Es war an einem regnerischen Märzabend des Jahres 1866. Eine Frau erschien an der Tür Juros, der in einer ansehnlichen deutschen Stadt als Arzt lebte. Die Frau begehrte den Herrn Doktor zu sprechen.
Das Dienstmädchen öffnete eine Tür.
»Sie wünschen?« fragte der Doktor.
Die Frau rührte sich nicht. Sie blieb an der Tür stehen. Da kam ihr Juro näher.
»Womit kann ich Ihnen – – Hanka! Hanka! Hanka! – Bist du es wirklich? – Komm – nimm meinen Arm! Setze dich! Aber, Hanka, reg dich doch nicht so auf! Sei doch ruhig! Wir wollen ja ganz ruhig sprechen. Rege dich nicht auf!Wir kommen schon zum Ziel. Sei doch ruhig – fürchte dich nicht!«
»Ich komm – ich komm um Verzeihung bitten – ich …«
»Was? Laß das, Hanka! Werde erst ruhig! Laß mich lieber fragen. Du warst bei Samo, bei deinem Manne, nicht wahr?«
»Ja – er – er hat – hat alle betrogen – er hat – hat die Krone eingegraben – und sie war – war gefälscht!«
Sie weinte leidenschaftlich. Juro faßte sie an beiden Händen.
»Liebes Kind, das weiß ich schon, das ist mir ja nichts Neues – reg' dich doch darum nicht so auf! Das ist eine alte Geschichte für mich, die nun endlich vergessen sein soll.«
»Ich bin – bin bei ihm geblieben, bis ich das wußte. Aber jetzt – jetzt konnte ich nicht mehr.«
»Du bist fort von ihm?« sagte Juro düster. »Du hältst es bei ihm nicht aus?« Weiteres mochte er nicht fragen.
Hanka aber sagte unter einem Strom von Tränen:
»Er ist – ist ganz liederlich geworden – er erträgt es nicht, daß er so ausgestoßen ist – und ich – ich erwarte ein Kind – und das Kind kann da nicht aufwachsen, nicht bei diesen schrecklichen Menschen in Prag – nicht, wo ich jetzt alles weiß …«
Juro sah sie mitleidig an. Er streichelte ihr den Kopf, und sie schwieg eine lange Weile, ehe sie sich fassen konnte. »Und nun bin ich gekommen,« fuhr sie dann fort, »um Verzeihung zu bitten – dich und deine Frau und deinen Schwager Heinrich und unsern alten – alten Vater Hanzo.«
Da stand Juro auf.
»Nein,« rief er, »nein, Hanka, der Vater darf davon nichts wissen, der darf nie, nie erfahren, daß die Krone gefälscht war.«
»Er muß es doch erfahren!«
»Nein, Hanka! Sieh, ich bin nicht mehr der alte. Wohl erkenne ich jetzt noch meine Prinzipien als richtig, wohl glaube ich jetzt noch, daß für unser Wendenvölklein allein im innigsten Anschluß an die Deutschen das Heil liegt, aber ich weiß auch, daß ich nicht unschuldig bin an allem, was geschehen ist. Ach,Hanka, uns arme Menschen quält alle eine Schuld. Keiner von uns ist weiß wie Schnee, keiner von uns ist schwarz wie die Nacht.«
Er sah ein Weilchen vor sich hin, dann fuhr er fort: »Mein Jugendungestüm, oder sage ich ruhig, mein geistiger Hochmut, hat mich verleitet, rücksichtslos mein Ziel zu verfolgen, hat alles kluge Abwarten vereitelt. Daß ich den Hügel aufgrub, war nicht recht! Die Schicksale der Völker gehen ihren Weg wie die großen Ströme; es ist töricht, unsere paar Hände voll Sand gegen sie zu werfen. Und es ist sündhaft, altes, gläubiges Vertrauen ohne Not niederzureißen. Selbst Gottes Sonne schmilzt ja altes Eis nicht an einem Tag.«
Wieder machte er eine Pause, ehe er weitersprach:
