Achtes Capitel.
So langten wir, ohngefähr um zehn Uhr Abends, bei dem am Strande stehenden Hause des Equipagen-Meisters an. Alles war hier mit Menschen angefüllt, alles wollte den Arrestanten sehen. — »Da ist er! Da ist er!« — rief man von allen Seiten, und der ganze Haufe drängte sich um mich. — »Wer seyd ihr?« (who are you?) fragtenmich hundert Stimmen zugleich. — »Es ist ein Spion! Es ist ein Franzos!« (It is a spy! It is a French dog!) schrie man hier. — »Nein! Es ist ein Holländer! Ich kenne ihn!« (It is a Dutchman, I know him) antwortete man dort. — Endlich fiel eine mir wohl bekannte Stimme ein. — »Es ist ein ehrlicher Mann, ich bürge dafür!« (It is an honest man; I'll answer for it!) Es war der guteFranck, er erkannte mich erst in diesem Augenblick. Doch eben trat der Equipagen-Meister, Mr.Hall, heraus.
»Wer seyd ihr?« — fuhr er mich mit barscher Stimme an.
»Ein Holländer von Sadraspatnam.«
»Wo ist euer Erlaubnißschein?«
»Ich habe keinen, weil ich es nicht für nöthig hielt.«
»Wie? Keinen Erlaubnißschein? — Also wißt Ihr auch nicht, daß ich der Equipagen-Meister bin, und daß, ohne mein Wissen, Niemand die Rhede verlassen darf?«
»Sir! Haben Sie die Güte zu bedenken, daß ein Fremder« —
»Was Fremder? Fremder? — Ausflüchte! Nichts als Ausflüchte. — Ihr müßt die Gesetze von dem Lande kennen, worin ihr lebt. — Man schleicht nicht, wie ein Dieb davon, wenn man nichts Böses im Schilde führt. — Ich wette, ihr seyd am Ende ein französischer Spion! — Aber nehmt euch in Acht — He Srapoys! führt ihn« —
In diesem Augenblicke trat der guteFranckhinzu, und sagte ihm etwas in's Ohr. — »Das ist was anderes« — fuhr er jetzt etwas milder fort. — »Aber, was soll ich machen? — Melden muß ich es doch dem Gouverneur! — Nun gehen Sie unterdessen nur auf die Hauptwache. — Nachher wollen wir weiter sehen! Hoffentlich wird es so arg nicht werden! — Gehen Sie nur!«
So gieng ich denn, und brachte ohngefähr eine Stunde auf der Hauptwache zu. Endlich, nach elf Uhr, trat ein wohlgekleideterMann herein, und fragte nach dem »Gentleman«, der arretirt worden sey. Ich nahm dies Wort für eine gute Vorbedeutung an. Wirklich begleitete er mich auch zum Gouverneur, wo ich in einen großen Saal geführt ward.
Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe sich jemand sehen ließ. Endlich trat der Plazmajor, Mr. Sydenham herein; er kannte mich unter andern von Herrn Souza her. — »Wie?« — fragte er verwundernd — »Sind Sie es, Haafner? — Welche Tollheit ficht sie an, bei Nacht mit einer Chialeng in See zu gehen? — Wo wollen Sie hin? Was haben Sie vor?«
»Ach, Sir!« — antwortete ich seufzend — »Mangel und Liebe treiben mich fort!« — Zugleich machte ich ihn mit meiner Lage bekannt. — »Sprechen Sie für mich!« — fuhr ich fort — »Ich weiß, daß ein Wort von Ihnen hinreichend ist!« — Meine Erzählung schien ihn gerührt zu haben; er versprach,sein Möglichstes zu thun, und verließ mich.
Doch bald darauf kam er lächelnd zurück. — »Beruhigen Sie sich. Die Sache wird besser gehen, als Sie denken.« — »Hier!« indem er mich in ein Nebenzimmer wies, wo ein kleiner Tisch gedeckt war — »Hier trinken Sie unterdessen ein Glas Wein. In einer halben Stunde bin ich wieder da.« — Ich dankte ihm auf's herzlichste für seine Güte, denn ich war wirklich bis zum Aeußersten erschöpft.
Eben hatte ich das kleine Mahl geendigt, als die Thüre aufgieng, und der Gouverneur, Lord Macartney, in Begleitung des Plazmajors und eines Secretärs, in das Zimmer trat. Er schien keinesweges zornig, fixirte mich indessen mit großer Aufmerksamkeit.
»Wissen Sie nicht?« hub er endlich an, — »daß wer sich in Kriegszeiten heimlich aus einer Stadt zu schleichen sucht, wie ein Spion angesehen werden muß?«
»Ich weiß es, Mylord, aber ich bitte Ew. Exc. zu bemerken, daß ich nichts weniger als heimlich, sondern bei hellem lichten Tage, und in Beiseyn vieler Zeugen abgefahren bin.«
»Aber doch immer ohne Erlaubnißschein. — Warum machten Sie dem Equipagen-Meister keine Anzeige davon? — Es ist ein Glück für Sie, daß Mr. Sydenham Sie kennt. Um seines Zeugnisses willen, mag die Sache auf sich beruhen!«
Ich machte eine tiefe Verbeugung.
»Nun gut! Sie können abreisen; allein es ist eine Bedingung dabei. Sie müssen einige Briefe für den Obersten Hamilton bei Tranquebar mitnehmen, die ihm eigenhändig zu übergeben sind.«
Ich verbeugte mich abermals.
»Es sind Briefe von der äußersten Wichtigkeit. Sie können leicht denken, daß mir an der richtigen Bestellung derselben sehr viel gelegen ist. Bei der Uebergabe werden Ihnen sofort tausend Pagoden ausgezahlt.Ueberdem werde ich, im Falle ihrer Zurückkunft, auf Ihre Versorgung bedacht seyn.« —
Ich dankte ihm für sein Zutrauen, und versprach mein Möglichstes zu thun. Hierauf händigte er mir die Briefe, in lauter kleinen Röllchen, nebst der Ordre für die tausend Pagoden, ein; wünschte mir glückliche Reise, und entfernte sich. Mr. Sydenham befahl darauf einigen Srapoys, mich an den Strand zu begleiten, und ein Couti (Träger) folgte mir mit einem Korbe voll Lebensmittel nach. So trat ich wieder in meine Chialeng, und kam endlich um zwei Uhr nach Mitternacht glücklich in See.