Es war kaum zehn Uhr, als Samo aufbrach. Sein Freund Bohuslaw folgte ihm. »Ich ersticke in diesem Saal!« sagte Samo draußen. »So ist es selten einmal durchtriebenen Hallunken geglückt, die Gegner zu äffen.«
»Mein Herz leidet, daß es geschah, Samo«, antwortete der sanfte Bohuslaw. »Wenn es nun einmal geschehen sollte,dann doch nie in deiner Gegenwart. In dir ist der slawische Königsgedanke beleidigt worden.«
Der junge Mann hing an Samo mit einer Art ehrfürchtiger Liebe. Er ehrte in ihm mit tiefer Überzeugung den heimlichen Königssohn.
Schweigend gingen die beiden jungen Männer weiter. Als sie in eine schmale, winklige Straße kamen, zeigte Bohuslaw auf das Erkerfenster eines Eckhauses. Mattes Licht schimmerte durch die kleinen bleigefaßten Scheiben des Fensters.
»Dort wohnt mein Onkel Krok, von dem ich dir erzählte. Wenn es dir gefällt, so gehen wir zu ihm hinauf. Wohin sollen wir jetzt in dieser Stimmung?«
»Es ist zu spät für einen Besuch.«
»Mein Onkel Krok würde um Mitternacht aufstehen und dir sieben Meilen entgegengehen, wenn er wüßte, du wolltest ihn besuchen. Erlaubst du, daß ich klopfe?«
Samo zuckte die Achseln.
»Tu, was du willst.«
Bohuslaw klopfte mit dem eisernen Schläger an die Tür, und bald erschien an dem Erkerfenster der Kopf eines alten Mannes.
»Wer klopft? Bist du es, Bohuslaw? Und wer ist der andere?«
»Das ist Samo. Unser Samo!«
»Unser – unser …«
Dem Alten stockte die Stimme. Er warf den Fensterflügel zu und erschien bald in der Tür mit einem Licht. Eine in einen weiten Schlafrock gehüllte schmächtige Gestalt eilte auf Samo zu und beugte sich tief vor ihm.
»Fjersta! Fjersta!«[33]rief der Alte zitternd, und ehe es sich Samo versah, küßte er ihm ehrfurchtsvoll die Hände. »In Gottes Namen, willkommen! Gesegnet der Tag, da meinem Hause diese goldene Ehre widerfährt!«
Samo war bestürzt, daß er kaum etwas zu antwortenwußte. Wie im Traum trat er durch die schmale Tür, stieg er eine schmale Stiege hinauf. Der Alte, der ihm leuchtete, stammelte unausgesetzt Worte freudigen, ehrfurchtsvollen Willkommens.
Sie traten in das sehr geräumige Erkerzimmer. Es war erhellt durch eine große Hängelampe von auffällig schöner Schmiedearbeit. Der große Tisch unter der Lampe war mit Büchern und Manuskripten bedeckt. Sonst machte das Zimmer den Eindruck des Lagerraums eines Altwarenhändlers oder des ungeordneten Saales eines Museums. Alte Möbel, Waffen, Bilder standen und lagen umher, von der Decke hingen seidene Tücher mit bunten Malereien, an den Wänden waren kostbare Stickereien, in Glaskästen allerhand kleine historische Pretiosen, geschichtliche Reliquien und Sonderbarkeiten.
»Heilige Madonna, ich danke dir, daß ich diesen Tag erlebte!O Fjersta! Fjersta!«
Und wieder wollte der Alte Samo die Hand küssen.
Dieser wehrte ihn freundlich ab.
»Ich freue mich, daß ich bei Euch bin; aber ich bin nichts als ein wendischer Student.«
»Ich weiß, wer Ihr seid! Dersorbski kral, der kommen wird. O seht, wenn ich auf unserer heiligen slawischen Erde reise und sehe, wie schön und reich sie ist, ich finde alles: ich finde große Berge und weite Ebenen, Städte mit alten Domen und heiligen Gräbern, Wiesenflächen mit singenden Dörfern, ich finde alte Nationalschätze und habe davon manches gesammelt, ich finde eine stolze Jugend, die an ihr Slawentum glaubt, ich finde Dichterwerke und Weisheitswerke und Silber und Gold und Edelstein – aber ich finde das nicht, wonach ich mit meinen alten Augen immer noch suche: ich finde keinen slawischen König. Und nun ist er hier! Und nun ist er hier!«
Der Alte fing so heftig an zu zittern, daß ihn sein Neffe nach einem der großen Lehnstühle führen mußte. Auch Samo faßte es an wie ein Taumel, und er setzte sich langsam und schwer auf einen Stuhl an dem großen Tisch.
