Chapter 10

Am Tage vor dem Begräbnis ritt Heinrich von Withold, Elisabeths Bruder, in den Hof des Scholta. Er sprang vom Pferde und reichte die Zügel einem Mädchen hin, das eben in die Haustür trat. Es war Hanka.

»Bind mal den Gaul an einer passenden Stelle fest, schönes Kind!« sagte Heinrich leutselig.

Das Mädchen errötete, und ihre hohe Gestalt straffte sich.

»Ich werde einen Knecht oder eine Magd rufen«, sagte sie.

Da sah Heinrich von Withold ein, daß er wohl eine Unhöflichkeit begangen habe. Er stammelte eine Entschuldigung und band sein Roß selbst fest.

»Ich bitte um Verzeihung, verehrtes Fräulein«, sagte er dann; »ich bin ja hierzulande nicht fremd, aber ich kann mir die Abzeichen der Wendentracht partout nicht merken. Wollen Sie mir sagen, meine Gnädigste, ob ich den Herrn Scholta sprechen kann?«

»Da kommt er schon.«

Der wendische Großbauer und der deutsche junge Edelmanntraten sich gegenüber. Heinrich geriet in Verlegenheit, aber dann nahm er all seinen Schliff zusammen und sagte:

»Herr Scholta, ich erlaube mir, Ihnen namens meiner Familie einen Kondolenzbesuch abzustatten und Ihnen anläßlich des Hinscheidens Ihrer Frau Gemahlin unser herzlichstes Beileid auszudrücken. Mein alter Herr würde dieser traurigen Pflicht selbst nachgekommen sein, aber er ist noch verreist. Wollen also mit dieser Stellvertretung gütigst vorliebnehmen.«

Auf diese geschniegelte Rede hin wußte der alte Wende nichts zu sagen. Er nahm verlegen seine Kappe ab und sagte:

»Ja – ja, die Frau ist gestorben!«

Darauf wußte wieder Heinrich von Withold nichts zu sagen. Und so entstand eine peinliche Pause. Zum Glück kam Juro aus dem Hause. Heinrich eilte auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn und drückte ihm dann warm die Hände.

»Alter Junge, das hat mir aber scheußlich leid getan!« sagte er bewegt.

Nach diesem studentischen Freundschaftsausbruch besann er sich aber gleich wieder auf seinen höflichen Ton und erklärte Juro:

»Ich habe mir erlaubt, dem Scholta, deinem alten Herrn, anläßlich des Hinscheidens deiner Frau Mutter die Kondolation unserer Familie zu überbringen.«

Es entstand wieder eine Pause, und Heinrich erklärte also, er habe bloß seine Mission ausrichten wollen, werde jetzt nicht weiter stören und gestatte sich also, sich zu empfehlen. Darauf begann endlich Hanzo, der Scholta, zu reden. Er sagte wohl an die zehnmal: »Nein, nein!« Der gnädige junge Herr müsse ins Haus treten und dürfe eine kurze Gastfreundschaft nicht verschmähen. Der Scholta selbst band Heinrichs Pferd los, um es nach einem Stall zu führen. Der höfliche junge Mann suchte diesen Dienst auf alle Weise zu hindern, was ihmabermißlang, und ging schließlich selbst mit nach dem Stall, wo er über die dort befindlichen Pferde enthusiastische Urteile abgab, die in der Mehrzahl Unsinn waren und von gar keiner Sachkenntnis zeugten und die der Scholta schweigend anhörte.

»Und der Blauschimmel, Herr Scholta, der Blauschimmel! Ein Götterroß!«

Der alte Hanzo rückte verlegen an seiner Kappe.

»Ich habe das Pferd für eine Forderung eingetauscht«, sagte er. »Es wird wenig benutzt. Ich brauche es nur fürs Osterreiten. Und sonst ist es für die Jungen, wenn die mal zu den Ferien sind.«

»Ein Götterroß, Herr Scholta! Ich kann mir's denken; es ist vom alten Hinzberg, von dem deutschen Rittermäßigen, der überall Schulden hatte, natürlich auch bei Ihnen.«

Hanzo antwortete nicht. Sie verließen den Stall.

