Über die ehrwürdige Karlsbrücke im »goldenen Prag« gingen zwei junge Männer. Es war bereits Nacht. Die »argandischen Lampen« der damaligen Straßenbeleuchtung erhellten den Weg nur schwach und unvollkommen; hin und wieder nur blitzte die Laterne eines Kahns vom dunklen Moldauwasser herauf; der Hradschin aber, die heilige Akropolis von Prag, lag in Sternenlicht und hob sich zauberisch schön von dem dunkelblauen Nachthimmel ab.
»Wie fühlst du dich in der Tschamarka?« fragte der eine der jungen Männer.
»Ich bin glücklich!« sagte darauf der andere.
Es war Samo. Er war, ehe er nach Breslau zurückkehrte, nach Prag gefahren, um einige Tage bei guten Freunden zu sein, die er früher in Breslau kennengelernt und mit denen er einer slawischen Geheimverbindung angehörte.
Der andere betrachtete ihn von der Seite.
»Sie kleidet dich trefflich. Ha, sie haben uns auch diese Nationaltracht nehmen wollen; jahrelang durften wir uns in der Tschamarka nicht sehen lassen, – jetzt wird es wieder anders!«
Samo betrachtete sich. An dem bunten, mit vielen Schnüren, Bändern und Litzen verzierten Rock schaute er hinab bis auf die Stiefel, die ihm bis an die halbe Wade reichten. Und er rückte an dem runden slawischen Hut, den er trug.
»Ich fühle mich wohl in diesem slawischen Ehrenkleide, und ich wünschte, daß alle Böhmen es trügen«, sagte er.
»Hab nur Geduld; bald wird es so sein.«
Bei der Nepomuk-Statue blieben sie stehen.
»Es ist eigentlich schade, daß ihr Protestanten seid«, sagte der Prager.
Samo zuckte die Achseln.
»Religion läßt sich ändern, Nationalität nicht«, sagte er gleichgültig.
»Das heißt, – verstehe mich nicht falsch«, rief der zweite darauf, »ich meine nur, es ist schade für die Einheitsbestrebungen! Sonst weißt du wohl, daß ich kein Freund derPfaffen bin. Ach du, – wenn wir noch Hussiten wären! Da wäre alles anders!«
Sie lehnten sich an die Brückenbrüstung und schauten hinunter zur dunklen Moldau.
»Ich sage dir, Samo, ich kann keine Hussitenfahne sehen, ohne daß ich toll werde. Und wenn diepamatka mistra Jana Husi[30]kommt, da weiß ich, da wissen Tausende und aber Tausende hier im Lande, zu welcher Religion wir eigentlich gehören sollten. Dann wallt sie wieder auf, die schwarze Fahne mit dem roten Kelch, und ich sag' dir, Tausende von treuen Papisten kommen in inneren Zwiespalt, weil sie den als religiösen Ketzer verdammen sollen, den sie als nationalen Helden vergöttern müssen. Denn so wie Jan Hus hat selten einer die Deutschen gehaßt.«
»Keiner, es sei denn Ziška«, sagte Samo. »Wie Hus mit Hilfe Wenzels alle deutschen Studenten aus Böhmen verjagte, wie er am Tage ihrer Vertreibung einen Jubelhymnus von der Kanzel sprach, das war herrlich!« Der andere seufzte.
»Die Jesuiten haben die vertriebenen deutschen Hunde wieder zurückgebracht, und heute bellen sie frecher als je.« Eine Weile schwiegen die Jünglinge. Da schlang der Prager den Arm um Samos Nacken und sprach: »Oh, Samo, wenn ich den Brüdern sagen könnte, wer du bist! Wenn ich jetzt auf unserer großen Beseda den Brüdern zurufen könnte: Sehet da einen slawischen Königssohn, sehet da den zukünftigen Kral der Lausitzer Sorben, sehet da den König unserer unerlösten Brüder an der Sprewja!«
»Ich bin es nicht«, entgegnete Samo finster; »mein Bruder ist es, der Renegat.«
»Du bist es, und dein Bruder wird es nie sein!« sagte der andere feierlich.