»Dem Vater muß sein Vertrauen zu der alten Krone erhalten bleiben. Was nützt es, seinem sinkenden Tag das Abendgold zu nehmen? Und so wie er ist sein wendisches Volk. Dessen langer mühsamer Tag geht zur Neige. Es stehen noch ein paar rote Träumerwolken an seinem Himmel; ich habe erkannt, daß es unrecht ist, den Wenden dieses letzte Glück zu nehmen.«
Hanka hörte auf zu weinen, als er so redete. Nach einiger Zeit beruhigte sie sich so weit, daß sie einen Bericht über die zwei letzten Jahre ihres Lebens geben konnte. Sie stockte oft und brachte die Worte nur mühsam heraus, und als sie der letzten Tage gedachte, mußte sie alle Kraft zusammennehmen. Als sie geendet hatte, sagte Juro:
»Hanka, auch du darfst das Vertrauen nicht verlieren. Du darfst nicht so in bitterem Groll an deinen Mann denken. Schon um deines und seines Kindes willen darfst du es nicht. Hanka, ich bin überzeugt, daß Samo, als er die Krone eingrub, glaubte, er tue etwas, das unerläßlich sei, er begehe nichts als eine Kriegslist, zu der ich ihn gezwungen hatte. Mit diesem Gedanken ist er von dem alten Manne aus Prag zurückgekehrt. Und, Hanka, was er gefehlt hat, hat er bitter büßen müssen. Er ist ja so unglücklich geworden!«
»Ich kann nicht zu ihm zurück; sein Leben ist schrecklich!«
»Du sollst und du darfst auch jetzt nicht zu ihm. Vielleicht findet er später noch eine friedliche Stätte.«
Hanka schüttelte traurig den Kopf.
»Er hat wirklich sehr an seiner Heimat gehangen; er findet sich draußen nicht zurecht.«
Juro grübelte. Er hatte längst Erkundigungen eingezogen, ob denn keine Aussicht sei, daß durch des Königs Gnade die Gefängnisstrafe, die Samo zu gewärtigen hatte, wenn er zurückkehrte, in Festungshaft umgewandelt werden könnte. Er hatte nichts Tröstliches erfahren. Daß Samo nach der Tat geflohen war, und daß er sich nicht selbst gestellt hatte, daß er unter einem falschen Namen sich so lange verborgen hatte, machte die Sache aussichtslos.
Armes Weib! So jung und so tief in der Verlassenheit. Armes Kind, das zum Leben strebte und schon jetzt keinen Vater mehr hatte!
Juro suchte nach freundlichen Trostworten; er fand keine. Es würgte ihn an der Kehle, er brachte nichts Ordentliches heraus. Endlich sagte er:
»Du mußt bei uns zu Gaste bleiben, Hanka!«
Sie wehrte mit beiden Händen ab.
Nein! Nein! Sie wollte bloß ihre Pflicht tun, Aufklärung geben, Abbitte leisten und dann sehen, ob ihre Eltern sie aufnehmen würden. Sie wolle bald wieder fort.
Da ging Juro hinaus und holte seine Frau. Elisabeth eilte herbei. Ach, diese kleine deutsche Frau lachte und weinte und lachte wieder und war so offenbar glücklich, Hanka zu sehen, daß sich das arme Weib ihren Zärtlichkeiten nicht entziehen konnte.
Juro schlich hinaus. Nach einem Weilchen kam er mit einem Kindchen zurück.
»Sieh, Hanka, das ist unser Kind. Es ist sechs Monate alt.«
Da nahm Hanka das Kind auf ihre Arme, und das Gefühl einer großen heiligen Versöhnung überkam sie. Schwere, erlösende Tränen quollen aus ihren Augen, aber ihre Augen glänzten durch diese Tränen. Eine süße Vorahnung eigenenMutterglücks ward in ihr lebendig und tilgte das Herzeleid und machte die Stunde schön und lieblich.
Während die Frauen später an der Wiege des kleinen Mädchens saßen und Elisabeth echte Töne des Trostes und der Beruhigung für Hanka fand, saß Juro in seinem Arbeitszimmer und schrieb einen ernsten Brief in wendischer Sprache.