»Ich möchte riesig gern noch etwas mehr von Ihrer Musterwirtschaft sehen, Herr Scholta«, sagte Heinrich darauf. »Wissen Sie, wenn man nun mal Landwirtschaft studiert, interessiert einen das mächtig. Aber die Veranlassung meines Besuches ist zu trauriger Art.«

Hanzo machte eine Handbewegung und führte dann Heinrich durch sämtliche Wirtschaftsräume, zeigte ihm alle Wirtschaftsgeräte, führte ihn bis hinter das Gehöft, von wo man einen großen Teil der Felder übersah, und erklärte alles mit einer ihm sonst ganz ungewöhnlichen Gesprächigkeit. Hanzo wäre kein wendischer Bauer gewesen, wenn er das nicht getan hätte.

Und als er seinen Gast endlich in ein kleines Stübchen geführt hatte, wo seine Söhne und Hanka mit einem Frühstück warteten, ging er selbst nach »der guten Stube«, wo seine Frau aufgebahrt war. Und es war, als ob die tote Bäuerin lächelte.

»Hast du ihm auch alles gezeigt? Nicht wahr, es hat ihm gefallen? Es muß ihm ja gefallen!«

Juro begleitete seinen Freund nach Hause. Sie legten die gute Wegstunde zu Fuß zurück. Das Reitpferd führte Heinrich am Zügel. Sie gingen lange schon über die Felder, da fragte Heinrich:

»Ist das hier noch euer Besitz, Georg?«[5]

»Ich glaube wohl; aber es ist erst dazugekauft worden von meinem Vater und Großvater. Das waren tüchtige Landwirte. Und deshalb muß ich ja durchaus landwirtschaftliche Studien machen, obwohl ich doch Mediziner bin.«

»Ja, ich weiß es. Sie wollen einen gelehrten Herrn auf großem Besitz aus dir machen. So 'ne Art kleinen ›König der Wenden‹.«

Juro errötete und schwieg.

»Und was wird jetzt werden?«

»Ich möchte – wenn das möglich wäre – Jura studieren und Theologie und Medizin und möchte alles tun für die braven Leute, die hier wohnen, und möchte sie so recht heimisch machen und vorwärtsbringen im deutschen Vaterland.«

Heinrich lachte.

»Ein guter Prediger würdest du sein. Wenn du willst, sprichst du mit Schwung. Und ernst bist du. Eigentlich doch ein Grübler. Es ist ein reines Wunder, daß du mit einem so leichten Huhn, wie ich bin, dich befreundet hast.«

Er wartete keine Antwort ab.

»Übrigens, dein Bruder Samo – du, der hat mir heut wieder Augen gemacht! Höflich war er ja – na ja, weil ich der Gast war, aber Augen – – du, wenn der mich fressen könnte, mich und alle Deutschen!«

»Es ist seine unglückliche Art«, sagte Juro.

»Und dem willst du dieses ganze Königreich abtreten?«

»Ich weiß es nicht. Ich bin so unentschlossen. Ich passe sicher besser in die Stadt. Und dann – dann ist es wegen Elisabeth.«

»Stimmt! Die paßt allerdings besser in die Stadt als in eure Scholtisei. Obwohl sich das Mädel für alles interessiert. Sie spricht sogar ziemlich gut wendisch, was z. B. mein Vater und ich nie kapieren. Übrigens, das Fräulein aus eurer Verwandtschaft, die Hanka, ist ein süperbes Mädel. Ein Urbild von Gesundheit. Leider habe ich es mit ihr gleich von vornherein verdorben. Erstens halte ich Esel sie für eine hübsche Magd und sage ihr, sie solle mein Pferd anbinden, zweitens faselte ich vonIrrlichtern und Nebelgebilden, als sie so gläubig von den brennenden Gespenstern und dieser weißen Todesgöttin sprach. Sie glaubt daran.«

»Ja, sie glaubt daran, wie meine Mutter daran geglaubt hat.«

»Und dein Vater?«

»Er hat noch keinen in sein Herz sehen lassen. Wie Samo! Vor dessen Verstand und Bildung hielt natürlich der ganze alte Aberglaube nicht stand, aber im innersten Herzen hängt er daran wie der einfachste Wende. Aus Nationalität – jawohl! So etwa, wie die Schweizer am Tell hängen oder alle Völker an mancherlei Geschehnissen, Heldentugenden, Herrschertaten, die nie gewesen sind.«

»Alle diese Selbsttäuschungen machen doch aber sehr glücklich.«

Juro wehrte heftig ab.

