Chapter 33

Fünfzehntes Capitel.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Feuer, von meinen Trägern umringt. Sie fuhren fort, meinen Finger gegen die Flamme zu halten, um, wie sie glaubten, das Gift heraus zu ziehen; während bereits nach dem Schorpojan, oder Schlangenbeschwörer geschickt worden war. Bald darauf kam der Bote mit der Nachricht zurück, daß derselbe abwesend sey. Indessen brachte er dafür einen mohrischen Waitium (Arzt)mit. Dieser besah meinen Finger mit großer Aufmerksamkeit, und erklärte mir ohne Umschweife, daß ich allerdings nicht außer Gefahr sey. Indessen gab er mir einen Löffel von einer höchst bittern Latwerge ein, versprach den andern Tag wieder zu kommen, und nahm mit den Worten: Gott ist groß! (Tambrane meharse!) Abschied von mir.

Es währte keine halbe Stunde, als mich ein allgemeines Frösteln mit heftigem Schwindel überfiel — »Freunde!« — rief ich mit gebrochener Stimme. — »Es ist vorbei! Ich sterbe! Lebt wohl! Lebt alle wohl!« — Alle schwiegen und weinten; ich fühlte wie es immer düsterer um mich ward. Auf einmal hörte ich ein lautes Pfeifen neben mir. Ich schlug die Augen auf, und erblickte dieselbe Schlange, von der ich gebissen worden war. — »Das ist sie! Das ist sie!« — rief ich mit Entsetzen, während sie langsam an einem vom Feuer beleuchteten Stamme herunterkroch. Meine Leute betrachteten sie nun genauer, und versicherten einstimmig, daßsie nicht giftig sey. Mein Schwindel verlor sich; ich athmete mit leichterer Brust.

Indessen nahm der Schmerz am Finger außerordentlich zu. Bald zeigte sich der Anfang einer Entzündung, die allmählig die ganze Hand zu ergreifen schien. Ich beschloß daher, auf den eigenen Rath des Waitiums nach Naporlie zu gehen, wo ein berühmter Schorpojan wohnhaft war. Wir kamen an, aber leider befand er sich nicht mehr daselbst. In dieser verzweifelten Lage beschloß ich so schnell als möglich nach Madras zu eilen, und brach auch wirklich am folgenden Morgen in aller Frühe auf.

Aber welcher Unterschied! Meine Träger niedergeschlagen; ich von den heftigsten Schmerzen gequält; mein Reisegefährte ebenfalls krank. Schweigend und traurig zogen wir daher; das einförmige Hei! Hei! Hei! der Träger[8]war alles, was von Zeit zuZeit die melancholische Stille unterbrach. So kamen wir Mittags nach Kalurie, wo wir ganze Heerden calecuttischer Hühner sahen, und übernachteten bei Madupatte unter Bäumen in freier Luft. Mein Schmerz war unerträglich; ich konnte keine Viertelstunde ruhen; wir machten uns daher noch vor Sonnenaufgang auf den Weg.

Der Boden ward sandiger, die Landschaft kahler, die Bevölkerung schwächer; alles kündigte die Nähe des Meeres an. Indessen fanden wir doch noch ein sehr schönes Dorf, Anenabob genannt, wo zu Mittag gegessen ward. Nachmittags passirten wir den Gondakama in einem Sangarie (hohlen Cocosstamme) und kamen Abends nach Pandalur, das ganz mit Betelgärten umgeben ist. Ich hatte eine sehr traurige Nacht. Gegen Morgen indessen bekam ich einige Linderung, und durfte einer erträglichen Tagereise entgegen sehen. Sie bot jedoch nichts Merkwürdiges dar. Wir hielten Mittags zu Binganapilli an, und übernachteten zu Aschacoldindi, das in derNähe des Meeres liegt. Die Chauderie war völlig leer; ich ließ daher meinen Palankin hineinbringen, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Als ich am andern Morgen erwachte, war der Schmerz in meiner Hand beinahe verschwunden, allein der Finger völlig fühllos, folglich der Brand nur zu gewiß. Eilends rief ich meine Träger herbei. — »Ich muß nach Madras, Freunde« — sagte ich — »Nach Madras, oder es ist um mich geschehen. — Ich muß Tag und Nacht durch reisen, oder es ist keine Hülfe mehr für mich!« —

Meine Kulies sahen einander an, und gaben dann einstimmig ihre Einwilligung. — »Ja Herr!« — riefen sie — »Wir wollen bei euch aushalten; wir wollen euch nach Madras bringen, verlaßt euch darauf!« — Ich nahm nun noch sechs andere Träger, theils zum Ablösen, theils zum Fackeltragen an, und die Reise ward fortgesezt.

Dieser Tag war einer der traurigsten meines Lebens, dessen ich mich erinnern kann.Er endigte jedoch mit einer Entdeckung, worüber ich allen meinen Schmerz vergaß. Gegen vier Uhr Nachmittags kamen wir nämlich durch Nebabpent, ein großes, wegen eines alten Tempels berühmtes Dorf. Diesem Tempel gegen über war ein schöner Weiher, mit einer Menge Badender angefüllt, worunter sich an dem einen Ende auch ein Haufen junger Mädchen befand. Ziemlich flüchtig hatte ich auf diese Gruppen hingeblickt, als ich plözlich einen durchdringenden Schrei vernahm. Die Stimme schien mir bekannt, ich sah noch einmal hin, und sah — O gütiger Himmel! — sah Mamia, die liebliche Tänzerin, die eben aus dem Bade gestiegen war.

»Halt! Halt!« — rief ich den Trägern zu, sprang aus dem Palankin, und flog auf das Mädchen zu. — »O Mamia! Geliebte Mamia!« — sagte ich — »Wie oft habe ich an dich gedacht!« — Nie hatte ich sie so reizend gesehen. Sie glich in ihrem feuchten, die schönen Glieder dicht umschließenden Gewande,einer dem Meere entstiegenen Huldgöttin. — »O mein Herr!« — erwiederte sie mit holdem Erröthen — »Aller Augen sind auf uns gerichtet!« — »Wohl süße Mamia!« — gab ich zur Antwort — »Ich spreche dich in der Chauderie.« — Sie bejahte es mit einem himmlischen Lächeln, und eilte mit ihren Gespielinnen zurück. Wir aber nahmen so fort von der Chauderie Besiz.


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