Drei Tage später war Hanka wieder allein. Samo war schon am frühen Morgen fortgegangen. Es war wieder eine schreckliche Nacht gewesen. Erst spät war er nach Hause gekommen, mehr betrunken als sonst. Und er hatte wieder soviel laut geredet im Schlaf. Das Schrecklichste war, wenn er schrie:
»Mutter, nimm die Krone vom Kopf, nimm die Krone vom Kopf! Mutter, sie drückt dich! Mutter, ich kann es nicht leiden, daß du die Krone auf dem Kopf hast!«
Dann sprang er oft aus dem Bett, dann zitterte er und streckte die Hände entsetzt von sich, dann schluchzte und weinte er, bis er erwachte und erschöpft ins Bett zurücksank. Was er nur mit der Krone hatte! Er sprach niemals ein gutes Wort von ihr; sein Gesicht wurde finster, wenn die Krone nur erwähnt wurde.
Und doch, war er nicht ein Märtyrer der alten Krone? Hatte er sie nicht verteidigt gegen Frevlerhände, mußte er nicht Schmach und Verachtung für sie erdulden, war es nicht die Krone, um derentwillen er Heimat und Ehre verlor?
Um dieses Martyriums willen liebte Hanka ihren Mann, hatte sie für seine Verirrungen nichts als liebendes Bedauern.
Nun saß sie wieder einmal allein. Sie nähte an kleiner Wäsche für das Kind, das sie erwartete. Sie freute sich auf dieses Kind. Vielleicht würde Samo erlauben, daß ihre Eltern zur Taufe kämen. Das würde doch ein Lichtblick sein in ihr so dunkles, einsames Leben; vielleicht würde Samo gar ordentlicher werden, mehr zu Haus bleiben, wenn erst das Kindchen da war. Dann würde Hanka zufrieden sein.
Da klopfte es an die Tür, und es stürzte ein alter Mann in höchster Aufregung ins Zimmer.
»Sind Sie – sind Sie Frau Halek?«
»Ja, – was wollen Sie?«
»Sind Sie die Frau Samos?«
»Mein Mann heißt Wenzel Halek.«
»Ja, gut, gut; aber ich weiß, wer er ist, woher er stammt. Wo ist Ihr Mann?«
»Das weiß ich nicht! Wer sind Sie? Was wollen Sie?«
»Wo ist Ihr Mann?« schrie der Alte.
»Ich weiß es nicht!«
»Sie wissen es bestimmt! Sie wissen auch, wo die Krone ist! Wo ist meine Krone? Meine kostbare Krone?«
Der Alte brüllte es. Hanka sah ihn erschrocken und verängstigt an. Sie glaubte, einen Irrsinnigen vor sich zu haben. Verzweiflungsvoll fuhr sich der Mann mit beiden Händen über den kahlen Kopf.
»Wenn Sie es nicht sagen, dann hole ich die Polizei! Dann lasse ich alle einsperren – alle!«
»Was wollen Sie eigentlich von meinem Mann?«
»Die Krone hat er mir gestohlen. Aus dem Altar heraus hat er sie mir gestohlen. Hat sich eingeschlichen, weil er meine Wirtschafterin kennt!«
»Was für eine Krone? Was redet Ihr immer von einer Krone?«
»Die Krone Przemisls. Die echte Krone! Das Heiligtum! Die Krone, nach der Ihre wendische Krone gemacht worden ist.«
Noch immer sah ihn Hanka fassungslos an.
»Die wendische Krone gemacht worden ist –?« wiederholte sie verständnislos.
»Nun ja, ich hab' doch meine echte böhmische Krone hergeliehen, daß sich Samo eine Krone machen lassen konnte –«
»Eine Krone machen lassen konnte – –? Wozu braucht Samo jetzt eine Krone?«
»Jetzt?! Frau, verstellen Sie sich nicht! Wer redet von ›Jetzt?‹ Damals – als er die Krone für den wendischen Königshügel brauchte, – als er sich die Krone machen ließ –«
»Für – für unseren – unseren Hügel?!«
Hanka fragte es mit entsetzt starrenden Augen. Ein grausiges Licht ging ihr auf.
»Nun, natürlich für Ihren Hügel – Sie verstellen sich doch bloß – Sie müssen doch das wissen als seine Frau. Und das ist der Dank, daß er mir –«
Er hielt inne. Die Frau vor ihm war ohnmächtig zusammengesunken.
»Was ist das? Was ist mit ihr? – Aah – Sie erschrak vor der Polizei! O hätt' ich doch – hätt' ich doch – meine Krone –«
Er begann die ganze Stube zu durchsuchen, öffnete den Schrank, riß die Schübe auf, wühlte alles durcheinander. Darüber kam Samo nach Haus.
»Was geht hier vor? – Was macht der alte Halunke? – Stiehlt er? – Ahnt' ich es doch!«
Er schloß die Tür hinter sich ab.
»Meine Krone will ich – meine Krone will ich – wo hast du sie – du – du …« brüllte der Alte. Samo schob ihn beiseite.