»Nein, sie halten auf, sie hemmen! Sie sind toter Ballast, der die Schiffe der Völker unnütz beschwert. Es sind vorgespiegelte Reichtümer, erträumte Erbschaften, die den Nationen einen falschen Begriff von ihrer Größe geben und in denen der Chauvinismus, der größte Feind aller Völkerverbrüderung und des menschlichen Fortschritts, am tiefsten wurzelt.«

»Sprechen wir von etwas anderem«, sagte Heinrich, der des schweren Themas schon müde war.

Im Park der Witholdschen Besitzung traf Juro mit Elisabeth zusammen und blieb mit ihr allein. Heinrich hatte sein Pferd davongeführt.

»Du bist sehr blaß, Elisabeth? Du trauerst um meine Mutter.«

Sie saßen auf einer Holzbank unter einem alten Baume.

»Erzähle mir von deiner Mutter«, bat das Mädchen. »Ich habe sie nur zweimal in meinem Leben gesehen. Sie hatte sehr gute Augen.«

Er erzählte. Er sprach wie ein guter Sohn. Und das deutscheMädchen sah mit feuchten Augen der Seele der wendischen Frau nach in das blaue Dämmern, das über ihnen war.

Sie küßten sich nicht. Aber sie hielt seine Hand. Und der Schmerz, der in ihm war, wurde milder und stiller in der Gegenwart dieses lieben Mädchens.

Er sagte es ihr. Da antwortete sie:

»Wenn es anders wäre, würde ich wohl nicht für dich taugen.«

»Du bist viel klüger, viel erfahrener, als sonst Mädchen in deinem Alter sind«, meinte er.

»Das ist, weil ich keine Mutter gehabt habe! Weil sie so früh starb! Da muß ein Mädchen vieles, was ihm sonst die Mutter abnähme, selbst tragen und selbst erleben.«

Er schwieg eine Weile und sagte dann:

»Elisabeth, ich werde dich in ein Geheimnis einweihen, das du wissen mußt. Du könntest mich sonst nicht ganz verstehen und auch nicht die schwere Aufgabe ermessen, die dir werden wird, wenn du meine Frau sein wirst.«

Und Juro erzählte Elisabeth die Sage vom Wendenkönig. Er entrollte ihr das alte, ehrwürdige Gemälde, das, im Allerheiligsten des Tempels wendischen Volkstums gehütet und gehegt, sonst kein »Njemz« zu ersehen bekam. Das Mädchen hörte zu mit verwunderter Seele, und allmählich kam eine Angst und plötzlich kam ein Schreck über sie …

Und sie erkannte, daß Juro der zukünftige Kral der Wenden war. –

Da tat sie das, was die Frauen großen Erkenntnissen gegenüber tun – sie weinte.

Er sah es nicht, er beachtete das Leid der Geliebten nicht. Die große Idee des Königtums war über ihn gekommen, ein Sonnenmeer von Erleuchtung war plötzlich über ihn geflutet.

Als er der Erwählten die heimische Sage erschloß, hatte er sie selbst das erstemal ganz erfaßt, wie wir Menschen ja alle erst dann recht und wahr und tief lernen, wenn wir uns ehrlich bemühen, zu lehren, wie wir immer dann den rechten Weg am ehesten finden, wenn wir ihn getreu einem andern zeigen wollen.