Eine tiefe, tiefe Stille kam. Der Alte blickte auf den jungenKönigssohn wie ein Vater, dem in frühen Jahren ein Sohn, das Kleinod seiner Ehre und seiner Hoffnung, geraubt worden ist, dem die goldene Wahrheit und Gewißheit seines Lebens in graue, neblige Ferne entwich, der mit heißen Augen und nimmermüdem Fleiß suchte durch die besten Jahre seines Lebens und endlich müde heimkehren mußte mit winzigen Andenken und ungewissen Anhalten, ein Träumer sitzt am einsamen Tisch – und dem mitten in der Nacht im Sternenschein der Sohn als ein kommender Sieger wiederkehrt.
»Fjersta!«
Samo eilte auf den Alten zu – sie liegen sich in den Armen. – – –
Endlich sagte Samo:
»Ihr überschätzt mich! Ich bin nur der zweitgeborene Sohn dessorbski kral.«
Der Alte schüttelte den Kopf.
»Die, die sich um die Slawen kümmern, wissen, wer Ihr seid. Euer Bruder, der den slawisierten Germanennamen Juro trägt, ist nicht der Kral. Ihr heißet Samo, Ihr tragt den Namen, der als einziger aus dem ersten Schöpfungstag tschechischer Geschichte zu uns herüberleuchtet. Samo, der Slaw, der die Avaren schlug, an die sich Kaiser Karl vergeblich gewagt hatte, Samo, der die Tschechen heimisch machte in diesem Lande Gottes – Ihr könntet keinen schöneren Namen haben als diesen!«
»Der Name macht es nicht; obwohl ich zugebe, daß Ihr, der Ihr Krok heißt, gewiß mit dem alten Tschechenherzog Krok, dem Klugen und Gerechten, vieles gemeinsam habt.«
»Ich bin ein alter Mann, der nicht viel mehr für seine slawischen Brüder tun konnte, als daß er sein Leben lang um sie litt. Und der ein wenig sammelte. Freilich, es sind nicht die Schätze vom Karlstein.«
Der Alte wies auf seine Raritäten.
»Waret Ihr im Karlstein, Pán Samo?«
»Nein, ich komme erst zum zweitenmal in meinem Leben nach Böhmen.«
»Zürnet nicht, Herr, wenn ich sage, daß das nicht gut ist.«
»Ich weiß es. Ich hätte in Prag studieren sollen, nicht in dem deutschen Nest Breslau. Hier in Prag ist der Nährboden für starkes, echtes Volkstum. Aber ich war nicht unabhängig. So habe ich auch den Karlstein noch nicht gesehen.«
Das Auge des Alten strahlte.
»Der Karlstein! Vieles ist zerfallen, viele Edelsteine, die die Mauern bedeckten, sind ausgebrochen, die Fenster sind jetzt aus Glas, aber doch ist der Karlstein noch immer unsere Gralsburg, wie sie Meister Mathias von Arras schuf. Ich denke jetzt nicht an die Rittersäle, die großen Höfe; an eine der Kapellen denke ich, an die Kreuzkapelle. Und ich sehe, wie KarlIV.barfüßig in das Heiligtum tritt, nachdem vier eiserne Türen, neunzehn Schlösser geöffnet worden sind. Und die Kapelle erstrahlt im Glanz von eintausenddreihundertunddreißig Lichtern, indes der Probst die Messe zelebriert. Die vergoldeten Wände funkeln, die Jaspise und Karneole blitzen, durch die Halbedelsteinfenster fällt das Licht hinaus ins Land, bis an den Fluß hinunter. Rund herum, als wenn sie lebten, die großen Bildnisse von einhundertfünfundzwanzig Heiligen, die aus ihren reinen Augen nach dem Altar schauen; und im Hochaltar, hinter goldenen Gittern, die alte, heilige Wenzelskrone, die Insignien des Reichs. Karl, der Böhmenkönig, der als Kaiser das ganze deutsche Reich beherrscht, liegt hier auf den Knien, betet zu Gott um Schutz für die Krone, und draußen ruft der Wächter am Tor alle Stunden ins Tal: ›Bleibet der heiligen Burg fern, ihr Wanderer, sonst ereilt euch Unheil und Tod!‹«
Über der Kapelle prangt die Schrift:
»Herr Christus, mächtiger Herr, behüte du selbst diese Kleinodien bis zum letzten Tage[34]!«
»War das nicht eine große, schöne Zeit?«
Samo blickte den Alten, der so begeistert redete, versonnenan. Sein Gesicht war finster. Der alte Krok erzählte nun von vielen anderen Schätzen der Burg Karlstein, von kirchlichen und weltlichen Reliquien kostbarer Art.
