Auf dem Bahnhof zu Prag stand Hanka. Sie sah sich verängstigt um. Ihre Stirn war weiß, aber auf ihren Wangen brannten große rote Flecken. Da stellte sie plötzlich das Paket hin, das sie getragen, und begann heftig zu zittern.
»Da – da – ist er – Samo!«
Samo kam auf sie zu und küßte sie scheu auf den Mund.
»Samo! Samo!«
»Pst – still! Nur keinen Namen nennen! Hier lauern überall Polizeihunde. Komm weiter!«
Er zog Hanka aus dem Bahnhof hinaus und nahm einen geschlossenen Wagen. Im Wagen fiel sie ihm um den Hals und weinte leidenschaftlich.
»O Samo – Samo! Endlich seh' ich dich wieder!«
Er sagte etwas, was sie nicht verstand.
»Ist es dir nicht lieb, Samo, daß ich dir nachgekommen bin?«
»Warum soll es mir nicht lieb sein? Aber ich fürchte, dir wird es nicht lieb sein, daß du es getan hast, wenn du erst siehst, wie ich lebe!«
Er sprach mit abgewandtem Gesicht.
»Ich gehöre zu dir; ich bin dein Weib. Oh, warum hast du uns so lange nicht geschrieben? Fast zwei Jahre! Was haben wir ausgestanden um dich!«
»Ich konnte nicht! Ich mußte glauben, daß ihr mich verfluchtet!«
»Das haben wir nie getan. Von Anfang an nicht! Du warst nie schlecht!«
Samo sah finster zur Seite. Eine Weile schwiegen sie. Nur Hanka weinte leise vor sich hin.
»Also, er ist nicht tot?« begann Samo wieder. Seine Stimme war düster.
»Nein, er war kaum zwei Monate lang krank.«
Samo schüttelte den Kopf.
»Merkwürdig! Ich weiß doch als Arzt, wo das Herz sitzt. Und ich hab' aufs Herz gezielt. Das Messer muß abgeglitten sein.«
»Sprich nicht davon, Samo, sprich nicht davon!« rief Hanka erschauernd.
»Ja, ich sprechenurdavon! Ich hab' in den ganzen zwei Jahren eigentlich nichts anderes mit mir selbst verhandelt als immer das eine. Ich glaubte, er sei längst vermodert.«
»Samo, sprich nicht so Schreckliches!«
»Hätte er sich mit mir duelliert,« fuhr Samo fort, »wäre es anders gekommen. Vielleicht hätte er dann eine Kugel in diesen heißen, unglücklichen Schädel geschossen, und es wär' gut gewesen.«
»Samo!«
»Aber er verachtete mich! Er behandelte mich wie einen Hund. Er schickte meinen Zeugen heim. Er beleidigte mich aufs neue, als ich ihn persönlich stellte. Da bekam er das Messer in die Brust. Ich konnte nicht anders. Meine Hand tat es von selbst.«
»Er hat dich schwer beleidigt, Samo, wir wissen es; er hat sich auch frech an unserer alten Krone vergriffen; er hat die meiste Schuld gehabt!«
»Sie haben einen Steckbriefhintermir erlassen?«
»Ja, der alte Withold hat's nicht gewollt – um Juros willen – wegen des Namens –, aber der Staatsanwalt ist gekommen, und es hat sich nichts ändern lassen. – Juro hat damals seine Verlobung aufgelöst –«
»So?«
Samo schwieg eine Weile.
»Weil sein Name geschändet war – weil ich den Bruder seiner Braut – nun ja, ich kann mir's denken!«
»Das Mädchen, die Elisabeth, ist aber dem Juro nachgegangen nach Breslau. Sie hat ihn nicht losgelassen. Jetzt sind sie schon verheiratet.«
»Na also! Ist Hochzeit zu Haus gewesen, und man hat nichts davon gewußt!« lachte Samo gezwungen. »Wo wohnt denn das junge Paar? Beim Vater zu Haus auf der Scholtisei?«
»Nein, unser Vater und Juro sind noch in Feindschaft. Der Vater verzeiht es Juro nicht, daß er sich an der Krone vergriffen hat, wie er dir alles verzeiht, weil du doch die Krone verteidigt hast.«
Samo sah zum Wagenfenster hinaus.
»Die verfluchte Krone!« sagte er leise und ingrimmig.
»Was – was sagst du, Samo?« fragte Hanka erschrocken.
»Ja, Weib, ahnst du denn, was ich ausgestanden habe? Kannst du nur ein wenig einsehen, was das heißt, zwei ganze Jahre mit einem Ermordeten zu ringen, was das heißt, verbannt, geächtet, verfolgt zu sein, ein Mordbube zu sein, dem jeder Straßenpassant gefährlich und verdächtig erscheint, was das heißt, wenn einem so das ganze Leben und alle Hoffnung zusammenbricht?«
»Der junge Withold ist nicht tot«, sagte Hanka.
»Aber ich habe es geglaubt; ich habe darum nicht an euch geschrieben, hab' mich verkrochen in die elendesten Spelunken Prags unter falschem Namen, als Vagabund zu den Vagabunden, bis ich es nicht mehr aushielt, bis ich euch doch eine Nachricht gab.«
»Jetzt wird es besser werden, Samo, lieber Samo!«
»Besser– vielleicht! Es kann aber nicht mehrgutwerden. Der Schatten freilich wird mich jetzt in Ruhe lassen; aber die Heimat ist verloren, die Ehre ist verloren, das Leben ist zerbrochen.«
Er preßte die Fäuste vor die Augen. Sie schlang den Arm um seinen Hals.
