Ein und ein halbes Jahr waren seitdem wieder vergangen. In eine »ordentliche Stube« waren Samo und Hanka gezogen, hoch in den oberen Stock eines sauberen Hauses. Aber ein »ordentliches Leben« führten sie nicht.
Samo war liederlich geworden.
Er hielt es nicht aus in der engen Klause, wo das stille Weib saß und mit heimwehkranken Augen zum Fenster hinausstarrte, hinauf zu den Wolken, die am Himmel wanderten. Er wußte, daß ihre Sehnsucht immer mit auf die Reise ging, hinstrebte nach der wendischen Heimat, die für ihn und sie auf immer verloren war.
Und er hatte keine geordnete Beschäftigung. Am Anfang hatte er manchmal Bücher aus einer Bibliothek besorgt undetwas studiert. Aber was nutzte ihm das Studieren? Er interessierte sich in der Hauptsache für medizinische Schriften, und was in aller Welt sollte ihm noch die medizinische Wissenschaft nutzen? Wenzel Halek war nicht approbiert, Wenzel Halek hatte nur das Äußere mit Samo ziemlich ähnlich gehabt; geistig war er ein verlumpter Kerl gewesen, der sich keinerlei Qualifikationen erworben hatte. Das elende Leben Haleks, das im Delirium geendet war, mußte Samo nun fortsetzen.
»Hat der erste Wenzel Halek gesoffen, kann auch der zweite Wenzel Halek saufen«, sagte er oft zynisch und brutal.
Hanka vermochte nichts über ihn. Sie war ihm geistig nicht gewachsen; er unterhielt sich auf die Dauer nicht gern mit ihr, zumal sie nicht viel anderes zu reden wußte als von ihrer wendischen Heimat. Einmal hatten ihre Eltern auf Besuch kommen wollen; sie hatte es auf Samos Wunsch verhindern müssen.
So war Hanka in schwerster Verlassenheit.
Samo lief viel in die Wirtshäuser. Und er verkehrte in untergeordneten, schlechten Vorstadtlokalen. »Damit es nicht auffalle, daß er plötzlich mehr Geld habe«, gab er als Grund an. In Wirklichkeit hatte er – seit er aus der besseren Gesellschaft ausgestoßen war – einen Haß auf alles, was sicher, ordentlich, anständig erschien; er degradierte sich in tollem Grimm über sein Schicksal, ja in Haß gegen sich selbst mehr und mehr. Schließlich gewöhnte er sich an die wilde Gesellschaft.
Pöbel saß in den niederen Gaststuben. »Flamender« werden diese Vagabunden des Lebens in Prag genannt: Diebe, Zuhälter, entlassene Sträflinge, Bettler, Trunkenbolde, Dirnen und dazwischen die große Schar der Entgleisten aus guten Familien: verbummelte Literaten und Studenten, Musiker, fortgelaufene Schüler, herabgekommene Komödianten, bankerotte Kaufleute. Der Massenhaftigkeit dieser Existenzen war es zuzuschreiben, daß in demselben Jahre in Prag, das damals zweihunderttausend Einwohner zählte, über zwanzigtausend Leute verhaftet wurden, also immer der zehnte Mensch. Und da wurde noch geklagt, die Polizei sei zu nachlässig! –
Der Tabaksqualm war heut ärger denn je. Die schmierigeWirtin, der fettquabbelnde Wirt liefen her und hin, Fusel tragend und schlechten Wein. Zweimal war schon eine Prügelei gewesen, einmal war die Polizei einem Taschendieb nachgegangen, der sich hierher flüchtete, hatte ihn weggeholt und bei dieser Gelegenheit noch einen andern Kerl und ein Frauenzimmer mitgenommen.
Jetzt war verhältnismäßig Ruhe. Ein paar Individuen unterhielten sich in der »Hantyrka«, der Gaunersprache, und manch ein Ohr lauschte hin, um etwas von dieser Kunst zu profitieren.
Am Tisch bei Samo saßen noch zwei Männer, beide in schäbigen, abgetragenen Kleidern. Ihre Gesichter waren zerdunsen, von vielen schlimmen Leidenschaften entstellt. Aber jene Linien im Menschenantlitz, die aus den besten Jahren des Lebens stammen und deren tiefe Schönheit durch nichts von der Stirn wegzuwischen ist, waren auch noch in den Gesichtern jener Männer.