»Haltet Ihr diese Dinge für echt?« fragte Samo.
»Ja! Und wenn mir ein Zweifel kommt, jage ich ihn eilends davon. Zweifel macht arm und verödet das Herz; er ist der Bilderstürmer im Dom unserer Seele, dessen Altäre er entkleidet und von dessen Wänden er Glanz und Schönheit nimmt. Was dann übrigbleibt, ist kahle Armut, sind harte, nüchterne Trümmer. Und der rauhe Wind, den sie Wahrheit nennen, der dann schneidend durch die zerschlagenen Fenster fährt, kann uns nicht trösten, wenn der Tabernakel des Heiligsten beraubt ist und die ewigen Lampen verlöscht sind. Oh, Pán Samo, an alten Symbolen hängt der Gedanke, und der Gedanke stirbt mit dem Symbol; denn wir Menschen schauen aus leiblichen Augen.« Samo stand auf und ging ein paar Schritte hin und her. »Es mag schön sein, so zu glauben und zu träumen wie Ihr, Pán Krok. Ich kann es nicht. Ich habe ohne Neid von dem Glanz der Wenzelskrone gehört, ich habe mit Freude davon gehört; aber es ist doch bitter, wenn ich daran denke, wie bettelarm dagegen mein eigenes Volk war. Kennt Ihr die Sage vom Wendenkönig?«
»Ich kenne sie.«
»Seht, Pán Krok, der Wendenkönig konnte sich keine bleibende Burg bauen, keine goldene Kapelle errichten, wo er seine Schätze verwahrte, für ihn gab es noch keinen Pán Krystus, dessen Schützernamen er über seine Tür schreiben konnte. Als er in die entscheidende Schlacht zog, hatte er niemand, der seine Krone verwahrte; in den armen Sand der Heide mußte er sie vergraben, unter die Bäume des Waldes. Eine Grube zwischen Erde und Steinen war unsere Kronenstätte.«
Der Alte stand auf, und seine milden Augen ruhten liebevoll auf Samo.
»Gott selbst hat einen blauen Dom über Eure Krone gewölbt, Pán Samo, und seine Sterne werden nicht weniger hell gefunkelt haben als unsere Karneole. Und hat Euch nichtGott wunderbar erhalten? Unser Königtum ging verloren, das Eure blieb!«
»Es wird verloren sein für immer und ewig«, sagte Samo düster.
