Sechstes Capitel.
Mit unserer fünften Tagereise ward der Weg nun je länger, desto beschwerlicher. Hier hatte noch nie ein menschlicher Fuß gewandelt; hier herrschte die Natur noch in ihrer ganzen ursprünglichen Macht. Mit unsäglicher Mühe arbeiteten wir uns durch das Gebüsch hindurch, wo jeden Augenblick der Anfall eines Tigers zu befürchten war. Gegen ein Uhr machten wir Halt, um einige Stundenauszuruhen. Als wir wieder aufbrachen, nahm der Wald allmählig an Dichtigkeit ab. Bald aber sahen wir eine ungeheure, hohe Grasmasse gleich einer Mauer vor uns. Keine Möglichkeit hindurchzudringen, so oft auch der Versuch wiederholt ward. Unterdessen fieng es an dunkel zu werden, und wir mußten auf unser Nachtlager bedacht seyn. An ein großes Feuer war nicht zu denken, kaum hatten wir Holz zum Kochen genug. Wir brachten daher die Nacht auf einem Baume zu, wobei uns unser Tau vortrefflich zu statten kam.
Am folgenden Morgen gelang es uns endlich in der Graswand einen Eingang zu entdecken, der hindurchzuführen schien. Der Schlangen wegen war indessen große Vorsicht erforderlich. Dabei eine erstickende Hitze, ein glänzender Sandboden, eine brennendheiße verpestete Luft. Gegen Mittag fanden wir endlich einen kleinen Raum, verzehrten die Ueberreste unseres Abendessens, und legten uns dann wechselsweise zum Schlafen hin.
Als wir wieder aufbrachen, bemerkten wir mit Freuden, daß die Graswand immer dünner, und die Anzahl der Oeffnungen immer häufiger ward. Bald sahen wir wieder Bäume, und bald gewann der Wald wieder völlig die Oberhand. In glänzendem Sonnenlichte lagen die Gebirge von Bocour nun ganz vor uns. Nur noch einige Stunden, und der Fuß derselben war erreicht. Mit beflügelten Schritten eilten wir über den obern Boden dahin. — Plözlich! — O Schreck! o Entsetzen! — Plözlich sahen wir einen breiten und tiefen Canal vor uns, der von oben bis unten, mit dichtem, eng verflochtenem Gebüsch angefüllt war.
Neue Hindernisse! neuen Schmerz! Endlich beschlossen wir längs des Ufers abwärts zu gehen, um zu sehen, ob der Uebergang möglich sey. Doch vergebens! Je weiter wir kamen, desto breiter und tiefer ward der Canal. So brach der Abend an; ein Glück für uns, daß Holz im Ueberfluß vorhanden war. Am folgenden Morgen kehrten wir wiederum, und entdeckten endlich eine Stelle, wo wenigstens meinem Gefährten der Uebergang möglich schien. Was ich ihm auch sagen mochte, er bestand darauf. So ließ er sich denn an dem Taue hinab, nachdem es um einen Baum befestigt worden war.
Es dauerte indessen ziemlich lange, ehe er eindringen konnte, dann aber war er mir auch augenblicklich aus dem Gesicht. Unverwandt hatte ich indessen meine Augen auf das andere Ufer gerichtet; als ich plözlich in der Mitte des Dickichts ein starkes Geräusch, und bald darauf sein Angstgeschrei vernahm. Er war in Gefahr; wie wahnsinnig sprang ich die Tiefe hinab, und drang in der Oeffnung vor. Doch alles vergebens! Kein Laut; keine Antwort; nichts gewisser, als daß er von einer Schlange erwürgt worden war.
Mit zerrissenem Herzen, mit thränenden Augen stieg ich wieder hinauf, und fühlte das Elend meiner Lage in seiner ganzen Schrecklichkeit. Ich war allein in dieser Wüste, und auf allen Seiten von Gefahren umringt. Ichwar allein! — Die Sonne sank tiefer, ich beschloß in der nämlichen Richtung fortzugehen. War es Instinkt, war es Gleichgültigkeit? es schien mir am besten so. Zum Glück hatte ich noch etwas Reis, nebst der Arrakcalabasse, und den Pistolen bei mir.
Die Nacht brach an; ich machte bei einem Baume Halt, kletterte hinauf, und band mich mit dem Taue an zwei Aeste fest. Bald schlief ich vor Ermüdung ein. Doch mein Schlaf war nicht erquickend; das Bild meines unglücklichen Gefährten schwebte mir unaufhörlich vor.