Chapter 13

An dem Begräbnis hatten auch Hankas Eltern, wohlhabende Bauersleute aus dem Sächsischen, teilgenommen. Am Abend noch sprach der Scholta zu ihnen: »Herr Vetter und Frau Muhme, ich hätte euch eine herzliche Bitte auszusprechen. Meine Frau hat sich eure Tochter Hanka auf ein paar Wochen zum Besuch ausgebeten. Es war unser beiderseitiger Wille, daß die Jungfer und mein Sohn Juro sich wiedersehen sollten, damit, wenn Gott es will, ein Paar aus ihnen werde. Nun ist mir die Frau gestorben …!«

Er hielt nach dieser langen Rede müde inne und machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte: alles andere könnt ihr euch wohl selbst denken. Die Mutter Hankas verstand ihn auch.

»Der Herr Vetter meint, weil das Hauswesen jetzt ohne Frau ist, so sollten wir in Gottes Namen die Hanka auf längere Zeit hierlassen, daß er nicht ganz allein ist, wenn die Herren Söhne wieder fortziehen, und daß eine weibliche Aufsicht wäre.«

Hanzo nickte der Frau dankbar zu. Er freute sich, daß sie ihm das weitere Sprechen und Bitten ersparte.

Die Frau aber schwieg jetzt, und auch ihr Mann schwieg. Sie brauchten sich ihre Gedanken nicht mitzuteilen. Sie dachten alle drei dasselbe: daß Hanka an einem Unglückstage in dies Dorf eingezogen, daß ihr unterwegs die Smjertniza begegnet war. Der alte Scholta suchte endlich die Bedenken zu zerstreuen, indem er sprach:

»Bog te swoje žiwńe gromadu zwežo!«[16]

Diesem Spruche dachte die Frau nach, und ihr Mann wartete, wie sie sich entscheiden werde.

Endlich sprach die Mutter Hankas:

»So wollen wir das Mädchen in Gottes Namen hierlassen, bis der Herr Vetter seine Wirtschaft gerichtet hat.«

Der Mann sah seine Frau an, als wollte er sagen: Ich hätte erwartet, daß wir uns anders entscheiden würden. Aber die Frau sagte: »Gott hat das Kind behütet und auch mit tollen Pferden gesund hierher geführt, es mag hierbleiben.«

Hanka wurde nun herbeigerufen, und der Familienbeschluß wurde ihr mitgeteilt. Da rannen ein paar helle Tränlein über die roten Wangen des Mädchens.

»Es war so schön zu Haus. In der Spinnstube war ich schon die Kantorka!«

»Du wirst hier auch die Kantorka werden!« tröstete die Mutter. Das Mädchen aber hielt die Hände vors Gesicht. Da stand die Mutter auf und sagte recht barsch:

»Höre, Hanka, ich will nicht hoffen, daß dir ein Kerl von zu Haus im Kopfe steckt.«

Das Mädchen sah sie groß an.

»Nein! Wie wäre das möglich? Ich denke, ich soll den Juro heiraten!«

Da nickten sich die drei Alten befriedigt zu: »Sie ist ein folgsames Kind!«

Ein Weilchen war's still, dann seufzte die Frau und sagte:

»Der Herr Juro hat ein gar hitziges Blut!«

Ihr Mann wollte nun auch was sagen und sprach:

»Das muß so sein bei den Herren Studenten.«

Die Frau sah ihn an und sagte nichts. Aber der Mann wußte, daß sie bei sich dachte: Was faselst du? Du hast in deinem Leben keine fünf Studenten gesehen. Das war wahr, und der Mann nahm sich vor, ein andermal mit Reden nicht so voreilig zu sein.

»Er wird ein schweres Leben haben, wenn er erst auf dem Gut ist und so hitziges Blut hat«, nahm die Frau das Thema wieder auf.

»Er wird älter werden!« sagte der Kral.

»Und er hatte ganz recht«, rief Hanka, halb noch in Tränen.»Ich habe auch einem von den Kerlen, die so lärmten, eine Flinka[17]gegeben.«

»Du?!«

»Ja, es kam einer an die Küchentür und sagte den gemeinen Spruch: ›Jana stawa baba‹.«[18]

»Der Kerl! Da hattest du recht, daß du ihm eine Flinka gabst. Was sagte er?« fragte die Mutter.

»Ach, er lachte und meinte: Ei sieh, das Kätzchen gibt die Pfote!«

»Und du?«

»Ich gab ihm noch einmal die Pfote!« sagte Hanka und lachte auch.

Die Eltern sahen stolz auf den Scholta: »Sieh, was für eine Schwiegertochter du bekommst!«

»Juro ist streng!« sagte Hanka nachdenklich, »er hat auch auf mich schon sehr geschimpft. Aber er ist schöner als alle!«

Da sahen die Eltern wieder auf den Scholta: »Nehmt euch diese Perle wahr!« Hanzo nickte.

Als die Eltern Hankas an die Heimreise gingen, schieden sie in Zufriedenheit, obwohl sie sich von ihrem zukünftigen Schwiegersohn Juro nicht einmal verabschieden konnten, weil er nirgends zu finden war. So hatte Juro mit ihnen außer einer kurzen Begrüßung bei der Ankunft überhaupt kein Wort gesprochen.

