Chapter 15

Ehe der Kral in die große Wendenschlacht zog, vergrub er die Krone, die er zu Burg vor allem Volk getragen hatte, an einem sicheren Orte. Im tiefsten Wald hat der Kral die Krone vergraben, an einer Stelle, wohin kein Weg noch Fußpfad führt. Einen kleinen Hügel hat er über dem Grabe des Königsschmuckes errichtet. Den haben die Kiefern mit langen, braunen Nadeln zugedeckt.

Der Kronenhügel ist ein heiliger Ort.

Der Holzschläger achtet seinen geweihten Bannkreis auf hundert Schritt. Was am Kronenhügel wächst und steht, welkt oder fällt, entsteht und vergeht nach den Gesetzen des Urwalds.

Kein Jäger schießt am Kronenhügel ein Wild. Dort ist Gottesfriede für Mensch und Tier.

Die alten Weiblein, die Pilze suchen, die Kinder, die im Walde spielen, fürchten sich, allein zum Kronenhügel hinzugehen.

Selten steht ein ernster Wende sinnend an dem Hügel; die meisten wissen gar nicht den Weg zu ihm. Sie wissen nur, in welchem Walde er liegt, und mancher, dem sonst die Kappe fest auf den Ohren sitzt, lüftet sie in heimlicher Stunde, wenn er einsam an dem Walde vorbeikommt. Auf dem Hügel ist ein einzelner Stein. Er sieht aus wie ein altersgrauer Grenzstein. Ein Hufeisen ist darauf eingedrückt.

Der Nachtjäger hat einmal Sturm geritten gegen den Hügel; aber als das Roß den Huf auf den Stein setzte, ist ihm das Eisen glühend geworden, und es ist mit dem Nachtjäger davongerast, und der wilde Jäger hat sich nimmer getraut an selbigen Ort.

Seit tausend Jahren liegt die Krone des Kral in jenem kleinen Hügel.

Wann wird die Jungfrau mit der silbernen Schaufel kommen, nach ihr zu graben?

Gott weiß es! Aber dann wird Wendenland groß und mächtig werden.

Indessen schlafe in Gottes Hut, alte Krone! Das Volk denkt an dich! Der Schiffer tief drunten an der Spree träumtmanchmal von dir, wenn er in langsamer Fahrt durch das stille Wasser zieht; der Pflugtreiber, der sich auf sandigem Hügelfeld im Oberland um geringen Lohn quält und müht, ermißt in seinen einsamen Gedanken deinen Wert; im heimlichen Kreis der winterlichen Spinnstuben wird von dir geraunt und geflüstert, und keines dieser treuen armen Menschenkinder wird dich je verraten.

Schlaf in Gottes Hut, alte Krone, bis der junge Morgen tagt, da du auferstehst aus deinem ehrwürdigen tausendjährigen Grabe!

Inzwischen wird die weiße Wolke, die über Wendenland segelt, oft über dir halten und im Abendrot auf dich herniederglühen, wird der weiße Fisch in der Sprewja im stillen Wasser stehen und nach dem grünen Walde hinüberlugen, wo du schläfst.

Samo und die alte Wičaz, die sich wieder einmal von ungefähr auf dem Felde getroffen hatten, sahen von ferne den grünen Kronenwald.

Da wies die Alte nach dem Walde hin und sagte:

»Daran will er sich auch vergreifen!«

»Woran? Doch nicht an dem Kronenhügel?«

»Ja, an dem Kronenhügel.«

»Wer? Juro?«

»Ja!«

»Pah! Das ist Unsinn! Daran wagt sich keiner!«

Die Wičaz zuckte die Achseln.

»Ich weiß es!«

»Das ist nicht möglich. Aber erzähle, was du weißt!«

Er gab ihr wieder ein Geldstück.

