Siebenzehntes Capitel.
Ich war bei meinem alten FreundFrankabgetreten, und lernte durch diesen einen französischen Arzt, NamensBeißerkennen, der seiner Geschicklichkeit wegen, in großem Rufe stand. Doctor Beißer besah meine Wunde, zuckte die Achseln, nahmeinige Operationen vor, und legte einen neuen Verband an. Nur Mamias Balsam mußte ich es verdanken, wenn noch Möglichkeit zur Rettung vorhanden war. Während wir so von meinen Abentheuern sprachen, kam endlich Doctor Beißer auf meinen Namen zurück.
»Aber Haafner! Haafner!« — sagte er — »Der Name kommt mir so bekannt vor. War ihr Vater vielleicht aus Kolmar?« — Ich bejahte es. — »Und ihr Großvater Bürgermeister daselbst?« — »Ganz richtig!« — erwiederte ich — »Nun so seyn Sie mir herzlich willkommen, liebster Vetter« — rief er auf einmal zu meiner Verwunderung aus, und umarmte mich. — »Ihres Vaters Schwester war meine Schwiegermutter; ich bin ebenfalls aus dem Elsaß.« — Nun ruhte der gute Mann nicht länger; ich mußte noch denselben Tag zu ihm ziehen.
Er war von Isle de France hierher gekommen, und hatte sich durch einige glückliche Kuren, in kurzer Zeit eine sehr ansehnliche Praxis verschafft. Dies sezte ihn in denStand auf einem höchst glänzenden Fuße zu leben, so daß sein Haus den reichsten Kaufmannshäusern ähnlich war. Unter seiner Aufsicht ließ sich nun meine Wunde immer besser an, und heilte endlich vollkommen zu. Auch das hatte ich also im Grunde dem lieben Mädchen zu danken, deren Ankunft ich sehnsuchtsvoll entgegensah.
Bald waren indessen vierzehn Tage vergangen, und noch immer hatte ich keine Nachricht davon. Doch endlich kam ein Juntrie, und brachte mir tausend Grüße von ihr. Ich folgte ihm außerhalb der Stadt in ein Wäldchen, wo die ganze Truppe gelagert war. Wenig Minuten und Mamia sank mit süßem Erröthen an meine Brust. — Ich erfuhr nun, daß ihre Ankunft blos durch eine Unpäßlichkeit der Daja verzögert worden war, und daß sie die Gesellschaft verlassen könnte, so bald ich es für dienlich hielt.
»Wohlan denn, liebstes Herz!« — sagte ich — »Das soll den Augenblick geschehen!« — Und so bat ich sie, mich in die Stadt zu begleiten,und die für sie bestimmte Wohnung zu besehen. Ich hatte ihr nämlich in einem malabarischen Hause, bei einer alten Wittwe, ein Paar artige Zimmer gemiethet, und auch für eine Aufwärterin gesorgt. So brachen wir auf; ein Juntrie trug die Sachen des lieben Mädchens, und ehe zwei Stunden vergiengen, war alles in Ordnung gebracht. Noch denselben Tag nahm ich das erste Abendessen bei dem holden Mädchen ein. — Von nun an war der Tag meinen Geschäften, der Abend meiner Liebe geweiht. Doch, ehe wir Madras verlassen, noch einige Bemerkungen über diese Stadt.
Madras, von den Eingebornen Tschinepatnam (Chinesenstadt) genannt, wird in die weiße und schwarze Stadt eingetheilt. Jene von vier bis fünf hundert Häusern, und mit einer Menge großer Magazingebäude, befindet sich in der Mitte der starkbefestigten Citadelle, Fort St. George genannt, das hart am Strande liegt. Diese, durch einen großen Plaz davon getrennt, hat ungefähr eineStunde im Umfang. Die weiße Stadt ist der Siz der Regierung, auch wohnen die vornehmsten und reichsten Leute daselbst. Die schwarze Stadt wird hauptsächlich von Malabaren, Armeniern, Mestizen u. s. w. bewohnt, doch trifft man auch hier viel Engländer an.
