Chapter 27

Ein niederes, aber sonst geräumiges Hinterzimmer in einem wendischen Gasthof. Um einen ungedeckten Tisch sitzen zwölf Männer, darunter Hanzo und Samo. Jeder hat ein Glas Wein vor sich stehen, das Hanzo bestellt hat. Es herrscht bedrücktes Schweigen. Die Rathausuhr draußen schlägt zwölf. Da tritt Juro ein.

»Pomogaj Bóg wam!« grüßt er. Er hat sich nach langem Überlegen zu dem wendischen Gruß entschlossen.

»Bóg žekuscho!« kommt es bedrückt zurück.

Juro geht auf seinen Vater zu und streckt ihm die Hand hin, die dieser langsam ergreift. Nun reichen auch die anderen Männer zögernd die Hand. Seinen Bruder Samo übersieht Juro völlig.

»So wollen wir in Gottes Namen beginnen«, sagt der alte Hanzo mit etwas zitternder Stimme. »Ihr habt mich zum Leiter dieser Versammlung gewählt. Es ist Klage gegen Juro, meinen ältesten Sohn. Die Klage will ich nicht selbst vorbringen, sondern das wird der Bur Klin tun.«

Der Bauer Klin war sonst ein Wichtigtuer und Maulheld. Heute aber stotterte er und versprach sich oft, als er Juro, der für ihn der gelehrte und gebildete Mann war, die Anklage ins Gesicht sagen mußte. Aber er stammelte doch die Anklage heraus: Juro sei gegen das Wendentum, er habe in diesen und diesen Fällen Wenden schwer beleidigt, er habe die wendischen Gebräuche nicht nur selbst gemieden, sondern auch gesagt, er wolle sie ausrotten, er habe die wendische Sprache geschmäht, er habe öffentlich erklärt, er wolle alle Wenden zu Deutschen machen; endlich, er wolle sich am heiligen Kronenhügel vergreifen und nachweisen, daß es überhaupt keine wendische Krone gebe. Darum sei das Volk eines Sinnes, daß ein solcher Mann nicht der zukünftige Kral sein könne.

»Hat noch jemand der Anklage was hinzuzufügen?« fragte Hanzo.

»Ja«, rief Samo. »Die Hauptsache ist, daß er sich im Wendenland festsetzen und den Einfluß, den er als erstgeborener Sohn des Kral hat, dazu mißbrauchen will, unser Kraltum zu vernichten und die Wenden den Deutschen auszuliefern.«

Nun bekam Juro das Wort.

»Ich möchte zuerst fragen: Ist mein Bruder Samo ansässiger Bürger oder Bauer der Wendei, hat er in einer Gemeinde bereits Sitz und Stimme?«

»Nein!«

»Also gehört er nicht hierher, und ich bitte, ihn von dieser Versammlung, in der er nichts zu suchen hat, auszuschließen.«

Es ging ein Tumult los. Es wurde durcheinandergeredet. Der Erfolg war, daß Samo bleiben durfte.

»Gut,« sagte Juro, »so bleibt er gegen alles Recht. Ich werde annehmen, daß auf seinem Platze eine Säule nicht ganz reiner Luft sei!«

Samo sprang auf, es gab neuen Tumult; Hanzo verwies Juro die getane Beleidigung aufs strengste und forderte ihn auf, sich zu der Klage, die der Bauer Klin im Namen aller hier vorgebracht habe, zu äußern.

Da überkam Juro seine Spottlust.

»Pán Klin,« begann er, »Ihr habt eine gewaltige Rede gegen mich geführt, und deshalb sage ich: Ihr müßt in den Landtag gewählt werden.«

Hanzo stand auf. Seine Augen funkelten zornig.

»Juro, es ist höchst unangebracht, hier zu spotten; es ist uns heiliger Ernst!«

»Es ist mir auch Ernst«, erwiderte Juro. »Um aber noch einmal auf den Landtag zu kommen; warum habt ihr Wenden keinen Vertreter dort, warum seid ihr politisch so rechtlos? Warum habt ihr nicht einmal versucht, eure Stimme zu erheben? Weil ihr rückständig seid, weil ihr eure Zeit verträumt und selbst nicht so viele Rechte in Anspruch zu nehmen wagt wie alle anderen Kinder des Staates.«

Unwilliges Murren.

