Chapter 22

Auch Juro kam zu den Weihnachtsferien nach Hause. Er traf zwei Tage später ein als Samo. Als er bald nach seiner Ankunft dem Bruder begegnete, sagte er:

»Warum hast du mir von deiner Abreise aus Breslau nichts gesagt? Konnten wir nicht zusammen reisen?«

»Von uns zweien findet jeder den Weg für sich«, antwortete Samo unliebenswürdig.

»Jawohl, das weiß ich!« sagte Juro und wollte sich abwenden. Aber Samo sprach ihn noch einmal an.

»Ich will dir etwas sagen, ehe du es von anderen Leuten hörst: ich habe mich vorgestern mit Hanka verlobt.«

»Was?«

Juro starrte ihn an.

»Ich habe das Mädchen lieb,« fuhr Samo fort, »und es muß die Tradition in unserer Familie gewahrt werden. Im übrigen bin ich dir ja wohl weitere Rechenschaft nicht schuldig.«

»Du – du bist wohl verrückt?«

»Nein, im Gegenteil, recht vernünftig! Ich weiß, was ich will!«

Da faßte Juro sein Zorn.

»Samo – Mensch – ist das wirklich wahr? Hast du dich wirklich mit dem unerfahrenen Mädchen verlobt?«

»Wie ich dir sagte …«

»Und – und du schämst dich nicht – eine so gemeine Komödie …«

»Hüte dich, du deutscher Lümmel!«

Juro ballte die Faust.

»Noch so ein Wort, und ich schlag' dich nieder, du – du Erbschleicher!«

Samo lachte ihm höhnisch ins Gesicht.

»Schlag' nur zu! Es ist die deutsche Art, etwas zu beweisen, was nicht zu beweisen ist. Aber es nützt dir gar nichts! Deine Rolle ist hier verspielt!«

Er ging aus dem Zimmer und warf die Tür zu.

Juro suchte in höchster Erregung seinen Vater auf.

»Vater, ist das wahr, das von Samo und Hanka …?«

»Sie sind seit vorgestern verlobt!«

Juro wurde bleich.

»Und du hast das zugegeben?« fragte er fassungslos.

»Ja, ich habe es sogar gewünscht. Ich will nicht, daß ein so braves Mädchen wie Hanka verachtet wird, ich will mich vor ihren Eltern und allen Leuten nicht lächerlich machen.«

»Und das Mädchen?«

»Es hat eingewilligt.«

»Aber siehst du denn nicht ein, Vater, was Hanka für großes Unrecht geschieht, daß Samo sie nur nimmt, weil es in seine Berechnungen paßt, daß es eine Schmach für das Mädchen ist, so – so – als Spekulationsobjekt behandelt zu werden?«

»Wieso Spekulation?«

»Es liegt doch auf der Hand, daß Samo, der im Grunde genommen immer alles Bäuerische mißachtet hat, weil seine Gedankenflüge zu hoch gingen, jetzt durch seine wendische Heirat nichts anderes will, als sich hier auf dem Gut als künftigen Herrn festsetzen.«

Das Gesicht des Vaters wurde noch ernster, als es schon war.

»Das Gut bekommt er sowieso – mein Testament ist gemacht.«

»Dein – Testament – – für Samo? Und – und mit – mit welchem Recht schließest du mich aus?«

»Ich schließe dich nicht aus. Was dir zukommt, wirst du bekommen in barem Geld.«

Juro schlug ein bitteres Gelächter an.

»Bares Geld? Und das Heimatsrecht?«

»Du hast dich selbst von deiner Heimat losgesagt.«

»Das ist nicht wahr!«

»Sprichst du so mit deinem Vater?«

»Ja, auch mit dir! Es ist nicht wahr, es ist beim allwissenden Gott nicht wahr, daß ich mich von meiner Heimat losgesagt habe.«

»Du willst von den Wenden nichts wissen, Juro; ich habe es selbst gehört!«

»Ja, ja, ich will von ihnen wissen; ich will ihnen ja mein ganzes Leben, meine ganze Arbeit, meine ganze Fürsorge weihen, ich will ja nichts anderes erstreben, als ihnen zu helfen, sie geistig zu heben, ihre Lage zu verbessern, sie vorwärtszubringen in der Welt.«

»Dadurch, daß du sie deutsch machst«, sagte der Vater finster.

»Jawohl, dadurch! Vater, ich beschwöre dich, ich bitte dich, sieh es doch ein, gib es doch zu, daß das das Beste, das Richtige ist! Unsere geringe Anzahl, kaum hundertfünfzigtausend Seelen, sie kann sich doch nicht halten, sie kann doch ihr Volkstum nicht behaupten in unserer jetzigen Zeit; wir können doch mit dem Festhalten an alten, längst überlebten Bräuchen, mit dem Verharren in albernem Aberglauben …«

»Schweig!« schrie ihn der Vater an; »hier steht der Kral der Wenden, die du beschimpfst.«

Juro fuhr sich ein paarmal über die Stirn. Dann sagte er erschöpft:

»Der Kral der Wenden bist du; es kann niemand beweisen, daß du es nicht bist! Aber das Königtum ist uns genommen; der wendische König, der heute regiert, heißt Wilhelm von Hohenzollern und wohnt in Berlin.«

»Das weiß ich«, sagte der Alte ernst. »Und ich bin sein treuer Untertan. Ich tue meine Pflicht. Ich bin kein Hochverräter. Aber Gott führt die Schicksale der Menschen, und ich brauche die Würde, die er mir gab, im Herzen nicht aufzugeben und die Leute, die zu mir halten, mir nicht abtrünnig machen zu lassen von meinem eigenen Sohne, solange unsere alte Krone noch ruht im heiligen Hügel.«

