Dreizehntes Capitel.
Nachdem ich meine Geschäfte besorgt hatte, sezte ich meine Reise ohne Verzögerung fort. Vorher hatte sich noch ein Gefährte, ein gewisser holländischer Capitain, Namens Holtrop, zu mir gefunden, der nach dem Verluste seines Schiffes nach Madras zurückging. Wir kamen durch die Dörfer Okalgatta und Sorligatta, und nahmen unser Nachtlager in einer Chauderie hinter Naralcor. Der lezte Theil des Weges war äußerst angenehm; er lief durch eine fruchtbare Ebene, mit den mannigfaltigsten Pflanzungenbedeckt. Kaum hatten wir aber die Chauderie erreicht, als ein heftiges Ungewitter ausbrach. Da sich nun außer uns noch an sechzig Reisenden darin befanden, konnten wir allerdings nicht ohne Besorgnisse seyn. Indessen gieng alles glücklich vorüber, und nach einigen Stunden war der Himmel wieder völlig wolkenleer.
Unsere harmlosen Hindus hatten inzwischen nicht die mindeste Furcht gezeigt. Die Männer lasen oder sprachen; die Weiber und Mädchen schäkerten und kochten; die Kinder spielten mit unbefangener Fröhlichkeit fort. Nach dem Essen wurde erzählt und getanzt, und alles war voll Milde und Fröhlichkeit.
Die folgende Tagereise war entzückend schön; die ganze Landschaft blühte und grünte in üppiger Fruchtbarkeit. Wir giengen über den Kischtna, der in dieser Jahrszeit nicht besonders wasserreich war. Die Ueberfahrt ward wie gewöhnlich, in großen, runden, platten Körben gemacht. Diese Körbe haben ungefähr zwölf Fuß im Umfange, sind mitLeder überzogen, und werden mit Pagaien (kurzen Rudern) in Bewegung gesezt. Man muß sich indessen in diesen Körben sehr ruhig verhalten, indem sie beständig im Kreise drehen. Einige sind groß genug, um zehn bis zwölf Personen zu fassen; allein Hokkeries (indisches Fuhrwerk), Palankins u. s. w. werden niemals auf diese Art übergesezt. Hierzu bedient man sich der sogenannten Sangaries, welches ausgehölte Cocosstämme sind.
Wir ergözten uns während der Ueberfahrt an den herrlichen Uferansichten, und langten endlich in dem freundlichen Dorfe Kischtnapatnam an. Die Chauderie lag in der Nähe des Stromes, was uns der Kühlung wegen höchst willkommen war. Hier hörte ich zum erstenmale die melodischen Minkurwies (eine Art Wasservögel), die, wie man behauptet, in dem Kischtna ausschließend zu finden sind. Ich glaubte die Töne einer Aeolsharfe zu hören, und sank dabei in den süßesten Schlaf.
Nach einem stärkenden Morgenbade sezten wir unsere Reise weiter fort. Die Gegendwar eben, und meistens mit Reis- und Gerstenfeldern bedeckt. Nur hie und da ragten aus den gelblichten Aehrenfluten einige glänzend grüne Hügel hervor. Dann folgte eine sandige, mit lichtem Tannengebüsch bedeckte Ebene, von einer Menge Schakals bewohnt. Endlich zeigte sich eine Reihe düsterer Cocoshaine, von Tausenden von Vögeln belebt. So langten wir um ein Uhr in Pampeton an. Dies ist ein großes volkreiches Dorf, das von einer Menge Betelgärten und Baumpflanzungen, Tamarinden und Arekagebüsche umringt ist.
Nachmittags kamen wir bei einer neuen Chauderie, und einem dem Goneisch (Gott der Andacht) geheiligten Tempel vorbei. Das Götzenbild lag indessen noch auf dem Boden; es fehlte noch das nothwendigste Erforderniß seiner Göttlichkeit. Dies waren dieAugen, die immer erst der Oberpriester mit vielen Feierlichkeiten einsezt. So lange ein Götzenbild noch dieser entbehrt, wird es blos für einen gewöhnlichen Block angesehen.
Mit einbrechender Dämmerung kamen wir in einem großen, auf einer Anhöhe gelegenen Dorfe an. Hier quartierten wir uns in einer Trivasel (der kleinsten Art von Chauderies) ein, und fanden zu unserer Freude nur wenig Reisende darin. Allein da es bald darauf heftig zu regnen anfieng, kam in kurzem noch ein ganzer Schwarm dazu. Ich eilte daher mein Abendessen einzunehmen, ließ den Palankin unter einen dickblätterigen Baum stellen, streckte mich hinter den Vorhängen auf meine Matrazze hin, und schlief, troz der Clapper eines Reisfeldhüters, in wenig Minuten ein.
Am folgenden Morgen, das herrlichste Wetter, und alles voll Leben und Heiterkeit. Indessen begegnete mir schon in der ersten Stunde ein Unfall, der wenigstens meinen armen Trägern den ganzen Tag verdarb. Als ich nämlich einmal aus dem Palankin steigen wollte, ward ich einige Schritte vor mir eine ganz still liegende Brillenschlange gewahr; ich hielt sie für todt, und gieng unbesorgtdarauf los. Allein wie groß war mein Entsetzen, als sie sich auf einmal mit glühenden Augen, geöffnetem Rachen und blitzender Zunge aufzurichten anfieng! Plözlich flog ich zurück, ergriff die Flinte und drückte los, worauf die Schlange nach einem benachbarten Busche kroch.
Unterdessen war auch Capitain Holtrop und mein Bedienter hinzugeeilt, jeder mit einem Hirschfänger in der Hand. Wir beschlossen den Busch anzuzünden, und auf die Schlange, die dann herauskommen mußte, vereinigt loszugehen. Bald stand der Busch in vollen Flammen, und noch immer erschien sie nicht. Schon glaubte ich mich geirrt zu haben, plözlich schoß sie zwischen meinen Füßen hindurch.
»Herr! Das bedeutet Unglück!« — riefen meine Träger mit kläglicher Stimme, und ich selbst war fast außer mir. Aus gleichem Aberglauben natürlich nicht; nur weil ich einer so großen Gefahr entgangen war. Meine Träger boten jezt alles auf, um mich zumUmkehren zu bewegen, allein ich gab durchaus nicht nach. So legten wir unsern gewöhnlichen Tagesmarsch zurück, und kamen mit Sonnenuntergang Wohlbehalten in Pariatschirli an.