»Das darf nicht sein, Pán Samo, das darf nimmer geschehen! Ihr werdet es aufrechterhalten; denn Ihr müßt der Kral werden, geschehe auch, was wolle!«
Die milde Hoheit war von dem Alten gewichen, ein fanatischer Eifer sprühte aus seinen grauen Augen. –
»Die Deutschen verseuchen unser Volkstum«, fuhr Samo fort; »sorbisch geht der Bursch zum Militär, verdorben, deutsch kommt er zurück; der deutsche Gutsherr, der deutsche Krämer, der deutsche Gastwirt bohren sich wie die Maden in die slawische Frucht; unsere Gebildeten liegen in einem Halbschlummer; sie träumen noch ein wenig vom Slawentum, aber vor der Welt sind sie gehorsame Diener des deutschen Herrn. Die wendischen Geistlichen und Lehrer sterben aus; sie waren die besten und letzten Hüter unseres Volkstums, ihre Nachfolger sind Pioniere des Deutschtums. Das Volk kehrt sich vom heimischen Ackerbau ab, strebt in den Frondienst deutscher Fabriken. Es ist – es ist aus mit uns droben in der Lausitz!«
»Das ist ein düsteres Bild, das ist ein zu düsteres Bild!«
»Schreien möchte ich, Pán Krok, daß es so ist! Tausend Jahre lang hat unser sorbisches Volk der Lausitz seine slawische Art bewahrt mitten in Kampf und Not. Die Herren haben gewechselt, die Bedrücker sind geblieben, aber auch das Slawentum ist geblieben. Keine Gewalt, keine List, keine leibliche und geistige Aushungerung hat es vernichtet. Der arme, starke Sandwald hat es geschützt. Und welche Hoffnung blieb uns? Unsere Zahl schmolz zusammen. Wir konnten nicht mehr hoffen, ein eigenes Reich zu errichten, wie es die alte Sage verheißt.«
»Ihr müßt das hoffen, Pán Samo,« rief der Alte; »Ihr dürft diese Hoffnung im Herzen des Volkes nicht untergehen lassen. Man darf einen Stern nicht ableugnen, weil man nicht nach ihm greifen kann. Genug, wenn er leuchtet. Der felsenfeste Glaube an die große Zukunft muß dem Volk erhaltenbleiben. Ohne großes Ziel keine Religion, kein aufstrebendes Volkstum, nicht einmal irgendein gutes Einzelwerk!«
Samo zuckte die Achseln.
»Wir müssen uns an die realen Verhältnisse halten. Was zu tun ist und immer zu tun war, ist das eine: das Slawentum in der Lausitz zu erhalten, bis die deutsche Kluft, die zwischen uns und den Tschechen liegt, überbrückt ist, mit einem Wort, das Wendentum zu konservieren, bis das deutsche Nordböhmen slawisiert ist und wir Lausitzer Sorben unmittelbaren territorialen Anschluß an die böhmischen Tschechen haben.«
»Und das kommt doch! Das kommt doch!« rief der alte Krok begeistert. »Tausend Jahre habt ihr ausgehalten, wollt ihr in letzter Stunde unterliegen, da der Sieg so nahe ist? Ja, ihr seid auf einem gefährlichen, auf dem bedrohtesten Vorposten; aber, ihr Brüder, ihr seht doch, daß euch die siegreiche Hauptarmee Stunde um Stunde näherkommt!«
Samo entgegnete finster:
»Die Pflicht erkenne ich so wie Ihr, Pán Krok. Aber die Verhältnisse liegen so, wie ich Euch sagte. Und es fehlen uns die stolzen Erinnerungen, die großen Symbole. Was wir davon haben, wird angezweifelt, soll vernichtet werden.«
»Laßt nur das nicht geschehen, nur das nicht, Pán Samo! Nur nicht an die Tradition tasten! Ich muß noch einmal von ihrem unermeßlichen Wert reden. Gestattet, daß ich in einem Gleichnis spreche. Seht, da war eine Edelfamilie, die hegte als großen Schatz einen alten, goldenen Ring. Den Ring, so erzählte die Familiengeschichte, habe ein Ahn von einem edlen Moslem erhalten, in dessen Gefangenschaft er zur Zeit der Kreuzzüge geraten war. Der Ahn war von so herrlicher, edler Art, er war in allen Dingen von so bezwingender Menschlichkeit, daß er das Herz seines Kerkermeisters gewann und dieser ihm eines Tages die Freiheit schenkte und ihm den Ring mitgab mit den Worten: »Denke meiner in deiner Heimat, du bewunderungswürdiger Mann, gönne mir ferner deine Freundschaft, die ich ehren werde bis zu meinem letzten Tage.