»Vater!«
Samo beugte sich über den Alten, dessen Kopf auf der Tischplatte ruhte. Hanzo hob das Haupt. Er sah seinem Sohne starr ins Gesicht und sprach:
»Samo, hast du's gehört? Hast du es auch gehört, was der Mensch Schreckliches sagte, oder ist alles ein Spuk, oder bin ich irrsinnig geworden durch all die schwere Zeit?«
»Ich habe es gehört, und da ist die Krone!«
»Die Krone!«
Furchtsam starrte der Alte wieder auf den silbernen Reif.
»Er sagt – er sagt – sie ist falsch!«
»Er ist ein deutscher Hund!« schrie Samo zornig; »einer, dem nichts heilig ist, einer, der auf unseren Grund und Boden eindrang und die Krone stahl.«
»Ist das – ist das wirklich die Krone aus dem Hügel?«
»Frage Kito – er hat sie gesehen.«
Kito wurde gerufen. Als er auf dem Tisch die Krone sah, wollte er an der Tür umkehren. Gespenster, nichts als Gespenster in seinen alten Tagen! Aber er mußte in die Stube, mußte an die Krone herantreten.
»Es ist die Krone aus dem Hügel«, sagte er bebend. »Ich kenne sie genau wieder.«
Da traten alle drei Männer von dem Tische zurück.
»Da liegt ein Papier,« sagte Hanzo endlich scheu, »auf dem soll stehen, die Krone ist gefälscht.«
»Willst du es lesen, Vater?« fragte Samo und hielt ihm das Blatt Papier hin, das Heinrich dagelassen hatte. »Lies es!«
»Nicht hier, nicht bei der Krone!« wehrte der Vater ab.
»Weißt du, was auf solchen Papieren von Deutschen schon alles gestanden hat?« fragte Samo. »Daß es keinen Gott gibt, daß es kein Vaterland gibt, daß es kein Eigentum gibt, daß es kein Recht der Slawen gibt, ja daß es überhaupt keine Welt gibt, daß alles Einbildung, Täuschung ist. Alle solche Dinge haben auf deutschen Urkunden von sogenannten deutschen Sachverständigen schon gestanden. Auf diesem Papier da wird zur Abwechslung stehen, es gibt keinen Kral der Wenden, und der tausendjährige Beweis, die Krone, ist falsch. Es gibt nur eine deutsche Herrschaft, eine deutsche Krone! Können wir von unseren Feinden ein anderes Urteil erwarten? Kann ein Urteil, das unsere Widersacher bei ihresgleichen bestellt und bezahlt haben, anders ausfallen?«
»Nein!« sagte Hanzo, »du hast recht!«
Er zerriß das Papier in viele kleine Teile.
»Die Krone ist genug beleidigt«, sagte er. »Gehet jetzt hinaus. Laßt mich allein!«
Und der Kral blieb bei der Krone mit einer großen königlichen Andacht im Herzen.
Am Nachmittag desselben Tages wurde der Kronenhügel noch einmal aufgegraben, und zwar in Gegenwart Hanzos, Samos und dreier Zeugen aus dem Dorfe. Die Männer überzeugtensich, daß der Hügel nunmehr leer sei, und Hanzo gab den Befehl, daß er der Erde gleich gemacht werde.
»Tausend Jahre lang hat er unsere heilige Krone beherbergt,« sagte er ergriffen; »nun ist seine Ruhe gestört und entheiligt worden, nun soll er nicht mehr sein!«
Dann ging er mit den Zeugen nach seinem Hause, zeigte ihnen die Krone und sagte:
»Das ist die Krone der Wenden! Ihr Silber ist vom Himmel gefallen, ein gottgesandter Mann hat sie geformt. Der Urkral hat sie getragen. Aus ihrem tausendjährigen Hause ist sie vertrieben worden. Sie soll zurück in die mütterliche Erde. Denn nicht ist die Jungfrau mit der silbernen Schaufel gekommen und hat sie ans Licht geholt, Frevlerhände haben es getan. Ich werde die Krone wieder begraben an einem anderen Ort. Den soll aber niemand wissen als mein Sohn Samo und ich, als immer der Kral und sein ältester Sohn. Was ihr gehört und gesehen habt, dürft ihr den Wenden erzählen, aber keinem Deutschen.«
Die Männer gelobten das und gingen in größter Erregung von dannen. – – –
Als Hanzo mit Samo allein war, sprach er:
»Unter der Kirchhoflinde, dort, wo die Mutter liegt, werden wir eine Grube graben, dahin werden wir die Krone legen. Sie wird dann über Mutters Kopf sein und bald auch über meinem.«
Samo wandte sich ab.
Er stand am Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Sein Atem ging rasch. Endlich wandte er sich um.
»Wähle einen anderen Ort, Vater! Der Kirchhof ist die Stätte der Toten. Unsere Krone aber ist lebendig, und unsere Hoffnung knüpft sich daran, die Hoffnung, daß wir Slawen noch einmal loskommen von diesem elenden Lande der Deutschen. Deshalb muß die Krone lebendig bleiben, Vater. Ganz lebendig vor aller Augen und in aller Herzen! Daran, an diesem Glauben, hängt unsere Zukunft. Wähle einen anderen Ort!«
Der Vater blieb bei seinem Vorsatz.
»Die in der Kirchhofserde liegen,« sagte er, »sind nur totfür eine Zeit, dann wird sie unser Herr Christus auferwecken. Und auch unsere Krone wird eines Tages auferstehen. Du wirst sie mit mir dort begraben, wo ich dir gesagt habe. Sie ist dort sicher; denn sie hat dort Wächter, an die sich nicht leicht jemand wagt.«
»Ich werde dir gehorchen!« sagte Samo.