Die Spinnstube Hankas war wieder eröffnet. Zwei Mädchen, denen die ehrbarepšazaHankas zu »langweilig« war, hatten die Unterbrechung benutzt, sich einer lustigeren Spinngesellschaft anzuschließen. Für die eine kam die Reue gar bald und gar schmerzlich. Hanka war verändert. Ihre große Kindlichkeit war ausgelöscht, der wissende Ernst lag auf ihrer Stirn, eine leise Trauer, aber auch eine feste Entschlossenheit leuchtete aus ihren Augen. Sie war stiller geworden. Eine Herbheit war in ihrem Wesen, die oft in Stolz überging. Sie weinte nie mehr, auch nicht, wenn sie allein war. Mit Samo wechselte sie alle Wochen einen Brief. Er schrieb zärtlich, sie antwortete freundlich-kühl.
Um sieben Uhr des Abends kamen die zehn Mädchen, die noch zu ihrerpšazagehörten, mit ihren Spinnrädern und Flachsrocken. Bald saßen alle Mädchen in einer Reihe im Halbkreis, und die Rädlein schnurrten und die Mäulchenschnurrten noch mehr. Erzählen, lachen, singen und dabei spinnen, spinnen!
Ein schönes Bild. Rote, jugendfrische Gesichter, gesunde, kernige Gestalten, schmucke Gewandung. Bunt gestreifte, weite Röcke haben sie alle, pralle Sammetmieder, zierliche Brusttüchlein, manche hat einen besonders feinen Brustlatz aus Brokat. Große Tücher sind um die Köpfe gewunden mit weitausgreifenden Flügeln nach beiden Seiten. Wenn eine schöne Strümpfe ihr eigen nennt, so steckt sie bald den linken, bald den rechten Fuß unauffällig unter dem Kleid hervor.
Ein lustiges Kienspanfeuer im Kamin liefert die Beleuchtung; außerdem brennen noch zwei Öllämpchen. Heimlich und traulich ist es in der Spinnstube, indes draußen der Sturm über die Heide pfeift oder der Regen an die kleinen Fenster klopft, leise wie mit Geisterfingerlein.
Die Mädchen schwatzen von der Dorfchronik. Die Gromada[43]des Thomastages steht bevor. Da läuft das Amtsjahr des Gemeindedieners, des Dorfschmiedes und des Nachtwächters ab. Entblößten Hauptes müssen sie am 21. Dezember im Kretscham vor der Gromada erscheinen und um ihre Wiederanstellung bitten, sich auch fein höflich bedanken, wenn sie solche erhalten haben.
Nun hat sich der Nachtwächter als ein Rebell erwiesen. Er hat zwar im Vorjahre bei der Gromada die Mütze abgenommen und etwas gebrummt, was man bei viel gutem Willen für eine Bitte um Wiederanstellung hätte halten können, aber er ist, nachdem ihn das Wohlwollen der Dorfväter auf ein neues Jahr bestätigt hatte, ohne Dank und Gruß davongestampft, ja er soll eine Äußerung getan haben, die mit Respekterzeigung in einem greulichen Gegensatz steht. Er ist ein roher Kerl, dieser Nachtwächter!
»Diesmal wird er abgesetzt«, sagt ein Mädchen, die Tochter eines derstarsi[44].
»Hurra!« schreit da der alte Kito, der in der ›Ofenhölle‹ sitzt, »da werd' ich ein Spitzbube. Denn einen neuen Nachtwächter kriegen sie nicht, wo er bloß sechs Dreier auf die lange Nacht bekommt. Dafür möchte ja nicht mal mein Napolium wachen.«
Er wies auf einen großen Hund, der neben ihm lag. »Napolium« gähnte und schüttelte sich, so daß alle Mädchen laut auflachten.