« Und in derFamilie wurde der Ring geachtet und geliebt. Der Vater hielt ihn dem Kinde aufs Haupt, wenn es getauft wurde; der Jüngling gelobte bei dem Ringe, brav und edel zu sein, ehe er in die Welt ging; die Jungfrau bekam ihn bei der Trauung an den Finger gesteckt; der Sterbende trug ihn an der Hand, wenn er sie zum letztenmal um Erbarmen zu Gott aufhob. – – Da erschien eines Tages ein Mann, der sagte, er sei ein Gelehrter, prüfte das Kleinod und wies nach, der Ring stamme gar nicht aus der Zeit der Kreuzzüge, er sei aus einem späteren Jahrhundert und offenbar fränkische Arbeit. Und er ging davon mit stolzgeblähter Brust und dem eitlen Gedanken, er habe diesen Leuten die historische Wahrheit gebracht. – Wißt Ihr, Pán Samo, daß dieser Mann ein Verbrecher war? Was war der Unbekannte, der das Symbol erfand und ihm durch einen tiefen Gedanken eine Wundermacht verlieh, die durch viele Generationen wirkte, doch für ein besserer Mensch als dieser Aufklärer!«
Samo sagte dazu nicht »Ja« und nicht »Nein«. Er schwieg eine Weile, dann aber sagte er mit gepreßter Stimme:
»Und mein Bruder Juro wird den Sorben ihren goldenen Ring entwerten.«
»Das darf er nicht!« rief der Alte vor Zorn bebend. »Eher sei er geächtet! Eher werde er getötet! Ihr müßt ihm, Pán Samo, mit allen Mitteln entgegenstehen!«
»Das werde ich!« sagte Samo und reichte dem alten Krok die Hand.
Die ganze Nacht saß Samo mit seinem Freunde Bohuslaw beim alten Krok. Die betagte Wirtschafterin hatte so köstlichen Wein gebracht, wie Samo noch nie zuvor getrunken hatte. So war auch er mitteilsamer geworden und hatte von seinen letzten Erlebnissen im wendischen Vaterhause erzählt. Der kluge Alte hörte ihm mit glühendem Interesse zu, und so wie seine Zuneigung für den alten Hanzo, für Hanka, vor allem aber für Samo selbst wuchs, so loderte sein Haß auf gegenJuro, den »Renegaten«. Bis in die Einzelheiten mußte Samo erzählen, selbst seine Unterredungen mit der alten Wičaz verschwieg er nicht.
Später zeigte und erläuterte Krok einen großen Teil seiner Sammlungen. Er tat es mit dem Feuereifer des überzeugten Slawen, aber auch mit der strahlenden Freude des erfolgreichen Sammlers, dem die Eitelkeit nicht fremd ist.
Oh, es war ein hoher Genuß für die beiden jungen Männer, den Worten des begeisterten Alten zu lauschen, der an oft unscheinbaren Dingen in leuchtenden Einzelbildern böhmische Geschichte entwickelte. Andenken aus der Zeit der Kämpfe des Christentums und Heidentums; ein Pilgerstecken, den der heilige Cyrillus trug, der große Heilige, große Held, große Gelehrte, der Moses der Slawen; das Hufeisen, das das Roß Swatopluks von Mähren verlor, als er vor den Böhmen flüchten mußte; ein Gürtel der gottlosen Königin Drahomira, die von der Erde verschlungen wurde; Kriegstrophäen aus den Kämpfen mit den Polen und Ungarn; eine Pergamentschrift des ersten böhmischen Chronisten Cosmas; ein Stein aus dem Schwertgriff des unglücklichen Ottokar, der im Kampfe gegen den ersten Habsburger Krone und Leben verlor; ein Schild aus der ruhmreichen Zeit, da Heinrich von Kärnten verjagt wurde; ein Evangelienbuch der ketzerischen Beguinen; viel Andenken an den Vater Böhmens, KarlIV., darunter ein Teil der Biographie, die dieser Herrscher über sich selbst schrieb. Endlich vielerlei historische Andenken aus der Zeit der Hussitenkriege und des Dreißigjährigen Krieges: Waffen, Trommeln, Panzerhemden, Keulen, Pistolen, ein silberner Hussitenkelch, eine eigenhändige Handschrift Wallensteins; dazu viele Dinge von kulturhistorischem Wert: alte Stickereien, alte Gewebe, Glasmalereien, Goldschmiedearbeiten, bunt gemalte Abschriften aus Benediktinerklöstern, Möbel-, Haus- und Feldgeräte, Wappen, Münzen, Petschafte.
