Achtzehntes Capitel.
Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. Meine Verhältnisse erlaubten mir, meiner Neigung zum Landleben zu folgen, und mich von allen Geschäften völlig zurückzuziehen. Allein um dieses ausführen zu können, mußte ich durchaus noch eine Reise nach Pondichery machen, wo ich in weitläuftigen Verbindungen stand. Theils der Ersparniß, theils der Schnelligkeit wegen, beschloß ich diesmal zu Wasser zu gehen, und brachte den Abend vor der Abreise, wie gewöhnlich bei Mamia zu.
Sie war mit meinen Angelegenheiten bekannt; sie wußte wie nothwendig diese Reise war. Kaum hörte sie mich aber vom Schiffesprechen, als sie zu weinen anfieng. Sie fürchtete das Meer, sie bat mich aufs zärtlichste, zu Lande zu gehen. Allein es ließ sich nun nicht ändern, ich suchte sie daher zu beruhigen, und verließ sie endlich nach Mitternacht. Jezt nach einigen Stunden Ruhe begab ich mich an den Strand, um mit einer Chialeng (Ruderboot) nach dem Schiffe zu fahren, das bereits auf der äußeren Rhede lag.
Indem ich mich der Chialeng näherte, erblickte ich zwei Frauenzimmer dabei, und erkannte sie bald für Mamia und ihre Begleiterin. — »Herz meines Herzens!« — sagte sie — »Ich mußte dich noch einmal sehen! Ich wollte dich um Erlaubniß bitten, dich auf das Schiff zu begleiten; es ist mir, als würde ich dann ruhiger seyn!« —
Vergebens suchte ich ihr dies auszureden, besonders der ungewöhnlich hohen Brandung wegen; sie bat nun noch dringender darum — »Gerade deswegen!« — fuhr sie fort — »Wenn dir ein Unglück begegnet, bin ichwenigstens bei dir!« — So willigte ich endlich ein, um ihr nicht wehe zu thun.
Allein, wie groß war mein Erstaunen, als ich die Chialeng fast ganz mit Waarenballen angefüllt sah. — »Was ist das?« — fragte ich unwillig — »Ist das unserm gestrigen Accorde gemäß?« — Der arme Tandel (Steuermann) erzählte mir nun, daß die Chialeng von dem Hafenmeister gepreßt worden sey. Wirklich trat auch in dem Augenblick ein Seecadet auf uns zu, und befahl ihm ungestüm in See zu gehen.
Ich fühlte, daß gegen Gewalt nichts auszurichten war, und schränkte mich daher blos auf Vorstellungen ein. — »Die Brandung geht zu hoch! Es ist unmöglich, daß die schwere Chialeng hinüber kommt.« — Der arme Tandel bestätigte es — »Gott ist groß!« — sezte er bedeutend hinzu — Allein vergebens, der junge tollkühne Midshipmann bestand darauf.
Was sollte ich thun? Alle meine Papiere befanden sich bereits an Bord. Wenn ichdas Schiff absegeln ließ, war ich völlig ruinirt. Noch stand ich unschlüßig, als Mamia beherzt in die Chialeng sprang, und so alles entschied. Wir waren nun nebst den sechs Ruderern vier Passagiere zusammen, indem außer dem Seecadet, noch eine alte Mestize dazu gekommen war.
Allein kaum hatten wir uns einige Klaftern vom Ufer entfernt, als die Chialeng kaum eine Hand breit Bord behielt. Ich winkte daher meinem Dobasch (Bedienten) der am Ufer stand, uns ein Paar Kattamarans (kleine Flöße) nachzuschicken, was auch sofort bewerkstelligt ward. Indessen wälzte sich bereits die erste Woge mit donnerndem Getöse gegen die Chialeng. Der Tandel that sein möglichstes derselben auszuweichen; dennoch stürzte sie zum Theil auf uns herab, und die Chialeng sank bis auf einige Zoll ins Wasser. Jeder Augenblick war kostbar — »Komm, Mamia!« — rief ich, und sprang mit ihr Hand in Hand über Bord. — Indem brach die Brandung wieein niederschmetterndes Gewölbe über mich her. Als ich wieder empor kam, war die Chialeng verschwunden, und Mamia befand sich dicht hinter mir. Muthig schwammen wir nunmehr dem Ufer zu, das ungefähr nur noch hundert Schritte von uns entfernt war.
Plözlich fühlte ich mich in die Tiefe gezogen, und erblickte mit Entsetzen die alte Mestize, die sich an meinen Kleidern festhielt. Vergebens suchte ich mich loszureißen; sie hatte mich im Todeskampfe gefaßt. — »O Mamia!« — rief ich — »Ich bin verloren! Rette dich!« — »Nein!« — erwiederte sie — »Ich verlasse dich nicht.« — In diesem Augenblicke stürzte die lezte Brandung über uns her, und ich verlor das Bewußtseyn.
Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Strande, von einer Menge Menschen umringt, in einem Palankin. Ich erblickte meinen Dobasch, und fragte nach Mamia. — »Sie ist gerettet, lieber Herr!« — erwiederte er. — Freudig hieß ich ihn nach dem Schiffe fahren, um meine Sachen zuholen, und ward so glücklich nach Hause gebracht. Bald kam mein Dobasch mit den Coffres zurück. Jezt erfuhr ich, wie alles zugegangen war. Mamia hatte mich mit unsäglicher Anstrengung emporgehalten, bis uns der eine Kattamaran zu Hülfe kam. Indem wir so sprachen, flog sie mit einem lauten Schrei in meine Arme, und drückte mich aufs innigste an sich. Zu ihrer großen Freude beschloß ich nun zu Lande zu gehen.
Alle Anstalten waren gemacht; Mamia lag zum leztenmale an meiner Brust. — »Ach!« — sagte sie weinend — »Ach Freund meiner Seele, komm so bald als möglich zurück, wenn ich dich noch einmal sehen soll!« — »Hier, hier schmerzt es« — indem sie die Hand an ihr Herz legte — »Ich fürchte, du findest mich todt!« — Es war ein wehmüthiger Abschied. — Nach einem langen, heißen Kuße riß ich mich endlich los.