»Sechs Dreier sind auch Geld«, sagte die Schöffentochter verärgert. »Überhaupt, mein Vater sagt, es ist eine ganz schlechte aufsässige Zeit. Unser Knecht hat sich Strümpfe gekauft! Strümpfe! Ein Knecht! Wo mein Vater in Fußlappen geht oder auf Stroh in den Stiefeln, kauft sich der Knecht auf dem Jahrmarkt ein Paar Strümpfe!«
Kito nickte nach dem Feuer hin.
»Ja, ja,« seufzte er, »der Untergang der Welt kann nicht mehr weit sein. Napolium, scharr dich nicht!«
Die Mädchen waren des politischen Gesprächs schon wieder müde. Eine Liebesgeschichte machte tuschelnd die Runde, und es wurde viel heimlich gelacht und viel Spott getrieben. Ein Mädchen wurde durchgehechelt.
»So eine Schlafliese hat Glück. Die stieß dieDřemotka[45]schon immer um halb neun in den Nacken. Und kriegt einen solchen Burschen!«
»Sie hat sich sogar abkonterfeien lassen.«
Kaum war das Wort gefallen, so stimmte Kito ein Lied an. Mit meckriger Stimme sang er:
»Wer hoch und angesehn will sein[46],Der muß sich lassen konterfein,Schön weiß und rot fürs liebe Geld,Wie's Mode ist,Wie's Mode, Mode ist,Wie's Mod' ist in der Welt!Kaum hatt' sie mir ihr Bild geschickt,Da wurd' ich ganz und gar verrückt,Um mein Genie ist's schlecht bestellt,Wie's Mode, Mode ist,Mode ist auf der Welt!«
»Wer hoch und angesehn will sein[46],Der muß sich lassen konterfein,Schön weiß und rot fürs liebe Geld,Wie's Mode ist,Wie's Mode, Mode ist,Wie's Mod' ist in der Welt!Kaum hatt' sie mir ihr Bild geschickt,Da wurd' ich ganz und gar verrückt,Um mein Genie ist's schlecht bestellt,Wie's Mode, Mode ist,Mode ist auf der Welt!«
»O du Hund! Kaum fang' ich an zu singen, so beißt mich dieser Lump von Napolium in die Waden.«
»Ach, Kito, du hast doch gar keine Waden mehr«, lachte ein Mädchen.
»Soll ich sie zeigen?«
Kito machte Miene, einen Stiefel auszuziehen.
»Pst, keinen Unfug!« wehrte Hanka ab. Kito seufzte.
»Napolium, Napolium, heutzutage sind die Jungen frumber als die Alten. O jerum!«
Auch die Mädchen seufzten verstohlen. Eine wendische Spinnstube nach ihrem Geschmack war das nicht. Da mußte es schon anders hergehen. Nun ja, zweimal waren die Burschen zu Besuch dagewesen und hatten auch Branntwein mitgebracht, aber tanzen durfte man hier nicht, und sonst war auch nicht viel Spaß erlaubt. Am ersten Spinnabend hatte es einen feinen Gänsebraten gegeben, das ist wahr! Und alle Abend um dreiviertel neun Uhr gab es Kaffee. Das konnten sich nur so reiche Leute leisten. Und die schönsten Lieder gab es hier. Ganz neue Lieder hatte das fremde Mädchen mitgebracht. Auch heute versprach Hanka, zwei neue Lieder zu singen. Es waren aber diese:
Die entlaufene Mutter.[47]
Kathinka aus Gurich lief davonDem Ehemann, dem Saufpatron.Sie lief bis Malschwitz in toller Hast,Dort macht sie müde am Hügel Rast.Mit trübe geweinten ÄugeleinSah sie in Gottes Sonne hinein.»O Hanzo, Hanzo, mein lieber Sohn,Hast du wohl jetzt dein Frühstück schon?«»O Maja, Maja, du Blümlein rot,Wer kocht dir heute dein Mittagbrot?«»Und du, mein Merten, du Kleinster, mein,Wer singt dich heut in den Schlummer ein?«Da weinte sie laut, da stand sie aufUnd nahm gen Gurich den raschen Lauf:»Und schlüg er mir auch das Leben heraus,Ich kehre um und gehe nach Haus!«