Der Scholta brauchte drei Tage und drei Nächte, ehe er sich zu dem Entschluß aufraffte, mit seinen Söhnen Rücksprache über die Zukunft zu nehmen. Endlich saß er mit ihnen in dem kleinen Stübchen, in dem sein uralter Schreibtisch stand, der so hoch war wie ein Schrank.

Der alte Hanzo schloß das Fenster und verriegelte die Tür.»Meine Söhne,« sagte er dann mit der ihm eigenen Feierlichkeit, »es hat sich in unserer Familie ein so großes Unglück ereignet, daß wir jetzt daran denken müssen, wie in Zukunft alles werden soll. Ich habe hier auf dem Papier alles aufgeschrieben, was die Mutter eingebracht hat, und es kommen jetzt nach ihrem Tode auf jeden von euch sechstausend Taler Mutterteil.«

Die Söhne sagten übereinstimmend, daß sie das Geld vorläufig aus dem Gute nicht herausziehen wollten.

»So werde ich euch jedem eine Hypothek auf das Geld eintragen lassen; denn es muß Ordnung sein«, sagte der Vater.

Damit – meinte er – sei alles erledigt, und er wollte die Tür wieder aufriegeln. Aber beide Söhne sagten, sie hätten noch mit dem Vater zu reden und wollten bald alles abmachen.

»Nun, so kommt zuerst Juro an die Reihe«, sagte der Scholta. Er sah gespannt auf den Sohn. Der redegewandte Juro stockte erst und brachte auch dann seine Sätze nicht ganz glatt heraus.

»Vater, du weißt, daß ich in meinem Berufsstudium hinter Samo zurück bin, obgleich ich ein Jahr eher auf die Universität kam als er. Er hat gleich von Anfang an Medizin studiert, und ich habe erst zwei Jahre mit der Jurisprudenz verloren, ehe ich auch zur Medizin umsattelte. Ich konnte aber nicht Advokat oder Richter werden; ich hatte mich in mir getäuscht. Nun wird Samo schon vor nächsten Ostern fertig, und ich werde noch ein und ein halbes Jahr brauchen, ehe ich approbiert bin. Es kommt dazu, daß ich auf deinen und der Mutter Wunsch nebenbei auch landwirtschaftliche Vorlesungen höre.«

»Wozu erzählst du das?« sprach Samo dazwischen, »das wissen wir doch.«

»Es gehört zum Ganzen«, sagte Juro. »Du weißt, Vater, daß ich mich für die Landwirtschaft bisher wenig interessiert habe; ich habe euch zuliebe diese Vorlesungen gehört, obwohl ich es für ganz unnütz hielt, und ich will dir gestehen, daß ich im Ernst gar nicht daran dachte, einmal Landwirt zu werden.«

Der Vater entgegnete nichts; er kannte die Interesselosigkeit des Sohnes an der Landwirtschaft.

»Aber, Juro, weshalb erzählst du das?« fragte Samo wieder. »Wir alle wissen, daß du kein Landwirt bist und also auch später einmal das Gut nicht übernehmen kannst.«

Juro wandte sich seinem Bruder zu, und der Haß blitzte auf in seinen Augen, und ein Lächeln der Schadenfreude spielte um seine Lippen.

»Und wer wird es übernehmen?« fragte er kalt. »Fremde Leute?«

»Ich bin auch noch da – ich –«

Juro brach in ein Gelächter aus.

»Du?! – Ja, du! – Ich verstehe! – Ich konnte es mir denken!«

Dann stand er auf und schrie den Bruder an:

»Nein, du wirst es nicht übernehmen! Ich bin der Erbsohn! Ich!! Ich bin der zukünftige Kral der Wenden!«

»Das bist du!« sagte der Vater und stand auf und sah mit leuchtenden Augen auf seinen Sohn, der ihm wie ein Wunder erschien in seiner plötzlichen Verwandlung.

Samo aber sah seinen Bruder ganz erschrocken an.

»Du – du – was fällt dir auf einmal ein?«

»Jetzt rede ich erst!« sprach der Vater mild, aber fest, und wandte sich an seinen ältesten Sohn.

»Dir hat Gott geholfen, Juro, er hat dir gezeigt, was du tun sollst, weil du der Kral der Wenden sein wirst. Die Mutter hat sich großen Kummer gemacht. Sie wollte noch mit dir reden, aber sie starb zu rasch. So werde ich dir sagen, was nötig ist. Wir wollen, daß du ein guter Hausvater und ein treuer Kral wirst, und wir haben bestimmt, daß du unsere Jungfer Hanka zur Frau nimmst.«

»Ich – was? – Ich – Hanka? – –«

Der Jüngling brachte keinen Satz zustande. Er stand blaß vor dem Vater, und es war, als ob sein Hirn lahm und seine Glieder starr geworden wären.

Samo schlug ein lautes Gelächter an.

Der Vater verwies Samo dieses Lachen mit strenger Gebärde.

Juro gewann endlich die Herrschaft über sich zurück. Ersprach nicht gleich, aber man sah an seinem Gesicht, wie rasch die Gedanken arbeiteten.