Die Schönheit des Königsgedankens brannte nun im Herzen Juros, und er sprang auf und ging weit den Waldweg entlang, kam ganz langsam zurück. Die tote Mutter, die Braut, sein ganzes bisheriges Leben mit allem Großen und Kleinlichen waren in diesen Augenblicken vergessen, da Juro den Waldweg auf und ab wandelte.

Endlich blieb er vor Elisabeth stehen.

»Ich will dir einiges sagen,« sprach er mit einer Stimme, die hart klang; »ich war nahe daran, ein Schwächling und Feigling zu sein. Drüben bei uns im Wendenland, da ist vieles nicht so, wie es ein feiner, zarter Träumer sich wünscht. Da ist leibliche und körperliche Not. Da ist Dummheit und Aberglaube und neben der Knechtseligkeit die heimliche Großmannssucht. Da sind alte Weiber die Ärzte, unter deren Plunderformeln die Kranken elend verscheiden. Betrunkene Bauern machen die Politik. Der alte Webstuhl ist unsere glänzendste Maschine, und die Leute, die mit langen Ruderstangen im Schlamm der seichten Gewässer wühlen, daß die Blasen aufsteigen, die halten sich für Schiffer. Mit ihrer Sprache finden sich die Leute knapp zum nächsten Wochenmarkt, wo sie der dämlichste deutsche Händler übers Ohr haut. Bücher haben sie nicht, es seien denn jämmerliche Übersetzungen. Und die sind noch in fünffacher Orthographie. Da gibt es eine oberwendische, eine niederwendische, eine tschechische, eine evangelische, eine katholische Rechtschreibung. Falsch sind sie alle. Es gab eine Zeit, wo es als ein ehrendes Zeugnis galt, wenn einem jungen Handwerker bescheinigt werden konnte: er ist kein Wende. Es gab eine Zeit, wo jeder Wende geschlagen werden durfte. Es ist heute noch nicht viel besser. Immer in die Heide gedrückt bleibt der Wende, immer auf der mageren Scholle sitzt er. Und wenn er einen Schweinestall bewohnt, nennt er ihn schon stolz sein Haus. Die Armut ist der scheußlichste Bundesgenosse dieses Volkes. Unsere jungen Mütter nähren die Kinder der Reichen in Berlin oder Breslau, und derweil stirbt das eigene Kind zu Haus aus Hunger oder unter dem Beistand abergläubischer Quacksalberinnen. Wäre ein guter Arzt sofort zur Stelle gewesen, meineMutter lebte noch! So ist sie gemordet worden durch die gutmütige Unvernunft, die bei uns Volksreligion ist. Nicht wahr, und einem solchen Volk den Rücken zu kehren, das ist leicht? Da putzt man sich die Kleider ab, räuspert sich, bürstet sich den Bart und geht achselzuckend davon. Und ist ein feiner Mann!«

Juro lachte höhnisch über sich selbst.

»Oh, siehst du, so ein Held war ich! Ich ließ den Widerwillen über mich kommen. Und weißt du, was Widerwille ist? Widerwille ist Feigheit der Schwäche gegenüber. Also die elendeste Feigheit. Das weiß ich jetzt. Aber ich war ein Feigling. Ich wollte Reißaus nehmen; ich wollte mir ein nettes deutsches Mädel nehmen und in ein recht elegantes Quartier in der Hauptstadt ziehen und als Arzt unter tausend anderen Ärzten von reichen Leuten Geld verdienen. Mich mein Leben lang nicht mehr um die Wenden kümmern! Das wollte ich! Das war eine Schurkerei! Und die ist mir erst aufgedämmert, als meine Mutter starb, und ist mir jetzt völlig klar geworden, da ich dir diese Kralssage erzählte.«

Er hielt inne und setzte sich auf die Bank. Aber er sprang bald wieder auf.