»Wenn ihr auch murrt, die Wahrheit muß ich euch sagen. Und wie ihr keinen wendischen Abgeordneten habt, so habt ihr auch keinen wendischen Arzt …«

»Samo!« schrien sie. »Samo!« Juro zuckte die Achseln.

»Habt ihr keinen wendischen Arzt,« wiederholte er, »keinen Advokaten, keine Gelehrten, kein großes Kaufhaus, kein Theater oder sonstiges Kunstinstitut. Warum seid ihr so arm? Oh, nicht ihr, die ihr hier seid! Ich weiß, jeder von euch ist ein Bur und hat soundsoviel Hufen Landes. Aber die Mehrzahl, warum ist sie so bettelarm? Warum wohnen so viele in windschiefen Hütten, essen so schmales Brot, haben so wenig Freude? Weil ihr Wenden seid! Wäret ihr Deutsche, es ginge euch allen zehnmal besser!«

»So haben uns die Deutschen unterdrückt!« sagte einer.

»Das ist nicht wahr! Die Deutschen haben stets in Frieden mit euch gelebt und ihr mit ihnen, bis eine gewissenlose Hetze eingesetzt hat. Ich frage euch, was wollt ihr eigentlich? Ewigsitzen bleiben auf euren paar Dörfern, da man eure Sprache schon in Bautzen oder in Kottbus nicht mehr richtig versteht? Da in den Hauptstädten der Länder, zu denen ihr gehört, in Berlin und Dresden, die meisten Leute nicht einmal recht wissen, was ein Wende ist, geschweige, daß sie je ein wendisches Wort gehört hätten?! Könnt ihr paar Leute heutzutage noch daran denken, einen eigenen Staat zu bilden? Seht ihr nicht ein, daß das lächerlich ist? Ein Staat, wo ihr nicht einmal einen Abgeordneten zustande bringt? Aber freilich, ich kenne Leute, die hinüberschielen zu den Tschechen. Nicht ihr! Ihr habt euch euer Leben lang nicht um die Tschechen gekümmert, trotz aller Versuche, die von dort gemacht worden sind. Die Tschechen waren euch hundsegal; es gibt sogar viele, die dem wendischen Schmied Stosch recht geben, der den Buchdrucker Schmaler für einen Todsünder erklärt, weil er in eure Gesangbücher die tschechische Schreibweise eingeführt hat. Ihr seid von Kindheit an brave, zuverlässige Preußen oder Sachsen gewesen, und so wie ihr waren es eure Väter und Urväter. Ist das so?«

»Ja, das ist so!«

»Nun denn, wenn ihr gute Preußen oder gute Sachsen seid, warum wollt ihr es nicht auch äußerlich sein in Kleidung und Sitte, hauptsächlich aber in der Sprache, damit auch ihr mit euren Kindern besser fortkommt in der Welt? Und wenn euch jemand zur Vernunft, zum eigenen Nutzen rät, sagt an, ist er nicht in Wahrheit euer Freund?«

Ein alter Bauer stand auf.

»Ich bin ein guter Preuße, und mein Vater und Großvater waren gute Preußen. Aber wir waren auch gute Wenden. Und dabei soll es bleiben.«

Juro wurde wieder erregt.

