»Birnbaum steht im weiten Felde,Gold'nes Ringlein schläft darunter,Von dem Turme schallt die Glocke,Mädchen macht ein Federkränzlein.«
»Birnbaum steht im weiten Felde,Gold'nes Ringlein schläft darunter,Von dem Turme schallt die Glocke,Mädchen macht ein Federkränzlein.«
Der leise Gesang schreckte Juro auf. Er sah Hanka drüben in der Nähe der Haustür unter einem Baume sitzen. Sie bürstete Schuhe ab. Und als er näher kam, sah er, daß es seine eigenen Schuhe waren, die er tags zuvor getragen hatte, als er bei Elisabeth war, und die auf regendurchweichtem Wege recht schmutzig geworden waren.
Es war ihm arg unangenehm, das zu sehen, und ob er sonst wenig, fast nie mit dem Mädchen sprach, blieb er jetzt bei ihr stehen und sagte halb freundlich und halb ärgerlich:
»Das sind ja meine Schuhe! Warum bürstest du sie ab? Das kann doch ein anderer machen. Wozu sind denn die Dienstleute da?«
Sie war bei seiner Ankunft erschrocken. Nun wurde sie so knallrot, daß er bei sich dachte, sie habe doch eigentlich ein recht gewöhnliches Gesicht. Sie gab keine Antwort.
»Warum machst du das?« fragte er wieder und nahm ihrden Schuh aus der Hand. Er wußte gar nicht, daß er wendisch mit ihr sprach.
»Mache ich es nicht gut?« fragte sie.
»Darauf kommt's nicht an! Es ist keine Arbeit für dich. Du bist meine Verwandte!«
Da sah sie ihn groß an, und ihr Gesicht wurde blässer und schöner, und sie sagte:
»Laß mich's nur tun! Ich tue es gern.«
Und dann schluckte sie ein paarmal und brachte heraus:
»Denn ich bin doch deine Braut!«
Da trat er langsam einen Schritt zurück und lehnte sich an den Baum.
»Was sagst du? Wer – wer hat dir das gesagt? Hat dir das wirklich jemand gesagt?« fragte er mit erstaunter, schmerzlicher Stimme.
Nun kam die Scham über sie, und sie wollte ins Haus laufen. Er hielt sie aber zurück.
»Bleib, Hanka, es ist gut, wenn wir miteinander reden. Morgen muß ich fort.«
Sie nickte traurig.
»Du hast fast nie mit mir gesprochen. Du bist so fein und so stolz!«
»Ich bin nicht fein und stolz. Ich will mit dir alles ordentlich und vernünftig besprechen. Komm mit, dort unter den Nußbaum!«
Sie gingen tiefer miteinander in den Großgarten hinein. Unter dem Nußbaum war eine Bank. Er setzte sich und lud sie ein, neben ihm Platz zu nehmen. Aber sie weigerte sich und blieb mit gesenktem Haupte vor ihm stehen. Durch das Gezweig des Baumes fielen rote Lichtfunken auf ihren schlichten, blonden Scheitel, und Juro sah, daß Hanka ein kraftvolles, gesundes, hübsches Mädchen war. Da faßte ihn ein Unbehagen und eine Trauer, und er sagte:
»Ich finde es unerhört, dir solche Dinge vorzureden. Nicht wahr, Hanka, du selbst hast nie daran gedacht?«
»Wie sollte ich wohl? Ich habe dich gar nicht gekannt!«
»Und wer hat dir das vorgeredet?«
»Deine Mutter hat es mit meinen Eltern besprochen, als sie mich abholte, und dein Vater hat es auch gesagt.«
Er nahm den Hut ab und fuhr sich nervös durch die Haare.
»Wie alt bist du, Hanka?«
»Achtzehn Jahre.«
»Das ist sehr jung! Aber das weißt du doch, daß zwei Menschen nicht von Vater und Mutter miteinander verheiratet werden können, daß es auf sie selber ankommt?«
»Ich habe meinen Eltern immer gehorcht.«
Er haschte nach ihrer Hand. Hart und schwer lag sie in seiner feinen Rechten.
»Du bist ein gutes Kind, Hanka! Aber sieh mal, wenn man sich heiraten soll, muß man sich doch liebhaben, nicht wahr? Du hast gewiß einen schönen Burschen in deiner Heimat lieb.«
Sie erglühte.
»Siehst du, Hanka, und du brauchst mir das gar nicht zu sagen. Aber ich verspreche dir, daß ich dafür sorgen werde, daß dich niemand mehr mit solchen Dingen belästigt; ich verspreche dir, dafür einzutreten, daß du deinen Liebsten heiraten kannst.«
Da sagte sie:
»Ich habe keinen Liebsten!«
»Du hast keinen?«
»Nein, ich habe immer gehört, daß ich – daß ich …«
»Daß du mich heiraten mußt!« vollendete er. »Aber, Hanka, das ist nicht so, dazu kann dich kein Mensch zwingen, auch dein Vater und deine Mutter nicht. Dazu bist du nicht verpflichtet, weder vor Gott noch vor den Menschen! Am wenigsten bist du es mir schuldig! Damit du aus allen Zweifeln herauskommst, will ich dir sagen, Hanka: ich habe schon eine Braut!«
Da hob sie jäh den Kopf und starrte ihn erschrocken an.
Sie brachte kein Wort heraus.
»Ja, Hanka, ich muß es dir sagen, daß du im klaren bist. Freust du dich denn nicht, daß du jetzt frei bist, daß du mich los bist?«
Er versuchte in scherzhaftem Tone zu fragen.
»Ja, liebes Mädel, jetzt bist du frei, jetzt kannst du alles auf mich schieben. Auf meinem Rücken hat viel Platz!«
Sie zupfte an ihrem Brusttuch und sagte kein Wort. Er fragte betroffen:
»Ja, bist du denn nicht einverstanden? Freust du dich nicht?«
Da stammelte sie:
»Ja, – ja – ich freue mich – ich wäre ja auch viel – viel zu gewöhnlich …«
»Hanka, davon ist nicht die Rede! Ich hatte doch meine Braut schon, ehe ich dich sah!«
Ihre Augen flogen noch mit ein paar flackernden Blicken zu ihm hin, dann sagte sie:
»Ich muß hinein!«
Und sie ging trotz seines Zurufes.
Am späten Abend lehnte Juro am offenen Fenster seiner Giebelstube. Die Herbstnacht war dunkel, ein müder Wind ging durch welkes Laub und dürres Gras.
Dort vom Berge her grüßte der Hochwald.
Dahinter lag das Haus der Geliebten.
Morgen war er weit.
Wie still es war! Einmal nur klagte ein Vogel, dann war tiefe Ruhe.
Da drang leises Weinen an Juros Ohr.
Unten aus dem Garten.
Lehnte nicht dort ein Mädchen?
War das nicht Hanka?
»Hanka!« rief Juro leise hinab. »Hanka!«
Eine Gestalt huschte in tiefes Dunkel, und nichts regte sich mehr. Juro lehnte noch eine Weile am Fenster, ehe er es fröstelnd schloß.
»Budže bohu skoržene! Zrudna wutoba!« sagte er in seiner wendischen Muttersprache zu sich.
»Gott sei es geklagt: Ein trauriges Herz!«