Draußen läutete eine tiefe Glocke. Da sagte der eine:
»Das ist die Veitsglocke! Ich erkenne sie am Klang. Sie hat mich oft genug zur Kirche gerufen.«
»Du bist Katholik?«
»Ich meine schon. Ich habe in jener Kirche ungezählte Male das Hochamt gesungen.«
»Ach, du warst Priester?«
Der andere zuckte die Schultern.
»Prosit!« sagte er und trank seine ganze Flasche leer.
»Siehst du, Pfäfflein,« sagte der zweite, »ich hab' mich mein ganzes Leben lang mit den Schwarzen nicht vertragen. Als ich noch Bezirksrichter war, habe ich ihnen zu schaffen gemacht. Jetzt ist's anders. Da sitze ich gemütlich hier mit dir. Laß mich einmal aus deiner Flasche trinken, Brüderlein! Pfui, leer – na also, die Kirche hat immer noch einen guten Magen.«
Er lachte unflätig.
»Ja,« fuhr er fort, »da sitzt man hier mit sechs Kreuzern in der Tasche. Wo sind nun die Mündelgelder, die ich geschluckt haben soll? Der Teufel hol' die ganze Gesellschaft!«
»Ein Cikán! Ein Cikán!«
Ein Zigeuner trat in die Stube und verlangte Schnaps. Er hatte ein schwarzes Weibsbild mit, das alsbald die Karten aufschlug oder aus der Hand weissagte. Sie erhielt nur einige Kreuzer für ihre Kunst; aber alles lauschte gespannt und gläubig ihren Worten. Sie mischte ihre Vorhersagungen aus buntem Glück und schwarzem Unheil, prophezeite goldene Reichtümer oder auch den Tod am Galgen. Da gab es Gelächter und Zähneknirschen. Auch der frühere Geistliche hielt ihr seine Hand hin. Sie sah ihn einige Augenblicke forschend an. Dann sprach sie:
»Du bist der Luzifer, der vom Himmel in die Hölle gefallen ist. Und du wirst dort liegen bleiben!«
»Hallo, sie weiß alles! Der Luzifer! Das ist nicht schlecht! Er ist ein Pater gewesen! Aber das ist doch lange keine Hölle hier, Zigeunerweib?! Oder doch eine lustige Hölle! Laßt uns trinken!«
Auch an Samo trat die Zigeunerin heran. Er dachte an die alte Wičaz zu Haus, die ihm einmal geweissagt hatte, und hielt seine Hand hin. Die Zigeunerin betrachtete erst sein Gesicht, dann seine Hand und sagte:
»Es sind zwei Blutflecken in deinem Leben. Einer ist von einem Fremden, der andere ist von deinem eigenen Blut. Es ist ein anderer schuld, daß du hier bist. Du wirst dich an ihm rächen.«
Samo nickte düster.
»Du scheinst deine Sache besser zu verstehen als die alte Wičaz. Was faselte sie von den zwei Adlern? Nun wird wohl nicht der eine im Lóbjofluß ertrinken, sondern der andere in der Moldau.«
Er warf der Zigeunerin einen Gulden hin.
Da setzte sie sich auf sein Knie, küßte ihn auf die Wange und flüsterte ihm dann ins Ohr:
»Mach dir nichts aus dem, was ich dir gesagt habe. Aber wenn du einen Feind hast, räche dich!«
In der Nähe der Tür saß ein Slowak. Er war aus dem fernen ungarischen Karpathenwald vor Jahr und Tag ausgewandertund hatte Weib und Kind daheim gelassen. Mit Mausefallen hatte er gehandelt, sich durch Drahtbinden seine Kreuzer sauer verdient. Er hatte fast allen Verdienst erspart, nur von übriggebliebenem Essen anderer gelebt und war nun, da er sechzig Gulden im Beutel hatte, ein wohlhabender Mann, der in seine arme Heimat zurückkehren und sich dort ein Häuschen kaufen wollte.
Nun war er müde an der Tür eingeschlafen. Er saß auf bloßer Erde; die anderen ließen ihn nicht bei sich sitzen, denn er trug sein fettgetränktes Hemd schon ein ganzes Jahr. Aber als die Zigeunerin herumging, stand einer der Gäste auf, trat an den Slowaken heran und rüttelte ihn.
»He, Slowak, wach auf, laß dir eine Grafschaft prophezeien.«
Einige lachten. Der müde Slowak brummte etwas und schlief weiter.
