Das Abendrot zu Seta

Als einer der schönsten Tempel in Kioto gebaut werden sollte, erwiesen sich alle Stricke, die den bronzenen Dachfirst auf die Gerüste hinaufwinden sollten, als zu schwach. Darum entschlossen sich alle die Tausende von Frauen in Kioto, dem Tempel ein Opfer zu bringen und ihr Haar dicht am Kopf abschneiden zu lassen, damit daraus Stricke für den Tempelbau gedreht würden. Es wurde auch wirklich ein dreihundert Meter langer Haarstrickaus den geopferten Haaren gedreht, und dieser schwarze Strick, der die Dicke eines Männerarms hat, wird noch heute in einer Lacktonne im Tempel von Kioto aufbewahrt.

Die Frau eines japanischen Adligen, die auch ihr Haar zum Tempelopfer abgeschnitten hatte, und die in jener Zeit schwanger war und nahe vor der Stunde des Gebärens stand, erschrak so sehr, als sie sich im Handspiegel sah und ihr Kopf ihr kahlrasiert entgegenglänzte, daß sie sich der Tränen nicht erwehren konnte.

Die Tempelgötter nahmen die Schwachheit dieser Frau übel und straften sie an dem Kinde, das sie gebar. Sie schenkten ihr ein kleines Mädchen, aber diesem wuchs nicht ein einziges Haar auf dem Kopf; und wie eine Elfenbeinkugel so glatt, weiß und haarlos blieb die Schädelschale des Kindes.

Die Frauen von Kioto, denen allen daran gelegen war, daß ihr Haar bald wieder wüchse, und die wußten, daß der zunehmende Vollmond den Haarwuchs beschleunigt, taten sich zu Vollmondprozessionen zusammen und wallfahrteten in langen Zügen im Mondschein zu den verschiedenen Kiototempeln.

Jene adelige Dame nahm zu jenen Nachtprozessionen ihr kleines Mädchen mit, in der Hoffnung, der Mond würde dem Kind Haare wachsen lassen. Aber die Prozessionen nützten nichts, und die Mutter war gezwungen, dem Kind Perücken machen zu lassen. Das Mädchen wurde damals von allen Leuten in Kioto «Mondköpfchen» genannt, weil es so kahl war wie der Vollmond.

Als Mondköpfchen verheiratet wurde, wußte der junge Mann, der sie zur Frau nahm, daß er eine kahlköpfigeFrau heiratete. Aber es lag ihm nichts daran, denn er hatte Mondköpfchen immer in schöner gutsitzender Perücke gesehen. Und er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wie eine kahlköpfige Frau ohne Perücke aussehen kann.

Die Hochzeitsnacht verlief, wie die meisten Hochzeitsnächte, für die beiden Neuvermählten mit geschlossenen Augen, und das Liebesglück ward nicht gestört.

Aber schon in der zweiten Nacht verschob der junge Ehemann erst zufällig, dann scherzend Mondköpfchens schwarze Perücke. Er spaßte und schob sie ihr bald auf das linke Ohr, bald auf das rechte, bald auf die Nase, bald auf den Nacken zurück, und er kollerte sich neben seiner jungen Frau vor Lachen. Immer, wenn die Frau ernst und liebend ihre Arme ausbreitete, juckte den Mann ein Kobold an den Fingern, so daß er der Perücke erst jedesmal einen kleinen Puff gab, ehe er seine Frau in die Arme schloß.

Dieses geschah in der zweiten Nacht. Aber in der dritten war es überhaupt nicht mehr zum Aushalten. Der junge Mann setzte sich selbst die Perücke auf, so daß die Frau böse wurde, nicht mehr im Zimmer bleiben wollte und sich auf den Altan setzte. Es war dunkel draußen, und er lief ihr mit einem Licht nach. Als er sie perückenlos mit helleuchtendem Schädel am Altanrand sitzen sah, prustete er vor Lachen, kollerte ins Zimmer zurück und rief:

«Ich habe den Vollmond geheiratet.»

Bisher hatte Mondköpfchen ihren Namen immer harmlos hingenommen und sich nie darüber erschreckt. Aber nun brach sie in Weinen aus.

Am dritten Tage nach der Hochzeit ist es in JapanSitte, daß die Frau ihre Eltern besucht. Mondköpfchen ließ sich am nächsten Morgen in einer Sänfte in ihr Vaterhaus tragen, weinte sich bei ihrem Vater und ihrer Mutter aus und wollte nicht mehr zu dem Mann zurückkehren, der mit ihrer Perücke spielte und statt der Liebe Gelächter über sie ausschüttete.

Aber Vater und Mutter überredeten Mondköpfchen, wieder zu ihrem Mann zurückzukehren, und versprachen, alles daran zu setzen, ein Mittel ausfindig zu machen, damit ihre Haare wüchsen. Sie sollte sich nur noch eine kurze Wartezeit auferlegen.

Mondköpfchens Eltern hatten diesen Rat nur aus Verzweiflung gegeben und mußten jetzt selbst weinen, als ihr Kind zu seinem Mann zurückgekehrt war; sie waren ratlos.

Plötzlich sagte die alte Frau zu ihrem Mann:

«Ich weiß, womit ich die Götter jetzt versöhnen kann. Ich will mein Haar zum zweitenmal abschneiden und es den Tempelgöttern opfern. Die Götter sind gut und geben mir dann sicher einen Rat für unser Kind.»

Die Frau tat so und trug ihr ergrautes abgeschnittenes Haar, zu einer kleinen Schnur geflochten, in den Tempel der tausendhändigen Kwannon und band dort die Haarschnur um das goldene Handgelenk der tausendfach segenspendenden Göttin.

Die Götter versöhnten sich danach mit ihr und gaben ihr in der Nacht einen Rat. Die Frau hörte im Traum eine Stimme, die sagte:

«Liebe und Vollmond lassen die Haare wachsen. Schicke dein Kind nach Ishiyama. Wenn es dort den Herbstmond aufgehen sieht, werden Liebe und Mond deinem Kind ein schönes Haar schenken.»

Die Mutter erzählte den Traum ihrer Tochter, und Mondköpfchen glaubte begeistert an die Weissagung. Und Mondköpfchens Mann, der immer noch lachte, sagte wenig rücksichtsvoll zu seiner jungen Frau:

«Reise nur nach dem Biwasee und laß dir dort Haare wachsen. Ich muß mich hier inzwischen von dem Nachtgelächter erholen.»

Mondköpfchen reiste an den Biwasee.

Im aufgehenden Mondschein sahen die Bewohner von Ishiyama die kahlköpfige junge Frau auf dem Balkon des Rasthauses sitzen, wo Mondköpfchen Wohnung genommen hatte. Die frommen Bewohner des Seeortes nannten sie nur die elfenbeinerne Heilige, weil ihr haarloser Kopf wie vergilbtes altes Elfenbein in der Abenddämmerung leuchtete. Viele lenkten abends vom See her ihre Kähne am Rasthaus vorbei, um die bleiche, stille Frau auf dem Altan unter den Sykomorenbäumen sitzen zu sehen, und jeder, der sie sah, dachte sich eine Geschichte über sie aus.

Ein junger Adliger, der ein Landhaus in der Nähe von Ishiyama hatte, hörte durch seine Leute von der fremden Frau, die Abend für Abend den aufgehenden Herbstmond von Ishiyama erwartete. Und er richtete es so ein, daß er am Spätnachmittag in einen der Sykomorenbäume am Ufer stieg, wo er, hinter den Ästen verborgen, Mondköpfchen beobachten konnte, die wie ein Götterbild regungslos im Mondschein saß und sich Liebe und Haare wünschte.

Bald danach erhielt die junge Frau von dem jungen Adligen ein Gedicht gesandt, das war mit Goldtusche auf Purpurpapier geschrieben. Das Gedicht erzählte voneinem Sykomorenbaum, der ein Mensch werden wollte, um zu ihr zu kommen und neben ihr auf dem Altan zu sitzen.

Mondköpfchen freute sich aufrichtig über das schwärmerische Gedicht. Und als sie wieder im Mondschein saß und mit der Hand über ihren Kopf strich, fühlte sie zu ihrem Entzücken die ersten Haarspuren, denn sie sehnte sich in dieser Nacht sehr nach ihrem Mann zurück.

Am nächsten Tag erhielt sie einen Brief, der sagte ihr:

«Ich bin ein Mann, der Dich liebt, und möchte Dich bald vom Altan holen. Laß Dich entführen, schöne Frau.»

In dieser Nacht sehnte sich Mondköpfchen noch mehr nach ihrem Manne, und ihre Haare wuchsen einen Arm lang, und am Morgen reichten sie ihr bis zum Gürtel. In der nächsten Nacht wuchsen sie ihr beim aufgehenden Mond bis zu den Knieen.

Mondköpfchen empfing in dieser Nacht einen dritten Brief, der sprach:

«Ich weiß, daß Du einen Mann in Tokio hast. Liebe mich, so werde ich ihn töten.»

Da erschrak Mondköpfchen, ließ sich noch in derselben Nacht in einem Kahn über den Biwasee fahren und reiste nach Kioto und zeigte sich und die Briefe ihrem Mann.

Als der Mann seine Frau im prächtigen Haar vor sich sah, wurde er still, und seine Augen wurden dunkel vor Bewunderung. Und als er die drei Briefe gelesen hatte, wurden seine Augen finster, seine Arme breiteten sich aus, und sein Mund, der nicht mehr lachte, sagte:

«Komm in meine Arme, wenn du mir jetzt noch treu sein willst, seit du so schön bist, und wenn du mir verzeihen kannst, daß ich gelacht habe, als du noch nicht soschön warst. Willst du mir aber eines Tages die Treue brechen, dann tue es lieber jetzt und gehe zu dem Mann, der die Briefe geschrieben hat, damit er mich tötet. Denn wenn du mich jetzt verläßt, hat mich schon mein Leben verlassen, und der Tod ist dann nur eine Zeremonie, die ich nicht spüren werde.»