»An meinen Bruder wollte ich das väterliche Gut preisgeben. An Samo! An ihn, der wie ein polnischer Schlachziz auf dem Gute hausen würde, ein gnädiger Herr, der sich von ungewaschenen Mäulern die Hand lecken ließe, der das Volk sorgsam in seinem Aberglauben lassen und sich das obendrein als eine nationale Tat anrechnen würde. Oh, das ist der verfluchte Standpunkt, der die slawischen Völker so tief gehalten hat, daß alle die, die ihm die Fenster der niederen Hütten vernagelten – die Intelligenten im Lande: Adel, Geistliche, Advokaten, Juden –, daß die sich als die Führer des Volkes mästeten und sich – das will ich ja zugeben – auch dazu berufen fühlten. Keiner kam, der das Volk ans Licht führte, keiner, der den Leuten die frohe Kunde brachte: Ihr, ihr das Volk, seid die Hauptsache, ihr sollt reich, stark, gesund, klug sein, ihr sollt euch wohlfühlen, und die Regierenden sollen sich abrackern, wie sie das zustande bringen! Es ziemt sich nicht, daß der eine Menschwohne wie ein Gott und der andere wie ein Tier, und überall, wo das der Fall ist, herrscht ein verbrecherischer Götzendienst, auch wenn er tausendmal sanktioniert ist. Und wehe am Ende, wehe vor Gott und allen guten Menschen den gemästeten Götzen! Arme Slawen!«

Elisabeth weinte nicht mehr, sie hörte Juro zu, wie er so erregt sprach, sah mit Bewunderung, wie plötzlich eine Mission über ihn gekommen schien, wie wieder einmal aus dem Brunnen der Tradition ein Wundertrank geschöpft worden war, der den Blinden sehend, den Träumer zum Helden machte.

Aber eine tiefe Trauer war in dem Mädchen.

»Alle deine Vorwürfe richten sich gegen die Deutschen?« fragte sie langsam.

Da besann er sich auf sie, wachte auf wie aus einem Traum.

»Mein deutsches Mädel!« sagte er, »wie kannst du so sprechen? Weißt du nicht, daß ich die Deutschen lieb habe? Nicht deinethalben! Ich hatte sie von Jugend auf gern. Ich liebte ihre Stärke, ihre Gründlichkeit und verlässige Pflichttreue, ihren starken, wunderbaren Fleiß. Ich vergöttere ihre Kunst und finde auch einiges Hübsche in ihrer Geschichte. Ich wohne in Preußen, ich habe alles, was ich körperlich und geistig besitze, von Preußen. Also bin ich ein Preuße! Nicht, daß ich die Fehler dieses Volkes nicht sähe, daß mich sein plumpes Spartanertum nicht oft ärgerte; aber es ist besser, menschlich besser bei ihnen als bei den Slawen, aus deren Blut ich bin. Besser als bei den Russen, die in jahrtausendelanger Totenstarre liegen, besser als bei den Polen, die mit all ihren herrlichen Gaben zu lange vor den selbstgeschaffenen Götzenbildern lagen; besser als bei den Slowaken, Slowenen, Kroaten und Serben, die trüb und müd in ihrer Armut dahinleben und nur manchmal kraftlos mit der Bettlerhand drohen; besser endlich als bei den Tschechen, die es trotz ihres reichen Landes, trotz der günstigsten Entwicklungsmöglichkeiten auf keinem Gebiet über die Mittelmäßigkeit hinausgebracht haben. An alle diese soll mein Wendenvolk keinen Anschluß suchen und sucht auch keinen trotz der Anstrengungen, die von Moskau, Warschau und Prag her gemacht werden,trotz der Bemühungen einiger faselnder Panslawisten unter uns.«

Juro hatte hastig, erregt, die Worte oft überstürzend, gesprochen. Er war einer, der viel dachte, aber auch viel redete, der gern Ideen, Absichten, Probleme entwickelte: er war bereits ein Deutscher. Das Mädchen war klug und ernst. Es war wohl fähig, solchen Worten zu folgen, aber ihr Herz war jetzt weit von den Schicksalen slawischer Stämme, es war nur bei dem einen, der sprach, und bei ihrem eigenen Schicksal.

»Juro, du wirst der Kral der Wenden werden«, sprach sie.

Es klang wie ein Schluchzen, das aus gequälter Seele kam.

Juro war zu versonnen, als daß er den Jammer der Geliebten bemerkt hätte.

