durchalle Buchhandlungenzu beziehen; daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 9.60) zumKosmos, Gesellschaft der Naturfreundeentgegengenommen. Auch die früher erschienenen Jahrgänge sind noch erhältlich. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke sowie Preise usw. siehe am Schluß.) Der Kosmos kann auchhalbjährlichzum Preise von M 4.80 mit Buchbeilagen bezogen werden.

Geschäftsstelle des Kosmos:Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart.

Mit zahlreichen Abbildungen im Textund 8 Tafeln nach Zeichnungen vonGeorg Helbig

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StuttgartKosmos, Gesellschaft der NaturfreundeGeschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung1919

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.

Gesetzliche Formel für den Rechtsschutzin den Vereinigten Staaten von Amerika:Copyright byFranckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart1919

STUTTGARTER SETZMASCHINEN DRUCKEREIHOLZINGER & Co., STUTTGART

STUTTGARTER SETZMASCHINEN DRUCKEREIHOLZINGER & Co., STUTTGART

Ornamental block

Hoole's MikroskopAbb. 1. Mikroskop von Hooke, mit dem dieser Forscher die ersten Zellen beobachtete.

Abb. 1. Mikroskop von Hooke, mit dem dieser Forscher die ersten Zellen beobachtete.

An einem sommerhellen Nachmittag des Jahres 1667 saß der englische Gelehrte RobertHookevor seinem selbstverfertigten Mikroskop und betrachtete durch dieses neu erfundene Instrument allerlei Gegenstände, die er um sich ausgebreitet hatte: kleine Steine, Kiesel und Sandkörnchen, Moose und Flechten, Fliegen, Spinnen und Käfer, und was er unter den Lupen des Wunderapparates ins Riesenhafte vergrößert sah, das malte er getreulich ab, um die Bilder für ein großes Werk zu sammeln, die „Micrographia”, die später zu London erschienen ist. Nachdem er etliche Pflänzchen, darunter ein Moosfäserchen und eine zierliche Flechte, beschaut und fein säuberlich gezeichnet hatte, nahm er ein Stück Flaschenkork, schnitt ein dünnes, fast durchsichtiges Scheibchen davon ab und legte es unterdie Spitze der langen Lupenröhre in den Lichtpunkt, den die große gläserne Kugel aus den Strahlen der Mittagssonne auf seinen Beobachtungstisch zusammentrug (Abb. 1). Da sah er, daß der Kork sich aus kleinen Fächern zusammensetzte, die wie Bienenwaben nebeneinanderlagen und die er darum Kämmerchen oderZellenbenannte (Abb. 2).

KorkzellenAbb. 2. Erste Darstellung von Zellen, Korkzellen aus Hookes „Micrographia” 1667.

Abb. 2. Erste Darstellung von Zellen, Korkzellen aus Hookes „Micrographia” 1667.

Der spielerisch forschende Mann des 17. Jahrhunderts ahnte nicht, daß er mit diesem Wort Zelle einen Namen schuf, der die Jahrhunderte nach ihm mit seinem Klang durchhallen sollte, Losungswort für die Wissenschaft, Offenbarung für den Schüler — — Orakel für den Weisen. So wenig wie Kolumbus erkannte Hooke die Größe seiner Entdeckung. Doch nicht weniger war es, was er entdeckte. Es war eine Amerikafahrt des Geistes, und der durchsonnte Mittag, an dem Hooke im Mikroskop das erste Zellsystem erblickte, ist jenes Morgens würdig, da Kolumbus aus dämmernden Meeresnebeln Westindiens Inseln tauchen sah, und jener Nacht verschwistert, in der Galilei in seinem Fernrohr die Welt des Jupiters entdeckte. Ein Morgen, ein Mittag und ein Abend . . . . . . . .

Von allen drei Entdeckungen blieb die der Zelle, die nächste und greifbarste, am längsten ungewürdigt. Es liegt in der Natur des Menschen, das Nahe zu übersehen und das Ferne zu überschätzen. In einem rührend edlen Mischgefühl von Schmerz und Demut ruft Kepler, der Zeitgenosse Hookes und Jünger Galileis, in seinem Kummer über die Verständnislosigkeit der Mitwelt gegenüber seinen großen Entdeckungen in der Planetenwelt: „Darf es mir schwer ankommen, daß die Menschen von meiner Entdeckung nichts wissen wollen? Wenn der allmächtige Gott 6000 Jahre auf einen Menschen gewartet hat, der sieht, was er geschaffen, so kann wohl ich 200 Jahre warten auf den, der versteht, was ich gesehen.” Nicht Kepler hätte diese Klage anzustimmen brauchen, wohl aber Hooke. Denn genau 200 Jahre, indes die Keplerschen Entdeckungen längst Gemeingut der gebildeten Welt geworden waren und in Kants „Naturgeschichte des Himmels” ihren idealen Abschluß gefunden hatten, mußte Hooke „warten auf den, der verstand, was er gesehen”.Ein deutsches Forscherpaar war es um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Nachdem im Jahre 1838 der Botaniker MatthiasSchleidendie Zelle als den lebenden Baustein der Pflanze beschrieben hatte, bewies, von ihm angeregt, ein Jahr später der Anatom TheodorSchwannin seiner Abhandlung „Mikroskopische Untersuchungen über die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Tiere und Pflanzen”, daß sich alle Lebewesen ohne Unterschied von der niedersten Pflanze bis zum höchsten Tierkörper aus einzelnen Zellen zusammensetzen, daß jede dieser Zellen ihr eigenes Leben führt und daß diese Zellen als die Lebenseinheiten auf Erden zu betrachten seien. Diese Schrift ist eine der bedeutendsten Erscheinungen des 19. Jahrhunderts. Sie verdient neben Goethes Faust, Humboldts Kosmos, Robert Mayers Mechanik der Wärme, Schopenhauers Welt als Wille und Darwins Ursprung der Arten genannt zu werden. Durch sie war die Zelle, die Robert Hooke vor 200 Jahren zuerst gesehen hatte, wahrhaft entdeckt und als Baustein des Lebens erkannt. Mit ihr bricht für die Lebensforschung das Kopernikanische Zeitalter unserer Tage an.

Die Zelle ist der Baustein des Lebens. Wenn wir ins Tümpelwasser greifen und ein Tröpfchen davon unter dem Mikroskop betrachten, so sehen wir es erfüllt von kleinsten Lebewesen, die wie Mücken in der Sonne umhertanzen, den Aufgußtierchen oder Infusorien. Jedes Tierchen ist eine Zelle. Wir sehen kleine Algen in ihm schwimmen, gepanzert und schimmernd wie Schiffe, erfüllt von grünen Körnern, der köstlichen Sonnenfracht des Lebens, dem Chlorophyll; jede dieser Kieselalgen ist eine Zelle. Daneben sehen wir Kugeln liegen und Keulen, Rechtecke treiben und Fäden, grün und braun und rot, und jedes ist ein Pflänzchen für sich und jedes eine Zelle. Größere Fäden ziehen durch das Feld, Perlschnurketten aus einzelnen Kugeln, grüne Gehänge aus zierlichen Plättchen, Rosetten aus Dutzenden von Fächern, Bälle aus tausend Mosaiksteinchen, große Zellgemeinschaften, Kolonien und Organismen, die das bloße Auge schon erkennt, und jedes Kügelchen und jedes Fach aus ihnen ist ein lebendes Teilchen, ist eine Zelle. Als Schwämme wuchern diese Kolonien über den Boden des Meeres, als Algen treiben sie dahin im Tang der Hochsee, als Korallen steigen sie auf vom Grunde und bilden Bäume und Riffe, Inseln und ganze Gebirge, die zum Himmel steigen, bis sie Gletscher tragen und in ewigem Eise funkeln wie dieDolomiten, die solch aufgetauchte Korallenbänke versiegter Meere sind, Zelle auf Zelle, gehäusebauend, Stein auf Stein, eine Pyramidenstadt des Lebens, vondessen Reichtumnur der tote Stein als schweigendes Denkmal übrig blieb. Der Polyp, der sich auf diesen Korallen festsetzt, der Wurm, der sich durch ihre Äste schlängelt, die Qualle, die über sie hintreibt, sind Röhren und Glocken, zusammengesetzt aus einzelnen Zellen. Der Fisch ist ein Riesenschiff aus Zellen, der Grashalm ein Eiffelturm von Zellen, der Schmetterling ein Zellenaeroplan, der, mit feinsten Apparaten ausgestattet, durch die Lüfte segelt, die Schwalbe ein Luftschiff, der Elefant ein gewaltiger romanischer Dom, dessen Gigantenbau aus Milliarden Zellensteinen zusammengesetzt ist.