Da kam ein »Kastelmann« in die Stube, ein Händler mit Kämmen, Knöpfen, Spiegeln, Tabakspfeifen und anderem Kleinkram. Er machte geringe Geschäfte. Während er noch schacherte, erwachte der Slowak und fing plötzlich laut an zu schreien.
Sein Geldbeutel mit den sechzig Gulden, an denen er fast zwei Jahre fern der Heimat gespart hatte, war verschwunden. Der arme Mann schrie, jammerte, warf sich auf die Erde, schlug verzweiflungsvoll mit Armen und Beinen.
»Der Cikán! Der Cikán!« schrie einer.
Der Zigeuner und die Zigeunerin waren verschwunden.
»Nein, nicht der Cikán!« rief Samo, »sondern dieser da, der vorhin den Slowaken gerüttelt hat. Heraus mit dem Geld!«
Der Angegriffene tobte und fluchte und ging auf Samo los. Samo aber rief in das Lokal hinein:
»Wir sind alle arme Leute! Wir müssen auf uns halten. Hier darf keinem was passieren. Da könnte sich keiner mehr hertrauen.«
Nun hatte er die meisten für sich. Dem Dieb wurde derBeutel, den er in der Tat hatte, entrissen, und der Slowak kam zu seinem Gelde.
Er fiel vor Samo auf die Knie und küßte ihm die Hand.
»O danke, Pán, o danke, Pán!« – – –
Von der Tür aus sah ein hochgewachsener junger Mann der Szene zu. Als Samo aufschaute, erkannte er seinen früheren Freund Bohuslaw, den Neffen des alten Krok.
Er machte sich rasch von dem Slowaken, der immer noch seine Hand hielt, los, bezahlte seine Zeche und trat mit Bohuslaw auf die Straße.
»Das war wieder einmal echt königlich«, sagte Bohuslaw draußen.
»Was willst du hier?« fragte Samo unwirsch.
»Ich habe dich überall gesucht! Seit langer, langer Zeit haben wir nichts mehr von dir gehört; wir glaubten schon, du seist gar nicht mehr in Prag.«
»Ich habe bei euch nichts zu suchen! Ihr seid ja anständige Leute!«
Er lachte höhnisch. Sie gingen ein Stückchen die Straße entlang. Da setzte sich Samo auf eine niedere Gartenmauer.
»Weiter gehe ich nicht mit dir!« sagte er.
Bohuslaw setzte sich neben ihn.
»Sollten wir nicht lieber in ein besseres Lokal –«
»Ich gehöre in kein besseres Lokal. Dort in die Spelunke gehöre ich! Da brauche ich mich wenigstens vor den andern nicht zu schämen.«
»Du brauchst dich überhaupt nicht zu schämen, Samo!« sagte Bohuslaw traurig.
»Nicht?! Verzeih, daß ich lache. Aber du bist zu gütig! Ich brauche mich nicht zu schämen? Das ist gut! Nein, nein, Pán Bohuslaw, das steht doch anders! Aber es wird noch mancherlei dazukommen! Vorhin hat mir eine Zigeunerin geweissagt. Unsinn. Oder vielleicht nicht Unsinn – ich weiß es nicht! Das eine, was sie sagte, stimmte: Ein Fremder ist schuld an meinem Unglück, und an dem soll ich mich rächen! Und dieser Fremde ist dein elender, verfluchter Onkel Krok.«
»Samo!«
»Ist dies nicht die Wahrheit?! Ich war ein ehrlicher Kerl; ich wollte meine slawische Überzeugung mit ehrlichen Waffen durchkämpfen; da ist dieser verrückte Altertumskrämer in mein Leben getreten und hat mich auch verrückt gemacht! Mit seinem Kerzengeflimmer und Altarklimbim hat er mich so sentimental, so duselig, so toll gemacht, daß ich schließlich auf seine hirnverbrannten Ideen eingegangen bin.«
»Samo, darf ich etwas zur Verteidigung des alten Krok sagen?«
Samo antwortete nicht. Da fuhr Bohuslaw fort:
»Erinnere dich, Samo, wie die Sache eurer Lausitzer Sorben stand, als du meinen Onkel kennen lerntest. Du selbst gabst ihre Sache fast verloren. Und den Hauptschlag gegen das Slawentum an der Sprewja fürchtetest du von deinem Bruder Juro, der gedroht hatte, den Kronenhügel aufzugraben und so den einfachen Leuten da oben den Beweis zu erbringen, daß es eine wendische Krone nicht gäbe. Da hat dir der alte Krok gesagt: Symbole sind für das Volk alles. Sieht das Volk, daß das Symbol fehlt, dann vergeht ihm der Glaube, dann ist die slawische Sache der Lausitz verloren, dann wird die Lausitz deutsch!«
