Fünfzehntes Capitel.
Die Sonne gieng auf. Rings umher nichts als Himmel und Wasser, und bald gänzliche Stille, wie vorher. Mit kummervollem Herzen rief ich die armen Malabaren an ihr beschwerliches Tagewerk. — »Noch kein Land?« — fragten sie traurig, als sie die weite, öde Wasserfläche vor sich sahen. — »Noch kein Land, lieber Herr?« — »Diesen Abend gewiß« — antwortete ich mit erkünstelter Heiterkeit, und in dem Augenblicke trieb ein Bananasstamm vorbei. — »Seht ihr?« — fuhr ich fort, und faßte selbst einige Hoffnung — »Seht ihr? Es kann nicht weit mehr seyn!« —
In diesem Augenblicke stürzte der Graf herbei — »Hier«! — schrie er einem seiner Mädchen aus der Caste der Parias zu — »Hier! Sag den armen Leuten, daß der Mensch da ein Betrüger ist, daß er sie nun und nimmermehr in einen Hafen bringen wird. Von nun an will ich selber steuern, und wette tausend Rupien, daß wir morgen in Caix sind. Wer mir nicht gehorcht, dem jage ich den Degen durch den Leib!« — Mit diesen Worten stieß er den Tandel auf die Seite, und wollte die Chialeng wieder nach Osten drehen.
»Freunde!« — rief ich mit Heftigkeit — »Nehmen wir einen andern Curs, so mag uns Gott beistehen!« — Zu gleicher Zeit packte ich den Grafen beim Kragen, und entfernte ihn etwas unsanft von seinem Platz. Er stolperte, wollte ein Tau fassen, verfehlte es, und flog über Bord. Augenblicklich sprang ihm aber ein Ruderer nach, und brachte ihn wieder herauf, so daß er mit der Abkühlung davon kam.
Nachmittags ward ich in Osten einige Wolken gewahr. Dies versprach für die Nacht äußerst günstigen Wind. Gegen Abend indessen waren die Ruderer so ermüdet, daß einer nach dem andern zu Boden sank. Es ward finster; noch immer frischte kein Lüftchen auf. Jeder Seufzer Sophiens zerriß mir das Herz. Endlich schlief alles ein, und mir selbst sanken zulezt die Augen zu.
Plözlich — vielleicht nach einigen Stunden — erwachte ich von einem heftigen Stoße der Chialeng, und fand, zu meiner unsäglichen Freude, daß der Wind frisch aus Norden blies. — »Auf Freunde, auf!« — rief ich jezt dem Tandel, und den Ruderern zu — »Der Wind ist da! Der Wind ist da! Jezt lustig das Segel auf! Morgen laufen wir in Caix ein!« — Alle sprangen in Eile auf; alle waren mit neuem Muthe erfüllt. Ich steuerte nunmehr mit fester Hand, und rauschend flog die Chialeng durch die glänzenden Fluthen hin. Sophie kam zu mir, wir sprachen zusammen, bis der Tag anbrach.
Die Sterne blühten, in Osten fieng es an heller zu werden; mit klopfendem Herzen blickte ich nach der ersehnten Küste, die meiner Rechnung nach, in Süden zu finden war. Da gieng die Sonne auf, und wie ein bläulich glänzender Nebelstreif stieg das Land aus dem wellenden Meer empor. — »Land! Land!« — rief ich freudig, und zeigte mit der Hand dahin! — »Land! Land!« — tönte es durch die ganze Chialeng. — Einige Stunden, und wir konnten schon die dunkeln Waldungen sehen. Endlich kamen wir näher und näher, und ich erkannte die kleine InselCaradiva, oderAmsterdam, ungefähr zwei Seemeilen von Ceylon.
Gern hätte ich die Chialeng auf den Strand gesezt, allein der Felsenriffe wegen mußten wir vor Anker gehen. Eilig kletterten wir nun, den Grafen ausgenommen, vom Fahrzeuge herunter, wadeten über die Klippen, und langten wohlbehalten am Ufer an. Eine Frau zeigte uns den nächsten Brunnen, und besorgte uns bald ein gutes Mittagsmahl. Der Graf ließ seine Sachen in eine andere Chialeng bringen, und befreite mich so, zu meiner großen Freude, von seiner Gegenwart. Um vier Uhr ankerten wir bei dem Fort Ham an Hiel, und am andern Morgen kamen wir glücklich zu Jaffanapatnam an. Hier ward Sophie die meinige, und hier fand ich auf eine kurze Zeit, ein nie genossenes Glück.