Solch ein Riesengebäude aus Zellen ist auch der Mensch. Wenn man auf die Haut seines Handrückens schaut, so sieht man auf eine Decke von Zellen, wie man aus einem Luftschiff auf das Straßenpflaster einer Stadt hinabsieht. So wenig der Luftschiffer die einzelnen Steine erkennt, weil die Entfernung im Verhältnis zur Größe der Steine zu groß ist, ebensowenig kann man aus der Höhe des Angesichts die winzigen Einzelzellen wahrnehmen. Um sie zu erkennen, muß sie das Auge aus nächster Nähe betrachten. Ein Apparat, kleinste Gegenstände aus allernächster Nähe zu betrachten, ist das Mikroskop. Mit seinen Linsen, unseren Augenlinsen entsprechend, kann man sich den Dingen bis auf Bruchteile eines Millimeters nähern, ohne daß der Blick sich trübt, und sieht sie dann 100- und 1000mal größer als aus der Meterferne des unbewaffneten Auges. Mit einem solchen Apparat aus nächster Nähe betrachtet, gewinnt der Körper ein wunderliches Aussehen (Abb. 3,TafelI).

Wir schauen auf die Haut und sehen, daß sie aus Zellen zusammengesetzt ist, genau wie das Straßenpflaster unserer Städte aus einzelnen Steinen, 100 Zellen in jedem der kleinen Drei- und Vierecke der zierlichen Zeichnung. Die Haare, die aus ihr hervorstehen, sind Türme, aus Zellen aufgerichtet wie die Schornsteine aus Steinen, und in die Haut gemauert wie diese ins Erdreich. Der Nagel vorn auf dem Finger ist eine Schutzplatte, aus Tausenden von Zellen zusammengesetzt wie der Boden einer Fliesenhalle aus Schieferplatten. Bauen wir die Haartürme ab und reißen das Straßenpflaster der Haut auf, so sehen wir darunter das Fett, mit dem Mikroskop beschaut, ein Lager von Millionen glänzender Kugeln, wie die ausgebreitetenPerlenhaufen in den Wunderhöhlen aus 1001 Nacht, und jede Perle ist ein Fettkügelchen, eine Fettzelle. Wir räumen sie hinweg, und unter dem Perlenlager leuchtet uns das Scharlach des Fleisches entgegen. Faser reiht sich an Faser. Wir zupfen sie auseinander, bis wir sie in feinste Fäserchen, zarter als Spinnenwebe, zerzaust haben, und erkennen jedes Fäserchen als eine langgestreckte Zelle. Unter dem leuchtenden Rot des Fleisches schimmert das Marmorweiß des Beines. Wir brechen den steinernen Knochen auf und erkennen ihn als ein Mauerwerk aus unzähligen Kalksteinen, und jeder Stein ist das verkalkte Gehäuse einer in ihm lebenden Zelle. Dann schälen wir das feuchte Mark aus ihm und untersuchen es unter dem Mikroskop. Zellen liegen am Grund seiner Flüssigkeit, rund und grau und gelb und zahllos wie die Steine im Bett eines Flusses.

Nun lassen wir das Blut aus den Adern fließen und finden in ihm Myriaden von Kügelchen, die in ihm dahinschwimmen wie Erbsen in einem Bach, die roten Blutkörperchen, jedes eine Zelle. Die Adern selbst erweisen sich als Röhren, die wie unsere Gartenschläuche aus Gummifasern gewoben sind, und diese Fasern sind Zellen. Der Darmkanal ist ein gewaltiges unterirdisches Stadtrohr, dessen Wände wie die unserer städtischen Kanäle aus einzelnen Backsteinen, den Darmzellen, zusammengemauert sind. Die Leber enthüllt sich unter den Lupen als eine Zellpyramide, durchbohrt von Gängen und aus Zellquadern gebaut wie die steinernen Pyramiden der Pharaonen. Das Auge ist eineCamera obscura, deren Wände tapeziert und prachtvoll gemustert sind, und jedes Muster ist zusammengestellt aus einem Mosaik von Zellen. Das Ohr ist ein Klavier mit Saiten, Tasten und Klöppeln, und jede Saite, jede Taste, jeder Klöppel ist eine Zelle. So nehmen wir den ganzen Menschen auseinander, und schließlich bleibt nichts übrig als das Gehirn, dieses feine Gewebe aus Nervenfasern und Nervenknoten, und wir verzupfen es vorsichtig. Jedes Knötchen ist eine Zelle, und jedes Fädchen eine Zellenfaser, und wir knüpfen das Gewebe auf und legen die Hirnzellen zu den übrigen, und siehe da, nun ist unter unseren Händen nichts mehr übrig vom ganzen Menschen, drüben aber liegt ein großer Haufen von Millionen kleiner Bausteine und Fäden, und jeder von ihnen ist eine Zelle. Der Mensch ist, wie jedes Lebewesen, ein Zellengebäude.

Kein Forschungsergebnis hat das Wesen der Geschöpfe so enthüllt und vereinfacht wie die Entdeckung der Zelle. Wie hilflos stehtman vor dem verworrenen Gebäude des Tier- und Pflanzenkörpers, wenn man ihn ohne Kenntnis seines Zellenbaues mit Menschenaugen als eine Maschinerie von Knochen, Muskeln, Adern, Nerven und Gedärmen betrachtet, ein Labyrinth, in dem keines Forschers Fuß den Weg der Wahrheit finden konnte, und wie wunderbar entwirkt sich diese Wirrnis unter den Linsen des Mikroskops als eine Zusammenstellung aus einzelnen gleichen Lebenseinheiten, einzelnen Zellen. Wie verschieden mußten doch unseren Vorfahren die Geschöpfe erscheinen, die sie nur als ein Ganzes betrachten konnten, der Wurm, die Rose, der Fisch, die Schwalbe, der Mensch, und wie gleich erscheinen sie uns, die wir sie alle aus den gleichen Zellen, nur in verschiedener Bauart, wie die Gebäude einer Stadt, zusammengesetzt finden, nicht verschiedener im Wesen als die Kathedrale vom Bahnhof, das Theater vom Wohnhaus, die Brücke vom Stadttor, — — GebäudeeinerTechnik undeinerGemeinschaft, die Wohnstätten des Lebens in der hochgebauten Stadt der Schöpfung.

Um die Zelle als Naturerscheinung zu verstehen, muß man weit zurückgreifen in die Vergangenheit der Erdgeschichte, bis in jene unerforschlichen Urzeiten, in denen sich aus dem Chaos der niederen Elemente das erste Leben schüchtern regte. Nie wird eines Sterblichen Auge, auch mit kühnstem Geistesblicke nicht, die Wirklichkeit jener Geburtsstunde unseres Daseins klar vor Augen sehen. Nur träumen kann sie sich die Phantasie des Forschers.

Im Anfang war die Erde wüst und leer. Wahrscheinlich befand sie sich zuerst in einem feuergasigen Zustande, wie heute die Sonne, und kühlte sich allmählich ab. Hierdurch sammelten sich, ihrer Schwere folgend, die gasigen Elemente immer dichter um den Mittelpunkt des Planeten, zuerst die schwersten, die wahrscheinlich heute einen festen Kern zusammengepreßten Gases bilden, um sie die leichteren, die sich der Reihe nach aus dem Gaszustand in den dampfförmigen, aus diesem in den flüssigen und aus dem flüssigen in den festen niederschlugen. So mag das Eisen in der Urzeit in glühenden Nebeln sich gesenkt und dann Meere flüssigen Erzes gebildet haben; Inseln leichterer Metalle schwammen in ihm, bis sie im Magma der schweren Flut haften blieben. Eisberge von Silizium mögen in Kristallgebirgen gegen den Himmel geragt haben; Kalium und Natrium lohten in Vulkanen durch die Nacht; glühende Wolken grünlichten Phosphors schwebten phantastisch über die Horizonte der Dämmerung.Schließlich senkten auch diese leichteren Elemente sich als Nebel und Reif über die erstarrten Meere und metallenen Seen. Kalium und Natrium, Magnesium und Kalzium, Phosphor und Schwefel, Silizium und Aluminium schichteten sich über die erkalteten Riffe von Erz und decken sie heute als Granit und Gneis, Basalt und Schiefer, Porphyr, Sand und Ackererde. Über ihnen schweben noch jetzt als Gase die letzten leichten Elemente, Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff. Auch sie sind im Begriff, sich niederzuschlagen und so den millionenjährigen Prozeß der Erderstarrung zu vollenden. Schon ist ein beträchtlicher Teil ihrer Masse von den niedergegangenen Metallen gebunden und im Boden zu Stein geworden; Wasserstoff und Sauerstoff haben sich vereint zu Wasser, das durch die verschiedenen gasigen, flüssigen und festen Zustände dahinschwingt als Wasserdampf und Wolke, Regen, Schnee und Eis und uns so in Wandel und Verwandlung das imposante Schauspiel des Niederschlags der Elemente vorführt, ein täglichesmemento morides Planetenlebens.