Kathinka aus Gurich lief davonDem Ehemann, dem Saufpatron.Sie lief bis Malschwitz in toller Hast,Dort macht sie müde am Hügel Rast.Mit trübe geweinten ÄugeleinSah sie in Gottes Sonne hinein.»O Hanzo, Hanzo, mein lieber Sohn,Hast du wohl jetzt dein Frühstück schon?«»O Maja, Maja, du Blümlein rot,Wer kocht dir heute dein Mittagbrot?«»Und du, mein Merten, du Kleinster, mein,Wer singt dich heut in den Schlummer ein?«Da weinte sie laut, da stand sie aufUnd nahm gen Gurich den raschen Lauf:»Und schlüg er mir auch das Leben heraus,Ich kehre um und gehe nach Haus!«
Und das andere Lied war dieses:
Die Leichtsinnige.[48]
Und als der junge Bursche erfuhr,Daß andere liebet sein Schätzelein,Zog aus der Scheide er sein SchwertUnd bohrt sich's tief ins Herz hinein.Zur Kirche ging das MägdeleinUnd sprang dann in das Feld hinaus,Da lag ihr Liebster hinterm BuschUnd ruht' von Leid und Untreu aus.Das Mädchen weinte, und ihm war bang– Fast eine ganze Woche lang.
Und als der junge Bursche erfuhr,Daß andere liebet sein Schätzelein,Zog aus der Scheide er sein SchwertUnd bohrt sich's tief ins Herz hinein.Zur Kirche ging das MägdeleinUnd sprang dann in das Feld hinaus,Da lag ihr Liebster hinterm BuschUnd ruht' von Leid und Untreu aus.Das Mädchen weinte, und ihm war bang– Fast eine ganze Woche lang.
Die Lieder wurden gelobt, der Text wurde gelernt, die Weise eingeübt; noch am selben Abend wurden die beiden Lieder gemeinsam gesungen.
Dann wurde Kito aufgefordert, Scherze zu erzählen.
Er wollte vom Alten Fritz und dem Prediger anfangen, aber alle wehrten ab. Das sei eine ganz alte Geschichte. Auch der Pastor mit dem Käse wurde abgelehnt sowie die Erzählung, wie Kito von der Linde predigte.
Schließlich sagte er: »Ein Deutscher sagte einmal zu einem Wenden im Kretscham: ›Aus vier Wenden[49]baut man einen Schweinestall‹.«
»Ja, und er sperrt ein deutsches Schwein hinein!« riefen die Mädchen alle zusammen.
»Oh, Kito, bei deinen Geschichten hat Adam zu Paten gestanden!«
Kito schüttelte den grauen Kopf.
»Die Welt ist neuerungssüchtig und verderbt. Der Knecht kauft sich Strümpfe, und wendische Mädel woll'n neue Geschichten!«
Er fing nun an zu singen:
»Nach Jenkwiz gehn wir nicht zum Biere,Dort kriegten die Burschen von den Mädeln Schmiere«;
»Nach Jenkwiz gehn wir nicht zum Biere,Dort kriegten die Burschen von den Mädeln Schmiere«;
aber auch dieses schöne Lied fand keinen Beifall, weil es alt und abgeleiert sei.
Selbst einer seiner schönsten Späße wurde mäßig gelobt, daß er nämlich einer Herde von Weibern, die neugierig durch ein Gasthausfenster dem Tanze zusahen und dichtgedrängt standen, heimlich die bauschigen Röcke aneinandergenäht hatte und daß sie am Ende nicht auseinander konnten, was viel Geschrei und Spektakel ergab.