»Samo, ich hab' dich lieb!«
Er nickte versonnen und sah mit verlorenem Blick vor sich hin.
»Das ist das Sonderbare! Als es mir gut ging, hattest du mich nicht lieb, da liebtest du den Juro.«
Sie wurde rot.
»Und jetzt bist du mir nachgekommen ins Elend. In ein viel schlimmeres Elend, Hanka, als du meinst. Du wirst es nicht aushalten.«
»Ich werde alles aushalten, Samo! Ich hab' dich lieb!«
Er schob sie sacht beiseite.
Es war ein elendes Quartier, das Samo in einer Vorstadt Prags bewohnte, die Parterrestube eines schmutzigen Hauses. Ein Bett stand in dem sonnenlosen Raum, ein wackeliges Sofa, ein Tisch und ein paar Stühle. An der Wand waren einige Kleiderhaken, auf einem Stuhl stand ein halbzerbrochenes Waschbecken.
»Also, da wohne ich!« sagte Samo. »Das ist die Residenz des zukünftigen Krals der Wenden.«
Er lachte höhnisch und bitter. Hanka flog ein Schauer durch Leib und Seele. Sie, deren ganzes Sinnen von Jugend an auf Ordnung, Reinlichkeit und behaglichen Wohlstand gerichtet war, erschrak vor dieser liederlichen Höhle.
»Hier wohnst du?« fragte sie tonlos. »Die ganzen Jahre?«
»Seit einem halben Jahr. Meine frühere Wohnung war noch schlimmer; zeitweise hatte ich überhaupt keine Wohnung.«
Da brach sie in Tränen aus.
»Es wird jetzt besser, Samo; ich bringe dir Geld mit von deinem Vater – sechstausend Taler!«
Samos Augen blitzten auf.
»Geld? – Sechstausend Taler? – Ah, mein Mutterteil! Das ist nicht schlecht!«
Er lächelte vergnügt.
»Geld habe ich schon lange nicht mehr gehabt. Aber sag' das niemandem, Hanka, das darf niemand wissen! Das würde gleich Verdacht erregen. Ich bin hier der verbummelte undverarmte Journalist Wenzel Halek. Das darfst du nie vergessen. Ich heiße Wenzel Halek.«
Sie setzte sich müde und traurig auf einen Stuhl.
»Ja, ja, Hanka, so weit kann es kommen. Selbst den Namen muß man sich schließlich erschachern oder stehlen. Ich habe einem verbummelten Kerl seine Papiere abgekauft. Um fünfzig Kreuzer! Die fünfzig Kreuzer hat er noch vertrunken, und am anderen Tage ist er am Delirium in einem Spital gestorben, ohne noch einmal zur Besinnung zu kommen.«
»O Gott, o barmherziger Gott!«
»Ja, Hanka, ich will dir von vornherein sagen, in was für eine Welt du kommst. Ich sagte dir schon, du wirst es nicht ertragen. Ich – ich habe mich schon daran gewöhnt. Ich passe schon hierher!«
»Samo!«
»Ich heiße Wenzel! Vergiß das nicht! Samo ist tot – der neue Wenzel Halek ist ein Lump – er sauft ebenso wie der alte Wenzel Halek.«
»Samo, Samo, was – was redest du –«
»Ich will dich nicht belügen. Ich bin ein Süffling geworden. Es gab Zeiten, wo ich durchschnittlich in der Woche siebenmal betrunken war. Das wird so, wenn man mit – mit Schatten kämpft und wenn man alles, was einem lieb war, verloren hat.«
Er stieß es rauh, brutal, unbarmherzig heraus. Hanka sank mit dem Kopf auf den Tisch.
Da öffnete sich die Tür, ohne daß angeklopft worden war. Eine dicke, alte Tschechin trat ein. Sie besah sich mit frecher Neugier Hanka.
»Also – das ist die Frau Halek? Das ist das neue Frauchen? Ein schmuckes Frauchen! – Nu, Herzchen, wie gefällt es Ihnen hier? Ja, mein Fräulein, das Zimmer ist nicht groß, aber es ist gemütlich!«
»Mach, daß du hinauskommst, alte Schwarte«, tobte Samo.
»Oho, das ist meine Stube! Und Sie sind noch zehn Gulden schuldig.«
»Kriegst du morgen! Und nun hinaus,murguta Myrlawa!«[56]
Er schob die Alte zur Tür hinaus.
»Wer – wer ist diese Frau?« fragte Hanka betroffen.
»Meine Wirtin.«
»Was will sie? Sie nannte mich Fräulein. Hast du ihr nicht gesagt, daß ich deine Frau bin?«
»Ich hab' es ihr gesagt. Aber solches Volk glaubt das nicht. Hier läuft alles durcheinander.«
Sie nahm ihn ängstlich an der Hand.
»Nicht wahr, Samo, wir werden eine ordentliche Stube nehmen und ein ordentliches Leben führen?«
Er machte sich achselzuckend los von ihr.
»Das geht nicht so auf einmal. Das fällt doch auf.«
»Du kannst doch sagen, ich – ich habe dir das Erbteil mitgebracht –«
»Vorsichtig müssen wir sein. Ich werde sehen, was sich wird machen lassen.«