Schließlich sagte er mit ruhiger Stimme, durch die kaum ein merkliches Beben lief:

»Vater, der Eltern Wille ist in Ehren! Und das Mädchen, die Hanka, ist in Ehren! Aber ich werde Hanka nicht heiraten, denn ich habe bereits eine Braut.«

Der Vater sah ihm steif ins Gesicht und sprach:

»Du kannst keine Braut haben, Juro, denn ich weiß nichts davon. Es ist Sitte von alters her in unserer Familie, daß der Sohn mit seinem Vater spricht, ehe er mit einem Mädchen von der Ehe redet, und es ist Sitte, daß kein braves Mädchen mit sich von der Ehe sprechen läßt, ehe sie weiß, daß der Bursch mit seinem Vater einig ist.«

Juros Gesicht wurde dunkelrot. Aber er sprach mit ruhiger Stimme:

»Die Zeiten ändern sich, Vater! Unsere Zeit macht die Menschen schnell selbständig. Unselbständige Leute vernichtet sie. Ich bin schon lange mündig, ich habe so viel gelernt, um zu wissen, was ich tue, und ich werde nur das Mädchen heiraten, das ich mir selbst gewählt habe. Es ist Elisabeth von Withold.«

»Wer?«

»Elisabeth, die Tochter unseres Nachbarn!«

»Des Rittermäßigen?«

»Ja!«

Da ging der Vater auf den Sohn zu, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Brust und sagte:

»Weißt du, daß du ein Bauernjunge bist?«

»Ich weiß, daß ich ein gebildeter Mensch bin!«

»Das vergiß nicht, Vater!« rief Samo höhnisch dazwischen.

Der Bauer setzte sich an den Tisch. Er sah starr auf Juro und fragte dann:

»Und du hast es wirklich gewagt, das dem deutschen Edelmann zu sagen?«

»Ich habe es ihm noch nicht gesagt, weil es noch nicht möglich war, aber ich werde es alsbald tun!«

Da sprang der alte Wende auf, und eine Energie kam über ihn, die seltsam von seiner Art abstach. Seine sonst so ruhige Stimme wurde scharf:

»Du wirst es nicht tun! Du wirst uns die Schande nicht machen, daß der deutsche Edelmann den wendischen Bauernjungen mit den Hunden hinaushetzt!«

»Das wird er nicht! Das kann er nicht!« lächelte Juro.

»Er wird es tun! Er gehört zu den Deutschen, die die Wenden verachten! Er ist ein Ritter, und wir sind Bauern!«

»Laß das meine Sorge sein, Vater!«

»Nein, es istmeineSorge. Ich bin der Vater! Die Schande kommt über uns alle!«

Da hielt Juro eine lange Rede. Er sprach von der Emanzipation des Wendenvolks, von seiner Gleichberechtigung mit den Deutschen, von dem Ausgleich zwischen den Ständen. Er sprach mit herzlicher Liebe und mit großer Begeisterung von Elisabeth und von ihrer Liebe zu ihm. Und er schloß:

»Wendin oder Deutsche – es ist gleich; adelig oder nicht adelig, es ist kein Hindernis für die Liebe! Wir lieben uns, weil wir uns lieben müssen, unsere Herzen haben zusammengeschlagen, ohne daß alte Vorurteile es hindern konnten. Die Zeiten, wo Menschen ihr Glück mit selbstgeschaffenen Ketten erwürgten, sind gottlob vorbei!«

Der alte Wende hörte ihm starr zu. Zuletzt schlug er die Hände vor's Gesicht und sagte:

»Ich wollte, ich wäre bei der Mutter!«

Juro sah ihn erschüttert an.

»Willst du mich nicht verstehen, Vater?«

»Nein, ich verstehe eure Welt nicht, in der alles ohne Sitte und Ordnung ist, alles von unten nach oben gedreht wird!«

»Vater, du warst immer gerecht. Du kannst kein hartes Urteil fällen über ein Mädchen, das du nicht kennst. Oder hast du je etwas Schlimmes von ihr oder ihrer Familie gehört?«

»Nein! Aber es sind Edelleute. Und ein Fräulein paßt nicht zu einem Bauernsohn!«

»Warum hast du uns studieren lassen, Vater? Doch darum, daß wir vorwärts kommen sollen in der Welt!«

»Ja, aber nicht so! Die Wenden haben keinen Arzt, keinen Advokaten, der ihre Sprache spricht, nicht einmal genug Geistliche und Lehrer, die Wendisch können. Da war es doch meine Pflicht als Kral, daß ich euch auf die Schule gab. Einer sollte Advokat werden, einer Arzt!«

»Nun werde ich auch Arzt. Aus innerer Neigung. Und ich werde mich ganz den Wenden widmen, die der ärztlichen Hilfe so nötig bedürfen!«

Samo, der mit feuerrotem Gesicht der Unterredung zuhörte, sagte nun dazwischen:

»Er wird die Kranken kurieren oder auch nicht kurieren – je nachdem –, und das gnädige Fräulein von Withold, die dann eine Bauernfrau geworden ist, wird indes zu Hause die Schweine füttern!«

Juro sah den Bruder kalt an.

»Wir haben uns nicht vertragen, als du noch glaubtest, ich würde dir Platz machen; wir werden uns natürlich erst recht nicht vertragen, nachdem du weißt, daß ich nicht dir zu Lieb' auf mein Erbe verzichte!«

Samo sprang auf.

»Bin ich ein Erbschleicher?«

Juro sah ihn mit strengen Augen an und zuckte die Achseln. Da holte Samo zum Schlage gegen ihn aus. Der alte Scholta aber hieb mit der Faust auf den Tisch.

