Sechzehntes Capitel.
Indessen war ich nicht wenig verwundert, weder die Juntries (Spielleute) noch die Bagage der Tänzerinnen daselbst zu sehen. War es ein Mißverstand? Hatten sie einen andern Lagerplatz? — Oder waren sie plözlich abgereist? — Beinahe fieng ich an ungeduldig zu werden, als die Daja mit vielen Grüßen von Mamia erschien. Sie waren in einem Mangabuschegelagert, in wenig Minuten würde sie bei mir seyn. Ich gab der Alten einige Rupien, ließ noch mehr Lampen anzünden, und harrte des lieblichen Mädchens am Eingange der Chauderie. Endlich erschien sie, doch des Wohlstandes halber die Daja mit ihr.
Sie verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen; allein das Klopfen ihres Busens verrieth, wie sehr sie in Bewegung war. Ich führte sie sogleich zu einem Teppich, und bot ihr Betel an. — »Freue dich, schöne Mamia!« — sagte ich — »Du bist gerächt!« — Und hiermit erzählte ich ihr die ganze Geschichte meiner Leidenschaft.
»O mein Herr!« — erwiederte sie — »Ich habe sie längst entschuldigt. Ich erkenne mein Schicksal, das mich auch in meiner Liebe verfolgt!« — So erklärte sie mir mit sanftem Erröthen den ganzen Zusammenhang. — »Mein Herz war immer bei Ihnen!« — fuhr sie fort — »Ich klage niemand als mein Unglück an!« — Sie war aus der Caste derAerzte, und nur aus Noth eine Tänzerin geworden[9], da sie sich nach dem Tode ihrer Eltern gänzlich verlassen sah. Für meine Hand versprach sie mir einen köstlichen Balsam zu bereiten, und eilte deshalb sofort zu dem Lagerplatze zurück.
Während ihrer Abwesenheit unterhielt mich die Daja sehr lebhaft von ihr. Sie konnte mir nicht beschreiben, wie betrübt das gute Kind über meine Gleichgültigkeit und meine Abreise gewesen war. Nach einer kleinen halben Stunde war das liebliche Mädchen schon wieder mit dem Balsam da, und verband meine Wunde mit vieler Geschicklichkeit. Ich konnte mich nicht enthalten, sie an mein Herz zu drücken, und sie erwiederte meinen Kuß mit Zärtlichkeit.
»Ach!« — rief sie wehmüthig aus — »Das ist ja doch das Leztemal, daß ich siesehen kann!« — »Das Leztemal?« — fragte ich bestürzt — »Wie meinst du das lieblichste Mamia?« — »Ach mein Herr! Ich fürchte es wenigstens!« — erwiederte sie, und erzählte nun, wie weder sie, noch die Daja, noch irgend eine ihrer Gespielinnen jemals in Madras gewesen sey. — »Wie werde ich sie wiederfinden können?« — fuhr sie fort — »Ach nimmermehr! — Ich werde vor Sehnsucht sterben; ich fühle es.« — Ihre Thränen flossen; sie verbarg ihr Gesicht an meiner Brust.
»Nein, bei Gott nicht!« — rief ich mit Lebhaftigkeit aus — »Bei Gott nicht!« — »Hier Mamia!« — indem ich eine Ola[10]herausnahm. — »Hier Mamia, hast du Namen und Wohnung von drei Freunden, bei denen du mich aufsuchen kannst.« — Zu gleicher Zeit schrieb ich ihr noch mein Speisehaus u. s. w. auf. — »So wirst du mich nichtverfehlen, liebstes Herz!« — fuhr ich fort, und hatte die Freude, sie beruhigt zu sehen.
Mein Entschluß war gefaßt, Mamias Zukunft für immer bestimmt. Noch eine Umarmung, und ich stieg in den Palankin. Meine Träger hatten fünf Stunden geruht; mit brennenden Fackeln zogen wir zum Dorfe hinaus. Die Nacht war still und schön; bald schlief ich unter den lieblichsten Erinnerungen ein. Als ich am andern Morgen erwachte, lag die herrliche Landschaft schon in vollem Sonnenglanz. Ich war sehr vergnügt; meine Wunde ließ sich vortrefflich an. Sorgfältig goß ich von Zeit zu Zeit neuen Balsam darauf.
Mittags hielten wir in Jasurpalam, in einer etwas kleinen, aber sehr reinlichen Chauderie an. Bald darauf kamen noch drei andere Reisende zu uns. Es war ein Mr. Harclay mit seinem Intendanten und Secretär. Er kam von Madras, und gieng als Gouverneur nach Mazulipatnam. Wider Gewohnheit der Engländer war er sehr gesprächig,und lud mich zum Mittagsessen ein. Er gestand mit vieler Offenherzigkeit, daß er blos, um ein Paar Plumbs[11]zusammenzubringen, nach Ostindien gekommen sey. Nach einigen Stunden brachen wir wieder auf, und ruhten dann die halbe Nacht zu Kukenpuron. Am folgenden Morgen kamen wir zu Palliacatta, und so am vierzehnten Tage zu Madras an.