Darauf gingen sie weiter und traten zuletzt in den hellerleuchteten Hausflur eines Gasthauses der Altstadt. An der Treppe bereits kamen ihnen einige Leute entgegen, die auch die tschechische Tschamarka trugen, und begrüßten sie mit Herzlichkeit. Die Tür eines großen Saales war mit Lindenzweigen und vielen kleinen rot-weiß-blauen Fähnchen geziert. Die Wände des Saales waren festlich geschmückt. Überall rot und weiß, die tschechischen Nationalfarben, überall Zweige von der Linde, dem heiligen Baum der Slawen. Das rote und gelbe Herbstlaub nahm sich bunt und schön aus auf dem grünen Untergrund von Tannenzweigen. An einer Wand war ein Podium mit einer Rednertribüne aufgeschlagen. Über der Podiumswand prangte die goldene Wenzelskrone; darunter waren die Wappen der »slawischen« Länder: der böhmische weiße Löwe, der Adler Mährens, der schwarze schlesische Aar, der gekrönte weiße Adler Polens, auch das Schachbrettwappen der Kroaten und der doppelköpfige Aar der südslawischen Serben. Was aber Samo mit tiefer Rührung erfüllte, war, daß auch die Wappen seiner wendischen Heimat nicht vergessen waren, die Oberlausitzer goldene Mauer im blauen Feld und der Niederlausitzer rote Stier auf weißem Grund. Auf einer Seite des Podiums die rot-weiße böhmische Flagge, auf der anderen die rot-weiß-blaue »slawische Trikolore«.
Ein buntes Menschengewühl im Saal. Viele Männer in der böhmischen Tschamarka, viele in der komödiantenhaft bunten Tracht der nationalen Sokolvereine, hier ein Pole in der Konfederatka, dort ein Hanak in grellrotem Gewand mit blauem Mantel, da ein Bulgare mit der Tschubaramütze aus Pelzwerk; sogar ein Montenegriner ist da, dem Dolch und Pistole im Gürtel stecken. Die Mädchen tragen slawische Mieder, mit rot-weiß-blauen Bändern und Schleifen geschmückt, viele haben Kränze von Lindenlaub im Haar.
Man spricht nur das Tschechische, das auch die anderen slawischen Stämme notdürftig verstehen. Samo, der die tschechische Sprache völlig beherrscht, wird von seinem Freunde Bohuslaw vielen Leuten vorgestellt, von allen mit großer Freundlichkeit und vielem Interesse behandelt.
Wie es mit der deutschen Bedrückung bei den sorbischen Brüdern an der Spree stehe, ob es wahr sei, daß Budissin in Sachsen noch eine ganz slawische Stadt sei, und ob die Lausitzer auch nie vergessen würden, daß sie zu Böhmen gehören, slawisches Blut zu slawischem Blut, slawisches Land zu slawischem Land? Hier im »goldenen Prag« seien die nördlichen Brüder unvergessen, wie ja auch ihre Wappen an der Wand andeuteten. Samo redete wenig, aber er drückte allen mit leuchtenden Augen die Hand.
Dann begann die Feier. Sie wurde mit dem alten Wenzelsliede eingeleitet, das alle Anwesenden stehend sangen: »Svaty Václave«.
»Heiliger Wenzeslaus,Herzog des Böhmerlands,Du unser Fürst,Bitt für uns bei Gott!«
»Heiliger Wenzeslaus,Herzog des Böhmerlands,Du unser Fürst,Bitt für uns bei Gott!«
Stolz stehen sie da und singen das alte Kirchenlied. Aber sie denken wohl nicht an den frommen, milden Heiligen, der so demütig war, daß er den Weizen selbst säte, erntete, mahlte, aus dem er die Hostien buk, daß er den Wein selbst kelterte, den er zum heiligen Opfer brauchte. Vergessen das Bild frommen Friedens; Wenzeslaus ist diesen Leuten der geistige, politische Führer geworden, weil er der Träger der Wenzelskrone war.
