Spätherbst droben im Wendenlande.
Die letzten Sommerfäden nahm der Wind; der letzte Singvogel zog fort.
Irgendwo in der Welt gibt es sonnige, glänzende Fluren, irgendwo gibt es laute, große Städte.
Das muß weit von hier sein. Denn hier wohnt die graue Einsamkeit. Spät dämmert der müde Tag, früh geht er zur Rüste. Oft liegt der Waldweg die ganze Woche einsam. Kein Wanderer kommt daher.
Und doch wäre es ein Weg, wo einer den Frieden suchen könnte, wo müde Augen ruhen und wilde Herzen stille werden könnten.
Hier wandeln in den tiefen Wäldern, wie im Traum hinhören auf die knisternden Sagen der Föhren, am alten Heidenhügel früherer Zeit nachdenken, an die Lutchen denken, die Zwergmännlein, die jetzt selbst zur Mittagszeit die Zipfelkappe fest über die dicken Köpfe ziehen und bei sinkender Sonne fröstelnd in ihr warmes Haus flüchten tief unter der Erde! O ja, das täte den klugen, unglücklichen Menschen draußen gut!
Nur wer eine wehe Reue im Herzen trägt, dürfte hierher nicht kommen; die Smjertniza könnte ihm begegnen. –
Drunten im Spreewald führte ein junger Bursch zur Abendzeit seinen Kahn heim. Ihm gegenüber saß seine einzige Schwester. Sie war von großer Schönheit; aber nun war sietraurig und blaß und sah immer ins Wasser hinein, in dem die letzten bunten Blätter des Waldes schwammen.
Da fing der Bursche an zu singen:
»Sla je holčka po wodu …«
Das Mädchen sah den Bruder bittend an, er möge schweigen; aber er sang das Lied:
»Gingen nach Wasser drei MägdeleinIn den weißen See hinein …Die erste schöpfte die Kanne einUnd verlor ihr Ringelein.Mädchen an zu weinen fing –Ihr Liebster kauft einen neuen Ring.Die zweite schöpfte die Kanne ein,Verlor ihr seiden Tüchelein.Das Mädchen weinte und klagte genug –Doch ihr Liebster kauft ein neues Tuch.Die dritte schöpfte die Kanne ein,Verlor ihr Rautenkränzelein;Das Mädchen wollte vor Jammer vergehn –Ihr Liebster ließ sie am Wasser stehn.«
»Gingen nach Wasser drei MägdeleinIn den weißen See hinein …
Die erste schöpfte die Kanne einUnd verlor ihr Ringelein.Mädchen an zu weinen fing –Ihr Liebster kauft einen neuen Ring.
Die zweite schöpfte die Kanne ein,Verlor ihr seiden Tüchelein.Das Mädchen weinte und klagte genug –Doch ihr Liebster kauft ein neues Tuch.
Die dritte schöpfte die Kanne ein,Verlor ihr Rautenkränzelein;Das Mädchen wollte vor Jammer vergehn –Ihr Liebster ließ sie am Wasser stehn.«
Der Bursche schaute finster auf den Boden des Kahnes, das Mädchen saß gebrochen vor ihm und hatte die Hände vor dem Gesicht.
Die Abendglocke läutet. Oh, der Küster weiß nicht, daß der Bursch auf den Kirchturm geschlichen ist und in die Glocke den Namen des Mannes, der seiner Schwester Glück und Ehre nahm, geschrieben hat, dort, wo der Klöpfel anschlägt. Nun geht mit jedem Glockenschlag der Name des Schelmen über alles Land und hinauf zum Himmel, und wenn Liza stirbt und die Glocke läutet, dann wird durch ihr Wimmern der Name des Verführers an Gottes Ohr klingen.
Nicht überall ist es zur Herbstzeit so trüb im Wendenlande.
Droben im Oberland der alte Weber Domasch ist ein friedlicher Mann. Vor seinem Häuschen steht ein wilder Apfelbaum,der einzige Baum, den er besitzt. Domasch läßt die Holzäpfel immer bis tief in den November hängen. Dann verlieren sie zwar etwas an Saft, sagt er, aber sie werden mürber und lassen sich besser beißen. Nun ist er mit seinem Weibe auf den Apfelbaum gekrochen. Die beiden Alten hocken sich auf zwei Ästen gegenüber.
»Eine schöne Ernte!« lächelt der Weber.
»Eine Gottesernte!« sagt das Weiblein.
»Wenn's nur der Küster nicht zu kurz macht, daß wir sie gut herunterkriegen. Siehst du, Mutter, weil wir unsere Äpfel nur immer beim Abendläuten geschüttelt haben, deshalb hat uns auch Gott alle Jahre so reichlich beschert.«
»Ja, so ist es!« sagt die Frau.
Nun beginnt die Glocke zu läuten, und nun fangen die beiden an zu schütteln. Die verrunzelten kleinen Äpflein prasseln zur Erde; die beiden verrunzelten Alten schütteln, so viel sie können. Denn der Küster läutet gewöhnlich nicht lange, und wenn der letzte Ton verhallt, muß die Arbeit beendet sein. Deshalb herrscht eine ganz bestimmte Strategie, eine genaue Einteilung; jedes von den zweien weiß, welche Äste es zu schütteln hat.
Oh, wie das prasselt! Hastig steigen Mann und Frau von einem Ast zum andern und schütteln mit ihren dünnen Armen. Endlich sagt der Alte:
»Hör auf, Mutter, für die Eichhörnchen muß auch noch was drauf bleiben; der Mensch soll nicht genußsüchtig sein und nicht alles für sich haben wollen.«
Und sie klettern die Äste und die kurze Leiter hinab. Noch immer tönt die Glocke.
»Der Küster macht's aber heute lang«, sagt die Frau.
»Ja,« lächelt der Mann schlau, »das weißt du gar nicht: Ich hab' ihm heut früh gesagt, daß ich Äpfel schütteln will, und hab' ihn einmal schnupfen lassen.«
Darauf lesen die beiden glücklich ihren sauren, armen Herbstsegen zusammen, aber in ihrer goldenen Zufriedenheit finden sie ihn süß und reich.