Vierzehntes Capitel.
Unter der großen Menge anderer Reisenden, die sich allmählig in der Chauderie zu uns gesellten, befand sich auch ein Trupp herumziehender Tänzerinnen, Sutred-Haries genannt. Es waren ihrer sieben zusammen, wie gewöhnlich von ihrem Tanzmeister (Chelcinbikarea) und ihrem Musikanten (Juntries) begleitet. Nachdem sie sich in dem benachbarten Weiher gebadet, und ihre Tanzkleider angelegt hatten, kam die erste Tänzerin auf mich zu, überreichte mir einen Blumenstrauß und fragte, ob es mir gefällig sey,ihre Gesellschaft tanzen zu sehen. Ich erwiederte ihren Gruß, bestellte sie nach dem Abendessen wieder, und ward dafür von allen Anwesenden mit Danksagungen überhäuft. — »Der gute Herr! Der große Herr!« — tönte es in der ganzen Chauderie wieder; denn tanzen zu sehen, ist für die Hindus, besonders für das weibliche Geschlecht, ein höchst angenehmer Zeitvertreib. Kaum war ich nun mit dem Essen fertig, als alles die Matten bei Seite schaffte, und einen großen Kreis um mich schloß. Bald darauf erschienen die Tänzerinnen, hinter ihnen die Juntries. Die Musik fieng an; die lieblichen Nymphen entschleierten sich, und begangen den kunstreichsten Elfentanz. Sie waren aus Surate, das von jeher für den Geburtsort der schönsten und vorzüglichsten Tänzerinnen galt. Mit großem Vergnügen sah ich ihnen wohl eine Stunde zu.
Aber endlich war es Zeit aufzuhören; ich gab demnach das Zeichen dazu — »Genug, schöne Mädchen!« — sagte ich im indischenStil — »Genug für diesmal! — Ihr habt mir mit eurem kunstreichen Tanze die höchste Genüge gethan, und mein Herz mit Entzücken erfüllt. Gewiß, Rhambe (die Göttin des Tanzes) selbst übertrifft euch nicht. Seyd ihr nicht zu sehr ermüdet, so vergönnt mir, daß ich nun auch eure lieblichen Stimmen hören kann!« — Dieses Lob gefiel ihnen außerordentlich, zumal, da es von einem Europäer kam. Sofort sezten sie sich in einen Halbkreis, und sangen mir eine der schönsten indischen Romanzen, die Liebesgeschichte des Prinzen Sondor, und der Prinzessin Biddrah vor. Dies dauerte bis Mitternacht. Endlich machte ich der ersten Sängerin ein angenehmes Geschenk, und entließ die ganze Truppe, höchst vergnügt über meine Freigebigkeit.
Alles eilte nun schlafen zu gehen, und ich selbst suchte meinen Palankin auf. Kaum hatte ich aber einige Minuten geschlummert, als ich durch ein leichtes Zupfen am Ueberhange wieder geweckt ward. — »Wer da?« — rufte ich, indem ich denselben aufhob. — »Ichbin es, mein Herr!« antwortete eine leise Stimme — »Die Daja (Aufwärterin) der Sutred-Haries (Tänzerinnen). Ich bringe euch tausend Grüße von dem lieblichen Mädchen, mit dem Kranze von weißen Rosen im Haar. Eure Freundlichkeit hat ihr Herz geöffnet, wie sich die Lilie der Sonne aufschließt. Empfangt diesen Betel; sie bereitete ihn selbst für euch. Sie sizt zu den Füßen eures Lagers und erwartet euren Befehl!« —
Das liebliche Mädchen mit dem Kranze von weißen Rosen war mir allerdings sehr erinnerlich. Es hatte bei seiner Jugend, Grazie und Schönheit, einen sehr lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Indessen kannte ich die reisenden Tänzerinnen etwas genauer, beschloß daher auf meiner Hut zu seyn, und fertigte die Daja mit einer ziemlich kalten Antwort ab.
»Wie, mein Herr!« — erwiederte sie lebhaft — »Ihr verschmäht die schöne Mamia? — Ich glaubte doch bemerkt zu haben, daß sie euch nicht gleichgültig war. — Wasfürchtet ihr? — Sie ist mein liebstes Kind, und ihr seyd der erste, dem sie den Betel der Liebe[6]schickt.«
Ich mußte lächeln — »In Wahrheit?« — fragte ich etwas spöttisch — »Aber seyd so gut, und laßt mich mit eurem Kampaak in Ruhe, ich bitte euch darum.« — Sie verbeugte sich tief und gieng.
Als ich indessen am folgenden Morgen das schöne Mädchen noch einmal sah, ward ich in meinem Innersten gerührt. Wie viel Liebreiz! Welche Sehnsucht! Und welcher stille Schmerz! Ihre Augen schwammen in Thränen; sie wandte ihr Gesicht von mir ab, und verschleierte sich. Wir brachen auf, ich hoffte die Tänzerinnen nachkommen zu sehen; allein sie hatten andere Stationen gewählt.
Wir aßen Mittags zu Pondipitly, wo wegen eines Festes alles voll Fröhlichkeit war.Unter andern sahen wir einen Schonir (eine Art Bettelmönche), der die Flöte durch dieNaseblies. Er steckte nämlich zwei kleine, ungefähr anderthalb Spannen lange, Flöten in die Nasenlöcher, und blies Prime und Secunde mit großer Fertigkeit darauf. Nachmittags kamen wir bei einem schönen Ala[7]vorbei. Er mochte ungefähr erst hundert Jahre alt seyn; gleichwohl bildete er mit seinen unzähligen herabhängenden Aesten bereits ein grünendes Gewölbe, das wenigstens tausend Schritte im Umfange hielt. Abends blieben wir in Palpatte, wo eine der größten Chauderies von ganz Indien ist.
Unsere lezte Tagereise bot wenig Merkwürdigkeiten dar. Wir begegneten einer anderen Truppe Tänzerinnen, und ich dachte lebhaft an die liebliche Mamia. Gegen fünf Uhr kamen wir in Carraconde an. Die Chauderie war bereits völlig besezt, wir lagertenuns daher in einem benachbarten Mangabusch. Um schneller Feuer zu bekommen, raffte ich einige trockene Baumblätter auf. In dem Augenblicke fühle ich einen stechenden Schmerz; ziehe die Hand zurück, sehe, daß eine schwärzliche Schlange daran hängt, und verliehre das Bewußtseyn.