»Ja, der Kral!« rief er. »Es ist nur eine imaginäre Würde; ich glaube nicht an sie; aber die Wenden sprechen sie mir in aller Heimlichkeit zu. Tausende hängen mit stumpfem Gewohnheitssinn daran, einige mit kühnen Hoffnungen; alle wünschen die Erhaltung dieser uralten Tradition. Alle, bis auf mich! Ich halte solche Traditionen viel eher für ein Hemmnis als für eine gesunde Wurzel. Und deshalb wollte ich meiner Wege gehen. Wollte Samo neidlos und kampflos den Platz überlassen. Bis die Mutter starb, bis ich dir, Elisabeth, die alte Volkssage erzählte und es mich plötzlich überkam, ich müsse wirklich der Kral werden, der Einfluß hat auf das Volk und der seine Aufgabe darin erblickt, dem Volk aus Armut und Aberglauben aufzuhelfen, das Wendenvolk vollends zu Deutschen zu machen.«

Das Mädchen faßte ihn am Arm.

»Erschrick nicht, Elisabeth! Es ist kein Verrat! Es ist die einzig vernünftige Tat, die geschehen kann. Was ist klüger: eine alte Kaluppe, die jeden Augenblick vom Wind über den Haufen geworfen werden kann, immer neu zu stützen, die klaffenden Löcher mit Lehm zu verschmieren, die zerschlagenen Fensterscheiben mit Papierfetzen zu verkleben – oder die ganze Bude kurzweg niederzureißen und ein festes, gesundes Haus an seine Stelle zu setzen? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein, nicht wahr? Die Wenden üben alle Staatsbürgerpflichten auf dasgewissenhafteste, haben aber nicht vollen Genuß staatsbürgerlicher Vorteile. Das ist, weil ihnen ihre Tradition anhängt. Ihre schmucke Volkstracht ist in den Augen der Welt doch weiter nichts als das Proletenkleid zurückgebliebener Leute; ihre isolierte Sprache macht sie unfähig zu vielem, macht sie befangen, furchtsam; der alte Aberglaube hält ihre Stirnen umwölkt. Fort mit all diesem Plunder! Heraus aus dem Sandwald ins grüne Land! Heran an den großen deutschen Tisch! Gleiche Rechte! Gleiches Gepräge!«

Mit den flammenden Prophetenaugen begeisterter Jugend stand er vor ihr. Und sie war auch jung, und ihr Herz erglühte im Glauben an ihn und an seine Sache.

»Du bist edel, Juro! Du bist klug! Du hast recht!«

Da faßte er sie fest an den Händen.

»Elisabeth, wirst du es mit mir wagen, was ich vorhabe? Wirst du die Frau des letzten Wendenkrals sein, der sein Volk zur wahren Freiheit führen will?«

»Ja, Juro! Als ich erkannte, wer du eigentlich bist, erschrak ich und glaubte, ich könne nicht deine Frau werden. Ich glaubte, wenn du der König der Wenden bist, müßtest du auch eine Wendin heiraten. Aber so, wie du es vorhast, ist es doch anders. Wenn du die Wenden zu Deutschen machen willst, sollst du selbst eine deutsche Frau haben! Und die will ich von Herzen gern sein!«

Sie küßten sich auch jetzt nicht.

Aber sie ging weit mit ihm über die Felder, als er heimkehrte, und hielt ihn fest an der Hand.

Als Juro allein war, brannten ihm die Wangen. Und in seiner Lebhaftigkeit sprach er mit sich selbst von seinen Aufgaben, seinen Zielen, die ihm klar vor der Seele standen. Er blieb oft stehen, und seine Arme fuhren durch die Luft, als er so mit sich selbst sprach.

»Pomogaj Bog wam!«

Er erschrak und sah eine alte Frau vor sich stehen.

»Bog žekujscho«, antwortete er.

»Gott helfe Euch!« hatte sie gegrüßt. »Gott vergelte es!« hatte er wendisch geantwortet. Er besann sich kurz und redete die Alte in deutscher Sprache an.