Alle diese Dinge waren in dem geräumigen Erkerzimmer und einem anstoßenden großen Raum untergebracht.
Samo staunte über den Reichtum.
»Mein Familiengut«, lächelte Krok. »Das andere ist in alle Winde; aber dieses, das Wertvollste, hat sich erhalten!«
Er brachte eine große Familienchronik heran. Die Eintragungen reichten in sehr alte Zeit zurück. Insonderheit war über Erwerb und Herkunft der historischen Reliquien genau und treulich berichtet.
»Meine Ahnen«, sagte Krok, »hatten Sinn für das Alte, Kostbare, Wesentliche. Mein Vater war ein lustiger Herr; er lebte mehr in Wien und Paris, als unserem Familiengut günstig war. So ging es verloren. Burg, Dorf, Wald, Feld mußten verkauft werden; mir, dem Sohn, blieb gerade genug, nach dem Tode meines Vaters das Leben zu fristen. Aber mir blieb auch diese Sammlung. Alles hat mein Vater preisgegeben, nur dieses da nicht. Er hat nicht so gehandelt wie der leichtsinnige Sigismund, der den Karlstein entweihte, dessen kostbare Steine er ausbrach und an Händler verkaufte, um Geld für sein Schlemmerleben zu haben, oder gar wie jener deutsche Braunschweiger, der die silbernen Apostelfiguren zu Talern einschmelzen ließ und dabei die lästerlichen Worte sprach: ›Gehet hin in alle Welt und predigt den Heiden!‹ Mein Vater hat mir keine andere Herrschaft hinterlassen als diese; aber ich bin ein glücklicher, zufriedener Mensch.«
Als die Zeiger der alten Uhr schon in die Morgenstunden hineinrückten, wurde Krok plötzlich schweigsam. Die Jünglinge wollten fortgehen, aber der Alte hinderte sie und wurde heftig, als sie abermals davon sprachen.
Lange und unverwandt blickte er oft von seinem Lehnstuhl aus auf Samo. Als draußen der Tag schon graute, sprach er:
»Jeder Mensch hütet ein Geheimnis in seinem Herzen. Ist es nur für ihn, so mag es sterben, wenn er stirbt; ist es aber für andere, dann muß der Mensch Erben seines Geheimnisses suchen. Ich bin alt, und eines Morgens, wenn der Tag graut, wird er mich tot finden bei diesen Reliquien, ich selbst eine Reliquie, das geringwertige Überbleibsel einer alten Zeit. Was Wissenswertes ist von diesen Dingen, die hier verwahrt sind, ist aufgeschrieben. Eines aber möchte ich in eure Herzenschreiben, ihr edlen Jünglinge, und da soll es verwahrt sein für den Fall meines Todes.«
Der Alte stand auf und stellte sich ans Fenster. Das Licht des aufdämmernden Tages spielte blaß um seinen grauen Kopf. Und Krok sprach langsam und feierlich:
»Ehe ich euch mein Geheimnis überliefere, müssen eure Seelen mit meiner Seele rückwärts wandern den ganzen heißen, arbeitsreichen Tag der böhmischen Geschichte entlang bis zu der Stunde, da das herandämmernde Licht der beginnenden Tschechenherrschaft seine ersten Strahlen über das Land schickte, wie jetzt da draußen die Sonne über unser heiliges Prag. Samo, der Gewaltige, schlug die Avaren, Krok, der Gerechte, gab das erste Gesetz. Krok hatte drei weisheitsvolle Töchter. Als er zum Sterben kam, wußte er nicht, welcher der drei Töchter er das Reich vererben sollte. Und er warf das Los, und das Los fiel auf Libussa, die weiseste und machtvollste der Königstöchter. Libussa gründete die Stadt Prag und regierte klug und streng. Die Böhmen waren glücklich unter ihr, aber eines Tages verlangten sie, die Königin solle einen Gatten nehmen, der mit ihr regiere. Da sandte Libussa eine Reiterschar ab und befahl dieser: ›Wo ihr einen Mann findet, der von einem eisernen Tische ißt, so bringet ihn; er soll mein Gatte und soll König sein!‹ Der Reiterschar gab sie ihr eigenes Roß mit, und dieses Roß setzte sich an die Spitze der Schar und schlug den Weg ein gen Staditz.
