Zuerst hatte Juro mit Elisabeth gesprochen. Sie hatte ihm in ihren letzten Briefen immer wieder die eine Frage vorgelegt: ob er nicht zu stürmisch, zu ungeduldig zu Werke gehe, ob es notwendig sei, immer seine herausfordernde Meinung solaut zu sagen, oder ob nicht klugem Abwarten eine bessere Aussicht auf Erfolg beschieden sei.
Nun, da der Bruch geschehen war, sagte sie von allen diesen Dingen kein Wort. Sie sagte nur, daß sie treu zu ihm halte und hoffe, daß sich Juro mit seinem Vater werde aussöhnen können, damit er unter diesem Zwiespalt nicht leide. Und sie sagte das, was der Mann in schweren Kämpfen vom Weibe hören muß: »Ich glaube an dich; deine Sache ist gerecht!«
Der alte joviale Herr von Withold nahm die Sache nicht sehr ernst. Mit Juro und seinen beiden Kindern Heinrich und Elisabeth saß er an dem runden Tisch der mit alter solider Biederkeit traulich ausgestatteten Wohnstube seines Herrenhauses, tat einen tiefen Trunk und sagte:
»Also, da wollen wir einen feierlichen Familienrat halten. – Es sind Dickköppe!«
Damit meinte er die Wenden.
»Aber sehen Sie, Juro, die Leute imponieren mir auch. Lassen sich nischt vormachen. Halten am Alten. Sind stockkonservativ bis auf die Knochen. Eigentlich mein Fall!«
Juro wollte etwas erwidern, aber Herr von Withold winkte ab.
»Nee, jetzt rede ich erst! Also, Juro, das mit dem Deutschreden ist richtig. Das Wendische hat der Teufel erfunden. Ich krieg' das Niesen, das Schlucken und den Keuchhusten, wenn ich es sprechen soll. Es ist ganz verrückt schwer, in jedem Dorfe ist es anders, und für den Verkehr taugt so was gar nischt. Also Deutsch! Selbstverständlich! Mit dem Humbug, den sie sonst machen, Volkssitten, Märchen und so – na, da soll man nich so strenge sein. Das schadet nischt. Aber das mit dem sogenannten Vorwärtskommen, das ist gefährlich! Nur keene Parvenüs züchten! Ich kann meinem Großknecht nich Polstermöbel in die Stube stellen und meine Kühe nich mit Mandelseife waschen lassen. Das ist moderner Unfug! Das sind so Schnurrpfeifereien von Leuten, die nischt verstehen von der Sache. Volkshygiene! In meinem Leben hab' ich von so was nischt gehört, bis Sie kamen, Juro. Na, Sie wissen, ich bin keinUnmensch; ich gönne meinen Leuten alles Gute. Bauen wir also jetzt das neue Arbeiterhaus, gut, soll's größer werden; gut, soll jede Familie zwei Stuben und 'ne Kammer haben; gut, soll'n sogar große Fenster rein, obwohl ich das für 'n kolossalen Luxus halte. Aber seh'n Sie, Juro, da Sie nu eben mal mein zukünftiger Schwiegersohn sind, da möcht' ich nich gern, daß Sie bei sich denken: der Alte is 'n altmodischer Furchenklecker. Also, es wird werden!«
Er tat wieder einen Trunk und fuhr fort:
»Und jetzt von dem Königtum. Da haben Sie mich also eingeweiht! Ehrenwort, ich sag' nischt weiter! Aber, Juro, mit dem Kral, das is – das is – ja, wenn ich sagen würde, es is Blech, wär' es zu grob – also sag' ich, es is nich Blech – bloß, es hat keenen Zweck! Jawohl, jawohl, ich weiß, unser Großer Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der hat nach dem Kral suchen lassen. Seine Häscher hatten auch den richtigen Kral rausgespürt, einen jungen, hübschen Mann. Also so einen Ahnen von Ihnen, Juro. Sie wollten ihn nach Berlin unter die Soldaten für immer verschwinden lassen. Da kam gerade im kritischen Moment 'n alter, wendischer Bauer vorbei. Der hieb plötzlich dem jungen, hübschen Mann 'ne Ohrfeige runter, weil er behauptete, der hätte ihn nicht pflichtschuldig gegrüßt, und die Häscher sagten sich: ›Aha, das ist nicht der Kral; denn sonst hätte ihn kein Wende geohrfeigt.