»Wer weiß eine Gespenstergeschichte?«
Das war etwas. Die Mädchen rückten näher zusammen. Und eine sprach halb im Flüsterton:
»Bei Leipa drunten in der Mühle hat es gespukt. Alle Nächte sind eine greuliche Menge Katzen gekommen und haben um Mitternacht einen großen Spektakel gemacht. Alle Leute aus der Mühle sind ausgezogen. Da ist einmal ein Scharfrichter durch Leipa gekommen, der hat von der Mühle gehört. Und er ist hineingegangen, hat sich in der großen Stube an den Tisch gesetzt, zwei Lichter vor sich gestellt und sein Richtbeil vor sich gelegt und um den ganzen Tisch mit Kreide einen Kreis gezogen. Und so hat er gewartet. Dann haben draußen alle Wächter zwölf gepfiffen, und da ist es losgegangen. Das hat gerasselt und gepoltert und gefaucht, und an die hundert böse Katzen sind hereingekommen und haben sich alle auf den Scharfrichter stürzen wollen. Aber keine einzige hat sich über den Kreis getraut. Geh du rüber! Geh du rüber! haben sie zueinander gesagt. Aber keine hat sich's getraut. Bloß eine große, gelbe Katze hat die Pfote in den Kreis hineingestreckt. Da hat schnell der Scharfrichter sein Beil genommen und sie blutig gehackt. Da sind alleKatzen winselnd fortgelaufen. Und am andern Tag hat die Frau des Amtmanns von Leipa eine verbundene Hand gehabt und hat gesagt, sie hätte sich aus Versehen mit einem Messer einen Finger abgeschnitten. Aber die Leute haben jetzt gewußt, daß sie eine Hexe war!«
»Da werd' ich auch etwas von einer Hexe erzählen«, sagte eine andere. »Die hat in einem Dorfe gewohnt, und abends hat sich immer ihr Geist auf den Feldern und in den Gassen herumgetrieben, während ihr Leib im Bette lag, und der Geist hat die Leute geängstigt. Da ist einmal der Schulmeister von Saßleben dem Gespenst begegnet und hat es mit einem Stock jämmerlich durchgeprügelt. Am andern Morgen hat eine Bauersfrau nicht aufstehen können, weil sie ganz grün und blau geprügelt war. Und das war die Hexe.«
Kito seufzte in seiner Ofenhölle.
»Ja, ich bin auch einmal so eine Hexe gewesen.«
»Du, eine Hexe? Das ist nicht möglich!«
»Doch! Und es war auch so ein Abenteuer mit einem Schulmeister. Ich ging damals noch in die Schule und saß auf der Schulbank. Das heißt, es sah nur so aus, als ob ich dort säße. In Wirklichkeit spukte ich. Denn der Mensch besteht aus Leib und Geist. Und mein Geist, der war nicht mit in der Schule, der war im Walde und fing mit Sprenkeln Rotkehlchen. Da fing plötzlich der Schulmeister an zuzuhauen. Aber er hieb nicht auf den Geist ein, sondern der Leib bekam die Hiebe persönlich. Grün und blau war er aber auch.«
Kito wird ein alter Narr genannt und ausgescholten. Teufelsgeschichten kommen an die Reihe: wie der Teufel Asche in Gold verwandelte, wie er als dreibeiniger Hase herumhüpfte, wie er mit zwei schwarzen Ochsen die Spree pflügte und die Ochsen immer so ungebärdig hin und her sprangen, daß die Spree ganz krumm geworden ist.
Und mit scheuen Augen erzählt eine von dem Mädchen, das im Rautenkranz zur Kirche ging und mit Rosen geschmückt auf einem Stuhl vor dem Altar saß. Da kam plötzlich ein Kind vom Altar her, setzte sich dem Mädchen auf den Schoß undsagte: »Ich will bei meiner Mutter sein!« Da gestand die erbleichende Braut, daß sie heimlich ein Kind geboren und getötet habe. Und das Kind nahm die Seele ihrer Mutter mit. Die Braut fiel tot vom Stuhl, der Rosenkranz aber flog auf den Kirchhof hinaus. Dort wuchs ein großer Rosenbusch, der noch heute zu sehen ist. Und das ist in Gahlen geschehen vor zweihundert Jahren.
Lauter schaurige Geschichten erzählen die Mädchen, indes der Wind an die Scheiben poltert und das Feuer im Herde knistert.
