Chapter 37

Sommer 1866. Der Deutsche Krieg brach los. Die preußischen Heere drängten durch die Pässe des schlesischen Gebirges und zogen den Elbstrom hinab nach Böhmen. Auch die Wenden zogen in den Kampf. Was diesseits der preußischen Grenze war, für Preußen, was drüben in Sachsen wohnte, für Österreich. Das Völkchen der Wenden in zwei Lager zerrissen. Da standen sich oft Bruder und Bruder gegenüber. Der alte »Kral« Hanzo litt schwer in diesen Tagen um sein kleines, getrenntes Volk.

Juro machte den Feldzug als preußischer Militärarzt mit. Er war einem Regiment, in dem besonders viele Wenden waren, als Hilfsarzt zugeteilt.

Und wo er auf dem Schlachtfeld einen fand, der seine Schmerzen in wendischen Lauten beklagte, da fragte er nicht: »Sprichst du auch Deutsch?« Da kniete er bei ihm nieder und erquickte ihn nicht nur mit ärztlicher Hilfe, sondern auch mit dem süßen Trost der Muttersprache.

Ganz gleichgültig ist es auf dem Felde der Leiden, auf welcher Seite der verwundete Mann gefochten hat. Juro, der auf der Sprachgrenze der Obersorben und Niedersorben aufgewachsen war, erforschte mit feinem Ohr die Gegend, aus der der Verwundete stammte, und sprach zu ihm in seinemheimischen Dialekt, und ehe es ans Sterben kam, betete er mit dem Mann aus dem Oberlande: »Wótcě naš, kiž sy w njebjesach« und mit dem Mann aus Niederland: »Woschz nas, kenž sy na niebju«, und es hieß immer: »Vater unser, der du bist im Himmel.« – Da trat mitten im großen Völkerschicksal das eigene Schicksal wieder an Juro heran.

Als der Krieg eben sein rasches Ende gefunden hatte, schrieb ihm ein Freund und ärztlicher Kollege aus Königgrätz: »In unserem Spital liegt dein Bruder Samo. Er ist bei Sadowa im böhmischen Heer schwer verwundet worden. Er nennt sich Wenzel Halek. Aber ich kenne ihn doch von früher. Wenn du ihn noch sehen willst, eile – er ist verloren!«

Nun, es ließ sich machen, daß Juro Urlaub bekam.

Und die beiden Brüder sahen sich wieder …

»Bruder Samo!«

Samo wandte das Gesicht zur Seite.

»Willst du mir nicht die Hand geben?«

»Es ist keine Ehre, mir die Hand zu geben.«

»Es ist eine Ehre! Du bist ein tapferer Krieger gewesen!«

»Tapferer Krieger?«

Samo lachte gequält, dann wandte er sich halb um: »Als gemeiner Mann, als Wenzel Halek eingestellt! Ein lustiger Krieg – nicht wahr? Deutsche gegen Deutsche! Es ist die alte Katzbalgerei, die Mode ist bei dieser großen Nation!« Er schwieg erschöpft. Juro war erschüttert. Nach so langer Zeit, nach so vielen schweren Schicksalen sahen sich die Brüder wieder, und sofort begann Samo seine alte Weise. Das Reden fiel ihm schwer; aber er bezwang sichundsprach mit dem alten Haß in der Stimme:

»Die alten deutschen Herzöge haben sich geprügelt, die Grafen und Ritter haben sich geprügelt, die deutschen Kaiser haben mit den deutschen Gegenkaisern gerauft, der Dreißigjährige Krieg ist gewesen, dies große Schauspiel der Schande, Maria Theresia hat mit dem preußischen Friedrich gerungen, die katholischen deutschen Bayern haben die katholischen Tiroler gemetzget, der Schlesier Blücher hat die sächsische StadtLeipzig genommen – alles – alles – alles Deutsche – und jetzt wieder – wieder dasselbe – und das ist die Nation der wir uns – uns unterwerfen sollen.«

Kraftlos schloß er die Augen. In steigendem Fieber hatte er geredet.

Juro legte ihm die Hand auf die Stirn.

»Samo – streng dich doch nicht an – du bist krank –«

Samo schlug die Augen auf. Er lächelte verächtlich.