Mondköpfchen setzte sich auf die Diele vor ihren Mann nieder und begann den Tee zu bereiten. Das bedeutete, daß sie ihn für immer lieben und ihm treu bleiben würde und ihm verziehen hätte. –

Und Fräulein Hasenauge lächelte ungläubig und erzählt eine neue Geschichte.

Ein Spielzeugverkäufer, ein Schilfmattenflechter und ein Holzkohlenhändler saßen eines Abends, ehe der Vollmond über Ishiyama aufging, am Rande der Landstraße nach Ishiyama. Der Spielzeugverkäufer hatte an einer langen Stange ein Bündel Spielsachen hängen, meist aus Watte gearbeitete große Insekten, ungeheure graue und silberne Riesenspinnen, grüne und braune Grashüpfer und Heuschrecken, riesige Libellen mit farbigen Flügeln aus Gelatinepapier.

Der Schilfmattenflechter trug ein großes Bündel zusammengerollter, feingeflochtener Schilfmatten auf dem Rücken. Das sah in der Abenddämmerung aus, als trüge er lange Kanonenrohre.

Der Kohlenhändler trug einen Korb auf dem Kopf, den er im Gehen balancierte. Drinnen im Korb unter einem Tuch war die feinste Holzkohle, die er selbst zubereitet hatte.

Im Straßengraben sitzend, an welchen das Schilf vom See her heranreichte, erzählten sich die drei Kriegsgeschichten.Der eine, der Spielwarenhändler, behauptete, er wäre bei der Einnahme von Peking dabei gewesen. Der Rohrmattenflechter behauptete, er hätte mit vor Port Arthur gelegen. Der Kohlenhändler behauptete, er wäre auf einem Schlachtschiff im Chinesischen Meer Heizer gewesen. Aber alle drei verstanden vom Kriegshandwerk so wenig wie eine Katze vom Neujahrsfest. Und ihre Erzählungen waren so drollig, daß ganz Japan sie lachend immer noch weiter erzählt.

Der Spielwarenhändler sagte: «Als wir die Stadtmauern von Peking sahen, liefen unsere Augen wie Spinnen über die Ebene von Peking, unsere Füße hüpften wie Heuschreckenbeine über die Mauerwälle, unsere Bajonette, Säbel und Kugeln flogen wie surrende Libellen über die Chinesen her. Aber das war alles umsonst. Ihr wißt: wenn man den Chinesen sticht, haut oder vierteilt, ist dies geradeso unnütz, als wenn man gegen den aufgehenden Vollmond streitet. Die Chinesen stehen immer wieder gesund und unverwundbar vor dir, denn jeder hat Tausende von Körpern ineinander geschachtelt, so wie es Spielzeugschachteln gibt, von denen Hunderte ineinander passen.»

«Womit habt ihr denn die Chinesen umgebracht, wenn sie nicht zu erschießen und nicht zu erschlagen sind?» fragte der Schilfmattenflechter.

Der Spielzeughändler blähte sich auf wie eine Schweinsblase, die ein Kinderluftballon werden will.

«O, wir haben ihnen allen den Rücken gewendet, so daß die Chinesen keines unserer Gesichter sahen und nicht sahen, wie wir lachten und haben unsere Gewehre in die Luft abgeschossen, in die Wolken und in den blauenHimmel und haben mit den Bajonetten und den Säbeln in die Luft gestochen und haben nicht gegen die Chinesen, sondern gegen den Himmel gekämpft.

Da hat die Chinesen, die Söhne des Himmels, ein großer Schreck erfaßt, als sie sahen, daß wir ihren Himmel angriffen. Tausende starben vor Erstaunen, Tausende vor Entsetzen, und Tausende kamen auf den Knien zu uns gekrochen und hatten die Tore zur himmlischen Stadt Peking geöffnet, damit wir ihre Väter und Götter im Himmel nicht bekriegten.»

«Das ist drollig», sagte der Schilfmattenhändler. «Aber gegen die Russen hättet ihr nicht so kämpfen dürfen. Die Russen haben von den Knien abwärts Kanonenrohre statt der Füße, und immer, wenn sie ein Bein heben, können sie mit dem Bein auf dich schießen. Sie heben ihre Beine in die Luft, geradeso wie meine zusammengerollten Matten lang in die Luft gucken. Und sie brauchen nicht zu zielen, denn ihre Füße haben Augen, die sie Hühneraugen nennen, und diese zielen für sie. Und während ihre Beine gehen und schießen, haben die meisten Essen und Trinkflasche in den Händen und füttern und tränken jeder sein Maul. So bleiben sie immer stark und kommen nie von Kräften und sind unbesiegbar.»

«Ja, wie habt ihr sie denn besiegt, die Russen?» fragte der Kohlenhändler.

«O, das war ganz einfach. Das sagt einem jeden doch der helle Verstand, wie man einen Russen besiegt. Nur ein Kohlenhändler wie du kann so dumm fragen, als ob du Kohlenstaub in deinen Augen hättest und nicht wüßtest, daß wir die Russen besiegt haben.

Der Russe läßt doch immer nur seine Beine gradausmarschieren und schießen, aber seine Augen im Gesicht sehen nichts als das Essen und Trinken vor dem Maul. Darum, wenn die Russen aus Port Arthur auf uns losmarschierten mit ihren schießenden Beinen, stellten wir uns ruhig zu beiden Seiten des Weges auf und ließen sie ruhig an uns vorbei. Dann gingen wir hinter ihnen her, jeder faßte einen Russen am Gürtel und drehte ihn einfach wieder gegen Port Arthur um, in der Richtung auf das Meer zu. Da sie einmal im Gehen waren und sich im Fressen und Saufen nicht stören lassen wollten, marschierten sie auf Port Arthur zurück und liefen dort über die Kaimauern ins Meer, wo sie ertranken. Die Armeen aus der Mandschurei aber, die aus dem Norden kamen, drehten wir nach Norden um, so daß sie ruhig zur sibirischen Eisenbahn zurückmarschierten. Und die Eisenbahnbeamten, im Glauben, der Krieg sei beendet und die Russen seien Sieger, fuhren die fressenden und saufenden Armeen nach Petersburg zurück, wo sie dann einzogen, immer noch in dem Glauben, daß sie die Sieger wären. In der Zeit besetzten wir die ganze Mandschurei, und das soldatenleere Port Arthur war unser.»

«So einfach war es aber doch nicht», sagte der Kohlenhändler, «denn erst mußten wir die russische Flotte zerstören, wobei ich einer der Haupthelden war.»

«Erzähle!» sagten die beiden anderen Helden.

«Da ist nichts zu erzählen. Das war die allereinfachste Sache von der Welt, die russische Flotte zu vernichten», wisperte der Kohlenhändler bescheiden wie eine Feldmaus.

«Eines Morgens dachte ich mir: heute zerstöre ich die russische Flotte, denn ich hatte Sehnsucht nach meinerFrau, und nichts als die russische Flotte hinderte mich, zu meiner Frau zu reisen.

Ich steckte mir eine Schachtel Streichhölzer ein, ein paar japanische Zeitungen und ein paar Stückchen Holzkohle. Ich schwamm von meinem Schiff an die Hafenmauer von Port Arthur heran, zündete mir ein Pfeifchen an, setzte mich auf einen Klippenstein und fabrizierte aus meinen japanischen Zeitungen kleine Papierschiffe, wie sie die Schulkinder am Biwasee machen. In jedes Schiffchen steckte ich ein Stückchen Kohle, das war der Schornstein des Schiffes; manche hatten auch zwei und vier Schornsteine. Die Kohlenstücke zündete ich an, und dann ließ ich meine Schiffe mit dem Südostwind auf Port Arthur los, und sie zogen an der Hafenmauer entlang. Meine kleine Papierflotte wurde augenblicklich von allen Leuchttürmen und Fernrohren auf den Leuchttürmen dem Admiral der russischen Flotte signalisiert. Die russische Flotte verließ sofort in Schlachtreihen den Hafen und umzingelte meine Zeitungspapierflotte. Tausend Schüsse hallten aus den russischen Schiffsbäuchen, und als sich der Rauch verzog, war natürlich meine Papierflotte untergegangen. Auf allen Rahen und auf allen Masten stellten sich nun die russischen Marinesoldaten in Parade auf, um dem sieghaften russischen Admiral ein dreifaches Hurra für seinen Sieg auszubringen.

Auf diesen Augenblick hatte ich nur gewartet. Denn ich wußte, die Russen hatten ihren Mut mit Schnaps angefeuert, und es mußte beim Siegesgeschrei der Tausende und Tausende von Soldaten eine Wolke von Alkoholgasen in der Luft entstehen, und diese Wolke konnte ich mit einem einzigen Streichholz in Brand setzen.

So war es auch. Das erste Hurra ließ ich sie zum Vergnügen schreien. Aber bei dem zweiten Hurra wäre ich beinahe selbst erstickt, – so sehr stank die Luft nach Alkohol.

Kaum flackte das Streichholz auf, so entzündete sich über dem Meer die Alkoholwolke, und eine Flamme pflanzte sich fort von Schiff zu Schiff; Mannschaften und Schiffe, vom Alkoholdunst erfüllt, explodierten unter Gekrach. Später sagten die Russen uns nach, wir hätten mit Stinkbomben geschossen und mit griechischem Feuer. Und es war doch nur ihr Alkoholatem, der die ganze Flotte verbrannt hat, als ich mein Streichholz anzündete.»

«Ja, sag mir aber», fragte mißtrauisch und kleinlich der Spielzeughändler, «sag mir, Kriegskamerad, wie konntest du die Streichholzschachtel trocken erhalten, als du von deinem Schiff nach Port Arthur geschwommen bist?»