Und die glühenden Augen hängen an dem Abbild der alten Krone, die dort zwischen Heimatsfahnen und Lindenlaub zu sehen ist; der milde Heilige ist zum Bannerträger geworden, zum Schutzpatron im Kampfe gegen die Deutschen; und in dem Liede, das vom Heiligen Geist spricht und von der Schönheit des Himmels, bitten diese Leute um irdisches Heil, um politischen und sozialen Sieg.
Das Lied verhallt. Die Menge setzt sich nieder. Ein ziemlich junger Mann besteigt die Rednertribüne.
»Heil dem slawischen Volke!« beginnt er und begrüßt »die slawischen Brüder«, die zum Teil weither gekommen seienvom fernen Südland, wo der rohe Türke die Brüder knechte seit Jahrhunderten, und vom Norden, wo es am Fluß der Sprewja den Slawen nicht viel besser ergehe.
Die Menge klatscht Beifall; viele Leute sehen auf Samo. Der sitzt regungslos da. Er möchte mit dem Kopf nicken; aber er bringt es nicht fertig, weil ihm im gleichen Augenblick sein Vater einfällt, der ein zufriedener Preuße ist.
Bedrückung überall, fährt der Redner fort, Ungerechtigkeit, Vergewaltigung durch die rohe Übermacht! Nicht die geistige Übermacht! Denn geistig waren die Slawen den Germanen immer überlegen!
Ein starker Beifallssturm der anwesenden Slawen bestätigt diese bescheidene Behauptung.
Als die Deutschen noch lebten wie die Tiere, als sie Eicheln fraßen, sich in Felle hüllten und Ochsenhörner auf dem Kopfe trugen, waren die Slawen längst in viel höherer Kultur. Und wir Slawen sollen unseren geistigen Besitz den Deutschen verdanken?
Stürmischer Widerspruch.
Eingenistet haben sie sich in dieses Land, das Gastrecht haben sie gemißbraucht! Denn den Slawen ist der Gast heilig. »Hast du einen Gast im Haus, so hast du Gott im Haus«, das ist immer und ewig der slawische Grundsatz gewesen. Aber der Gast betrog uns, er machte sich zum Herrn!
Er betrog uns um die Herrschaft, um unser leibliches Gut. Wie haben aber die Deutschen erst geistig gestohlen und gefälscht! Wer ist der Feldherr Wallenstein, der ihr Land vor den Ausländern rettete? Ist er nicht der TschecheValdstyn? Wer ist ihr gefeierter Feldmarschall Radetzky, dem sie so ungeheuer viel verdanken? Ist er nicht unser slawischer Bruder Hradecky? Hat nicht ein Tscheche die Buchdruckerkunst erfunden? War nicht der große Jan, der diese unsterblichste aller Künste erfand, ein Ausgewanderter aus unserer böhmischen Stadt Kuttenberg? War es nicht eine Frechheit sondergleichen von den Deutschen,annovierzig die Buchdruckerkunst alsihreErfindung zu bezeichnen, aus einem Jan Kuttenberg einen Johann Gutenbergzu machen? Aber laßt sie nur ihr ›Gott erhalte Franz den Kaiser‹ brüllen; Joseph Haydn hat die Melodie den Tschechen gestohlen, und das wird noch an den Tag kommen! Was haben die Deutschen nicht alles von uns! Stammt nicht ihr Dichter Lessing aus dem wendischen Dorfe Kamenz; ist er also nicht ein Slaw? Hat nicht Karl Maria von Weber seinen »Jungfernkranz« den Tschechen gestohlen? Und da wollen die Deutschen sagen, wir hätten keinen großen Dichter, keinen großen Musiker?« Es gab wieder starken Beifall. Nur Samo und sein Freund Bohuslaw saßen mit niedergeschlagenen Augen da. Bohuslaw wußte, daß die kuriose Beweisführung des Redners seinem klugen Freunde peinlich war.