Wißt ihr die Geschichte von dem Schatz im Totenkopf? Wißt ihr, wie der Tod in Luckau den Dreißigjährigen Krieg vorhergesagt hat?
Wer weiß die Geschichte von dem Riesen, der ein dreieckiges Gesicht hatte? Er hat viel Übles getan. Die kleinen Ludki haben ihn im Schlaf erschlagen. Und er wurde begraben, aber er spukte in jeder Nacht, und alle Leute fürchteten sich sehr. Da haben die Leute die Leiche des Riesen ausgegraben, ihr einen Nagel in den Kopf und einen Pfahl durchs Herz getrieben, und dann hatten sie Ruhe.
Von brennendem Feld wird erzählt, von weißen Männchen, von dem unglücklichen Mädchen, das der Nix in sein Wasserschloß holte, von der Mittagsgöttin, die allen denen mit der Sichel den Kopf abschneidet, die sie zur Mittagszeit im Felde trifft und die ihre vielen Fragen nicht beantworten können, von unverwundbaren Wölfen, gespenstigen Kälbern.
»Heda! Kito, der Swinigel, sucht dem Hunde Flöhe ab!« Die Mädchen kreischten, sprangen auf, traten zurück.
»Was schreit ihr?« sagte Kito gemütlich. »Eure Geschichten sind so blutig, daß ich mir dazu eine blutige Arbeit gesucht habe.«
Die Mädchen schimpften alle auf ihn ein. Er sei ein unerhörter Swinigel. »Pfui, pfui!«
»Tut nur nicht so,« verteidigte sich der Alte; »ich werfe sie alle ins Feuer, und wenn ja einer der Schwarzen zu einer von euch springt, die kann ihn morgen wiederbringen, wenn sie ihn unter den eigenen herauskennt.«
Ei, wie gingen die Mäulchen! Hanka tat einen Schiedsspruch; Kito mußte das Liebeswerk an seinem »Napolium« einstellen, und bald schnurrten die Rädchen wieder und ging das Erzählen.
Da knurrte der Hund, und von draußen kam ein feines Läuten.
»Hört, hört, was ist das? Hört ihr es läuten?«
»Bože džječo! Bože džječo!«[50]rief da ein Mädchen, und alle Rädlein standen still, und über alle jungen Gesichter ging der helle Schein der Freude.
»Bože džječo!Still, still! Fleißig, fleißig, daß wir es nicht verscheuchen!«
Und die Rädlein schnurrten wie nie zuvor, und die Mäulchen standen ganz still.
Da wurde die Tür geöffnet, liebliches Schellengeläut ertönte im Hausflur, und eine feine Stimme fragte:
»Sind fleißige, gute Mädchen in der Spinnstube?«
»Nein!« schrie Kito von der Ofenhölle aus, und sein »Napolium« bellte.
»Ja, ja, ja!« riefen die Mädchen, »gute, fleißige Mädchen!«
Da kam das Gotteskind in die Stube. Es war ganz weiß gekleidet, das Gesicht verschleiert, auf dem Kopf trug es eine Krone aus Goldpapier. In der einen Hand hatte es die Schelle, in der anderen eine Rute. Es war von einem Weihnachtsmann begleitet, der einen großen Korb in der Hand und einen Sack auf dem Rücken trug und sich ganz greulich vermummt hatte. Das Hofgesinde drängte in die Stube, auch der Hausherr Hanzo erschien. Hanka machte erstaunte Augen; sie hatte von der Veranstaltung nichts gewußt.
»Hausvater,« fragte das Gotteskind, »sind das fleißige, brave Spinnmädchen?«
Der Hausvater bejahte es.
Da ging das Gotteskind von einem Spinnrad zum andern, prüfte das Garn, lobte die, die wenig, und tadelte die, die noch zuviel Flachs am Rocken hatten.
