Der trübe Tag verging, eine sternenlose Nacht folgte ihm. Und als auch sie vorüber war und das fahle Morgenlicht durch die Straßen schlich wie ein zu früh gewecktes, müdes Kind, das auf Arbeit ausgehen muß, da verließ Samo das Wirtshaus, in dem er so lange gewesen war, und irrte erst ziellos durch die Gassen und kam schließlich, von innerem Drang geleitet, an das Haus des alten Krok.
Was er dort wollte, wußte er nicht; er wollte sich wohl mit dem alten Manne weiter streiten. Es tat ihm wohl, mit ihm Händel zu haben. So klopfte er an die Tür.
Nur wenige Minuten, und die alte Haushälterin kam und erschrak so vor Samo, daß sie sich auf die Treppe setzen mußte. Samo schloß die Tür von innen und ließ die Alte sitzen, nachdem er ihr unter einer rauhen Drohung verboten hatte, Lärm zu schlagen. Das Weiblein duckte sich zitternd und heulend zusammen.
Oben im Eckzimmer war Licht, auch der Nebenraum war erleuchtet. Aber Krok war nicht zu sehen. Da ging Samo nach der Kapelle.
Sie war hell erleuchtet. Ungezählte Kerzen flammten.
Der beraubte Tabernakel des Altars stand offen.
Und auf den Stufen des Altars lag lang dahingestreckt der alte Krok und war tot.
Regungslos stand Samo, starrte mit stumpfem Sinnenin das Kerzengeflimmer und dann wieder auf den toten Greis. Lange stand er so. Dann aber war es, als würden die Heiligen und Helden an den Wänden lebendig.
Wenzeslaus schwenkte seine Fahne, der große König Karl stieg aus dem Bilde, Wallenstein zückte den Degen, Przemisl, der König, dessen Krone geraubt worden war, sprang auf von seinem Pflug.
Da lief Samo davon, die Treppe hinab, hinaus auf die Straße.
Die kühle Morgenluft ernüchterte ihn. Er ging zwei oder drei Straßen weiter, dann setzte er sich müde auf die Stufen, die zu einer Kirchenpforte emporführten.
Krok war tot. Weil er die Krone verloren hatte! Weil das alte Heiligtum nun ein wüster Matrose irgendwo versetzte und das Geld, das er dafür bekam, verliederte.
Ei, alter Krok, dir ist es schlecht ergangen!
Aber ich habe auch keine Krone. Ich bin auch tot.
Tröste dich! Siehe, der dort auf der Straße dahertorkelt, der war früher ein Priester. Siehst du, wie er stehen bleibt? Siehst du, wie er ein paar Sekunden lang her auf die Kirche sieht? Da hat er früher Hochamt gehalten, und an seinem Altar brannten viele Lichter.
Er hat auch eine Krone verloren.
Viel, viel Menschen verlieren eine kostbare, alte Krone, sinken von einem Thron in den Pfuhl.
Tröste dich also, alter, toter Krok! Ich will jetzt nicht mehr bös auf dich sein. Davon hast du schon etwas; denn ich bin doch ein Königssohn. Weißt du noch, wie du mich vergöttert hast? Wie du mir die Hand küßtest? Es ist dumm genug, daß alles so kommen mußte!
Als es heller wurde, ging Samo nach Hause.
Nun kam noch ein ernstes Wort mit dem Weibe. Am Ende war der auch Unrecht geschehen. Aber Unrecht muß geschehen, Hanka, muß! Hast halt auch Unglück gehabt. Glaubtest, einen künftigen König zu heiraten, und bekamst einen Lumpen …
Die Stube war leer. – – –
Auf dem Tische lag ein Zettel. In Hankas wenig geübten Schriftzeichen stand darauf zu lesen:
»Ich habe bei dir ausgehalten, weil ich glaubte, du seiest im Recht. Jetzt gehe ich fort. Ich will unser Kind ordentlich erziehen oder es doch zu guten Leuten bringen. Deiner mag sich Gott erbarmen. Hanka.«
Samo las den Zettel zweimal, dann nickte er mit dem Kopf.
»Es stimmt!«
Ein paar Minuten starrte er stumpf vor sich hin. Dann öffnete er die Kommode und durchsuchte sie. Dabei brummte er:
»Es war doch – es war doch – ein Strick im Schube! – – Wo ist er nur – ist er nur? Immer, wenn man was braucht, findet man's nicht. Wo ist nur der Strick?«
Beim Suchen fiel ihm eine Geldbörse in die Hand.
»Das Geld hat sie dagelassen – hat sie dagelassen – o ja, anständig war sie …«
Er trat ans Fenster und stand dort regungslos wohl eine Viertelstunde. Der junge Morgen leuchtete ihm ins Gesicht.
Da steckte er die Börse und einige Papiere zu sich, verließ das Zimmer, schloß es ab und trat wieder auf die Straße.