»Wie benehmt ihr euch? Was erdreistet ihr euch in meiner Gegenwart? Geht hinaus! Beide!«

Die Söhne mußten das Zimmer verlassen, und der Vater blieb allein und sprach drei Tage lang mit keinem Menschen ein Wort.

Dann aber ließ er die Söhne wieder zu sich rufen.

»Ich will dich fragen, Juro, ob du es dir überlegt hast, daß ein adliges Fräulein nicht in unseren Hof als Bäuerin ziehen kann!«

»Elisabeth wohnt jetzt auch auf dem Hofe ihres Vaters. Sieinteressiert sich für die Landwirtschaft und verträgt sich aufs beste mit allen Leuten!« entgegnete Juro kleinlaut.

»Sie haben ein herrschaftliches Schloß, einen Park!«

»Das brauchen wir nicht! Aber ich wollte dich allerdings bitten, Vater, daß ich mir hinter unserem Großgarten ein neues Wohnhaus bauen darf: nicht groß und prunkvoll, aber gesund und bequem!«

»Das soll heißen, Vater,« fiel Samo ein, »er baut nebenan ein deutsches Herrenhaus, und du darfst hier in der wendischen Kaluppe weiterwohnen und seinen Großknecht spielen!«

Es drohte wieder ein Streit auszubrechen, aber die Gegenwart des strengen Vaters hielt die Brüder im Zaum.

»Ich beabsichtige,« sagte Juro, »von hier aus meine ärztliche Praxis auszuüben und mich – soweit mir Zeit bleibt – unter deiner Leitung in die Verwaltung des Gutes einzurichten.«

»Und das Fräulein?«

»Sie wird zufrieden sein und dir eine gute Tochter sein.«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Sie ist eine Deutsche!«

»Gott sei Dank!« sagte Samo.

»Was meinst du damit?« fragte ihn der Vater.

»Ich meine, es ist gut, daß sie eine Deutsche ist. Sie paßt zu Juro, denn er ist auch ein Deutscher, ein Stockdeutscher.«

Der Vater sah mit forschenden Augen dem Sohne ins Gesicht.

»Er hat die Wenden oft unfreundlicher behandelt, als ich wünschte, aber deshalb kann noch kein Mensch behaupten, daß er ein Deutscher geworden ist«, sagte der Alte.

Juro, der erkannte, auf welches Geleise ihn der Bruder geführt, verschmähte es, sich zu verstecken.

»Ja, ich bin ein Deutscher«, rief er. »Ich will es, ich mag es, ich kann es nicht verheimlichen.«

»Und – und dein Wendentum?«

»Ich liebe die Wenden; aber ich sehe kein anderes Heil für sie, als daß sie Deutsche werden.«

»Ihre Sitte, ihre Sprache, ihre Gebräuche, ihr Volksglaube?«

Juro wartete einige Sekunden. Dann sagte er fest:

»Sie sind dem wahren Fortschritt der Wenden hinderlich. Darum müssen sie ausgetilgt werden.«

»Juro – Juro, bist du das – ist das mein Sohn, der so redet?«

»Ich kann nicht anders. Bei Gott, Vater, es ist meine Überzeugung!«

Er wollte auf ihn zugehen; aber der Vater wehrte mit beiden Händen ab.

Bleich und gesenkten Hauptes ging der alte Mann zur Tür. Dort blieb er stehen und sagte noch:

»Das ist das Schwerste, was ich im Leben hören mußte! Da gehört viel Zeit dazu, ehe ich das fassen kann.«

Juro streckte die Hände nach ihm aus, aber der Vater schloß die Tür von draußen. – –

Birnbaum steht im weiten Felde[19].Weiße Steine liegen drunter,Unter all den weißen SteinenLiegt ein rotes, gold'nes Ringlein.Durch das Ringlein wachsen Halme,Und die Halme tragen Blüten.Kommt ein Pfau dahergeschritten,Läßt die schönsten Federn fliegen,Kommt ein Mädchen hergegangen,Nimmt die Federn, flicht ein Kränzlein …— — — — — —Birnbaum steht im weiten Felde,Gold'nes Ringlein schläft darunter,Von dem Turme schallt die Glocke,Mädchen macht ein Rautenkränzlein.

Birnbaum steht im weiten Felde[19].Weiße Steine liegen drunter,Unter all den weißen SteinenLiegt ein rotes, gold'nes Ringlein.Durch das Ringlein wachsen Halme,Und die Halme tragen Blüten.Kommt ein Pfau dahergeschritten,Läßt die schönsten Federn fliegen,Kommt ein Mädchen hergegangen,Nimmt die Federn, flicht ein Kränzlein …— — — — — —Birnbaum steht im weiten Felde,Gold'nes Ringlein schläft darunter,Von dem Turme schallt die Glocke,Mädchen macht ein Rautenkränzlein.

»Das ist ein schönes Lied, Töchterchen«, sagte die alte Wičaz zu Hanka. Sie saß mit ihr im Hofe.