Das Schauspiel nähert sich seinem tragischen Ende. Aber gerade der 4. Akt ist der Höhepunkt der Handlung. Je tiefere Temperaturen nämlich die Elemente bei diesem Abkühlungsprozeß erreicht haben, um so zahlreichere und innigere Verbindungen gehen sie untereinander ein, und gerade die gemäßigte Temperatur der Gegenwart ist die goldene Zeit der Verschwisterung und Entbindung, des Wandels und der Verwandlung der Stoffe und Kräfte. Während in den glühenden Gasen die Atome einzeln hin und her schwingen, verketten sie sich bei Abkühlung in Dämpfen und Flüssigkeiten zu Atomverbänden, den Molekülen, und die Moleküle verbinden sich bei weiterem Temperaturabfall zu chemischen Verbindungen. Und gerade jene vier Elemente, die heute, im Begriff sich niederzuschlagen, die Oberfläche des Planeten als Ackerkrume, Wasser und Luft bedecken, der Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff besitzen in höchstem Maß Fähigkeit und Neigung, Verbindungen unter sich und mit anderen Elementen einzugehen. Der Kohlenstoff vor allem hat durch seine einzigartige Fähigkeit, nicht nur einzelne chemische Körper zu bilden, sondern diese wiederum zu verketten und so im lebendigen Einmaleins ganze Reihen von immer höheren chemischen Verbindungen zusammenzustellen, eine derartige Fülle neuartiger und beweglicher Stoffe hervorgebracht, daß man die heutigeirdische Welt geradezu als eine Kohlenstoffwelt bezeichnet hat. In dieser sind drei große Reihen von chemischen Körpern für die Entstehung des Lebens bedeutsam geworden. Aus dem Grubengas Methan bildeten sich durch Verkettung der Moleküle auf der einen Seite die Alkohole (Spiritus, Glyzerin), auf der anderen die Säuren (Fettsäuren); durch die Verkettung des Glyzerins mit den Fettsäuren entstanden dieFette. Durch Anschluß von Phosphorverbindungen an diese traten die hochbedeutsamenPhosphorfette, wie das Lezithin, auf. Aus den Fettsäuren bildeten sich durch Aufnahme von Ammoniak die Ammoniak- oder kurzweg Aminosäuren und durch Verkettung dieser als zweite Gruppe dieEiweißkörper. Als dritte Gruppe gingen aus der Kohlensäure die Zucker- und Stärkestoffe, dieKohlenhydrate, hervor, zuerst die niederen, Zucker, dann die höheren, wie der Traubenzucker, und aus diesen durch Verkettung als höchste Kohlenhydrate, die Dextrine, Stärken und Zellulosen.

Heute bilden sich diese höheren Kohlenstoffverbindungen, die Fette, Eiweißkörper und Kohlenhydrate, unseres Wissens nicht mehr frei in der toten Natur, sondern nur noch im Leib der lebenden Geschöpfe: die Bedingungen auf Erden haben sich völlig verändert. Aber wir müssen mit Bestimmtheit annehmen, daß sich einst unter ganz anderen Umständen der Wärme- und Stoffverhältnisse diese hohen Verbindungen im Lauf unvorstellbarer Zeiträume und unausdenklicher Geschehnisse stufenweise aus niederen Verbindungen gebildet haben. Wir müssen diese Entwicklung, deren Einzelheiten wir uns heute nicht mehr auszumalen vermögen, auf Grund aller Erfahrungen und Vernunftschlüsse ebenso notwendig als ein historisches Geschehnis voraussetzen wie die mechanische Entstehung des Sonnensystems oder der Wasserfälle, Gewitter und Vulkane.

Nachdem sich so aus den Gasen die Dämpfe, aus den Dämpfen die Flüssigkeiten und aus diesen die festen Körper und damit aus den Elementen die Verbindungen, aus den niederen Verbindungen die höheren und aus den Kohlenstoffverbindungen als höchste, die Fette, Eiweißstoffe und Kohlenhydrate gebildet hatten, was war nun natürlicher, als daß die Weltentwicklung auf diesem Weg der Sammlung folgerichtig weiterschritt? Daß nun auch diese höchsten chemischen Stoffe, die Fette und die Phosphorfette, die Eiweißkörper, die Zucker und Stärkestoffe, sich wieder zusammensetzten und eine noch größere,noch höhere, feinere und fähigere Organisation von Molekülen aufbauten? Diese Organisation der höchsten Kohlenstoffverbindungen, der Eiweißkörper, Fette und Kohlenhydrate mit dem salzhaltigen Meerwasser und einer Reihe niederer Verbindungen ergab ein ganz neues Gebilde mit Eigenschaften und Fähigkeiten, wie sie bisher in der Natur kein anderer Stoff vereinigt hatte; es entstand dasPlasma, ein Stoffgebilde, das lebte. DasLebenauf Erden war geboren.

Das Plasma ist keine chemische Verbindung wie Schwefelsäure, Fett oder Eiweiß, es ist auch kein Gemisch von Stoffen, sondern einSystemhöchster chemischer Verbindungen mit einer Reihe von niederen Körpern. Das Wort Stoff, schon viel zu grob für das feingegliederte Molekülsystem eines Phosphorfettes oder höheren Eiweißkörpers, ist für das Plasma so unangebracht, als wollte man das Sonnensystem einen Stoff benennen. Das Plasma ist ein System, eine Organisation. Da es ein Gebilde ist, das gleich dem Sonnensystem durch Verkettung bewegter Teile entstanden ist und sich genau wie dieses in dauernder innerer Bewegung befindet, so kann man es als einen Mechanismus bezeichnen. Das Plasma ist ein dauernd bewegter chemischer Mechanismus. Die Gesamtheit seiner Bewegungen bezeichnen wir als Leben.

Atome und Moleküle sind zu klein, als daß wir ihre Organisation erkennen könnten. Die Organisation der Moleküle zu Plasma dagegen ist so groß, daß wir sie unter dem Mikroskop wahrnehmen können.Diese äußerlich sichtbare Gestalt der Organisation Plasma ist die Zelle.Die Zelle ist eine Plasmamaschinerie, deren Lauf das Leben ist. So wenig man andere Maschinerien, etwa Taschenuhren oder Lokomotiven, pfundweise oder nach Metern berechnet, so wenig kann man Plasma in beliebigen Mengen, wie etwa Schwefelsäure oder Eiweiß, finden, sondern, wo Plasma auftaucht, sehen wir es, wie alle Maschinerien, in fest umgrenzten einzelnen Gebilden. Diese Gebilde sind die Zellen. Nur Plasma kann leben; und da alles Plasma nur als Zelle auftritt, so ist alles Leben an einzelne kleine, abgegrenzte Zellen gebunden. Alles Leben ist Zellleben. Alle größeren lebenden Gebilde müssen sich aus einzelnen kleinen, für sich lebenden Zellen zusammensetzen.