Auch der Schilfmattenhändler nickte heftig und ungläubig und bezweifelte gleichfalls, daß eine Streichholzschachtel beim Schwimmen trocken bleiben könnte.

«Habe ich euch denn nicht gesagt», fuhr der Kohlenhändler sie grob an, «daß ich an diesem Morgen Sehnsucht nach meinem Weib hatte? Wißt ihr nicht, was Sehnsucht bedeutet? Sehnsucht haben heißt so heißes Blut kriegen, daß alles ringsum verdorrt.»

«Ja, dann verstehen wir, daß deine Streichholzschachtel im Gürtel nicht naß wurde, wenn du Sehnsucht nach deinem Weib hattest, Kriegskamerad», nickten der Spielzeughändler und der Schilfmattenverkäufer dem Holzkohlenhändler zu.

Der Vollmond war inzwischen langsam aus dem Schilf gerollt, betrachtete sich breit lachend die drei Überhelden und erzählte die Geschichte in ganz Japan weiter.

Ein japanischer Winter am Biwasee ist nicht so kalt und nicht so schneereich wie die meisten deutschen Winter, aber doch liegt oft fußhoch eine weiße Schneerinde am Seerand, auf den Hausdächern und in den Gabeln der Bäume. See und Himmel sind dann vom Winterdunst eingewickelt. Der See liegt wie ein dunkles Zelt im Nebelrauch, und wie weiße Insektenschwärme kommen die Schneeflocken an. Ihr kreiselnder Tanz im Wind ist im Wintertag das einzige Leben am See, dessen Spiegel blind ist, auf dem sich kein Segel zeigt, dessen Schilffelder abgemäht sind, und der einer Wüste aus grauem Basalt ähnelt.

Die Japaner tragen in der weißen Jahreszeit drei bis vier wattierte graue und bräunliche Seidenkleider übereinander. Sie kennen keine Öfen. Nur eine kleine Kohlenglut in einem Messingbecken wärmt die hingehaltenen Fingerspitzen. Aber die Japaner haben viel Eigenwärme in sich. Sie sind gewöhnt an den Verkehr mit offener Luft in luftreichen, leichten Bambusholzhäuschen, hinter dünnen Papierwänden und Papierscheiben, gekleidet in den drei anderen Jahreszeiten in luftige Seiden und Kreppstoffe und eingehüllt in das bequeme Schlafrockkostüm, das den Gliedern Spielraum zu Eigenbewegung läßt. So sind sie ein gesundes warmblütiges Volk geblieben. Die Seele der Japaner ist ebenso warmblütigwie ihre reinlichen, gutgelüfteten und leeren Papierzimmer. Keine Möbelstücke sind in ihren Zimmern, der saubere Strohmattenboden des Gemaches muß alle Möbel ersetzen. Er stellt Tisch, Stuhl, Sofa und Sessel dar, ist handdick, aus dünnstem, feinstem Rohrmattengeflecht, ist nachgiebig, leicht elastisch, und du darfst ihn nur mit Strümpfen, nie mit Schuhen betreten. In diesen leeren Gemächern, deren Wände leicht getönte Bambusstrohfarbe, mehlweißes Papier oder gelbliche Naturhölzer zeigen, hebt sich das Menschenantlitz ab wie ein Porträt auf ungestörtem Hintergrund; und die Gesten der Menschen, in diesen leeren Gemächern, werden in den kleinsten Bewegungen wichtig und bleiben deiner Erinnerung eingeprägt, wie die Schriftzüge auf weißem Papier.

Als farbiger natürlicher Zimmerschmuck stehen in den offenen Schiebetüren die Ausblicke auf die maigrünen, sommergelben, herbstbraunen und winterblauen Landschaftsbilder, der Flug vorüberziehender Vögel, wandernde Wolken und Menschen. Unwillkürlich befürworten die leeren, farblosen Gemächer die Liebe zur farbigen Außenwelt. Die Welt, die immer im Türrahmen erscheint, wenn eine Schiebetür sich öffnet, wirkt im leeren Zimmer doppelt lebhaft als Landschaft oder als Mensch, der zu Besuch kommt; jeder Mensch wird zum lebenden Bild, wenn er sich zu dir auf die Leere der Diele zwischen die leeren Wände setzt. Man kann sich leicht denken, daß sich dann alle Landschaftsreize steigern und den Hausbewohnern so wichtig werden wie einer europäischen Hausfrau die Möbelstücke.

In den leeren Gemächern von Seta am Biwasee istdas Abendrot vor den Türen zu Seta eine Berühmtheit geworden, und das Abendrot von Seta gesehen haben, ist wie Bienenhonig dem Ärmsten und verspricht dir noch nach langen Jahren einen sanften Tod. –

In Seta lebte die Frau eines verarmten Adligen. Ihr Mann war im Krieg gegen die Europäer gefallen, ebenso ihre zwei Söhne. Diese Frau reiste öfters im Sommer oder im Frühling zur Kirschblütenzeit nach Kioto oder nach dem Wallfahrtsort Nara oder nach den heiligen Tempeln von Nikko, um dort im Gebet, in den Tempeln, an heiligen Orten ihrem Mann und ihren zwei Söhnen näher zu sein.

In Kioto, im Tempel der fünftausend Kriegsgenien, stehen in den zehn langen Reihen je fünfhundert aufrechte goldene Götter. Jeder Gott hat zwanzig bis dreißig Arme, schwingt Speere und Schwerter; und man sagt: sollte Kioto einmal von Feinden angegriffen werden und in höchster Not sein, dann ziehen die fünftausend Götter aus der langen hölzernen Tempelhalle aus und werden die alte Kaiserstadt verteidigen.

In diesen Tempel ging die verwitwete Frau am liebsten, denn dort traf sie im Gebet ihren Mann. Wenn sie vor den fünftausend Götterbildern niederkniete, sprach er in ihr Ohr wie ein Lebender.

Die feuerrote düstere und fensterlose Lackhalle, darinnen die fünftausend goldenen Götter nur von den riesigen offenen Türen beleuchtet wurden, gab der Witwe ein aufregend wohliges Gefühl. Wenn sie über die hunderttausend goldenen Speere und Schwertspitzen schaute, glaubte sie ein Kriegsgetümmel vor sich zu sehen. Von den zehn Reihen der Götter steht immer eine Reihehöher hinter der andern, so daß man sich vor einem Berg von Lanzen, Schwertspitzen, goldenen Armen und goldenen Heiligenscheinen befindet, als strömten dir goldene Götterscharen bergab entgegen.

Als die Frau eines Tages wieder im Gebetstaumel die Halle verließ, sah sie draußen auf dem Bretterweg, der an der hundert Fuß langen Halle entlangführt, einen Mann stehen, der sich, wie das die Japaner öfters tun, hier im Bogenschießen übte. Der Mann glich auffallend ihrem toten Gatten. Am einen Ende des Bretterwegs stand der Schütze mit dem altmodischen, mannsgroßen Bogen, am andern Ende des Bretterwegs war die weiße Scheibe angebracht, und an der ganzen Tempellänge entlang surrte der Pfeil des Schießenden. Trotzdem jetzt allgemein das Gewehr in Japan eingeführt ist, üben sich einige Japaner noch zum Vergnügen im Bogenschießen, und besonders ist der Bretterweg am Tempel der fünftausend Kriegsgenien ein beliebter Übungsplatz in Kioto.

Die Frau zitterte vor Erregung, als sie den Schützen sah, der das getreue Abbild ihres gestorbenen Mannes war. Ihr Auge hatte einen unwiderstehlichen, leidenschaftlichen Ausdruck, und ihr ganzer kleiner Körper wurde wie ein Stück Magneteisen und zog den Mann nach sich, den sie anschaute.

Sie blickte den Schützen an, trat rückwärts wieder in die Tempelhalle zurück und ging an der untersten Reihe der Genien entlang, genau wissend, daß der Schütze Bogen und Pfeile wegstellen und ihr nachfolgen müßte. Sie kam in das dunkle Ende der Halle, wo Holztreppen ähnlich Leitern, verstaubt, uralt und düster, zu einer dunkeln Holzgalerie führen, die sich hoch unter dem Dachdes Tempels über den fünftausend Genien hinzieht. Der Mann, der ihr gefolgt war, kam leise die dunkle Stiege herauf. Sie kauerte auf der obersten Stufe nieder und wollte ihn an sich vorübergehen lassen.

«Deine Augen können surren wie Pfeile», sagte der Mann und blieb neben ihr stehen.

«Du siehst meinem verstorbenen Mann ähnlich», sagte die Frau. «Deswegen habe ich dich angesehen.»

Der Mann atmete schwer. Er senkte den Nacken und flüsterte rasch:

«Wenn dich dein Mann so gern umarmt hat, wie ich dich jetzt hier umarmen möchte …»

Er sprach den Satz nicht fertig, faßte die Frau flink, wie ein Affe eine Äffin, und die harte Tempeldiele wurde ihr Liebeslager.

Danach sagte die Frau leise:

«Was haben wir getan? Wir sind im Tempel der fünftausend Genien!»

«Wollust schändet keinen Tempel», antwortete der Mann. «Fünftausendmal will ich dich hier umarmen. Fünftausendmal wollen wir uns hier treffen.»

Die Frau schauderte vor Glück. In die geheimnisvolle Tempelluft und Tempeldunkelheit schienen außer den fünftausend Kriegsgöttern fünftausend Liebesgötter eingedrungen zu sein. Und sie sagte zu dem Mann:

«Wir wollen nicht wissen, wie wir heißen, wir wollen nicht wissen, wo wir wohnen. Wir wollen nicht verabreden, wann wir uns treffen. Wir wollen es den fünftausend Genien überlassen, daß sie unsere Wege zusammenführen. Und immer, wenn wir uns zusammenfinden, wollen wir nichts besprechen und nichts fragenund uns nur umarmen, wie wir uns hier umarmt haben.

