Siebentes Capitel.
Mein Schmerz war grenzenlos; aber zu diesen Seelenleiden kam nun noch Geldverlegenheit. Meine Coffres waren an Bord, kaum hatte ich achtzig Pagoden bei mir. Zwar bot mir der gute Sabico Kost und Wohnung an; auch machte ich wirklich Gebrauch davon; allein wir hatten beide nicht viel. Mein Herz war unaufhörlich in Tranquebar. Tag und Nacht brütete ich über meinen Reiseplan.
Gleichwohl fehlte es immer an Schiffsgelegenheit, denn die französischen Kaper nahmen alle Küstenfahrer weg. Eben so wenig war an die Landreise zu denken; HyderAli's Reuter durchstreiften den ganzen Distrikt. Aber die Theurung ward immer größer; ich fühlte, daß ich meinem Freunde lästig zu werden anfieng. Sichtbar griff mich der beständige Kummer an. Was war zu thun? Es galt auch diesmal einen verzweifelten Entschluß. — Ich mußte nach Tranquebar — Tot oder lebendig; ich mußte nach Tranquebar.
Vergebens rieth mir der gute bedächtige Sabico von diesem — wie er's nannte — entsetzlichen Wagstück ab. Ich blieb unerschütterlich, meine Liebe gab mir zu allem Muth. Ohne Zeitverlust kaufte ich so eine alte Chialeng, (Ruderboot) brachte vier Ruderer zusammen, versah mich mit Reis, Fleisch, Wasser, Natten, u. s. w. und stieß endlich am 24. Nov. 17— Nachmittags um 3 Uhr — vom Ufer ab.
Doch kaum hatten wir uns einige Klaftern weit entfernt, als schon das Wasser auf allen Seiten in die Chialeng drang. Sie war sehr lange ungebraucht gewesen,und sog es daher auf allen Fugen ein. Man rieth mir, sie bis zum andern Morgen verquellen zu lassen, doch dies erlaubte mir meine Ungeduld nicht. Ich nahm daher noch einen fünften Mann, einzig zum Ausschöpfen, an, und fuhr so endlich zum zweitenmale ab.
Glücklich waren wir über die Brandung gekommen; zum erstenmal athmete ich wieder mit Leichtigkeit. Jeder Ruderschlag, der mich von Madras entfernte, führte mich der Geliebten zu. Der Himmel war heiter, das Meer vollkommen ruhig, die nach Süden laufende Strömung uns förderlich. Freundlich sank die Sonne in's blaue Meer hinab, und die Spitzen der Pagoden, und die Wipfel der Cocospalmen glänzten im Abendroth. Zufällig blickte ich auf das Fort St. Georges; man ließ die Flagge herab. Wenig Minuten darauf geschah ein Schuß, und pfeifend fuhr die Kugel über die Chialeng hin.
Mehr verwundernd als erschrocken hieltenwir einen Augenblick mit Rudern ein. Wir waren allein auf der Rhede, und nirgends ein anderes Fahrzeug zu sehen. — »Wahrscheinlich ein Signalschuß!« — sagte ich ruhig — »Und ein Mißgriff vom Canonier. Aber bei einem Haar hätte er uns doch in den Grund gebohrt. Jetzt in Gottes Namen wieder frisch daran!« —
Herzhaft ruderten wir weiter; doch in demselben Augenblicke geschah ein zweiter Schuß, und die Kugel schlug keine Klafter von uns in's Meer. Jetzt sah ich deutlich, daß es auf unsere Chialeng angelegt war. — »Zurück! — Zurück!« — rief ich meinen Leuten zu — »Arbeitet, was ihr könnt! Um Gotteswillen, ehe der dritte Schuß geschieht!« — Wir thaten nun unser Möglichstes, wiewohl uns die Strömung entgegen war. Man schien es auf dem Fort zu bemerken, und hielt wirklich mit Schießen ein.
Nichts von meinen Empfindungen; ich war außer mir. — Schweigend ruderten wir fort, bis es immer düsterer ward. Baldhörten wir ein anderes Fahrzeug auf uns zukommen, und nicht lange darauf lag eine stark bemannte Chialeng neben uns. — Zwei Srapoys sprangen herüber — »Im Namen des Gouverneurs! — Ihr seyd arretirt. — Vorwärts! Frisch an den Strand!« — Ich vermochte kein Wort zu sagen, meine Gedanken verwirrten sich. — O Sophie! — O Tranquebar!