»Es hat schon zu Abend geläutet«, sagte der alte Knecht Kito, als er zu Hanka in die Stube trat.
Das Mädchen, das ganz allein war, saß am Tisch bei der Lampe und war mit einer Näharbeit beschäftigt.
»Ja, Kito, ich habe es gehört, wenn wir auch schon die Doppelfenster haben.«
»Es ist erst fünf, es wird jetzt zeitig Abend.«
»Ja, bis zurpšaza[35]sind noch zwei Stunden Zeit. Füttern die Mägde schon?«
»Sie haben angefangen. Deine Spinnstube ist gut, Hanka. Du bist die einzige Kantorka hier, die keine schlechten Lieder duldet.«
Das Mädchen errötete.
»Ich mag solche Lieder nicht leiden; ich habe sie auch zu Hause nicht zugegeben.«
Der Alte nickte.
»Ja, es geschieht an den Spinnabenden mancherlei. Voriges Jahr sind drei Mädchen aus unserem Dorf unglücklich geworden. Eine hat noch geheiratet, die anderen …«
Er machte eine bedauernde Handbewegung.
»Wie ich noch jung war,« fuhr er fort, »da hab' ich auch solche Schelmenlieder gesungen. O ja – was für welche! Wenn man dann alt ist, gefällt einem das nicht mehr. Aber du bist noch jung, Hanka, jung und hübsch!«
»Was soll das bedeuten?« sagte Hanka und sah verwundert auf. Der Alte stand auf, redete hin und her, dies und das, von der Wirtschaft allerlei.
»Du hast etwas auf dem Herzen, du willst etwas«, sagte Hanka.
Kito wandte sich ab und stopfte seine Tabakspfeife. Endlich setzte er sich wieder. Aber er richtete die Augen starr auf die Tischplatte.
»Hanka, du kennst die Bibel. Du weißt, daß Abrahamseinen Knecht Elieser ausgesandt hat, um für seinen Sohn Isaak eine Frau zu suchen. Elieser war nur ein Knecht, aber er bekam doch dieses wichtige Amt.«
»Wo soll das hinaus?«
Kito zündete sich aufs neue seine Pfeife an, stand wieder auf und spuckte dreimal hinter den Ofen, ehe er weitere Worte fand.
»Ich sagte dir, Hanka, daß ich auch einmal jung war. Ich habe bei derkremuša[36]drei Tage lang gegessen und getrunken und drei Nächte lang mit den Mädeln getanzt. Ja, das habe ich! Ich hab' bei der ›verheirateten Männerkirmes‹ als lediger Bursch auf einem fremden Dorf getanzt, und es ist nicht herausgekommen. Jawohl, das war ich! Ich war der Anführer der ›Wurstbrüder‹, und wehe dem Bauern oder der Schenke, wo wir nicht unseren Speck bekommen hätten, wenn wir ankamen! Jawohl, das war ich! Und weißt du, wer ich noch war? Der Jan beim Johannisfest war ich! Der tollste Reiter! Bei den Husaren habe ich gedient, und wenn ich der Jan war, da hatte ich aus Birkenrinde eine Larve[37]vorm Gesicht und den ganzen Buckel voll Blumengirlanden – ei ja, schön war ich! Über und über Blumen, bis zum Hute! Und dann aufs beste Pferd! Ohne Sattel und ohne Zaum! Wie der wilde Reiter durchs Dorf! Beim letzten Hause hat sich das ganze Dorf aufgestellt. Sie machen eine Kette. Sie woll'n mich aufhalten. Ich aber wie der Blitz durch die Kette! Sie schreien, sie laufen. Ich kehre blitzschnell um. Vom Pferd runter. Alle Weiber fall'n über mich her. Jede will 'ne Blume. Die verheirateten, daß sie starke Kinder kriegen, die ledigen, daß sie 'n Mann kriegen. Und ich immer rechts und links mit beiden Armen und Händen das ganze Weibsvolk abgestreift. Und hinauf auf die Linde geklettert bis zum obersten Aste. Und von