Ich will nicht wissen, ob du ein wirklicher Mensch bist, oder nur eine Erscheinung, ähnlich meinem Mann. Ich will dich genießen wie die Abendröte, die jetzt über die Türschwelle dort tritt, und die wirklich und unwirklich ist zugleich.»

Die beiden hielten ihre Verabredung. Die Frau änderte nicht ihre Reisen und ihre Wallfahrten nach den andern Wallfahrtsorten. Und nachdem sie monatelang in Kioto täglich zu den verschiedensten Stunden den Tempel der fünftausend Genien besucht und täglich den Schützen dort getroffen, umarmt und geliebt hatte, reiste sie nach dem Wallfahrtsort Nara, ohne ihrem Geliebten bei ihrer Abreise ein Wort zu sagen.

In Nara war es Hochsommer. Die Wiese vor dem großen Zedernwald, darauf die feuerrote sechseckige Pagode steht, war umwimmelt von weißen, blauen und gelben Schmetterlingen. Im Wald bei den rotbraunen senkrechten Zedernstämmen stehen, dichtgedrängt wie Grabdenkmäler in einem Kirchhof, Steinlaternen in Gruppen und Gassen und begleiten alle Waldwege, dichtgedrängt wie versteinerte Völker. Schwarzbronzene Hirsche, von Künstlern als Statuen gegossen, ruhen auf Steinsockeln. Aber auch Hunderte von lebenden Rehen und Hirschen gehen in großen Rudeln zahm auf allen Wegen, zahmer als Hühner in einem Hühnerhof.

Als jene Frau mit dem Bahnzug nach Nara kam, stand ein großes Gewitter über dem Wald. Aber sie fürchtete sich nicht, nahm am Bahnhof einen Rikschawagen, fuhr bis zum Eingang des Waldes und schickte den Wagen zurück.

Hier in Nara betete die Frau meist zu ihrem ältesten Sohn und kniete viele Stunden in der Halle des großen Daibutsu, welches eines der riesenhaftesten Buddhabilder Japans ist.

In einem roten mächtigen Holzbalkenhaus sitzt der haushohe Buddha, alt und schwerfällig geschnitzt, bräunlich vergoldet auf einer ungeheuern Lotosblume. Sein runder Kopf reicht bis unter das Dach des Tempels. Drei haushohe Flügeltüren stehen offen. Aber das Licht von den Wiesen draußen kann den mächtigen Kopf, der bis in die Dämmerung des Dachstuhles reicht, kaum erhellen.

Die Frau war in den Tempel getreten, kniete auf den Strohmatten nieder und vertiefte sich in ein stilles Gespräch mit ihrem verstorbenen ältesten Sohn. Da rollte der ferne Donner und war wie die näherkommende Stimme eines Gottes über ihr. Die schwüle Gewitterluft machte die große, dunkle Tempelholzhalle noch dumpfer, und der Geruch des Räucherwerkes und der Geruch der alten sonnengewärmten Holzbalken wurden der knienden Frau wie eine Last, als ob sich der schwere mächtige Buddha über sie böge. Und sie mußte an den Mann denken, der sie Tag für Tag in Kioto im Tempel der fünftausend Genien umarmt hatte.

Der Regen prasselte jetzt draußen auf das Tempeldach und auf die ungeheure Holzgalerie vor dem Tempel. Ein Blitz flog herein, und der große goldene Buddha erschien für den tausendsten Teil einer Sekunde hell bis unter das Dach.

«Ist es wahr, Gott», dachte die Frau, «daß die Wollust den Tempel nicht schändet, so laß den Mann ausKioto eintreten und mich in Nara hier bei dir wiederfinden.»

Über die Holzgalerien draußen kamen jetzt Hunderte von Schritten, Schritte über die Wiesenwege, Menschenstimmen aus den Wäldern, Männer, Frauen und Kinder, lachend und kreischend, die, vor dem Gewitter flüchtend, in die Halle des großen Daibutsubildes eindrangen.

Die kniende Frau wollte wieder zu ihrem Sohn beten. Aber der Lärm des Regens, der vielen humpelnden Füße von Wallfahrern und der Menschenstimmen zerstreute sie, so daß sie unter die Gruppen der Leute an eine der offenen Türen trat und dem Sturzregen zusah, der die Landschaft in einen weißen Nebel hüllte.

Blitz um Blitz blendete sie, daß sie sich von der Türe weg gegen die Gesichter der Menschen wenden mußte, von denen einzelne Gruppen, weiß im finstern Tempel, bei jedem Blitz aufleuchteten.

Neben einer kleinen Frau und umgeben von einer Schar von Kindern, entdeckte sie plötzlich einen Mann, der ihrem Sohn, zu dem sie eben gebetet hatte, ähnlich sah. So müßte ihr Sohn jetzt aussehen, so seine Frau und seine Kinder, wenn er jetzt lebte und glücklich wäre.

Bei dem zweiten Blitz aber erschrak sie. Es war nicht mehr das Gesicht ihres Sohnes. Es war jener Mann aus Kioto mit seiner Familie, die hier vor dem Gewitter in den Tempel geflüchtet waren. Bei dem dritten und vierten Blitz erkannte sie ihn deutlich und sah weg.

Sie schlug rasch ihren kleinen Fächer auf, versteckte ihr Gesicht dahinter, drängte sich aus dem Tempel hinaus und eilte mitten in den prasselnden Regen den Hügelweg hinunter in die graue, dampfende Sommerlandschaft.Weit weg stellte sie sich unter einen Zedernbaum, versteckt hinter einer Steinlaterne. Ihr Haar war vom Regen aufgelöst, ihr Fächer aufgeweicht. Sie hatte ihre Schmucknadeln aus dem Haar verloren, ihr seidenes Festkleid klebte an ihr wie eine Fischhaut. Sie weinte und weinte. Sie hatte doch nicht wissen wollen, ob der geliebte Mann verheiratet wäre, ob er eine Familie hätte. Sie hatte diesen Geliebten zu einem Gott, zu einer Erscheinung machen wollen, zu einer wollüstig gruseligen Tempelvision. Sie hätte sich gern blind geweint, um das Bild aus ihren Augen auszulöschen und den Schützen aus dem Tempel der fünftausend Genien nicht als Gatten und Familienvater sehen zu müssen.

Der Platzregen ließ nach, und die Spitze der roten sechseckigen Pagode, über den noch regendampfenden Wiesen, schien im Abendrot Feuer zu fangen. Das Abendrot ging durch die Wiesendämpfe, färbte die Zedernstämme rot, die Scharen der grauen, moosigen Steinlaternen braun wie Kupfer.

Das Abendrot beruhigte die Frau und gab ihr wieder den Glauben an inbrünstige Ungeheuerlichkeiten. Sie lächelte und fühlte sich rot durchtränkt von dem abenteuerlichen Licht und sagte ganz einfach:

«Die Blitze haben gelogen. Der Mann im Daibutsutempel eben war nicht der Mann aus dem Tempel der fünftausend Genien, den ich wie die Abendröte mit Inbrunst liebe. Er kann nicht zugleich hier und in Kioto sein, wo ich ihn gestern verließ, ohne ihm etwas von meiner Reise nach Nara zu sagen.» Aber sie getraute sich doch nicht, noch einmal zum Daibutsutempel zurückzugehen; und sich zu überzeugen, fehlte ihr der Mut.

Die Frau warf ihren zerknitterten Fächer fort, strich ihre Frisur glatt, schob ihren Gürtel zurecht und machte sich gesittet auf den Heimweg zum Bahnhof von Nara.

Sie reiste durch Kioto, ohne den Tempel der fünftausend Genien aufzusuchen, und ging nach Seta in ihr Haus zurück, tagsüber gepeinigt von dem Gedanken, daß der Mann, den sie in Kioto liebte, Frau und Kinder hätte. Sie wurde nur am Abend erlöst von dem fantastischen Abendrot, das sich über Seta in den wunderbarsten Blutlinienwellen hinzieht, so daß alles Unwahrscheinliche wahrscheinlich wird, so daß die Bäume blutrot wie Korallenwälder werden und die Hügel wie die Brüste und Körperlinien hingelagerter Männer und Frauen, als sei die Erde hier am Abend zu Menschenfleisch und Menschenblut geworden und kenne nichts als umarmende Wollust und Liebe. Die untergehende Sonne am Himmel ist dann in ihrer Röte nur wie eine kleine Kerze in einem roten Gemach, in dem sich zwei umarmt halten, wo das Licht keinen Sinn hat und keinen Wert, weil die zwei, von Leidenschaft entbrannt, sich mit geschlossenen Augen ohne Licht sehen.

Im Abendrot wurde der Biwasee rotgoldig glitzernd und wie von fünftausend goldenen Lanzenspitzen und goldenen Heiligenscheinen bewegt. Die Diele und die Wände im Hause jener Frau wurden düsterrot, als wären sie die uralten, düsterroten Balken des Genientempels in Kioto, als wäre in dem Hause der Frau irgendwo die geheimnisvolle, rote Balkentreppe, wo sie in der roten Tempeldunkelheit, auf der obersten Stufe, hinter dem hohen Geländer, Tag für Tag den Mann treffen könnte, der sie wie das Feuer der Abendröte schnell umarmteund nach der Umarmung wie die Abendröte in das Unbekannte wieder versänke.

In den kältesten Wintertagen konnten die Bewohner von Seta jene Frau zur Spätnachmittagstunde an dem geöffneten Fenster sehen, das auf das flüchtige Winterabendrot hinaussah, – die Frau, die einen kleinen Fächer schwang, als wäre es ihr heiß im Abendrot, trotzdem der Schnee auf dem Geländer des Altans lag und auf den Dächern der Holzhäuser von Seta.

Auch wenn die Abendsonne im Winternebel keine Kraft zum Röten des Himmels hatte und nur wie ein kleiner Tropfen roter Kirschsaft das weiße Laken des Himmels betupfte, saß die Frau zwischen den zurückgeschobenen Papierwänden ihres Teezimmers und fächelte sich, als müßte sie das Abendrot mit jedem Fächerschlag anschüren.