Die einfachste und niederste Form der Zellen sehen wir in der heutigen Welt als Urtiere oder Amöben leben. In jeder Straßengosse, jedem Tümpelgrund, in der feuchten Gartenerde, im trüb gewordenenWasser der Blumenvase findet man mühelos diese Amöben. Sie sind so groß, daß man sie mit unbewaffnetem Auge in günstiger Belichtung eben als kleinste Pünktchen wahrnehmen kann. Unter gewissen Umständen fließen manche Arten von Amöben zusammen und bilden dann greifbare Massen einfachsten Plasmas, die für Untersuchungszwecke ein dankbares Material darstellen. So entwickeln sich auf der braunen Lohe, die beim Gerben des Leders abfällt, namentlich zur Frühlingszeit gewisse Amöbenarten, die zusammenfließen und dann in buttergelben Massen als Lohblüte sich dahinwälzen. Diese Lohblüte kann man in einem Glase zwischen faulenden Blättern wochenlang am Leben erhalten und beobachten. Der bekannte Botaniker Reinke stellte an dieser Lohblüte seine Untersuchungen über die chemische Natur des Plasmas an, und es gelang ihm, aus dem eingetrockneten Plasma dieses einfachsten Lebewesens der Welt folgende Verbindungen herauszulesen:

Welch eine Fülle kompliziertester Stoffe! Welch eine Welt chemischer Verbindungen im Leib des einfachsten aller Lebewesen! Wer nur einmal diese Reihe der Plasmastoffe an seinem Auge vorüberziehen ließ, wird für alle Zeit befreit sein von dem Irrtum, daß das Plasma eine chemische Verbindung sei, er wird es nie mehr, wie es fast allgemein geschieht, mit Eiweiß verwechseln und der eingewurzelten Irrlehre huldigen, Eiweiß könne leben. Es gibt kein „lebendes Eiweiß”! Mit demselben Recht könnte man behaupten, das Eisen könne laufen, weil man aus Eisen Maschinen baut. Eiweiß ist einer der Rohstoffe für das Plasma, wie das Eisen der unserer Maschinen ist. Eiweiß verhält sich zu Plasma wie ein Stahlblock zu einer Schnellzugslokomotive.

Trotz ihrer imposanten Zahl sind die aufgeführten Stoffe nurdie kümmerlichen Bruchstücke der zerstörten Maschinerie. Ihre wahren Verbindungen im Innern des Plasmas, ihre gegenseitigen Verknüpfungen und Beziehungen zum Ablauf des Lebens sind uns fast völlig unbekannt. Durch die chemische Untersuchung ist das Wesen des Plasmas überhaupt nicht zu ergründen, denn nicht in seinen Stoffen, sondern in seinem Gefüge liegen Macht und Geheimnis des Plasmas verborgen. Das Plasma ist eine Organisation, eine Maschinerie, und indem man bei der chemischen Zerstückelung das Gefüge des Plasmas zerstört, vernichtet man auch das Geheimnis seines Wesens. Das lebende unversehrte und das vom Chemiker gewaltsam abgetötete Plasma sind so verschieden, wie ein sprühendes und glühendes Feuerwerk und die Pulverasche und Papierfetzen, die nach seinem Abbrennen übrig bleiben, wie ein bunt bewegtes Theaterstück und die Kulissen und Kostüme, die nach der Vorstellung auf der Bühne herumliegen. Wer aus Tiegeln und Retorten das Geheimnis des Lebens ergründen will, gleicht einem Wilden, der das Rätsel der daherfauchenden Lokomotive zu lösen sucht und sie einschmilzt, um aus den Schlacken die Mechanik ihres Laufes zu lesen. Gäbe es die Geisterwelt der Dichter, so müßte dem Forscher, der im Kolben dieses Plasma zerkocht, um das Lebensrätsel zu lösen, wie weiland Faust der Lebensgeist erscheinen und sich von neuem das unsterbliche Zwiegespräch entspinnen:

Nicht mit rauher Barbarenhand dürfen wir einbrechen in die heilige Maschinerie des Lebens. In achtungsvoller Ferne müssenwir vor dem Plasma stehen bleiben und es wie eine Feinmechanik betrachten, die man unter einer Glasglocke laufen sieht.

Dem unbewaffneten Auge bietet das Plasma keine Besonderheiten. Es gibt kein zweites Ding auf Erden, das mit solchem Recht auf Stolz so bescheiden auftritt wie das Plasma. Eine gelblichgraue, zuweilen feinkörnige Schleimmasse ohne bestimmten Charakter der Form und Farbe — mehr sieht das grobe Menschenauge nicht vom edelsten Gefüge der Welt. Durch seinen überwiegenden Gehalt an schwerflüssigen Eiweißstoffen, Fetten, Zucker- und Stärkelösungen ist das Plasma halbflüssig, festflüssig; es ist weder fest noch flüssig, es ist beides. Es ist gerade so fest, daß es seine jeweilige Form behalten, und ebenso flüssig, daß es sie jeweils verändern kann. Es ist „plastisch”; und dieser Eigenschaft, alle Formen anzunehmen, zu bewahren oder zu verändern, verdankt es seinen Namen Plasma, Bildungsstoff, oder Protoplasma, Urbildungsstoff.

Untersuchen wir in der Hoffnung, näheres über seinen Bau zu erfahren, Plasma unter dem Mikroskop, so wird unsere Enttäuschung in keiner Weise gemindert. Auch hier sehen wir selbst bei tausendfacher Vergrößerung kaum mehr als eine trübe, bald mit Körnchen, bald mit Fäserchen oder Bläschen durchsetzte Gallerte. Unendlich viel ist über den feineren Bau des Plasmas geforscht worden. Generationen von Gelehrten haben, bewaffnet mit allen Mitteln der modernen Optik und Beleuchtungstechnik, in Rieseninstituten ihr Leben über Mikroskopen feinster Konstruktion zugebracht, haben wahre Leuchtturmscheine in die Tiefe dieses grauen Meeres gerichtet und sich die Augen trüb gesehen, haben es, als dies nichts fruchtete, mit den feinsten Farben der Welt nach allen Methoden gefärbt, mit den schärfsten Messern bis zu Scheiben von1⁄100Millimeter Feinheit geschnitten, es mit allen Säuren, Laugen und Lösungen zersetzt, im Ultramikroskop bei 5000facher Vergrößerung beobachtet, mit den besten photographischen Apparaten photographiert und die Photographien vergrößert, mit Stereoskopen betrachtet und kinematographisch verfolgt — und haben sein Geheimnis nicht an den Tag gezogen.

„Geheimnisvoll am lichten TagLäßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,Und was sie deinem Blick nicht offenbaren mag,Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.”

„Geheimnisvoll am lichten TagLäßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,Und was sie deinem Blick nicht offenbaren mag,Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.”

Niemand weiß Genaues über den Bau des Plasmas. Da aber jeder sich von ihm ein Bild zu machen sucht und dieses je nach seiner Augenschärfe, seinen zufälligen Erfahrungen, seiner Phantasie und seinen allgemeinen wissenschaftlichen Anschauungen verschieden ausfällt, so vertritt fast jeder Forscher eine eigene Plasmatheorie.

Nach der ältesten Ansicht, die in den 80er Jahren vonAltmannvorgetragen wurde, soll das Plasma aus einer schleimigen Grundsubstanz bestehen, in der als die eigentlich lebenden Teile winzige Körnchen eingebettet liegen, die wie Bakterien in ihrer nährenden Grundmasse leben und sich vermehren (Körner- oder Granulatheorie) (Abb. 4a,TafelII).

Fast zur selben Zeit trat der bahnbrechende PlasmaforscherFlemmingmit der Fadentheorie auf den Plan, in der er an Stelle der Körnchen Fäden als die eigentlichen Grundteile des Plasmas annahm (Abb. 4b,TafelII).

An die Fadentheorie knüpfte der berühmte ForscherPflügeran, der sich das Plasma als ein Gewebe von kettenartig aneinandergereihten Molekülen vorstellte, zwischen denen Flüssigkeiten kreisen. Ähnlich dachte es sich der BotanikerNaegelials ein Mosaik von kristallartig angeordneten Molekülgruppen. Der französische ForscherKünstlerwollte sogar bei stärkster Vergrößerung diese Ketten und Mosaiken gesehen haben und beschrieb das Plasma als ein Wundergewebe der herrlichsten Ornamente, als einen Teppich des Lebens, dessen lebendige Bilder bald aus der Tiefe steigen, bald in die Tiefe versinken, ineinanderfließen und sich verstricken, wieder entwirken und so wie die Farbenbuntheit eines Kaleidoskops an dem gebannten Auge des Bewunderers vorüberziehen (Abb. 4c,TafelII).