Dann sprach es: »Singt die Kantorka mit euch gute Lieder?«
Die Mädchen standen auf, Hanka stimmte an, und alle sangen:
Heil'ge Maria am Rocken spann[51]Den Flachs gar wunderfein,Heil'ge Maria saß und sannUnd nähte ein Hemdelein.Da kamen herein zur KammertürZwei liebliche Engelein:»Maria, wir wollen spielen mit dir,Wir sind so jung und klein!«»Ich kann nicht singen und spielen mit euch,Die Stund' nicht ferne ist,Braucht Hemdchen und Windeln und LinnenzeugMein Söhnlein Jesus Christ!«
Heil'ge Maria am Rocken spann[51]Den Flachs gar wunderfein,Heil'ge Maria saß und sannUnd nähte ein Hemdelein.
Da kamen herein zur KammertürZwei liebliche Engelein:»Maria, wir wollen spielen mit dir,Wir sind so jung und klein!«
»Ich kann nicht singen und spielen mit euch,Die Stund' nicht ferne ist,Braucht Hemdchen und Windeln und LinnenzeugMein Söhnlein Jesus Christ!«
Die Mädchen standen mit gefalteten Händen hinter ihren Spinnrädern und sangen das Lied andächtig und schön. Das Kaminfeuer warf einen roten Schein über sie und über das »Gotteskind« in seinem feierlichen, weißen Kleid.
Nun packte der Weihnachtsmann mit großem Gepolter seine Gaben aus und fuhr mit einem alten Besen derb unter dem Mannsvolk herum, wodurch er den Zorn des Hundes »Napolium« erweckte, der beständig nach seinen Waden schnappte, was viel Hallo gab. Es gab für eine »Vorbescherung« ganz unerhört kostbare Dinge; denn die eigentliche Bescherung kam erst am Heiligabend. Die Spinnmädchen bekamen alle kleine silberne Anhängsel: ein Herzchen, ein Kreuzchen, einen Stern, die Knechte und Mägde wurden reichlich mit Kleidungsstücken bedacht, Kito erhielt eine silberbeschlagene Tabakspfeife, der Hausvater bekam die schön ausgeführten Wappen der Ober- und Niederlausitz, beide unter einem geschnitzten Lindenkranz vereinigt. Von wem ging diese Bescherung aus? Die Antwort ergab sich bald.
Zur Tür herein kam Samo. Er war am späten Nachmittag heimlich angekommen.
»Darf ich auch bei der Bescherung sein?« fragte er, nachdem er gegrüßt hatte. Hanka wurde blaß und hielt sich an dem Spinnrocken fest. Errötend gab sie Samo die Hand.
Plötzlich aber stieß sie einen lauten Freudenschrei aus. Ihre Eltern waren in die Stube getreten. Das Mädchen hing an ihrem Halse und lachte und weinte vor Freude.
Da stand Kito auf und gebot mit lauter Stimme Ruhe. Er nahm Hanka an der Hand und sagte:
»Setz dich auf deinen Platz! Es muß Ordnung sein!«
Und dann stellte er sich mitten in die Stube und sprach:
»Ihr kennt alle die Bibel. Als Abraham für seinen Sohn Isaak ein Weib haben wollte, schickte er seinen Knecht Elieser aus, ein solches zu suchen; denn er dachte wahrscheinlich, daß Elieser das besser verstände als er und Isaak. Elieser war nur ein Knecht, aber er hatte doch dieses wichtige Amt bekommen. Er war eindružba. Hier seht ihr auch einendružbastehen. Zehnmal bin ich schon Zurater und Brautwerber gewesen; siebenmal haben sie mich – aber davon will ich nicht reden. Kurz und gut, dreimal ist es geglückt. Und dazu gehört dieses Mal. Ihr dürft nicht glauben, daß es nur derpalencwar, der meine Zunge so geschmeidig und siegreich gemacht hat; denn ich habe schon von der Linde gepredigt. Kurz und bündig: durch Gottes Gnade und meine Hilfe ist es geglückt, von unserer ehrbaren Jungfrau Hanka für unseren ehrbaren Junggesellen und Gutssohn Samo das ›Jawort‹ zu bekommen.«
Ein Ruf allgemeiner Überraschung ging durch die Stube. Die Spinnmädchen umdrängten Hanka, und es wurde ein solcher Lärm, daß Kito sich nur durch die Anwendung von Grobheit wieder Ruhe schaffen konnte.
