Es war am Nachmittag, zwei Tage vor Weihnachten. Frostwetter mit leichtem Schneefall. Elisabeth von Withold war allein auf der öden Landstraße. Der Vater war mit Juro und Heinrich auf der Jagd. So hatte sie unbemerkt von Hause fortgekonnt.
Nach einstündigem scharfen Zuschreiten stand Elisabeth vor dem Heimatsdorfe Juros. Das Herz schlug ihr heftig, eine brennende Röte stieg in ihre Wangen, aber ihre Füße wanderten darum nicht weniger schnell.
Es mußte noch vor dem Heiligen Abend geschehen. Irgend jemand mußte zu dem alten wendischen Vater gehen und ihm ein gutes Wort geben, damit sein Herz nicht so vergrämt sei am Fest der Liebe.
Und es mußte Juros wegen geschehen. Sein Stolz fand den Heimweg nicht, aber seine bange Sehnsucht nach dem alten Manne, der sein Vater war, irrte oft hin zu der Heimat. Er sollte am Heiligen Abend Frieden haben.
Nun war das erste Gehöft erreicht. Kinder, Burschen, Mägde stürzten in Fenster und Tür und starrten das fremde Fräulein an, das hier ins Dorf kam. Ein paar Leute kannten sie, und es entstand ein Tuscheln.
Das Mädchen faßte Angst und Scham. Sie war mit Juro noch nicht einmal öffentlich verlobt und wagte diesen Schritt. Aber ihr tapferes Herz trieb sie vorwärts.
Nur als Juros Vaterhaus auftauchte, ging sie langsam. Vor dem kleinen Hoftürchen blieb sie ein paar Minuten lang stehen und zupfte aufgeregt an ihren Kleidern und an ihrem Schleier.
»Helfe mir Gott!«
Und sie trat in den Hof. Vor der Haustür stand Hanka und schaute verwundert auf.
Die Mädchen kannten sich von dem Begräbnis her. Und sie kannten sich aus ihrem stummen Herzenskampf. Jetzt, da sie sich sahen, erschraken sie beide tödlich, und das deutsche wie das wendische Mädchen preßte die Hand aufs Herz und jede stieß einen Schrei aus, und kein Gott hätte einen nationalen Unterschied in ihrem Empfinden und Gebaren herausgefunden.
Elisabeth blieb bestürzt stehen, und Hanka rannte wie gehetzt zur Haustür hinein.
Eine Minute lang war es Elisabeth, als müsse nun auch sie fliehen, fliehen aus diesem Hof, wo sie nicht nur eine Fremde, wo sie eine Gehaßte war. Aber die Kraft ihrer starken Frauenseele kam wieder, und sie trat entschlossen in das Haus.
Ein großer Hund kläffte sie wütend an. Sie blieb ratlos stehen. Kein anderer Gruß wurde ihr als das Gekläff des Hundes. Da kam jemand schlürfenden Schrittes die Kellertreppe herauf.
»Napolium, halte die Schnauze! Je, je, ein Fräulein …«
Der Hund bekam einen Fußtritt.
»Das Fräulein von Withold!«
»Ja. Und Ihr – Ihr seid wohl Kito?«
»Kito! Kito! Kito!« sagte der Alte in höchster Verlegenheit und machte eine Menge Verneigungen.
»Ich möchte ein paar Augenblicke mit dem Herrn sprechen.«
»Mit dem Scholta! Der ist zu Haus. Herr Samo ist in der Stadt. Wenn das gnädige Fräulein so gnädig wäre, ins gute Stübel zu kommen, wir müssen freilich über die Treppe …«
»Es ist nicht nötig, Kito! Ich warte hier.«
»Hier im Hausflur? O nein, nein! Auch nicht in der Wohnstube! Ein gnädiges Fräulein …«
Hinter der Küchentür hatte Hanka alles mit angehört. Zu dem Schreck, den sie erlitten, kam jetzt die weibliche Angst, der alte Pulverkopf Kito möchte wirklich die – die Fremde ins »gute Stübel« führen. Das war ungeheizt, und der ganze Fußboden des fast nie benutzten Raumes lag voll Winteräpfel und Walnüsse. Diese Schande ertrug Hanka nicht. Kurz entschlossen trat sie in den Hausflur.