»Ein schönes Lied, und du hast eine schöne Stimme.«

»Zu Hause war ich schon die Kantorka«, erwiderte Hanka und seufzte. »Hier singt man wenig.«

»Wer soll singen?« sagte die Wičaz. »Ich weiß einen, der singt schöner als alle Burschen; das ist mein Sohn Lobo.«

»Dein Lobo trinkt zu viel Branntwein. Wäre er nicht betrunken gewesen, hätte vielleicht der Wagen mit der Tante nicht umgeworfen.Palenc je walenc!«[20]

Die alte Wičaz schüttelte den grausträhnigen Kopf. Sie war als die Sprichwörter-Wičazbekannt, da sie beständig Sprichwörter in lehrhaftem Ton gebrauchte, ärgerte sich aber, daß ihr jetzt das Mädchen mit dem verdrießlichen Vers: »Palenc je walenc« kam, denn sie hielt auf ihren Sohn Lobo.

»Töchterchen, das redest du so«, meinte sie ärgerlich. »Du kennst gewiß nicht den richtigen Spruch:

»Woda wšitko zhloda!«[21]

»Hättet ihr mit einem verhungerten Kutscher fahren wollen? Mein Lobo ist gut und stark und hat eine schöne Stimme. Gegen die Smjertniza konnte er euch freilich nicht helfen, obwohl er stark war. Sonst – ist er so fromm wie der Kater beim Quarge.«

»Sie hacken, sie pflügen –Da bleib ich hübsch liegen;Sie fressen und saufen –Da komm ich gelaufen.«

»Sie hacken, sie pflügen –Da bleib ich hübsch liegen;Sie fressen und saufen –Da komm ich gelaufen.«

»Da – da habt Ihr Euren Sohn! Er singt schöne Lieder!«

»Töchterchen, der Gesang muß lustig sein; sonst ist er kein guter Gesang. Es muß Schmalz darin sein! Siehst du, dort kommt er, mein Lobo. Er ist doch ein schöner, starker Bursch!«

»Betrunken ist er schon wieder am Vormittag. Pfui! Ich gehe ins Haus!«

Sie verschwand.

»Ich sehe dich, Mutter!«[22]rief Lobo von weitem, trank aus einer Flasche und kam dann heran. Er blieb vor der alten Frau stehen, sah sie beinahe schadenfroh an und sagte unvermittelt:

»Mutter, wir müssen fort!«

»Wir? Fort? Was? Was faselst du? Wohin?«

»Das weiß ich nicht. Der Neue, der Juro, will uns rausschmeißen.«

»Rausschmeißen? Uns? Mich?«

Das alte Weib grunzte vor Überraschung.

»Ich bin mein Lebtag auf diesem Hofe gewesen. Ich gehöre hierher! Bist du verrückt, du Süffling?«

Lobo zuckte die Achseln. »Wenn Ihr schimpft, erzähl' ich nichts mehr.«

»Erzähl es, sag es, Lobo!« besänftigte sie ihn.

»Nein!«

»Erzähl es, Lobo, mein Söhnchen! Ich habe noch sechs Dreier in der Ulmer, die geb' ich dir«, bat sie.

»Sechs Dreier? Und Ihr sagtet, Ihr hättet kein Geld? Sechs Dreier sind zu wenig.«

»Ich habe noch zwei Silbergroschen, die geb' ich dir.«

Der Trunkenbold blinzelte die Mutter an.

»Es ist wegen der Frau. Weil die Smjertniza den Wagen umgeworfen hat. Der Juro hat keine Religion, er sagt, die Smjertniza ist dummes Zeug.«

Das Weib schlug die Hände zusammen.

»Daß ihn der Teufel hol!«

»Er wird ihn schon holen!« sagte Lobo grimmig, »ihn und den alten Kito, diesen abgefaulten, alten Lumpen. Kito weiß, daß Ihr ihm unsere Wanzen mit in den Sarg geben wollt, wenn er stirbt. Die Wanzen will der Kito nicht annehmen. Er vermacht dem abgefaulten Baier, dem Wilhelm, zehn Taler, und der wird Wache beim Sarge halten, wenn Kito stirbt.«

»Ah, der schlechte Kerl! Der Wanzenwächter! Aber, meinSöhnchen, deshalb ziehen wir nicht aus. Da werde ich eben die Wanzen behalten.«

»Behalten oder nicht, fort müssen wir doch! Denn sie haben dem Juro die Wanzengeschichte erzählt und auch erzählt, daß Ihr immer mit einer Federspule um den Sarg der toten Frau geschlichen seid, und da heißt es jetzt: fort!«

»Wer sagt das?«

»Juro sagte es zu mir. Wir müßten raus. Er wird nicht ruhen, bis wir raus sind. Er hat uns Schweine genannt.«

Das Weib schlug die Hände zusammen.

»Der Grobian! Ach, er ist dazu imstande; er tut's! Hat er doch sogar die reichen Leichengäste hinausgeworfen.«

»Ich sehe dich, Mutter«, lallte Lobo und trank ihr zu. »Ich werde den Juro totschlagen.«

Da faßte ihn seine Mutter an der Hand.

»Rede nicht so laut, mein Söhnchen; ich werde dir auch drei Silbergroschen schenken.«

»Der Wilhelm, der abgefaulte Baier, wird auch rausgeschmissen«, grinste Lobo. »Den schmeißt der andere raus – der Samo.«

»Was sagst du, Samo hat den Wilhelm fortgejagt, den Deutschen?«

»Ja, Juro hat gesagt, ich und du werden rausgeschmissen, und Samo hat gesagt, Wilhelm wird rausgeschmissen.«

Die Alte grinste.