Es war aber an die fünfzigtausend Schritt von Prag, da saß ein Bauer auf dem Felde. Es war just ein schöner Frühlingsmorgen; die Lerchen sangen, das Gras und die junge Erde dufteten. Der Bauer saß lachend auf dem Felde und aß sein Frühstück von der blanken Pflugschar. Da wieherte das Königsroß und fiel auf die Knie, und alle Rosse knieten nieder, und die Reiter stiegen ab und knieten nieder und riefen dem Bauern zu: ›Du bist unser König!‹ Der Bauer, welcher Przemisl hieß, stand auf, ließ Acker und Pflug im Stich, zog nach Prag und wurde der Gatte der Königin. Libussa ließ ihm eine silberne Krone machen; sie selbst aber trug eine goldeneKrone, denn sie war an Macht über ihm. Jahrhundertelang haben die Nachkommen von Przemisl und Libussa die Schicksale Böhmens gelenkt.
Libussa aber hatte eine Schar von Dienerinnen sorgsam erzogen, und die Schönste und Klügste von ihnen, Wlasta, empörte sich gegen die Herrin, gewann ein Heer von Frauen und führte den Mägdekrieg. Libussa flüchtete bis ins Riesengebirge, und weil sie verfolgt wurde, warf sie ihre goldene Krone in den Zackenfluß, der in donnerndem Fall von den Bergen springt, und unter diesem Wasserfall liegt die Krone noch jetzt. –
Przemisl kehrte in seine Heimat zurück. Die Mägde suchten nach seiner silbernen Krone, aber sie fanden sie nimmer.« –
Krok schwieg. Er senkte das Haupt und stand in tiefem Nachdenken da. Dann sagte er:
»Wartet ein Weilchen, bis ich wiederkomme!«
Er verschwand durch die Tür und kam nach nicht langer Zeit zurück.
»Kommt.«
Sie gingen durch den Nebenraum, der auch mit Altertümern angefüllt war, und kamen an eine eiserne Tür, die jetzt sichtbar war, weil Krok eine große, alte Stickerei an dieser Stelle fortgenommen hatte. Krok öffnete die Tür, und die Jünglinge blickten in eine Kapelle.
Eine große Anzahl von Kerzen brannte, in drei silbernen Lampen glimmte rotes Licht, ein Altar stand in einer Nische, darauf war ein Tabernakel. Rundum die Wände waren mit Stickereien und seidenen Tüchern behangen, ein großer Teppich bedeckte den Fußboden. Viele Bilder schmückten die Wände. Gestalten aus der Heiligen- und der profanen Geschichte Böhmens: Wenzeslaus mit der Fahne, Cyrillus und Methodius, die heilige Ludmilla, Johann von Nepomuk, dann das große Bild KarlsIV., ein Bild von Libussa und von Przemisl am Pflug. Diese Gemälde hingen über dem Altar; in der Mitte war ein altes, eisernes Kreuz. An den Seitenwänden die Taufe Borzivois, die Gründung des Bistums Prag durch Boleslawden Frommen, Herzog Udalrich bei der Kaiserwahl KonradsII.; die deutschen Kaiser HeinrichIV.und Barbarossa, die Böhmen die Königswürde verliehen; einzelne hervorragende Äbte berühmter Orden, die sich um das Land verdient machten; mehrere Bilder des großen Ottokar: als Herr in Kärnten, als Gründer der Stadt Königsberg, sein Tod auf dem Marchfeld; dann die Ermordung WenzelsIII., des letzten Przemisliden. Aus der späteren Geschichte hauptsächlich wieder Erinnerungen an KarlIV.: die Moldaubrücke, der Karlstein, die Unterwerfung von Brandenburg und Schlesien, die slawische Universität. Wallensteins Bildnis fehlt nicht, auch einige Dichter und Redner sind vertreten: der Psalmensänger Streyc, Kotwa, der »böhmische Cicero«, der Hofpoet Simon Lomnicky.