Der Frühling kam, und die Frau fürchtete sich immer noch vor einer Begegnung mit dem geliebten Mann und vor einer Enttäuschung. Sie beschloß eine große Reise zu den Tempeln von Nikko zu machen, im Norden Japans, um dort zu ihrem zweiten Sohn zu beten.

Die kurzweilige Bahnfahrt dorthin zerstreute sie, und sie lachte sich unterwegs wegen aller ihrer Zweifel aus und war schon, ehe sie nach Nikko kam, ganz im klaren, daß der Mann in Nara niemals der Mann von Kioto sein könnte, daß sie sich einfach in der Ähnlichkeit getäuscht hätte. Und sie nahm sich vor, so bald sie von ihrer Wallfahrt nach Nikko wieder zurückkäme, wollte sie den Tempel der fünftausend Genien wieder aufsuchen und versuchen, den Schützen zu treffen, der ihr versprochen hatte, sie fünftausendmal zu umarmen.

Das Rasseln der Eisenbahnräder, das Vorüberfliegen großer Plakatfiguren: gemalter Männer und Frauen, die an den Bahngeleisen amerikanische Fahrräder, deutsches Bier, englische Grammophone anpriesen, das eilige Leben in den eisernen Bahnhofhallen, alle die vorüberhastenden Eindrücke gaben der entmutigten Frau neuen Wirklichkeitsmut, und sie begann sich innerlich zu verspotten und bedauerte den langen Winter, der damit vergangen war, daß sie sich nur vom Abendrot in Seta, aber nicht von ihrem Geliebten hatte umarmen lassen.

Die schieferblaue Bergwelt von Nikko mit einer Silbersonne über den silbernen Kiesbächen, mit blausteinigen Schluchten, deren Ränder von schwarzen zerzausten Kryptomerien umstanden sind, tauchte auf. Das liebliche Japan war verschwunden, und ein heroisches Japan lag hier, mit nasser Felsenschlucht, mit senkrechten weißen Wasserfällen unter einer Sonne, die einem weißen Metallspiegel glich. Wie kupferrote Wimpel hing das rotblättrige Frühlingslaub der Ahornbäume über den Gebirgswegen. Hie und da blühten auch ein paar rosige wilde Kirschbäume und an der Sonnenseite der Abhänge ganze Wälder von rosigen Kamelienbäumen.

Das Bergwasser der Nikkoschlucht aber glitzerte, als wäre es die eherne Kette eines Rosenkranzes, daran Tausende von Gebeten gebetet werden.

Die Frau suchte die Tempel auf, die auf grünen, dunkeln Waldterrassen mit blaubronzenen Dächern und rotem Gebälk wie verwunschene Waldschlösser unter bärtigen, tausendjährigen Kryptomerienbäumen liegen.

Viele Tempelwände sind mit kopfgroßen Chrysanthemumblumen aus erhabener Perlmutterarbeit geschmücktund leuchten in sieben Regenbogenfarben. Auf andern Wänden sind aus goldenem Lack in Relief erhabene goldene Löwen und goldene Tiger in springenden Stellungen gearbeitet. Auf andern aus rotem Lack rote Fasanen, aus grünem und blauem Perlmutter Pfauen, aus Elfenbein weiße Kaninchen und weiße Rehe und ganze Elfenbeinwände voll von weißen und bläulichen Päonien, umgeben von Schmetterlingsscharen aus Perlmutter.

Diese kostbaren Tempelwände unter grünen Waldbäumen, unter blau und weißem Wolkenhimmel und umwandert von gelbem Sonnenschein, scheinen mit ihrem irisierenden Perlmutter eine lebende Welt von immerblühenden hochzeitlichen Blumen und eine unvergängliche Welt von sich tummelnden wilden und zahmen Tieren zu sein.

Die Frau kam auf die erste Terrasse, wo die drei berühmten Affen auf einem Tempeltor dargestellt sind, geschnitzt und bemalt. Der erste Affe hält sich die Augen zu, der zweite Affe die Ohren, der dritte Affe hält sich den Mund zu. Und ihre Bedeutung ist: Du sollst nichts Böses sehen, du sollst nichts Böses hören, du sollst nichts Böses reden.

«Wie leicht ist das getan für den, der geliebt wird, und wie schwer für den, der an der Liebe zweifeln muß», dachte die Frau und ging an den drei Affen vorüber. Und sie kam zu dem schönsten aller Tempeltore. Dessen weiße Säulen sind mit erhabenen Schnitzereien, mit Bäumen, Schilf, Kranichen, Drachen und Wolken geschmückt. An den Friesen der Säulen entlang wandern Scharen von winzigen kleinen Göttern. Dieses Tor ist so vollkommengearbeitet, daß es, als es fertig war, den Neid der Götter erweckt hätte, wenn man nicht an einer der Säulen absichtlich einen ungeschickten Fehler angebracht hätte, um die neidischen Götter zu versöhnen.

«So vollkommen wie dieses Tor wäre die Liebe zweier Menschen auf Erden, und die Götter würden die Menschen beneiden müssen, wenn sich nicht glücklich Liebende immer einen künstlichen Liebeszweifel erfänden», dachte die Frau und ging durch das kostbare Tor in den Tempelhof der zweiten Terrasse.

Hier ist zur rechten Hand über einer Tempeltür von einem Maler eine lebensgroße weiße Katze gemalt. Die scheint zu schlafen und schläft schon Jahrhunderte. Aber wer sie lange ansieht und sich einen Herzenswunsch dabei denkt, dem kann es, wenn sein Wunsch in Erfüllung gehen darf, begegnen, daß die schlafende Katze ihre Augen öffnet und ihn anblinzelt.

«O, ihr Götter», wünschte die Frau, die Katze über dem Tor betrachtend, «laßt eure Tempelkatze die Augen öffnen und mich ansehen, wenn mein Geliebter in Kioto und jener Mann, den ich in Nara sah, zwei verschiedene Männer sind.»

Die Frau starrte die schlafende Katze an, aber die gemalte Katze hielt die Augen geschlossen und blinzelte nicht.

«Ist es möglich, daß ich recht gehabt haben sollte? Die beiden Männer sind einer und derselbe gewesen! Und mein Geliebter hat eine Familie und macht eine andere Frau außer mir glücklich? O, weiße Katze, schlage doch die Augen auf und sage damit Nein! O, ich will dich ansehen, bis ich blind werde!»

Die Katze hielt die Augen geschlossen, und die Frau verzweifelte, und ihr Herz schmerzte, als würde es ihr ausgerenkt.

«Gut, o Götter, wenn ihr diesen Wunsch nicht erfüllt», sprach sie plötzlich entschlossen, «dann laßt mich dem Mann noch einmal begegnen, um mich zu überzeugen; und zweifle ich dann nicht mehr, daß es derselbe ist, dann laßt mich blind werden mein Leben lang. Schlafende Katze, öffne jetzt deine Augen und sage Ja!»

Die Frau zitterte und hielt sich mit den Fingerspitzen an einer roten Lackwand des Tempelhofes. Die großen Kryptomerienbäume über den Tempeldächern bewegten sich schaukelnd für ein paar Sekunden und warfen Licht- und Schattennetze über die Tempeldächer, über die Lackwände und über die gemalte weiße Katze. Und im Licht- und Schattenspiel schien sich die weiße Katze zu bewegen, sie blinzelte und zeigte für eine hundertstel Sekunde ihre senkrechten Pupillen.

«Sie hat mich angesehen», seufzte die Frau, und klapperte humpelnd auf ihren Holzschuhen, demütig mit gesenktem Kopf, als wäre sie um viele Jahre gealtert, durch die schmale Vorkammer in den Seitentempel.

Da drinnen war ein langes Gemach, und hinter langen Glaswänden lagen in seidenen Futteralen die Schwerter verstorbener japanischer Helden und Könige, ihre Rüstungen und ihre Helme aus Lack, Kork und Holz geschnitzt und mit Bronze beschlagen. Auch große Bogen und Köcher mit Pfeilen standen da.

Die Frau blieb unwillkürlich vor einem großen schwarzen Bogen stehen und legte ihre warme Stirn an die kühle Glasscheibe des Glasschrankes. Es war ganz menschenleerhier, nur vorher hie und da waren ihr Pilger begegnet auf den Treppen und den Terrassen der Tempel – Männer und Frauen aus allen Teilen Japans, welche Nikko besuchen.

Wie sie jetzt an der Glasscheibe lehnt, sieht sie in dem spiegelnden Glas durch dieselbe Tür, durch die sie in die lange Kammer eingetreten ist, einen Mann kommen, der eine weißhaarige, gebeugte alte Frau begleitet. Die kleine Alte stützt sich auf einen Stock und auf den Arm des Mannes und sagt zu ihm: «Mein Sohn.»

Die Frau wendete ihren Kopf betroffen von der Glasscheibe und warf nur einen Blick über ihre Schulter. Dann sah sie rasch wieder in den Glasschrank zurück, als wollte sie ihr Gesicht im Glas verbergen. Sie hielt den Atem an und ließ den Mann und die alte Frau an ihrem Rücken vorübergehen.

Die Götter hatten ihr ihren Wunsch erfüllt! Sie hatte ihren Geliebten noch einmal gesehen, und sie wußte nun auch, daß er eine Mutter hatte wie andere Menschen, und daß er ein Menschensohn war, daß er nicht bloß Vater und Gatte war, so wie sie ihn in Nara gesehen hatte, daß er auch Kindespflichten kannte, seine alte Mutter an seinem Arm stützte, und daß er ihr nun nie mehr der Gott der Abendröte sein könnte, der Gott des Unbekannten, des Abenteuerlichen, der Gott der Inbrunst ohne Pflichten und ohne Schranken.

