Chapter 21

Drittes Capitel.

Der Tag brach an, und der ganze Wald war mit Leben und Freude erfüllt. Auf allen Bäumen wimmelte es von Affen, Papagayen, Pfauen und unzähligen andern Vögeln von ausgezeichneter Schönheit. Tausende von bunten Schmetterlingen schwärmten zwischen den Gesträuchen umher. Dabei der liebliche Duft der blühenden Bäume, der uns bei jedem Schritte entgegenschwamm. Und welche Kühle und Frischzeit unter dem dichten grünenden Obdach, nur schwach von der Morgensonne beglänzt.

So zogen wir fort, voll Muth und Heiterkeit, bis ungefähr gegen elf Uhr, wo an einem klaren Bache Halt gemacht, und das Mittagsessen bereitet ward. Templyn hatte hierzu ein Dutzend Hasen geschossen; denn sie liefen uns im eigentlichen Sinne unter den Füßen herum. Auch jezt ward bei der Einrichtung unsers Lagers eine gewisse Ordnungeingeführt; so daß z. B. jeden seine Reihe zum Wachestehen traf. Ich sage zum Wachestehen, weil natürlich einige Stunden Mittagsruhe gehalten ward, was für uns alle, besonders für die Träger so nöthig war.

Erst um drei Uhr Nachmittags brachen wir demnach von diesem Lagerplatze auf. Anfangs war der Wald außerordentlich verwachsen, und kaum noch eine Spur des vorigen Weges zu sehen. Wir mußten uns daher nach dem Compasse richten, und legten es folglich, wie die Schiffer sprachen, auf Südwest an. So erreichten wir mit sinkendem Abend eine bequeme Lagerstelle, wo alles auf oben beschriebene Weise eingerichtet ward. Die Nacht vergieng ohne Abentheuer; nur daß einmal ein Elephant in unsere Nähe kam.

Die folgende Tagereise (12. Juni) bot durchaus nichts Merkwürdiges dar, war aber außerordentlich lang — Wir kamen erst Abends um zehn Uhr bei unserem Lagerplatze an. Ich mußte diese Nacht die erste Wachehalten, und mochte vor Müdigkeit wohl ein wenig eingeschlummert seyn. Plözlich wurde ich durch ein lautes Geschrei geweckt — »Ein Tiger! Herr! Ein Tiger!« — riefen die Träger mit Entsetzen, und zeigten auf ein Paar glänzende Punkte, die ich mitten durch die Finsterniß, wie zwei kleine Lichter schimmern sah. Es waren die Augen des Tigers, der auf seine Beute zu lauern schien. Ich nahm meine Flinte und weckte Freund Templyn auf, der ein sehr guter Schütze war. Wir beschlossen gerade auf die Mitte zwischen den beiden Punkten zu zielen, und drückten zu gleicher Zeit ab. Bald darauf vernahmen wir ein Stöhnen, das uns über den Tod des Thieres keinen Zweifel übrig ließ. Wirklich fanden wir den Tiger am andern Morgen, und nahmen seine Haut als Siegeszeichen mit.

Unser Weg ward immer steinigter, wie der Wald lichter zu werden anfieng. Wir waren nämlich kaum einige Meilen von den Gebirgen von Couragahing entfernt. Alswir so einige Zeit fortmarschirt waren, wurden wir auf einem Baume einen Bienenstock gewahr. Sogleich bot sich einer unserer Träger an, hinaufzuklettern, und den Ast abzuhauen. Er thut es, erreicht den Ast, und führt den ersten Streich. Allein plözlich stürzen die Bienen auf ihn los, und hängen sich an seine nackten Glieder an. Brüllend von Schmerz will er heruntersteigen, thut einen Fehltritt, stürzt herab, und bricht das Bein. Um ihm Hülfe zu verschaffen, beschlossen wir uns östlich nach der Küste zu wenden, wo allein Dörfer anzutreffen sind.

Eilends wurde nun der Bienenschwarm mit Rauch vertrieben, eine Tragbahre von Baumästen gemacht, der arme Träger (Kulie) darauf gelegt, und der Marsch fortgesezt. Um ein Uhr Nachmittags hielten wir eine halbe Stunde an, und nahmen etwas Kaltes zu uns. Der Rest der Tagereise war wegen des schlechten Weges, und des Mangels an Wasser sehr unangenehm. Gegen acht Uhr Abends kamen wir endlich aus dem Waldeheraus, und gegen zehn Uhr erreichten wir das große Dorf Vedative, wo ein holländischer Posten ist. Hier brachten wir den armen Träger zu einem Töpfer[5], versahen ihn mit dem nöthigen Gelde zur Kur und Heimreise, und nahmen einen andern an seine Stelle an. Hierauf begaben wir uns zu dem Kommandanten des Postens, wo Gesellschaft von Verwandten war.

Wir mußten uns sogleich zum Abendessen niedersetzen, das aus Reis und vortrefflichem Wildpret bestand. Der gute alte Mann hieß JosephVoit, und hatte bereits fünf und sechzig Jahre hier gelebt. Sein Vater und Großvater hatten jeder die Stelle fünfzig Jahre bekleidet, und er selbst war nicht weit mehr von dieser Zahl. — O Menschenleben! — O Glück der Beschränktheit! —


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