oben eine Predigt gehalten. Dunderwetter, eine Predigt gehalten! Ich bin ein Prediger, hab' ich gesagt! Denkt ihr, ein Prediger wie derinvalide Unteroffizier, den der alte Fritz den Wenden schickte? Drei Jahre lang predigte dieser Mann alle Sonntage dieselbe Predigt, die er sich auswendig gelernt hatte. Und als drei Jahre um waren, gingen die Wenden zum alten Fritz und sagten, sie wollten einen anderen Prediger, weil der Alte bloß immerfort dasselbe predigte. Nun, was predigt er denn? fragte der alte Fritz. Ja, da kratzten sie sich auf dem Kopfe und wußten nichts. Nun, sagte da der alte Fritz, so soll nur der Mann noch ruhig seine zehn Jahre weiterpredigen! Dunderlitzen, so ein Prediger war ich nicht! Ich hab' von meiner Linde gepredigt, daß sie unten rot und blau wurden, daß sie manchmal schrien: ›Pfui Deibel!‹ Die Frauvölker, die Kerle, der Schulze, die Schöffen, ja sogar die Frau Pastorin, alle kriegten was ans Bein. Rot und blau wurden sie. ›Hurra!‹ schrien die einen, ›Haut ihn!‹ die andern. Ja, so ein Prediger war ich! Bis ich mich selbst von der Linde herunterpredigte. Dunderlitzen, wie ich gerade eine Kraftstelle sage, daß die eine Hälfte lacht und die andere Hälfte flucht, fall' ich runter von meinem blätterigen Predigtstuhl und breche mir die Hüfte. Und wenn man die Hüfte gebrochen hat, sage ich dir, ist es mit dem Reiten und kräftigen Predigen vorbei.«
Kito seufzte schwer und trommelte mit seinen stumpfen, dicken Fingern auf dem Tisch. Hanka sah ihn lächelnd an. »Hanka, denke nicht an denpalenc[38]. Drei Gläschen habe ich getrunken; aber drei Gläschen sind nötig zu dem, was ich vorhab'.«
»Ja, was hast du denn eigentlich vor, alter Kito?«
Kito stand auf, stieß mit dem Mittelfinger dreimal in die abermals erloschene Pfeife, ging zum Feuer, um einen neuen Span zu entzünden, spuckte dreimal hinter den Ofen und sagte dann passend:
»He, was ich vorhab'? Wenn das so glatt rauszukriegen wäre, da säß ich doch nicht so lange hier und versäumte bei einem Mädel dummerweise meine Zeit!«
Er setzte sich wieder an den Tisch.
»Ja, Hanka, das Lied ist auf mich gemacht:
»Moja mač jo wúdowa,Ja som liderlich škrodawa.«[39]
»Moja mač jo wúdowa,Ja som liderlich škrodawa.«[39]
Herr, meine Zeit, was habe ich als Junge alles angerichtet! Es ist schwer zu glauben. Da muß ich dir einen Witz erzählen, Hanka! Es waren einmal drei Jungen, die hatten einen Käse gefunden. Und weil sie nicht einig wurden, wem der Käse gehören sollte, so wollten sie wetten. Und sie machten es also aus: Wer von uns dreien die größte Lüge sagt, der kriegt den Käse! Sie logen nun die Sterne vom Himmel herunter, aber sie konnten nicht einig werden, wer den Käse bekommen sollte. Da kam der Herr Pastor gerade vorbei und fragte die Jungen aus, um was sie sich so händelten. Und da er alles angehört hatte, machte er dieStirnrunzelig und sagte: ›Pfui, ihr Lügner! Als ich ein Junge war, wie ihr, hab' ichniegelogen!‹ Und richtig – so ein frecher Schlingel gibt ihm den Käse und sagt: ›Sie haben gewonnen, Herr Pastor.‹ Ja, und diese Range war ich!«
Hanka sah überrascht auf.
»Ih, du bist ja ein kurioser Kauz gewesen, Kito!«
Kito schüttelte melancholisch den Kopf.