‹ Und der Kral war gerettet, und der Kurfürst in Berlin saß da mit seiner langen Nase, die ohnehin lang genug war. Jawohl, das ist Tatsache! Das ist Geschichte! Das hat sich keiner aus den Fingern gesogen. Und auch der Alte Fritz hat vom Wendenkönig gewußt und aufgepaßt, daß die Wenden ihm nicht etwa mit den verfluchten Tschechen ›Kaprusche‹ machen. Also das steht alles fest. Und sind Ihre Ahnen, Juro! Alle Achtung! Wissen Sie, 'n preußischer Edelmann hat für so was Verständnis. Aber jetzt, Juro, jetzt ist mit dem Kraltum nischt mehr zu machen. Aus und vorbei ist es!«
»Es ist noch nicht aus und vorbei«, entgegnete Juro. »Fast das ganze Wendenvolk glaubt noch an den Kral und hängt nocham Kral. Und deshalb darf nicht mein Bruder Samo der Kral der Wenden werden, weil er ihren alten Aberglauben aus Selbstsucht erhalten würde, sondern ich muß der Kral sein, der die Leute aufklärt und sie zu einem menschenwürdigeren Dasein führt. Ich suche es im Deutschtum, weil es mir am nächsten ist. Freilich müßte sich die Hinüberführung lohnen.«
»Sie brauchen nicht zu sticheln, Juro; die Fenster im Arbeiterhause werden groß genug sein. Ich geb' ja zu, früher, wie wir noch die alte Fronordnung hatten, da ist es ja den Bauern nicht gerade berühmt gegangen. Aber die Güter waren gut! Gut waren sie! Oh, es war doch eine schöne Zeit!«
Er versank ins Nachdenken, tat wieder einen tiefen Trunk und schüttelte ein paarmal wehmütig den Kopf, wie er so an die »gute, alte, liebe Fronzeit« dachte. Dann raffte er sich auf.
»Na, die alte Zeit ist nu leider mal vorbei. Halten wir uns an die Gegenwart. Sie sind nu von Hause fortgegangen, Juro. Ich kann's Ihnen nicht verdenken, wenn es auch nicht gerade erfreulich ist, daß es so kommen mußte. Aber, Juro, 'n vernünftiger Plan war da überhaupt nich. Ihre Väterei in Ehren, Juro, sie is 'ne Staatsbesitzung; kein anderer Wende hat 'ne solche. Aber, Juro, Sie und meine Liese paßten dorthin wie die Faust aufs Auge. Darein müssen Bauersleute.«
»Das sag ich auch,« warf der junge Heinrich dazwischen, »und deshalb möchte ich jetzt einen sehr vernünftigen Vorschlag machen.«
»Deine vernünftigen Vorschläge sind unvernünftig«, lehnte sein Vater ab. »Leute, die Zigaretten rauchen, haben überhaupt keine Vernunft. Meine Ansicht ist die, Juro, Sie geben die Geschichte da drüben in Ihrer Heimat auf, setzen sich, wenn Sie Ihr Staatsexamen und Ihren Doktor gemacht haben, in irgend 'ne große deutsche Stadt als Arzt, gründen da Ihren Hausstand und pfeifen auf die ganze wendische Geschichte.«
»Das kann ich nicht und das werd' ich auch nicht, Herr von Withold. Ich werde meine wendische Heimat nicht im Stichlassen. Es ist mein Ideal, den Wenden zu helfen, ihnen zu dienen, und das werde ich durchführen. Ich werde mich als Arzt in irgendeinem wendischen Ort niederlassen und von da aus wirken.«
Herr von Withold schnitt ein saures Gesicht.
»Arzt im wendischen Ort? – So 'ne Sache! Wo? In Hoyerswerda oder in Burg? Kottbus wär' etwas oder Bautzen. Aber da haben sie deutsche Ärzte, und die Städte sind deutsch, sind da bloß an der Peripherie der Wendei. Und mitten im Land wird Ihr Bruder Samo als Arzt sitzen wie die Spinne im Netz und wird Ihnen Ihre Mücken abfangen.«
»Darf ich jetzt endlich meinen vernünftigen Vorschlag machen?« warf Heinrich wieder ein.
