Chapter 29

Oh, das war eine traurige Fahrt! Die Nacht so öde, der Weg so lang. Und so dahinfahren in Schande und Herzeleid mit einem, den man lieb hat! In seinem langen Leben hatte der alte Kito keine Stunde gehabt, die so bitter gewesen wäre wie diese. Und er zergrübelte seinen alten Kopf, wie er's nun anstellen sollte. Es war noch finster. Was würden die Leute auf der deutschen Herrschaft sagen, wenn er mit einem solchen Fuhrwerk daherkäme? Wie sollte er, der Knecht, sich vor die Augen eines gnädigen Herrn trauen und ihm sagen: »Auf dem Stroh meines Bretterwagens liegt Ihr Herr Schwiegersohn!«

Wie hatte es nur der alte Hanzo tun können! Was für einenwilden Zorn mußte er in seinem Herzen haben, daß er dem Sohn diese Schande antat!

O Gott, was sollte er nur tun, der alte Kito? Vielleicht war der, den er so langsam dahinfuhr, schon gestorben.

Da hielt Kito an, da wandte er sich um nach dem Wagen, kniete bei Juro nieder und tastete mit seinen stumpfen Fingerspitzen nach Juros Herzen. Es dauerte lange, ehe er einen schwachen Herzschlag fühlte.

Dann fuhr er weiter in müdem, schleppendem Tempo. Und als er an den Seitenweg kam, der nach dem Witholdschen Schlosse führte, fuhr er daran vorbei. Er hatte zu viel Angst, mit einem solchen Auftrage dem deutschen Herrn vor die Augen zu treten.

Weiter ging es den Sandweg entlang. Was war das für eine Nacht! So gab es wirklich die alte Krone der Wenden! So war Hanzo wirklich ein König! Und seinen ältesten Sohn hatte der Schlag getroffen, als er sich an der Krone vergriff. Heilig war sie! Mochte Gott allen vergeben und alle schützen vor der Gewalt des Nachtjägers! Der Morgen kam. Ein kalter Morgen. Vielleicht begegneten Kito Leute vom Schloß, denen er Juro übergeben könnte. Da – da sprang auch wirklich jemand über den Graben …

»Heda – heda!« schrie der alte Kito.

Ein Mann kam näher. Es war Heinrich von Withold. Er trug eine Büchse über der Schulter.

»Was ist los? – Was schreien Sie?«

»O Gott – gerade der gnädige junge Herr!«

»Nun, was ist da weiter? Wohin wollt Ihr?«

»Ich soll – ich will – Gott schütze mich!«

»Aber Mann, was macht Ihr für Gerede?«

»Sehen Sie, sehen Sie einmal in meinen Wagen!«

»Juro!«

Die Büchse fiel auf den Weg.

»Ja – was – was ist denn? Ist er verunglückt? Wo bringt Ihr ihn denn her? Was ist geschehen? Juro! Juro!«

Heinrich kletterte auf den Wagen, griff nach der Stirn Juros, fühlte nach seinem Puls.

»Der Schlag hat ihn getroffen«, sagte Kito.

»Nein, er scheint nur ohnmächtig zu sein – Gott sei Dank, nur ohnmächtig …! Spannen Sie das Pferd aus, damit es nicht anrückt! Dann helfen Sie mir! So! – Den Kopf tief betten – er ist ja leichenblaß – und nun die Arme und die Beine reiben – tüchtig!«

Heinrich flößte dem Kranken Kognak aus seiner Feldflasche ein und rieb ihm die Herzgrube.

Dabei fragte er Kito:

»Wo habt Ihr ihn gefunden?«

Stammelnd, unter vielen Tränen, sagte der Alte:

»Er hat – hat – die alte Krone ausgegraben, und da hat ihn der Schlag getroffen.«

»Die alte Krone? Seid Ihr irre?«

»Ich war selbst dabei. Ich hatte am Kronenhügel Wache.«

»Und er hat wirklich eine alte Krone gefunden?«

»Ja, in einem alten grauen Topf.«

»Das ist nicht möglich!«

»Ich habe es gesehen, Herr! Ich hab' die Krone ja selbst wieder in den Topf getan und sie wieder eingegraben.«

»Kräftiger reiben! Kräftiger! – Und er fiel also ohnmächtig um? – Die Nerven! Er war schon so aufgeregt vorher. Er hat nächtelang nicht geschlafen! – Ja, Mann, wie kommt Ihr denn zu dem Wagen?«

Kito gab jammernd Auskunft.

»Was – auf einen Mist- – auf einen Schand- und Schinderwagen – der eigene Vater?! – – – Bande! Bande! Bande!«

Juro schlug die Augen auf. Da lachte Heinrich gezwungen.

»Na also, alter Junge! Du machst schöne Geschichten! Aber es ist nichts dabei, wird bald vorüber sein! Da trink mal!«

»Wo bin ich? Was ist?«

»Davon reden wir später. Jetzt trink mal!«

Juros Auge wanderte umher; seine Stirn runzelte sich zu angestrengtem Nachdenken, und dann sagte er erschauernd:

»Die Krone! Die Krone!«

»Laß das jetzt, Juro! Ich weiß alles. Laß das jetzt! Spannen Sie ein, Mann! Dann den Weg rechts hinab!«

»Es ist schrecklich, Heinrich! Sie ist da! Es ist alles – alles wahr! Sie ist da!«

»Sei jetzt ruhig! Wir wollen nach Hause.«

»Ich schäme mich – ich hab' ein Heiligtum geschändet – ich bin schlecht!«

Sie fuhren einen Weg hinab. Kurz vor dem Schloß half Heinrich dem Kranken vom Wagen. Juro stützte sich auf die beiden Männer und trat durch eine Hintertür ins Schloß.


Back to IndexNext