»Kauz hin – Kauz her – es ist doch aus! Jetzt – jetzt lauert bloß die alte Wičaz, daß sie mir ihre Wanzen in den Sarg stecken kann. Aber ich werd' ihr was … Hanka, ich schlag' mit allen vieren aus, daß der ganze Sarg umkippt, wenn die alte Schraube mit ihrer wanzigen Federspule angerückt kommt.«
Hanka suchte ihn zu beruhigen.
»Ach, Kito, du bist noch rüstig. Du machst es noch länger als die Wičaz.«
Kito wehrte ab.
»Nein, nein! Was nutzt alles! Die Frau habe ich mit heiligem Gras angeräuchert, weil ich das so gehört habe, abergenutzt hat es nichts. Siebzig Jahre laufe ich hier im Wendenland herum. Eigentliche Wunder habe ich wenig bemerkt. Den Vampyr habe ich manchmal gesehen – jawohl, aber nur, wenn ich lange in der Schenke gesessen hatte. Da hatte ich am nächsten Morgen blasse Lippen. Da hatte er mir das Blut ausgesaugt. Und oft bin ich geprellt worden. Wenn man nachts um zwölf Uhr auf der Wiese kleine Flämmchen brennen sieht, da brennt Geld. So hat es mir meine Großmutter erzählt. Da braucht man dann bloß sein Erspartes zwischen die Flämmchen zu werfen und fortzugehen. Am anderen Morgen hebt man einen Schatz. Ja, ich hab' mein Vierteljahreslohn unter die Flämmchen geworfen, und am anderen Morgen war alles futsch – der Schatz und der Lohn.«
»So hast du den Ort vergessen«, warf Hanka ein.
»Ort hin – Ort her! Ich bin auf meine alten Tage ungläubig geworden. Seit das Gras bei unserer guten Frau nichts geholfen hat, denk ich mir das meine. Und siehst du, derdomjacy[40], der Juro, der glaubt auch nicht an solche Dinge und ist doch bald einPán doctor.«
»Schlimm genug, daß er nichts glaubt«, sagte Hanka.
»Mädchen, der Juro ist der allergrößte Prachtkerl. Das war er schon als Kind. Da war ich doch sozusagen sein Erzieher. Offen und ehrlich ist er, ein bißchen Hitzkopf und Eigensinn, aber auch gutherzig. Und ein richtiger Kerl. Der könnte den Jan beim Johannisfest machen!«
Hanka seufzte tief und schwer. Kito lachte plötzlich über sich selbst.
»Das heißt, ich bin schon wirklich der allerdümmste Kerl auf Gottes weiter Welt. Red' ich nicht dahier gegen mein eigenes Maul?«
Er schwieg. Dann brachte er stoßweise heraus:
»Hanka, schenke mir einen Branntwein ein!«
Das Mädchen war ganz verwundert über den Alten.
»War es das, was du auf dem Herzen hattest?«
»Nein, Hanka, nein! Der Branntwein ist bloß dazu, daß ich es leichter herauskriege, was ich zu sagen habe. Ich versitz' dahier sonst bloß unnütz meine Zeit.«
Hanka schloß einen Wandschrank auf, goß ein Glas Branntwein ein, nippte der Sitte gemäß erst selbst davon und stellte es dann vor den Alten.
»Ich sehe dich, Hanka«, sagte der und trank ihr zu.
»Nun komm aber auf das, was du vorhast«, sagte das Mädchen.
»Jawohl, jawohl! Es ist gar nicht so einfach, wie du wohl bemerkt hast.«
Er zündete sich erst seine Pfeife wieder an und spuckte hinter den Ofen.