Künstler wurde in seinen Schilderungen noch übertrumpft von seinem LandsmannFayod. Künstler sah hinab in eine still fließende Pracht, Fayod schaute in die Tiefe eines Leben gebärenden Chaos. Er sah im Plasma Wirbel und Spiralen, Bänder und Fäden, Schrauben und Kreise, die sich wie Würmer, wie Schlangen durcheinanderwanden, und je tiefer er hinabsah, um so mehr Ringe und Spiralen tauchten aus der Tiefe hervor, und jedes einzelne Band war geflochten aus gesponnenen Fäden, und jeder Faden war wieder gewunden aus einzelnen Schnüren, und im Halbdunkel der Lichtgrenze lösten sich diese Schnüre auf in Punkte, Pünktchen an der Grenze des Unsichtbaren, wie die Sonnenwelten der Milchstraßeim grauen Dämmerkreis des weltalldurchdringenden Fernrohrs. Wie die Arabesken an den Wänden der Zauberschlösser aus 1001 Nacht muten diese Bilder aus den Tiefen des Lebens an. Sind sie Wahrheit oder Märchen? Wundergebilde aus dem Formenschatz der Natur oder Ausgeburten romanischer Forscherphantasie? (Abb. 4d,TafelII).

Über all diese Augen- und Hirngespinste hat in den neunziger Jahren die auf eingehende Untersuchungen fußende Waben- oder SchaumtheorieBütschlisden Sieg davongetragen. Nach Bütschlis Ansicht ist das Plasma ein mikroskopischer Schaum, der sich, wie der Bierschaum aus Luft und Bier, aus zwei verschiedenen Gruppen von Stoffen zusammensetzt: aus den schwerflüssigen Eiweiß-, Stärke- und Fettverbindungen, die die Wände der Schaumkammern bilden (entsprechend dem Bier), und den leichtflüssigen Säure-, Zucker-, Salz- und Seifenlösungen, die diese Schaumkammern ausfüllen (entsprechend der Luft). Bütschli erzeugte mit Olivenöl und Seifenwasser mikroskopisch feine Schäume, die mit dem Plasma vieler Zellen eine solche Ähnlichkeit besitzen, daß man sie nicht voneinander unterscheiden kann (Abb. 5).

Das Plasma ein Schaum! Der große, stolze Mensch — ein Schaumgebilde!

Schaum und PlasmaAbb. 5. Ölseifenschaum und Plasma (nach Bütschli).

Abb. 5. Ölseifenschaum und Plasma (nach Bütschli).

Die Schaumtheorie Bütschlis ist nicht nur theoretisch und durch den Augenschein gut begründet, sondern vermag auch, wie keine andere, die zahlreichen, so wechselnden Erscheinungen im Anblick des Plasmas zu erklären. Entsprechend der Unzahl der chemischen Verbindungen des Plasmas sind die Tröpfchen und Waben mit verschiedenen Stoffen erfüllt, gibt es im Plasma Säure-, Alkohol-, Fett-, Phosphorfett-, Aminosäure-, Eiweiß-, Zucker-, Stärke-, Salz- und Seifentröpfchen und -waben, die durch die wechselnde Zahl und Zusammenstellung die unendliche Artenfülle des Plasmas in den einzelnen Pflanzen und Tieren, Geweben und Organen hervorrufen und das jeweilige Auftreten von feinen oder gröberen Punkten, von Linien, Schollen, Mosaiken, Fäden und die oft entzückend harmonischen Felderungen im Innern des Plasmas bewirken (Abb. 4e,TafelII).

Dieser chemische Reichtum kommt aber erst durch die physikalischen Eigenschaften des Schaums zu lebendiger Entfaltung. Als chemisches Gemenge wäre er ein Hexensabbat von Chemikalien. Durch die physikalische Anordnung zu Schaum wird die Fülle zum planvollwirkenden Getriebe. Jedes Kügelchen und jede Kammer im Innern des Plasmas bildet eine kleine Werkstatt des Lebens, die, von der Außenwelt abgeschlossen, in sich und für sich lebt und wirkt. Wie Planeten mit ihren Wolken, Meeren und Bewohnern ungestört umeinanderkreisen und alle gemeinsam das bewegte Sonnensystem bilden, so schweben die Fett-, Eiweiß-, Zucker-, Stärke-, Salz- und Seifenkügelchen im Plasma als die Planetenwelt des Lebens ungehindert im Verein. Wo sie sich berühren, schließen sie sich durch ihre Kammerwände streng voneinander ab. Zwischen ihnen fließen die Lösungen der niederen Stoffe, und jede Kammer und jedes Tröpfchen nimmt aus ihnen diejenigen Stoffe in sich auf, die seinem Inhalt chemisch verwandt sind. Die eine Wabenwand ist für Salzlösungen durchlässig und häuft die Salze in sich an. Eine andere läßt Zuckermoleküle ein und setzt aus ihnen Stärke zusammen. Eine dritte baut aus Aminosäuren Eiweiß, eine vierte aus Fettsäuren und Natrium Seife. So führt jedes Kämmerchen im Schaumpalast des Lebens unbekümmert um den Wechsel und Wandel umher ein durch seinen Bau vorgeschriebenes, zwar beschränktes, aber harmonisch abgestimmtes Dasein, jedes ein schaffendes Glied in der lebendigen Kette des Lebens. Nur wer sich so im Rahmen der Wabentheorie das Innenleben des Plasmas in einer einzigen Zelle als das Zusammen- und Nebenspiel von vieltausend chemisch-physikalischen Vorgängen in einem Miniaturwabwerk von vielleicht 20 000 Kügelchen und Kämmerchen zur Vorstellung zu bringen sucht, jede Zelle vor sich sieht als eine chemische Fabrik mit tausend abgeschlossenengeschäftigen Laboratorien, nur der naht sich dem Problem des Lebens mit jenem Bewußtsein seiner Tiefe und Verschränktheit, das diese in des Wortes wahrstem Sinne wundervollste Naturerscheinung von jedem verlangt, der nicht vergeblich an den Pforten seines Geheimnisses klopfen will.

Die äußere Form, in der das Plasma auftritt, ist die Zelle. Die einfachste Zelle der heutigen Lebewelt ist die Amöbe, nichts anderes als ein mikroskopisch kleines Tröpfchen grau gekörnten Plasmas. Sie besitzt noch keine feste Gestalt, sondern wälzt sich unter dauernder Veränderung ihrer Form wie ein hinfließender Teig über den feuchten Grund. Hinwälzende Bewegung, Empfindung, Nahrungsaufnahme, Wachstum und Fortpflanzung durch Teilung ihrer Masse sind die auffallendsten Äußerungen ihres primitiven Lebens (Abb. 6,TafelII).

Als eine Art Amöbe müssen wir uns auch das Urtier der Vorzeit, die Stammform aller späteren Zellen und Geschöpfe, denken. Aus ihr entwickelten sich die höheren Formen durch das Prinzip der Arbeitsteilung. Wälzt sich der Plasmatropfen hin, so bewegen sich die Außenteile der Kugel stärker als die der Mitte, so wie der Umfang eines bewegten Rades sich rascher dreht als seine Achse. Trifft das Urtier ein Reiz der Außenwelt, etwa der Anstoß eines Steines oder die Kälte einer Strömung, so empfinden wieder die Außenteile die Wirkung stärker als die der Mitte. Demgemäß mußten nach dem bekannten Lebensgesetz, daß durch Gebrauch die Organe erstarken, wie die Muskeln des Turners, durch Nichtgebrauch dagegen verkümmern, wie die Zehen des Kulturmenschen, von Urbeginn an sich im Plasma der Zelle Bewegungs- und Empfindungsfähigkeit in den Randteilen stärker entwickeln als in den Innenbezirken. In diese ruhende Mitte dagegen wandern die aufgenommenen Nahrungsstoffe und werden hier durch chemische Säfte verdaut, so daß die Mitte der Zelle zum chemischen Zentrum wird, während die bewegten und empfindenden Außenteile nur wenig zur Entfaltung ihrer Verdauungskräfte gelangen und diese folglich in ihnen allmählich verkümmern. Ebenso sammeln sich alle übrigen der Bewegung hinderlichen Bestandteile aus den Außenbezirken der Zelle in ihrer Mitte an, so vor allem die kostbaren Stoffe der Vererbung, und bilden hier eine Anhäufung, einen Kern.