»Pomogaj Bog wam!« grüßte sie wendisch. »Gott helfe Euch!«
»Bog žekujscho!« dankte Elisabeth. »Gott vergelte es!«
»Es – es – in der Oberstube ist es kalt«, stammelte Hanka und öffnete die Wohnstubentür. Elisabeth trat in den großen Raum, in dem das Kaminfeuer brannte.
»Ich möchte nur einige Augenblicke den Herrn sprechen.«
»Ja. Er wird kommen.«
Die Mädchen standen noch ein paar Augenblicke voreinander. Jede wollte etwas sagen; keine brachte ein Wort heraus. Endlich sagte Hanka in deutscher Sprache, aber mit schwerem Akzent:
»Bitte sich zu setzen. Ich werde den Herrn rufen!«
Elisabeth war allein und blieb lange allein. Sie fröstelte am Kaminfeuer. Als sie endlich einen Männertritt hörte, überfiel sie große Furcht.
Der alte Hanzo trat ein. Er hatte sich offenbar erst frisch gewaschen und gekämmt und trug seinen langen blauen Staatsrock. Auch er war schwer befangen. Als er aber das zitternde Mädchen sah, das sich an die Stuhllehne klammerte, sagte er in deutscher Sprache:
»In Gottes Namen willkommen! Es ist mir eine große Ehre, daß mich das gnädige Fräulein besucht.«
Elisabeth ging zwei Schritte auf ihn zu.
»Verzeihen Sie – verzeihen Sie –«
Dann brach sie in Tränen aus.
Hanzo kam an sie heran, faßte sie an der Hand und führte sie auf einen Stuhl. Da brachte sie mühsam hervor:
»Ich habe es – es gewagt, weil – weil – es nicht sein kann, daß Heiliger Abend ist und daß Sie und Ihr Sohn –«
Weiter kam sie nicht.
Der alte Hanzo suchte nach Worten. Endlich sagte er:
»Mein Sohn Juro ist als Gast bei Ihrem Herrn Vater.Er hates mir geschrieben.«
Und nach einer kleinen Weile fragte er:
»Weiß es – weiß es Juro, daß Sie –?«
»Nein, niemand weiß es. Nur Gott weiß es, daß ich nicht anders konnte als herkommen. Ich – ich wollte Sie bitten, daß Sie keinen – keinen Groll auf mich haben. Sonst könnte ich nicht mehr glücklich sein.«
Da wurden die Augen des alten Hanzo mild und warm.
»Sie sind gut!« sagte er schlicht.
»Aber hauptsächlich komme ich wegen Juro«, fuhr Elisabeth etwas gefaßter fort. »Er ist unglücklich, denn er hat Sie sehr lieb.«
Hanzo schlug finster den Blick nieder. Eine lange Pause kam.
»Das ist eine andere Sache«, sagte Hanzo endlich.
Hier klopfte es leise an die Tür, und dann trat Hanka ein.
»Ich möchte das gnädige Fräulein fragen, ob ich ein Glas Weinoderein Glas Milch bringen darf«, sagte sie schnell heraus.
Elisabeth wehrte freundlich dankend ab. Aber der Hausherr meinte:
»Eines wird uns Wenden immer gelassen, unsere Gastfreundschaft. Es geht kein Gast von uns, dem wir nicht etwas Bescheidenes anbieten.«
Da sagte Elisabeth:
»Ich werde gern trinken, wenn Fräulein Hanka mit uns trinken will.«
Hanka sah auf, als sie sich beim Namen genannt hörte, und verschwand eiligst.
Hanzo trommelte leise auf den Tisch, dann sagte er:
»Gnädiges Fräulein, ich habe Sie bis jetzt nicht gekannt. Nur so vom Sehen habe ich Sie gekannt. Ich hätte auch nicht zugegeben, daß mein Sohn Juro die Augen zu Ihnen erhebt, aber jetzt sehe ich ein: Gott hat ihn gesegnet!«
Elisabeth schlug die Augen nieder. Hanzo fuhr fort:
»Juro wird Ihnen alles gesagt haben. Er muß das auch, da er Ihr Bräutigam ist. Und Sie werden ihm recht geben, nicht wahr?«
Elisabeth blickte angstvoll auf.