Und nun wollte sie blind werden und nicht mehr in der Gegenwart und Wirklichkeit leben, sondern im Dunkeln sitzen, wie ein Herz in der Brust, ohne Licht, nur vom dunkeln Blut umgeben.

Gealtert und bekümmert kehrte die Frau von ihrerWallfahrt nach Seta an den Biwasee zurück, ohne den Tempel der fünftausend Genien in Kioto zu besuchen, wie sie sich vorgenommen hatte.

Ein brennender, feuriger Sonnensommer verwandelte den Biwasee täglich in eine weißglühende Masse. Zwischen dem flammigen Spiegel des Sees und dem flammigen Spiegel des Sonnenhimmels saß die Frau auf dem Altan ihres Hauses oder in einem schaukelnden Boot und ließ sich die tausend funkelnden Sonnenscheiben, die sich in den Wellen brachen, wie tausend Brenngläser in ihre Augen stechen. Wenn sie vor Schmerzen die Augen schloß, saß sie in einer feuerrot durchflammten Dunkelheit, als wäre sie mitten im Abendrot von Seta, als wäre sie die rote untergehende Sonne selbst.

Sie wurde blind, wie sie gewollt hatte. Aber auch erblindet sahen sie die Leute von Seta Sommer und Winter, Abend für Abend, mit dem Fächer auf dem Altan sitzen, zu der Stunde, wo das Abendrot in Seta die irdischen Landschaften zu roten Götterlandschaften verwandeln kann und die irdischen gesetzmäßigen Menschengesichter in berauschte unirdische Göttergesichter.

An einem Winternachmittag, als der Nebel des Sees so dick lag, daß die Sonne schon am Mittag im Winterrauch wie eine papierne Scheibe blaß verschwand und ein Hauch von Abendröte erschien, saß die Blinde wieder mit begeistertem Ausdruck auf dem Altan und beschrieb der Dienerin, die ihr den Tee brachte, daß sie rote Wolken sähe, rot wie das Tempelgebälk eines Kiototempels, und daß fünftausend goldene Genien mit hunderttausend goldenen Armen über die roten Wolken geschritten kämen, und daß ein Bogenschütze an der Spitze der Fünftausendginge. Er winke ihr auf der obersten Stufe einer roten Treppe.

«So schön wie heute sah ich das Abendrot von Seta noch nie», sagte die Blinde und lehnte den Kopf an das Altangeländer, von dem der kalte Schnee abbröckelte. Ihre kleine Teetasse klirrte. Sie setzte sie mit zitternden Fingern auf den Boden. Sie fächelte sich noch mit dem Fächer, indes ihr Gesicht die Helle des Schnees annahm. Dann starb sie lächelnd.

An großen Masten ragen ein Dutzend weiße elektrische Bogenlampen in die Nacht. Sie beleuchten einen Landungskai im Hafen von Marseille. Wie ein langer weißer Kreideblock liegt dort ein weißer eiserner Orientdampfer mit Hunderten von runden, gelbleuchtenden Kabinenfenstern. Rot, gelb und weiß beschienene Gesichter und viele beleuchtete Hände und Arme hantieren in der Nacht auf der Plankenbrücke und um die klirrenden Ketten der Verladungskähne, wo Haufen von Koffern, Reisekörben und Reisekisten verstaut werden.

Durch die langen, schneeweißen Korridore drinnen im Dampfer eilen schneeweiß gekleidete Inder mit schwarzen Gesichtern und schwarzen Händen, aus prächtigen Küchen, in denen üppiges Kupfer leuchtet, in die prächtigen Speisesäle, die von rotem Mahagoniholz und blanken Messingsäulen, von Prunk und Gediegenheit strotzen, darinnen alles seltsam stille steht, indessen die bittere, bewegliche Seeluft durch die glühlampenhellen Räume und durch die Korridortüren wie ein unruhiges Fluidum streicht. Diese Seeluft, die in dem Schiffspalast, auch wenn er am Kai still steht, immer noch allen Räumen quecksilberhafte Ungeduld gibt, wie der Saft einer Pflanze, die man vom Wald ins Zimmer geholt hat. Ein ruhiges Schiff ist kein stillstehender Gegenstand, denn die Wanderluft, die auch im Hafen noch um seine Räumestreicht, läßt es nicht schlafend und nicht tot erscheinen. Die Offiziere, Matrosen und Bedienungsmannschaften behalten auf dem ruhigen Schiff immer noch das bittere Fieber der Seeluft in der Brust, und allen erscheint Ruhe als ein Unglück und Wandern als das alleinige Glück.

Das Schiff legt nachts in Marseille an und soll morgen um neun Uhr früh seine Weiterfahrt nach Asien und Japan antreten. Die meisten Passagiere haben für ein paar Nachtstunden das Schiff, das schon aus London kommt, zu einem kurzen Aufenthalt in Marseille verlassen, um wieder einmal Abendbrot an Land zu essen, denn das Schiff ist schon seit mehreren Tagen unterwegs und hat seit London keinen Hafen angelaufen.

Jetzt neigt sich die Nacht ihrem Ende zu. Die elektrischen Lampen brennen noch, aber der Himmel wird schon blau, und Scharen von lachenden und etwas kindisch heiteren Passagieren kehren aus den Nachttheatern und Nachtcafés der Stadt zurück. Junge Leute haben rote und blaue Kinderluftballons an ihre Hüte gebunden. Damen haben sich Arme voll Blumen gekauft, Winterveilchen von der Riviera; und alle Gesichter sehen belustigt aus, als kehrten diese Menschen von einem Volksfest heim. Alle haben sie nur für ein paar Stunden mit ihren Füßen die Erde besucht, die schöne, ruhige, stillstehende Erde mit ihrem irdischen Staubgeruch, und die hat die Passagiere im Herzen so überschwenglich und warm gestimmt.

Jetzt müssen alle wieder auf die schwankenden Schiffsbretter, zurück auf das buckelige Meer, in die staublose, unirdische Seeluft, in der ihnen die Sonne noch treu bleibt, wo aber die Erde meilentief in das Wasser sinkt.

Ein blauer, lauer Januarmorgen brach an. Die Lampen am Kai und im Schiffsinnern verloschen. Dafür zündete die Morgensonne tausend Lampen in den tausend Wellenspiegeln an, und die Messinggeländer des schneeweißen Schiffes, seine roten Schornsteine und zinnoberroten Ventilatoren leuchteten wie die künstliche Kulissenwelt eines Theaters, aufgebaut unter dem indigoblauen Mittelmeerhimmel.

Am Kai standen Verkäufer von Bergen von hölzernen Segeltuchstühlen, die sie an die Passagiere für die weite Seereise nach Asien verkauften. An der Abfahrtshalle vor der Telegraphenoffice drängten sich die Reisenden, schrieben auf umgestülpten Koffern, Tonnen und Kisten Telegramme, – die letzten Abschiedsgrüße aus dem letzten europäischen Hafen nach den Heimatorten.

An den langen Geländern des Promenadendecks standen Kopf bei Kopf, Ellenbogen bei Ellenbogen. Viele kleine Kodaks knipsten und fingen das Hafenbild.

Auf der nassen Kaimauer vor der Reihe der Packträger und Verlader hatte ein Athlet einen braunen Teppichfetzen ausgebreitet. An dem einen Ende des Teppichs tanzte in gelbem Trikot und rosa Tüllröckchen seine zehnjährige Tochter und klapperte mit Kastagnetten, armselig und ungeschickt.

Auf der andern Ecke des Teppichs stand der Sohn des Athleten in blauem Trikot und spielte auf einer dünnen Violine. Auf der dritten Ecke lagen Gewichtsteine und Kugeln, und auf der vierten Ecke des Teppichs stand der Athlet selbst in schmutzig weißem Trikot und stemmte die Gewichtkugeln, Kanonenrohre und eisernen Wagenräder.

Die Schiffssirene hat bereits mehrmals ihre gellenden Abfahrtssignale gegeben. Der Athlet, die kleine Tänzerin und der kleine Geiger rauften sich mit den Packträgern um die Kupfersousstücke, die wie ein brauner Hagel vom Schiff auf den Kai regneten. Scharen englischer Clerks, die nach Indien reisen wollten und rote, whiskytrunkene Gesichter aus dem Nachtleben von Marseille mitgebracht hatten, brüllten im Chor hundert «Cheers for Old England».

Dann bewegte sich wie eine Drehbühne das mächtige Schiff vom Ufer weg. Die sich balgenden Leute am Ufer, die Landungshallen verkleinerten sich, als schrumpften sie in irgendeine Tasche hinein. Erdbilder, Felsenufer, weiße Kalksteingebirge, graue Dächerreihen drehten sich wie Bilder, gemalt auf einen Riesenkreisel, vorüber. Das Schiff schien still zu stehen, aber die Erde wurde zu einer ungeheuren Kugel, die sich unter dem Schiff drehte.

Allmählich liefen die Bilder immer kleiner, ferner und farbloser wie Nebelwische vorüber, und nun nahm der gewaltige Rausch der Seeluft das Schiff in sich auf, und das Ungeheuer, der endlose Himmel, machte die lauten Passagiere still, löste nicht nur die Erde unter den Füßen, sondern nahm auch den Gedanken jede Festigkeit und Sicherheit, machte das Blut argwöhnisch, die Füße schwankend, die Gehirne ohnmächtig.

Hunderte von Deckstühlen wurden an die Geländer gebunden, daß sie nicht von dem Seegang hin und her rutschten. Unter riesigen Reisekappen, in ungeheure Reisemäntel und in vielfarbige und karierte Schals gewickelt, lagen die Passagiere, ausgestreckt in endlosen Reihen, auf dem weißen Promenadendeck. Die weißgetünchten Eisenwände,die sachlichen Eisengeländer, die alle gerade und senkrechte Linien zeigten, flößten Sicherheit, aber auch Nüchternheit ein, als wäre das Schiff ein riesiger, physikalischer Apparat in einem Laboratorium, als wären die Menschen Präparate, die da künstlich aufbewahrt würden, bis zur Landung an einem andern Kontinent.

