Zwölftes Capitel.
Der Abend war still und freundlich; singend ruderten meine Leute längs der Küste hin, während ich in tiefe Betrachtungen versank. Man erinnert sich der Briefe von Lord Macartney. Ich hatte geschehen lassen, was nicht zu ändern war; aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes dienen? — Nimmermehr! — Mich band weder Eid noch Pflicht. — Ich beschloß demnach, in Pondichery einzulaufen, die Briefe dort abzugeben, und dann so fort nach Tranquebar zu gehen. Mit Schrecken bemerkte ich indessen, daß das Wasser immer stärker in die Chialeng drang. Ich war daher gezwungen die Nacht am Strande zuzubringen, bis der langersehnte Morgen anbrach. Jezt ward der Leck entdecktund sorgfältig verstopft. Mit erneuerten Kräften ruderten wir nun weiter, und langten endlich um zehn Uhr auf der Rhede von Pondichery an.
Als wir ans Land gestiegen waren, versammelte sich Alles um uns her. — »Wie, von Madras? Mit dieser Chialeng?« — Es schien allerdings ein halbes Wunderwerk, denn alle Cocosstricke an den Planken waren fast gänzlich verfault. Bei einer schweren Ladung hätten wir dies alte Fahrzeug sicher nicht so weit gebracht. Ich gab es jezt meinen armen Leuten Preis, bezahlte ihnen den bedungenen Lohn, und wanderte langsam in die Stadt hinein. Sofort kam ein Pron (Diener) auf mich zu, und wieß mich zu dem Equipagenmeister, einen Mr. de Salmiac.
Als ich in das Zimmer trat, sah ich ein kleines, rundes, dickbäuchigtes Männchen, bloß in Hemde und Pantalons vor mir. Ich war ein wenig erstaunt, und glaubte unrecht gegangen zu seyn. — »Nein! Nein!« —fiel er mir lebhaft ins Wort — »Ich bin es selbst — Sie sind freilich nicht der erste, der sich über mein Neglige verwundert; aber so laufe ich, der Hitze wegen, immer im Hause herum. Es ist doch ein Herzleid, wenn man so dick ist —Mais l'habit ne fait pas le moine— Was haben Sie anzubringen? — Setzen Sie sich.«
»Ich habe englische Briefe für den Admiral de Suffroin!«
»Wie, englische Briefe für den Admiral?« — rief er mit Verwunderung und Freude aus — »Vielleicht Nachricht vom Frieden? — Sagen Sie, wissen Sie etwas davon? Haben Sie etwas davon gehört?« — So ging es, in einem Athem, wohl eine Viertelstunde lang fort. Er war ganz begeistert von seiner Friedensidee. Endlich erzählte ich ihm den Zusammenhang.
»Bravo! Bravo! « — rief er in die Hände klatschend — »Tausend Pagoden! Warlich, das ist keine Kleinigkeit. Aber Sie haben wahrscheinlich Vermögen?« —»Im Gegentheil, ich bin nichts weniger als reich« — »c'est fort!« — sagte er halblaut für sich, und dann mit Lebhaftigkeit zu mir: »Ma foi, vous êtes un honnête homme!«
»Aber!« — fiel er plözlich in einem anderen Tone ein — »An wen denken Sie Ihre Briefe abzugeben? — Der Admiral ist abgesegelt, wie Sie sehen; der Intendant ist auf einige Tage verreist. Sie wollen gern nach Tranquebar, wie Sie sagen, und da geht eben ein Thony (Küstenfahrer) hin. Ich erwarte den Capitain jeden Augenblick. Wissen Sie was? lassen Sie die Briefe bei mir; so ist es gut!« —
»Sehr gern!« — erwiederte ich, und war im Grunde herzlich froh, sie endlich los zu seyn. Es waren fünf und dreißig zusammen, worüber ich einen Empfangschein erhielt. Zu gleicher Zeit schrieb Mr. de Salmiac meinen Namen, nebst der Adresse eines meiner Freunde zu Tranquebar auf.
Jezt kam der Capitain der Thony, ichward mit ihm um drey Pagoden eins. Es war mein leztes Geld; Mr. de Salmiac hörte es, blieb aber ganz gleichgültig dabei. — »Essen Sie zu Mittag!« — sagte der Capitain: »Sie haben gerade noch zwei Stunden Zeit!« — Sofort überhäufte mich Mr. de Salmiac mit tausend Entschuldigungen, daß er heute selbst zu Gaste gebeten sey. — »Wenn Sie indessen durchaus Niemand anders kennen« — fuhr er fort — »So werde ich Sie mitnehmen — Ja! Ja! — Ich werde Sie mitnehmen, wenn nämlich der Capitain warten will!« —
Sein zweideutiges Wesen misfiel mir; ich nahm daher augenblicklich Abschied von ihm. — »Mais!—Mais!« — fiel er ein — »J'en suis fâché! J'en suis an desespoir!« — führte mich unter einer Menge Complimente zur Thüre hinaus, und ließ mich auf der Straße stehen. Ich darf es sagen, eine Belohnung verlangte ich nicht; aber ein gutes Mittagsessen hätte mir allerdings Vergnügen gemacht. Ich verkaufte nun einigekleine Pretiosen, aß in einer Taverne, und begab mich hierauf an Bord. Der Wind war günstig; schon um acht Uhr Abends ankerten wir auf der Rhede von Tranquebar. Vor Freude und Ungeduld war ich außer mir.
Alle Chialengs waren indessen bereits in Sicherheit gebracht; ich sah keine Möglichkeit ans Land zu gehen. Endlich vernahm ich Rudergesang. Es waren Fischer; sie kamen aus der See zurück. — »He!« — rief ich ihnen zu — »Wollt ihr einen Weißen mit ans Land nehmen?« — Sie achteten wenig, oder gar nicht darauf. — »Eine Rupie, wenn ihr wollt« — fuhr ich fort, und in wenig Minuten war ich auf dem Kattamaran (Floß). Wohl wußte ich, was ich wagte, und wie gefährlich das Landen war; allein ich dachte an Sophien, und verließ mich auf mein bisheriges Glück.
Jezt waren wir bei der glänzenden Brandung, die sich mit dumpfem Donner am Ufer brach. — »Noch eine Rupie!« — rief ichden Fischern zu, wenn ihr mich glücklich hinüber bringt. Zu gleicher Zeit warf ich mich nieder, und klammerte mich an die Balken an. Glücklich kamen wir über die zwei ersten Wellen hinweg, nicht so über die dritte, so groß auch die Anstrengung der Ruderer war. Sie holte uns ein, hieng, wie ein schreckliches Gewölbe, einen Augenblick über uns, und stürzte dann donnernd auf uns herab. Ich verlor das Bewußtseyn. — Als ich wieder zu mir kam, lagen wir hoch und trocken auf dem Strande von Tranquebar.