»Und so will ich nun die achtbaren Eltern unserer Jungfrau Hanka bitten und fragen, ob sie in Gottes Namen ihre Einwilligung zu der Verbindung geben wollen.«
Die Frage wurde bejaht.
»Und so frage ich unseren achtbaren Hausvater, ob auch er in Gottes Namen seine Einwilligung geben will.«
»Ja!« sagte Hanzo.
»So frage ich nun, ob diese Zeugen hier genügen, oder ob ich noch andere Zeugen holen soll.«
»Sie genügen.«
»Nun, so bitte ich für meinen Freund Samo alle, die er beleidigt hat, um Verzeihung. Jetzt aber tretet ihr zwei hierher!«
Samo und Hanka traten in die Mitte der Stube, der Brautwerber legte ihre Hände ineinander und sprach die vorgeschriebenen Worte:
»Ich verlobe euch öffentlich vor diesen Zeugen in Gottes Namen. Es sei mit euch beiden der Gott unserer Väter und segne euch mit den Gütern, mit denen er unsere Väter gesegnet hat. Amen!«
Darauf sangen alle Anwesenden das Lied:
»Lob, Ehr' und Preis sei Gott, dem Vater und dem SohneUnd auch dem heil'gen Geist im hohen Himmelsdome.«
»Lob, Ehr' und Preis sei Gott, dem Vater und dem SohneUnd auch dem heil'gen Geist im hohen Himmelsdome.«
Als das Lied zu Ende war, trat das weiße »Gotteskind« vor Hanka, gab ihr einen goldenen Ring und sprach dazu:
»Aus der Erd' stammt das Gold,Vom Himmel die Treu,Dein goldenes RingleinBreche nimmer entzwei!«
»Aus der Erd' stammt das Gold,Vom Himmel die Treu,Dein goldenes RingleinBreche nimmer entzwei!«
Samo küßte Hanka auf die leise bebenden Lippen. Die zwei waren nach wendischem Brauch verlobt. –
Nun brach die Tollheit des lebenslustigen Wendenvolkes sich Bahn. Boten eilten in die anderen Spinnstuben des Dorfes, und nicht lange, so wimmelte es von Burschen und Mädchen. Die fremden Burschen drangen in die Stube; einer hatte ein langes Messer in der Hand, damit »erstach« er den Rocken Hankas. Und nun nahmen die anderen Burschen den Mädchen die Rocken weg, und aller Flachs, der noch dran war, wanderte ins Feuer.
Ein Ungetüm sauste in die Stube. Es sollte einen Schimmel darstellen und hatte einen Kopf aus Stroh. Es wurde weidlich durchgeprügelt und machte wilde Sprünge und Purzelbäume.
Ein paar wollten anfangen zu tanzen. Da aber trat Kito, der Brautwerber, wieder auf, und nachdem er sich mühsam Ruhe verschafft hatte, rief er:
»Hochgeachtete Gäste!«
Er wurde unterbrochen; denn sein Hund »Napolium« hatte sich mit dem Schimmel verbissen, und es gab ein tolles Gelächter.
»Laßt sie, laßt sie! Es ist wie im Zirkus!«
Nachdem der Kampf der Bestien vorüber war, rief Kito abermals:
»Hochgeachtete Gäste! Dieweilen dies hier ein Trauerhaus ist, seid ihr gebeten, in den Kretscham zu gehen und euch dort zu Ehren des Brautpaares etwas zu erfreuen.«
Da zog das Völklein jauchzend ab, und das helle Lachen und Singen klang vom Kretscham her die ganze Nacht, bis der Tag graute.
Hanka saß indes aufrecht in ihrem Bett. Sie allein lachte nicht.