»Also, Hanka, du kennst die Geschichte vom Elieser. Er war nur ein Knecht und hatte doch ein wichtiges Amt: er sollte für den Sohn seines Herrn die Braut werben. Als ich noch jung war, bin ich auch oft Brautwerber gewesen. Du kennst das ja. Im Oberlande heißt man'sdružba, im Niederlandepobratz(Brautwerber). Na, du kannst glauben, Hanka, es ist nicht so einfach, wenn man für einen anderen auf die Brautschau geht. Man kann nicht mit der Tür ins Haus fallen. Man muß erst über alles mögliche andere schwatzen, und dann muß man politisch und fein und sachte hintenrum mit seiner Absicht rausrücken. Und man geht immer so um die Abenddämmerung. Da fällt's nicht so auf, wenn man rausgeschmissen wird.«
Hanka stand auf. Ganz erregt sagte sie:
»Ich frag' dich jetzt, Kito, was soll das ganze Gerede bedeuten?«
»Immer sachte, Jungfer, immer sachte, man kann doch nichts überstürzen. Neunmal bin ich Freiwerber und Zurater gewesen in meinem Leben; siebenmal haben sie mich rausgeschmissen, aber zweimal ist was aus der Sache geworden. Nun, man hat seine Erfahrungen!«
»Kito, jetzt sprichst du endlich oder ich gehe hinaus!«
Da stand Kito erschrocken auf, und sein Gesicht wurde plötzlich sehr ernst, und er faltete die Hände auf dem Tische.Er stockte noch eine Minute lang, dann sagte er mit bewegter Stimme:
»Wie der Elieser um die Rebekka geworben hat, so werbe ich in Gottes Namen um dich, Jungfrau Hanka, für unseren Gutssohn Samo.«
Hanka saß regungslos hinter dem Tisch. Sie schluckte ein paarmal, und ihr Gesicht war bleich.
»Bist du – bist du toll?« fragte sie stockend.
»Es ist heiliger Gottesernst, Hanka«, entgegnete der Knecht.
Er setzte sich die Brille auf, zog einen Brief aus der Tasche und las mit feierlicher Stimme:
Breslau, am 20. November 1860.Mein lieber alter Freund Kito!Nach dem alten, schönen Brauche unseres lieben sorbischen Volkes bitte ich dich, daß du der Freiwerber für mich bist bei unserer ehrbaren Jungfrau Hanka. Wir sind von derselben Abstammung und gehören zueinander, nachdem mein Bruder Juro ein Deutscher geworden ist und auch ein deutsches Mädchen heiraten wird. Aber ich wähle auch die Hanka, weil ich sie von Herzen lieb habe, weil sie ein braves sorbisches Mädchen ist. Du sollst erst mit meinem Vater sprechen und dann für mich werben. Ich werde dir stets dankbar sein. Gott möge dir helfen!Samo.
Breslau, am 20. November 1860.
Mein lieber alter Freund Kito!
Nach dem alten, schönen Brauche unseres lieben sorbischen Volkes bitte ich dich, daß du der Freiwerber für mich bist bei unserer ehrbaren Jungfrau Hanka. Wir sind von derselben Abstammung und gehören zueinander, nachdem mein Bruder Juro ein Deutscher geworden ist und auch ein deutsches Mädchen heiraten wird. Aber ich wähle auch die Hanka, weil ich sie von Herzen lieb habe, weil sie ein braves sorbisches Mädchen ist. Du sollst erst mit meinem Vater sprechen und dann für mich werben. Ich werde dir stets dankbar sein. Gott möge dir helfen!
Samo.
Dem Alten rannen die Tränen übers Gesicht, wie er so las. Ohne auf das fassungslose Mädchen zu achten, sprach er dann:
»Ein braver Bursch! Ich bin bloß ein Knecht, aber er nennt mich ›mein alter Freund‹. Er hält sich an die alte Sitte. Das werden ihm alle Leute hoch anrechnen, wenn sie es hören werden.«
Hanka stand auf.
»Wo willst du hin, Hanka?«
»Hinaus!«
»Und gibst du mir keine Antwort?«
Sie war schon draußen. Der alte Kito steckte seinen Brief ein. Betrübt senkte er den weißen Kopf.
»Und ich glaubte, ich hätte es so lustig, so ausführlich und so gut gemacht!«