Der Redner fuhr fort: »Wofür sollen wir uns bei den Deutschen bedanken? Dafür, daß sie uns zu knebeln versuchten, daß sie unsere Sprache, unsere Sitte, unsere Freiheit verfolgten, unsere Söhne auf ihre Schlachtfelder schleppten, dafür, daß der preußische Barbar FriedrichII.unseren heiligen Hradschin beschoß, allein an einem Tage eintausendfünfhundert Kugeln gegen unseren Dom richten ließ, dafür, daß wir selbst die Gebeine des heiligen Jan von Nepomuk vor ihm in Sicherheit bringen mußten?«
Tosende Zwischenrufe. Der Redner erhob die Stimme zu größter Kraftentfaltung. Er brüllte:
»Sollen wir uns bei den Deutschen dafür bedanken, daß sie uns unseren großen Magister Jan Hus heimtückisch ermordeten?«
Brausende Bewegung.
»Warum haben sie ihn ermordet? Wegen seiner kirchlichen Lehre etwa? Manch einer hat freiere Dinge gelehrt und blieb am Leben und blieb in Ehren. Warum haben sie Luther geschont und Jan Hus verbrannt? Weil Luther ein Deutscher war und Jan Hus ein Böhme!«
Jetzt sprangen viele auf. Auch Samo und Bohuslaw. Und sie standen da mit wogender Brust und leuchtenden Augen. Spazierstöcke mit dem Ziška-Knopf wurden hochgehoben, und das Symbol der Hussitenkeule schwebte in der Luft.
»Darum haben sie ihn ermordet«, rief der Redner, »weil er die Deutschen haßte, wie sie es verdienten, weil er eines Sinnes, einer Seele war mit dem slawischen Volk, weil seine Donnerstimme die deutschen Studenten aus dem Lande scheuchte, weil er den deutschen Ratsherren in Prag das Handwerk legte, weil er für unsere Muttersprache eintrat, weil er gesagt hat: ›So wie Nehemias, als er hörte, jüdische Kinder sprächen halb Azotisch und könnten nicht mehr rein Jüdisch sprechen, diese geißelte, so verdienen die Prager gegeißelt zu werden, die halb Deutsch reden!‹ Hatte er nicht recht, meine Brüder?«
Stürmische Zustimmung.
»Slawische Brüder! Jan Hus ist verbrannt worden, weil er der Feind der Feinde seines Vaterlandes war!«
Der Redner griff blitzschnell in die Rocktasche und zog eine kleine schwarze Fahne heraus, die Hussitenfahne mit dem roten Kelch.
Ein Teil der Versammelten heulte laut auf vor Jubel, ein anderer schwieg. Ein katholischer Priester sprang auf das Podium, verschaffte sich durch eine Handbewegung Schweigen und rief:
»Im Namen der heiligen Kirche muß ich protestieren gegen die Entfaltung dieser Fahne!«
Der Redner sah ihn an.
»Nun gut«, sagte er, »ich will nicht Zwietracht säen unter die Brüder. Ich stecke die Fahne ein. Aber ich sage, es ist notwendig, an ein Konzil zu appellieren, daß die Akten des Jan Hus noch einmal revidiert werden. Wir können uns in nationaler Beziehung von diesem großen Mann nicht trennen.«
Niemand widersprach.
Noch einmal kam der Redner zu sprechen auf die großen welt- und kulturgeschichtlichen Leistungen der Slawen. Belisar, der dem Kaiser Justinian die Schlachten gewann, war ein Slawe, eine Unmenge deutscher Städte sind slawische Gründungen, ja die erste Kultur Oberitaliens war slawisch. Venedig ist weiter nichts als eine ursprünglich slawische Stadt.
Samo rückte wieder ungeduldig auf dem Stuhle hin und her. Weiter prahlte der Redner. Es sei heute eine Binsenweisheit, daß vor Christoph Kolumbus längst ein polnischer Seefahrer von Island aus Amerika entdeckt habe; in der Geschichte ChristiansII.von Dänemark sei das nachzulesen. Neuerdings würde auch geprüft, ob das berühmte Buch »Von der Nachfolge Christi« nicht einem Slawen statt Thomas a Kempis zuzuschreiben sei. Schließlich kam der Redner auf Rußland zu sprechen, von dessen Stärke allein die Auferstehung slawischer Macht zu hoffen sei. Hoffen wir auf den Zaren!