»Ich glaube nicht daran, daß in dem Hügel eine Krone liegt; es ist eine Sage wie alle. Ich kann nicht an sowas glauben.«

»Und du wagst es, zu sagen, daß du dich nicht von deiner Heimat losgesagt hast?«

»Nicht von der Heimat, nicht von dir, nicht von allen Wenden. Nur von dem, was ihnen schadet, was sie tiefhält, was nicht wahr ist! Und das sage ich dir, Vater, Samo glaubt an alle diese Dinge so wenig wie ich. Aber er heuchelt und hat den Vorteil, und ich sage die Wahrheit und verliere dich und verliere alles.«

»Samo lügt nicht. Samo beachtet unsere Gebräuche bis ins kleinste. Für dich aber ist alles, was uns heilig ist, Aberglaube und Dummheit. Und deshalb ist Samo an deine Stelle getreten. Mit Fug und Recht, Juro; ich habe es in vielen schlaflosen Nächten mit mir abgemacht.«

»Und meine Erbfolgeschaft als künftiger Kral?«

»Die vor allen Dingen wirst du an Samo abtreten.«

Da kam der Zorn wieder über Juro, und er richtete sich auf und sagte:

»Das werde ichnicht! Dein Gut kannst du vermachen, wem du willst, es ist dein Eigentum, und die preußischen Gesetze werdendafür sorgen, daß dein wendisches Testament bis ins kleinste erfüllt wird. Aber das Recht der Erstgeburt, das kannst du mir nicht nehmen und kein Gericht, das behalte ich! Das behalte ich!«

»Du, der nicht an das Königtum glaubt?«

»Ja, ich! Ich bleibe doch der künftige Kral. Ich werde den Einfluß, den ich dadurch habe, nicht aufgeben. Denn ich will der Kral sein, der sein Volk aus der Gefangenschaft finsterer Vorurteile herausführt, und dazu brauche ich Ansehen, sei es auch eingebildetes Ansehen. Niemand anders als der Kral selbst kann den Leuten zeigen, daß es keinen Kral gibt!«

»Du Verräter!«

»Vater, ich bin noch weniger ein Verräter an den Wenden als du ein Hochverräter am König von Preußen bist, dem du Treue geschworen hast.«

Einige Augenblicke standen sich Vater und Sohn noch gegenüber, Kälte im Blick, Kälte im Herzen; dann sagte Hanzo:

»Wir sind fertig miteinander!«

Und er ging hinaus.

Juro war allein. Ein paarmal ging er ratlos hin und her mit unsicheren Schritten, dann sank er auf einen Stuhl und weinte vor Zorn und vor Schmerz.

Aber es gibt keinen stärkeren Trost in den Bitternissen des Lebens als die Erkenntnis, daß einem Unrecht geschehen ist. So erhob sich Juro nach kurzer Zeit, und seine Gestalt straffte sich wieder zu ihrer schlanken Schönheit.

Er stieg hinauf in seine Kammer und holte Mantel, Stab und Hut.

Und er zog fort aus seinem Vaterhause.

Es war ein trüber Abend angebrochen. Juro ging langsam das Dorf hinab. Die spitzen Giebel der Häuser schauten ernst auf seinen Weg. Hin und wieder begegnete ihm ein Bursch, der seine Mütze zog. Starke, gutmütige Menschen. Aber die Sonne einer höheren Erkenntnis scheint nicht in ihre Heimat, ihre Gedanken irren nur immer um ihre schmalen Felder, und ihre Wünsche gehen nicht weiter als bis in eine Mädchenkammer oder an einen Wirtshaustisch. Und die Hütten der Kleinen! Wiearmselig liegen sie unter ihren Strohdächern. Der kümmerliche Rauch, der aus dem windschiefen Schornstein steigt, stammt vielleicht von einem Bündel Holz, das der Mann aus dem Walde des Reichen zur Nachtzeit mit pochendem Herzen holte, damit die Kinder nicht zu frieren brauchten in dieser strengen Zeit, damit die Hände nicht steif würden, die spinnen und weben mußten. Und viele der Kinder, die jetzt auf der Gasse noch vom Christkind plauderten, hatten am Weihnachtsabend auch nicht die kleinste Gabe und starrten ins Dunkle und fragten sich, warum der holde Himmelsgast denn nicht zu ihnen komme, ihnen auch nicht ein einziges buntes Lichtlein schicke. O ihr Träumer, wacht auf! Draußen ist eine reichere Tafel für euch und eure Kinder gedeckt, draußen ist eine weitere, lichtere Heimat! Und hat sie auch noch tausend Mängel, dort steht doch die Freiheit vor der Tür, dort gibt es hundert Ansätze zum Sprung auf die Staffel der Menschenwürdigkeit. Wacht auf, ihr Träumer, seid wie die anderen, fordert wie die anderen euer Menschenrecht, werdet im Anschluß an die anderen glücklich! Dann aber müßt ihr heraus aus der Enge; denn eure wendischen Stammelrufe hört niemand, versteht und beachtet niemand in der Welt. Von Branntwein und Hexengeschichten könnt ihr nicht leben, und der Sand der Heide macht euch nicht satt! – –

Das letzte Haus war vorbei, der holperige Feldweg führte hinaus ins Dunkle. Da kam wieder ein Schwanken in Juros Gang, da klangen ein paar Stimmen in seinem Ohr, die ihm einmal lieb waren, da gingen ein paar Heimatsmelodien traurig durch sein Herz.

Aber er zog den Hut fester auf den Kopf, stampfte mit dem Stock stark auf die gefrorene Erde und schritt rasch vorwärts.


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