Die Spinngesellschaft war abgesagt worden. Die Gutstochter Hanka war krank.
Fünf Tage schon war das Mädchen allein in ihrer Stube. Eine Magd brachte ihr Essen, das fast immer unberührt zurückkam. Tee wollte die Kranke nicht trinken; alle Hilfsmittel verschmähte sie.
Am sechsten Tage schlich sich die alte Wičaz bei Hanka ein. Das Mädchen wollte anfangs nichts von ihr wissen; aber schon nach einer Viertelstunde lagen die Wahrsagekarten ausgebreitet auf dem Tisch. Hanka sah mit großen Augen vom Bett her auf die Alte. Ihr Gesicht war in der kurzen Zeit blaß und schmal geworden.
»Wuše stupaš, dale widžiš«, begann die Alte; »je höher du steigst, je weiter du siehst.«
Dann machte sie eine lange Pause, bohrte die grauen Augen in die Kartenbilder, fuhr mit den gelben, knochigen Fingern darüber, zuckte mit den Lippen.
Dann sprach sie:
»Ich sehe zwei junge Adler und ein junges Adlerweibchen. Der eine Adler kommt an das Nest des Weibchens, kreischt es an und hackt es mit seinem scharfen Schnabel, daß es blutet. Dann fliegt er fort und paart sich mit einer Krähe. Und sie fliegen bis an den Lóbjofluß. Da werden sie erschossen und sinken ins Wasser. Der andere Adler gewinnt das Adlerweibchen, und sie bauen sich ein gutes Nest auf dem höchsten Baume und verjagen alle Krähen.Wuše stupaš, dale widžiš.Je höher du steigst, je weiter du siehst.«
Hanka hörte der Alten staunend zu.
»Woher weißt du das?«
»Ich lese es in den Karten, und mehr kann ich nicht sagen.«
Die Wičaz stand auf und ließ Hanka allein. – –
Am Nachmittag desselben Tages kam der alte Scholta zu Hanka.
»Kannst du es nicht über dich bringen?« fragte er.
Hanka schlug die Hände vors Gesicht.
»Juro ist für uns verloren,« sagte der Alte traurig; »nicht bloß für dich, auch für mich, auch für uns alle. Was er will, kann ich nie zugeben.«
Der Scholta stand am Fenster und schaute in den herbstlichen Großgarten.
»Ich brauch' dich so notwendig hier wie das tägliche Brot«, sagte er nach einer Weile. »Das weißt du wohl, Hanka. Wo keine Frau im Hof, da ist der Böse im Hof. Ich müßte aber doch jetzt sagen: ›Fahr wieder heim, Hanka!‹ Doch ich schäme mich, ich schäme mich!«
Er legte den Kopf an die Fensterscheiben. Das Mädchen begann bitterlich zu schluchzen. Der alte Hanzo fuhr fort:
»Meine selige Frau hat es mit deinen Eltern ausgemacht, die Leute hier auf dem Hofe wissen es; ich mag dich nun so nicht heimgehen lassen.«
Da richtete sich das Mädchen halb auf.
»Ja, es wär' – es wäre eine Schande für mich! Sagt mir, sagt mir das eine in Gottes Wahrheit: will mich Samo bloß aus Barmherzigkeit nehmen, weil mich Juro nicht mag?«
Da leuchteten die Augen des Alten auf.
»Nein, weil er dich gern hat, weil er dich lieb hat! Wer sollte dich auch nicht gern haben? Er hat es mir geschrieben, und er hat es mir schon gesagt, als er noch hier war.«
Drei Minuten wohl lag das Mädchen mit geschlossenen Augen, dann sagte es leise:
»Ich werde dankbar sein und den Samo nehmen.«
Hanzo ergriff freudig ihre beiden Hände und küßte Hanka dreimal auf die Stirn.