»Was wärmst du den alten Kohl auf?«
»Um Krok zu verteidigen. Er hat es ehrlich gemeint.«
»Ehrlich! Indem er mich zu dem ungeheuren Betrug verleitete.«
»Er hielt es nicht für Betrug. Die wendische Krone ist in Wahrheit da, die ideelle Krone, das war und ist seine Überzeugung. Die Kralswürde ist echt. Und der Glaube daran darf nicht an der äußerlichen Tatsache scheitern, daß die substanzielle Krone fehlt oder wenigstens dort fehlt, wo man sie vermutete.«
»Ja, und also haben wir uns eine Krone machen lassen und sie im Kronenhügel eingegraben. Eine kluge und herrliche Tat fürwahr! Oder vielleicht auch eine romantische Schufterei.«
»Krok hat doch alles anders geraten, als du es ausgeführt hast. Er hat dir doch geraten, nachdem die Krone eingegrabenwar, dafür zu sorgen, daß du selbst sie vor vielen Zeugen ausgraben und nach einem würdigeren Platz bringen solltest, etwa nach eurer Heimatkirche. Dann war der Glaube befestigt, dann konnte auch nichts passieren, dann konnte ja nichts entdeckt werden.«
Samo sprang von der Mauer herab.
»Siehst du, Bohuslaw, und das brachte ich nicht fertig. So einen Quark, so einen betrügerischen Schmarren, den hier in Prag ein Pfuscher gemacht, nach dem Altar unserer Heimatkirche bringen, das vermochte ich nicht. Ich ließ es darauf ankommen. Grub Juro den Hügel nicht auf – nun gut – dann war alles nicht nötig. Grub er ihn auf, dann war ihm die Überraschung zu gönnen, und der Beweis für unsere Leute war gebracht. Aber das Ding, das mir dein Onkel gegeben hat, war ein elendes Pfuschwerk, dessen Unechtheit ein simpler deutscher Student erkannte.«
»Die Kopie der Krone wurde getreu nach der alten Krone Przemisls gemacht; mein Onkel hat die Arbeit selbst Tag und Nacht überwacht.«
»Ja, weil er um seinen Schatz fürchtete. Warum gab er nicht seine echte, alte Krone, wenn ihm so viel daran lag, den slawischen Gedanken an der Sprewja zu befestigen? Weil er ein selbstsüchtiger Geizhals ist! So wurde ein Stümperwerk geschaffen, das mich ins Verderben brachte.«
»Krok hat gewollt – ich sage es noch einmal –, du selbst solltest den Wenden die Notwendigkeit klarmachen, die Krone auszugraben und nach einem sicheren Ort zu bringen, da sie durch Juro bedroht sei. Hättest du das getan,wäralles gut.«
»Und – ich sag' es auch noch einmal – ich konnte es nicht! Ich brachte es nicht fertig, den Quark ans Licht zu ziehen und in unsere Kirche zu bringen. Oh, und dann hat mich doch – doch der Vater gezwungen, das falsche Ding auf dem Kirchhof zu begraben über dem Kopf meiner Mutter. Und das, Mensch, das ist es, was mich wie ein Fluch verfolgt, das war es, was mir schon am nächsten Tag den Sinn so verwirrte, daß ich den Feind niederstach, der die Fälschung entdeckt hatte. Das ist es,was mir noch jetzt keine Ruhe läßt. Ich sehe in den Nächten nichts anderes als den Totenkopf meiner Mutter mit der falschen Krone. Ich sage dir, ein schlechter Spaß ist das, ein sehr schlechter Spaß ist das! Und wenn ich noch verrückt werde, werde ich darüber verrückt!«
Bohuslaw seufzte schwer auf.
»Und deswegen,« fuhr Samo ingrimmig fort, »deswegen bin ich hier, bin ich ein Säufer, ein Verfolgter. Aber ich werde das tun, wozu mir die Zigeunerin riet, ich werde mich an dem alten Krok rächen, der mich vom geraden Pfade ehrlichen Kampfes abbrachte und mit allerlei blödem romantischem Geschwätz auf diesen elenden Irrweg lockte. Leb wohl, ich gehe nach dem Wirtshaus zurück.«
»Samo!«
Er ließ sich nicht halten; er ging wieder nach der Kaschemme.