Unter den Schiffspassagieren, die da in Reih und Glied in Liegestühlen auf den langen Decks lagen, als wären die Deckpromenaden Lazarette, fielen zwei Japaner auf, die von zwei deutschen Damen, einer jungen rotblonden und einer alten weißhaarigen, begleitet waren. Es waren die beiden Schauspieler Kutsuma und Okuro, die mit der Sada-Yakko-Truppe eine Europa-Tournee unternommen hatten und jetzt, getrennt von der Truppe, nach Japan zurückkehrten.

Okuro hatte sich eben erst mit einer deutschen Dame verheiratet, und diese, welche immer mit ihrer Großmutter zusammengelebt hatte, wollte sich auch nicht in der Ehe von ihr trennen. Darum begleitete die achtzigjährige weißhaarige Alte das junge Ehepaar nach Japan.

Die beiden Japaner waren europäisch gekleidet; nur ihre gelben Gesichter und ihre kleinen Figuren fielen unter den langen, rosahäutigen Engländern auf.

Ilse, Okuros junge und schöne Frau, hatte Goldglanzhaare, goldrot, wie der rote Metallglanz der Goldfische.

Sie trug ein smaragdgrünes Reisekleid und war unter allen den braunen, grauen und schwarzkarierten Engländerinnen und Engländern wie ein Sonnenprisma. Ihre gute Laune gab ihrem Wesen die Fülle eines freigebigen Sommers.

Die Großmutter neben ihr mit dem weißen Haar, daswie ein alter Silberschmuck den Kopf umgab, lachte ebenso wie ihre Enkelin immer mit blauen Augen, und ihr Gesicht war wie ein sonniger Wintertag, frisch und lautlos.

Nie sind zwei Menschen fröhlicher und sorgloser in die Zukunft gereist als diese beiden Damen. Okuro hatte sich ein Vermögen durch seine Tournee verdient. Ilse wußte nicht, was sie mehr an ihrem Mann schätzen sollte: die ausgesuchte Fürsorge, mit der er sie umgab, die große Anspruchslosigkeit, mit der er auftrat, oder die große Leichtigkeit, mit der er alle Schwierigkeiten lächelnd aufnahm.

Nur eines machte ihr Unruhe: sie verstand allmählich, daß ein Asiate nicht ist: wie fünf und fünf ist zehn, sondern daß bei ihm fünf und fünf einmal Tausend und einmal Null sein kann. Sie ahnte, daß sie noch nicht den hundertsten Teil von dem Gehirn ihres Mannes kannte, und manchmal merkte sie, daß seine kleinen asiatischen Augen, die eben noch rosinensüß und lächelnd ausgesehen hatten, plötzlich schwarz und bitter wie Gallapfelsaft werden, oder sogar tödlich, vernichtend wirken konnten wie schwarze, funkelnde Tollkirschen.

Aber gerade, daß sie seiner nicht sicher war, daß sie seine Weltallruhe und sein göttliches Aufgehen im Verstehen des Kleinsten bewundern und dann wieder plötzlich erschrecken mußte vor tierischen Kehllauten, die er ausstoßen konnte, und die bestialische Leidenschaftlichkeiten vermuten ließen, – dieses machte Ilses Seele sanft wie ein Kaninchen, das man mit einer Klapperschlange zusammengesperrt hat. Und sie war ihm in die Ehe gefolgt, weil sie sich nach einer Welt von Abenteuern sehnte, nach exotischen Geheimnissen.

Als der rauchende und erhitzte Dampfer zwischen dem blauen Äther des Mittelmeerhimmels und dem gasblauen Wasser des Mittelmeeres sich jetzt von Europa trennte, um Afrika und Asien zu erreichen, erschien Ilse das weiße, blendende Schiffsgerüst in der Bläue ringsum wie der weiße Silberkörper eines Riesenfisches, der viele Meilen in die Bläue untergetaucht wäre und unter den Meeren mit ihr fortschwämme. Nur das gelbe Stück Sonne oben war wie ein Stück Land, das in die Bläue herabschiene. Und sie hoffte, so verzaubernd wie das Meer, so von Grund aus sollte sich jetzt ihr Leben in der Zukunft verändern, daß alle Begriffe sich umstülpten.

Aber als in der zweiten Nacht die elektrischen Kailampen von Messina, das damals noch nicht untergegangen war, in langer Reihe vorüberzogen, nahm Ilse ihrem Mann Okuro, der neben ihr im Deckstuhl saß und in der Dunkelheit nur am roten Punkt seiner Zigarette ihr erkenntlich war, die Zigarette aus dem Mund, warf sie über Bord und sagte, schmollend in ihrer Flitterwochenstimmung:

«Geliebter, wie kannst du rauchen und dich mit deiner Zigarette lautlos unterhalten? Ich bin eifersüchtig auf deine Zigarette und deine Ruhe bei ihr. Ich bin noch keine so alte, ruhige Frau wie meine Großmutter, welche einschläft, wenn du stundenlang schweigend rauchst. Ich möchte lieber, daß du mich erwürgst, ins Meer wirfst, oder irgend etwas Böses mit mir tust, aber ich mag nicht, daß du so ruhig und gleichgültig neben mir rauchst. Wir kennen uns noch nicht auswendig. Nur ist das, als wärest du mir untreu, wenn du die Zigarette mehr liebst als mich.»

Darauf antwortete der junge asiatische Ehemann:

«Wenn ich Diener brauche, die dich und mich bedienen, so bin ich deshalb nicht ein schwacher Mann, der sich nicht selbst bedienen könnte. Wenn ich eine Zigarette brauche, die mir Ruhe gibt, so habe ich deshalb dich nicht aus meinem Herzen verstoßen, denn dich brauche ich natürlich erst recht zu meiner Ruhe. Die Zigarette allein würde mich nicht genügend mit Ruhe bedienen.»

Ilse fuhr schnell und heftig auf:

«Wenn du vielleicht statt der Zigarette eines Tages eine andere Frau brauchst, die dich mit Ruhe bedienen müßte, dann dürfte ich auch nicht unruhig werden, Okuro?»

Dieser lächelte und sagte noch ruhiger:

«In Japan liebt ein Mann seine Frau immer, so lange er sie nicht fortschickt. Und Frauen fragen bei uns nicht nach den Wegen, die ein Mann gehen muß, und die ihn zum Manne machen.»

Ilse wurde noch heftiger:

«Du darfst also viele Frauen lieben, wenn es dich zum Manne macht? Und ich soll keinen Schmerz empfinden, wenn du deine Nächte mit anderen Frauen teilst und deine Umarmungen, deinen Leib und dein Herz anderen Frauen gibst, wo ich doch dachte, daß der Tag der Hochzeit dich mir ganz und gar geschenkt hätte?»

«Nichtichbindein, sonderndubistmeingeworden», antwortete ruhig der Japaner. «Ichbinichgeblieben und bin nur durch dich mehr geworden. Aber du bist seit dem Tag unserer Hochzeit nach unseren asiatischen Begriffen verschwunden und bist nicht mehr.»

«Ich bin also schon», lachte Ilse, «an dem Tag unsererHochzeit ins Nirwana eingegangen und gehöre jetzt zu den Toten?»

«Ja, Ilse, größtes Glück ist Nirwana. Und die Frau, die sich nicht um das wirkliche Leben zu kümmern braucht, um Geldverdienen und Staatsgeschäfte, kann deshalb schon am Tag ihrer Hochzeit ins Nirwana eingehen, der Mann erst am Tage seines Todes.»

«Aber ich will gar nicht im Nirwana sein, wenn du nicht darin bist», rief die junge Frau eigensinnig. «Und so lange du im gewöhnlichen Leben bist, will ich auch eine gewöhnliche Lebende sein.»

Okuro sagte ruhig: «Die Götter haben euch Frauen keine Knochen gegeben, um im gewöhnlichen Leben so fest zu stehen wie der Mann.»

Dieses war das erste von hundert ähnlichen Gesprächen, welche Ilse und Okuro, in ihren Deckstühlen liegend oder um die Schiffsschornsteine promenierend, morgens, mittags und abends führten. Seit Europa verschwunden war und das nach Asien schweifende Meer vor ihnen lag, bauten sich die Gedankenwelten der beiden Neuvermählten in der Leere des Meeres wie die Ufer von zwei einander gegenüberliegenden Ländern voreinander auf.

Nie hatten die beiden in den lebendigen Alltagstunden des zerstückelten Tageslebens von Berlin, wo sie sich kennen gelernt hatten, Muße gefunden, mehr voneinander zu sehen als nur leichte Beleuchtungen, unterhaltende Augenblicksbilder ihres Herzens. Jetzt aber, unter der unendlichen Weite, auf der Reise über die halbe Erdkugel, die vor ihnen lag, unter der Riesenruhe des körperlosen Himmels und des unbegrenzten Wassers und in der Ruhe der unendlichen Einförmigkeit des kasernenhaftenSchiffslebens, wuchsen die Betrachtungen der beiden wie meilenlange Seeschlangen, die unterirdisch dem Schiff folgten und hie und da in großen Wellenlinien an die Oberfläche kämen.

Bei dem ersten Gespräch von dieser Art, das bei Nacht in der Meeresenge von Messina geführt wurde, sahen sich die beiden nicht. Ihre Deckstühle standen im Schatten von großen Rettungsbooten, und es war zu der späten Stunde, da die Deckbeleuchtung der gelben Glühbirnen halb gelöscht ist. Es fehlte diesem Gespräch das Echo der Gesichtsmienen und Bewegungen, und da es als erstes Gespräch nicht zu Ende geführt wurde, und da sie danach nur immer ihre Stimmen im Ohr und nicht ihre Gesichter gesehen hatten, so blieb dieses Gespräch wie ein ewig dunkler verborgener Keim, der auf dem beweglichen Schiff und auf der Bodenlosigkeit der Meerestiefe keine Wurzel fassen und nicht ausgerissen werden konnte, sondern mit ihnen schwamm und anwuchs wie ein millionenfingriges Seegewächs.