»Die zwei werden den ganzen Hof ausräumen.«

»Ja, es fehlte nicht viel, daß sie sich prügelten, die feinen Herren. Es wär' mir recht gewesen. Den Juro wollt' ich schon besorgen. So habe ich bloß meine Hacke weggeschmissen und bin abgezogen. Alle fünf streck ich gerade und mach' keinen mehr krumm. Ich sehe dich, Mutter!«

»Lobo, mein Söhnchen, geh' arbeiten, daß dich der Scholta nicht sieht. Auf ihn kommt es an. Laß mich nur machen.«

Der Bursche torkelte erst nach vielen Bitten und Versprechungen nach dem Felde zurück. Die Alte blieb allein auf der Bank sitzen. Sie hatte heut keine »Tour«. Sonst ging sieals Botenfrau nach der Stadt, kehrte in vielen Häusern unterwegs ein, besorgte für die Leute allerhand Aufträge. Hier im Schulzenhofe hatte sie ein kleines Stübchen, in dem sie mit ihrem Sohn Lobo schlief.

Die Alte war klug und schlau auf ihre Weise. Sie kam viel bei Leuten herum, hörte mancherlei und wußte es für sich zu benutzen. Sie stand im Rufe der Wahrsagekunst und bekam viel Geld für das Besprechen von Krankheiten an Menschen und Tieren.

Jetzt blinzelte sie ins Sonnenlicht und dachte nach. – –

»Birnbaum steht im weiten Felde,Weiße Steine liegen drunter …«

»Birnbaum steht im weiten Felde,Weiße Steine liegen drunter …«

Hanka sang im Hause. Die Alte hörte aufmerksam zu und sprach bei sich:

»Mit dem Mädel wird vielleicht etwas zu machen sein.«

Nun hörte sie drinnen ein Gespräch. Samo unterhielt sich mit Hanka.

»Das ist ein hübsches Lied. Wir singen es etwas anders. Du hast es von den Böhmischen«, sagte Samo.

»Ich weiß es nicht, ich habe es so gelernt«, erwiderte Hanka.

»Weißt du, was es bedeutet?«

Sie lachte.

»Meinst du, ich bin so dumm, daß ich nicht weiß, was ich singe?«

»Oh, das Lied ist gar nicht so leicht zu verstehen. Oder was denkst du dir unter dem Pfau, der seine Federn verliert, und unter dem Mädchen, das den Rautenkranz flicht?«

»Nichts! Es ist eben ein Pfau. Ich weiß, daß es eigentlich etwas Trauriges ist, weil der Rautenkranz sowohl der Brautkranz wie der Totenkranz ist; aber ich will nicht daran denken.«

»So – ja so! Ich finde, Hanka, du bist blässer, als du sonst warst. Schläfst du nicht gut oder fehlt dir sonst etwas?«

Sie seufzte.

»Ich weiß nicht, was mir fehlt. Ich kann nicht mehr so lustig sein. Vielleicht habe ich die Heimkrankheit.«

»Hanka, ich möchte so gern, daß es dir bei uns gefällt. Ich möchte dir alles verschaffen, was du willst, dir alles von den Augen absehen.«

»Ja, Samo, du bist ein guter Mensch!«

Er lachte bitter.

»Guter Mensch! Ich habe kein Glück. Ich bin nicht so schön und fein und geschniegelt wie – wie zum Beispiel mein Bruder Juro. Nicht wahr, der gefällt dir gut?«

»Er muß mir wohl gefallen. Es ist ja meine Pflicht, da ich ihn doch heiraten soll!«

Das Mädchen sagte es mit stockender, beklommener Stimme.

»Kein Mensch kann dich dazu zwingen, kein Mensch«, sagte Samo erregt. »Es ist dein freier Wille. Du kannst ebensogut einen – einen andern nehmen.«

Das Mädchen stieß einen langen Seufzer aus. Da trat jemand in die Stube, und das Gespräch brach ab.

Am Nachmittag desselben Tages traf die alte Wičaz wie von ungefähr Samo auf einem Feldweg.

»Laß die Geschichte mit den Wanzen,« sagte er zu ihr; »mein Bruder Juro will euch rauswerfen; aber ich werde schon sehen, daß ihr eure Kamorka[23]behaltet.«

»Druga rukaDruga gluka!«[24]

»Druga rukaDruga gluka!«[24]

sagte die Sprichwörter-Wičaz. »Der Herr Samo ist ein freundlicher Herr. Vielleicht kann ich ihm dankbar sein. Ich habe die Karten aufgeschlagen und weiß wohl manches, was für den Herrn Samo gut wäre, auch zu wissen.«

Er machte eine abwehrende Handbewegung.

»Laß nur das mit den Karten! Ich will das nicht!«

Das Weib ging ein Weilchen schweigend neben Samo her. Plötzlich sagte sie halblaut:

»Zwei Adler fliegen aus dem Wendenland. Einer kommt zurück und baut sein Nest. Einer stürzt in den Lóbjofluß«[25].

»Was meinst du damit?« fragte Samo überrascht.

Die Alte antwortete mit einem Spruch:

»Wem Gott wohl will,Dem kommt's im Schlafe;Wem Gott nicht wohl will,Dem fällt's vom Löffel.«

»Wem Gott wohl will,Dem kommt's im Schlafe;Wem Gott nicht wohl will,Dem fällt's vom Löffel.«

Samo blieb stehen und sah der Alten scharf ins Gesicht.