»Das ist die alte – die alte – ich will es nicht aussprechen. Niemand kann zweien Herren dienen! Das wißt ihr schon aus der Bibel! Man soll nur eines sein und das eine ganz! Alles andere ist Zwiespältigkeit oder schlimmer: Hinterhältigkeit. Ja, ich glaube, daß der Staat nichts verliert, wenn er euch euer Wendentum läßt. Er nicht! Er, der Staat, hat eine fleißige,genügsame, ruhige Bevölkerung in einer Gegend, wo sonst nicht viel zu holen ist. Oh, der Staat ist zufrieden! Darum auch nicht die Spur von Unterdrückung, darum das Eingehen auf eure, ach so bescheidenen Wünsche. Ihr seid ja schon selig, wenn euch das Dresdener Kabinett einmal eine Verfügung in wendischer Sprache schickt. Der Staat fährt gut dabei; aber ihr fahrt schlecht, weil ihr nicht die gleichen Aussichten, nicht die gleichen Möglichkeiten habt wie die anderen. Nehmt mich zum Beispiel! Ich bin wendischer Geburt. Als ich auf die Schule kam, ist es mir viel schwerer geworden fortzukommen als den deutschen Mitschülern, weil ich das mühsam erst lernen mußte, was diese schon mitbrachten. Solcher Beispiele gibt es Tausende. Denktanjeden Kaufmann, jeden Gewerbetreibenden, ja sogar jeden Rekruten. Die Sprache, die sonst allen eine Helferin ist, ist uns ein Hemmnis!«

»Und das ist,« rief Samo erregt dazwischen, »weil wir in einem fremden Lande wohnen. Gehörten wir zu den Tschechen, so verstände eure Sprache jedermann. Deutschland ist nicht unser Land; wir sind Slawen und gehören zu den Slawen!«

»Ich will nicht von Hochverrat reden,« sagte Juro, »der euch vereidigten Ortsvorstehern ja ganz fern liegt; ich bin auch weder Aufpasser noch Denunziant; ich will nur die ungeheure Dummheit der Tschechenillusion beleuchten. Hier hängt zu meiner Freude eine Karte von Europa an der Wand. Nun seht einmal her! Dieses kleine Fleckchen ist also Böhmen. Darin wohnen Tschechen, d. h. nur zur reichlichen Hälfte Tschechen. Die anderen sind deutsch. Nähmen wir nun wirklich zu dem kleinen Fleckchen auch Mähren hinzu, das noch weniger Tschechen hat als Böhmen, und ein bißchen slowakisches Hinterland – was käm' heraus? Ein Weltstaat, nicht wahr?! Eine kolossale Macht?! Nein, ich sage euch, es wäre ein Kleinstaat mehr, noch dazu sprachlich und national zersetzt, ein Staat, der für sich gar nichts bedeutete, der im Norden, Westen und Süden von Deutschen umklammert wäre, im Osten die Polen hätte, mit denen sich die Tschechen mäßig, und dieUngarn, mit denen sie sich gar nicht vertragen. So könnte aus dem Ganzen nichts anderes werden als ein russischer Vasallenstaat, eine russische Provinz, und da wir wieder nur ein Provinzchen dieser Provinz sein könnten, so wären wir die Aftermieter der Aftermieter, und der Hausherr säße in Petersburg. Wir danken für eine solche Ehre! Wir wollen lieber deutsche Einwohner des großen deutschen Landes sein!«

Nun stand Samo auf.

»Des großen deutschen Landes,« lachte er höhnisch; »wo gibt es ein großes deutsches Land? Wo gibt es etwas Zersplitterteres, etwas Uneinigeres als dieses deutsche Land, wo gibt es etwas Lächerlicheres als diese »Frankfurter«? Wohin deine Sprache weist, da steht dein Vaterhaus, da ist deine Heimat, da ist dein Vaterland!«

Der Streit hatte sich zu einem WortgefechtzwischenJuro und Samo ausgewachsen, das über die Köpfe der Bauern wegbrauste. Die meisten saßen mit verdrossenen Gesichtern gelangweilt da. Das bemerkte Samo eher als Juro; darum spielte er einen guten Trumpf aus:

»Wollt ihr jetzt zum deutschen Händler gehen, eure schöne Volkstracht einhandeln gegen einen schäbigen deutschen Anzug, sollen eure Frauen und Töchter nicht mehr ihre herrlichen Wendenkleider tragen dürfen, sollen die Spinnstube, die Kirmes, das Osterreiten aufhören, soll euer alter wendischer Gruß verboten sein, sollen eure wendischen Gesangbücher verbrannt, soll …«

Er wurde unterbrochen.

»Nein, nein, nein! Wir sind Wenden! Wir bleiben Wenden!« schrie es durcheinander. Alle Schläfrigkeit war vorüber.