Durch diese verschiedene Ausbildung der einzelnen Bezirke unddie Ansammlung gewisser Stoffe an bestimmten Stellen gliedert sich die Amöbenzelle, organisiert sich der Zellenleib. An manchen niederen Zellarten kann man diesen Vorgang der Organisation, der sich in der Vorzeit im Lauf von vielen Jahrmillionen allmählich vollzogen haben wird, unmittelbar beobachten. Die meisten Bakterien besitzen, wie die Uramöbe, ein durch die ganze Zelle gleichförmig gestaltetes Plasma. Bei manchen von ihnen sieht man nun, wie sich in Zeiten höchster Lebensentfaltung, namentlich zur Zeit der Fortpflanzung, die bis dahin durch das ganze Plasma gleichmäßig verstreuten Körnermassen in der Zellmitte sammeln und hier eine dunkle Anhäufung, einen Zellkern, bilden (Abb. 7). Diese Kernbildung bleibt bei allen höheren Zellen eine ständige Einrichtung und wird als fester Besitz von Zelle zu Zelle vererbt. Jede höhere Zelle besitzt in der Mitte ihres Plasmas einen Kern, der durch die Anhäufung bestimmter Plasmateile entstanden ist.

KernbildungAbb. 7. Kernbildung bei Bakterien (nach Schaudinn).

Abb. 7. Kernbildung bei Bakterien (nach Schaudinn).

In vielen Zellen kann man diesen Kern ohne jede Vorbereitung sehen. Betrachtet man eine Spur Speichel unter dem Mikroskop, so erblickt man in ihm große vier- und fünfeckige Plasmaplatten, abgestoßene Deckzellen der Zunge, die in der Mitte einen Kern tragen. Tropft man zu dem Speichel etwas Essig, so gerinnt das Eiweiß des Plasmas und wird hart und dicht wie das Eiweiß des gekochten Eies, und zwar gerinnt es um so leichter und stärker, je feiner das Eiweiß ist, und da nun der Kern der Zelle aus den edelsten Eiweißarten besteht, ist er gegen Säuren empfindlicher als die übrigen Zellbezirke, schrumpft stärker, wird dadurch dichter und dunkler und tritt nun als schattiger Punkt kräftig hervor. Noch sinnenfälliger wirkt die Färbung. Man kaufe sich für wenige Pfennige in der Apotheke ein Fläschchen mikroskopischer Färbemittel, Alaunkarmin oder Hämatoxylin, nehme eine Zwiebel und schäle von einer der inneren Lagen ein feines Häutchen ab. Betrachtet man es zuerst ohne Zubereitung bei 50-100facher Vergrößerung, so erkennt man, daß die Zwiebelhaut aus schönen, rechteckigen Zellen wie eine Hausmauer aus Ziegelsteinenzusammengesetzt ist. Kerne erblickt man in den Zellen nicht. Tropft man auf das Häutchen eine Spur Essig, so erscheinen die Zellkerne als Punkte. Nimmt man nun ein neues Häutchen, tropft eine Farbe darauf, läßt sie einige Minuten wirken und spült sie dann mit Wasser ab, so erblickt man die Zellkerne je nach der Art und Dauer der Färbung als rosenrote bis scharlachfarbene Punkte in den Zellen.

Mit Hilfe derartiger mikroskopischer Färbemethoden, die zu einer vielseitigen, zum Teil höchst geistreichen Technik ausgebaut sind, hat man in der tierischen Zelle neben dem Kern als niemals fehlenden Bestandteil noch einen anderen winzig kleinen, aber wichtigen Körper gefunden, den man den Zentralkörper genannt hat. Plasma, Kern und Zentralkörper sind die drei Hauptteile der tierischen Zelle.

Um sich von der Größe und Lage dieser drei Zellteile ein Bild zu machen, gehe man in die Küche und nehme ein Ei. Wer sah noch nie ein Ei? Schaut es euch an! Ihr lächelt? Niemals saht ihr es so: das Ei ist eine Zelle. Das Hühnerei ist eine Riesenzelle. Nicht in dem streng wissenschaftlichen Sinn einer Plasmaorganisation, wohl aber eine echte Einzelzelle, bepackt mit Kisten und Kasten für die Fahrt ins Leben, eine Eizelle, ausgestattet mit dem ganzen Kinderstaat für das noch ungeborene junge Hühnchen. Diese Riesenzelle Ei bietet nun — rein anschaulich, nicht dem innern Wesen nach — genau das Bild der Zellorganisation. Das Hühnerei besteht aus der Schale, dem Eiweiß, der Dotterkugel und dem Keimfleck, der neben der Dotterkugel im Eiweiß schwimmt. Das Eiweiß entspricht dem Plasma, die Dotterkugel dem Kern, der Keimfleck dem Zentralkörper der Zelle. Genau wie das Hühnerei sähe eine Zelle aus, wenn wir sie eine Milliarde mal vergrößert auf den Tisch legten. Zellen sind keine leeren „Zellen”, etwa Hohlkammern wie ein Bienenwaben, sondern Körper mit Ausdehnung, Masse und Gewicht wie das Ei. Man schlage das Ei auf und lasse seinen Inhalt auf einen Teller fließen. So flösse das Plasma der Zelle hin, gelb und schleimig, so triebe in ihm der etwas festere und dunkelfarbigere Kern, so hinge an diesem der kleine Zentralkörper.

Die Schale des Eies werfen wir fort. Sie ist als Schutzschale von nebensächlichem Wert. Nur wo sie ihrer dringend bedarf, wie hier als Hühnerei, bildet die tierische Zelle eine Schale. Die Zellen, die im Innern des tierischen Körpers geschützt sind, bauen sich keine festenWände. Die Pflanzenzellen hingegen, die schutzlos Wetter und Feinden preisgegeben sind, umpanzern sich. Der Besitz einer festen Zellwand ist das Unterscheidungsmerkmal der Pflanzenzelle von der Tierzelle. Die Pflanzenzelle ist eine Zigarrenkiste, mit Plasma gefüllt, das durch die Poren des Holzes mit der Außenwelt in Austausch steht; die Tierzelle dagegen ist ein Stück Butter, eine wandlos weiche, plastische Masse. Man nehme zwei Eier. Das eine lasse man roh in seiner Schale, das andere kocht man halbhart und schält es ab. Das rohe flüssige Ei in harter Schale ist die Pflanzenzelle, das gekochte abgeschälte, im Innern noch weiche, außen erhärtete Ei ist die Zelle des Tieres, die Zelle des menschlichen Körpers (Abb. 8 und 9,TafelIII).

Jedes Modell hat seinen Vorzug. Die Tierzelle ist ein Baustein aus plastischem Ton. Frei von beengender Wand, ist sie jeden Wachstums, jeder Wandlung, jeder Bewegung fähig, gestaltet sie sich, in ihrer Urform wie die Amöbe eine Kugel, durch allseitigen Druck zum Vieleck, das Vieleck streckt sich und wird zur Säule, die Säule flacht sich ab und wird zur Platte, diese krümmt sich und wird zur Röhre, die Röhre zieht sich in die Länge und wird zum Faden. So bildet sie Baustein und Bodenbelag, Säule, Balken, Seil und Röhre im Zellenpalaste Mensch. Wenn je mit einem alles und mit allem eines und dieses eine so groß und vielgestaltig geschaffen wurde, wie nur ein Palast des Lebens aufgerichtet werden kann, so ist dieses alles der Mensch und dieses eine sein Universalbaustein, die wandungslose tierische Zelle.

Die kistenartige Pflanzenzelle ist solchen Wandlungen nicht so leicht zugänglich, dafür ist sie kräftig und widerstandsfähig, und da ihre Zellwand nicht starr ist, sondern aus Zellulose (Zellwandstoff), Kork und Gummi besteht, so ist sie als elastisches Röhrenstück die ideale Grundeinheit für die federnden Riesentürme und die geometrischen Gigantengebäude der Flora. Zu welchen Leistungen sie die Pflanze befähigt, entgeht zwar dem oberflächlichen Alltagsauge, muß aber jedes denkende Gemüt mit tiefster Bewunderung erfüllen. Ein Roggenhalm hat einen Durchmesser von 3 und eine Höhe von 1500mm, ist also 500mal höher als die Breite seines Fundaments. Dementsprechend mußte der Kölner Dom mit seinem heutigen Unterbau statt 160mihrer 5000mHöhe besitzen. Und dieser Riesenturm des Roggenhalms läuft nicht spitz aus, sondern trägt an seinem oberenEnde einen Aufbau, der das Gewicht des Turmes um das 30fache übertrifft, und steht nun nicht steif wie ein Kirchturm, sondern schwingt mit seinem Turmaufsatz, seinen Erkern und Glocken lustig im Winde umher und richtet sich, wird er herabgebogen, mit seiner Last wieder auf! Man stelle sich unter einen schöngewachsenen Baum und betrachte ihn mit dem Blick des Baumeisters. Man umspanne seinen schmalen Stamm und lasse dann das Auge hinaufwandern und verfolge, wie sich die Pappel schmal und steil haushoch über den Boden erhebt und wie die Kastanie sich in tausend Flächen, Spitzen, Kanten über einen ganzen Hof verästelt und vom Stamm bis zu den höchsten Zweigen sich im Winde wiegt, und man wird durch diese andachtsvolle Naturbetrachtung vom Wesen, Wert und Wirken der wandbekleideten elastischen Pflanzenzelle einen tieferen Eindruck erhalten als durch alle Berechnungen des Verstandes und lobende Worte aus Menschenmund.