»At' žije!«[31]rief die Menge begeistert dazwischen.
»Ja,« schrie der Redner, »ich halte es mit unserem großen Havlitschek-Borowsky: ›Lieber die russische Knute als die deutsche Freiheit!‹«
Es gab Beifall, in den allerdings die anwesenden Russisch-Polen nicht einstimmten.
Eine Schlußapotheose des Slawentums, die dem sprachgewandten Redner gut gelang, und in der sich die Schönheit und der Reichtum der tschechischen Sprache offenbarte.
Und der Redner schloß, indem er zu singen anhub:
»Kde domov muj?«
»Wo steht mein Vaterhaus?«
Die Versammlung sang das sehr schöne tschechische Heimatlied mit. – –
Ein älterer Mann stieg auf die Rednertribüne. Er sprach gemäßigter, sprach von den strengen tschechenfeindlichen Erlassen JosephsII., erörterte allerhand schikanöse Anordnungen der Wiener Regierung, unter anderem, daß die Tschechen in ihrem eigenen Lande nicht in tschechischer Sprache telegraphieren dürften, während dies in allen möglichen fremden Sprachen erlaubt sei. –
Da erscheinen zwei männliche Gestalten auf dem Podium, die das Erstaunen aller aufs höchste erregen. Der eine ist bunter als ein Pfau. Er trägt einen stechend grünen Rock,knallrote Weste, hellgelbe Hose, braune Stiefel, eine riesig lange weißrote Krawatte und einen scheckigen, rot-weiß-blauen Hut. Sein Begleiter hat einen Zottelpelz an, Holzschuhe und trägt auf dem Kopf eine riesige Pudelmütze. »Slawische Brüder,« schreit der Bunte mit krähender Stimme, »nehmt es nicht übel, wenn wir hier reden und wenn uns eure schöne Sprache nicht so gut vom Munde fließt, wie es bei euch Göttlichen der Fall ist! Wundert euch nicht über uns! Ich bin ein Masur, und dieser mein Bruder in der Pudelmütze ist ein Lette. Und das, was wir hier anhaben, sind unsere neuen Nationaltrachten, die erst in diesem Jahre ein berühmter und sinnreicher Schneider in Warschau für uns erfunden hat. Ich hoffe, wir Slawen aus dem gottvergessenen Ostpreußen dürfen uns in eurem edlen Kreise einfinden.«
Der Bunte und die Pudelmütze wurden akklamiert.
»Slawische Brüder, mit Staunen haben wir in diesem gelehrten Kreise von unseren berühmten slawischen Männern gehört, von dem slawischen Dichter Lessing und von dem herrlichen Nasensammler Sobeslaw. Unser Herz hat höher geschlagen. Heil den Polen, die Amerika entdeckt haben! Heil den Tschechen, die die Buchdruckerkunst erfanden! Ich komme aber, um euch Kunde zu sagen von ganz neuen Entdeckungen, die ein berühmter und eifriger Forscher und Gelehrter unseres masurischen Volkes, das gleich eurem stets der Wissenschaft diente, gefunden hat …
… Nero, das römische Kaiserscheusal, war ein Deutscher!«
Bewegung.
»Wohl war Agrippina seine Mutter, aber das verbuhlte Weib hat ihn gezeugt mit einem deutschen Söldling aus der Umgegend von Köln. Weiter: Pontius Pilatus, der den größten und schändlichsten Mord der Welt auf dem Gewissen hat, war ein Deutscher!«
Einige Stirnen im Saal runzeln sich, einige Augen werden scharf.
