Chapter 27

Neuntes Capitel.

Ein Jahr lang hatte ich hier meine Geschäfte mit vielem Erfolge betrieben, als ich mich, um dieselben noch mehr zu erweitern, zu einer Landreise nach Madras veranlaßt sah. Dieses geschah in einem Palankin. Man kann in der That durchaus nicht sicherer, bequemer und angenehmer reisen, als auf diese Art. Ein Palankin ist nämlich eine Art vonCanapegestell, das ungefähr sieben Fuß lang, und drei Fuß breit zu seyn pflegt. Er hat einen mäßig hohen Rand, vier kleine Füße, und eine gewölbte Decke von Bambusrohr. Inwendig ist er mit einer weißen Matrazze und einigen Kissen belegt, während die Decke entweder mit Tuch oder Wachsleinwand überzogen wird.

In der Mitte dieses zeltartigen Daches, ist außerdem noch ein großes Stück grüner Cattun befestigt, das nach der Länge des Palankins, an beiden Seiten bis auf den Boden reichen muß. Bei Tage wird es aufgerollt, und in eine Wulst zusammengeknüpft; bei Nacht aber, wenn man in dem Palankin schläft, bildet es eine Art Bettvorhang. Ueberhaupt braucht man den Palankin gerade wie ein Canape.

Ein solcher Palankin wird von vier Männern getragen, denen noch vier andere zum Ablösen beigesellt sind. Zwei der Träger gehen vorn, zwei andere hinten, und jene wie diese halten den Palankin vermittelst einesBambusrohres, das vorn und hinten mitten aus der Decke geht. Sie marschiren indessen nicht neben, sondern hinter einander, wobei das Bambusrohr auf der Schulter ruht. Da sie nun eine Art Takt im Schritte halten, den sie auch von Zeit zu Zeit mit der Stimme angeben, so ist die Bewegung eben so gleichförmig als angenehm. Man kann dabei lesen, schreiben, schlafen u. s. w. wie es einem beliebt. Wäsche, Vorräthe u. s. w. werden theils zu den Füßen, theils unter das Kopfkissen gepackt.

Es war vier Uhr Morgens — »Tschollo!« (Marsch!) — riefen meine Träger, nahmen den Palankin auf, und wanderten lustig die Straße entlang. Als wir Bimilipatnam im Rücken hatten, fieng es eben an vollends Tag zu werden, und überall flogen Schaaren von Krähen von den hohen schattigen Bäumen auf. Bald kamen wir bei einem schönen Mangabusche vorbei. Lieblich schimmerten die goldenen Früchte durch die dunkelgrünen glänzenden Blätter, und zwischenden freundlichen Aesten flatterten girrende Turteltauben herum.

Weiterhin holten wir eine Menge indischer Pilgrime von allen Sorten ein. Sie zogen sämmtlich nach dem heiligen Berge Schiemanchelom, den ich ebenfalls zu besehen willens war. Lange mußten wir zwischen diesen betenden und singenden Haufen bleiben, bis wir endlich das große schöne Thal erreichten, worin sich jener hohe steile Berg erhebt.

Eben sollte am folgenden Morgen das große Jahresfest beginnen, das immer neun Tage zu dauern pflegt. Der Zufluß von Menschen war daher außerordentlich. Nur mit Mühe fand ich noch einen schattigen Platz für meine Palankin, ruhte daselbst bis fünf Uhr, und stieg endlich den Berg auf einer breiten bequemen Treppe hinan. Das Thal, das kleine Dörfchen Chindopillie, der dabei befindliche See, u. s. w. alles bietet die mannichfaltigsten Aussichten dar.

Die ersten 430 Stufen hat man nichtsals sanfte Abhänge neben sich. Plözlich aber stößt man auf einen steilen Felsenkranz, den man durch ein ausgehauenes Portal passirt. Von diesem Thore bis zum Gipfel werden noch 1160 Stufen gezählt. So wie man diesen erreicht hat, findet man das Dorf Schiemanchelom, und am südlichen Ende desselben den Tempel, der dem Gotte Appana geheiligt, und einer der ältesten in ganz Indien ist. In der Nähe desselben entspringt die heilige Quelle, die nach der Religion der Hindus für eben so wirksam wie das Wasser des Ganges gehalten wird. Kein Hindu darf sich dem Tempel nähern, wenn er sich nicht vorher in diesem Wasser gebadet, oder wenigstens seinen Kopf einige Minuten unter eine der fünf Adern gehalten hat. Das Gedränge um dieselben war daher außerordentlich, zumal da der ganze Badeplatz kaum hundert Schritt lang, und etwa halb so breit ist. Indessen fand dennoch die größte Ordnung, und das beste Betragen dabei statt.Einer half dem andern, einer machte dem andern Platz.

Noch bunter waren die Gruppen längs dem übrigen Wege, und auf dem Gipfel des Berges selbst. Zu beiden Seiten der Treppe ziehen sich nämlich schöne schattige Rasenplätze hin, wo die wandernde Masse von Zeit zu Zeit auszuruhen pflegt. Eben so ist es oben in der Nähe des Tempels, wo der ganze Haufen zusammentrifft. In dichten Kreisen knieten Männer und Weiber an dem Eingange des Heiligthums. Einige waren in tiefer Betrachtung; andere beteten mit stiller Lippenbewegung; noch andere stimmten Lobgesänge an. Die Luft war mit Weihrauchsdampf erfüllt; schöne Tänzerinnen scherzten mit ihren Liebhabern, und überall ertönten die Dools (Trommeln), und die Chelimbies (Becken).


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