Zehntes Capitel.
Es mochte ungefähr um vier Uhr Morgens seyn, als einer meiner Träger mich zu wecken kam. Noch war es völlig dunkel; gleichwohl hatte sich bereits der ganze Haufen Pilgrime in Bewegung gesezt. Das Geräusch glich dem dumpfen Donner eines Wasserfalles. Alles eilte nach dem Berge, der aufs prächtigste mit Fackeln und Pechkränzen erleuchtet war. Ich folgte dem Menschenstrome auf der von tausend Lichtern flammenden Treppen nach, verließ aber bald das Getümmel, um auf der andern Seite des Berges die Sonne aufgehen zu sehen. Nie habe ich eines schöneren Morgens, nie einer entzückenderen Aussicht genossen; alles war Licht und Klarheit, Leben und Herrlichkeit. Endlich stieg ich auf einem schattigen Fußpfade wieder in das Thal hinab, wo ich verabredetermaßen meinen Palankin fand.
Wir wendeten uns nun südöstlich, undkamen durch eine schön bebaute Ebene nach Nabob Pette, das zwar ein kleines, aber recht artiges Dörfchen ist. Hier hielten wir unser Mittagsessen in einem angenehmen Mangawäldchen, und sezten dann unsere Reise bis Dovigram, einem etwas seitwärts liegenden Dorfe fort, wo eine große und bequeme Chauderie befindlich ist. Unter den Reisenden, die sich bereits dort einlogirt hatten, fielen mir besonders zwei büßende Fakirs auf, wovon der eine ungefähr dreißig, der andere fünfzig Jahre alt war. Jener gieng völlig nackend, und trug in seinem Geschlechsgliede einen dicken und großen eisernen Ring. Der zweite hatte sich die entsezliche Buße aufgelegt, seine Arme und gefalteten Hände, hoch ausgestreckt, unaufhörlich über dem Kopfe zu halten, und es wirklich ausgeführt. Die Arme waren nun völlig steif geworden, und die Hände gleichsam in einander verwachsen, so daß alles ganz unbeweglich stand.
Als ich am andern Morgen in meinem Palankin erwachte, befand ich mich unvermuthetbereits zu Vizagapatnam. Meine Träger hatten ihn nämlich vorsichtig aufgenommen, und in der Kühle die Paar Stunden schnell zurückgelegt. Vizagapatnam ist eine Stadt, oder vielmehr ein Dorf mit einer englischen Factorei. Es ist ein unangenehmer, einsamer, trauriger Ort, der mitten zwischen kahlen Bergen, wie in einem Kessel liegt. Indessen hat es einen schiffbaren Fluß, und viele Baumwollenfabriken; auch sind die Einwohner wegen ihren feinen Elfenbeinarbeiten berühmt. Eben waren meine Geschäfte abgemacht, und ich wollte weiter reisen, als ich von einem Begräbnisse in der Nachbarschaft hörte, das ich mit anzusehen beschloß.
Es war zu Velur, nur anderthalb Stunden von Vizagapatnam. Eine junge Wittwe von der Caste der Chetries sollte sich mit dem Leichname ihres Mannes in einer Grube verbrennen, wie es im südlichen Theile von Coromandel auf einem Scheiterhaufen geschieht. Bei meiner Ankunft ward ich sogleich nach einem Hause gewiesen, wo die Wittwein der Mitte ihrer sämmtlichen Verwandten, unter einer Art Baldachin saß. Es war ein junges wohlgebildetes Weib von höchstens ein und zwanzig Jahren, mit einer äußerst sanften Physiognomie. Sie bewegte die Lippen, wie eine Betende, theilte dann und wann unter ihre Verwandten Betel aus, und schien vollkommen gefaßt zu seyn. Ich betrachtete sie mit innigem Mitleid; bald aber zog mich die Menschenmasse nach dem zur Feierlichkeit bestimmten Platze fort.
Dieser lag außerhalb des Dorfes, ungefähr eine Viertelstunde davon. In der Mitte desselben befand sich eine Grube, die bei zehn Fuß Länge, acht Fuß breit und tief zu seyn schien. Sie war bereits mit einer großen Menge Kohlen angefüllt, dennoch warf man noch von allen Seiten Holz hinein. Endlich rückte der Leichenzug näher, rund um die Grube wurden Matten aufgehängt, und die ganze Masse der Zuschauer bildete einen unübersehbaren Kreis.
Die Wittwe war aufs prächtigste gekleidet,und überall mit Juwelen bedeckt. In der Hand hielt sie eine kleine, mit Gewürznelken besteckte Citrone, woran sie bisweilen zu riechen schien. Neben und hinter ihr, giengen ihre Verwandten, mit mehrern Braminen, und eine Menge Weiber beschloß den Zug. In einer gewissen Entfernung von der Grube ward Halt gemacht. Die Wittwe legte ihre Prachtgewänder und Juwelen ab, badete sich in dem benachbarten Weiher, den ein dichter Kreis von Freundinnen umschloß, und kam endlich in einem ganz einfachen weißen Gewande zurück. So gieng der Zug bis in die Nähe der Grube, an deren Rande der Leichnam des Mannes auf einer Bahre lag.
Als die Wittwe hier angekommen war, blieb sie einige Augenblicke davor stehen, sah ihn mit zärtlichen Blicken an, schlug sich vor die Brust, und brach in Thränen aus. Zulezt verbeugte sie sich, verließ die Bahre, und gieng dreimal um die Grube herum, wobei sie nie den Leichnam zu begrüßen vergaß. Jezt bei dem Leztenmale blieb sie wiederdavor stehen; wendete sich zu ihren Verwandten; nahm mit völliger Ruhe Abschied von ihnen; empfieng von einem Braminen einen Krug mit Oel; goß etwas davon auf den Leichnam; sezte sich das Gefäß auf den Kopf; rief dreimal mit lauter Stimme: Naraina! (Gott) und sprang dann muthig in das brennende Grab hinein. Man hatte in demselben Momente die Matten fallen lassen; zu gleicher Zeit ward auch der Leichnam hineingeworfen, und alles mit tausend bereit gehaltenen Bränden bedeckt. Hoch schlugen die knisternden Flammen in die Lüfte empor, und die Weiber erhoben unter dem Lärm der Trommeln, Trompeten und Becken, ein gräßliches Freudengeschrei.
So sehr ich überzeugt war, daß die Unglückliche sogleich erstickt seyn mußte; so machte das Ganze dennoch einen sehr schmerzhaften Eindruck auf mich. Ich verließ den Platz, und trat meinen Rückweg nach Vizagapatnam an. Schon war es dunkel geworden, und in tiefen Gedanken wanderteich wohl eine Stunde fort, bis ich endlich bemerkte, daß ich auf dem unrechten Wege war. Ein guter alter Mann, den ich eben einholte, bestätigte mir dieses, rieth mir nach Velur zurückzugehen, und zeigte mir einen kürzeren Fußsteig dahin. Ich kehrte demnach um, gieng einige Zeit auf diesem Fußsteige fort, glaubte aber bald in der Entfernung einige Lichter zu sehen, und beschloß geradesweges darauf zuzugehen. Doch die Lichter verschwanden, und ich fühlte mit Entsetzen, daß der Boden unter mir wich. Vergebens suchte ich mich an einem Busche festzuhalten; der Ast brach, und ich stürzte in einen tiefen Abgrund hinab.