Dann stand er aufrecht und feierlich da, und er, der sonst scheu und schweigsam war, sprach:
»Hanka, wenn du einen Sohn bekommst, wird er der Herr auf diesem Hofe und der Kral der Wenden sein! Wenn auch Juro darauf vergißt, wir anderen wollen es nicht vergessen, daß du in Wahrheit eine Königstochter bist, aus älterem Geschlecht als manche Prinzessin. Darum sollst du den Kopf hochtragen und nicht mehr weinen.«
»Nan!«[41]
Das eine Wort sagte das Mädchen und schlang die Arme um den Hals des Alten …
Hanzo stieg glücklich in den Hof hinab. Unten traf er seinen Altknecht Kito.
Er drückte ihm die Hand und sagte:
»Kito, sag den Leuten, nächsten Sonntag ist noch eine kleine Kirmes. Tanzen dürfen sie hier im Hof nicht, weil Trauerjahr ist, aber im Kretscham werde ich alles bezahlen.«
Kito erschrak aufs heftigste und versuchte dann einen kleinen Freudensprung, der infolge seiner lahmen Hüfte mißriet.
»Hat sie – hat sie?«
»Ja, sie wird ihn nehmen! Du kannst es Samo schreiben, denn er hat dich zum Brautwerber gemacht.«
Kito ging freudetrunken über den Hof, wackelnd wie ein lahmer Enterich. Am Ziehbrunnen blieb er stehen.
»Zehnmal bin ich jetztdružbagewesen; siebenmal haben sie mich rausgeschmissen, dreimal ist es geglückt. Schade, daß ich schon so alt bin; ich könnte noch viel Gutes stiften.«
Zum Unglück kam die alte Wičaz daher. Kito, der sonst ihr erklärter Widersacher war, ging auf sie zu, erfaßte unversehens ihre rechte Hand, hob die Hand über ihren Kopf und drehte die Frau etliche Male blitzschnell um ihre Achse.
»Was fällt dir denn ein, du verrückter Kerl?« fragte die Alte schnaufend.
»Ach, ich wollte wieder mal mit einem jungen Mädchenserska reja[42]tanzen und sehe eben, daß ich mich vergriffen habe.«
Die Alte sah ihn neugierig forschend an und ging dann schimpfend davon. Kito aber begab sich nach dem Kretscham, der gleichzeitig das Kaufhaus des Dorfes war, trank erst drei Gläser Schnaps, kaufte dann Tinte, Feder und Papier und schrieb am selben Abend noch an Samo folgenden Bericht:
Lieber Freund Samo!Ich habe es mir ehrenvoll entledigt. Drei Gläserpalenchatte ich getrunken, und eines hat die Hanka gegeben und selbst zugetrunken. Sie ist nicht übel. Über den alten Fritz und den Pastor mit dem Käse hat sie sehr gelacht. Die alte Wičaz hat mit mirserska rejatanzen müssen. Oh, die hat geflucht! Aber sie soll nur mit ihren Wanzen kommen! Ich fühle mich wieder ganz jung. Ich sterbe noch sehr lange nicht. Und sie wird schon wieder gesund werden. Denn solche Mädel haben solche Mucken, das war immer so. Die Spinnstube ist abbestellt. Aber auf den Sonntag ist eine kleine Kirmes. Wenn ich noch auf die Linde könnte, würde ich schon eine starke Predigt halten. Womit ich schließe als dein treuer Freund und BrautwerberKito.
Lieber Freund Samo!
Ich habe es mir ehrenvoll entledigt. Drei Gläserpalenchatte ich getrunken, und eines hat die Hanka gegeben und selbst zugetrunken. Sie ist nicht übel. Über den alten Fritz und den Pastor mit dem Käse hat sie sehr gelacht. Die alte Wičaz hat mit mirserska rejatanzen müssen. Oh, die hat geflucht! Aber sie soll nur mit ihren Wanzen kommen! Ich fühle mich wieder ganz jung. Ich sterbe noch sehr lange nicht. Und sie wird schon wieder gesund werden. Denn solche Mädel haben solche Mucken, das war immer so. Die Spinnstube ist abbestellt. Aber auf den Sonntag ist eine kleine Kirmes. Wenn ich noch auf die Linde könnte, würde ich schon eine starke Predigt halten. Womit ich schließe als dein treuer Freund und Brautwerber
Kito.