»Donnerwetter, der Junge läßt keine Ruhe. Wenn wenigstens seine Zigaretten nicht so stinken möchten. Also schieße los!«
Heinrich, der mit seinem Vater sehr kordial stand, blies ihm eine Rauchwolke ins Gesicht und sagte:
»Stück zwei Dreier!« Dann wurde sein hübsches, weiches Gesicht, das von einer Fülle wirrer »Künstlerlocken« umrahmt war, sehr ernst, und er sagte:
»Was ich vorzuschlagen habe, ist mir nicht erst jetzt eingefallen, sondern meine Lieblingsidee seit langem. Ich will es kurz heraussagen, einen Sturm gibt's sowieso. Also, mit dem Landwirt ist's für mich ein für allemal nichts. Ich würde unglücklich werden und es mein Lebtag zu nichts bringen. Ich habe die ganzen Jahre nebenher Kunstgeschichte und Musik studiert. Das Vernünftigste ist, ich widme mich ganz und gar der Musik und erobere mir eine Stellung in der Welt, die mir zusagt. Juro wird Arzt, heiratet die Liese, wohnt mit ihr hier in diesem weitläufigen Gespensterbau, doktert ein bißchen (denn viel zu tun wird er nicht haben), reformiert seine Wenden, richtet sich in die Gutsverwaltung ein und übernimmt als Eigentümer das Gut, wenn sich der Vater zur Ruhe setzt. Dann ist uns allen geholfen.«
Da schlug der alte Withold auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.
»Habt Ihr's gehört? – Er ist verrückt! Jagt mir nichts dir nichts das väterliche Gut in die Binsen, präsentiert es einem andern wie eine Zigarette für zwei Dreier. Oho, Bürschchen, oho! Ich werd' schon dafür sorgen, daß es dir in dem weitläufigen Gespensterbau nicht zu eng wird. Ja, glaubst du denn, dafür hat man einen Sohn, einen Stammhalter?«
»Lieber Vater, den Stamm kann ich dir ja woanders erhalten; das muß doch nicht gerade hier sein. Und von Wegschenken ist keine Rede; ich laß mich natürlich auszahlen.«
»Auszahlen – wie ein Weib! Pfui Teufel! Das macht der verfluchte Wagner! Die Liese wird ausgezahlt als Tochter – verstanden? Du gehörst hierher! So ist es Brauch und Recht.«
»Es ist natürlich gänzlich ausgeschlossen,« sagte Juro, »daß durch meine Lebensschicksale die Familiengeschichte Withold in dieser Weise beeinflußt werden soll.«
»Natürlich, Juro, du bist ja vernünftig. Wir werden uns schon vertragen. Na, man könnte z. B. das Jagdschlößchen für euch beide recht hübsch herrichten lassen, und da könntest du von hier aus deinen ärztlichen Bezirk haben. Das läßt sich ja alles einrichten. Aber wenn einem sein einziger Sohn so kommt, das ist stark! Das übersteigt alle Begriffe!«
Er ging aufs höchste verärgert aus der Stube, und bald darauf hörte man ihn unten im Hofe herumschimpfen.
Heinrich schritt gelassen ins Nebenzimmer, wo ein großer Flügel stand, und vertiefte sich in die Schönheit der Wagnerschen »Gralserzählung«.
Juro und Elisabeth waren allein. Das Mädchen küßte dem Geliebten Mund, Stirn und Augen. Dann lehnte sie an seiner Schulter und sprach tröstende und zärtliche Worte zu ihm. Er lächelte glücklich; nur ein paarmal irrte sein Blick zum Fenster hinaus. Dort in der Richtung, wo der bleiche Mond stand, lag das Vaterhaus, das er verlassen hatte.
»So hört, wie ich verrat'ner Liebe lohne:Vom Gral ward ich zu euch dahergesandt!«
»So hört, wie ich verrat'ner Liebe lohne:Vom Gral ward ich zu euch dahergesandt!«
sang Heinrich im Nebenzimmer mit Begeisterung.