Als Ilse und Okuro die erste Landstation, die lange, weiße Molenmauer von Port Said, unter dem grünlichblauen Afrikahimmel sahen, da hingen die Gespräche über die verschiedene Denk- und Empfindungsweise der beiden wie der Schaum des Fahrwassers hinter ihrem Schiff. Ihre Gedankenwelt schrumpfte aber sofort ein und verflüchtigte sich zu einer angenehmen Gedankenlosigkeit, als die beiden mit Kutsuma und der Großmutter für ein paar Stunden in den langen Bazarstraßen von Port Said unter Ägyptern, Arabern, Abessiniern in den Straßencafés saßen und den Millionärstöchtern der Amerikaner zusahen, die, mit den üppigsten Pelzen bekleidet,hier in dem nächtlich kühlen Ägypten landeten und den kleinen Port Saider Bahnhof belagerten, um den Schnellzug nach Kairo und in das Wüstenland nach Heluan zu besteigen.

Sowie sich Ilse von schwarzhäutigen Afrikanegern in langen weißen und blauen Leinwandhemdkleidern umgeben sah, von schwarzen Schultern und Gesichtern, die wie eine Schar lebendiggewordener riesiger Kaffeebohnen hier am Kai durcheinanderliefen, fühlte sie sich magdhaft, fraulich und sehnte sich schutzsuchend neben ihrer Großmutter nach ihrem Mann. Wenn sie sich dann umsah und hinter ihr Okuro und Kutsuma gingen, fühlte sie keine Sicherheit, keine Ruhe, denn die zierlichen gelbhäutigen Japaner waren hier in Afrika noch weniger zu Hause als in Europa; und Okuros gelbe Gesichtsfarbe erschien ihr lächerlich und leichenhaft neben der schönen Pulverfarbe der Afrikaner.

Hier am Land waren es jetzt nicht nur die Gedanken der Europäerin, die gegen die Gedanken des Asiaten Wortgefechte führten. Es war noch schlimmer: es war der Körper selbst, der dem Herzen abtrünnig zu werden schien.

Als sie am Abend zum Schiff zurückkehren mußten, ging die junge Frau früher als sonst zu Bett. Sie schloß ihre Augen hartnäckig und stellte sich schlafend, als Okuro ihr Haar streichelte und ihr ein paar zärtliche Worte zuflüsterte.

Ilse hütete sich wohl, der Großmutter am nächsten Tag von ihren wankenden Gedanken und Gefühlen zu erzählen. Auf dem Weg über das Mittelmeer nach Afrika hatte sie geglaubt, es sei der schwankende Schiffsboden, der sie selbstquälerisch und heimatlos stimme, und aufdem sie sich behaupten müsse. Aber der Spaziergang in Port Said hatte sie noch mehr erschreckt, und sie konnte sich nicht der Überlegung erwehren, ob sie von jetzt an schweigen und asiatisch dulden oder sich auflehnen und europäisch behaupten müßte.

Trotzdem lachte sie äußerlich. Ihr rotgoldenes Haar strahlte schon allein ein reiches sommerliches Lächeln; Ilse war im Grunde viel zu genußsüchtig, als daß sie unter Gedanken lange hätte leiden mögen, und es schien, als ließe sie ihr rotes Haar immer gern wie zu einem täglichen Lebensfest leuchten.

Die Deckbevölkerung hatte sich vermehrt und verändert. Reiche indische Kaufleute in europäischer Kleidung, aber mit sehr viel Ringen und goldenen Uhrketten geschmückt, standen wie die Schatten der weißen Leute auf den langen Schiffspromenaden herum, hatten die Augen von guten Waldtieren oder von eiteln Tropenvögeln. Die schmalen Messingstiegen, die vom Promenadendeck der ersten Klasse in das tiefere Zwischendeck hinunterführten, waren drunten belagert wie von einer Maskerade. Mekkapilger mit smaragdgrünen Turbanen, buddhistische Mönche in senfgelben Mänteln, türkische Hausierer in dunkelblauen und violetten Kaftanen, nackte Fakire, in dicke Stricke und Muschelketten gekleidet, indische Handwerker in weißen Schleierhosen, roten Sammetwesten und goldgestickten Kappen und die braune indische Schiffsbemannung des englischen Dampfers in blauen Hosen und roten Schärpengürteln mit tigerartig geschmeidigen nackten Oberkörpern, und die alle barfuß wie die Tiere auf dem Feld durcheinanderliefen, vervollständigten das Papageienbild des Zwischendecks.

Das Schiff wanderte und wanderte, beladen und belastet mit den hundert verschiedenen Ideenwelten von hundert verschiedenen Rassen. Es hatte die lange Sandwüstengasse des Suezkanals passiert, wo der Sand auf Meilen wie gelber Goldstaub lag, und wo weiße Salzlakenmoore gleich weißen Eisflächen glänzen. Auf die Öde und den Stillstand dieses Landes folgte die höllische Glutbrunst des Roten Meeres, wo das Meer nicht rot vor Korallen ist, sondern rot wird von der Hitze, mit der es deine Augen brennt, wo die Sonne wie ein Feuereimer das Tageslicht gleich rotem, flüssigem Metall ausgießt, wo violette Steingebirge in Nubien dastehen und gegenüber in Arabien solche, die silbernen Aschenhaufen gleichen, wo der Berg Sinai als Silhouette am Himmel vor Hitze zittert.

Die Arbeit der indischen Matrosen auf dem Schiff besteht jetzt den ganzen Tag darin, die Segeldächer über den langen Schiffspromenaden über den in Reihen hingestreckten und vor Hitze aufgelösten Passagieren zuzuziehen und je nach dem Stand der Sonne anders zu stellen. Mit Strohhüten und weißen Sommerkleidern liegen Herren und Damen wie am Rand einer Strandpromenade, vor Hitze aufgedunsen, als wäre das Blut von der Hitze in den Menschenkörpern zu Rotwein geworden, als wären die Reisenden vom Alkohol betäubt und blau gedunsen, – so liegen die Scharen der Reisenden wie in einer betrunkenen Schlafwelt auf der dreitägigen Fahrt durch das Rote Meer.

In den Schiffssälen bewegen sich an der Decke lange weiße Leinwandfächer, die gleich den Stoffen eines Bühnenhimmels quer durch die Räume gezogen sindund sich wie ein weißer Wellengang über die Köpfe der Speisenden bewegen, aber keine Kühlung geben und nur die brühwarme Meeresluft von einem Gesicht zum andern schicken.

Das große geheizte Schiff wandert und wandert. Die Fernrohre entdecken täglich wieder Afrika auf der einen Seite, Arabien auf der andern. Das glühende Schiff schleppt am Tage die Sonne wie einen Riesenballast mit. Am Abend scheint der Himmel zur Wüste ausgetrocknet zu sein und wird goldgelb wie Wüstensand. Dann stehen über Afrika lange schilfgrüne Wolken, gleich spukhaften Erscheinungen unwirklicher grüner Felder. Jetzt nach Sonnenuntergang werden die Segeldächer gerafft. Die Reisenden, die vor Hitze nicht hatten sprechen können, und jeder Mund, der geglaubt hatte, es würden ihm Flammen aus der Lunge fahren, beginnen den Abend zu bewundern, der aber immer noch heißer bleibt als ein europäischer Julitag.

In diesen Hitzetagen, die alle Hirngespinste wegbrannten, war Ilse nicht Europäerin, nicht werdende Asiatin, sie war wie der Klumpen Sonne selbst, der oben über dem Schiffsmast hing und mit dem Schiff weiterzog. Sie brauchte keine Nachsicht zu üben, sie brauchte keine Behauptungen, um sich sicher zu stellen. Es war, als impfe die Sonne mit ihrer Glut Liebe ein. Und jeder Menschenkörper war heißes Metall geworden und begriff kaum mehr die Unterschiede von Tag und Nacht, von Jugend und Alter, von Zeit und Vergänglichkeit, von Gegenwart und Zukunft.

Die Hitze, die alles verschmolz, brachte in den Tagen des Roten Meeres Ilse und Okuro so eng und sinnlichzusammen wie nie vorher, wie nicht einmal die erste Hochzeitsnacht. Wenn sie auch den Tag in der Reihe der Hunderte von Deckstühlen Seite an Seite, wie in einem Lazarett aufgebahrt liegend, zubrachten, so war es, als schliefen sie in der Hitze einen gemeinsamen Schlaf. Die Hitze legte ihren Arm sicher um beide. Ohne daß sie ihre Arme ausstreckten und sich berührten, ohne daß ihre Lippen sich fanden, lagen sie mit dem Gefühl großer Innigkeit und Friedlichkeit unter der langen Reihe von Reisenden wie allein in ihrem eigenen Schlafzimmer und eng vereinigt.

Niemals fiel es Ilse und Okuro ein, nach Sonnenuntergang, wenn sie vom Tagesschlaf erwachten, sich andere Dinge als Herzlichkeiten zu sagen. Ilse lehnte in ihrem langen weißen Abendkleid am Schiffsgeländer, Okuro neben ihr im schwarzen Abendanzug. Er sagte ihr, ihr Hals sei schmal wie der afrikanische junge Mond. Und sie sagte, daß sie seine Hände so liebe, die nie einen Ring trügen, die Knöchel hätten, fein und stark wie die kräftigen Federposen elastischer Vogelflügel. Und sie sahen beide den in weißen elektrischen Kreisen leuchtenden Meertierchen zu, die gleich metallischen Kinderkreiseln auf den Wellen entlang tanzten.


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