Chapter 28

Es war tiefe Nacht. Nur selten brach ein Mondstrahl durch das dichte schwarze Gewölk. Es war so still im Föhrenwald, daß man das leise Murmeln der Spree hören konnte.

In der Nähe des »Kronenhügels« hockten zwei Männer.

»Bis es Morgen ist,« sagte der eine, »bin ich tot vor Angst.«

»Du hast doch eine Axt.«

»Was nutzt mir die Axt, Kito, wenn der Nachtjäger kommt? Ich sage dir, Morkusky nimmt mir die Axt und spaltet mir den Kopf. Und ich hab' einen sehr schwachen Kopf!«

»Man soll einen Schneider nicht zum Wächter machen«, sagte Kito.

»Du hast leicht reden, Kito; du bist ein Junggeselle, und ich habe sieben Kinder.«

»Warum zogst du mit auf die Wache?« fragte der alte Knecht.

»Was soll ich machen – wenn sie's doch verlangten? Sie sind doch alle meine Kunden, von denen ich leben muß. Und eine Nacht kommt jeder daran.«

»Ja, solange noch der Juro drüben sitzt beim Withold, muß hier gewacht werden.«

»Er ist ein gottloser, schrecklicher Mensch! Wenn er es nun wirklich tut? Der alte Kral wird aus seinem Grabe aufstehen und ihn mit seinem Schlangenschwert erstechen. Der alte Kral hat hier die silberne Krone selbst vergraben vor der Wendenschlacht.«

»Ja,« sagte Kito traurig, »und nur eine Jungfrau mit silberner Schaufel soll sie heben, und dann wird das Wendenvolk stark sein.«

Er schüttelte schmerzlich den weißen Kopf.

»Er war so ein guter Junge, immer aufrichtig, nie hat er gelogen, auch immer freundlich, gut zu Mensch und Tier. Und nun – und nun …«

Er preßte eine Hand über die Augen. Kito hatte viel Kummer auf seine alten Tage. Die gute Frau tot, der Herr blaß und schweigsam, Hanka gar nicht die fröhliche, glückliche Frau, wie er es gedacht und gewünscht hatte, selbst Samo einwunderlicher Mann. Er lief so viel in den Städten und auf den Dörfern herum, saß so viel bei den Männern in der Schenke, war schon vierzehn Tage nach seiner Hochzeit wieder nach Prag gefahren. Was wollte er immer in Prag?

»Bis morgen früh bin ich tot vor Angst«, begann der Schneider wieder. »Horch – horch – hörst du's rascheln?«

»Ich höre nichts.«

»O Kito, wenn du allein wachtest! Wenn du mich nach Hause gehen ließest! Ich würde dir auch gern meine Axt hier lassen.«

»Ich brauche keine Axt. Aber wenn du willst, geh nach Haus. Hier nützest du doch nichts.«

»Wirst du es auch niemand verraten?«

»Nein!«

»O Kito, ich mache dir deine neue Weste ganz umsonst.« Und fort war er.

Nun Kito ganz allein war, überkam auch ihn Furcht und Grauen. Die Nacht war so unheimlich still, so unheimlich dunkel. Und alle alten Sagen und bösen Geschichten wurden lebendig im Herzen des Alten.

Da hörte er ein Geräusch. Hatte er sich getäuscht? Da war wieder das Geräusch. Jetzt hörte er Tritte, deutliche Tritte. Kito lehnte sich an einen Baum. Eiskalter Schweiß rann ihm von der Stirn. Mühsam hielt er sich aufrecht.

Da – eine dunkle Gestalt, noch eine, noch eine. Drei oder vier.

Kito fing laut an zu ächzen.

»Ist hier jemand?« fragte eine Stimme. Es war die Stimme Juros.

»Da ist ein Mann. Kito – Kito – bist du es?«

»Pán Juro!«

Der Alte wimmerte.

»Was wimmerst du? Fürchte dich nicht! Hier ist nichts zu fürchten. Wir tun dir nichts. Was machst du hier?«

»Ich – ich soll – soll bei dem Kronenhügel wachen.«

»Wer hat es dir befohlen?«

»DieGromada.«

»Aah!«

Juro lachte leise.

»Höre, Kito, ich bin mit diesen drei Männern gekommen, den Kronenhügel aufzugraben.«

»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«

Der Alte lag vor ihm auf den Knien.

»Steh auf, Kito, ich kann das nicht sehen! Deine Bitten nützen nichts. Sieh, das sind drei wendische Männer, Ehrenmänner, die haben sich in der Welt umgesehen, und die werden nun Zeugen sein, daß in dem Kronenhügel nichts ist als Erde, Sand und Stein. Und so werden die Wenden von einem alten Aberglauben erlöst werden.«

»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«

»Hör auf zu bitten; ich sagte dir schon, es nützt nichts. Oder willst du ins Dorf gehen und Skandal schlagen?«

»Ich müßte es eigentlich tun; es wäre meine Pflicht. Aber, ich kann ja nicht, ich kann ja nicht; die Bauern kämen und schlügen Pán Juro tot.«

»So stelle dich beiseite und warte! In weniger als einer Stunde wirst du sehen, daß ich recht habe, und dann werden alle Wenden es sehen. Du bist mir der willkommenste Zeuge.«

»Tut es nicht, Pán Juro; es geschieht ein Unglück!«

Juro schob den Alten beiseite. Er winkte den drei Männern. Jeder hatte Spaten und Hacke. Auch Juro trug diese Werkzeuge.