»Ich – ich kann es ja nicht leugnen: – ja, ich gebe ihm recht.«
»Das ist ganz richtig!« entgegnete Hanzo milde. »Sie als deutsches Fräulein können gar nicht anders. Sie halten zu Ihrem Volk; das wird Ihnen niemand verdenken. Aber anders ist es mit Juro. Der ist ein Wende, oder vielmehr, er war ein Wende; denn er ist abtrünnig!«
Da sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit:
»Er hat seine Überzeugung und handelt nach seiner Überzeugung; wenn er das nicht täte, wäre er kein Mann.«
Nun schlug Hanzo die Augen nieder. Elisabeth fuhr fort:
»Ich bitte Sie, daß Sie sich mit ihm versöhnen, daß Sie zugeben, er muß nach seiner Überzeugung handeln.«
»Nein, das kann ich nicht«, sagte Hanzo fest und bestimmt.
»Geben Sie nicht zu, daß er bloß der inneren Macht folgt, die ihn leitet? Glauben Sie, er sei schlecht?«
Hanzo sah vor sich hin.
»Das ist eine schwere Frage«, sagte er beklommen.
Elisabeth stand auf. Ihre Stimme floß jetzt ruhiger, aber es war ein bitterer Ton darin, als sie sagte:
»Das hätte ich nicht gedacht. Ich bin noch ein unerfahrenes Mädchen, aber ich habe immer gehört, man dürfe zwar eine fremde Meinung bekämpfen,aberman dürfe den, der sie hat, nicht für schlecht halten, nur weil er anders denkt als man selbst denkt.«
»Wollen Sie sich nicht wieder setzen, gnädiges Fräulein?«
»Ich kann nicht. Wenn Sie glauben, daß ich der Schlechtigkeit das Wort rede, kann ich ja nicht hier bleiben.«
»Gnädiges Fräulein, ich denke von Ihnen das Allerbeste. Und ich will auch nicht sagen, daß Juro schlecht ist. Aber er ist so betört, er hat sich selbst so von uns getrennt, daß er für uns alle verloren ist, auch für mich.«
»So bin ich umsonst gekommen«, sagte Elisabeth in tiefer Niedergeschlagenheit und setzte sich langsam wieder auf ihren Stuhl.
»Vielleicht hat es Gott so gefügt, gnädiges Fräulein,« entgegnete Hanzo bewegt, »daß Sie doch gekommen sind, daß Sie diese gute Tat vollbracht haben, damit mir altem Mann ein Trost wird, denn ich habe den Trost sehr nötig.«
Das Mädchen saß regungslos da.
»Das eine können Sie Juro sagen, daß ich über die Verbindung mit Ihnen glücklich bin und daß ich euch Gottes Segen wünsche.«
»Vater Hanzo!«
Das deutsche Mädchen sprang auf. Zitternd stand sie vor dem wendischen Bauern, und plötzlich umschlang sie seinen Hals.
»Gott segne Sie, Elisabeth!« sagte Hanzo und küßte das Mädchen ehrfürchtig, aber auch zärtlich auf die Stirn. Ein schönes, stilles Weilchen blieben die beiden so, dann sagte Elisabeth:
»Und darf ich ihm auch sagen, daß Sie keinen Groll auf ihn haben?«
Hanzo antwortete ausweichend:
»Sagen Sie ihm, ich wünsche ihm Gottes Segen zu allem, was er tut, ausgenommen das, was er gegen die Wenden tun will.«
»Er will nach seiner Überzeugung gar nichtsgegendie Wenden, allesfürdie Wenden tun.«
»Diese Überzeugung verwerfe ich. Gott wird sie zunichte machen.«
Dabei blieb es. Hanka kam. Sie brachte eine Flasche Wein und drei Gläser. Auf Geheiß des Hausherrn setzte sie sich, aber sie setzte sich ganz abseits. Der alte Hanzo füllte die Gläser und trank Elisabeth zu:
»Herzlich willkommen!« sagte er warm.