Die Alte duckte sich ein bißchen zusammen, wandte den grauen Kopf zu Samo hin und sagte:

»Drin in der Stadt hat ein Kaufmann hinter seinem Laden eine Weinstube. Da hat der Herr Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold gesessen. Und sie haben fünf Flaschen Wein zusammen getrunken. Ihi! Die Wenden saufen.Palencje walenc! Die Deutschen saufen nicht. Wein ist wohl kein Umwerfer – wie? Wein ist teuer, die Deutschen sind reich; Branntwein ist billig, der Wende ist arm.«

»Alle Völker saufen!« sagte Samo verächtlich. »Halte mich nicht auf, erzähl, was ich hören will!«

»Wie sie schon etwas betrunken waren, hat der Herr Juro wieder davon gesprochen, daß er die Wenden deutsch machen will, hat über das Wendische geschimpft und hat auch vom Kronenhügel angefangen. Das sei ein blöder Ameisenhaufen, hat er gesagt.«

»Das hat er nicht gesagt«, fiel Samo ein, »dafür ist er zu klug.«

»Er hat es gesagt. Und dann hat er von einem deutschen Bischof angefangen, einem ganz alten, der hat einmal eine Eiche umgehackt.«

»Bonifacius?«

»Jawohl – so hieß er. Ich konnte den deutschen Namen nicht behalten. Die Eiche ist den Leuten dort heilig gewesen. Und der Bischof hat sie umgehauen, daß die Leute sehen sollten, die Geschichte mit der Eiche sei Lüge und Plunder.«

Samo tat drei rasche Atemzüge.

»Und so – so will sich Juro an dem Kronenhügel vergreifen? Etwa nachgraben? Den Leuten beweisen, daß keine Krone in dem Hügel liegt, dadurch ihren Volksglauben, ihre ganze Hoffnung, ihre Nationalität zerstören?« Er sprach mehr zu sich selbst. Aber die alte Wičaz antwortete:

»Ja, er wird den Hügel aufreißen. Er hat es gesagt.«

»Wer hat es gehört?«

»Der Kaufmann. Sonst niemand! Denn der Lehrling, den er hat, versteht nicht Deutsch.«

»Und der Kaufmann – wird er es nicht weitererzählen?«

»Nein. Er hat gewartet, bis ich in seinen Laden kam, und es erst mir erzählt; denn ich verschaffe ihm viel Kundschaft. Und er weiß, daß Juro der Sohn vom Kral ist, bei dem ich wohne. Ich habe ihm gesagt, er dürfe es niemand weitererzählen, was er gehört hat.«

»Warum?«

Die alte Wičaz zuckte die Achseln.

»Ich wollte Euch erst fragen, Pan Samo!«

Er antwortete nicht. Er blieb stehen, und seine Augen hafteten am Boden.

»Wenn Ihr wollt, Pan Samo, so wissen es in acht Tagen alle Wenden«, sagte sie in lauerndem und vertraulich klingendem Tone.

Er wehrte heftig ab.

»Nein! Es darf niemand wissen, – niemand – hörst du? – Oder du fliegst aus dem Hof, – hörst du? – Ich will es nicht! – Er ist mein Bruder! – Und ich – ich glaube überhaupt nicht, daß er das gesagt hat. Geh jetzt!«

Er machte wieder seine wegwerfende Handbewegung. Die alte Wičaz starrte ihn an und wußte nicht, was sie zu dieser Veränderung sagen sollte.

»Tý plundrawa![28]Scher' dich zum Teufel!«

Sie wandte sich erschreckt ab.

Da rief er sie noch einmal an.

»Ich will keine Vertraulichkeiten mit dir, verstehst du? Das ist selbstverständlich! Das gibt es nicht! Ich habe mit dir nichts zu schaffen. Gar nichts! Natürlich nicht! Und was du mir gesagt hast, ist alles Unsinn! Altweiberquatsch! Wičaz, ich sage dir, halte dich fern von Juro und mir! Sage nicht so – sage nicht anders. Sage gar nichts! Dann kannst du auf dem Hof wohnen bleiben, und es bleibt alles, wie es war. Sonst – du weißt, ich bin der einzige, der dich halten kann.«

Er wandte sich ab und schlug rasch einen Seitenpfad ein. »Herrendienst ist rund«, sagte bestürzt die »Sprichwörter-Wičaz«. Aber nach einer Weile, als sie nachgedacht hatte, sprach sie schlau blinzelnd bei sich selbst: »Stóž je z kóčdu wločil, najljepe wje kak čelńe.«[29]


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