»Ans Werk!«

Die drei Wenden zögerten. Da sah Juro sie lächelnd an. Dann sagte er:

»Nun wohl, ich werde die ersten dreißig Spatenstiche selbst tun, und wenn ihr seht, daß kein Morkusky und kein Kral sich einmischt, wird euch der Mut schon kommen.«

»Tut es nicht, Pán Juro!«

Kito warf sich auf den kleinen Hügel.

»Nehmt den Alten weg!« befahl Juro. Die drei Männer zogen Kito empor und führten ihn abseits.

Einen Augenblick später tat Juro den ersten Spatenstich in den heiligen Kronenhügel.

Weinend kniete Kito beiseite mit gefalteten Händen, die er zum Himmel hob. Die drei Männer schauten mit ernsten Gesichtern zu. Juro grub und grub. Da kam erst einer der Männer und half ihm graben, und dann halfen alle drei. Der Mond brach durch die Wolken, es wurde ganz hell, und man hörte nichts als das schwere Atmen der Arbeitenden, das leise Wimmern Kitos.

Eine gute Weile verging – – –

Da … »Da liegt was!« schreit ein Mann und springt aus der Grube.

»Da – da ist ein Topf!«

»Eine Urne!«

»Um Jesu willen, Pán Juro, den Hügel zu – den Hügel zu!«

»Weg mit euch! Es gibt viel Urnen in der Welt!«

Juro hebt ein altersgraues Gefäß aus der Erde, er setzt es neben die Grube, löst den Deckel, schaut hinein …

»Was – was – was …«

Er stammelt – er röchelt – er stöhnt …

»Um Jesu willen, Pán Juro …«

Der greift in die Urne, nimmt etwas heraus, richtet sich auf, wendet sich gegen das Mondenlicht, steht so drei Herzschläge lang und bricht, wie vom Blitz erschlagen, mit einem markerschütternden Schrei zusammen.

In der rechten Hand hält er eine alte Krone. –

Die vier Männer knien zitternd, stammelnd, ächzend am Boden. Kito nimmt zitternd die alte Krone auf, küßt sie scheu am Rande und ruft weinend:

»Du Heilige – du Heilige – du Heilige – um Gottes willen, verzeih uns!«

Und bettet die Krone wieder in die Urne, schließt mit zitternden Händen die Urne und senkt sie in die Erde.

»Zuschütten! Den Hügel zuschütten! Schnell zuschütten! Sonst richtet uns Gott!«

Wie die Rasenden arbeiten die Männer. In ganz kurzer Zeit ist der Hügel geschlossen.

Dann läuft einer fluchtartig waldein. Die zwei andern helfen dem alten Kito, Juro aufzuraffen.

»Lebt er?«

»Sein Herz schlägt!«

»Er ist so weiß wie eine Leiche. Er kann jeden Augenblick sterben.«

»Helft ihn tragen!«

Sie tragen ihn mühsam ins Dorf. – – –

Vor dem Tor seines Vaterhauses wird Juro auf die Erde niedergelegt. Er schlägt die Augen auf.

»Was – was ist? Wo? – Wer?«

Plötzlich verzerrt er sein Gesicht.

»Die alte Krone!«

Und er sinkt in die Ohnmacht zurück.

Der alte Kito wird über den Gartenzaun gehoben und dringt ins Haus. Er klopft an die Tür des Scholta.

»Kommt herunter, Herr – vors Tor – es ist ein Unglück geschehen …«

Mehr bringt er nicht heraus.

Vor dem Tor findet der alte Hanzo seinen Sohn. Er starrt ihn an und fragt dann mit eisiger Stimme:

»Hat er nach der Krone gegraben?«

»Ja.«

Der Alte lehnt sich an das Tor.

»Und …?«

»Und er hat sie gefunden!«

Die drei Männer beugen vor dem Kral das Haupt.

»Er hat sie gefunden!« wiederholt der Kral langsam. Trotz seiner schweren Herzensnot tritt ein sieghaftes Leuchten in seine Augen, die sich zu stummem Dank gen Himmel richten.

»Er hat sie gefunden! Die alte Krone ist da! Gott sei gelobt in Ewigkeit! Amen!«

Eine lange feierliche Stille. Dann sagt Kito:

»Herr, Euer Sohn …«

Hanzo streckt die Hand aus gegen Juro.

»Dieser ist nicht mein Sohn. Er ist ein Verbrecher. Ob er tot ist oder noch lebt, schafft ihn aus dem Dorf!«

»Wohin sollen wir mit ihm?«

»Wohin ihr wollt! Zu den Deutschen, die ihn verführt haben, oder irgendwohin; mir ist es gleich!«

»Er ist schwerkrank. Wir müssen einen Wagen haben für den weiten Weg.«

Hanzo besann sich eine kleine Weile; dann sagte er:

»Den Wagen könnt ihr haben. Er steht schon hier am Tor.«

Da faßte ihn Kito am Arm.

»Herr, nicht auf den alten Bretterwagen, nicht den Sünderwagen, auf dem die Gehängten auf den Kirchhof gefahren werden!«

»Es ist der rechte Wagen für diesen da! Einen anderen gebe ich für ihn nicht. Spannt ein Pferd an, legt eine Schütte Stroh auf den Wagen und schafft ihn fort!«

Weinend schob Kito mit den anderen den alten Bretterwagen auf den Weg hinaus; behutsam und sacht holte er das Stroh und ein Pferd. Mit finsterem, starrem Angesicht sah Hanzo noch zu, wie Juro auf das Stroh gebettet wurde; dann schloß er das Tor, indes der alte Kito draußen von dannen fuhr.


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