Chapter 16

Dreizehntes Capitel.

Ohne Aufenthalt eilte ich nun vollends in die Stadt hinein, und beschloß bei dem ersten besten nach Sophien Erkundigungen einzuziehen. Eben kam ich bei dem Zollhause vorbei; es war noch Licht darin. —»Guten Abend!« — sagte ich zu den Kannekas (Schreibern) — »Könnt ihr mir nicht sagen, ob die Thony von Maleappa — so hieß der Schiffer — angekommen ist?« —

»O ja, schon vor geraumer Zeit! — Dort liegt sie auf dem Strande — Wenn's Tag wäre, könntet ihr sie gleich vor euch sehen. — Sie wird reparirt; sie hat einen schweren Sturm auszuhalten gehabt.« —

»Wo wohnt Maleappa? Ich muß ihn sprechen.« —

»Wo er wohnt? — Nun vermuthlich bei den Fischern, denn beim Sturme fiel er über Bord.« —

»Und die Frau mit dem jungen Mädchen? — Sie befanden sich als Passagiere auf der Tony. — Sind sie noch in Tranquebar?« —

Die Schreiber sahen einander an; keiner hatte ein Wort von diesen Personen gehört; ich ward leichenblaß. In diesem Augenblicke trat ein Kuli (Träger) auf mich zu. Er hatte bisher an der Thüre gesessen und unseremGespräche zugehört. — »Aya!« — sagte er — »Gieb mir ein Paar Panams und ich führe dich hin. Ich habe ihre Sachen getragen, und weiß, wo sie eingekehrt sind.« — »Du sollst eine Rupie haben!« rief ich, und eilte mit ihm fort.

»Hier!« — sagte er endlich, indem er auf ein malabarisches Häuschen zeigte — »Hier Aya, hier wohnen sie! Soll ich anklopfen?« — »Nein! Nein!« —sagte ich hastig, und hielt ihn zurück. — »Hier hast du dein Geld, und gute Nacht!« —

In dem Augenblick gieng die Thür auf, und Sophie trat mit einer Lampe heraus. — »O mein Gott!« — rief sie und flog an meinen Hals. Seliger und unbeschreiblicher Augenblick. So fand uns die Mutter in stummer Umarmung. — »Ach! wie haben wir uns geängstiget« — sagte sie. — »Nun Gott sey hoch gedankt!« —

Am andern Morgen dachte ich nun im ganzen Ernste an meine Einrichtung. Alle meine Sachen waren unversehrt; allein Tranquebarbot wenig, oder gar keine Hülfsquellen dar. Der dänische Handel ist unbedeutend; das Comtoir beschäftigt nur wenig Leute! überall herrscht die größte Sparsamkeit. Ich mußte mir einen bedeutenden Plaz wählen, wo ich überdem von dem Kriege sicher war. Es schien mir daher am besten, nach Jaffanapatnam auf Ceylon zu gehen. Die Mutter freute sich über meinen Entschluß, Sophie aber sagte kein Wort dazu. Erst jezt hörte ich von jener, daß der Bräutigam zu Trinconomale sey. — In wenig Tagen hatte ich eine gute, geräumige Chialeng mit einem Sonnendeck gekauft, und tüchtige Ruderer u. s. w. besorgt. Da erschien auf einmal ein alter gutgekleideter Herr bei mir.

»Ich bin der Graf von Bonvoux« — hub er französisch an — »Sie befrachten eine Chialeng nach Jaffanapatnam; ich suche ebenfalls eine Gelegenheit dahin — Wenn Sie mich mitnehmen könnten, wär' es mir angenehm. — Ich habe nur ein Paar Coffers, vier Kisten mit Wein, zwei Ballen Musselin, und zweiweibliche Bedienten bei mir!« — Ich sah an seinem Orden, daß er Maltheser war, und lachte herzlich über seine Dienerschaft.

»Das ist so einmal meine Art!« — gab er jovialisch zur Antwort — »Ich habe immer zwei Mädchen bei mir. Die eine besorgt die Küche, die andere meine Person.« — »D'ailleurs!« — indem er mich sehr bedeutend ansah — »Le nom ne fait rien à la chose. Vous le verrez!«

Ich hatte anfangs wenig Lust zu dieser Reisegesellschaft, und entschuldigte mich durch den Mangel an Plaz, was auch nicht ganz ungegründet war. Allein der alte Ritter wußte mir alles so leicht vorzustellen, und schien zugleich so jovialisch zu seyn; daß ich ihm endlich die Ueberfahrt, und obendrein umsonst zugestand.

»Nun gut!« — sagte er — »So kaufen sie wenigstens keine Provisionen ein! Das will ich auf mich nehmen, und ich denke zu ihrer Zufriedenheit. Geben Sie keinen Sous dafür aus, ich bitte Sie! Verlassen Sie sichganz auf mich!« — So gieng er, und ich verließ mich wirklich auf ihn.

Beim Mittagsessen erklärte mir die Mutter, daß sie nicht mit zu reisen willens sey. Sie habe ein treffliches Unterkommen als Haushälterin bei einem Hollsteiner erhalten, sie vertraue Sophien meiner Rechtlichkeit an. Zerschlüge sich die Heirath, so hätte ich ihre Einwilligung. Sophie schien über dies alles äußerst vergnügt; man kann denken, wie sehr ich es selbst war.

So schlug es vier Uhr, und wir eilten in die Chialeng. Die gute Mutter begleitete uns an den Strand; wir nahmen herzlichen Abschied von ihr. Der Graf befand sich mit seinen beiden Mädchen bereits an Bord, und war äußerst höflich, wiewohl er einen kleinen Hieb zu haben schien. — Wir richteten uns ein, so gut es möglich war. — Endlich Anker auf! — Da segelten wir lustig die Rhede hinaus.


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