Auch Hanka stieß mit Elisabeth an. Das Glas zitterte leise in ihrer sonst so kräftigen Hand, und ihr »Willkommen« war kaum vernehmbar. Auch Elisabeth war wieder verwirrt. Sie suchte nach irgendwelchen Worten.
»Nicht wahr – Sie – Sie haben sich dieser Tage verlobt? Darf ich Ihnen Glück wünschen? Es kommt von Herzen!«
Hanka sah zum Fenster hinaus.
»Ich danke!« sagte sie.
»Es war in derselben Stube,« erzählte Hanzo, nur um die peinliche Spannung zu unterbrechen, »das ist nämlich unsere Spinnstube!«
Dann fragte er nach der letzten Ernte des Vaters. Elisabeth gab freundliche Auskunft, und die Spannung ließ etwasnach. Sie sagte auch, daß der Vater Herrn Hanzo gut kenne; sie seien schon einigemal Wahlmänner zusammen gewesen, auch einmal Geschworene.
»Ja, das stimmt«, sagte Hanzo. »Ich hätte nicht geglaubt, daß sich der gnädige Herr darauf erinnert.«
So ging es noch eine kleine Weile. Da stand Elisabeth auf.
»Ich muß jetzt gehen. Es wird so zeitig finster.«
Da ging Hanka rasch hinaus. Nicht lange darauf fuhr ein Wagen vor. Es war Hanzos guter Glaswagen mit den beiden Kutschpferden, das Staunen aller wendischen Kleinbauern. Der deutsche Knecht Wilhelm saß auf dem Bock.
»Elisabeth, erlauben Sie mir, daß ich Sie so weit fahren lasse, bis Sie in Sicherheit sind, und daß ich Sie begleite. Der Weg ist lang und einsam.«
»Ich bin Ihnen dankbar,« sagte Elisabeth erfreut, »wenn ich mich auch nicht fürchte. Es geschieht selten eine Schlechtigkeit in der Wendei.«
Hanzo lächelte, sagte aber nichts. Mit tadelloser Höflichkeit, die er sich in den langen Jahren eines an öffentlichen Ehren nicht armen Lebens angeeignet hatte und die auch der Güte seines Charakters entsprach, geleitete er Elisabeth zum Wagen, nachdem er ihr nochmals für ihren Besuch gedankt und ihr gesagt hatte, er werde ihr ihn nie vergessen.
An der Haustür trafen Hanka und Elisabeth noch einmal zusammen.
»Leben Sie wohl, Fräulein Hanka, und haben Sie vielen Dank.«
»Ich wünsche glückliche Heimfahrt, und wir danken für den Besuch«, sagte Hanka, die die Stelle der Hausfrau vertrat.
Einen Augenblick ruhten die Hände der Mädchen ineinander. Bald darauf fuhr der Wagen zum Hofe hinaus. Unterwegs plauderte Hanzo mit Elisabeth über alltägliche Dinge. Erst, als sich der Weg zu Ende neigte, wurden beide wieder sehr ernst.
»Kommen Sie doch einmal mit zu uns«, bat das Mädchen. »Und wenn es auch nur auf eine Viertelstunde wäre.«
»Nein, Elisabeth, das kann ich nicht. Das brächte ich jetzt nicht fertig. Wenn Juro fort sein wird, werde ich Ihnen und Ihrem Herrn Vater einen Besuch machen.«
»Darf ich – darf ich – gar keine Hoffnung mitnehmen?«
Hanzo antwortete nicht gleich.
»Wenn Juro von seiner Idee lassen würde, dann wär' alles gut.«
»Das tut er nicht.«
»Nun, da bleibt uns nichts übrig, als auf die Zeit zu hoffen.«
Sie erreichten einen Seitenweg, der nach dem Witholdschen Schlosse führte, das jetzt ganz nahe war; da stieg Elisabeth aus, und der Wagen kehrte um.
Hanzo sah noch einmal aus dem Fenster auf das Mädchen, das ihm in tiefer Traurigkeit nachschaute.