»Hanka – was ist mit Hanka? Hat sie der Lump erschlagen?«
»Sie ist von selbst umgefallen. Ich habe ihr nichts getan.«
»Hast du es ihr gesagt, daß wir unsere Krone nach deiner …«
Der Alte nickte. »Ich glaubte, sie wüßte es! Und es ist alles egal – alles egal – meine Krone will ich.«
»Oh, du – du – du Lump – auch das noch – auch das noch!«
Samo schüttelte den alten Mann, daß ihm der Atem ausging. Dann raffte er Hanka auf und legte sie aufs Bett. Dabei erwachte sie. Sie schaute entsetzt auf Samo:
»Ist es wahr, was jener Mann dort …«
»Ja,« stieß Samo heiser heraus, »es ist wahr! Nun sollst du's schon wissen!«
Da schloß Hanka die Augen und rührte sich nicht mehr.
»Meine Krone will ich, meine heilige Krone will ich!« heulte wieder der Alte.
Samo stieß ihn auf einen Stuhl.
»Deine heilige Krone habe ich verkauft!«
Der Alte schrie auf.
»Ich habe sie an einen Matrosen verkauft, der hier zu Besuch war und jetzt über alle Berge ist.«
»Das kann nicht wahr sein, das kann nicht wahr sein,« heulte Krok; »das gibt Gott nicht zu!«
»Laß Gott aus dem Spiel, alter Lump! Deine Krone wird in irgendeinem Hafenort verschachert oder eingeschmolzen werden. Fünf Gulden habe ich dafür bekommen. Da hast du das Geld!«
Er warf es dem Alten vor die Füße. Der schnappte nach Luft, brachte aber kein Wort mehr heraus.
»Siehst du, alter Krok, das ist meine Rache! Eine viel zu winzige Rache. Ich habe dir einen alten Silberscherben genommen, der tot und leblos war; du hast mir die lebendige Krone meines Volkes vom Haupte gerissen, du hast aus dem künftigen Wendenkral einen versoffenen Vagabunden gemacht. Wenn ich sage, wir sind quitt, bin ich großmütig. Ich zerstörte dir eine Marotte, du zerstörtest mir das Leben.«
Nun schlug der alte Krok einen andern Ton an:
Mit gefalteten Händen stand er vor Samo:
»Erbarme dich, Samo, erbarme dich! Sei großmütig, wirklich großmütig! Gib mir die Krone wieder!«
»Gib du mir meine Krone wieder, wenn du kannst!«
»Sieh es ein, Samo, ich habe es gut mit dir gemeint. Denke an die schöne, feierliche Nacht, da du zuerst bei mir warst.«
»Ich verfluche diese Nacht; sie war der Anfang zu meinem Verderben.«
»Es mußte doch so sein, wenn das Slawentum bei euch gerettet werden sollte – sieh es doch ein!«
»Nein, es mußte nicht so sein!«
»Ich habe es dir anders geraten …«
»Ich weiß, was du mir geraten hast. Selbst sollte ich die Krone ausgraben oder von dieser Frau dort, die damals noch ein Mädchen war, mit einer versilberten Schaufel ausgraben lassen und die Krone nach meiner Heimatkirche übertragen. – Ich konnte es nicht; ich brachte diese elende Komödie nicht fertig …«
»Völker sind oft durch Komödien geleitet worden, Samo, tausendmal sind Völker durch ein Spiel, das ihre Phantasie ergötzte, zum Glück und zur Größe geführt worden. Wer das nicht wagt, was kleine Leute Betrug nennen, kann nicht der Führer eines Volkes sein; denn die Völker wollen und müssen von Zeit zu Zeit betrogen werden. Es gibt keinen Staat der Welt, wo so etwas nicht bewußt geschehen wäre.«
»Das ist deine Sophistik!«
»Du hast ihr zugestimmt. Und dann ist das Ganze an deiner Schwäche gescheitert.«
»An meiner Ehrlichkeit!«
»Nenne es, wie du willst! Aber wenn du ehrlich bist, gib mir die Krone wieder, die du aus meiner Kapelle geholt hast. Ich bitte dich um Himmel und Erde willen, gib mir die Krone!«
Hanka sprang vom Bett auf. Finster schaute sie auf Samo.
»Gib ihm die Krone zurück! Sei wenigstens kein Dieb!« sagte sie hart.
»O gute Frau! O brave Frau Hanka!«
Samo lachte laut und lange. Er wandte sich an Hanka:
»Nun hast du mich also ganz erkannt, Hanka! Ein Prachtkerl, nicht wahr? Und das, was ich bin, bin ich durch diesenMann. Schau ihn an, den kahlen Affen! Er hat kein anderes Ideal als alten Kram, in dem er sich wohlfühlt. Ich wußte, daß ich ihn nicht ärger treffen konnte, als daß ich ihm seine alte Krone nahm; deshalb nahm ich sie ihm, und deshalb bleibt sie ihm genommen.«
»Samo, erbarme dich …«
Der Alte fiel vor ihm auf die Knie.
Da nahm Samo seinen Hut und stürmte davon. Der Alte lief ihm wimmernd und händeringend nach.