Der Bunte fährt unbeirrt fort:
»Das heißt eigentlich auch nur ein Halbdeutscher. Aber wasfür einer! Er war der heimliche Sohn des Kaisers Augustus und Thusneldas, der gefangenen Gattin Hermanns des Cheruskers!«
Einige tschechische Studenten treten dicht vor das Podium und sehen den Redner scharf an. Harmlos spricht der weiter:
»Ich berichte hier nur das, was unser Forscher entdeckt hat. Die Beweisführung muß ich seiner Weisheit und Gewissenhaftigkeit überlassen. Aber wenn auch seine Resultate verblüffend sind, wenn sie auch unsere Feinde, die bluthündischen Deutschen, schwer ärgern müssen – sollen sie deshalb unausgesprochen bleiben? Nein, nein, nein!«
Zustimmung. Die Studenten treten vom Podium zurück.
»Und so sage ich euch: auch Judas Ischariot war ein Deutscher! Es ist klar erwiesen, daß sein Großvater als Kriegsgefangener von Julius Cäsar nach Rom gebracht wurde und durch Abschiebung nach Kairot ins Morgenland kam; denn Judas Ischariot ist eben Judas aus Kairot. Ich will die Ehrenliste deutscher Helden hier nicht verlängern; die Forschungen unseres Meisters, ob nicht auch der bethlehemitische Herodes deutsches Blut in den Adern hatte, sind noch nicht abgeschlossen!«
Wieder treten einige Studenten erregt vor.
»Laßt mich ein Wort sagen, slawische Brüder, über die Knechtung unseres Volkstums in Ostpreußen. Über neunzig Prozent unserer Kinder unterliegen dem Schulzwang; im slawischen Dalmatien brauchen bloß zwei Prozent der eingestellten Rekruten lesen zu können!«
»Was soll das heißen?« rief ein Student dazwischen.
»Das soll heißen, daß wir Slawen uns nicht in die deutsche Bildungszwangsjacke pressen lassen wollen. Haben wir das nötig? Neuerdings hat ja sogar ein Wiener Gelehrter zugegeben, daß das tschechische Gehirn das relativ schwerste ist, fünfzig Gramm schwerer als das deutsche!«
»Stimmt!Dr.Weisbach in Wien!« schrie einer.
Einige Studenten fixieren den Redner scharf.
»Ich bin fertig!« sagte dieser; »ich danke, daßSiemichmeine bescheidenen Ausführungen haben machen lassen. VergönnenSienun auch meinem lettischen Bruder und Nachbar einige wenige Minuten!«
Der Lette wiegt die riesige Pudelmütze hin und her und sagt stockend: Als Lette sei er, wie man wohl wisse, ein Germanoslawe. Aber jetzt habe er den Germanen abgestreift und stehe als Slawe hier. (Lebhafter Beifall.) Leider beherrsche er sehr wenig die tschechische Sprache, wolle aber nicht zurückhalten mit einer Entdeckung, die ein berühmter und eifriger Forscher seines Stammes gemacht habe. Das Grundgesetz, auf dem alle moderne Kultur beruhe, in dem das Judentum, das Christentum und der Islam eine gemeinsame Grundsäule hätten, seien offenbar die zehn Gebote Mosis. »Sie alle wissen, daß der Finger Gottes die Gebote auf zwei steinerne Tafeln geschrieben hatte, daß aber Moses die Tafeln zerschlug, als er die Israeliten beim goldenen Kalbe erwischte. Nun, unser Forscher hat jahrelang am Sinai nachgegraben, hat die Scherben der Tafeln gefunden, hat sie zusammengesetzt und entdeckt: Die zehn Gebote waren von Gott in urslawischer Sprache geschrieben!«
»Was soll das heißen? Was sagt er?«
Stühle rücken. Eine große Bewegung greift Platz. Samo spricht erregt auf seinen Freund ein.