»Ich glaube, daß ich dich verstehe. Aber ich weiß nicht, ob ich dir trauen darf.«

»So erlaube mir der junge Herr, daß ich ihm die Karten lege. Ich werde dann in seine Seele sehen und er in meine.«

Samo sah sich um. Es war niemand in der Nähe. Er setzte sich also auf einen Rand des tiefen Feldweges und wies mit stummer Gebärde der Alten ihren Platz gegenüber an. Sie zog ein Päckchen schmutziger Karten, auf die allerhand mystische und allegorische Bilder gezeichnet waren, aus der Tasche, mischte sie und ließ Samo abheben. Er tat es und wischte sich gleich darauf die Hand am Grase ab.

Die Alte breitete die Karten vor sich auf den Wegrand, kniete davor, fuhr mit dem Finger über die Karten, brummte allerlei vor sich hin und sagte dann:

»Der junge Herr wird bald sein Examen sehr gut bestehen.«

Samo lachte.

»Das denkst du dir. Da hast du was davon läuten hören.«

»Es steht in den Karten«, sagte die Wičaz ernst.

Dann suchte sie wieder lange mit ihrem dürren gelben Finger und fuhr fort:

»Der junge Herr liebt ein wendisches Mädchen!«

Sie sah dabei Samo an, der sehr rot wurde. Da war die Alte schon wieder bei den Karten.

»Das Mädchen ist für einen andern bestimmt; der jungeHerr wird viel Kämpfe bestehen müssen, aber er wird das Mädchen erringen, weil es das Volk will.«

»Was heißt das: weil es das Volk will?«

Samo fragte es schnell und erregt.

»Der junge Herr wird der Kral werden!« sagte die Alte sehr ernst.

Da sprang Samo auf, und seine flackernden Blicke suchten die Umgebung ab.

»Bist du toll, Wičaz,« sagte er im Zischton, »du weißt, daß ich einen älteren Bruder habe.«

»Mit dem Kopfe werfen wie ein Herrenpferd, das frommt nicht zum Glück. Das Volk wird ihn nicht mögen, es wird den Herrn Samo wollen. Zwei Adler fliegen aus vom Wendenland. Einer kommt zurück und baut sein Nest, der andere ertrinkt im deutschen Fluß.«

»Du redest ja wie eine Weise, Weib!« rief Samo in höchster Überraschung. »Woher hast du diese Gedanken?«

Die Alte lächelte.

»Ich lese in den Karten und ich lese auch in den Herzen. Ich komme weit herum. Ich kenne viele Leute und sage ihnen ihre Zukunft. Soll ich Euch noch mehr prophezeien?«

Er wehrte ab. In angestrengtem Nachdenken saß er da. Ein tiefes, grünes Feuer glimmte in seinen Augen, die einen neuen Weg sahen.

Eine ganze Weile sagte er nichts.

»Ihr legt vielen Leuten die Karten?« fragte er dann.

»Es sind wenig Bauern auf dem Wege von hier nach der Stadt, und es ist keine Bäuerin, der ich nicht die Karten gelegt hätte. Alle jungen Männer kommen zu mir, auch viele Burschen, und in der Stadt habe ich eine Stube, wo ich alle Freitage und an jedem 7., 13. und 17. des Monats die Karten aufschlage; da sind oft an die dreißig, ja fünfzig Leute bei mir.«

»Wenden?«

»Ich spreche nicht Deutsch.«

Samo nickte.

»Ihr verdient viel Geld?« fragte er leichthin.

Sie lächelte.

»Vom Botengehen wollte ich nicht leben. Die Bäuerin gibt mir für einen schweren Korb, den ich ihr aus der Stadt mitbringe, einen Silbergroschen, und wenn ich ihr auf ein paar Minuten die Karten aufschlage, gibt sie fünf Silbergroschen. Nur mein Lobo darf nicht wissen, was ich verdiene. Ich will ihm einmal eine kleine Wirtschaft kaufen, wenn er erst ein ordentliches Weib hat.«

»Wenn Ihr Geld habt, warum wohnt Ihr in der kleinen Kamorka bei uns?«

Die Wičaz lächelte überlegen.

»Die Kartenlegerin muß arm sein,« sagte sie, »muß in einer Kamorka wohnen. Und sie muß Wanzen haben. Das gehört dazu. Und in Eurer Kamorka wohne ich, weil ich eben beim Kral wohne.«

»Ah – ich verstehe Euch!«

Samo betrachtete das Weib mit steigender Verwunderung und mit großem Interesse. Aber er beherrschte sich und sagte wieder leichthin, ja spöttisch:

»Nun, ich kann mir wohl denken, was die Leute auf dem Herzen haben und was Ihr ihnen weissagen müßt: ob man dasčelatko[26]großziehen oder besser dem Fleischer verkaufen soll, wieviel Junge dieranca[27]bekommen wird, und vor allem, ob der Jakub der Maruška treu ist und ob der Pilip die Marja kriegen wird.«

Die Alte war nicht gekränkt.

»Ja, das fragen sie wohl. Die Burschen fragen mich, ob sie beim Militär Gefreiter werden können, und die Mädel, ob sie im grünen Rautenkranz zum Traualtar gehen werden; die Männer, ob ihre Wirtschaft in die Höhe gehen wird, und die Weiber, was sie tun sollen, daß sie der Mann nicht prügelt. Und ich sag' ihnen immer das Richtige. Sie fragen mich auch, wo der billigste und beste Kaffee zu haben ist und von welchemKaufmann die Schürzenbänder am besten halten. Sie zahlen immer fünf Silbergroschen dafür. Und die Kaufleute wissen mich zu schätzen. Ich habe stets besseren Kaffee getrunken als die Frau Mutter.«

Samo staunte über die menschenkundige Alte.