Die Pflanze reckt und streckt sich, um Oberfläche zu gewinnen, Stickstoff aus dem Boden, Kohlensäure aus der Luft, Wasser aus den Wolken und Ätherwellen aus dem Lichte aufzufangen, sie ist ein einziger großer Aufnahmeapparat und Speicher für die Stoffe und Energien der ewig bewegten Umwelt der Elemente. Der Mensch hingegen ist ein nach innen gekehrter Baum. Wie die Pflanze nach außen, faltet und spaltet er sich nach innen und erstrebt bei kleinster Außenfläche die denkbar größte Innenausbreitung. Was jene aus der Umwelt einheimst, nimmt er in gedrängtester Form als Nahrungsstoff zu sich und breitet es dann vom Magen aus in den Röhren und Falten, Buchten, Fächern und Kammern seines Leibes über tausend innere Flächen wieder aus. Die Pflanze ist lauter Oberfläche und sammelt ein, der Mensch lauter Innenfläche und nutzt aus. Was sie mit ausgebreiteten Blätterarmen aus Licht und Tiefe, Wind und Wolken an sich raffte, das füllt als Lebenskohle die Innenkammern seines Leibes und durchglüht ihn mit der Glut der Gefühle und der Hitze der Leidenschaften. Die Pflanze ist das hundert Schaufeln tragende und zum Himmel ragende Mühlrad, das vom Strom der Welt getrieben wird, um Kraft zu fangen; der Mensch ist der tausendfach im Innern gekammerte Akkumulator, in dem sich diese Kräfte speichern und geheimnisvoll gewandelt wieder erscheinen als Muskelschlag und Kraft des Willens, Blitz des Gedankens und Wärme der Empfindung.

Die Innenfläche eines Menschen kann — so unglaubhaft es zuerst auch klingt — mit der Außenfläche einer Pflanze durchaus wetteifern. Ein Würfel, dessen Kante 1mlang ist, besitzt mit seinen sechs Seiten eine Oberfläche von 6qm. Halbiert man die Kante und schneidet so den Würfel in den drei Raumrichtungen durch, so erhält man aus dem einen Würfel deren acht mit je1⁄2m Kantenmaß. Diese acht Würfel besitzen zusammen eine Oberfläche von 12qm. Halbiert man nun wieder die Kante dieser Würfel, so erhält man 8mal 8 Würfel von je1⁄4mSeitenlänge mit der insgesamt 16fachen Oberfläche von 24qm. Zerlegt man durch immer erneute Teilung schließlich die Kante des Würfels nach der Einteilung unseres Zentimetermaßes in 1000mmund so den einen Kubikmeter in Kubikmillimeter, so erhält man aus dem einen großen Würfel eine Milliarde Millimeterwürfel. Solange diese noch zusammenstehen, besitzen sie als der eine große Kubikmeter-Würfel 6qmOberfläche. Läßt man sie nun aber auseinanderfallen, so stehen sie mit einer Gesamtoberfläche von 6000qmmit der Außenwelt in Flächenberührung. Der Mensch ist solch ein aus kleinsten Würfeln, den Zellen, zusammengesetzter Block. Er besitzt jedoch nach außen nicht 6, sondern nur 2qmOberfläche. Dafür ist er aber im Innern nicht in eine Milliarde, sondern in viele Billionen kleinster Zellenwürfel geteilt. Diese etwa 30 Billionen Zellenwürfel besitzen zusammen eine Oberfläche von über 5000qm. Mit 5000qmOberfläche stehen die 30 Billionen Zellen des Menschenleibes mit den sie umspülenden Säften und dadurch mit der Außenwelt in Berührung. Würde man einen Menschen wie einen Kuchenteig auswalzen, bis seine gesamte Zellenoberfläche frei zutage läge, so würde dieser Zellenteig einen Marktplatz von über 70mSeitenlänge überziehen können. Würde man diese Zellenoberfläche aus einem Menschen wie einen Teppich herausrollen können, so würde dieser über eine halbe Stunde Weges 3kmweit hinreichen. Man denke sich einen Menschen auf die Berliner Siegessäule vor dem Reichstag gestellt und auf einem drehbaren Sockel stehend wie die Marmorstatuen in den Museen. Den Zellen dieses Menschen wird die Oberflächenhaut abgezogen und zwar so, daß sie in Form eines Zentimeterbandes wie das Garn von einer Spule abgerollt wird. Ein Flieger kommt geflogen, befestigt den Anfang des Bandes an seinem Aeroplan und fliegt davon, das Zellenband nach sich ziehend, den Menschen von der Scheitelhöhe abwärts wie eine Garnspule abwickelnd.Wie weit muß der Aeroplan wohl fliegen, bis die letzte Zelle des Mannes ihrer Haut beraubt ist? Vom Königsplatz in Berlin nach Süden über die Stadtgrenze hinaus, über alle Vororte und über die Mark Brandenburg bis nach Sachsen, über Dresden und die Sächsische Schweiz das Elbtal aufwärts bis nach Böhmen hinein, über Prag hinweg und käme gut bis nach Wien und könnte hier das Zellenband an der Spitze des Stephanturmes befestigen. Ein ausgespannter Mensch — ein Zentimeterband von Berlin bis Wien! Zehn Stunden lang kann man mit einem Schnellzug an dem Zentimeterband der Zellen seines Leibes entlangfahren!

Bedenkt man nun noch, daß durch die Schaumstruktur des Plasmas die lebende Fläche auch innerhalb jeder Zelle durch jedes Tröpfchen, Bläschen und Kämmerchen abermals um das Tausendfache vergrößert ist, so erreicht die wahre Ausdehnung der Lebensfläche eines Menschen ein unausdenkliches, geradezu phantastisches Maß.

Der Sinn dieser Flächenausbreitung liegt in dem hohen Wert freier Oberflächen für den Ablauf der Lebensprozesse. Fast alle Lebensvorgänge, die Aufnahme, Wanderung, und Ausscheidung der Atemgase und Nahrungsstoffe, der Ausgleich der verschiedenen Lösungen zwischen den einzelnen Organen und Zellen, die Wirkung und Wanderung der chemisch wirksamen Teilchen der Lösungen, der Salzionen, und viele andere Vorgänge des Stoffwechsels vollziehen sich von Fläche zu Fläche und um so rascher, je mehr Oberfläche zur Verfügung steht. Durch die Teilung der Körpermasse in Billionen Zellwürfel und die Ausbreitung des Plasmas in jeder Zelle über ungezählte Schaumwände werden Kraft und Geschwindigkeit der Lebensvorgänge auf jenes Höchstmaß gesteigert, durch das sich allein die Erscheinungen des Lebens, wenn auch nicht erklären, so doch wenigstens als überhaupt möglich begreifen lassen.