»Ja, wenn ich nicht sagen darf, was mein Volk glaubt!« fährt der Lette fort, »so will ich schweigen. Sie wissen, daß viele Polen glauben, der Papst spreche Polnisch. Und haben Sie die Argumente unseres Forschers schon nachgeprüft? Haben wir Ihnen nicht auch die Erfindung der Buchdruckerkunst geglaubt? Man hatte uns gesagt, auf der tschechischen Beseda könne man reden, was man wolle. Ich danke Ihnen, daß Sie mich bis hierher angehört haben!«
Er verließ verärgert mit seinem masurischen Freunde das Podium, und beide gingen der Tür zu. Alle sahen den beiden nach. An der Tür stieg der Lette auf einen Stuhl und rief:
»Eines bitte ich noch sagen zu dürfen: Die zehn Gebote, wie Sie sie kennen, haben eine Lücke: Es muß heißen: Siebentes Gebot: du sollst nicht stehlen; achtes Gebot: du sollst keinfalsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten, das heißt also: du sollst kein Tscheche sein!«
Ein Schrei! Der Masur reißt die Pudelmütze ab. Eine deutsche Studentenkappe kommt zum Vorschein.
»Leben Sie wohl!« schreien die beiden in deutscher Sprache und sind zur Tür hinaus. Ein wahnwitziges Geschrei geht los. Hunderte von Menschen drängen zur Tür. Sie verlegen einander den Weg. Unten auf der Straße fährt ein Wagen rasch davon. Im Saale herrscht die grimmigste Empörung. Mehr als eine halbe Stunde vergeht in ohnmächtigem Toben und Fluchen. Viele Frauen weinen. Da steigt einer aufs Podium.
»Slawische Brüder! Laßt eure Feier nicht stören durch diese deutschen Lausbuben!«
Großer Beifall!
»Sind sie nicht ausgerissen wie Feiglinge?«
Stürmischer Beifall.
»Wir werden sie und ihresgleichen zu treffen wissen!«
Geschrei.
»Wieder einmal ist es erwiesen, daß die Deutschen die Friedensstörer, die Provokateure sind, die sich selbst zu so friedlichen Slawenfesten wie dieses heimtückisch einschmuggeln. Lasten wir uns nicht stören; der Tag der Vergeltung kommt.«
»Šusnelka nám piše.«
Er stimmte den beliebten Gassenhauer an, der davon redet, die Deutschen hätten alle gefährliche Bauchschmerzen, und die Versammlung sang mit.
Die Erregung legte sich allgemach etwas; nur einzelne Studentengruppen führten unter sich aufgeregte Debatten. Man beschloß eine große Demonstration vor der Karlsuniversität.
Und nun trat »Plzenske piwo« in seine gewaltigen Rechte. Pilsener Bier. Je erregter der Mann, desto tiefer der Trunk. Nur, daß der köstliche Trank das innere Feuer nicht löschte, sondern immer mehr anfachte.
»Diese elenden Frankfurter!«[32]
»Jauche haben sie gegossen in unseren slawischen Verbrüderungswein!«
»Der eine sah aus wie ein bunter Hanswurst, der andere wie ein Urmensch aus der Eiszeit. Und das nannten sie slawische Nationaltracht! Und der Kerl, der Lette, sagte ausdrücklich, eigentlich bin ich ein Germanoslawe, aber ich habe den Germanen abgestreift und stehe jetzt als Slawe hier. Und wir klatschen Beifall dazu. Eine Schmach! Eine Schmach!«
Der junge Student, der das sagte, vergoß Tränen.
Da stimmte jemand das Lied von der Aussiger Schlacht an: »Bitwa před Ustim.«
»Gedankt sei Gott! O preiset ihn,Er hat uns hilfereich verlieh'n,Die Deutschen ruhmvoll zu schlagenUnd aus dem Lande zu jagen!«
»Gedankt sei Gott! O preiset ihn,Er hat uns hilfereich verlieh'n,Die Deutschen ruhmvoll zu schlagenUnd aus dem Lande zu jagen!«
Die Studenten hörten mit finsteren Gesichtern zu. Heut war der Ruhm, wie sie die Deutschen aus dem Felde geschlagen hatten, klein.
Selbst als ein paar hübsche Mädchen etliche der wunderherrlichen Volkslieder der Tschechen vortrugen, die für Trauer und Sehnsucht des Menschenherzens in stillen Worten und tiefen reichen Melodien so ergreifenden Ausdruck finden, kam keine rechte Stimmung mehr zustande.
Die Beseda war verunglückt.