»Nun, Mütterchen, habt Ihr Pilze gesucht? Esgibtheuer recht viele, weil das Wetter naß ist.«

Sie machte eineGebärdemit der Hand, die bedeuten sollte, daß sie nicht Deutsch verstehe. Dann kicherte sie und sagte wendisch:

»Der Sohn des Kral spricht deutsch mit mir!«

Es erschien ihr wie ein Scherz, den Juro mit ihr trieb. Er sah, daß sie eine alte Frau sei und also wohl wirklich kein deutsches Wort verstehe. Sie verfiel augenblicklich in einen weinerlichen Ton, klagte, daß nun die gute Frau gestorben sei, bei der sie hätte sich alle Tage ein Töpflein Milch holen können. Juro sagte ihr, er wolle anordnen, daß sie die Milch auch fernerhin bekäme.

Da haschte sie nach seiner Hand, um sie zu küssen. Er aber entzog ihr die Hand heftig und sagte in wendischer Sprache:

»Mütterchen, habt Ihr ein Kreuz zu Haus, woran dem Herrn Jesus die Hände genagelt sind?«

Sie nickte.

»Die Hände dürft Ihr küssen, wenn Ihr an die wirklichen Hände des Herrn Jesus denkt. Aber nicht meine. Ich bin kein Gott!«

»Auch nicht dem Herrn Pastor? Oder dem gnädigen Herrn?«

»Auch diesen nicht! Ihr sollt es durchaus nicht tun!«

»Aber Eurem Herrn Bruder Samo habe ich vor einer Stunde beide Hände geküßt, weil er mir zwei Dreier geschenkt hat.«

»Ihr sollt es nie wieder tun, weder ihm noch einem andern Menschen.«

Er schenkte ihr eine Silbermünze. Da schnappte sie doch wieder nach seiner Hand.

»Ihr sollt es nicht!« rief er erzürnt. »Hunde lecken die Hände, nicht Menschen!«

Da erschrak sie, steckte die Silbermünze ein und sagte wieder: »Pomogaj Bog wam!« Dann huschte sie über eine schmale Wasserrinne in den Wald. Aber Juro hörte noch, daß sie bei sich brummte:

»Er tut, als ob ich ein giftiges Maul hätte!« – –

Nach drei Tagen ging in den Dörfern das Gerücht, Juro habe die alte Domasch einen Hund genannt und halte sich arme Leute stolz vom Leibe.

Langsam ging Juro nach seiner Begegnung mit der alten Frau seines Weges. Es war, als ob er sich fürchte, heimzukommen zur Mutter. Was war sie für eine eifrige, gläubige Wendin gewesen! – Aber seine Seele straffte sich wieder und schüttelte den Kleinmut von sich.

Da sah er auf einem schmalen Raine, der zwischen den Feldern seines Vaters hinlief, Hanka, das fremde Mädchen. Die schritt rüstig aus, hatte die Schürze hochgebunden, hielt in der linken Hand einen Topf und machte mit der rechten die Bewegung des Säens. Juro wußte, was sie tat. In dem Topf war das Wasser gewesen, mit dem sie die tote Mutter gewaschen hatten. Nun hatten sie dem Topf den Boden ausgeschlagen, und das Mädchen säte durch den Topf Hirsesamen auf die Felder. Da würde im nächsten Jahr kein Vogel ein Körnlein von diesen Feldern picken. Ein Widerwille erfaßte den jungen Mann. Er wartete, bis Hanka näherkam, und rief sie an. Sie erschrak, als sie Juro sah, kam aber zu ihm.

»Was tust du da?« fragte er in deutscher Sprache.

»Ich säe den Totensamen! Es ist besser, wenn es ein Mädchen tut, als wenn es ein Mann tut!«

Sie hatte wendisch geantwortet.

»Sprichst du nicht Deutsch, Hanka?«

Sie sah ihn verwundert an.