Die englischen Häuser in der weißen, so wie die armenischen in der schwarzen Stadt, zeichnen sich durch ihren Umfang und ihre Nettigkeit aus. Sie sind von Quadern oder Backsteinen, glänzend weiß angestrichen, und mit Balkons, und platten Dächern versehen. Glasfenster findet man nirgends, wohl aber welche von Bambusfäden, auch sogenannte Jalousien; die malabarischen Häuser u. s. w. in der schwarzen Stadt sind äußerst einfach, und haben alle nur ein Erdgeschoß.
Der Boden von Madras ist dürres Sandland, wo man nur mit Mühe einige Produkte ziehen kann. Das Wasser ist schlecht. Man muß sich mit Brunnen- und Teichwasser behelfen, weil das Seewasser alle Quellenverdirbt. Die Rhede ist unsicher; die Schiffe befinden sich wie in offener See, zumal bei Veränderung des Moußon (Jahreszeit). Ehedem mußten daher die englischen Kriegsschiffe, vor Eintritt des Regenmonßon, immer nach Bombay abgehen, und die englischen Besitzungen auf der Küste, blieben allen feindlichen Angriffen von Trinconomale (auf Ceylon) ausgesezt. Seitdem sich aber die Engländer dieses wichtigen Punktes, so wie der ganzen reichen Insel bemächtigt haben, können sie nicht nur ihre Flotten in der Nachbarschaft überwintern lassen, sondern auch vor jedem Angriffe sicher seyn. Die englischen Einwohner von Madras leben im Allgemeinen auf einem sehr glänzenden Fuß. Der Gouverneur giebt den Ton an, und alles ahmt ihm nach, so weit es möglich ist. Dieser asiatische Pomp zeigt sich vorzüglich in einer zahlreichen Dienerschaft, in glänzenden Equipagen, in prächtigen Wohnungen, in schönen Gartenhäusern, in einer vortrefflichen Tafel und einer großen Gastfreiheit.Freilich sezt dies sehr ansehnliche Einkünfte voraus; allein diese fehlen auch nicht. Sowohl die höhern, als die niedern Compagniebeamten beziehen sehr hohe Gehalte, und erwerben überdem durch Handelsgeschäfte außerordentlich viel. Die eigentlichen Kaufleute, die Mäkler, die Aerzte und Wundärzte, die Advokaten u. s. w. alle häufen in kurzem ansehnliche Reichthümer auf.
Mit Anbruch des Tages, d. h. um fünf Uhr Morgens steht man auf, und fährt oder reitet spazieren bis gegen acht Uhr, wo gefrühstückt wird. Dies ist zugleich die beste Zeit, wo man jedermann zu Hause treffen, und Geschäfte machen kann. Die Büreauarbeit hat von neun bis zwei Uhr statt. Jezt wird gespeist, worauf die Siesta (Nachmittagsschlaf) folgt. Um fünf Uhr fangen die Assembleen an. Um neun Uhr wird zu Abend gegessen, was hier die Hauptmahlzeit ist. Selten pflegt man vor Mitternacht, in der Regel, erst gegen ein Uhr schlafen zu gehen.
Ein stehendes Theater giebt es nicht, dochfinden zuweilen Vorstellungen von Liebhabern statt. Dafür werden desto mehr Pferderennen mit indischen und arabischen Pferden gehalten, wozu man die kühlen Morgenstunden wählt. Gelegenheit zu Landparthien u. s. w. giebt es mancherlei, z. B. nach dem St. Thomasberge, wo noch ein portugiesisches Kloster ist, nach Emnore, wo man das Seebad brauchen kann, nach Meliapar, wo sehr viel artige Landhäuser sind, und dergleichen mehr.
Eines der angenehmsten Ereignisse für Madras ist die Ankunft einesIndiaman, oder großen Compagnieschiffes, wovon die meisten auf vier und dreißig Canonen gebohrt sind. Dann ist alles voll Leben und Thätigkeit, und überall werden die neu angelangten Waaren zum Verkaufe ausgestellt. Die Beamten der Compagnie haben dabei den Vortheil, daß ihnen Tuch und Maderawein für den Facturenpreis überlassen werden muß. Sehr angenehm ist auch die Ankunft der großen Chinafahrer auf ihrer Rückreise nach England. Sie bringen die schönstenSeidenzeuge, Nankins, Frauenzimmerschuhe, Porcellanwaaren, Gemälde, Fächer, Spielsachen u. s. w. mit.