»Ihr seid ein siebenmal schlaues Beest«, sagte er. »Aber warum wollt Ihr nur durchaus beim Kral wohnen?«

»Alles, was vom König kommt, hat Ansehen.«

»Habt Ihr auch manchmal Botschaften zu bringen – ich meine wendische Nachrichten?«

»O ja – der Herr Vater hat mir immer vertraut. Ich habe manches auszurichten gehabt, und einmal hat ein Deutscher in der Stadt auf mich gesagt: Sieh da – das ist der wendische Staatskurier, das ist die Geheimrätin Wičaz! Ich habe ihn ausgelacht und gesagt, der Scholta vertraue mir nicht einmal an, ein paar Hühner zu verkaufen.«

»So seid Ihr verschwiegen. Nun sagt mir, von wem habt Ihr das Gleichnis von den zwei Adlern?«

»Ich habe es aus den Karten gelesen.«

Samo machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Nun, so nehmen wir an, es ist mir eingefallen, wenn ich auf den weiten Wegen allein war, und es fiel mir immer ein, wenn ich in den Hof des Kral kam. Da sah ich es mit offenen Augen.«

»Erzählt Ihr dieses Gleichnis auch anderen Leuten?«

»Ich habe es noch nicht erzählt. Ich wollte es nicht sagen, daß der eine in dem Lóbjofluß ertrinken wird; sie würden sich sonst zu sehr freuen.«

»Freuen? Über diesen Untergang?«

»Ja; denn der eine Adler hat scharfe Krallen und läßt sie die Wenden fühlen, wo er nur kann. Er kratzt, bis es blutet.«

Samo nickte und sah die Alte versonnen an.

»Und der andere?« fragte er leise.

»Der andere wird im Wendenland wohnen und herrschen.«

Sie schwieg. Und er schwieg.

»Ihr könnt Euch auf mich verlassen, alte Wičaz«, sagte er endlich und gab ihr einen Taler.

Da sah sie ihn durchdringend an und sprach:

»Ich werde die Geschichte von den zwei Adlern jetzt überall erzählen, in allen Bauernstuben, allen Kleinbauern und Häuslern – auch den Wenden in der Stadt.«

Er gab ihr noch einen Taler.

Eine Woche später trat Juro durch das Feldtürchen in den Großgarten. Es war Abendzeit. Die stille Melancholie des Herbstes war über allen Feldern und Wegen und war auch in dem Herzen des jungen Mannes, der drüben bei der Geliebten gewesen war und von ihr Abschied genommen hatte.

Morgen reiste er nach Breslau zurück. Die Ferien neigten sich dem Ende zu.

Er hatte wieder mit Elisabeth gesprochen: von seinen Plänen, von der Zukunft. Er hatte ihr nicht gesagt, wie sehr der Vater gegen die Heirat sei; denn er hoffte, den stillen Mann schon noch für sich zu gewinnen, aber er hatte ihr doch wieder schwere Kämpfe in Aussicht gestellt.

Und da hatte sie ihn das erstemal gefragt: ob er denn sein Werk nicht zu heftig angreife, ob er nicht mit mehr Geduld und Nachsicht die Herzen der Wenden eher gewinnen und besser an sein Ziel kommen werde.

Herzlich hatte er gelacht, als sie sagte, sie ängstige sich oft um ihn; denn es gebe doch rohes, rachsüchtiges Volk. Nein, hatte er gesagt, er wolle nicht mit Geduld ans Ziel kommen. Geduld sei etwas für müde, rückständige Leute. Die Geduld, mit der die Regierung diesen Verhältnissen seit Jahrhunderten zuschaue, die Geduld, mit der der Wende seit tausend Jahren schläfrig und denkfaul in seinem Waldwinkel hocke, sie sei schuld an diesen Zuständen. Er kämpfe wie ein Deutscher, er erkläre laut und rücksichtslos den Krieg und greife dann den Gegner von vorn an ohne Maske und Schliche, nachdrücklich und kaltblütig.

So hatte er wieder einmal in Worten und Ideen geschwelgt.

Dann aber war die fernere Zukunft ganz in die Ferne entwichen und in ihrem jungen Herzen nur das lebendig gewesen, was ihnen unmittelbar bevorstand.

Seufzer und Küsse, Zärtlichkeiten und Treueschwüre, die Vereinbarung einer Stunde, in der sie täglich aneinander denken würden, wo und in welcher Lage sie sich auch befänden, eine Blume, ein blaues Band, eine Locke – alle diese Dinge, die in den Abschiedsstunden junger deutscher Liebesleute ihre süßschmerzliche Rolle spielten, sie hatten auch hier nicht gefehlt.

Und nun, als Juro in den heimischen Garten trat, war er wie in der Fremde, das Herz war ihm so voll von Liebe und Leid und Zukunftsträumen, und die Gedanken gingen die abendlichen Wege zurück zu der Geliebten, die ihm nun mit ihrer süßen Mädchenliebe gewiß traurig nachschaute. – – –


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