»Warum sollte ich das wohl tun? Ich bin doch eine Wendin!«

»Ja, Hanka! Wir werden noch später darüber sprechen. Ich hoffe, wir werden uns verständigen, denn du bist ja ein kluges Mädchen. Sag mir, warum säst du den Totensamen? Glaubst du daran?«

»Glaubst du dennnichtdaran?« gab sie verwundert zurück.

»Ich bitte dich, gib mir den Topf!«

Sie reichte ihm den Topf, und Juro warf ihn auf einen nahen Steinhaufen, daß er zerbrach.

»Was tust du? Ich bin noch lange nicht fertig mit allen Feldern!« rief sie erschrocken.

»Laß die Felder und laß die Vögel! Siehst du den Schwarm Sperlinge? Sie werden die Hirse fressen, die du gesät hast.«

»Ja, sie kosten davon und kommen dann nie wieder!«

»Sie kommen wieder, Hanka, davon wirst du dich selbst bald überzeugen können. Und warum sollten wir sie vertreiben? Der Mensch soll nicht geizig sein gegen die kleinen Kostgänger des Herrgotts!«

»Ich bin nicht geizig!« sagte sie trotzig, »es sind nicht meine Felder!«

»Ich will dich auch nicht kränken, Hanka!« sagte er milder. »Aber – nicht wahr, der Nutzen könnte doch nur klein sein, und wir wollen keinen Nutzen ziehen aus dem Tode eines Menschen!«

»Der Nutzen ist nicht für mich; er ist für euch!«

Sie bückte sich über den Steinhaufen und nahm einen größeren Scherben auf.

»Was willst du damit, Hanka?«

»Aus dem Scherben weitersäen!«

»Das wirst du nicht tun! Ich will es nicht! Es ist schmählich! Ich verbiete es dir!«

Er stampfte mit dem Fuß auf. Sie sah ihn mit ihren stahlblauen Augen hart an.

»Du bist grob!« sagte sie und wandte sich ab.

»Hanka!« rief er zornig, »du wirst das Säen sein lassen! Begreifst du denn nicht, was du damit ausdrückst? Daß dasWasser, mit dem meine Mutter gewaschen wurde, kleinen unschuldigen Tieren – einen – einen Ekel einflößen soll? Ich verbiete es dir!«

»Du hast mir nichts zu verbieten! Jemand anders hat mir befohlen, den Samen zu säen!«

»Wer? – Wer ist so töricht? – Ich will ihn zur Rechenschaft ziehen …«

Bei dieser Frage erbleichte sie und rannte, so schnell sie konnte, den Feldrain entlang.

Zornig schritt Juro weiter, dem väterlichen Gehöft zu. Er begegnete seinem Bruder Samo. Der wartete ab, bis ihn der Bruder grüßte, und gab eine mürrische Antwort.

»Samo, siehst du das Mädchen dort drüben – die Hanka? Sie sät aus dem Topf, aus dem die Mutter gewaschen worden ist, ›Totensamen‹ auf die Felder! Wer hat ihr diesen greulichen Unsinn befohlen? Ich will ihn zur Rechenschaft ziehen! Wer hat es angeordnet?«

»Die Mutter selbst!« antwortete Samo kurz und hart.

Juro wich einen Schritt zurück. Samo betrachtete ihn mit einem schadenfrohen Zucken im Blick.

»Juro, du würdest besser tun, dich nicht in diese Dinge zu mischen, die Leute bei ihren alten Gebräuchen zu lassen. Sie ehren unsere Toten weit besser als zum Beispiel dein deutscher Freund heute mit seinem albernen studentischen Geschwätz!«

Er ließ den Bruder stehen. Wie ein Geschlagener ging Juro den Weg entlang. Ein Schwarm Schwalben flog hoch in der Luft immer im Kreis herum. Die Vögel dachten ans Abschiednehmen.

Im Großgarten lehnte der Vater regungslos an einem Apfelbaum und starrte in die sinkende Abendsonne.

Das Glöcklein vom Kirchturm begann zu läuten.

Dort in der Stube mit dem verhangenen Fenster schlief die Mutter den letzten Abend auf dieser Erde.

»Pusty wjecor«, sagen die Wenden.

»Der öde Abend!«


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