Lieber Vater!Dein Sohn Juro klopft an Deine Tür und bittet Dich um Verzeihung für all das, was Du Bitteres durch ihn erfahren hast. Ich habe eingesehen, daß der Weg, auf dem ich meine Prinzipien in Tat und Wahrheit umsetzen wollte, nicht der richtige war, daß überall da, wo zwischen Menschen und Völkern der Kampf geführt wird, der beglückende wahre Sieg fehlen muß, wenn als Kampfmittel nur Klugheit und List, Energie und sachliche Überlegenheit oder gar Gewalttat und Rücksichtslosigkeit eingestellt werden, wenn die Liebe fehlt, die allein zu versöhnen, zu überzeugen und zu gewinnen vermag. Ich habe geirrt; es tut mir leid. Ich will nicht mehr dessen gedenken, was auf der Gegenseite verschuldet wurde; ich will auch die Schande, die mir widerfahren ist, als ich auf jenem Wagen aus dem Dorfe gefahren wurde, hinnehmen als eine Strafe, die der Vater dem Sohne aufzuerlegen für gerecht fand. Ich rede nur von mir und bekenne mich in vielen Dingen für schuldig.Von dem Versöhnungsgedanken getrieben, ist heute Hanka in meinem Hause eingekehrt. Sie sitzt, während ich diesen Brief schreibe, mit meiner Frau an dem Bettchen unseres Töchterchens, Deines ersten Enkelkindes. Hanka ist mit uns im Frieden. Auch sie wird ein Kind bekommen in der nächsten Zeit. Sie hat aber doch ihren Mann, unseren Samo, verlassen müssen, weil sein Leben zu unsicher ist und Hanka in ihrer schweren Zeit nicht bei ihm bleiben konnte. Sonst ist Samo gesund, und wir alle hoffen, daß er noch einmal eine friedliche Stätte findet und daß Hanka dann mit ihrem und seinem Kinde zu ihm zurückkehren kann.Um den Stein des Anstoßes zwischen uns zu begraben, verzichte ich für mich und meine Nachkommenschaft auf die Erbfolge an der wendischen Kralswürde, und zwar zugunsten des zu erwartenden Kindes meines Bruders Samo und seiner Frau Hanka.Gott gebe Dir, lieber Vater, versöhnliche Gedanken!In Liebe: Dein Sohn Juro.
Lieber Vater!
Dein Sohn Juro klopft an Deine Tür und bittet Dich um Verzeihung für all das, was Du Bitteres durch ihn erfahren hast. Ich habe eingesehen, daß der Weg, auf dem ich meine Prinzipien in Tat und Wahrheit umsetzen wollte, nicht der richtige war, daß überall da, wo zwischen Menschen und Völkern der Kampf geführt wird, der beglückende wahre Sieg fehlen muß, wenn als Kampfmittel nur Klugheit und List, Energie und sachliche Überlegenheit oder gar Gewalttat und Rücksichtslosigkeit eingestellt werden, wenn die Liebe fehlt, die allein zu versöhnen, zu überzeugen und zu gewinnen vermag. Ich habe geirrt; es tut mir leid. Ich will nicht mehr dessen gedenken, was auf der Gegenseite verschuldet wurde; ich will auch die Schande, die mir widerfahren ist, als ich auf jenem Wagen aus dem Dorfe gefahren wurde, hinnehmen als eine Strafe, die der Vater dem Sohne aufzuerlegen für gerecht fand. Ich rede nur von mir und bekenne mich in vielen Dingen für schuldig.
Von dem Versöhnungsgedanken getrieben, ist heute Hanka in meinem Hause eingekehrt. Sie sitzt, während ich diesen Brief schreibe, mit meiner Frau an dem Bettchen unseres Töchterchens, Deines ersten Enkelkindes. Hanka ist mit uns im Frieden. Auch sie wird ein Kind bekommen in der nächsten Zeit. Sie hat aber doch ihren Mann, unseren Samo, verlassen müssen, weil sein Leben zu unsicher ist und Hanka in ihrer schweren Zeit nicht bei ihm bleiben konnte. Sonst ist Samo gesund, und wir alle hoffen, daß er noch einmal eine friedliche Stätte findet und daß Hanka dann mit ihrem und seinem Kinde zu ihm zurückkehren kann.
Um den Stein des Anstoßes zwischen uns zu begraben, verzichte ich für mich und meine Nachkommenschaft auf die Erbfolge an der wendischen Kralswürde, und zwar zugunsten des zu erwartenden Kindes meines Bruders Samo und seiner Frau Hanka.
Gott gebe Dir, lieber Vater, versöhnliche Gedanken!
In Liebe: Dein Sohn Juro.
Drei Tage später stand der alte Hanzo unter der Tür seines Sohnes Juro. Er hielt den Hut in der Hand und sagte: »Darf ich zu euch herein? Ich möchte zu meinen Kindern.«