»Krank? Ich bin morgen früh tot. Das weiß ich. Die preußische Kugel ist mir – mir in den Unterleib – weißt du, das ist das Gescheiteste – was – was die Preußen seit langem gemacht haben, – daß mich – daß mich einer getroffen hat.«

»O dieser unglückselige Krieg!«

Samo schüttelte den Kopf. Erst nach einer Weile konnte er wieder sprechen, die Schmerzen quälten ihn sehr.

»Der Krieg ist gut – gut – gut – er spaltet die Deutschen – und durch den Spalt – braust – braust frische Luft – ins slawische Feuer!«

Er blieb bis zum Tode derselbe. Draußen auf der Straße marschierten preußische Krieger vorbei; die Kapelle spielte »Heil dir im Siegerkranz!«

»Hörst du sie –? Das ist die Trostmusik, die sie uns spielen, uns Sterbenden! Aber laß sie schmettern! Besiegt ist das Deutschtum, zersprungen in zwei Hälften; die Zeit der Slawen ist näher als sonst. Dieser Krieg war gut. Die Deutschen haben ihn geführt, die Slawen haben den Sieg davongetragen.«

Juro mochte ihm in nichts mehr widersprechen. Er stand mit gesenktem Kopf am Lager Samos und wartete, ob ihm denn nicht ein Erinnern kommen würde an seine Heimat. Aber länger als eine halbe Stunde sprach Samo mit vielen Pausen noch von dem Niedergang des Deutschtums, dem Sieg der Slawen. Endlich fragte er doch ganz schüchtern, ganz furchtsam:

»Lebt der Vater noch?«

Er fragte es mit abgewandtem Gesicht.

»Er lebt und denkt an dich ohne Groll.«

»Weiß er –?«

»Nein, er weiß es nicht«, unterbrach ihn Juro rasch. »Er wird es nie erfahren. Der Glaube an sein Kraltum soll ihm nicht genommen werden.«

»Das sagst du? Da hast du dich geändert.«

»Ich habe mich in mancherlei geändert – ja!«

»Aber ein Deutscher bleibst du?«

»Ja.«

Samo seufzte tief, er sagte, ihn schmerze seine Wunde. Als er ruhiger wurde, sagte Juro mit tiefbewegter Stimme:

»Ich habe auf die Kralswürde verzichtet. Ein anderer wird Kral sein – dein Sohn!«

Samo starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Er sagte kein Wort.

»Hanka hat im Mai einen Knaben geboren, Samo!«

Noch immer sah ihn Samo starr an. Endlich sprach er leise:

»War es ein Knabe? – – Ich fürchtete immer, es werde ein Mädchen sein.«

»Ein gesunder Knabe!«

Da schloß Samo die Augen. Juro stand regungslos. Die große Feierlichkeit, da ein scheidendes Leben erfuhr, daß ein Kind, ein Teil seines Wesens, auf der Erde zurückbleiben würde, durfte kein Wort stören. Die Hände Samos falteten sich auf der Bettdecke. Gott allein wußte, wo die Gedanken waren. Endlich tastete die Rechte nach Juros Hand. Ein leiser Druck. Lange schwere Feindschaft war ausgelöscht. Die Lippen bewegten sich. Juro beugte sich tief über den Bruder.

»Wie heißt er?«

»Er heißt Hanzo wie sein Großvater.«

Samo nickte.

»Es ist gut, daß er nicht heißt wie ich.«

Noch einmal zuckten die Lippen.

»Er soll gesegnet sein!«

Dann rief er laut und ängstlich:

»Mach das Fenster auf!«

Juro öffnete das Fenster. Als er ans Lager zurückkehrte, lag Samo im Todeskampf. – – –

Als es überstanden war, drückte Juro dem toten Bruder die Augen zu. Und er, der Deutsche, übte den wendischen Totenbrauch; er hielt die kleine Wanduhr an und deckte über den winzigen Spiegel, der auf dem Tisch lag, ein Taschentuch.

Vor dem Fenster saß ein kleiner Vogel und sang.

Zu dem sagte Juro mit tränenerstickter Stimme:

»Der Herr ist gestorben!«

Da flog der kleine Vogel davon.

Vielleicht flog er nach der Heimat.


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