Die Zahl der menschlichen Zellen beträgt rund 30 Billionen, wovon allein 22 Billionen auf die in der Blutflüssigkeit schwimmenden Blutzellen entfallen. Eine unvorstellbare, an kosmische Maße gemahnende Zahl. 30 Billionen! Würde aus einem Menschen wie aus einem Automaten in jeder Sekunde eine Zelle fallen, so dürfte es gewiß geraume Zeit währen, ehe der Zellautomat Mensch leer geworden. Ein paar Jahre? Oder ein Menschenleben lang? Oder gar noch länger? Eine Billion Sekunden dauern fast 30 000 Jahre, und seit der Geburt Christi ist noch nicht der 15. Teil dieser Sekundenzahlverflossen. Folglich fielen 30 × 30 000 = 900 000 Jahre lang Sekunde für Sekunde Zelle um Zelle aus einem Menschenkörper, ehe der Inhalt seines Leibes entleert wäre. Hätte dieser Vorgang bei einem jener vorgeschichtlichen Menschen begonnen, die noch vor der letzten Eiszeit in Europa in den Höhlen der Dordogne um ihre Feuer saßen, während draußen das Mammut in den Sümpfen brüllte, und sollte dieser Mensch nicht eher sterben, als bis die letzte Zelle seinem Körper entfallen wäre, so lebte er noch heute. Er hätte die Eiszeiten kommen und gehen sehen, Renntiere und Bisons über die grünenden Niederungen Frankreichs springen, die Wanderungen der Urvölker und die Anfänge des Ackerbaues erlebt; er hätte Hannibal durchziehen und Cäsar an der Spitze seiner Legionen kommen sehen, an sein Ohr wäre der Schlachtruf der Araber gedrungen, an seinem Auge wären die Troubadoure und die Ritter der Kreuzzüge vorbeigezogen. Der Sonnenkönig fährt mit Mme. Pompadour an ihm im Schlitten vorüber, er hört die Freiheitsreden Camille Desmoulins’ und sieht das schöne Lockenhaupt der Marie Antoinette hinrollen in den Staub, Napoleon kommt als General, als Kaiser und kehrt geschlagen aus Rußland zurück, die junge Kaiserin Eugenie lustwandelt an ihm vorbei, die deutschen Truppen ziehen 1870 ein, und 1914 hört er den Donner der Kanonen von Soissons und Reims, — und der Eiszeitmensch ist noch immer nicht gestorben, ja kaum ein einziges Glied seines Körpers ist abgefallen, trotzdem Sekunde für Sekunde, 1, 2, 3, 4, ununterbrochen seit jener Eiszeitnacht die Zellen aus seinem Körper fallen, er lebt noch immer und wird noch weiter leben, wenn man die Völker Europas nicht einmal mehr mit Namen nennt, noch 100mal länger als von Karl dem Großen bis heute, und in jeder Sekunde werden wie bisher weiter Tag und Nacht mit der Geschwindigkeit des rastlosen Uhrzeigers die Zellen aus ihm fallen, und noch immer ist die letzte Zelle dieses einen einzigen Menschenkörpers nicht erschienen... „der Mensch ist ein Mikrokosmos, ein kleines Universum, das aus einer Unzahl sich selbst fortpflanzender Organismen zusammengesetzt ist, die unbegreiflich klein sind und so zahlreich wie die Sterne am Himmel” (Darwin).

Im Durchschnitt besitzt jede Zelle eine Kantenlänge von 0,02mm, so daß also auf diesem 1cmlangen StrichLine500 und auf diesemqcmSquare250 000 Zellen nebeneinander liegen könnten und in einem Kastenvon dieser Seitengröße über 100 Millionen Zellen verpackt werden könnten. In einem Stück Würfelzucker fänden 250 Millionen Zellen genugsam Raum, um ungestört nebeneinander zu leben.

Die Abweichungen von diesem Mittelwert erreichen im menschlichen Körper ungefähr das Zehnfache nach beiden Seiten. Die kleinsten Zellen sind die Blutplättchen, winzige, in ihrem Wesen noch wenig erforschte Bestandteile des Blutes, die 0,0002mmim Durchmesser besitzen, die größte Körperzelle ist die Eizelle mit 0,3mmDurchmesser, so daß sie dem unbewaffneten Auge eben als ein graues Pünktchen sichtbar ist. Ihre Größe verdankt sie genau wie das Hühnerei der gewaltigen Anhäufung von Nährmaterial in ihrem Innern für das keimende Kind.

Trotz ihrer Winzigkeit ist jede höhere Zelle und in erster Linie die menschliche ein feinorganisiertes Lebewesen. Die Zelle ist nicht, wie man allerorten flachsinnig hört und liest, „ein Plasmaklümpchen mit einem Kern in der Mitte”; ebenso gut könnte man Paris aus der Höhe eines Aeroplans als einen Steinhaufen mit einer Wasserrinne in der Mitte bezeichnen. Die Zelle ist, wie sie der AnatomBrückeschon vor vielen Jahren trefflich benannt hat: ein Elementarorganismus.

Plasma, Kern und Zentralkörper sind seine Hauptbestandteile. Wie es in einem echten Organismus nicht anders zu erwarten ist, liegen diese in genau bestimmter Lage zueinander. Zellmittelpunkt, Kernmittelpunkt und Zentralkörper liegen in einer Achse. Nur bei dieser Lage herrscht in der Zelle Gleichgewicht (Abb. 10,TafelIII).

Den weitaus meisten Raum nimmt dasPlasmaein. Dieses zeigt nicht nur im Dämmer seines Grau jene fabelhaften Feinheiten, die Fayod und Künstler in ihm entdeckt haben wollen, nicht nur die Schaumstruktur Bütschlis, die Fäden Flemmings und die Körner Altmanns, sondern ist infolge der seit Jahrhunderttausenden durchgeführten Arbeitsteilung in fast jeder Zellgattung in besonderer Weise durchgebildet, in den Drüsenzellen wie lagerndes Korn gehäuft, in den Empfindungszellen in Telegraphennetzen ausgespannt, in den Muskelzellen zu Zugseilen ausgezogen, in den Fettzellen zu Ölballons gerundet, in den Nierenzellen zu feinen Kanälen gegossen und in den Hornzellen zu ehernen Platten ausgewalzt und führt uns so jenen unbeschreiblichen und noch längst nicht völlig erforschten Reichtum der Plasmagestaltung vor das entzückte Auge, dessen Studium einen so breiten Raum in der Menschenkunde einnimmt.

In seiner Grundform zeigt das Plasma zumeist Wabenbau. Das Wabwerk wird gewöhnlich von einem Fadennetz durchzogen, das an den Wänden der Zelle weiterverzweigt seinen Anfang nimmt und sich in der Zellmitte in der Nähe des Kerns um den Zentralkörper verdichtet. In den Knotenpunkten des Wabwerks und Fadennetzes liegen im Plasma verstreut jene winzigen Körnchen, die nach Altmanns Theorie die eigentlichen Träger des Lebens sein sollen und nach seiner Ansicht in der Nährmasse des Plasmas wie Bakterien in ihrer Gelatine ein selbständiges Leben in freier Bewegung, Empfindung, Ernährung und Fortpflanzung führen. Am deutlichsten sieht man diese Körnchen an geeigneten Pflanzenzellen. Die Pflanzenzelle ist eine Zigarrenkiste, Plasma ihr Inhalt. In der Jugend ist diese Zigarrenkiste klein und von Plasma völlig erfüllt. Später wächst sie allseitig und wird geräumiger, aber ihr Inhalt mehrt sich nicht entsprechend. Folglich kann das Plasma nicht mehr die ganze Kiste füllen, sondern zeigt zuerst Löcher wie ein Schweizerkäse und reißt später bei weiterem Wachstum der Kiste völlig auseinander, um schließlich nur noch wie Honig in einem ausgeleerten Honigglas als dünner Belag den Wänden anzuhaften und in einzelnen Fäden die leere Zellhöhle zu durchziehen.

In diesem Wandbelag der Pflanzenzellen sieht man große, rundliche Körner liegen, die bekanntenChlorophyllkörner, die nur den Pflanzenzellen zukommen, ihnen ihre grüne Farbe verleihen und unter dem Einfluß des Sonnenlichts aus Kohlensäure und Wasser die Stärke bauen. Sie liegen an den Wänden der Zellen, um hier das einfallende Sonnenlicht aufzufangen, mit dessen Kraft sie ihr chemisches Lebenswerk vollführen. Das Chlorophyllkorn ist ein chemischer Sonnenmotor.

Im Innern der Zelle dagegen gewahrt man längs der feinen Plasmastränge die kleineren eigentlichen Plasmakörner, die an den zarten Silberfäden wie Segelschiffe auf schimmernden Flüssen lautlos dahingleiten, ohne Stillstand, solange ein Strahl Sonne das Leben dieses kleinen Alls erhält, — ein so unwirklich zartes, duftdurchhauchtes Bild, daß man wie durch ein Wunderglas ein Feenreich zu schauen meint, in dem wir zwischen Mondenglanz und Silbergespinsten einen Elfenzauber belauschen (s.Umschlagzeichnung, Abbildung einer Kürbiszelle). Ein Bild derart mag Faust in Nostradamus’ Wunderbuch gefesselt haben, als er entzückt die Worte rief:


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