Ganz nahe der Tür, halb im Dunkel hängen einige Bilder aus der Hussitenzeit: Jan Hus, Ziska, Prokop, Wecleff, Amos Comenius, der Brüderbischof. –
Manche der Bilder haben einen beträchtlichen Wert, manche sind billige Reproduktionen, nur ihres Inhalts, nicht ihres Kunstwertes wegen da. –
Hoch an der Altarwand, dicht unter der Decke, sind die Worte geschrieben: »Pán Krystus, neymnocnegssj pán, racz techto klenotuw, ostrzjhati sam, až do neypos ednegssho dne!«
Der alte Krok blieb mit seinen Begleitern dicht an der Tür stehen. Die jungen Männer waren so überrascht, daß sie kein Wort zu sprechen vermochten. Auch Krok stand stumm neben ihnen. Erst nach langer Zeit sagte er in tiefer Ergriffenheit, leise flüsternd:
»Mein Karlstein! Meine Kreuzkapelle!«
Und er wies auf die Schrift über dem Altar: »Pán Krystus!«
»Herr Krystus, mächtigster Herr, behüte du selbst diese Kleinodien bis zum letzten Tage!«
»Das ist das Wort vom Karlstein,« sagte Krok, »das Wort, das über meiner Wohnung und über meinem ganzen Leben schwebt.«
Und Tränen rannen in seinen grauen Bart.
Scheu gingen die Jünglinge die Wände entlang, betrachtetendie Bilder. Der Alte schritt zum Altar, kniete nieder und preßte die Hände vors Gesicht, wie zu inbrünstigem Gebet. Auch Bohuslaw kniete nieder. Samo stand mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf.
Da stieg der alte Krok die Stufen des Altars hinauf und öffnete den Tabernakel. – –
In dem Tabernakel lag auf einem seidenen Kissen eine alte silberne Krone …
Und Krok wandte sich mit der Krone um. Mit bewegter, tränenerstickter Stimme sagte er:
»Seht da, das Kleinod! Das ist die silberne Krone PrzemislsI., des Königs vom Pflug. Das ist die Urväterkrone unseres böhmischen Volkes!«
Die Hände des Alten zitterten so, daß er die Krone auf den Altar niederlegen mußte. Langsam beruhigte er sich:
»Zweifelt nicht an der Krone! Sie ist die echte, heilige Krone Przemisls! Ehrwürdige Urkunden ehrwürdiger Männer bestätigen sie bis in die älteste Zeit.«
Bohuslaw trat einige Schritte näher. Samo stand regungslos wie eine Statue.
Da rief ihm der alte Krok zu:
»Pán Samo, kommt an den Altar.«
Mit schweren Schritten gehorchte ihm Samo.
»Pán Samo, zukünftiger Kral der Lausitzer Sorben, ich begrüße Euch an dieser heiligen Stätte. Bin ich auch kein geweihter Diener Gottes, so habe ich doch die Weihe einer Familie, die von der Vorsehung ausersehen war, durch Jahrhunderte dieses Heiligtum zu hüten und zu hegen. Samo, ich setze Euch diese Krone aufs Haupt, nicht daß ich Euch zum König von Böhmen kröne, sondern als ein Unterpfand Eurer eigenen zukünftigen Würde.«
Und Krok setzte Samo die Krone aufs Haupt. Das alte Silber berührte kühl die heiße Stirn des Mannes. Ein paar Herzschläge lang stand Samo so im königlichen Schmuck; dann ergriff er die Krone, küßte sie, legte sie auf den Altar und ging eilends aus der Kapelle.
Krok und Bohuslaw fanden ihn bald darauf im vordersten Zimmer fassungslos in einem Lehnstuhl sitzen.
»Pán Samo,« sagte Krok, »nicht umsonst weihte ich Euch in das größte Geheimnis meines Lebens ein. Alles hat einen Sinn, und alles geht darauf hin, unserem Slawentum zu dienen. Pán Samo, vergeßt dieses nicht: Symbole sind nötig; Gedanken, vom Symbol losgelöst, verfliegen im Wind. Kommt noch einmal allein zu mir, ehe Ihr abreiset; ich habe Euch etwas zu sagen, das mir in dieser Nacht eingefallen ist.«