»Wir bleiben Wenden!« rief ein alter Bauer zitternd.

»Und – und wer sich der wendischen Tracht und der wendischen Sprache schämt, der soll – der soll gehen …«

Alle stimmten ihm zu. Juro sah, wie alle seine Behauptungen und deren Beweise vor alter Gewöhnung in nichts zerflossen.

»Nun, so ist euch nicht zu helfen«, sagte er. »Die Kultur wird weitergehen auch gegen dieseGromada, und die Betrogenen seid allein ihr!«

»Und – unsere alte Krone?« fragte ein Bauer.

Alle sahen gespannt auf Juro.

»Das Kraltum ist eine Sage,« sagte er ausweichend, »eine Sage, die sich jahrhundertelang erhalten hat, von der sogar hohenzollersche Fürsten gewußt haben, die aber durch nichts und in nichts anderem begründet ist als in der Einbildung unseres Volkes.«

Der alte Hanzo sprang auf.

»Du – du – du …«

Die Stimme brach ihm.

»So stellst du mich – mich – als einen Lügner, als einen Theaterspieler hin – vor diesen – diesen Leuten …«

»Gott behüte mich – nein! Wahr spricht, der das spricht, was er glaubt!«

»Und du glaubst nicht, daß ich der Kral bin?«

»Ich weiß es nicht!«

Alle standen auf, ein großer Lärm entstand, Gläser wurden umgeworfen, einzelne Männer liefen gestikulierend in der Stube herum, alle sahen voll Abscheu auf Juro.

»Und – unsere alte Krone?« fragte nun Hanzo. »Jetzt weichst du nicht aus – jetzt frage ich dich: Unsere alte Krone?«

»Existiert nicht!«

»Der Kronenhügel …«

»Ist leer!«

»Hast du – hast du nachgegraben …«

»Nein! Aber wenn ich es täte, würde ich nichts finden als Steine und Erde!«

»Gottloser Mensch du!«

Hanzo sank auf seinen Stuhl zurück, unfähig, weiterzusprechen.

Da sprang der älteste der anwesenden Männer auf wie ein Jüngling und rief:

»Er wird es nie wagen, an den Kronenhügel zu rühren.«

Juro warf trotzig den Kopf zurück.

»Ich werde es wagen! Ich werde es nun bestimmt tun. Ich werde beweisen, daß ich recht habe!«

»Hinaus mit ihm! Das ist eine Gemeinheit! Hinaus!«

Sie drangen auf Juro ein.

Der wehrte sie ab.

»Ihr habt hier kein Gastrecht«, schrie er sie an. »Wehe dem, der mich anrührt!«

Da wichen sie zurück. Der alte Wende aber sprach:

»Wie es in der Bibel steht, so frage ich jetzt: Was haben wir noch Zeugen nötig?«

»Jawohl,« rief Juro, »so könnt ihr fragen. Die in der Bibel so fragten, waren die Pharisäer, und die Frage geschah vor dem elendesten Gerichtshof der Welt. Die paßt hierher!«

Der Alte beachtete das nicht. Er sprach mit erhobener Stimme, indem er auf Juro mit dem Finger zeigte:

»Wer mit mir der Meinung ist, daß dieser da mit den Wenden nichts mehr zu tun hat und nicht unser künftiger Kral sein kann, der stehe auf!«

Alle erhoben sich.

»So ist er für immer und ewig von uns abgesetzt!«

Juro lachte laut auf.

»Setzt mich doch ab, soviel ihr wollt! Ihr habt gar kein Recht dazu. Wer gibt euch dieses Recht? Von wem habt ihr's? Von euch selbst oder von jenem Schleicher da, der euch aufgehetzt hat?«

Es entstand ein solcher Skandal, daß Juros Worte untergingen. Schließlich hatte er zu tun, einige tätlich auf ihn Eindringende abzuwehren. Er nahm seinen Hut. An der Tür rief er noch:

»Wenn zwölf über einen herfallen, wird wohl der eine gehen müssen. Aber das sage ich euch: ich bin und bleibe der zukünftige Kral, der euch beweisen wird, daß es keinen Kral gibt!«


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